Dass ich das Buch bis zu Ende gelesen habe, schien anfangs unwahrscheinlich. Erst ging es, in einem Kapitel mit dem Titel: „Eva,“ detailliert um den römischen Kaiser Nero und wie er seine Mutter Agrippina verbannen und umbringen ließ. Dabei erfuhr ich, dass Seneca sein Tutor war, den er aber auch verbannte. Aber, wollte ich das lesen?
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Sehr geehrte Frau Ministerin
Die Bagage
Kuckuckskind
Mit dem Titel «Bagage» spielt Monika Helfer in ihrem autofiktionalen Roman auf die deutsche Bedeutung des französischen Wortes als Last an, im übertragenen Sinne sind abwertend aber auch zwielichtige Gestalten gemeint. Beides trifft hier zu, einerseits ist die Belastung gemeint, die ein nie gelüftetes, allen peinliches Geheimnis über Generationen hinweg innerhalb der Familie bedeutet, anderseits steht Bagage auch für die Außenseiterrolle, die eine allen lästige, prekäre Familie spielt. Die Autorin erzählt in dem schmalen Band ihre Familiengeschichte, beginnend mit ihrer Großmutter beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis hin zu ihren eigenen, späten Versuchen als bereits erwachsene Frau, herauszufinden, was denn nun wirklich damals geschehen ist in einem kleinen Dorf am Vorarlberg. War ihre Mutter ein Kuckuckskind?
Am äußersten Rand dieses Dorfes leben Josef und Maria Moosbrugger mit ihren Kindern in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Maria ist die schönste Frau weit und breit, alle Männer beneiden Josef deshalb sehr, die Frauen aber sind neidisch und eifersüchtig zugleich. Josef ist Bauer, und als er zum Krieg eingezogen wird, bittet er seinen besten Freund, den Bürgermeister des Orts, mit dem er heimlich dubiose Geschäfte macht, auf Maria achtzugeben. Seither unterstützt der die Familie so gut er kann mit Lebensmitteln, Maria und die Kinder leiden ständig an Hunger, der kleine Hof wirft einfach zu wenig ab, und zudem fehlen jetzt auch die lukrativen ‹Geschäfte› von Josef. Aber auch der Bürgermeister ist nur ein Mann, er kann den Reizen von Maria kaum widerstehen und versucht es bei ihr, wird aber immer wieder abgewiesen.
Auf einen Volksfest lernt Maria Georg kenne, einen Deutschen aus Hannover, der für wenige Tage im Dorf ist, um etwas zu erledigen. Am nächsten Tag taucht er unerwartet bei ihr auf, er hat sich erkundigt, wo sie wohnt. Georg ist ein Traummann in Marias Augen, er findet schnell Kontakt zu ihren vier Kindern und besucht die Familie auch die nächsten zwei Tage. Bei seinem letzten Besuch vor der Abreise wird er von einem Dorfbewohner beim Verlassen des einsam gelegenen Hauses gesehen. Als er für immer fort ist, trinkt Maria verzweifelt eine ganze Flasche Schnaps leer und stirbt fast daran. Überraschend schnell kommt Josef schon bald zu einem ersten Heimaturlaub zurück, auch beim Militär macht er offensichtlich seine ‹Geschäfte›, er bringt nämlich Geld mit. Allerdings kann er nur vier Tage bleiben, das Zusammensein mit seiner attraktiven Frau genießt er in vollen Zügen. Aber es ist gerade diese Attraktivität, die Maria dann zum Verhängnis wird. Sie wird bald darauf schwanger, und es werden sofort wilde Berechnungen angestellt, ob denn Josef überhaupt der Vater sein kann. Als Margarete, die von allen nur Grete genannte Mutter der Erzählerin, schließlich als fünftes Kind auf die Welt kommt, hört auch Josef von diesen Gerüchten. Trotz der Beteuerungen des Bürgermeisters, dass Maria sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, nagen bei Josef fortan die Zweifel. Er spricht nie ein Wort mit Grete und schaut sie auch nicht an, so als gäbe es sie nicht.
Der Roman zeichnet das archaische Bild einer engstirnigen Dorfgemeinschaft vor mehr als hundert Jahren, in der die Missgunst stärker ist als die Vernunft und die Eifersucht stärker als das Vertrauen. Auch die Sehnsucht nach Liebe hat darin ihren Platz, und so, wie Maria ihre Zufalls-Bekanntschaft sieht, ist Eheglück das eine und die einmalige, die große Liebe das andere Geschenk im Leben. Die Sehnsucht ist seither ihr ständiger Begleiter. Erzählt wird diese berührende Geschichte in knapper, dem dörflichen Idiom stimmig angepasster Sprache mit vielerlei Zeitsprüngen. Bei diesem komplexen Familien-Porträt bleiben einige Leerstellen, nicht geklärte Fragen zu dem emotionalen Ballast, der einem hier aber nicht aufgedrängt wird, sondern vollständig der eigenen Phantasie überlassen bleibt. Diese feinsinnig, zuweilen lakonisch erzählte Geschichte setzt ihre eigenen, ganz besonderen Akzente im Genre der Dorfromane!
Fazit: lesenswert
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Treue Seele
Eine Hochzeit, mit der niemand gerechnet hat
Der amerikanische Schriftsteller Castle Freeman schreibt auch in seinem neuesten Roman wieder eine Geschichte, die im ländlichen Neuengland spielt. Und auch eine seiner Figuren taucht hier wieder auf, der County-Sheriff Lucian Wing, über den er sogar eine eigene Trilogie geschrieben hat. Dessen besonnene Art trifft allerdings nicht immer auf verständnisvolle Mitmenschen, man hält ihn in den kleinen Kaff im Bundesstaat Vermont für zu träge, und faul sei er außerdem.
Der dreiteilige Roman mit Prolog und Epilog ist in dreißig Kapitel aufgeteilt und deckt einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren ab, beginnend im Jahre 1990. Schon im Epilog wird klar, worum es geht in diesem Roman, um eine Hochzeit nämlich, und zwar um eine ganz besondere, auch das wird deutlich, eine späte und eine mit Hindernissen. Unter dem Titel «Die Zählung des Volkes» wird geschildert, wie Porter Conway, der Erfahrungen als Volkszähler auch schon aus anderen, weit entfernten Bundesstaaten hat, mit seinem alten Pick-up vor dem Sägewerk von Arthur Bennet hält. Ein Mastiff tobt laut bellend in seinem Zwinger herum, aber es dauert eine ganze Weile, bis sich endlich die Haustür öffnet und ein Mädchen heraustritt, etwa vierzehn, fünfzehn Jahre alt, – blond und atemberaubend schön. Lucy Bennets Vater erweist sich als Ekel, er beschimpft Porter unflätig und weigert sich, irgendwelche Fragen zu beantworten. Verpiss dich, du Schnüffler, schnauzt er Porter an und verschwindet wieder in seinem Haus. Auch Lucy, der er beim Wegfahren den Fragebogen zum Ausfüllen herausreicht, knüllt ihn zusammen und wirft ihn wütend in den Pick-up zurück.
Port, wie Porter Conway fast überall genannt wird, ist neu zugezogen. Er ist ein ausgesprochener Eigenbrötler mit einer weltläufigen Vergangenheit, die Ich-Erzählerin Connie, die mit Cliff Copeland verheiratet ist, kann ihn nicht leiden, obwohl ihr Mann mit ihm eng befreundet ist. Sie ist die Halbschwester von Lucy Bennet, die irgendwann bei ihnen einzieht, weil ihr im Hause ihres Vaters Arthur die Verwahrlosung droht. Der wird nämlich altersbedingt zunehmend wunderlicher und ist mit seiner Tochter völlig überfordert. Lucy ist nicht nur so schön, dass die jungen Männer der Ortes nachts wie Kater ums Haus schleichen, sie ist zudem sehr selbstbewusst und hat ihren eigenen Kopf, auch was die Männer angeht. Zehn Jahre später, im zweiten Teil des Romans, steht Port als amtlicher Volkszähler wieder vor der Tür, und wieder vergeblich! Lucy hat zwei längere Affären, zuerst einige Jahre lang mit Dougie, dem als Nerd in der Stadt eine glänzende berufliche Karriere bevorsteht, und anschließend mit Kurt, einem undurchsichtigen Typ, der diverse Vorstrafen hat, nicht arbeitet, oft auf Reisen ist und schlimme Kerle als Freunde hat. Ein absoluter Fehlgriff der selbstbewussten Schönen, das genaue Gegenteil zu dem strebsamen Dougie.
Der Roman wird vom Ehepaar Copeland erzählt, die Beiden wechseln sich als Ich-Erzähler der dreißig Kapitel permanent ab, wodurch das Geschehen aus männlicher wie auch aus weiblicher Sicht geschildert wird. Als wichtigstes narratives Stilmittel erweisen sich die köstlichen Dialoge zwischen den beiden Freunden, bei denen sich Port als unerschöpfliche Quelle von Geschichten aus seinem bewegten Leben erweist, denen der vergleichweise unspektakuläre Cliff nicht entgegen zu setzen hat, er kennt nicht mehr von der Welt als sein ländliches Vermont, das er noch nie verlassen hat. Sie philosophieren auf Teufel komm raus, «Du bist ein richtig guter Küchenpsychologe, was?» sagt Port einmal zu Cliff, und ergänzt: «Du tust immer so, als wärst du ein Hinterwäldler, dabei hast du in Wirklichkeit einen weiten Horizont». Das stilprägende Element dieses äußerst unterhaltsamen Romans ist der lakonische Witz, in dem da erzählt wird. Man kommt aus dem Schmunzeln und Lachen kaum mehr raus beim Lesen. «Eine Hochzeit mit Hindernissen» heißt es auf dem Buchrücken, präziser wäre: «Eine Hochzeit, mit der niemand gerechnet hat», – und genau die sind ja bekanntlich die aufregendsten!
Fazit: lesenswert
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Lichtspiel
Wenig nachhaltiges Biopic
Mit seinem neuesten Roman «Lichtspiel» hat Daniel Kehlmann dem in der Weimarer Zeit äußerst erfolgreichen, österreichischen Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst literarisch ein Denkmal gesetzt. Nach der auch in anderen seiner Romane bewährten Methode erzählt der Autor eine fiktive Geschichte, die sich um die reale Figur seines heute kaum noch bekannten Protagonisten rankt, wobei die Problematik künstlerischen Schaffens in einer unmenschlichen Diktatur den thematischen Schwerpunkt bildet.
Der dreiteilige Roman beginnt unter dem Titel «Draußen» in der Emigration des Regisseurs, der als «Roter Regisseur» wegen seiner politischen Überzeugungen in Nazi-Deutschland keine Zukunft mehr für sich gesehen hat und nach Hollywood gegangen ist, obwohl er von der «Filmkunst» dort wenig hält. Eines Tages bekommt er überraschend Besuch von einem Abgesandten des Propaganda-Ministers Goebbels, der ihn nach Deutschland zurückholen will und ihm künstlerische Freiheit und beste Arbeitsbedingungen verspricht. Trotz verlockendem Angebot lehnt Pabst empört ab. Als ihn ein Telegramm zu seiner kranken Mutter zurückruft, reist er mit Frau und Sohn für drei Tage nach Österreich, das inzwischen Ostmark heißt, um sie in einem Pflegeheim nahe Wiens unterzubringen. Am Tag nach ihrer Ankunft bricht der lange erwartete Krieg tatsächlich aus, die Grenzen werden geschlossen, er kann nicht mehr zurück in die USA. Bald darauf wird er zu Goebbels gerufen, der ihm unmissverständlich klarmacht, dass seine Verweigerungs-Haltung böse Konsequenzen für ihn haben würde in Anbetracht seiner kommunistischen Gesinnung. Pabst steigt also notgedrungen wieder ein ins Filmgeschäft und dreht einige erfolgreiche Filme. Sein letztes Werk unter dem Titel «Der Fall Molander» über einen virtuosen Geiger wird wegen der ständigen Luftangriffe in Prag gedreht, wobei der Produzent für eine Massen-Szene im Konzertsaal als Publikum auf KZ-Häftlinge zurückgreifen muss, weil fast alle Männer im Krieg sind. Im Publikum meint er, seinen früheren Arzt als abgemergelte Gestalt wieder zu erkennen, verdrängt dies aber entsetzt sofort wieder. In «Danach», dem kurzen dritten Teil des Romans, wird die Nachkriegszeit beleuchtet mit ihren trivialen Produktionen, die das Volk von den Traumata des Krieges erlösen sollen.
Der Recherchefleiß von Daniel Kehlmann ist auch in diesem Roman beachtlich, sehr anschaulich führt er seine Leser in die Problematik des Filmgeschäfts ein, schildert die verschiedenen Aufgaben der Beteiligten, vom Produzenten über Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Beleuchter, Maskenbildner und all den anderen dienstbaren Geistern, die da tätig sind. Auch die täglichen Pannen, Rückschläge und erforderlich werdenden Improvisationen sind anschaulich beschrieben, alles steht unter Zeit- und Gelddruck, das Chaos ist der Normalzustand. Natürlich trifft man bei der Lektüre des Romans auf die Filmgrößen der damaligen Zeit, so hat Pabst Leni Riefenstahl bei deren Monumentalwerk «Tiefland» unterstützt, hat mit Greta Garbo gedreht und ist unter anderen mit Heinz Rühmann auch privat gut befreundet. Er ist immer noch wer in der Szene und tauscht sich regelmäßig mit Kollegen wie Fritz Lang oder Helmut Käutner aus.
Von den Feuilletons zum Teil euphorisch hochgejubelt, ist dieser Roman des Erfolgsautors über moralisches Versagen – nach «Tyll» vergleichsweise – ziemlich enttäuschend. Slapstickartige Szenen wie die in Goebbels Büro oder der dilettantische Lesekreis der Nazifrauen, an dem Trude Pabst teilnimmt, irritieren eher, als dass sie zum Lesegenuss beitragen. Stilistisch enttäuschend bieder, mit ständig wechselnder Erzählperspektive den Plot regelrecht zerstückelnd, ohne psychologische Tiefenschärfe an der Oberfläche bleibend, ist die Lektüre zwar durchaus interessant, aber alles andere als meisterlich! Sie hinterlässt beim Lesen keine nachhaltigen Spuren, woran auch die schwache Figurenzeichnung Schuld trägt, man hat das Roman-Personal schon vergessen, wenn man das Buch am Ende zuschlägt.
Fazit: mäßig
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Wut und Liebe

Der neue Suter: Wut und Liebe
Wut und Liebe. Camilla ist 31 und Buchhalterin. Sie füttert ihren Freund Noah, einen Maler, durch und hofft auf bessere Zeiten. Doch dann will sie plötzlich mehr vom Leben. Ihre allerbeste Freundin Liz macht es ihr vor, sie leitet ein Unternehmen. Auch Camilla will einen sicheren Lebensabend und verabschiedet sich von Noah und der Liebe und wählt die Sicherheit eines reichen Mannes.
In der Liebe und im Krieg: Alles erlaubt
Doch dann kommt alles anders in diesem temporeichen Roman voller Plot Twists. Nichts ist so wie man es erwartet und alles voller Täuschungen. In der Blauen Tulpe lernt der enttäuschte Noah eine ältere Dame kennen, wie ihn auf eine verhängnisvolle Idee bringt. Wenn er reich wäre, würde Camilla ei ihm bleiben, also muss er so schnell wie möglich reich werden. Am schnellsten wird man wohl reich, wenn man jemanden anderen um seinen Reichtum bringt, oder…? Richtig! Durch einen Auftragsmord. Betty Haller, seine neue Bekannte, kennt da einen gewissen Zaugg, dem sie einiges nachträgt. Er wäre ein willkommenes Opfer. Zaugg & Partner zudem eine Firma, die sich mit schmutziger Geldwäsche befasst, also auch ethisch-moralisch vertretbar. Aber umbringen? “Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, mein Leben zu ändern“, sagt die über 60-jährige herzkranke Betty. Aber Noah? Der ist gerade einmal halb so alt wie sie und hat noch alles vor sich.
Keine Liebe ohne Lüge
“In der Liebe ist das Ziel die Niederlage, die Selbstaufgabe. Auf beiden Seiten. Nicht die Eroberung“, belehrt Katy ihren Kurzzeitgefährten Noah, denn auch bei ihr findet der Künstler kurzfristig seinen Trost. “Bleib der du bist“, rät sie ihm, dann verliere er sie zwar als Frau, aber gewinne ihren Respekt, lautet ihre Lösung für den Konflikt mit Camilla. Guter Rat ist eben teuer, wenn es um die Liebe geht. Er trifft wieder Betty in der Blauen Tulpe und sie ist weise: “Ihr habt euch beide etwas vorgemacht. Das ist normal in der Liebe. Nicht schön, aber normal. Man will gut dastehen voreinander. In der Liebe ist die Lüge ein Liebesbeweis. Die Wahrheit ist für die vorbehelten, dein einem egal sind.” Ob Camilla vielleicht doch wieder zu Noah zurückkehren wird?
“Gegen Wut hilft Liebe”
Einen Einblick in die Absurditäten der Kunstwelt und die Welt der oberen 10.000 bietet dieser Roman des 1948 in Zürich geborenen Schriftstellers Martin Suter. Gekonnt spielt der Autor mit den Verästelungen der Liebe und zeigt, dass es die wahre Liebe wider Erwarten doch noch gibt. Das Motiv des Doppellebens, eine Vorstellung von weißen Männern aus den 70iger Jahren, verwendet Suter für eine rührende Geschichte aus dem Milieu der Mittelklasse, dessen größtes Dilemma darin besteht, zu viel zum Sterben aber zu wenig zum Leben zu besitzen. Seine beiden Protagonisten, Camilla und Noah, wollen beide nach oben, sie wollen dazugehören und auch ein besseres Leben führen. Das verbindet die beiden, auch wenn sie unterschiedliche Wege wählen, ihre Ziele zu verwirklichen. Aber dass das alles gar nicht so einfach ist und die vermeintlich Erfolgreichen ebenso ihre Problem haben, müssen sie eben an eigener Haut spüren, bevor sie sich eines besseren besinnen und wieder zur Vernunft kommen. Das gelingt allen am besten mit dem Unvernünftigsten, das es gibt: der Liebe. Notfalls kann sie einem sogar den erwünschten Reichtum ersetzen. Auch wenn man mit ihr die Miete nicht bezahlen kann: warm bleibt es trotzdem.
Martin Suters Romane (darunter ›Melody‹ und ›Der letzte Weynfeldt‹) und die ›Business-Class‹-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine Fälle, derzeit liegen sieben Bände vor. Er lebt mit seiner Tochter in Zürich.
Martin Suter
Wut und Liebe
Roman
2025, Hardcover Leinen, 304 Seiten
ISBN: 978-3-257-07333-1
Diogenes Verlag
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80
Eigentum
Eigentum. “Bist bes auf mi, Mutti?” Neu erschienen als Taschenbuch ist auch der (vor-)letzte Roman des Sprachkünstlers Wolf Haas. Der Erfinder der “Brenner”-Krimireihe fischt dieses Mal in ganz anderen Gewässern. Genauer gesagt in fremden “Lechn“, hochdeutsch: Lehen. Denn immer strebt der Mensch nach Besitz, nach Eigentum und selbst wenn es dann nur 1,7 m2 werden, ist zumindest etwas zum Vererben da.
Lehen und Leute
Teilweise im Dialekt seiner Mutter (der Autor ist in Maria Alm am Steinernen Meer geboren) verfasst, dann wieder umgangssprachlich, österreichisch, sogar hochdeutsch bereitet Wolf Haas Leserinnen und Lesern wieder eine ganz besondere Lektüre. Zwei Tage vor dem Tod seiner Mutter, will er noch das Wichtigste aufschreiben, aber was ist angesichts des Todes noch wichtig? Der Autor tut es in gebohnert Manier: mit viel Humor und witzigen Wendungen, Sprachakrobatik und viel Kunstfertigkeit. “Ich will das hinschreiben, solange sie noch lebt, danach möchte ich mich nicht mehr damit beschäftigen“, schreibt er, “(…)dann machte ich diese verdammten Geschichten auch endlich begraben, was geht es mich an, dass ein Mensch, den ich gekannt habe, sein kleines Lechn immer wieder gegen ein größeres Lehn getauscht hat.” Die ironische Verkürzung des Lebens seiner Verwandten am Land auf “Geschichten” ist natürlich nur eine Schmerzvermeidungsstrategie. Aber anders als der eingangs zitierte Liedtext vermuten lässt, war seine Mutter gar nicht böse und schon gar nicht böse auf ihn, den Wolf. Sie war böse auf die Leute. “La gente“, wie der Sohnemann beflissen hinzufügt. Denn eigentlich hätte sie sich gar nicht vor denen jahrzehntelang verstecken müssen. Im Dorf war ohnehin nur mehr am Friedhof was los. Dort begleitet er sie nun hin und verabschiedet sich von ihr.
“Lass weg, Haas!“
Seine Mutter hatte viele Jobs, als Servierkraft zum Beispiel. Oder bei der Briefzensur während des Krieges. Dann hat sie nach dem Krieg auch in der Schweiz gearbeitet. Acht Jahre. Aber das Geld, das sie nach Hause schickte wurde in ein Haus investiert, das sie dann nicht mehr bewohnen durfte. Ihr Vater starb 1956, der älteste Sohn 1957. Als sie Jahrzehnte später von der Raika aus ihrem Haus vertrieben wird, mit 89 Jahren, wird das Haus aber gar nicht abgerissen, sondern in ein Hotel integriert. Die geplante Poetikvorlesung muss der Autor dann aber doch absagen, als seine Mutter wirklich stirbt, in dem Haus, in dem sie ihre Kinder geboren hatte. Haas findet nur lakonische Worte, als er am Friedhof ein Grab für sie bestellt. “Unsere Mutter, die ihr Leben lang auf den ersten Quadratmeter hingespart hatte, sollte ihr schlussendlich 1,7 Quadratmeter angewachsenes Grundstück voll ausnützen. Die 1,7 Quadratmeter in bester Lage stand ihr zu, platzsparende Konzepte sollten andere umsetzten.” Nachdem sie ihren Traum, ein eigenes Grundstück zu erwerben, nicht verwirklichen konnte, hatte etwas von ihr Besitz ergriffen, schreibt ihr Sohn: “Niedergeschlagenheit“. Sie besaß nichts, aber sie war ein bißchen besessen, meint er, denn sie konnte eigentlich alles, nur nicht mit den Leuten. La gente. Die Hochzeiten und Taufen werden weniger und man sieht die Verwandtschaft schließlich nur mehr bei Begräbnissen, moniert der Sohn, das Gemeinsame der drei Ereignisse seien selbstverständlich die Tränen.
Wolf Haas
Eigentum
2025, Taschenbuch, Klappenbroschur, 160 Seiten, 12,5×18,7cm
ISBN: 978-3-328-11156-6
Pinguin Verlag
€ 14,00
Trophäe
Halten Sie sich für moralisch gefestigt? Ihr ethisches Wertesystem ist unerschütterlich?
Ok, dann sollten Sie Trophäe unbedingt lesen. Aber bitte gut anschnallen.
Ein steinreicher amerikanischer Geschäftsmann und passionierter Großwildjäger sieht Afrika als seine ganz eigene Spielwiese an. Für Geld ist auch hier alles zu haben, vor allem die Lizenz zum Töten, vor allem für den weißen Jäger – Nomen est Omen – Hunter White. Vom Big Business zum Erlegen der Big Five, wovon ihm nur noch das aggressive Rhino, das gewaltige Nashorn, fehlt. Wilderer kommen ihm bei der auserkorenen und bereits bezahlten Beute jedoch zuvor, Frustration staut sich auf, bis ihn sein Jagdmanager und Freund auf eine zunächst völlig abwegige Idee bringt – es gibt unter Insidern ja auch noch die Big Six. Er spricht dies mit diesem gewissen Unterton aus, während sie gemeinsam einheimische Jungen beobachten, wie sie elegant wie Leoparden, kräftig wie Löwen und wachsam wie Savannenhunde mit Pfeil und Bogen ihre Jagd auf Antilopen machen.
Spätestens in diesem Augenblick stockt nicht nur Hunter White, sondern auch jedem Leser der Atem. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das kann es doch wohl nicht geben. So etwas darf man sich doch eigentlich nicht mal als literarische Fiktion ausmalen.
Doch halt, nicht so schnell …
Da hat man sich bei der Entscheidung für diesen Roman farbenprächtige Bilder der afrikanischen Savanne und Steppe erhofft und auch zuhauf bekommen. Jenseits von Afrika-Klischees inklusive. Schön und gut. Dafür hat man über lange Anfangspassagen aber eine ganze Menge an Machismo-Kult wegstecken müssen. Ist die Jagd-Leidenschaft nicht prädestiniert für die Ansammlung hemingwayesker Zweibeiner mit toxischer Männlichkeit? Wie kann sich ein Roman entgegen jedem woken Zeitgeist so sehr die Argumentation von Menschen zueigen machen, denen das Testosteron aus jeder Pore quillt und von denen man als doch um so viel besserer, humanistisch geprägter Gutmensch weiß, dass es all den lonesome Cowboys doch nur um die pure Lust am Töten geht?
Mit viel kritischer Abneigung nimmt man im Verlauf schwerlich und murrend hin, dass die Vergabe der Lizenzen auch eine Art Kontrolle des Wildbestandes ist, dass damit Wildhüter und Wildererbekämpfung finanziert werden und dass die Fährtenleser mit ihrem Lohn ein Stück weit ihren Stamm in Zeiten der Trockenheit und des Hungers am Leben halten.
Das ist argumentativ noch sehr schwach, aber der Roman nimmt einen extrem geschickt und fast unmerklich mit in einen inneren Disput. Immer öfter wird der Leser bei seinen eigenen Konflikten abgeholt. Ist das alles eine Regression auf einen puren maskulinen Animalismus, geschönt und verbrämt durch machistische Floskeln, oder muss man diese Jäger-Ethik doch differenzierter sehen? Gibt es nur die ganz schlechten oder auch noch die ein bisschen guten? Können wir die Lebensumstände in diesem Umfeld überhaupt vollumfänglich und korrekt beurteilen und würdigen, die wir uns in unserer westlichen Zivilisation schon lange vom Töten eines oder vieler Tiere abgekoppelt haben und uns in der Mehrheit nicht scheuen, die Produkte des anonymen Tötungsaktes als Nahrung zu verzehren?
Diese ersten Beispiele sind fast schon zu plump und zu plakativ im Vergleich dazu, wie das Buch einen in immer ausgefeiltere moralische Zwickmühlen hineinzieht. Mehr und mehr ist man gezwungen, eigene Meinungsstereotypien in Frage zu stellen oder gar zu verlassen. Und das nicht in einem Pro-und-Kontra-Sachbuch, sondern in einem absolut spannenden und schließlich extrem fesselnden Roman, dessen Handlung einen zwingt, weiter und weiter zu lesen. Ein Finale furioso. Extrem gut gemacht.
Ganz oft fragt man sich beim Lesen ab Beginn, was denn nun die Meinung des Autors zur Jagd an sich und all den brutalen Details ist. Schreibt da ein selbstherrlicher, mordlustiger Macho ohne Gewissen? Oder ist da doch jemand, bei dem Bedenken oder gar Skrupel dominieren?
Das sollte man beim Lesen am besten selbst entscheiden.
Nur so viel: Gaea Schoeters ist eine Frau.
Die Stunde der Komödianten
Wohl kaum nobelpreisfähig
Mit «Die Stunde der Komödianten» hat der britische Schriftsteller Graham Greene einen der für ihn typischen Romane vorgelegt, in dem menschliche Eigenschaften wie Glaube, Schuld und Verrat in abenteuerlichen Geschichten thematisiert werden. Seine Romane sind zumeist im Stil von spannenden Kriminal- oder Spionagegeschichten erzählt, enthalten aber auch einige Thriller-Elemente in Stories, die politische Inhalte haben als Grundlage des Erzählstoffs. Der vorliegende Roman erweist sich als Kritik am Kolonialismus und dessen unrühmlichen Folgen. hier explizit am Terrorregime des Diktators François Duvalier, genannt ‹Papa Doc›, der die Macht auf Haiti vor allem durch die paramilitärische Miliz der Tonton Macoute an sich reißen konnte. Trotz der düsteren Atmosphäre, in der auch dieser Roman angesiedelt ist, fehlt es im Erzählten nicht an einer Prise des typischen schwarzen, britischen Humors, worauf ja auch der Buchtitel hinweist.
Und in der Tat, es sind skurrile Figuren, die 1963 auf einem kleinen Schiff von New York nach Haiti reisen. Protagonist des Romans und Ich-Erzähler ist der etwa 50jährige, in Monte Carlo geborene Mr. Brown, der nach drei Monaten in New York wieder nach Haiti zurückkehrt. In Rückblenden erzählt er von seinem Leben, er hatte in Europa einen lukrativen Handel mit gefälschten und falsch signierten Gemälden aufgezogen, die er jeweils einem jungen Maler in Auftrag gab. Mit den Fälschungen in einem Wohnwagen zog er als ambulante Galerie von Ort zu Ort und machte gute Geschäfte mit unwissenden Kunden, bis er irgendwann aufflog! Er floh nach Haiti, wo seine Mutter in Porte aux Prince ein respektables Hotel besaß, das er nach ihrem Tod geerbt hat. Voller Elan stürzte er sich ins Geschäft und brachte das Trianon erfolgreich zu neuem Glanz. Im Spielcasino lernte er Martha, die deutsche Frau eines Botschafters kennen, sie wurde seine Geliebte. Durch das Terrorregime aber kam der Tourismus auf Haiti fast vollständig zum erliegen, niemand wollte sein Hotel kaufen, weil die Touristen schlagartig weggeblieben sind.
Auf der sechstägigen Überfahrt von New York lernte Brown den britischen Major Jones kennen, der mit seinen Kriegs-Abenteuern prahlt, ein äußerst charismatischer, jovialer Mann, den er aber nicht recht durchschauen kann, mit dem er dann auch nach der Ankunft regen Umgang pflegt. Und er trifft auf das etwas seltsame, aber grundanständige Ehepaar Smith aus den USA, wo der Ehemann 1948 Präsidentschafts-Kandidat war für die winzige Partei der Vegetarier. Mr. Smith will ‹Papa Doc›, den haitischen Präsidenten, für den Bau eines Vegetarier-Zentrums in Porte aux Prince gewinnen. Ein, wie sich herausstellt, sinnloses Unterfangen angesichts der wild wuchernden Korruption in diesem maroden Staat. Dass Paar reist ernüchtert ab! Im dritten Teil des Romans gerät Major Jones ins Visier der Tonton Macoute, wird verhaftet, kommt wieder frei, bekommt dann durch den Ich-Erzähler Brown Asyl in der Botschaft von Marthas Ehemann. Ein Eigentor für Brown, denn jetzt ist Jones ständig mit Martha, seiner Geliebten, zusammen, Brown wird eifersüchtig. Jones flüchtet bei Nacht und Nebel aus der Botschaft und schließt sich einer Rebellentruppe an, die den Diktator vom benachbarten Santo Domingo aus stürzen will.
Alles Schall und Rauch, wie sich am Ende herausstellt, die Figuren des Romans sind allesamt Traumtänzer, fast alles ist gelogen. Jones war nie im Krieg, und Browns wilde Pläne enden damit, dass er einen Job als Beerdigungs-Unternehmer antritt. Als Thriller mag dieser in einer klaren, zielgerichteten Sprache erzählte Roman seine Leser gut unterhalten, die politische Absicht, die Verdammung von staatlichem Terror, bleibt dagegen seltsam kraftlos schon im Ansatz stecken. Gauner und Spione interessieren wohl nicht nur im Kino, sondern auch in der Literatur ein breites Publikum. Um nobelpreisfähig zu sein mangelt es hier narrativ aber so ziemlich an allem, sogar an Spannung!
Fazit: mäßig
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Die Kindheit Jesu
Vom Circulus vitiosus des Begehrens
Der Roman «Die Kindheit Jesu» des südafrikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers J. M. Coetzee erinnert in seiner Thematik unwillkürlich an «Utopia» von Thomas Morus. «Ein», wie es im lateinischen Beitext von 1516 heißt, «wahrhaft goldenes Büchlein, nicht minder heilsam als unterhaltsam», das vor mehr als fünfhundert Jahren den Anstoß zum literarischen Genre der Sozialutopie gab. Auch bei Coetzee geht es um eine ideale Gesellschaft, deren detaillierte Beschreibung den Effekt hat, immer wieder neue philosophische Aspekte aufzugreifen. Der Leser wird in eine bezwingend klare, moralisch nachdenklich machende Gedankenwelt mitgenommen, die auch kafkaeske Züge trägt.
Auf einem Auswanderer-Schiff nimmt sich Simon, ein 54jähriger Mann, dem etwa fünfjährigen David an, der mutterseelenallein unter den Emigranten ist. David hat einen Brief, den er um den Hals bei sich trug und der seine Herkunft hätte klären können, verloren. Über seine Vergangenheit kann er keinerlei Auskünfte geben, nicht einmal seinen richtigen Namen weiß er. Auch Simon ist, wie es im Roman heißt, «reingewaschen von der Vergangenheit», die Einwanderungs-Behörde hat ihnen beiden einen neuen Namen zugewiesen und sorgt auch für eine Unterkunft. Simon hat sich vorgenommen, Davids Mutter zu finden, die vor ihm hierher gekommen sein muss, da ist er sich sicher. Er findet eine Arbeit als Schauermann im Hafen am Pier für Getreide. Über eine steile Leiter und eine schmale Planke muss er die schweren Säcke aus dem Schiffsrumpf an Land tragen, eine mühsame und ungewohnte Arbeit für ihn.
Der Vorarbeiter und die Kollegen sind äußerst nett zu ihm, er wird schnell in ihren Kreis aufgenommen. Als er nach einiger Zeit seinen Vorarbeiter fragt, warum diese schwere Arbeit nicht mit Hilfe eines Krans erledigt wird, löst er großes Erstaunen auch bei den Kollegen aus. Man hält ihm vor, das würde ja viele von ihnen als Arbeitskraft ersetzen, und dann wäre es ihnen ja sehr langweilig. Nach intensiver Diskussion beschließen die Männer gleichwohl, von der Baubehörde einen Kran auszuleihen und ihn probeweise einzusetzen. Aber nach einem anfänglichen Unfall mit herabfallender Ladung kehrt man wieder zur alten Methode zurück. Auch die Tatsache, dass in dem riesigen Getreidespeicher der Stadt eine Rattenplage herrscht, wird als ganz normal hingenommen. Die Bevölkerung ernährt sich fast ausschließlich von Brot und Wasser, höhere Ansprüche hat man nicht. Alle Wohnungen sind kostenlos und werden jedem von einer Behörde zugeteilt, und auch das Busfahren ist umsonst. Den Menschen ist eine leidenschaftslose Gelassenheit zueigen, sie sind absolut anspruchslos und kennen keinerlei Neidgefühle. Simon findet schließlich in einer Tennisspielerin die Mutter für David, und er kann sie tatsächlich überzeugen, diese Rolle anzunehmen. Der Junge erweist sich als hochintelligent, aber auch als sehr störrisch und eigensinnig. Die vielen Passagen seiner – extrem antiautoritären – Erziehung sind entschieden zu lang geraten und beeinträchtigen dadurch leider deutlich spürbar die eigentliche, gesellschafts-kritische Intention des Autors!
Ironisch weist Coetzee mit dem Buchtitel auf die Bibel hin, während er sich in seiner Geschichte dann aber auf Cervantes und den «Don Quichotte» bezieht, dem besten Buch der Welt, wie eine von der Nobelstiftung ausgewählte Jury aus 100 bekannten Schriftstellern im Jahre 2002 befand. Ein zeitloses Werk, das sinnbildlich für einen idealisierenden Heroismus steht. Das Streben nach mehr, so die Botschaft auch von Coetzee, erweist sich als sinnlos, weil hinter der Erfüllung der Wünsche dann gleich wieder ein neues Verlangen wartet, ein Circulus vitiosus also, der symptomatisch verkörpert ist im kapitalistischen System mit seinem Konsumterror. Das Begehren ist den Bewohnern dieses seltsamen Landes nämlich absolut fremd, ihre Bedürfnislosigkeit existiert sogar beim Sex, den es hier eigentlich nur auf Krankenschein gibt. Intellektuell auf hohem Niveau, brennt der Autor geradezu ein Feuerwerk ab an tiefschürfenden philosophischen Diskussionen, die bereichernd sind und oft sogar recht amüsant!
Fazit: erfreulich
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Das geheime Prinzip der Liebe
Eine ungewöhnliche Thematik
Der Debütroman der französischen Schriftstellerin Hélène Grémillon befasst sich mit der literarisch seltenen Thematik einer Leihmutterschaft. Er wurde in 19 weitere Sprachen übersetzt und hat trotz seines irreführenden deutschen Titels «Das geheime Prinzip der Liebe» auch hierzulande einen Hype ausgelöst. Erstaunlich, denn es handelt sich eben nicht um einen der auflagenstarken, typisch kitschigen Liebesromane. Ganz im Gegenteil, mit seiner eher ungewöhnlichen Thematik verbinden sich vielmehr komplizierte, vielschichtige psychologische Aspekte, als da sind: Die herzliche Freundschaft zweier ungleicher Frauen, die Liebe zwischen Mann und Frau als schier unerschöpfliches Thema, ferner Eifersucht, aber auch zerstörerisches Misstrauen und letztendlich Hass, der zuletzt düstere Rachegefühle auslöst. Le Confident, so der Originaltitel, bedeutet wörtlich ‹Der Vertraute› oder Mitwisser, und genau darum geht es auch in diesem Roman. Die streng geheim gehaltene Leihmutterschaft mündet hier in einen erbitterten Krieg der beiden beteiligten Frauen um das Kind, das auf diesem unkonventionellen Wege entstanden ist.
Der Roman beginnt mit dem vorangestellten Hinweis ‹Paris 1975›: «Eines Tages bekam ich einen Brief. Einen langen Brief ohne Unterschrift.» Die 35jährige Verlegerin Camille findet unter den Beileidsbriefen zum Tode ihrer Mutter Annie einen längeren Text, der sich mit der einstigen Leihmutterschaft ihrer verstorbenen Mutter beschäftigt und mit Louis unterschieben ist. Immer mehr solcher Briefe folgen, sie rätselt, wer der Briefschreiber ist und warum er ihr schreibt. Es geht in diesen Briefen um die junge Malerin Annie, die vor dem Zweiten Weltkrieg aus der Champagne nach Paris gekommen ist, um dort Malerei zu studieren, und die in der zehn Jahre älteren Madame M eine wohlhabende Gönnerin findet. Die schenkt ihr nicht nur immer wieder neue Materialien für ihre Kunst, sondern stellt ihr auch einen Raum in ihrer großzügigen Wohnung als Atelier zur Verfügung und engagiert einen bekannten Künstler als Lehrer für sie. Als Madame M ihr in einem vertraulich en Gespräch ihre Verzweiflung darüber gesteht, dass sie offensichtlich keine Kinder bekommen kann, macht Annie ihr spontan das Angebot, für sie als Leihmutter ein Kind auszutragen. Auch der überraschte Ehemann ist schließlich bereit, seiner Frau auf diesem ziemlich ungewöhnlichen Wege ihren sehnlichen Kinderwunsch zu erfüllen.
Mit «Die Ahnung» ist ein diesem Roman stimmig vorangestelltes Zitat von Frederico Garcia Lorca übertitelt, und tatsächlich ahnt man als Leser im Verlauf der Geschichte sehr schnell, dass die hoffnungsvoll arrangierte, streng geheime Leihmutterschaft wahrscheinlich kläglich scheitern wird. Als Annie schließlich schwanger ist, zieht Madame M mit ihr in ihr einsam gelegenes Ferienhaus und verbirgt sie dort vor allen Leuten. Sie selbst aber beginnt, demonstrativ eine eigene Schwangerschaft vorzutäuschen, und als das Kind von Annie als Hausgeburt ohne Hilfe heimlich auf die Welt kommt, gibt Madame M beim Standesamt das Baby als ihr eigenes Kind aus, – und niemand durchschaut den Schwindel!
Erzählt wird all das und die darauf folgenden, erbitterten Kämpfe um das Kind in einem örtlich und zeitlich vielfach verschachtelten Plot aus ganz verschiedenen Perspektiven. In denen werden die diametral entgegenstehenden Vorstellungen und Ansprüche der einstigen engen Freundinnen an die Mutterschaft in aller Schärfe ausgetragen. Es ist seine extreme stilistische Verschachtelung, die diesen Roman als Lektüre überaus schwierig macht. Nach und nach legt die Autorin in ihrem puzzleartigen Plot ein Handlungs-Teilchen an das andere und schließt so die vielen Leerstellen ihrer Geschichte, die dem Leser dann allmählich verständlicher werden. Um auch jeden Zweifel zu zerstreuen, dass ihr Roman wirklich keine Herz-Schmerz-Liebes-Geschichte ist, lässt die Autorin ihn ganz unversöhnlich in einem harten, tragischen Ende ausklingen, mit dem man so nicht gerechnet hat als Leser.
Fazit: lesenswert
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Der Unberührbare
Sprachgewaltiger Nicht-Thriller
In seinem Roman «Der Unberührbare» erzählt der irische Schriftsteller John Banville die Lebensgeschichte eines Spions und Doppelagenten, der am Ende seiner konspirativen Karriere auffliegt und ins Bodenlose stürzt. Victor Maskell, Sohn eines protestantischen Bischoffs, als promovierter Kunsthistoriker hoch angesehen, Kurator der königlichen Kunstsammlungen mit verwandtschaftlichen Verbindungen zu den Windsors, wird nach seiner Enttarnung von einer jungen Frau aufgesucht, die ein Buch über ihn schreiben will. Der 72Jährige hält den Inhalt ihrer Gespräche schriftlich fest und schreibt damit quasi nebenbei seine Autobiografie, er rekapituliert als plötzlich geächteter und vereinsamter Mann der britischen Oberklasse sein bewegtes Leben. Darin hat er viele Rollen gespielt, ohne je wirklich Empathie entwickelt zu haben, selbst nicht seiner Frau und seinen Kindern gegenüber. Er hat nichts und niemanden an sich heran gelassen, er war stets «Der Unberührbare». Trotz seiner Thematik ist dieser Roman allerdings alles andere als ein Spionagethriller, soviel vorweg!
Der Schwerpunkt der nicht chronologisch angelegten Erzählung liegt im London Ende der wilden ‹Dreißiger Jahre›, wo der Ich-Erzähler als Mitglied der ‹Guten Gesellschaft› ein Leben in Saus und Braus führt. Als Kunstexperte hat Victor Maskell sich einer intellektuellen Szene angeschlossen, in der wilde Diskussionen auch über politische Themen geführt werden. Die kleine Clique, der er angehört, hält den Kommunismus für die bessere Gesellschaftsform und beginnt, dem russischen Geheimdienst Informationen zu liefern und britische Behörden und Institutionen auszukundschaften. Dabei bleibt der Protagonist auffallend distanziert, für ihn ist die Spionage lediglich eine Möglichkeit, etwas Leben in seinen langweiligen Alltag als Wissenschaftler zu bringen. Seine introvertierte Art hilft ihm dabei, später auch als Doppelagent viele Kontakte zu beiden Seiten zu halten, ohne dabei aufzufallen.
Auch privat ist er ein Einzelgänger, der erst spät, als über Zwanzigjähriger, die Schwester seines besten Freundes spontan nachts anruft und sie fragt: «Wollen Sie meine Frau werden?» Nach kurzer Bedenkzeit stimmt Vivienne zu. Er erlebt nach der Hochzeit seine Initiation, denn er hatte bisher noch nie Kontakt zu einer Frau. Aber Vivienne hilft ihm lachend über seine Unbeholfenheit hinweg, sie hatte schon etliche Liebhaber. Seine bisher unterdrückte, latente Homosexualität kommt dann allerdings später umso stärker zum Vorschein. Als Schwuler führt er ein geheimes Leben in den entsprechenden Kreisen, das streng geheim bleiben muss, um ihn nicht zu kompromittieren. Aber auch dabei bleibt er rigoros egoistisch, ohne enge und dauerhafte Bindungen einzugehen. Einzig die Kunst, und dabei speziell der französische Barockmaler Nicolas Poussin, berührt ihn wirklich, ist Balsam für seine Seele.
John Banville zeichnet seinen egoistischen Protagonisten als unberechenbar und kaltherzig, wenn er ihn detailreich davon erzählen lässt, wie er zum Spion wurde. In unendlich vielen, alkohollastigen Gesprächen der unnahbaren Hauptfigur erläutert der Autor kenntnisreich die vielen Querverbindungen und Kontakte der Akteure, die ein dichtes Spionagenetz bilden, in dem kaum noch einer den Durchblick hat, selbst die obersten Chargen nicht. Aber so viel da auch erzählt wird, so wenig erfährt der Leser letztendlich wirklich, alles bleibt im Dunstkreis der Geheimagenten und ihrer chiffrierten Sprache. Sein Held, der als kunstbesessen so gar nicht in die eher profane, politische Welt jener Zeit von vor bis nach dem Zweiten Weltkrieg passt, bleibt auch im Verhältnis zum Leser «unberührbar», er ist und bleibt in seiner emotionslosen Art eine zutiefst unsympathische Figur. So wenig also der Plot selbst zu bieten hat, so kontemplativ ist die Art des Erzählens, stilistisch ein Fest geradezu an intellektuellen Gedankengängen. Die alle nachvollziehen zu können fordert volle Aufmerksamkeit, wirkt anschließend dann aber auch sehr bereichend in seiner imponierenden Sprachgewalt.
Fazit: lesenswert
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Lektionen

Es gibt Bücher, die Ausschnitte aus dem Leben eines Menschen zum Thema haben oder gar den gesamten Lebenslauf. Letztere nennt man dann am ehesten Biographien. Es gibt Bücher, die verschiedene Epochen der Weltgeschichte beleuchten. Das sind dann meist Sach- oder Geschichtsbücher. Ian McEwan kam irgendwann auf die Idee, in Lektionen beides über eine lange Zeitachse zu fusionieren. Es wäre nicht Ian McEwan, der britische Schriftsteller, der am Fließband Preise und Ehrentitel einheimst wie einst Walt Disney die Oscars (22!) oder Bayern München deutsche Meisterschaften (33!) und dem nur eine Kleinigkeit fehlt, nämlich der Literatur-Nobelpreis (aber jener hat – wie schon in früheren Rezensionen unschwer erkennbar – mit Literatur schon immer weniger zu tun als mit Politik), also es wäre nicht Ian McEwan, wenn er diese Hercules-Aufgabe nicht mit bekannter Bravour meistern würde. Es ist zusammengefasst ein Highlight der Weltliteratur entstanden, ein Werk mit einer fesselnden, autobiografisch angehauchten Story, aber gleichzeitig auch ein Werk, das fast keine heißen gesellschaftlichen Eisen der letzten sieben oder acht Dekaden und der Neuzeit auslässt und damit jede Menge philosophische Denk-Impulse setzt. An dieser Stelle können die Eiligen also bereits aussteigen.
Die Leserschaft begleitet Roland Baines von seiner Geburt Anfang der 50er Jahre bis ins hohe Alter. Auf 720 Taschenbuchseiten oder in 1,9 MB eBook schlagen einen unendlich viele Erfahrungen in den Bann (von McEwan’s exzellentem Schreibstil ganz zu schweigen).
Nur zwei Beispiele.
Beispiel eins. Im Vordergrund steht die sexuelle Beziehung von Roland zu seiner Klavierlehrerin, welche sich im Alter von 11 Jahren anbahnt und mit 14 Jahren körperlich wird. Diese Erfahrung hat Nachwirkungen bis in seine Sechziger/Siebziger. Ist all das eine strafbare Handlung durch die selbst psychisch auffällige, erst knapp über zwanzig Jahre alte Lehrerin? Spontan würden viele einem gesellschaftlich normierten Reflex folgend sofort ja sagen, aber so einfach macht es einem McEwan nicht.
Beispiel zwei. Nach einem Leben des Sich-treiben-Lassens erhofft sich Baines von der Ehe mit Alissa die ersehnte Stabilisierung. Kleines Häuschen und Vorgarten-Idylle eingeschlossen. Doch vier Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes verschwindet Alissa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, um sich ihre Träume als Schriftstellerin zu erfüllen. Sie möchte dem Schicksal ihrer Mutter entgehen, die als verheißungsvolle Schriftstellerin nach Deutschland kam, aber durch eine Heirat alle hochfliegenden Pläne ad acta legen musste. Und welche für den Rest ihres Lebens unglücklich war („Ich habe das falsche Leben gelebt“).
Was alles steckt alleine in diesem meisterlichen Konstrukt? Von „Regretting Motherhood“ als einem ganz aktuellen Aspekt unserer gesellschaftlichen Gegenwart bis zur ewig gültigen und zeitlosen Frage „Was ist ein glückliches Leben?” und wie erreiche ich dieses.
Sind das die Erfahrungen und „Lektionen“ dieses Buches, die uns den Weg aufzeigen wollen? Mit großer Sicherheit nicht. Niemand kann sich am Ende der Lektüre erdreisten und beurteilen, wessen Leben denn nun glücklicher war – das des fatalistischen Roland Baines, dem das Leben einfach irgendwie passiert, der aus seiner gesellschaftskonformen Passivität, seiner lebenslangen Lethargie fast unmerklich in die senile Depression driftet. Oder das Leben von Alissa, die durch ihre fast schon immense psychische Kraftanstrengung und vielleicht auch durch den Ausbruch aus ihren Mutterpflichten zur weltberühmten Schriftstellerin wird, aber eine Vielzahl anderer Probleme kompensieren muss.
Das gesellschaftliche Denken der jeweiligen Zeit und die jeweiligen historischen Ereignisse bilden für all das das Bühnenbild, das sich mit der Handlung verwebt. Die Kuba-Krise, der Reaktorunfall von Tschernobyl, der Fall der Mauer, die Pandemie und viele andere Ereignisse der Weltgeschichte jener Zeit haben teilweise unmittelbaren Einfluss auf die Geschichte und das Leben und Agieren der Romanfiguren.
Als Leser stellt man sich bei der Lektüre immer wieder zwei Fragen:
Das Buch ist – das gibt Ian McEwan unumwunden zu – stark autobiografisch. Da wird man schon neugierig, was von alledem seinem Leben entspricht und was nicht, ohne dass dies letztendlich wichtig wäre. Ja, es gab den Major als strengen Vater, den verlorenen Bruder und das Klavierzimmer im Internat, aber sonst…?
Und zum anderen: Was sind denn nun die Lektionen oder neudeutsch die Lessons to take home, die Lifehacks? Natürlich kann und will er darauf keine allgemein gültigen Antworten liefern. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Ian McEwan in der „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens (SFR Mediathek oder YouTube), in dem McEwan sich im Gespräch mit Barbara Bleisch am ehesten dahingehend äußert, dass die Lektionen des Lebens die Summe der singulären Erfahrungen sind und dass Glück die Summe der bewusst wahrgenommenen glücklichen Momente ist.
Das ist doch schon eine ganze Menge.
Trio
Drei Romane in einem
Zum umfangreichen Œuvre des schottischen Schriftstellers, Drehbuchautors und Regisseurs William Boyd gehört mit dem Roman «Trio» ein Alterswerk, das er in der ihm vertrauten Szene des Filmgeschäfts sowie auch im Milieu der Autoren und Verlage angesiedelt hat. In drei parallel laufenden Handlungssträngen schildert er am Beispiel seiner drei Protagonisten die Diskrepanz zwischen Innen- und Außen-Wahrnehmung des Menschen, die er als in der unterhaltenden Kunst besonders gravierend beschreibt. Angesiedelt ist dieser Plot im Jahre der gesellschaftlichen Umbrüche 1968. Deren politische Bedeutung wird im Roman deshalb nicht thematisiert, weil ihre Auswirkungen zum Zeitpunkt der revolutionären Ereignisse, wie sie heute historisch gewertet werden, so noch gar nicht absehbar waren.
Fernab von den studentischen Unruhen in Paris wird im südenglischen Seebad Brighton ein Film mit dem künstlerisch eher skeptisch machenden Titel «Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond» gedreht. Nacheinander werden die drei Protagonisten im Roman eingeführt, ihre jeweilige Geschichte wird in drei separaten Handlungsebenen erzählt. Da ist zunächst Talbot, der mit allen Wassern gewaschene, clevere Produzent dieses Films, ein Krisenmanager par excellence, der ahnt, dass sein Co-Produzent ihn ausbooten will. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Privat betätigt er sich klammheimlich mit der Aktfotografie, wobei Männer und Frauen gegen Honorar für ihn Modell stehen. Seine tief in ihm verborgene, homophile Neigung aber lebt er nicht aus, er verdrängt sie, um einen Skandal zu vermeiden.
Die junge amerikanische Schauspielerin Anny spielt in seinem Film die weibliche Hauptrolle. Sie erträgt den Stress der Publicity als umjubelter Star nur mit diversen Medikamenten und wechselnden Liebhabern, zu denen auch ihr Filmpartner gehört. Ihr Ex-Ehemann ist ein vom FBI gesuchter linker Terrorist, der in den USA drei Sprengstoff-Attentate begangen hat. Ihm ist bei einer Vernehmung die Flucht aus dem Gefängnis gelungen. Nun taucht er überraschend in ihrem Hotel auf und fordert Geld von ihr, damit er in ein möglichst weit entferntes Land fliehen kann.
Die dritte Protagonistin ist die mit dem Regisseur des Films unglücklich verheiratete Schriftstellerin Elfrida. Sie hat nach ihrem erfolgreichen Debütroman eine Schreibblockade, die nun schon zehn Jahre andauert und sie zur Alkoholikerin hat werden lassen. Ihr obsessiv gefasster Vorsatz, nun endlich wieder einen Roman zu schreiben, und zwar über den Suizid von Virginia Woolf, scheitet kläglich.. Mit der hatten die Kritiker sie ja einst bei ihrem Debüt euphorisch verglichen. Dieses Thema aber erweist sich jetzt als Debakel, sie kommt über den ersten Absatz einfach nicht hinaus. Die komplizierten Vorgänge beim Filmdreh und die Probleme und kleinen Katastrophen am Set werden in diesem Roman ebenfalls sehr anschaulich geschildert, man bekommt einen interessanten Einblick in die Usancen einer nach außen hin ja glamourösen Branche. Ähnlich bereichernd sind auch die geschilderten Schwierigkeiten von Elfrida, im Wechselspiel mit Verlagen und Agenten ein neues Romanprojekt zu realisieren.
Der turbulente, klug konstruierte und stets eindeutig nachvollziehbare Plot wartet mit vielen überraschenden Wendungen auf, die permanent für Spannung sorgen. Mit vielen Reflexionen über Innen- und Außen-Wahrnehmung demaskiert der Autor psychologisch tiefgründig die menschlichen Verhaltensweisen zwischen sturer Ignoranz und kleinlauter Selbsterkenntnis. Stilistisch angenehm unmanieriert und flüssig lesbar, erzählt der Autor oft in erlebter Rede, womit er die Distanz zu seinen Figuren aufhebt und ihr Innenleben offenlegt. Sie wirken dadurch besonders glaubhaft und realistisch. Als Leser wird man aber leider in der Erwartung enttäuscht, dass die einzelnen Geschichten am Ende zusammen geführt werden, – ein unnötiges Manko. Man hätte die drei Geschichten nämlich auch, jede für sich, als respektablen Roman veröffentlichen können!
Fazit: erfreulich
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Air
Nur der narrativen Ästhetik verpflichtet
«Air», der neue Roman des skandalumwitterten Schweizer Schriftstellers Christian Kracht, weist schon mit seinem surrealistischen Titelbild auf ein zu erwartendes, unkonventionelles Erzählen hin, das Markenzeichen dieses literarisch höchst eigenwilligen Autors. Schon seit dem Hype um sein Debüt «Faserland» zerfällt die Leserschaft in glühende Verehrer und absolute Verächter seiner Kunst, nicht nur, was deren oft verquere Thematik anbelangt. Es ist auch die gewollt wirre, zuweilen kaum nachvollziehbare Art des Erzählens, die derart polarisierend wirkt. Schon der erste Satz von »Air» liefert eine Idee davon, wie alles relativiert wird in diesem dystopischen Roman: «Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich».
Es beginnt mit einem lukrativen Auftrag, den der in einer kleinen schottischen Stadt auf den Orkney Inseln lebende Innenarchitekt Paul von dem angesagten, «leicht spleenigen, sich selbst absichtlich irrelevant machenden Dekorations-Magazin» namens «Küki» bekommt. Es geht darum, das geheime, unterirdische Datenzentrum der amerikanischen Tech-Giganten in einem Fjord Norwegens neu zu streichen Und zwar in einem zur Bedeutung des Ortes perfekt passenden Weiß, wofür Pauls weltweit geschätzte Expertise gefragt ist. Ein zweiter, mittelalterlich anmutender Handlungsstrang führt in eine Parallelwelt und erzählt von dem neunjährigen, elternlosen Mädchen Ildr, das mit Pfeil und Bogen auf der Jagd nach einem Reh im dichten Gebüsch einen ganz in Weiß gekleideten Mann anschließt. Sie zieht ihn auf einer aus Stöcken zusammen gebastelten Bahre einen Kilometer weit durch den Wald bis zu ihrer Hütte und pflegt ihn dort gesund. Er ist auf der Flucht vor den Soldaten des Herrschers und verschanzt sich schließlich mit ihr in einem Kastell, wo Ildr mit der weißen Pistole des Mannes bei einem Ausbruch mehrere Soldaten erschießt, was die anderen in die Flucht schlägt. Als Ildr den Mann fragt, was das denn für eine Waffe sei, erklärt er ihr, sie sei von einem 3D-Drucker gemacht worden, und vorne kämen kleine Kugeln heraus, keine Pfeile.
Hinter allem, was man da liest, versteckt sich narrativ ein doppelter Boden, alles bleibt rätselhaft und entzieht sich immer wieder der Deutung. Dazu tragen auch die vielen Verweise auf die germanische Mythologie bei, ebenso die sich um Künstliche Intelligenz rankenden Fantasien und die deutlichen Hinweise auf Literaten, deren Visionen den Autor erklärtermaßen beeinflusst haben. Selbst Zitate aus Kinderbüchern und bekannten Hollywood-Spielfilmen gehören zu den deutlich erkennbaren Motiven dieses erratischen Romans. Dessen Plot dann aber oft Verwirrungen erzeugt, indem er auch sämtliche zeitlichen Begrenzungen aufhebt. Die Handlung gerät so zu einer unbekümmert hin und her oszillierenden Zeitreise ohne Ziel, alles bleibt provokativ in der Schwebe.
Bei aller Leichtigkeit des Erzählens irritiert letztendlich dann aber doch die völlige Sinnlosigkeit eines nur der narrativen Ästhetik verpflichteten, eskapistischen Romans ohne Inhalt und Bedeutung. Daran ändern auch die vielen sachkundigen Verweise und gegenseitigen Bezüge in diesem Roman nichts. Sie stehen erzählerisch quasi im leeren Raum und künden allenfalls von der Belesenheit des Autors, der sie aber partout in keinerlei Sinnzusammenhang bringen will. Damit wird ein Tummelfeld bereitet für die Exegese dieses Werkes, auf dem fantasiebegabte Fans und realitätsverhaftete Verächter dieses Skandal-Autors munter die Klinge kreuzen können. Und alle haben Recht! Denn mit lebhafter Fantasie lässt sich bekanntlich ja sogar jedes Horoskop verifizieren, – man liest ganz einfach nur das heraus, was man letztendlich wahr haben will. Für Leser mit Bodenhaftung bleibt zu hoffen, dass mit «Air» nicht etwa ein neues Zeitalter der Literatur eingeläutet wird, wie man das fast einhellig jubelnde Feuilleton interpretieren könnte, – das wäre dann sozusagen die Post-Postmoderne!
Fazit: miserabel
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Wackelkontakt

Ein Trauerredner und ein Ex-Mafioso
Der durch seine «Brenner»-Krimis bekannt gewordene, österreichische Schriftsteller Wolf Haas hat mit «Wackelkontakt» einen neuen Roman vorgelegt, der mit einem originellen Plot an seine ebenfalls pikaresken Romane «Das Wetter vor fünfzehn Jahren» oder «Die Verteidigung der Missionarsstellung» anknüpft. Mit einem raffinierten ‹Zwei Romane im Roman›-Konstrukt werden im Wechsel zwei Geschichten mit zwei verschiedenen Protagonisten erzählt, einem Mafioso und einem Trauerredner, die unabhängig voneinander das Buch lesen, welches von dem jeweils Anderen handelt. Wobei vom Layout her das Besondere daran ist, dass diese beiden Erzählungen im laufenden Text ohne äußerlich erkennbare Abgrenzung, oft sogar mitten im Absatz, ganz unvermittelt aufeinanderfolgen. Mit dem Griff nach dem Buch im letzten Satz des einen folgt übergangslos der Text des jeweils anderen Buches, ohne dass es je irritierend wirkt.
In Wien wartet der Trauerredner Franz Escher auf den Elektriker, der in seiner Küche einen Wackelkontakt in einer Steckdose beseitigen soll. Der alleinstehende 50jährige Mann vertreibt sich die Wartezeit mit einem Mafia-Buch, das von dem jungen Mafioso Elio Russo handelt, der als Kronzeuge der Justiz 27 Mafiabosse ausgeliefert hat und nach drei Jahren Gefängnis nun mit neuer Identität ins Ausland flieht. Durch das Zeugenschutz-Programm mit einigem Startkapital ausgestattet, taucht er nach einer seine Identität verschleiernden Gesichtsoperation in Deutschland unter und eröffnet unter seinem neuen Namen Marco Steiner in Duisburg eine Reparatur-Werkstatt für Fahrräder. Als nach fünf Jahren das Geschäft mit italienischen Fahrrädern plötzlich bedrohlich für ihn wird, siedelt er um nach Berlin und spezialisiert sich dort auf E-Bikes. Eines Tages bittet ihn eine junge Frau, die defekte Alarmanlage in ihrem Auto stillzulegen. Zögernd hilft er ihr, verliebt sich, heiratet sie und wird Vater einer Tochter, der sie den Namen Ala geben. Vier Jahre später drängt seine Frau ihn plötzlich, ohne einen Grund zu nennen, zu einem sofortigen Ortswechsel, sie ziehen spontan nach Wien um.
Nach weiteren zehn Jahren wird Ala in der Schule mit dem Thema Ahnenforschung konfrontiert und beginnt unangenehme Fragen zu stellen, weil sie fast gar nichts weiß von ihrem Vater. Neugierig geworden stößt sie auf das Buch, das er als junger Mann im Gefängnis angefangen hatte zu lesen, mit dessen Hilfe er damals Deutsch lernen wollte, das er aber nie zu Ende gelesen hat. Es handelt von dem Trauerredner Franz Escher, der während der Reparatur seiner Steckdose in der Küche ganz in Gedanken den abgeschalteten Sicherungsautomaten wieder eingeschaltet hat, was den Elektriker das Leben kostet. Die Polizei geht von einem Arbeitsunfall aus, aber das Gewissen lässt Escher keine Ruhe, und so versucht er, quasi als moralische Wiedergutmachung, wenigstens den Auftrag für die Trauerrede zu bekommen. Was ihm auch gelingt, aber in dem Gespräch mit der Witwe erfährt er von dem erbitterten Streit des Toten mit seiner 14jährigen Tochter am Vortag des Unglücks, die durch ihre Nachforschungen im Internet die Mafia auf ihre Spur gelenkt hat. Sie wird denn auch prompt entführt, man fordert 3 Millionen Euro Lösegeld für ihre Freilassung. Was Escher zu Höchstleistungen anstachelt, er will sie unbedingt befreien, er fühlt sich mitschuldig.
Es gehe ihm um die Frage der Identität in seinem Roman, hat der Autor erklärt, verdeutlicht an der Figur des Ex-Mafioso Elio/Marko. Eine zweite Thematik seien die Puzzles, denen sich Escher mit Hingabe widmet, Symbol für seinen Wunsch, sich die Welt anzueignen. Dieser formal eigenwillige Roman ohne moralischen oder philosophischen Tiefgang wartet mit einem hohen Unterhaltungswert auf. Bei ihm stehe immer der Tonfall im Vordergrund, hat Wolf Haas im Interview erklärt. Verblüffend ist, wie er es schafft, zwei zeitlich so weit auseinander liegende Geschichten wie die nur wenige Tage dauernde des Trauerredners und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckende des Ex-Mafioso munter hin und her springen und am Ende sogar ineinander fließen zu lassen. Chapeau!
Fazit: erfreulich
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