No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit

No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit

No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit. “Die Neunziger enden am 11. September 2001. An ihrem Beginn fällt die Berliner Mauer, an ihrem Ende fallen zwei Türme in New York City.” Das Jahrzehnt, das so verheißungsvoll begonnen hatte (“Wind of Change”) endet mit einem Vatermord. Denn der Vater Osama Bin Ladens war genau der Bauunternehmer, der in Saudi-Arabien die Architektur Minoru Yamasakis umsetzte. Und in New York die Twin Towers.

Jahrzehnt der Widersprüche

Wem das jetzt schon zu konspirativ klingt, der hat die Neunziger nicht erlebt. Denn tatsächlich war es ein Jahrzehnt der Widersprüche. Nicht nur politisch, sondern auch kulturell-musikalisch. So steht 1993 gleichzeitig für “the year that grunge broke out”, andererseits auch für den weltweiten Durchbruch von Tekkno. Elektronische Musik war plötzlich gefragt, Raves wurden zum Treffpunkt der neuen Jugendkultur und die “Love Parade” in Berlin zählte bald mehr als 1,5 Millionen Besucher:innen. Das Jahrzehnt in dem jeder anders sein wollte und möglichst individualistisch daherkam, verkam zur Uniformierung und Kommerzialisierung der Jugendkultur, wie es bisher noch nie dagesessen war. Denn bald stiegen auch gewisse Sportmarken auf den neuen Jugendtrend des Abtanzens ein. Während Hakim Bei von “temporären autonomen Zonen” schwärmte, entstanden im Osten Deutschlands sog. national befreite Zonen, also das genaue Gegenteil von dem, was auf Tekknopartys (“Unity”) beschworen wurde. Dabei übertraf die Zahl der Aussiedler bei Weitem jene der Asylbewerber, wie Balzer betont. Selbst das deutsche Nachrichtenmagazin SPIEGEL unterlag der neuen Diskurshegemonie und titelte am 9.9.1991 “Flüchtlinge-Aussiedler-Asylanten: Ansturm der Armen”. Wenige Tage später ereigneten sich Hoyerswerda und Rostock, zwei Städte, die so gar nicht in das Bild der neuen Offenheit passten.

Airbag Generation und Two Socks

Aber Lichtermeere gegen Rechts gehörten ebenso zu den Neunzigern, wie die Piercings und Tätowierungen der “Modern Primitives”, die ihr Überleben in kleinen, selbstbezogenen Gemeinschaften erprobten. Selbstreferentialiät und Modifikation des eigenen Körpers führten zu solchen Auswüchsen wie dem vielzitierten Arschgeweih, das in den USA als Tramp Stamp den Feminismus in die Steinzeit zurückbombten. Dazu trugen auch Fernsehserien wie Baywatch bei, auch wenn diese stets unter der Prämisse der Selbstbestimmung der Frau liefen. Der letzte Sieg des Patriarchats? Dieser wurde auch in diversen Talkshows zelebriert, denn obwohl in den Neunzigern jeder ein Außenseiter und etwas Besonderes sein wollte, glichen sich die Drehbücher und wurden mit Laiendarstellern getastet. Nicht zuletzt gingen die Neunziger aber auch als Jahrzehnt des Big Brother und Matrix ein. Denn “1984” wurde mit der Erfindung der mobilen Kommunikation tatsächlich Realität: die Handys machten spätestens Ende des Jahrzehnts als kleine Sendeeinheiten Furore und der gläserne Mensch wurde alsbald so durchsichtig, dass im Grunde genommen jeder von uns als Klon nachproduzierbar wäre. Denn so viele Daten wie noch nie wurden über einen einzelnen Bürger:in im WWW gesammelt. Dabei hatte es mit Two Socks – der Katze Bill Clintons – so harmlos angefangen…

Ob-la-di ob-la-da

Wenn die Siebziger im Zeichen der Innovation standen, die Achtziger im Zeichen der Angst und Apokalypse, dann sind die Neunziger wohl die Aufhebung der beiden. Der Griff ins Archiv wird zum innovativen Kick, Hypertext über alles. Selbst der religiöse Fundamentalismus ist nur ein Widergänger der alten anti-westlichen, anti-aufklärerischen politischen Bewegungen des Nationalsozialismus und Faschismus: Klerikalfaschismus, so Walter Laqueur. Tristesse Royale ist dabei noch ein harmloser Titel. Die Globalisierung hat eben auch diesen Aspekt: “aus einer immer stärker vernetzten und hybrider werdenden Welt verschwindet jenes Eigene, in dem sich Sicherheit und Identität finden”. Darauf gibt es eben unterschiedliche Reaktionen, aber es ist wohl beides legitim, da real. Ob-la-di ob-la-da. Und vielleicht war das Jahrzehnt gerade wegen seiner Widersprüche das freieste, bisher…

No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit

Jens Balzer, geboren 1969, ist Autor und Kolumnist, u.a. für die «Zeit», «Rolling Stone», den Deutschlandfunk und radioeins. Er war stellvertretender Feuilletonchef der «Berliner Zeitung» und kuratiert den Popsalon am Deutschen Theater. 2016 erschien sein vielgelobtes Buch «Pop», 2019 «Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er», über das der «Tagesspiegel» schrieb: «So lehrreich wie unterhaltsam … Am Ende ist man um nie geahnte Erkenntnisse reicher – und wünscht sich, dass sich der Autor bald das nächste Jahrzehnt vornehmen möge.»

Jens Balzer
No Limit. Die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit
2023, Hardcover, 384 Seiten,
ISBN: 978-3-7371-0173-8
Rowohlt Verlag


Genre: Chronologie, Geschichte, Kultur, Musik, Politik, Popkultur
Illustrated by Rowohlt

Die Griechen. Eine Globalgeschichte

Die Griechen – 2000 Jahre Kultur

Die Griechen. Der englische Byzantinist Roderick Beaton legt in seinem mehr als 600-seitigen Werk eine Globalgeschichte über das Kulturvolk der Griechen vor, das schon mehr als 1000 Jahre existiert(e).

Nephelokokkygia – Wolkenkuckucksheim

Im Westen – unter den “Lateinern” oft vergessen – wird oft nicht bedacht, dass das Römische Reich nach seinem Untergang noch beinahe 1000 Jahre weiterlebte: in Konstantinopel, heute besser bekannt als “Istanbul”. Von den griechischen Polis Athen, Sparta, Theben bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen spannt sich der Bogen der vorliegenden Geschichte über die auch als Helenen, Achaier, Danaer, Argiver bekannten europäischen Stadtstaaten, die sich zuerst selbst bekriegten und dann doch gegen die Perser zusammenhielten, um sich später erneut untereinander zu bekriegen. Dabei machten weder die einen noch die anderen sich einen Hehl sich mit dem ehemaligen Erzfeind der Griechen gegen die jeweils anderen Griechen wieder zu verbünden.

Weltkriege – schon damals

Vielleicht deswegen gilt das alte Griechenland unbestritten als die eigentliche Wiege des Abendlandes, Päderast und Sklavenhaltung inbegriffen. Selbst die Olympische Idee geht auf das alte Griechenland zurück, denn die Olympischen Spiele seien schon im Jahr 776 v.Chr. ins Leben gerufen worden sein. Auch der Ostrakismos geht auf die Griechen zurück, abgesehen von unzähligen Philosophen, die noch heute unser Denken beeinflussen. Wie Roderick Beaton treffend beschreibt, wurden schon damals “Weltkriege” (Kapitel 4) ausgetragen, denn Perser gegen Griechen, Ost gegen West, das war ein Match, das noch mehrere Jahrhunderte oder Jahrtausende andauern sollte.

Romaioi, keine Romani

Alexander aus Makedonien gelang es schließlich den Spieß umzudrehen und erobert nicht nur Persien, sondern geleitete seine Truppen noch bis zum Indus. Das “psychopathische Genie” (O-Ton Beaton) hätte es ohne das ideologisch-kulturelle Rüstzeug der Griechen wohl nicht geschafft, so viele Völker zu unterwerfen und das – so schreibt Beaton – obwohl auf der Seite der Perser weit mehr Griechen gegen ihn kämpften als mit ihm. Aber schließlich schwebte ihm in Form des Hellenismus eine Vereinigung von West und Ost vor, ein “Imperium ohne Grenzen”. Konstantin der Große vermochte es mehr als ein halbes Jahrtausend später mit Hilfe einer neuen Religion, des Christentums, ein solches Imperium ohne Grenzen zu errichten, verkörpert seine Herrschaft doch beinahe die größte Ausdehnung der römischen Macht in der Geschichte Westroms. In hoc signo vinces. Allerdings ging das auch ohne Christentum. Denn die größte Ausdehnung war schon unter Trajan, 130 Jahre zuvor.

Ein griechisches Römisches Imperium

Die offizielle Teilung des Reichs erfolgte unter Theodosius I., 395 n.Chr., der die beiden Hälften an seine beiden Söhne weitergab. 476 endete der Westen allerdings und Konstantinopel wurde zur Hauptstadt eines Reiches, in dem immerhin 30 Millionen Menschen lebten. Aber diese Menschen waren Romaioi und keine Romani, wie Beaton betont, ihre Sprache war Griechisch, ihre Religion orthodox. Denn schon damals begann das Schisma. War das Wesen Christi homoousios (vorn derselben Substanz) oder homoioousios (von ähnlicher Substanz) gehörten zu den damaligen Disputen, die ganze Landesteile spalten konnten. 530 war Griechisch durch Justinian zur Staatssprache in Ostrom erklärt worden. Konstantinopel zur “Stadt der Sehnsucht der Welt” geworden.

Fu-lin, “Stadt der Sehnsucht der Welt”

Zu den weiteren Stationen der Spaltung der Welt in Ost und West zählt etwa auch der Ikonoklasmus, der Bilderstreit. Zu den Errungenschaften Ostroms kann aber die friedliche Konversion der Slawenvölker verstanden werden, so Beaton, was im Westteil Europas zur gleichen Zeit mit dem Schwert erzwungen wurde. Damals hätte es allein in der Hauptstadt eine Kirche für jeden Tag des Jahres gegeben, so ein Zeitgenosse. Die Pracht Konstantinopels wurde weit über seine Grenzen besungen und mag wohl auch deswegen den Ehrgeiz so mancher asiatischer Despoten erweckt haben, diese reife Frucht zu pflücken.

Dass es aber schlussendlich die Christen selbst waren, die sich dieser schönsten aller Städte beraubten, das verheimlicht uns auch Roderick Beaton nicht. Denn es war ein vereintes Heer aus Franzosen, Franken, Genuesen, Venezianern u.a., die im sog. Vierten Kreuzzug Konstantinopel plünderten und brandschatzten. Auch wenn es dann noch zweieinhalb Jahrhunderte Bestand hatte, war es seine Seele beraubt worden: von Christen.

Eine epochenübergreifende Erzählung sowie ein lehrreiches Lesevergnügen, das uns sogar mehrmals zeigt, dass der eigentliche Feind nicht der andere oder das Fremde sind, sondern uns zutiefst inmitten wohnt. Ebenfalls im Reclam Verlag erschienen ist eine zweibändige Prachtausgabe zu Homers Ilias und Odyssee. Übers. von Johann Heinrich Voß
Einleitung und Nachworte von Melanie Möller. 2 Bde. geb. im Schuber. Buchformat 12 × 19 cm. Insges. 1054 S.
ISBN: 978-3-15-030085-5

Roderick Beaton
Die Griechen. Eine Globalgeschichte
Deutsche Erstausgabe
Übers. von Ursula Blank-Sangmeister unter Mitarbeit
von Janet Schüffel
Geb. mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Lesebändchen
Format 13,5 × 21,5 cm
605 S. 43 Farbabb. 15 Karten
ISBN: 978-3-15-011007-2
Reclam Verlag
38,00 €


Genre: Geschichte, Globalgeschichte
Illustrated by Reclam Verlag

Helden. Klassische Sagen der Antike

Stephen Fry Helden

Oh Ikarus, Ikarus, mein geliebter Junge. Warum hast du nicht auf mich gehört? Warum musstest du so nah an der Sonne fliegen?“, klagt der Erfinder Daidolos seinen Sohn und sein Schicksal. Viele Väter dürften dieses Lamento schon gehegt haben, denn zumeist ist der Jugend kein Rat der Alten teuer. Dabei könnte man so viel von ihnen lernen!

Götter: personifizierte  Gefühle, Ideen, Impulse

Stephen Fry, der britische Schriftsteller, Schauspieler, Moderator, Kolumnist und Regisseur, legt mit “Helden” die Fortsetzung seiner klassischen Sagen der Antike vor, sie gehört ebenso wie “Mythos” und “Troja” zur Trilogie des fleißigen Mythologen. Wie im Vorgängerwerk habe er darauf geachtet, “die Geschichten ohne Erklärungen oder Deutungen zu erzählen”, wie er im Nachwort schreibt. Denn gerade die Produkte des “kollektiven Unbewussten” bedürften keiner solcher. Schließlich habe der Euhemerismus, die rationalistische Deutung von Mythen, längst bewiesen, dass etwa Troja oder Mykene wirklich existierten. Aber auch die Götter selbst existieren, denn es ist letztendlich egal ob wir die beschriebenen Regungen als “Gott, Impuls oder fixe Idee” bezeichnen, die Griechen seien einfach schlauer gewesen: “Sie zu personifizieren ist ziemlich schlau – vielleicht nicht ausreichend um mit ihnen klarzukommen, aber doch gut genug, um den unkontrollierbaren und unergründlichen Kräften, die uns im Griff haben, Form, Dimension und Charakter zu geben.

Helden ohne Furcht und Tadel

Wenn also Ikaros vom Himmel fällt, weil er mit seinen mit Wachs geklebten Flügeln zu nahe nahe an die Sonne geraten ist, beschreibt dies treffend ein Bild und vermittelt der unter ihm ihn beobachtenden Schiffsmannschaft von Theseus zugleich Trost und Verheißung. Daidolos war es nämlich, der Theseus half, den Minotaurus zu besiegen worauf er von König Minos eingesperrt wurde. Aber dank seines Erfindungsreichtums konnten er und sein Sohn fliehen. Ariadne hingegen bleibt alleine auf Naxos zurück, ein Schicksal da an anderer Stelle weitererzählt werden sollte. Aber was soll man sagen? “Theseus interessierte sich nicht für die Vergangenheit, nur für die Zukunft. Das ist eines der Merkmale von Helden, das sie anziehend und abstoßend zugleich macht.

Die vorliegende Ausgabe ist mit Gemälden aus der Kunstgeschichte illustriert und hat im Anhang zudem ein Register mit Helden und solchen, die es gerne geworden wären. Weitere Geschichten in diesem Band drehen sich um Jason und die Argonauten, den smarten Ödipus und die Sphinx, Perseus und die Perser, Herakles und seine 10-12 Aufgaben, Bellerophon, der mit Hilfe des fliegenden Pferdes Pegasos die Chimäre tötete, Orpheus, der nicht nur singen konnte und Atalante, die sich nur von dem entjungfern ließe, der sie im Wettkampf besiegte.

Stephen Fry
Helden. Die klassischen Sagen der Antike neu erzählt
Übersetzer: Matthias Frings
Gehört zu Die Mythos-Trilogie Bandnummer 2
2020, Paperback, 461 Seiten
ISBN 978-3-351-03481-8
Aufbau Verlag
26,00 €

 


Genre: Geschichte, Heldensagen, Legenden, Mythen, Sagen
Illustrated by Aufbau Berlin

The Secret Teachings of All Ages

Das faszinierende Cover von The Secret Teachings of All Ages

The Secret Teachings of All Ages. Dem Stein der Weisen dürfte wohl niemand je so nahe gekommen sein, wie Manly Palmer Hall, der 1928 erstmals diesen Klassiker publizierte. Der gelernte Philosoph aus Kanada behandelt darin
antike Symbole, verborgene Rituale und arkane Praktiken.

Das Wissen der Alten

Eine Enzyklopädie der verborgenen Lehren und das Wissen der Alten in einer luxuriösen Ausstattung mit vielen Abbildungen und zudem 4 hochwertigen Drucken in einem Portfolio. Die Ausgabe erscheint in zwei Bänden im sog. Baby Sumo Format mit kunstledergebundenem Rücken und Goldfolienprägung. Halls Werk war zu seiner Zeit auch als “Das Großes Buch” bekannt, weil es beinahe das gesamte Wissen der damaligen Welt beinhaltete. Anschauliche Illustrationen des Künstlers J. Augustus Knapp und zusätzliche Abbildungen von Mihran Serailian, die im Begleitband zu finden sind, lassen eine okkulte Welt auch in bunten Farben erstehen und bieten den Leser:innen einen einzigartigen Zugang zu fast 60 Kunstwerken. Qabbala, Alchemie, Tarot, Ceremonial Magic, Neo-Platonische Philosophie, Mystery Religions, und auch die Theorie des Rosicrucianism und der Freemasonry werden in vorliegender Prachtausgabe ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt.

Faith, Honesty, and Common Sense

Die ursprüngliche Idee entstand schon 1923, als der junge Redner aus Los Angeles eine monatelange Reise um die Welt unternahm. Damals noch mit dem Schiff. Hall umrundete Ägypten, China und Indien und vertiefte sich in philosophische und religiöse Geschichten und Praktiken dieser Länder. Sieben Jahre soll er dann an seinem Werk gearbeitet haben, das nun als minutiös restaurierte Version von Halls “Großem Buch” beim TASCHEN Verlag, rund 100 Jahre nach seinem Entstehen, vorgelegt wird. 1934 gründete Hall die Philosophical Research Society (PRS), deren Präsident er bis zu seinem Tod war. Die Philosophical Research Society verfolgt weiterhin seine Mission, die Quellen für all diejenigen zu erforschen, die grundlegendes und praktisches Wissen für das 21. Jahrhundert suchen. Laut ihren Statuten ist die PRS auch heute noch “dedicated to the ensoulment of all arts, sciences, and crafts”. Halls Vermächtnis wird von der PRS mit folgenden Worten zusammengefasst: “With faith, honesty, and common sense we can build a better world than any we have known.

The Secret Teachings of All Ages

Das Begleitbuch ergänzt das Werk mit Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel der Secret Teachings sowie neu entdeckten Kunstwerken, seltenen Fotografien aus Halls Archiven und Essays von den Journalisten Mitch Horowitz und Jessica Hundley.

Manly Palmer Hall
The Secret Teachings of All Ages
Hardcover mit Ausklappseiten im Schuber,
33,5 x 47,5 cm, 356 Seiten, mit Begleitbuch, 23,8 x 32,2 cm, 256 Seiten, beide mit
kunstledergebundenem Rücken und Goldfolienprägung;
4 Drucke in einem Portfolio, je 33,5 x 47,5 cm, Gesamtgewicht 13 kg
ISBN 978-3-8365-8576-7 (Englisch)
TASCHEN Verlag
€ 500 | CHF 500


Genre: Antike, Bildband, Geschichte, Philosophie
Illustrated by Taschen Köln

Ein Tag wird kommen

Giulia Caminito – Ein Tag wird kommen

 

Ein Tag wird kommen. Vergriffen, aber als WAT wieder erhältlich ist diese Geschichte der Römerin, die auch mit “Das Wasser des Sees ist niemals süß” (in 20 Sprachen übersetzt) bei Wagenbach vertreten ist. Caminito ist in Anguillara Sabazia am Lago di Bracciano aufgewachsen. Sie arbeitet auch als Herausgeberin und Lektorin und lebt in Rom.

Italien zwischen Katholiken und Anarchisten

Ein Tag wird kommen” (Original: Un giorno verrà) ist eine italienische Familiengeschichte in Zeiten des aufkeimenden Faschismus. Einer Zeit in der mehr als die Hälfte der Ernte an den Padrone ging. Er entschied auch was Gesetz war, wer am Feld arbeitete, wer heiratete und welche der überzähligen Kinder bleiben durften. Bis eines Tages ein gewisser Lupo beschließt nicht mehr zu arbeiten, auch Petri und Paoletto sowie Gaspare schließen sich an. Bruno der Sozialist lächelt. “Sie lassen uns fürs Paradies bezahlen, sie verlangen Geld von denen die keins haben, für etwas, das nie jemand gesehen hat.” Anhand der beiden Bäckerssöhne Nicola und Lupo, die verschiedener nicht sein könnten, erzählt die Autorin die Lebenswelten zweier verschiedener Brüder, zwischen denen eine Lüge, verborgen hinter Klostermauern, steht. Lupo (ital.:Wolf) adoptiert übrigens einen Wolf, den er Cane (ital.: Hund) nennt. Aber was ihn wirklich an sein Dorf bindet, das er so gerne verlassen würde, ist sein Bruder, der “Krumenbub“, für den er sich verantwortlich fühlt.

Ein Tag wird kommen – als WAT noch erhältlich

Ein Tag wird kommen: un giorno verrà

In den Anmerkungen am Ende ihres Textes erzählt die Autorin auch von ihrem Urgroßvater, der Anarchist war. Er war irgendwo verschollen, aber sie hatte längst beschlossen ein Buch über die Anarchisten in den Marken zu schreiben, ein Buch über Nicola Ugolini und jene wie er, die an die Anarchie geglaubt und das Vorurteil von den Anarchisten als Bombenlegern, sinnlos Gewalttätigen und unheilbringenden Brisanten widerlegten. Aber gleichzeitig hat sie auch ein Buch über die Nonnen des Klosters von Serra und La Moretta (Maria Giuseppina Benvenuti, geboren als Zeinab Alif) geschrieben, den Protestakt des Augusto Masetti, die Settimana Rossi, den Ersten Weltkrieg und das Überlaufen der Sozialisten zur Fraktion der Kriegsbefürworter. Die Spanische Grippe, die revolutionären Bewegungen, die Zensur und auch die Auswanderung nach Amerika spielen ebenso eine Rolle, wie ihre Fantasie, die jene Lügen straft, die nur an die eine Wahrheit glauben. Wer lieber im Original liest, sei auf den Reclam Verlag verwiesen, wo “Caminito, Giulia: Un giorno verrà. Un romanzo di fede, speranza e anarchia” auf Italienisch erschienen ist. Der Untertitel lautet im Original: Ein Roman der Treue, Hoffnung und Anarchie.

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Quartbuch. 2020 272 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-8031-3325-0
Vergriffen. Als WAT-Ausgabe erhältlich.
oder im Original: Un giorno verrà. Un romanzo di fede, speranza e anarchia.
Ital. Hrsg. von Sabrina Maag
Niveau B2 (GER) 347 S.
ISBN: 978-3-15-014122-9


Genre: Geschichte, Roman
Illustrated by Wagenbach

Wandern. 100 Seiten

Gipfelgefühlt und Wundermittel: Wandern

Wandern. 100 Seiten. In der Reihe 100 Seiten des Reclam Verlages ist von der Journalistin und passionierten Wandrerin Nina Ayerle vorliegende Einführung zum Wandern erschienen. Ein Überblick von der Entstehung der internationalen Wanderbewegung bis hin zu den Auswüchsen der Wanderpredigten im Hochgebirge oder Gebirgstheatern.

Runner’s High und Gipfelgefühl

Je höher man steigt, desto einsamer wird es um einen herum. Man ist nur noch mit sich, vielleicht noch mit seiner Wandergruppe und den Bergen“, schreibt die Autorin. Ja, das war einmal… Wandern liegt (leider) im Trend. Aus diesem Grund gibt es auch Empfehlungen über das richtige Verhalten im Hochgebirge. Denn so einfach es scheint, viele haben es immer noch nicht begriffen, dass der Müll den man hinaufträgt von niemandem wieder runtergetragen wird. Er bleibt oben. Siehe Mount Everest mit den unzähligen Sauerstoffflaschen. Also: wer Orangen- oder Bananenschalen liegen lässt, wird sie beim nächsten Gipfelsturm wieder vorfinden. Deswegen gilt immer alles was rauf geht auch wieder mit runternehmen. Aber abgesehen von diesen Auswüchsen des Massentourismus ist Wandern nach wie vor der beste Sport. Denn erstens ist die frische Luft gratis und zweitens braucht man außer gutem Schuhwerk (fast nichts) zu dessen richtiger Ausübung. Als Wandern gilt alles über 6 km/h und über der Durchschnittslänge von 2,29h. Also nicht jedes Spazieren ist gleich Wandern. Erfunden habe es der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) mit seinem Bruder Gherardo. Sie wollten ganz einfach einmal die Welt von oben sehen. In Renaissance und Romantik folgten ihnen einige, aber richtig durchsetzen konnte es sich erst im 19. Jahrhundert, als die Freizeitgesellschaft entstand. Denn lange Zeit war Wandern nur den Reichen vorbehalten, die Armen musste ja bis zu 14h/Tag arbeiten. 1895 gründeten die Sozialdemokraten die Naturfreunde, aber auch die deutschen Wandervögel unter Herman Hoffmann-Fölkersamb (1875-1955) folgten alsbald dem Ruf der Berge. Die Wandervögel waren auch eine Art Protestbewegung: weg von Eltern, Kaiser und Stadt und rein in die Natur. Leider wurde das Wandern durch den sog. Turnvater Jahn und in Folge den Nazis für das völkische Turnen mißbraucht. Aber nach dem Kriege kam es schnell wieder zu einer Renaissance.

Wandern: Ein wahres Wundermittel!

Der Wanderer ist in vielen Hinsichten ein primitiver Mensch, so wie ein Nomade primitiver ist als der Bauer. Die Überwindung der Sesshaftigkeit aber und die Verachtung der Grenzen machen Leute meines Schlages trotzdem zu Wegweisern der Zukunft.“, wusste schon Hermann Hesse (1877-1962). Die Autorin macht auch ein paar Exkurse zum historischen Nomadentum und den sog. Zigeunern, aber auch Flanieren, Pilgern und Wallfahrten gehören für sie ins Spektrum des Wandern. “Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, dichtete schon Goethe und für den Zeit-Schreiberling Tobias Hürter ist Gehen gar “das perfekte Tempo für Körper, Geist und Seele. Ein wahres Wundermittel!“. Am besten drückte es aber wohl Jan Gehl aus: “Beim Gehen geht es um viel mehr als nur Bewegung. Es ermöglicht die Begegnung von Mensch zu Mensch.” Auch in Japan ist das Wandern in Mode gekommen. Dort nennt man es Shinrin Yoku: Waldbaden. Denn die ätherischen Öle die ein Wald absondert wirken wie eine Aromatherapie für Geist und Seele. Wozu also ins Fitnessstudio gehen? Das ist doch nur noch ein Termin! Im Anhang befinden sich weitere Lektüretips zum Thema sowie Abbildungen und Infografiken den Fließtext auflockern. Auch auf praktische Tips zu Kleidung und Ernährung beim Wandern hat Nina Ayerle nicht vergessen.

Ayerle, Nina
Wandern. 100 Seiten
2022, Broschiert. Format 11,4 x 17 cm
100 S. 13 Abb. und Infografiken
ISBN: 978-3-15-020588-4
Reclam Verlag
10,00 €


Genre: Geschichte, Literatur, Monographie, Ratgeber, Reiseführer, Wandern
Illustrated by Reclam Verlag

Triest für Fortgeschrittene

Triest für Fortgeschrittene. Die “südlichste Stadt des Nordens“, war und ist ein Freihafen, der immer schon Venezianer, Griechen, Slowenen, Serben, Juden, Armenier und Norddeutsche sowie allerhand “Abenteurer, Hochstapler und Parvenüs, Künstler, Dichter, Philosophen und Intellektuelle” anzog, schreiben die Autoren, wobei Bernard eher die Texte und Desrues eher die Fotos beisteuerte.

K.u.k. Freihafen Triest

Der Hafen ist auch heute noch der größte Arbeitgeber der Stadt und anscheinend sogar der größte Hafen Italiens unter den zehn bedeutendsten Europas. Der historische “Alte Hafen” wurde kürzlich wieder eröffnet und steht Radfahrern, Joggern und Touristen offen. Die dortige Hydrodynamische Zentrale, die einst die Aufzüge und Kräne antrieb, ist sogar in “giallo Austria“, also dem berühmten Schönbrunn-Gelb gehalten. Bis 1988 stand sie Tag und Nacht in Betrieb und kann heute als Beispiel für eine Ruine des Industriezeitalters besichtigt werden. Aber der Alte Hafen (“porto vecchio“) hat heute wieder eine blendende Zukunft: Museen sollen dort angesiedelt werden, die auch die Geschichte der und des Vertriebenen erzählen werden. Das kleine Wahrzeichen des Hafens, der Kran Ursus, “la nostra piccola torre Eiffel“, wurde durch die Bora sogar einmal auf’s Meer hinausgetrieben, aber wieder eingefangen. Heute steht er wieder fest im Ponton verankert als Wahrzeichen für eine prosperierende Zukunft Triests.

Triest für Fortgeschrittene

Die Bora bringt uns auch zu einem weiteren wichtigen Charakteristikum der Stadt: erstens sie liegt am Meer und zweitens es bläst ständig ein Wind. Die Bora entsteht durch die Mischung der warmen Luft des Landesinneren mit jener kalten des Meeres. Sie bläst teilweise über 100km/h und es wird geraten, sich anzuhalten. Wer etwa den Hausberg Triests besteigt, wird dankbar über die eisernen Handläufe sein, die an den dortigen Häusern angebracht sind. Aber man kann auch die Tramway nach Opicina nehmen, die einzige der Welt, die auf einen Berg und gleichzeitig in ein anderes Land führt. Wer lieber in die andere Richtung geht oder fährt, landet auf einem der Badeplätze Triests, denn genau diese Stadt ohne Sandstrand war es, die erstmals 1824 das Baden im Meer institutionalisierte, so die Autoren.

Insidertipps für Triestliebhaber

Neben Tipps für Fischrestaurants und den besten Badeplätzen, wartet der vorliegende intelligente Reiseführer auch mit eigenen Kapiteln zum Triestiner Dialekt, der Fauna und Flora, Buschenschanken und Buffets, Märkte, Kaffee, Habsburger, Museen und Übernachtungsmöglichkeiten auf. Als Appetitanreger und Einführung in das Triester Leben und seine Geschichte und Kultur empfehle ich das Kapitel “Die Blaue Tram” über die Strassenbahnlinie 2 nach Opicina. Obwohl die Tram 2016 wegen eines Unfalls eingestellt wurde, zeigt diese Erzählung alles das, was Triest den Besucherinnen und Besuchern zu bieten hat. 2022 soll sie ohnehin wiedereröffnet werden und so wird auch eine der spektakulärsten Aussichten auf Triest und das Hafenbecken wieder ermöglicht. Wer also von Triest mehr als nur die prächtige Piazza dell’ Unità d’Italia sehen will, liegt mit vorliegender Publikation, die reich und ansprechend illustriert ist, genau richtig. Insidertipps der Triest-Kenner und Slowfood-Experten inklusive.

Die Autoren

Georges Desrues, geboren 1966 in Paris, aufgewachsen in Wien, lebt als freier Autor und Fotoreporter seit fünfzehn Jahren in Italien, die letzten fünf davon in Triest. Spezialgebiete sind Reisen, Essen und Trinken sowie Landwirtschaft. Zahlreiche Publikationen im In- und Ausland, darunter in „Profil“, „Der Standard“, „Die Welt“, „Gourmet Traveler“, „Welt am Sonntag“, „Port Culinaire“, „A la Carte“ und in vielen anderen Medien.

Erich Bernard, geboren 1965, lebt als Architekt und Autor in Wien und Triest. Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zahlreiche kultur- und architekturhistorische Publikationen. Er beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit der Architektur- und Kulturgeschichte von Triest. Gründungspartner von BWM Architekten in Wien. Zu seinen gestalterischen Arbeiten zählen u.a. das Hotel Gilbert, das Gasthaus Figlmüller und das Sacher-Eck in Wien.

Georges Desrues/Erich Bernard
Triest für Fortgeschrittene
2021, Broschur, 16,8 x 24 cm; 192 Seiten
ISBN 978-3-222-13668-9
Styria Verlag
€ 28,00


Genre: Geschichte, Habsburg, Hafenstädte, Italien, Reiseführer, Tourismus
Illustrated by Styria Verlag Graz

Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Besondere Anlässe braucht Helga Schubert nicht, die Geschichten sind alle schon da und werden durch eine Beobachtung, eine Begegnung, ein Datum oder eine Zeile freigesetzt und aufgeschrieben. „Wenn ich betrachte, dann muss es um mich herum still sein. Es muss auch in mir still sein. Denn ungehindert dringt das Gemälde, das Menschengesicht, das Gedicht in mich und sagt zu mir: Sieh mich an, höre mir zu, lass dich anrühren, lass dich erinnern an alles, was du schon weißt, was dich erschüttert hat“.

Mein Interesse für das Buch war geweckt, als ich Helga Schuberts Abschiedslobrede auf Angela Merkel in der ZEIT las, sie beide sind DDR-Bürgerinnen, haben eine Heimat im protestantischen Glauben, und beide konnten im vereinten Deutschland aufblühen.

In der ersten der 29 Geschichten erinnerte sie sich an den ersten Ferientag bei der Großmutter in Greifswald, wo sie ihre Schulferien verbrachte. Es gibt noch warmen Streuselkuchen, der ihr serviert wurde, wenn sie in der Hängematte aufwachte. Der Abschied von der Mutter war leichtgefallen, die musste immer viel arbeiten, der Abschied fand telefonisch statt: Das Kind musste die Zensuren rapportieren und alles, was keine Eins war, war rechtfertigungspflichtig.

Dann begleiten wir sie in ihrem Leben als Schriftstellerin der DDR, sie „durfte“ mehr als andere Staatsbürger, sogar in den Westen reisen, wenn Einladungen zu Schriftstellertreffen kamen. Selbstverständlich war nichts, etwa ein Auftritt mit Herta Müller im Goethe Institut in Brüssel: undenkbar!

Auch als Westberlinerin lernte ich neues aus der DDR, weiß nun, was ein Ulb ist: der Zeitraum, den es braucht, das Radio auszustellen, wenn Walter Ulbricht spricht. Später wurde es ein Schnitz (vom schwarzen Kanal).

Helga Schubert lebt im Hier und Jetzt, sie altert bewusst, immer bezieht sie ihre Mitmenschen ein, reflektiert Begegnungen. Das sind neben dem Ehepartner die Nachbarn, Pflegekräfte, die Hausbesuche machen, oder Gemeindemitglieder, oder Reisepartnerinnen bei Fastenkuren.

Im christlichen Glauben sucht und findet sie wenigstens etwas von der Geborgenheit, von der sie nicht genug bekommen hat, wer eine so abweisende Mutter wie sie hatte, muss wohl immer weitersuchen.

Als Psychotherapeutin weiß sie, dass man Hilfe suchen und annehmen muss, so findet sie Trost in manchen Kirchenliedern, und fühlt sich wie eine Studentin, wenn eine Pastorin ihr das vierte Gebot erklärt: Lieben müsse man die Eltern nicht, sie sind zu respektieren, und das hat sie ja ihr Leben lang gemacht—die Mutter wurde trotz ihrer Garstigkeit von ihr umsorgt, bis sie mit 101 Jahren starb.

Im Buch ist sie achtzig Jahre alt, mit Altersweisheit nimmt sie die Einschränkungen ihres Mannes, aber auch ihrem Selbst wahr. Und sie kann verzeihen: Dem Stasi Offizier, der sich bei ihr entschuldigt und beichtet, wie sehr ihm die Observierung der kirchlichen Friedensbewegung geholfen hatte: Während andere Spitzel gefürchtet hätten, gelyncht zu werden, wusste er, dass ihm nichts Schlimmes drohte, da sie es ernst meinten mit der Gewaltfreiheit.

Als Höhepunkt kann sie der sterbenden Mutter verzeihen: Sie dankt ihr, dass sie als DDR-Bürgerin den westlichen RIAS hören durfte, dass sie ihr erklärt hatte, nicht alles vom Staatsrundfunk zu glauben, und noch anderes mehr.

In Helga Schuberts Geschichten liegt eine große Dankbarkeit an das Leben. Im erwähnten ZEIT Artikel gefiel mir schon der Satz; „Dies ist mein Luxusleben, im Frieden, in der Wärme, ich kann denken, was ich will.“


Genre: DDR, Geschichte, Politik, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by dtv München

Made in Washington

Made in Washington. “Keine andere Nation ist seit 1945 derart rabiat aufgetreten“, schreibt der Mitarbeiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg in seinem Vorwort und die Bilanz der Außenpolitik der Supermacht USA der letzten 100 Jahre fällt in der Tat ernüchternd aus. Keine andere Nation hat mehr Militärstützpunkte als die USA und gibt mehr Geld für Rüstung aus.

Außenpolitik der USA: “ein Hauch von Casino”

In neun Kapiteln beschreibt Greiner die “Obsession in prekärer Nähe zu Hysterie und Paranoia“, die die Außenpolitik der Atommacht Nummer 1 seit ihrem Sieg im Zweiten Weltkrieg kennzeichnet. Mit dem Erstschlag gegen Japan machte sich die USA nämlich zur hegemonialen Weltmacht. Dabei hätte der Krieg auch ohne Atombombe beendet werden können, aber die USA legte schon damals wert auf das Prinzip der Abschreckung. Dafür mussten hunderttausende Japaner ihr Leben lassen. Nur die Sowjetunion konnte ihr noch die Stirn bieten und verhinderte eine monopolare, unilaterale Welt. Die “Redeemer Nation” oder auch “Chosen Country” baute in ihrer Sicherheitspolitik stets auf die eigene Sicherheit und weniger auf eine gemeinsame, wie Greiner ausführt. Darin enthalten waren durchaus auch Erstschläge gegen die Sowjetunion, “Operation Eggnog” war der Codename für einen imaginären gegen die UdSSR. Dabei spielte aber auch eine gute Portion theatralischer Gebärden und Bluffs eine Rolle. Gerade bei Nixon und Kissinger, der betonte: “Wann immer wir Gewalt einsetzen, müssen wir es auf eine leicht hysterische Weise tun“. Auch Psycho-Spiele (Psycho-Operationen, “psyops”) und Störmanöver wurden von den USA angewandt, um den scheinbar allgegenwärtigen Gegner zu verunsichern. “Von lupenreinen Glücksspiel zu sprechen, wäre übertrieben“, kommentiert Greiner, “Aber zumindest ein Hauch von Casino hängt beim Umgang mit Atomwaffen in der Luft.

Eine Sache im Stile der Nazis

Als erste Beispiele der folgenschweren Interventionen nennt Greiner im dritten Kapitel Guatemala und Iran, deren einziges “Verbrechen” darin lag, nationale Interessen zu verfolgen und eine eigene, unabhängige Wirtschaft aufzubauen, um das Vermächtnis des Kolonialismus endlich zu zerschlagen. “More bang for the buck” forderte Präsident Eisenhower von seinem Geheimdienst, der mit Hilfe von covert actions (verdeckten Aktionen), bald auch im Rest der Welt gewählte Regierungen aus den Angeln hob. Aber wie sagte es einer der letzten Präsidenten einmal: “Die USA sind die kriegerischste Nation in der Geschichte der Welt, weil wir andere Länder dazu zwingen wollen, unsere amerikanischen Prinzipien zu übernehmen”, so Jimmy Carter im Frühjahr 2019 vier der Bapistentgemeinde seiner Heimatstadt Plains in Georgia.

Made in Washington

Aufgrund des Glaubens, die USA seien unter allen Nationen der Welt die beste, leiten sich das Missionsbewusstsein und der amerikanische Imperialismus ab. Aber kann dies als Entschuldigung dafür gelten, dass die USA zwischen Mai 1964 und April 1973 2,1 Millionen Tonen Bomben über Laos abwarfen, dieselbe Menge, die man während des Zweiten Weltkriegs gegen sämtliche Zielgebiete in Europa und Asien eingesetzt hatte? Diese Menge an Bomben war ein Drittel der Zerstörungslast die im Laufe des Vietnamkrieges verbraucht wurde (6,7 Millionen Tonnen). Unvorstellbar was diesen Nationen angetan wurde und welche Konsequenzen das für die dortige Bevölkerung hatte. “Es war eine Sache im Stile der Nazis“, äußerte sich ein Vietnamasoldat im Interview mit dem Journalisten Seymour M. Hersh, der die Massaker in My Lai aufgedeckt hatte.

USA und Welt: eine Konfliktbeziehung

Bernd Greiner hat ein spannendes Buch geschrieben und es gut recherchiert. Markige Zitate der Ex-Präsidentn und anderer Beteiligter kommen ebenso zur Sprache wie Zahlen, Daten und Fakten. Dabei bleibt das Buch aber lesenswert und spannend wie ein Roman, der eben leider von der Realität übertroffen wird. Denn “was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben“, das passt tatsächlich auf keine Kuhhaut mehr. Das Sündenregister einer Großmacht, die mit ihrer “show of force” selbstherrlich und größenwahnsinnig einen ganzen Planeten zugrunderichtet. Im Namen der Freiheit.

Greiner, Bernd
Made in Washington
Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben
2021, Klappenbroschur, 288 S., mit 9 Abbildungen
ISBN: 978-3-406-77744-8
Bibliografische Reihen
C.H.Beck Paperback
16,95 €


Genre: Außenpolitik, Geschichte, Kubakrise, USA, Vietnam, Zeitgeschichte
Illustrated by C.H. Beck München

11. September 2001

11. September 2001: 20 Jahre nach 9/11 („diese aus der US-Schreibweise des Datums zum Symbol geronnene Chiffre“) ist das Ereignis, das den Beginn des 21. Jahrhunderts markiert, tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, schreibt auch der Autor, seines Zeichens Amerikanist und Professor für Zeitgeschichte. In der Reihe „100 Seiten“ des Reclam-Verlages hat er eine bündige Lektüre verfasst, die sich mit allem um 911 beschäftigt, also sowohl der Vor- als auch der Nachgeschichte.

Das Ereignis des 21. Jahrhunderts

Der 11. September war auch medial ein Ereignis. Eine Stunde nach den Anschlägen wussten 70 Prozent der  Deutschen davon. In Amerika sind es 90 Prozent, aber auch in „Kansas, der Schwäbischen Alb, im australischen Outback, den Favelas von Rio, den Townships von Soweto oder den Glastürmen von Hongkong und Tokio“ wären dieselben Bilder über die Schirme geflimmert. Dabei geschah 9/11 eigentlich im vordigitalen Zeitalter, damals war das Internet noch eher begrenzt und so gehöre der 11. September streng genommen noch zum 20. Jahrhundert, als „robust massenmediale, prädigitale Erfahrung“, wie Gassert schreibt. Der islamistische Terrorismus – damals noch eher ein Nischenphänomen – sei eigentlich vom Westen zur „Kriegspartei“ aufgewertet worden. Denn die Kriegserklärung des saudischen Baulöwen Osama Bin Laden an die USA wurde dankbar angenommen. Schließlich war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ein praktisches Feindbild abhandengekommen. Nun forderte ein einfacher Terrorist die Weltmacht heraus und machte ihr ihren einzigen, kurzen „unipolaren Moment“ in der Weltgeschichte madig.

11. September 2001 oder 911

Aber der islamistische Terrorismus hat sich auch gegen den Islam selbst gewandt. Eine nicht näher definierte Gruppe von Terroristen hatte am 20. November 1979, dem islamischen Neujahrstag, die Große Moschee von Mekka durch 500 schwer bewaffnete Kämpfer überfallen und Tausende von Pilgern als Geisel genommen. Der islamistische Terrorismus begründet seine Absichten auf dem Verrat der Saudischen Eliten, die die heiligen Stätten des Islam von den USA bewachen ließen. Tatsächlich sind die beiden Länder Verbündete, spätestens seit der Operation Desert Storm, die den Überfall des Iraks auf Kuwait zwar rückgängig machte, Saddam Hussein aber weiter im Amt ließ. Dieser metzelte die irakische Opposition nieder und damit war die Glaubwürdigkeit der USA im Nahen Osten ein weiteres Mal untergraben. Philipp Gassert schreibt aber nicht nur über die Drahtzieher des Terrors, den Irakkrieg und die Anschläge selbst, sondern auch über die innenpolitische Opposition in den USA und die Friedensbewegung gegen den Irakkrieg zehn Jahre nach Kuwait. Grafiken, Fotos und Fotos lockern den Fließtext auf, einige Lektüretipps und eine Zeittafel befinden sich im Anhang. Eine Lektüre also, die man lesen sollte, bevor man darüber spricht. Über DAS Ereignis des 21. Jahrhunderts.

Philipp Gassert: September 2001
Originalausgabe
100 S. 12 Abb. und Infografiken
ISBN: 978-3-15-020579-2
Reclam Verlag


Genre: Geschichte, Politik, Religion
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Die Adler Roms, Buch 1-5

Die Adler Roms Buch 1-5: „Fortan werden eure Feinde auch die Feinde Roms sein.“ Pax Romana nannte man diese Formel, die Besiegte zu Verbündeten gegen neue Feinde machte. Es war eine Art Siedlungspolitik, die wesentlich zur Ausbreitung der römischen Kultur beitrug. Es bedeutet auch die Zeit der größten Ausdehnung des römischen Reiches unter Augustus.

Die Adler Roms: Freundschaft wider Willen

Die von Enrico Marini auf gleich fünf Bände angelegte Graphic Novel „Die Adler Roms Buch 1-5“ spielt in der Zeit 753 ab urbe condita, also 753 Jahre seit der Gründung Roms im Jahre 1 v. Chr. Drusus, der einige Stämme Germaniens unterworfen hat, schickt als Pfand für diesen Frieden den Sohn des Häuptlings Sigmar nach Rom. „Arminius“ soll eine römische Erziehung bekommen und wächst unter der strengen Hand des Titus Valerius Falco auf. Er teilt mit dessen Sohn Marcus Freud und Leid und schmiedet so ihre Freundschaft immer mehr aneinander. Schließlich treten sie beide in die römische Legion ein und die eigentliche Erzählung beginnt. „Mein Name ist Herrmann. Mein Vater ist Fürst Sigmar von der Stirps Regia der Cherusker, der die Legionen ruhmreich bekämpft hat… und wenn du mich noch einmal „Sklave“ nennst, werfe ich dich über diese Brüstung.“ Mit diesen harschen Worten und einem Zweikampf lernen sich Gaius Julius Arminius und Marcus Valerius Falco kennen und lieben. Denn eine Freundschaft beginnt oft genau so.

Die Adler Roms: Loyalität des Blutes oder der Erziehung

Im Rom der Zeitenwende begegnen die beiden jungen Männer sowohl dem Wirken des Bacchus wie dem des Pluto. Sie trinken alsbald Bärenblut, um sich auf ewig zu verbinden und ihre Freundschaft für immer zu besiegeln. Das bedeutet, dass sie sich auch Morphea, die thessalische Hexe mit der Maske, teilen und die Illustrationen dazu sind alles andere als jugendfrei. Im Anhang befindet sich ein Glossar aus dem man gebräuchliche römisch-lateinische Begriffe lernen kann. Die weitere Handlung wird noch bis zur berühmten Varusschlacht im Teutoburger Wald nachgezeichnet und bald wird sich für Herrmann die eigentliche Kernfrage stellen: Sind die Verpflichtungen seines Blutes wichtiger oder ist seine Erziehung ausschlaggebend für die Entscheidung, auf welcher Seite er steht. Die Abenteuer-Serie für Erwachsene ist in edler Ausstattung im großformatigen Hardcover erschienen und wird in insgesamt fünf Bänden fortgesetzt.

Enrico Marini

Die Adler Roms, Buch I

2019, Hardcover, 64 Seiten

Alter: ab 14 Jahren

Größe 24,00 x 32,00 cm

ISBN: 978-3-551-79196-2

Carlsen Verlag


Genre: Comic, Geschichte, Graphic Novel
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Die Geheimnisse der Blutgräfin Elisabeth Báthory

Blutgräfin Báthory: „Was? Wenn so eine kleine Menge Blut die Schönheit so sehr zu steigern vermag, welche Wirkung wird erst eintreten, wenn ich mich ganz darin bade?“, soll Elisabeth Báthory laut dem Jesuitenpater László Turóczi einmal gesagt haben. Die sog. Blutgräfin wurde 1988 durch einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde „geehrt“ und 2018 mit diesem Bildband des für mystische Fotografie bekannten Gerald Axelrod. Auf 128 Seiten zeigen 135 Abbildungen Fotografien aus der Slowakei, Österreich und Ungarn Originalschauplätze an denen sie gelebt und gewütet haben soll.

Lady Dracula aka Blutgräfin

„The World Champion Lady Vampyr of All Time“ ist einer der vielen „schmeichelhaften“ Titel, die sich die mit 650 Opfern wohl größte Serienmörderin aller Zeiten, Elisabeth Báthory (1560-1614), posthum erwarb.
„Blut“-Gräfin wurde sie deswegen genannt, weil sie angeblich im Blut der Jungfrauen gebadet habe um ewige Jugend und Schönheit zu erlangen. Sogar Bram Stocker – der Autor von „Dracula“ – soll von ihr inspiriert worden sein, schreibt Axelrod, der auch die Text zu seinem Fotobuch selbst verfasste. Die „Lady Dracula“ beging ihre ersten Morde mit 30. Aber schon mit 25 – nach dem Tode ihrer Schwiegermutter bestrafte sie ihre Diener für kleine Vergehen so streng, dass sie auch vor Folter nicht zurückschreckte. Nach dem Tod ihres Mannes – der auf Grund der Türkenkriege ohnehin schon nicht oft bei ihr weilte – veranstaltete sie dann aber regelrechte Blutorgien, bei denen sie ihre Opfer biss und ihnen auch Fleisch aus dem Gesicht riss.

Báthory: Psychogramm einer Serienkillerin

Gerald Axelrod, der sich gut mit der Quellenlage zur Gräfin vertraut gemacht hat, vermutet, dass vielleicht ein Schneewittchenkomplex für ihr abnormes Verhalten verantwortlich gewesen sein könnte. Dem widerspricht allerdings, dass sie selbst fünf Kinder hatte und sogar eine fürsorgliche Mutter gewesen sein soll. Aber wer mit 11 verlobt und mit 15 verheiratet wird, entwickelt wohl schreckliche Fantasien, um sich von der eigenen traumatischen Vergewaltigung zu befreien. Und da ihr niemand Einhalt bot, konnte sie ihr unheiliges Treiben fast zwei Jahrzehnte lang fortsetzen. Nach ihrer Verhaftung wurden 306 Zeugen befragt und die Verhörprotokolle sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. Die Fotografien in diesem Buch zeigen erstmals ausnahmslos alle Burgen, Schlösser und Orte, an denen sich die Blutgräfin nachweislich aufgehalten hat und das noch dazu in Farbe im Großformat 30,0 x 24,0 cm. Eine Karte sowie ein Quellenverzeichnis schließen diesen prächtigen Fotoband ab.

Gerald Axelrod
Die Geheimnisse der Blutgräfin Elisabeth Báthory
Ihr Leben mit Fotografien aus der Slowakei, Österreich und Ungarn
2018, 128 Seiten, 135 Abbildungen, Hardcover Schutzumschlag, Format: 30,0 x 24,0 cm
Stürtz Verlag Reihe MYTHEN & LEGENDEN
ISBN-13: 978-3-8003-4603-5
19,95 €


Genre: Bildband, Fotografie, Geschichte, Legenden, Mythen
Illustrated by Stürtz