Die Dame ohne Unterleib ist mehr als eine Attraktion aus der Welt der Jahrmärkte. Sie ist eine Chiffre für den alten Wiener Prater: Ein Körper verschwindet hinter Spiegeln und schwarzem Samt, das Publikum sieht etwas, das nicht sein kann, und will doch unbedingt glauben, es sei wahr. Robert Kaldy-Karo hat diesem Kosmos ein Buch gewidmet, das zugleich Nachschlagewerk, Bilderbogen und kulturhistorische Reise in eine versunkene Unterhaltungswelt ist.
Im Zentrum steht der Wiener Prater als Ort populären Vergnügens. Seit seiner Öffnung für die Bevölkerung im Jahr 1766 war er nicht nur Flaniermeile und Erholungsraum, sondern ein Reich der Sensationen: Ringelspiele, Gasthäuser, Schaubuden, Automaten, Geisterbilder, Zauberer, Bauchredner, Gedankenleser, Kraftmenschen und jene „Wunder“, die ihre Wirkung gerade daraus bezogen, dass niemand genau wissen sollte, wie sie zustande kamen. Kaldy-Karo führt durch diese Welt von den frühen Schaustellern um 1800 bis zu den Zauber- und Varietétheatern des 20. Jahrhunderts und den späteren Versuchen, diese Tradition wiederzubeleben.
Der Titel verweist auf eine klassische Spiegelillusion, bei der eine Frau scheinbar ohne Unterleib auf einer Bühne sitzt. Doch das Buch interessiert sich nicht bloß für den Trick. Es erzählt von den Bedingungen, unter denen solche Tricks überhaupt funktionieren konnten: von Reklame, Konkurrenz, Publikumspsychologie, technischen Neuerungen und dem täglichen Kampf um Einnahmen. Der Zauberer erscheint hier nicht als entrückter Künstler im Frack, sondern oft als Unternehmer, Handwerker, Reklamefachmann und Überlebenskünstler.
Besonders anschaulich wird das dort, wo Kaldy-Karo einzelne Bühnen und ihre Besitzer vorstellt. Namen wie Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati, Anton Kratky-Baschik, Amanda von Oeser, Carlo Arminio, Karl Juhasz oder Otto Wessely treten aus der Vergessenheit hervor. Sie betrieben ihre kleinen Theater, wechselten Programme, engagierten Assistentinnen und Assistenten, reisten, scheiterten, bauten neu auf und warben mit immer kühneren Versprechen. Nicht selten war die Ankündigung vor der Schaubude bereits eine Kunstform für sich. Rekommandeure priesen das Unbegreifliche an, übertrieben schamlos und wussten doch: Entscheidend war nicht die Wahrheit, sondern die Bereitschaft des Publikums, sich für ein paar Kreuzer verführen zu lassen.
Gerade diese Verbindung aus Illusion und Geschäft macht das Buch reizvoll. Kaldy-Karo zeigt, dass die Zauberkunst im Prater nie isoliert existierte. Sie gehörte zu einem Markt der Sensationen, in dem Hypnose, Antispiritismus, elektrische Effekte, exotische Versprechen, mechanische Automaten und später auch Kino und technische Moderne miteinander konkurrierten. Elektrizität, Röntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie oder vermeintliche Gedankenübertragung wurden rasch zu Themen der Bühne und zu Versprechen einer Zukunft, die man vor allem bestaunen sollte.
Das Buch ist erkennbar mit Leidenschaft geschrieben. Kaldy-Karo hat Anzeigen, Programmzettel, Presseberichte und Bildmaterial zusammengetragen und macht daraus ein Panorama, das weit über die bloße Geschichte einiger Zaubertricks hinausreicht. Gerade darin liegt ein erheblicher Reiz. Der Wiener Prater erscheint nicht als nostalgisch verklärtes Biedermeieridyll, sondern als lärmender, geschäftiger und bisweilen ziemlich rauer Ort.
Die chronologische Folge von Bühnen, Besitzern, Künstlern und Programmen lässt den Leser spüren, wie dicht dieses Milieu einst besiedelt war. Zugleich liegt hierin eine kleine Schwäche. Manche Abschnitte geraten in die Nähe eines sorgfältig annotierten Katalogs; Namen und Daten folgen so rasch aufeinander, dass man sich gelegentlich stärkere Zäsuren und weiterführende Einordnungen wünscht.
Die Dame ohne Unterleib ist eine kenntnisreiche Spurensuche, die ihre Stärke aus Nähe, Sammelleidenschaft und Freude am Detail gewinnt. Wer eine streng systematische Kulturgeschichte erwartet, wird sich bisweilen mehr Ordnung wünschen. Wer sich dagegen auf den Sog dieser Materialfülle einlässt, wird belohnt: mit einer erstaunlichen Vielfalt von Figuren, Geschichten und Effekten.
Am eindrucksvollsten bleibt dabei die Erkenntnis, dass der Zauber nicht allein im Spiegeltrick lag. Er entstand aus dem Zusammenspiel von Bühne, Stimme, Licht, Gerücht und Erwartung. Die „Dame ohne Unterleib“ war nicht nur eine technische Konstruktion. Sie war ein Versprechen: Hinter dem Vorhang könnte es etwas geben, das die gewohnte Ordnung außer Kraft setzt.
Robert Kaldy-Karos Buch bewahrt diese Welt vor dem Verschwinden. Es zeigt den Prater als Labor des Staunens, als Vorläufer moderner Erlebnisindustrie und als Ort, an dem die Kunst, Menschen für einen Augenblick an das Unmögliche glauben zu lassen, ihren ganz eigenen Glanz entfaltete.