Eigentlich hegte ich nach „Was ein Mann ist“ und „Turbulenzen“ gewisse Sympathien für David Szalay. Die beiden Bücher waren auf ihre Art besonders, innovativ und unterhaltsam. In beiden reihte der Autor Kurzgeschichten aneinander, die nur lose Verbindungen hatten. In „Was nicht gesagt werden kann“ ist es nun eine durchgehende Geschichte rund um den Hauptprotagonisten Istvan geworden. Szalays Stil war auch in den beiden erstgenannten Werken so minimalistisch und emotionsreduziert, dass man dachte (und für ihn hoffte), weniger geht nicht. Die grausame Erkenntnis: Doch es geht. Szalay hat es schon wieder getan und noch extensiver.
Als der 15-jährige Istvan zu Beginn des Romans in eine sexuelle Beziehung zu seiner viel älteren Nachbarin gerät und nebenbei deren Mann tötet, weht ein Hauch von Ian McEwans „Lektionen“ und Bernhard Schlincks „Der Vorleser“ durch die Seiten. Wie wird er wohl diese frühreifen Eskapaden verkraften und welche Auswirkungen wird es auf sein Leben haben? Die Antwort: keine. Kein Bezug im weiteren Leben bzw. im weiteren Verlauf des Buches. Nicht einmal in einer skelettierten Version. Für Szalay abgehakt. Chance auf Tiefe mal wieder vergeben.
Und so plätschert der Roman in seinem existentialistischen, phasenweise fast kafkaesken Stil weiter dahin. Sorry, Franz Kafka, für diesen Vergleich. Das Buch erscheint wie ein trostloser Schwarzweißfilm, in dem ein lethargischer, phlegmatischer Hauptdarsteller völlig passiv durchs Leben stolpert und inflationär sein Lieblingswort einsetzt, indem er willenlos zu ziemlich allem „Okay“ sagt. Schon in früheren Büchern hat Szalay maskuline Schablonen verwendet, die auch für lesende Männer eher Abschreckungs- als Identifikationsfiguren waren. Aber mit „Was nicht gesagt werden kann“ hat Szalay den Bogen so weit überspannt, dass man jeder Frau zurufen möchte: „Den kenne ich nicht!“ Oder „So sind wir nicht!“ Zumindest hoffe ich das.
Phasenweise wirkt Szalays Schreibstil hilflos ob seiner verbalen Reduktion, anfängerhaft wie in einem Schreibseminar, aufreizend in seiner literarischen Zumutung. Dialoge beschränken sich oft auf Ein- bis Dreiwortsätze, und das seitenlang. Ein weiteres absolut nervendes Schreibprinzip sind seine Doppelungen. Eine Aussage wird in der Antwort des Gegenübers grundsätzlich erst einmal wiederholt und in eine Frage umgewandelt. Und das wieder und wieder. Dialoge zwischen zwei Papageien sind mit Sicherheit spannender und erheben zum Glück keinen Anspruch auf einen Booker-Preis.
Ist die Leserschaft frustresistent und liest wider besseren Wissens weiter, muss allmählich das Gefühl aufkommen, dass Szalay irgendwie voll neben sich gestanden haben muss, als er diesen neuen Roman schrieb. Vielleicht hat er krampfhaft unter dem Vertragsdruck des Verlages versucht, seine Schreibblockade zu durchbrechen? Ein zugegebenermaßen schwacher Rettungsversuch für sein Image von einem Leser, der ihn in Teilen zu schätzen wusste.
Früher hat man als Schriftsteller eine Geschichte erzählt. Szalay hat mit diesem Buch eher ein Telegramm geschickt.
Letztendlich wird der Dialog-Stil des Buches vielleicht am deutlichsten, wenn man diesen in die abschließende Bewertung des Romans überträgt und kurz einmal David Szalay imitiert:
Ist es ein gutes Buch?
Nein.
Nein?
Nein.
Warum nicht?
Weiß nicht.
Was denkst du denn darüber?
Ist nicht okay.
Nicht okay?
Nein.
Okay.
„Was nicht gesagt werden kann“ hat man das Buch genannt. Aber man fragt sich zwangsläufig, warum der Autor es nicht wenigstens versucht hat.
