Die letzte Patientin

Psychologischer Doppelroman

Mit ihrem aktuellen Roman «Die letzte Patientin» hat Ulrike Edschmid ein Werk vorgelegt, das im Umfeld der 68er-Bewegung angesiedelt ist. Es handelt von zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, und beide Figuren durchleben eine ganz unterschiedliche, komplizierte psychologischen Phase ihres Lebens. Es sind zwei Geschichten, die da erzählt werden, zunächst die einer erlebnishungrigen, unkonventionellen jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die erst nach jahrelangen abenteuerlichen Reisen als Psychotherapeutin sesshaft wird und sich dann gesellschaftlich integriert. Erzählt wird diegetisch von einer nicht in das Geschehen einbezogenen Ich-Erzählerin. Deren spätere Freundin, eben jene namenlose Indentitäts-Sucherin, war 1973 in ihre Frankfurter WG  eingezogen und hat nach ihren wilden Jahren dann spät noch Psychologie studiert. Deren Briefe und Notizen sind es denn auch, nach denen hier posthum erzählt wird. Ab der Mitte des  Romans trifft sie auf eine junge Patientin, die sehr lange sprachlos bleibt und nur «N» genannt wird, «N wie Niemand».

Der autobiografisch inspirierte Roman beginnt mit einer Taxifahrt in Barcelona, wo die im Endstadium krebskranke, dann etwa sechzigjährige Psychotherapeutin in Begleitung ihrer ehemaligen Patientin ins Krankenhaus fährt, aus dem sie nicht mehr zurückkommen wird. In vielen kurzen Rückblenden wird anschließend der Weg jener Sinnsucherin nachgezeichnet, die sich gleich nach dem Studium in einen spanischen Anarchisten verliebt, von dem sie nur den Tarnnamen kennt, von dem sie sich aber schnell wieder trennt. Sie versackt in ihrer zwanzigjährigen, odysseeartigen Tour durch Südamerika, die sie u. a. nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Bolivien und Argentinien führt und in die Betten sehr vieler, unterschiedlichster Männer, wird als Anhalterin auch zweimal vergewaltigt. «Wärme sei das Einzige, was sie von einem Mann wolle«, kann man da lesen. «Jedes Verlassen aber liefere sie aus an das Nichts. Und jedes Mal gehe eine Heimat verloren, die sie nie hatte. Sie zwinge sich, dieses Nichts auszuhalten, es genau zu betrachten, damit es seinen Schrecken verliere. Aber es verliere seinen Schrecken nicht. Es bleibe eine graue, kriechende Einsamkeit, kalt wie die Stube, in der ihr Kinderbett stand, sauber, ordentlich und leer». Alle ihre Beziehungen scheitern, aber das Alleinsein ist auch keine Option für die entwurzelte Frau.

Schließlich studiert sie auch noch Psychologie, eröffnet eine Praxis und erkrankt später an Brustkrebs, was sie als Zeichen deutet. Dann trifft sie auf «N», eine sechzehnjährige, drogenabhängige Patientin, die jahrelang sprachlos bleibt, zu der sie keinen Zugang findet, die aber ihrerseits unbedingt in therapeutischer Behandlung bei ihr bleiben will, so unsinnig das auch erscheint. Als Ausreißerin ähnlich wie ihre Therapeutin, war sie vor zwei Jahren aus ihrem Elternhaus in die Obhut des Sozialamts geflohen, vom Vater schwer traumatisiert und voller innerer Schreckensbildern, wie deren Leiterin erklärt habe. Diese kranke Innenwelt muss Außenstehenden jedenfalls unverständlich bleiben. Für die Therapie gilt es nun, heraus zu finden, durch welches äußere Ereignis dieses schreckliche Trauma bei «N» bewirkt worden sein könnte.

«Die meisten Menschen könnten Schicksalsschläge bewältigen oder verdrängen. Aber bei denen, die dazu nicht in der Lage sind, genüge irgendein Anlass, und ein Geschehnis aus der Vergangenheit breche mit aller Gewalt über sie herein». Ulrike Edschmid versucht in diesem Roman mit psychologischem Sachverstand möglichst präzise das Geheimnis des menschlichen Ichs zu erklären, auch wenn das laut Sigmund Freud von vornherein zum Scheitern verurteil ist. Der kurze Roman ist eine anregende Lektüre, die auf ein leider  etwas kitschiges Ende zuläuft, dabei zuweilen aber auch Zweifel aufwirft, was die Glaubwürdigkeit des Geschehens betrifft. Denn allein sechs Jahre wöchentliche Therapiesitzungen ohne ein Wort der Patientin «N» erscheint denn doch mehr als fragwürdig. Beides trübt das ansonsten positive, bereichernde Leseerlebnis.

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Das Verschwinden des Philip S.

edschmid-1Ein Irrweg

Stefan Aust hat mit seinem bekannten Sachbuch «Der Baader-Meinhof-Komplex» die Phase des Umbruchs in Deutschland kenntnisreich beschrieben, nun scheint die Zeit reif für eine mehr fiktionale Aufarbeitung der Geschehnisse, die gemeinhin mit der Jahreszahl 1968 symbolisiert werden. Mit seinem buchpreisgekrönten Roman hat auch Frank Witzel diese Thematik aufgegriffen, zwei Jahre vorher, 2013 erschien «Das Verschwinden des Philip S.» von Ulrike Edschmid, ein autobiografisch geprägter Roman über ihren damaligen Lebensgefährten Werner Philip Sauber, dessen revolutionärer Weg ihn schließlich in den bewaffneten Untergrund führt.

Philip S. stirbt am 9. Mai 1975 bei einem Schusswechsel mit der Polizei auf einem Kölner Parkplatz. «Vor den Krankenwagen sind die Fotografen da.» lautet der erste Satz, womit das Ende schon vorweggenommen ist. Als Leser wird man regelrecht hineingestoßen in die brutale Schlussphase einer Geschichte, die den allmählichen Wandel eines kreativen Studenten der Film- und Fernsehakademie zum gewaltbereiten Revolutionär beschreibt. Fast vierzig Jahre später nun blickt Ulrike Edschmid auf die Jahre zurück, in denen sie mit ihm zusammen war. Er kam als Sohn aus einer reichen Schweizer Unternehmerfamilie 1967 nach Berlin, sie lebte nach der Trennung von ihrem Mann mit dem kleinen Sohn in bohemeartigen Verhältnissen. Philip hingegen tritt ziemlich exzentrisch auf, sie schildert ihn als filmisches Genie, dessen hohe Kunst zwar Vielen ziemlich unverständlich bleibt, in der Akademie aber voll anerkannt und entsprechend gefördert wird. Die sich zuspitzenden Ereignisse in Berlin, deren Höhepunkt 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke darstellt, verschärfen auch die anfangs vornehmlich auf die Hochschule gerichteten Proteste der Studentenclique um Philip und weiten sich aus auf revolutionäre, zunehmend radikaler, gewalttätiger und schließlich kriminell werdende Aktionen. Ulrike unterstützt diese Aktivitäten, ihre WG wird immer öfter von der Polizei durchsucht, bis sie beide eines Tages in Untersuchungshaft landen. Für Ulrike eine Zäsur, sie nimmt aus Angst um ihren Sohn daraufhin nicht mehr teil an den Aktionen, das Paar trennt sich schließlich, Philip taucht ab in den Untergrund.

Ein bemerkenswertes Kennzeichen der damaligen Ereignisse war die überwiegend gutbürgerliche Herkunft der Revolutionäre, und auch Philip stammt ja nicht aus dem Proletariat, ganz im Gegenteil. In seinem Hass gegen die Bourgeoisie sagt sich Philip schon früh von seinem spießigen Elternhaus los, schlägt sich finanziell mit Gelegenheitsjobs und als Taxifahrer durchs Leben. Edschmid zeichnet ein positives Bild der damals neu aufkommenden studentischen Wohngemeinschaften, ihre Figuren sind anschaulich beschrieben, man kann sich sehr gut in das stimmig geschilderte Milieu revolutionärer WGs hineinversetzen. So gut wie nichts hingegen erfährt man über die konkreten Ziele der Revolutionäre, die Perspektive der Autorin ist die einer wenig eingeweihten Randfigur.

Ihre Geschichte wird, das Vorwort ausgenommen, strikt chronologisch im Präsens erzählt, in einer prosaischen Sprache zudem ohne irgendwelche Ausschmückungen, ohne raffinierte Zeit- und Perspektivsprünge. Sie hat damit eher den Charakter eines nüchternen Berichtes als den eines unterhaltenden Romans, bleibt aber, trotz des vorweggenommenen Endes, wegen der fast beängstigen Direktheit bis zum Schluss spannend, man wird immer tiefer hineingezogen in die Entwicklung von Philip S. zum Terroristen. Wenig überzeugend ist der Versuch der Autorin, bei einem Besuch am Tatort den Tod ihres Helden als vermeidbar darzustellen, ihn als Notwehr, sogar als regelrechte Hinrichtung umzudeuten. Außer bei Gericht wird nirgends so gelogen wie in Autobiografien, das gilt wohl auch hier – und ist deshalb verzeihbar. So hautnah aber, literarisch aus einer seltenen Innensicht heraus entstanden, ist man dem damaligen Geschehen noch nie gekommen, dieser Roman ist allein deswegen schon eine lohnende Lektüre.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main