276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.
Agentur “Romeo Meets Julija”
Die Schwestern Nastja und Sol besitzen ein Unternehme. “Romeo Meets Julija” nennt sich ihre Heiratsvermittlungsagentur die berufstätige Unternehmer aus dem Wesen mit arbeitssuchenden Frauen aus dem Osten zusammenbringen will. Gegen eine zusätzliche Gebühr selbstverständlich, denn der Aufwand die westlichen Junggesellen, die zu wenig Zeit haben selbst auf Brautschau zu gehen, weil sie ja so viel arbeiten müssen, ist recht umfangreich. Reisekosten, Verpflegung, Unterbringung, Dolmetscherinnen, Werbekosten und vieles mehr. Die Ehevermittlungen basieren aber nicht nur auf einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, sondern auch auf der Tatsache, dass in der Ukraine auf zehn Frauen nur 2,5 Männer kommen. Das liegt nur am Alkohol oder am Krieg, sondern auch an der Auswanderung von Ukrainern. Für Nastja ist dieses Geschäftsmodell aber derart suspekt, dass sie dagegen etwas unternehmen will. Schließlich arbeiten sie einer Agentur zu, die wiederum von einer Mascha geleitet wird, die eventuell selbst noch weitere Verwicklungen in andere dubiose Geschäftspraktiken pflegt Und als Natia Jewa, die Schneckenzüchterin, kennenlernt, schließt sich für sie der Kreis: das Wohnmobil soll 12 Junggesellen entführen, um so international für Aufsehen zu sorgen und das Ende aller Heiratsvermittlungen einzuleiten. Aber zuerst muss sie Jewa, die alles andere als begeistert von der Idee ist, überzeugen. Doch denn bekommt sie den Tipp dass ein Exemplar ihrer aussterbenden Arten – sogenannte Endlinge – hinter der Front auf einem Baum lebt. Ein gefundenes Fressen für ihren Schützling “Lefty”, der sehnsüchtig auf eine Partnerin wartet.
Schneckenvermitllung auf Kanadisch
Doch dann macht nicht nur der Krieg mit Russland ihren Plänen ein Ende, sondern auch der Romanidee selbst. Maria Reva, die Autorin, hat kurzerhand die Ereignisse vom 20.2.2022 in ihren Roman mitaufgenommen und so den geplanten Plot ihres Romans über den Haufen geschmissen. Der Mittelteil sorgt zunächst also für etwas Verwirrung, wird aber dann im letzten Teil zu einem gelungenen Roman zusammengeführt, der zeigt wie sehr der Krieg alle Ebenen der Gesellschaft erfasst und schließlich zerstört. Der “Tag der Himmlischen Hundertschaft” wird zum Stichtag der Entführung der 12 Männer durch die drei Frauen, der dicht hinter die russischen Kampflinien führt und in einer Schwejkschen Tragikomödie mit dichtem schwarzen Humor gepflastert ist. Als Tochter der fiktiven Frauenrechtlerin Jolanta Tschernow wird Nastja gezwungen in einem Film auf offenem (Schlacht-)Feld mit Brot und Salz die Okkupanten willkommen zu heißen. Aber ob sich aus dieser brenzligen Situation mit aufrechtem Rückgrat entziehen wird können, dafür hat die Autorin eine gute Lösung gefunden. Ebenso wie für die Fertigstellung ihres Romans während eines Krieges, der längst zu Ende sein sollte. Die aus der Ukraine stammende Autorin lebt in Vancouver/Kanada und wurde von der russischen Regierung 2022 mit Einreiseverbot belegt und hat bereits folgende Nominierungen und Auszeichnungen erhalten: Booker Prize (Longlist), Atwood Gibson Writers’ Trust Fiction Prize, Gordon Burn Prize (Shortlist), Climate Prize für Fiction (Longlist). Mehr zu Buch und Autorin hier. Ob Lefty am Ende doch noch eine Partnerin findet und somit nicht als Endling enden muss, verrät das Ende dieses außergewöhnlichen Romans einer vielversprechenden Autorin.
Maria Reva
Ein Königreich für eine Schnecke
Roman
Originaltitel: Endling
Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Kleiner
2026, Hardcover, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-28548-3
diogenes
EUR 26,00 [DE] – EUR 26,80 [AT]
