Der lebende Beweis

Missglückte Selbstbefreiung

Die Filmemacherin Lola Randl hat jüngst mit ihrem vierten Roman «Der lebende Beweis» die Reihe ihrer autobiografischen Dorfromane erweitert, in denen es um die Erfahrungen geht, die eine Frau aus der Großstadt beim Umzug in eine dörfliche Welt machen kann. Man trifft als Leser hier wieder auf das Personal des ersten Romans «Der große Garten», das auch sechs Jahre später immer noch aus einer namenlosen Ich-Erzählerin besteht, dem Mann, dem Liebhaber, den beiden Söhnen und der Mutter. Ergänzt wird das Figuren-Ensemble um etliche andere Einbewohner, allesamt skurrile Gestalten. Der anfängliche Enthusiasmus, der Geist des Neuanfangs ist verflogen, sie ist nicht heimisch geworden im Dorf. In dem neuen Roman nun thematisiert die Autorin, wie ihr Alter Ego im Roman die Ursachen für diese Änderung ihres Empfindens zu erkunden versucht. Dabei geht sie methodisch vor, beschäftigt sich mit den historischen Hintergründen, kartografiert den Wandel in der Gemarkung und sinniert auch über die Veränderungen in ihrer Familie. Schließlich erstellt sie sogar eine «Mindmap», um ihre eigenen Empfindungen in dieser Landkarte der Gedanken systematisch zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzten, der hintere Buchumschlag bildet ein Beispiel dafür ab.

Die Frau Mitte vierzig, die vor sechs Jahren hoffnungsfroh mit ihrer Familie in ein Dorf der Uckermark gezogen ist, hat sich sowohl von ihrer ländlichen Umgebung als auch von ihrer Familie inzwischen ziemlich entfremdet. Sie lebt zurückgezogen auf dem verstaubten Dachboden ihres großen Hauses, das einstmals ein stattlicher Gasthof gewesen ist. Dort hat sie ihr stilles Rückzugsgebiet sowohl von der Familie als auch vom Dorfleben gefunden. Von einem Dachfenster aus beobachtet sie voller Skepsis das immergleiche örtliche Geschehen zwischen Kirche, Supermarkt und Bushaltestelle. Die Menschen, die sie zu analysieren versucht, nennt sie Probanden und gibt ihnen Namen wie der Einsiedler, der Dorfchronist, die Nachbarin, die Pastorin, das Morphologen-Paar. Und sehr genau erkennt sie an ihrem typischen Verhalten auch die Trinker, die regelmäßig morgens oder abends unauffällig Nachschub holen. Sie kennt inzwischen fast jeden Einwohner zumindest vom Sehen, auch wenn sie nur mit wenigen einen persönlichen Kontakt unterhält. Am nützlichten erweist sich dabei der Chronist, der pensionierte Dorflehrer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle noch vorhandenen Dokumente zu katalogisieren. Dabei kommt ihm die Hilfe der Ich-Erzählerin sehr gelegen. Die wiederum hofft, durch die Beschäftigung mit den teilweise bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückreichenden Urkunden wertvolle Hinweise auf das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung zu bekommen, sogar die letzte Hexenverbrennung ist akribisch dokumentiert.

Der einstige Elan des Aufbruchs in das Dorfleben hat sich in eine Orientierungslosigkeit verwandelt, die auch Erziehungs-Probleme mit einschließt. «Seit ich den Faden verloren habe, ist mir noch weniger klar, wie und mit welcher Berechtigung ich auf meine Kinder einwirken soll», heißt es resignierend im Roman. Auf ihrer akademisch angelegten Sinnsuche durchpflügt die Protagonistin in ihrem Refugium kritisch ihr eigenes und das Leben der Dörfler, eine permanente Grübelei, die in weiten Teilen die Kurzkapitel dieses Romans ausfüllt als eine groß angelegte, sprunghafte  Nabelschau.

Leider aber werden diese philosophischen Gedankengänge mit Alltagsgeschehen und Banalitäten durchmischt, ganz ohne den lakonischen Unterton wie einst beim Debütroman. Wenig überzeugend ist auch der stakkatoartige Plot mit nicht weniger als 71 Kurzkapiteln auf 188 Romanseiten. Die Erzählung ist deutlich überfrachtet mit Szenen, die nur ablenken und die Handlung stören statt sie zu bereichern. Dass vereinzelt auch Selbstironie im Spiel ist, zeigt sich im Epilog, wo der Erfolg dieser ländlichen Selbstbefreiung scheinbar in Frage gestellt wird. Dort nämlich steht als letzter Satz geschrieben: «Vor mir liegt ein unbeschriebenes Blatt, und es fühlt sich an, als hätte ich alle Zeit der Welt».

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

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