Opernball

Da sitzt sie, in der Loge der Wiener Oper, neben sich zwei Bierdosen (natürlich Wiener Lager) und eine Schnitzelsemmel in der Hand. Stefanie Sargnagel, die Poetin aus dem Gemeindebau hätte sich das wohl so nie träumen lassen. Aber andererseits ist es vielleicht auch ein Verrat? Hat sie gar die Seiten gewechselt?

Klassenkampf in der Kantine

Übertreibungen und Superlative zieren gleich die erste Seite: Bussi, Bussi, Bussi (+10), eine Verballhornung der dazugehörigen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die sich alljährlich am Opernball trifft, die “Hautevolee”, wie es im Untertitel schon angedeutet wird. Ob es bei einem Besuch bleiben wird? Tatsächlich trifft sie sogar einige Leute am Opernball, die sie kennt und sie in ihre jeweiligen Logen einladen. Sie sind ganz inklusiv, die Opernballbesucher:innen, ganz anders als die Mitarbeiter der Mitarbeiter:innenkantine. Diese reagieren eher schroff als Stefanie dort mit ihrer Freundin, der Kellnerin, und dem Museumswärter auftaucht. Hier haben nur Mitarbeiter zutritt baut sich ein “Mitarbeiter” vor den dreien auf. “Ihr, ihr gehört’s zu den Gespritztn!” Aber genau das gibt Stefanie zu denken, denn sie ist ja doch nur zu Besuch hier, als Schriftstellerin, als Beobachterin, als Kommentatorin. Die drei ärgern sich vor allem aber auch deswegen, weil in der Mitarbeiter:innenkantine der Weiße Spritzer nur 3,90€ statt den ortsüblichen 20€ kostet. Der “Ball der Künstler:innen” ist nämlich sauteuer, rund 400€ Eintritt kostet die billigste Karte und die Preise der Verköstigungen am Ball sind legendär. Da bleibt man leicht am Trockenen, wenn man nicht ein paar Sponsoren findet. Aber hier, am Wiener Opernball, trifft alles aufeinander: Kultur, Kapital und Klassenkampf in der Kantine.

Alles Wiener Blut

“Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf”, schreibt die Besucherin Sargnagel und es könne sehr schnell gehen, dass man “für die Elite vom unangenehmen Schmarotzer zum bewunderten Kultkünstler wird. Schneller als einem recht ist”. Sie spricht wohl aus Erfahrung, denn Beispiele dafür gibt es genüge. Frau Sargnagel wird da sicher nicht zum Präzedenzfall werden. Das erste Mal sei sie ja schon vor zehn Jahren am Opernball gewesen. Damals wären die Kartenabreisser und sie noch “gleich” gewesen, schreibt sie, wohl nicht ganz unstolz, einen solchen Aufstieg in so kurzer Zeit auf’s Tanzparkett hingelegt zu haben. Im Johann Strauss Jahr resümiert sie auch darüber, ob nicht auch er ein Roma gewesen sei, ob seines dunklen Teints. “Wisst ihr, wie schwer sie es damals Johann Strauss gemacht haben, an die Oper zu gelangen? Obwohl er ein Weltstar war, haben sie ihn lange nicht an die Oper gelassen. Es war sein großer Traum. Und jetzt sind wir hier. Ihm zu ehren”, ergänzt ihr Freund der Museumswärter. Und auch ihm wächst dabei etwas der Hals, wie die Autorin ein paar Seiten weiter so treffend bemerkt: “So zieht sich der Hals über die Jahrhunderte weiter in die Länge wie eine Raupe”. 

Je länger nämlich der Hals, desto tiefer kann man auf andere runtersehen. Auf die Eleven, der Hauptact des Abendprogramms beim Opernball, können dann alle runtersehen. Sie sind noch so jung und klein und voller Enthusiasmus. Ob das wohl am “berühmten Stock in den Arsch” liegt, wie die Sargnagel schreibt? Weitere amüsante literarische Höhepunkte hat die Sargnagel dann noch im Ärmel und am Ende wird ganz viel Wiener Blut verspritzt. Aber nicht beim Walzer. Das gleichnamige Theaterstück wurde im Wiener Rabenhof im Februar 2025 auf die Bühne gebracht.

Stefanie Sargnagel
Opernball.
Zu Besuch bei der Hautevolee
2026, Hardcover, 80 Seiten
ISBN: 978-3-498-00882-6
Rowohlt Hundert Augen
18,00 €


Illustrated by Rowohlt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert