Drei Frauen

Alle Texte in diesem Buch schreiben die drei Protagonistinnen, das Schreiben läge in der Familie; so beginnt es in einem Tagebucheintrag von Lori, der siebzehnjährigen Tochter. Der Vater war ein Sportjournalist, aber gestorben, als sie noch ein Kleinkind war, die Mutter ernährt die Familie mit Übersetzungen. Lori schreibt es in ihrem Tagebuch, und versteckt es dann vor der neugierigen Oma.
Dann folgt im Buch ein Brief von Maria, der Mutter, überschrieben: Lieber François. Er ist der geliebte Partner, ein Schöngeist im fernen Frankreich, der als Finanzmakler sein Geld verdient und mit dem sie Traumreisen macht. Ihm beschreibt sie einen Dialog mit Lori, die ihre Briefeschreiberei für weltfremd hält. Dabei sind sie doch “das Schöne, das Tiefgründige, das Nachdenkliche, die Langsamkeit der zu Papier gebrachten Worte: ein Privileg in unserer rastlosen, oberflächlichen Zeit.“ Lori schwärmt dagegen von der Oma, mit der sie alle zusammenleben, die PC und Smartphone nutzt, wenn sie ihre Gedanken sammeln will, die dann hier transkribiert zu lesen sind.
Erst als Maria im Brief daraufhin weist, dass sie sich nicht dieser Welt entzieht, sondern die Familie ernährt, verstummt Lori.
Dacia Maraini lässt Maria nur in ihren Briefen sprechen, immer bedacht auf Schönes. Distanz schaffe Poesie. Meist sind ihre Briefe an François. Als sie mit ihm in einigen Wintermonaten in Holland weilt, schreibt sie nach Hause. Da geht es um van Gogh, Anne Frank und Tulpen. Und gerne baut sie Gedanken aus der weiten Welt der Bücher ein, die sie übersetzt hatte, im Moment ist es Mme Bovary von Flaubert. Lori und Oma lästern darüber: sie sei wie geisterabwesend, aber sie wissen auch, wie abhängig sie von ihr sind: sie verantwortet den Haushalt. Und allen Schreiberinnen gelingt es, das Erlebte mit Humor zu nehmen.
Bei Lori geht es auch um ihre Gefühle, sie schwänzt gerne die Schule, fährt mit ihrer Vespa `rum. Gerade hat die sich ein Tattoo in Form eines Drachens stecken lassen, das gibt ihr Mut. Oma findet ihn schrecklich. Und sie vögelt gerne, manchmal auch morgens, meist mit Tulu, ihrem Klassenkameraden, der einen Knackarsch hat.
Die Begeisterung für die Schönheiten der möglichen Arschformen hat sie von Oma Gesuina. Diese dienen aber nicht nur ihrer Lust: als Hilfsschwester verabreicht sie Spritzen, so gekonnt, dass die Patienten es gar nicht spüren. Sie war Schauspielerin gewesen, wäre aber gerne Ärztin geworden. Sie streut auch Gedanken zu Veränderungen im italienischen Alltag, die durch technologische Entwicklungen bedingt sind.
Oma küsst gerne, am liebsten Simone, den Bäcker. Immer, wenn sie ihr Cornetto kaufen möchte, zieht er sie in eine Hinterstube und sie küssen sich in wundervoller Einigkeit. Er ist nicht nur Kussexperte, und -liebhaber, er entwickelt auch Theorien darüber, wie Erfüllung durch das Küssen geht. Oma könnte sich auch mehr vorstellen, schließlich sieht sie mit ihren sechzig Jahren glatt zwanzig Jahre jünger aus, aber sie macht mit.
Was sie von Männern hält, erzählt sie gerne—es ist nicht gerade viel.
Und dann kommt zu Weihnachten François, von Maria abgöttisch geliebt, mit makelloser Gestalt und tadelloser Höflichkeit. Lori kann das nicht so sein lassen, sie verführt ihn, und er hat sich verführen lassen.
Und als sie weiß, dass sie von ihm schwanger ist, schafft sie es nicht es Maria zu sagen, Oma hat es längst bemerkt.
Kann sie es Maria sagen? Oder das Kind Tulù anhängen, oder besser abtreiben? Sie schreibt dann einen langen Brief an Maria; aber diese kann damit nicht umgehen.
In diesem Konflikt ändern sich die Strukturen: Gesuina wird Familienoberhaupt, trifft Entscheidungen, unterstützt Lori, auch als Prometheus, ein kräftiger kleiner Junge geboren wird. Und irgendwie können sie auch wieder zusammen lachen…
Zu Prometheus, und überhaupt zur Mythologie gibt es viel zu lesen, etwa, wenn Tattoos gedeutet werden. Im italienischen Original noch viel ausführlicher. Wahrscheinlich erhöht es die Lesbarkeit für die deutschen Leserinnen, dass die Übersetzerin dies etwas gekürzt hat, zum Glück, ohne die poetische Kraft von Dacia Maraina zu schmälern.


Genre: Roman
Illustrated by Unionsverlag

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