Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik

Voyage, Voyage. Sommerlektüre für den Sommer 2024: voyage, voyage. Der Kulturjournalist und Buchautor André Boße widmet sich darin auf mehr als 300 Seiten der französischen Pop- und Rockmusik. Von den Hits der Yéyé-Jahre über French Pop und Nouvelle Chanson bis hin zu Rock, Electro, Hip-Hop, und Raï. Mit dabei sind u.a. Jane Birkin, Jacques Dutronc, Mylène Farmer, Serge Gainsbourg, Françoise Hardy, MC Solaar, Vanessa Paradis, Zaz und viele andere mehr.

Voyage, Voyage: Nicht nur Chanson(s)

Der Musiktitel auf den der Buchtitel anspielt stammt von “Desireless”, zweifellos einer der beliebtesten französischen Popsongs in Deutschland, wie Boße anmerkt. Es geht darin um nichts anderes als eine Reise, eine Reise zu sich selbst. Ganz so wie der Autor auch in seine eigene Vergangenheit abtaucht, denn damals, als der Hit rauskam, war er gerade 13 und – natürlich – im Frankreich-Urlaub. “Das Herz von `voyage, voyage´ schlägt in Moll“, schreibt er und trifft damit den Punkt, was genau die französische Popmusik so speziell macht: die Melancholie. Fishbac, eine Sängerin dieser Szene drückte es in einem Interview mit dem Autor einmal so aus: “Die Melancholie ist ein bestimmendes Moment unserer kulturellen Identität, das zeige sich auch im französischen Kino und in der Literatur. Während im deutschen Schlager der Trost und bei den Songs des `Great American Songbook´ Träume vermittelt werden.” Einer der herausragendsten Vertreter des Genres ist zweifellos Serge Gainsbourg, sozusagen der Gran Maestro des französischen Pops, auf den sich einige Jahrzehnte auch der Rapper MC Solaar bezog: “Il était une fois dans l’Ouest encore sauvage/Un peintre armé de lettres, un vrai tueur-à-gage…“. Von Pop zu HipHop, Rai, Folk, Chanson, Pop, Rock und Punk reicht auch das Repertoire der vorliegenden Monographie zur Musik des liebsten deutschen Nachbarlandes, Frankreich. Natürlich stehen diese Musikrichtungen nicht ausschließlich für Melancholie, sondern im Gegenteil, auch für sehr viel gute Laune, Sonne, Strand und Meer. Nicht zuletzt wegen des “savoir vivre” wird Frankreich ja auch weltweit so bewundert.

Schmelztiegelsound der Vororte und mehr

Unvergesslich sind natürlich auch die Beiträge von Vladimir Cosma. Mit der Filmmusik zu “Alexandre, der Lebenskünstler” reüssiert er, um dann mit “La Boum – die Fete” durchzustarten und: abzuheben. Die beiden Lieder der ersten zwei Teile werden zu echten Gassenhauern und ohne sie hätte es wohl auch keine La Boum Génération gegeben, wie Boße betont. Immerhin 27 Millionen mal haben sich “Reality” und “Your Eyes” verkauft, allerdings – möchte man bemerken – wohl vor allem darum, weil sie auf englisch und nicht auf französisch gesungen werden. Die Geschichte der deutschen Singlecharts spricht dafür eine andere Sprache. Drei Lieder schafften es dort auf Platz eins: das bereits erwähnte titelgebende “Voyage, Voyage“, “Alors en danse” von Stromae und “Ella, elle l’a” von France Gall. Wer es lieber düsterer hat, wird sich bei Alain Bashung (“Novize”) oder Arno wohlfühlen, dem französischen Tom Waits. Sehr lebensbejahend und freundlich sind auch Les Negresses Vertes oder Les Rita Mitsouko, vor allem aber der Senkrechtstarter Manu Chao. Der Sänger von Mano Negra/Manu Chao wurde 1961 in Paris geboren. Der Sohn eines Intellektuellen, der vor dem Franco-Regime in Spanien nach Frankreich geflüchtet war, singt in “Patchanka”, dem Schmelztiegelsound der Vororte, also auf Französisch, Englisch, Spanisch. Eines der Schlusskapitel widmet sich auch den elektronischen Popphänomenen Daft Punk und Air. Mit “The Virgin Suicides” einem Soundtrack zu einem Coppola Film sei Air genau das gelungen, was die Kernkompetenenzen der französischen Musikkultur enthalte: “die verträumte, verschwommene Schwermut, in der trotz aller Traurigkeit auch ein wenig Hoffnung mitschwingt. Und sei es die Hoffnung auf den Tod“. Womit wir wieder bei der Melancholie wären, die offensichtlich ebenso zum Savoir Vivre gehört wie Sonne, Strand und Meer…

Boße, André:
Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik
Originalausgabe
Klappenbroschur. Format 12,5 × 20,5 cm
2024, 352 S. · 27 Abb.
ISBN: 978-3-15-011468-1
Reclam Verlag
20,00 €


Genre: Biographie, Frankreich, Kunst, Monographie, Musik und Literatur, Popkultur
Illustrated by Reclam Verlag

Nirvana. 100 Seiten.

Nirvana. 100 Seiten

Nirvana. 100 Seiten

Nirvana. 100 Seiten. Am 8. April 1994 wurde die Leiche von Kurt Cobain in seinem Haus gefunden. Sein Todesdatum wurde auf 5. April vordatiert. Er hatte sich mit seiner Browning-Auto-5-Selbstladeflinte in den Mund geschossen. Im Abschiedsbrief zitierte er Neil Young: “It’s better to burn out than to fade away.”

Nirvana: Smells like …deodorant

Auch drei Dekaden nach dem Ende von Nirvana werden ihre Songs fleißig zitiert. Zuletzt etwa “Something in the Way” in The Batman (2022), “Rape Me” in der Erfolgsserie Succession (2018-2023) oder “Come as you are” in Captain Marvel (2019) und nochmals “Something in the Way” in der Serie Yellowjackets (2021ff). Der Leadsänger, der Sohn eines Automechanikers und einer Kellnerin, wuchs in Aberdeen, Washington, einem Kaff mit 20.000 Einwohnern auf, das hauptsächlich von der Holzwirtschaft lebte. Die Autorin beschreibt aber nicht nur den Hintergrund des Leadsängers und Texters von Nirvana, sondern auch jenes der anderen Mitglieder, denn wie sie betont, ist ihre Biographie eine der Band und nicht allein die des Sängers. Außerdem gibt es eigene Features zu den vier wichtigsten Alben von Nirvana, Fotos und nicht zuletzt eine Graphik, die zeigt, wie einflußreich Frauen für die Grunge-Band der Neunziger waren.

30 Jahre Todestag: Nirvana. 100 Seiten

Autorin Caldart unterstellt wiederum Kurt Cobain eine gewisse “Geschlechtsdysphorie”, die ihn auch zur Identifikationsfigur der späteren Queer-Bewegung macht.Immerhin trug er auch Frauenkleider, schminkte sich oder lackierte sich die Fingernägel. Das hatten – mit Verlaub – allerdings schon ein Mick Jagger oder David Bowie in den Siebzigern gemacht. In jedem Fall richtete sich Kurt’s Bestreben gegen den klassischen Rockdudemacho, der sich für ihn z.B. in Axl Rose verkörperte, worauf auch der Disput der beiden gründete. Vor allem das Verhalten von Rocktstars gegenüber Frauen störte Cobain. Böse Zungen behaupten zwar, dass er unter dem Pantoffel von Courtney Love, der Sängerin von Hole, stand, andere wiederum das Gegenteil. Verbürgt ist jedenfalls, dass Nirvana’s größter Hit einer Frau zu verdanken ist: Tobi Vail (Bikini Kill), die damals ein Deo namens “Teen Spirit” verwendete.

Grunge: zwischen Punk und Metal

Am 11. Januar 1992 geschah schließlich das Unmögliche. Das Album Nevermind verdrängte Michael Jacksons “Dangerous” von Platz eins er Billboard-Charts. Das war noch keiner Rockband gelungen, schon gar nicht einer, die in zerschlissenen Jeans und Holzfällhemden auftrat und sich um Konventionen wenig schiss. Dass “Smells like Teen Spirit” auf einem Riff von Bostons “More than a Feeling” beruhte, zeigte nur auf welchen Größen auch eine Band wie Nirvana aufbaute. Beim Reading Auftritt 1992 machten sie sich daraus einen Spaß und verarschten sich selbst mit einer gelungenen Persiflage. Auch das ist in Caldarts Biographie nachzulesen, die die Band zwar nie LIVE gesehen hat, dafür aber ein lebendiges Bild der Grunge-Ikonen in ihrer Reclam 100 Seiten Biographie auferstehen lässt. Nirvana waren so viel mehr als nur eine Band, denn sie veränderten nicht nur das Rockbusiness, sondern auch das Leben von Millionen von Jugendlichen. Umso fataler war wohl die Botschaft, die Kurt Cobain am 5. April 1994 aussandte: “It’s better to burn out than to fade away.

Man sollte sich seine Vorbilder eben mit sehr viel Bedacht aussuchen. Mir gefiel ein Zitat aus seiner eigenen Feder viel besser: “Youth has to challenge things“. Und dafür stand auch Grunge: ein Lebensgefühl zwischen Punk und Metal, between a rock and a hard place…

Caldart, Isabella
Nirvana. 100 Seiten
2024, broschiert. Format 11,4 × 17 cm, 100 S., 13 Abb. und Infografiken
ISBN: 978-3-15-020711-6
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie, Rock
Illustrated by Reclam Verlag

Nachtfrauen

Nachtfrauen. Die beiden Geschwister Mira und Stanko stehen vor einer herausfordernden Aufgabe. Ihre Mutter ist alt und soll auf den Auszug aus ihrem Haus im kärntnerischen Jaundorf vorbereitet werden. Da weder Mira noch Stanko sich um sie kümmern können, wird es für die alte Dame zu gefährlich alleine zu leben.

Nachtfrauen: Verzeihen und Vergeben

Du wirst dich um Mutter kümmern müssen“, sagt ihr Bruder zu ihr. Aber Mira ist längst aus der Enge des Dorfes in die Weite der Großstadt Wien gezogen, wo sie einen Mann und eine Arbeit hat. Sie kann also gar nicht zurückkommen und sie will es auch nicht. Zwischen ihrer Mutter Anni und ihr bestehen immer noch Differenzen, die nun endlich durch einen neuen Besuch beseitigt werden könnten. So packt sie also ihre Koffer und reist zurück ins “Innere ihrer Kindheit“, wie sie sagt: “Sie konnte nicht einmal behaupten, in die Fremde zu reisen, wenn sie nach Hause fuhr, das würde ihr niemand glauben“.

Heimat und Sprache

Wenn sie ihr Dorf besucht, erwarten sie die üblichen Vorwürfe, die jeden “Abtrünnigen” treffen, der sich aufmachte, um ein anderes Leben in der Fremde zu finden. Weggehen kann schließlich jeder, das Schwierige ist doch zu bleiben. Sobald sie sich der Jauntalebene näherte, veränderte sich auch ihre Sprache und ihre Haltung, denn der slowenische Dialekt, den sie in Wien nie benutzt, bestimmt nun auch ihr Denken und Handeln. Die Sprache ihrer Kindheit ist auch die Sprache ihrer Verluste, “über die Mira sich selbst nicht recht im Klaren war“. Eine davon ist ihre Jugendliebe Jurij, dem sie prompt in Jaundorf begegnet.

Schweigen (Klage), Geheimnis (Tat)

Einen interessanten Zugang findet Mira auch zur Wahrheit: “(…) dass es vielleicht besser ist angelogen zu werden, nicht die Wahrheit zu wissen. Wir wollen den anderen immer nackt vor uns sehen, nackt und durchschaubar, das ist doch demütigend, es geht doch darum, miteinander auszukommen oder nicht?”, stellt sie Jurij die Frage der Fragen. Auch er, der bewusst Slowene ist, hat darauf eine Antwort. Denn lange galt die Zweisprachigkeit der Region als Makel, auch darüber schreibt Maja Haderlap im ersten Teil ihres Romans Nachtfrauen, der von drei Generationen Frauen erzählt. Der erste ist ganz Mira gewidmet, der zweite, kürzere Agnes und Anni, also Großmutter und Mutter. Der erste Teil ist eine Erzählung und ein Dilemma, wie es nicht besser formuliert werden könnte. Denn das Zerwürfnis mit ihrer Mutter beruht auf einem Unfall bei dem ihr Vater zu Tode kam.

Bedrängte (Nacht-)Frauen

Dieses Unglück schwelte lange zwischen ihrer Mutter und ihr und vergiftete die Beziehung, dabei war sie damals noch ein Kind und konnte gar nichts dafür, was geschah. Schuldgefühle waren es vielleicht auch, die Mira nach Wien vertrieben, aber immerhin war sie auch die erste Frau, die ihr Dorf verließ. Das tat sie auch für die anderen Frauen, die, die zurückblieben. Denn die alleinstehenden Frauen in Jaundorf litten am meisten unter den zudringlichen Händen der Männer. Aber damals galt die Schweigsamkeit einer Frau noch als noble Eigenschaft und so beschloss auch sie, lieber zu schweigen. Ein Schweigen, das vielleicht mit diesem Roman durchbrochen wird. Stellvertretend für all die Schweigenden.

Ein Roman über Zugehörigkeit, Erinnerungen, Verlust und Entscheidungen, die das Leben beeinflussen. Aber auch ein Roman, der Mut macht, darüber zu sprechen, was unaussprechlich ist.

Maja Haderlap wurde in Bad Eisenkappel / Železna Kapla (Kärnten) geboren. Sie veröffentlichte Lyrik in slowenischer Sprache, ehe sie für einen Auszug aus ihrem Romandebüt Engel des Vergessens 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Weitere renommierte Preise folgten, wie der Max Frisch-Preis 2018 oder der Christine Lavant Preis 2021. Nachtfrauen ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag und stand auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis 2023.

Maja Haderlap
Nachtfrauen. Roman
2023, fester Einband mit Schutzumschlag, 294 Seiten
ISBN: 978-3-518-43133-7
Suhrkamp Verlag
24,00 €


Genre: Biographie, Frauen, Frauengeschichte, Roman, Slowenen, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Die einzige Frau im Raum

Die einzige Frau im Raum. In der Reihe “Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte” sind von derselben Autorin schon Biografien zu Lady Churchill, Mrs Agatha Christie, Frau Einstein u.a. erschienen. In vorliegendem Briefroman erzählt sie die Geschichte der Schauspielerin und Erfinderin Hedwig Eva Maria Kiesler besser bekannt als Hedy Lamarr.

Ikone der Frauenbewegung

“Lady Bluetooth” wurde sie in einer Ausstellung, die ihrem Lebenswerk gewidmet war, genannt. Ihre Zusammenarbeit mit dem Komponisten George Antheil wurde mit dem Ergebnis frequency hopping gesegnet. Dieses frequency hopping stellte die Grundlage für das heutige wifi zur Verfügung. Lamarr wollte es während des Krieges auch der US-Armee zur Verfügung stellen, um Torpedos abzuwehren, allein, die amerikanischen Betonköpfe waren nicht intelligent genug das Potential ihrer Erfindung zu erkennen. Und so ging Hedy Lamarr vorerst als “schönste Frau der Filmgeschichte” in die Annalen ein, bis sich findige Journalist:innen mit ihrem Vermächtnis genauer auseinandersetzten. Ein Ergebnis war auch der Film “Calling Hedy Lamas”, der in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Anthony Lauder entstanden war. Oder später auch “Bombshell”, eine Dokumentation über ihre beiden Karrieren vom ersten Nacktmodell der Filmgeschichte zur Ikone der Frauenbewegung als Erfinderin.

Hedy Lamarr Forever

Marie Benedict widmet sich Hedy Lamarr, die durch ihre Heirat mit einem österreichischen Waffenhändler Zugriff auf die Pläne des Dritten Reichs erlangte. Ein Wissen, das sie später nutzte, um an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Im Jahr 1937 verließ sie ihren gewalttätigen Ehemann und floh über Paris und London nach Hollywood. Dort wurde sie zu Hedy Lamarr, dem weltberühmten Filmstar. Was keiner wusste: Sie war Erfinderin. Und sie hatte eine Idee, die dem Land helfen könnte, die Nazis zu bekämpfen und die moderne Kommunikation zu revolutionieren. Wenn ihr nur jemand zugehört hätte. Der Hype um die schönste Frau der Welt mit Köpfchen reißt also auch mit diesem Briefroman nicht ab. Denn nach einem nach ihr benannten Wissenschaftspreis, einem Theaterstück von Peter Turrini, einem Song von Johnny Depp über sie, zwei Dokumentationen, einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, was kann da noch kommen? Als Ikone der Popkultur gilt sie übrigens auch spätestens nach der Adaptation als Catwoman in der Comicwelt, wie alte Zeichnungen beweisen. Auch Anne Hathaway berief sich auf Lamarr für ihre Interpretation von Catwoman. Oder Disney’s Snow White? Was kann da also noch kommen? Naja, vielleicht das WonderWoman Hedy Lamarr spielt? Sehen Sie hier selbst!

Marie Benedict
Die einzige Frau im Raum. Roman
Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte, Band 4
Übersetzt von: Marieke Heimburger
2023, KiWi-Paperback, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-00492-2
Kiepenheuer & Witsch


Genre: Biographie, Briefe, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

The Addams Family – Das Familienalbum

The Addams Family. “Man sagt, unter uns ist niemand, in dem kein Roman steckt.” Morticia, Gomez, Lurch, das eiskalte Händchen, Onkel Fester, Granny Frump und die lieben Kinderlein Pugsley und Wednesday: das ist die Addams Family! 1600 veröffentlichte Arbeiten gibt es von Charles Addams (1912-1988), die andere Hälfte liegt in privaten Händen oder Sammlungen.

Fröhliche Schauer des Gruselns

Für »The Addams Family: Das Familienalbum« hat Kevin Miserocchi etwa 200 Cartoons zusammengetragen und mit liebevollen Einführungsstories versehen, selbstverständlich für Fans und Neulinge gleichermaßen aufregend. Denn dass die zweite Staffel von “Wednesday” dieser Tage bei Netflix online geht, wäre ohne das Talent und die Inspiration von Charles unmöglich gewesen. Er war es, der die außergewöhnlichste Familie der Welt salonfähig gemacht hat. Die zwischen 1964 und 1966 ausgestrahlte Serie mit vierundsechzig Folgen, die Kinofilme und schließlich Wednesday für die Next Generation schafft Verbindendes zwischen inzwischen drei Generationen. Aber widmen wir uns doch als erstes gleich den beiden lieben Kinderlein, die so alles andere als artige Gesellen sind. Pugsley, der Bruder von Wednesday, hätte ursprünglich “Pubert” heißen sollen, aber dieser Name war eher eine Bezeichnung seines Tuns und wurde von den Produzenten einhellig abgelehnt.

The Addams Family – Das Familienalbum

Da wurde eben Pugsley, ein Fluß in der Bronx zum Namensgeber. Er sitzt vor seiner Spielzeugeisenbahn und lenkt prompt einen Schulbus Kinder auf die Geleise. Auf einem anderen Cartoon sieht man wie er sich hinter einem Busch eine Haiflosse anzieht, während die anderen Kinder im Fluß schwimmen. Aber auch Lurch hat ähnliche Ambitionen. Der zwei Meter Riese ist der wortlose Butler der Familie und kidnappt auch schon mal die kleine Wednesday bevor er sie in den vorbeifahrenden Schulbus wirft. Da ist Granny Frump (dt.: Vogelscheuche) geradezu harmlos, die meiste Zeit rührt sie mit einem Kochlöffeln in einem Gifttopf. Oder holt für ihre Enkerl Weihnachtskekse in Fledermaus- und Totenkopfform aus dem Feuer.

Eine Familie zum Fürchten

Einer der wohl am meisten geliebten und gleichzeitig fiesesten Charaktere ist sicherlich Onkel Fester. Da die Kinder alle anderen Erwachsenen ohnehin Tante oder Onkel nennen, heißt dies nun aber nicht, dass sie irgendwie verwandt wären. Fester geht schon mal fischen (mit Dynamit) oder fährt im Karacho durch das Parkgaragentor – ohne zu zahlen natürlich. Unter der Dusche dreht er “scalding” (brühend) voll auf und öffnet schon mal die Büchse der Pandora an einem belebten Strand. In ein Vogelschutzgebiet fährt er mit einem Kofferraum voller Katzen… Ihm macht eigentlich nur noch das eiskalte Händchen Konkurrenz. Es ist kein Hausangestellter, aber dreht eventuell die Schallplatte um. Ein eigenes Kapitel ist auch anderen, weiteren Verwandten gewidmet. “Ich finde ja bei Strahlung vor allem die Gedanken be(un)ruhigend, dass is in künftigen Generationen zu Mutationen kommt”, meint abschließend Morticia vor dem Kaminfeuer. Und das ja Weihnachten vor der Türe steht, sei noch besonders auf den Cartoon auf der letzen Seite verwiesen, bei dem die versammelte Addams Family am Dach ihres Gruselhauses mit einem siedenden Öltopf steht. Unten vor dem Haustor: die liebe Verwandtschaft.

Köstliches Amüsement erwartet alle Familienmitglieder unterm Weihnachtsbaum mit diesem Familienalbum der Addams Family. Eine gelungene Hommage an einen der größten Humoristen Amerikas und seine berühmt-berüchtigte Schöpfung, die wohl liebenswerteste amerikanische Familie. Frohe Weihnachten!

Kevin Miserocchi (Hg.)
Charles Addams. The Addams Family – Das Familienalbum
Herausgegeben von H. Kevin Miserocchi
Übersetzt von Conny Lösch
2023, Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-95614-567-4
Verlag Antje Kunstmann
Euro 30,00 €


Genre: Biographie, Cartoons, Familiengeschichte, Horror
Illustrated by Verlag Antje Kunstmann

Boulevard der Helden

Boulevard der Helden. 30 biografische Geschichten von Erfolgsautor Michael Köhlmeier, die zuvor in einem Magazin der zugehörigen Verlagsmutter erschienen, sind hier in einem Buch versammelt. Sowohl berühmte Männer und Frauen stellt der Schriftsteller im Porträt vor und zeigt, was sie so außergewöhnlich macht(e). Mit dabei: Wilma Rudolph, Ignaz Semmelweis, Houdini, Mata Hari oder Marilyn Monroe und viele andere mehr.

Helden des Alltags/Albtraums

Die “Mutter Courage des Tabubruchs”, Beate Uhse, war eine der ersten Fliegerpilotinnen der Welt und flog sogar Einsätze für ein Regime, das Gottseidank ein schnelles Ende fand. Dennoch schaffte sie es, sich nach dem Krieg komplett neu zu erfinden indem sie eine Sexartikelshopkette eröffnete. Das verklemmte fast puritanische Nachkriegsdeutschland lernte durch Beate Uhse etwa den Coitus interruptus oder andere Verhütungsmethoden. Auch solche die wirklich funktionierten. In ihrer “Schrift X”, die man in ihren Shops für 50 Pfennig bekam, wurden Herr und Frau Bundesbürger aufgeklärt. Vielleicht bekam sie Jahrzehnte später dafür das Bundesverdienstkreuz? Köhlmeier erzählt pointiert und ohne viel Schnörkel die Geschichte der erfolgreichsten deutschen Unternehmerin und macht Lust auf noch mehr seiner Kurzbiographien, etwa “den Helden schlechthin”. Na, wer könnte da anderes gemeint sein als Humphrey Bogart himself? Köhlmeier beschreibt Bogey als King of Cool, als “Inbegriff der Coolness”, noch bevor es das Wort überhaupt gab. Er stellt ihn auf die Seite von Achill, dem wahren, ungebrochenen Helden, und nicht auf die Seite von Odysseus, dem verschlagenen, listigen Kerl. Das Lied “Don’t Bogart that Joint my Friend” bezieht sich – laut Köhlmeier – übrigens tatsächlich auf Humph. Er hätte sein Zigaretten schon nach ein paar Zügen ausgedrückt, was bei einem Joint doch schade gewesen wäre, so der Liedtext. Laureen Bacall, seine spätere Frau, hätte jedenfalls ordentlich gepfiffen.

Starke Männer und Frauen

Eine kleine Verbeugung vor einem alten Freund ist auch das Porträt über Bilgeri, das Köhlmeier hier vorlegt. Dieser hätte Bärenkräfte entwickelt, als sich in jungen Jahren ein Musikkollege (die beiden spielten damals in einer Band) unter einen Lastwagen legte, der Flügel bekam und abstürzte. Reinhold hätte mit seinen Pranken reingefasst und so ein Leben gerettet. Was wieder beweist, dass wir Menschen zu unglaublichen Taten fähig sind, wenn wir nur wollen. Übermenschliche Kräfte erforderte es wohl auch, als Rudi Dutschke seinen Attentäter in seiner Zelle besuchte. Die Kampagne die die Bildzeitung damals gegen den Studentenführer führte, hatte zu einem Schussattentat geführt, dem Rudi neun Jahre später erlag. Aber er konnte seinem Mörder noch verzeihen. Auch das wohl eine Heldentat im Maßstab Bilgeris. Aber auch unter Diskriminierung mussten viele Helden leiden, wie das Doppelporträt von Ella Fitzgerald und Norman Granz überdeutlich macht. Obwohl die Sängerin Begeisterungsstürme im Orpheum Theatre in New York ausgelöst hatte, durfte sie dort dennoch nicht auf die Toilette. Diese war – wie der ganze Konzertsaal im übrigen – den Weißen vorbehalten. In den USA herrschte damals noch Segregation. Und so wurde für Ella Fitzgerald extra ein Abort auf Rädern organisiert, der hinten im Hof abgestellt wurde.

Boulevard der Helden: 30 moderne Legenden

Michael Köhlmeier erzählt von Stil-Ikonen aus Kunst und Kultur sowie Legenden aus Musik, Sport, Wissenschaft und was sie ausmachte. Eines zeichnete aber wohl alle – ob Sportgrößen, Musiklegenden, Schach-Giganten und Glamour-Stars – aus: sie ertrugen demütig ihr Schicksal. Großes Lesevergnügen eines der besten Erzählerhelden unserer Zeit, Michael Köhlmeier bietet Hintertüren und -treppen zu seinen Ikonen, aber auch Trojanische Pferde. Ein Lesegenuss für Jung und Alt.

Michael Köhlmeier
Boulevard der Helden
2023, 224 Seiten / 120 mm x 200 mm
Benevento Verlag
€ 22.-


Genre: Biographie, Kurzgeschichten, Porträt
Illustrated by Benevento Verlag

50 JAHRE KISS

50 Jahre KISS. Der kanadische Journalist und Autor ist in Metalkreisen kein Unbekannter. Er veröffentlichte unter anderem Bücher zu Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath und Rainbow, aber auch regelmäßig Artikel für den Record Collector, Goldmine und den Metal Hammer. Mit 50 Jahre KISS wird sein Bekanntheitsgrad unweigerlich nach oben schnellen, gehört sie doch zu einer der beliebtesten Hardrock/Metal-Bands der Welt.

Illustrierte Biographie mit ausklappbarer Chronik

Über 300 Fotos und Abbildungen sowie Fotos und Abbildungen von Memorabilia durch die Jahrzehnte und alle Karrierestationen hindurch zeigt Martin Popoff in vorliegender großformatiger Coffee-Table-Edition, der ersten illustrierte Biografie der Band in Deutschland, so der Verlag. Die Zeitreise “50 JAHRE KISS” erscheint rechtzeitig zur angekündigten letzten Deutschland-Tournee der 1973 in New York gegründeten Superband. Natürlich kommen damit auch die fans der Band auf ihre Kosten, die sog. “Kiss-Army”, die schon mal auch kräftig beim Merchandise zulangt: Kiss Bikinis, Kiss-Kondome und Kiss-Särge. Aber das ist noch lange nicht alles! Paul Stanley, Gene Simmons (beide 73), Tommy Thayer (62) und Eric Singer (65) heizten bei ihrem Abschiedskonzert den Fans in der Arena ordentlich ein. Ein Event an das sich viele noch ein weiteres halbes Jahrhundert lang erinnern werden. Dass das letzte Konzert der US-amerikanischen Band ausgerechnet in Deutschland stattfand hat aber auch persönliche Gründe, die in vorliegender Biografie ebenso enthüllt werden, wie viele andere Geheimnisse. Warum zeigt Gene Simmons seine Zunge? Wie lang ist sie wirklich? Hat Paul Stanley deutsche Vorfahren? Diese und viele andere bedeutenden Fragen, werden von Martin Popoff mit links beantwortet. Das wirklich letzte Konzert der Band soll übrigens im Dezember in New York stattfinden. Dort, wo alles anfing. The End of The Road betitelte Tournee endet dort nach 3 Jahren Tournleben.

Abschiedstournee in derzeitiger Besetzung

Wie keine andere Band in der Musikgeschichte dürfen sich Kiss auch über Spitznamen freuen, die von ihrer Maskierung herrühren. So firmiert Paul Stanley schlicht als The Starchild, Gene Simmons schon wesentlich bedrohlicher als The Demon und die anderen Mitglieder als The Spaceman (Ace Frehley und später Tommy Thayer), The Catman (Peter Criss und später Eric Singer) und schließlich noch The Fox (Eric Carr) sowie The Ankh Warrior (Vinnie Vincent). Die diversen Umbesetzungen ließen das Gespann Stanley/Simmons aber stets unberührt und so sorgte das Gespann Starchild und Demon für Kontinuität. Eine vollständige Discocraphie der Band sowie eine ausklappbare Chronik der 50 Meilensteine sorgen zudem für Aufsehen in dieser umwerfenden Würdigung einer der kapitalsten Bands der amerikanischen Musikgeschichte. Mehr als 100 Millionen verkaufte Scheiben können nicht irren. Aber von wegen “End of the Road”: vielleicht kommt es ja doch noch zu einer Wiedervereinigung der Originalmitglieder der Band? Die Abschiedstournee bezog sich ja schließlich nur auf die derzeitige (oben genannte) Besetzung der Band. Schließlich ist man auch mit über 70 noch lange nicht zu alt für Rock’n’roll wie Mick Jagger & Co eben gerade bewiesen haben.

Martin Popoff
50 JAHRE KISS
Die illustrierte Biografie
Übersetzung: Matthias Breusch
Hardcover mit Schutzumschlag, 27 x 23,5 cm
2023, 192 Seiten, mit 6 Seiten ausklappbarem Mittelteil
Durchgehend farbig bebildert
ISBN 978-3-85445-767-1
Hannibal Verlag
€ (D) 35,00 / € (A) 35,00


Genre: Biographie, Rockmusik
Illustrated by Hannibal

Das Stefan Zweig Album

Das Stefan Zweig Album. “Stefan Zweig hat mich zu seinem dauernden Oberhaserl ernannt. Mehr will ich nicht, möge er sich ab und zu eines Unterhaserls erfreuen. Ich gönn ihm die Andere und ihn der anderen. Wenn ich nur immer sein Oberhaserl bin.“, vertraute Friederike von Winternitz ihrem Tagebuch im November 1916 an. Wegen ihm hatte sie sich scheiden lassen, schließlich war Stefan Zweig damals schon ein berühmter Schriftsteller dessen Texte auch international erschienen und übersetzt wurden. Und das Haus am Kapuzinerberg in Salzburg in dem sie mit ihm wohnte war auch nicht ohne.

Sternstunden eines Schriftstellers

Der Kurator und mehrfache Buchautor Oliver Matuschek zeigt in seinem “Familienalbum Stefan Zweig” sowohl private als auch professionelle Seiten des Schriftstellers. 1919 erschien etwa sein Drama “Jeremias”, das zeigte, dass “derjenige, der als der Schwache, der Ängstliche in der Zeit der Begeisterung verachtet wird, in der Stunde der Niederlage sich meist als der einzige erweist, der sie nicht nur erträgt, sondern sie bemeistert” (O-Ton Zweig). “Sternstunden der Menschheit”, 1927 erstmals erschienen, wurde ein weiteres Highlight seiner Karriere und das zu seiner Lebenszeit meistverkaufte Buch. Ein Faksimile zeigt eine Original-Schreibmaschinenseite eines Manuskripts sowie Buchumschläge aus verschiedenen Editionen. 1939 war er laut einer Statistik des Völkerbundes bereits der meistübersetzte Autor der Welt. Allein zwischen 1932 und 1939 erschienen 126 Bände seiner Werke in Übersetzungen, weiß der Matuschek und besonders in Südamerika er zum Star, was mithin ein Grund gewesen sein mag, warum er später dorthin auswanderte oder besser gesagt exilierte. Matuschek erklärt an Beispielen auch die Arbeitsweise des Schriftstellers Zweig und untermauert dies mit einer Vielzahl von Originaldokumenten und Fotos.

Ungeduld des Herzens

Sein erster echter Roman, Marie Antoinette, wurde sogar von Hollywood verfilmt und kam 1938 dort in die Kinos. Ein Foto zeigt den Andrang vor dem Astor Kino. Aber schon im selben Jahr musste Zweig und seine Familie fliehen, den Besitz veräußern und auf eine sichere Ausreise hoffen. Der Großteil des Besitzes ging allerdings verloren und gilt seither als verschollen. Sein letzter Roman in “Österreich” erschein am 30. April 1938: “Ungeduld des Herzens”. Zu diesem Zeitpunkt war Zweigs Heimat, Österreich, als Ostmark bereits Teil des Deutschen Reichs und seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt. Am Grab von Sigmund Freud in London soll Zweig im September 1939 die Trauerrede gehalten haben, bevor er sich schließlich in seiner letzten Heimat, Brasilien, mit seiner zweiten Frau, Lotte, für den Freitod entschied. Hätte er nur noch zwei, drei Jahre Geduld gehabt… Ein Familienalbum mit vielen privaten Fotos, Manuskripten und Briefen bis hin zu Erstausgaben aus aller Welt, die aus einer Vielzahl von privaten und öffentlichen Sammlungen stammen, ein sehr vielfältiges, erstmals zugängliches Bildmaterial. 2008 war Matuschek Kurator der Ausstellung “Die drei Leben des Stefan Zweig” im Deutschen Historischen Museum in Berlin. “Drei Leben – Eine Biographie” erschien 2006. Matuschek arbeitete auch beim Projekt stefanzweig.digital am Literaturarchiv Salzburg mit.

Oliver Matuschek
Das Stefan Zweig Album – Stefan Zweig ins Bild gesetzt
240 Seiten
ISBN-13 9783710901546
30,- EUR


Genre: Bildband, Biographie, Fotobuch, Literatur

Peter Joseph Lenné: Eine Biographie

Das Buch wirkt klein und schlank und ist doch mehr als eine Biografie. Schon der Untertitel verrät: “Mit einer kurzen Geschichte des Landschaftsgartens von seinen englischen Vorbildern bis zum Volkspark.“ Und wir lernen nicht nur über Landschaftsgärten, wir sehen auch Lennés Rolle darin: „Durch ihn wird die Gartenrevolution zur Gartenevolution. Bei ihm beginnt der Übergang in die Moderne mit allen ihren Licht- und Schattenseiten.“ Die Entwicklungsepochen der Landschaftsplanungen werden mit denen der Literatur verglichen, da wird Lenné zum romantischen Gartenpoet, ist mal der Spätromantiker, meist einfach der Landschaftspoet.

Ohff berichtet von der Kindheit als Sohn des Hofgärtners von Brühl, seinen Ausbildungsstätten, etwa in München, der Arbeit in Wien und Paris, die Reisen. Von Hardenberg gelingt es 1816, den jungen Gärtnergesellen an den Preußischen Hof zu rufen.

Als Neuling muss er neben den Altvorderen bestehen, die barocke Schlossgärten für gottgegeben hielten, und da wollte ein Jüngling gerundete statt grader Wege planen, sogar Bäume fällen, wegen der besseren Aussicht! (Dit ham wa ja noch nie jemacht! Höre ich in Erinnerung eigener Tätigkeiten im Öffentlichen Dienst.)

Ohff glänzt nicht nur mit seinem Wissen über Garten- und Landschaftsplanung, er beschreibt Lennés Tricks im Umgang mit seinen Königen und auch mit seinen Kollegen. Lenné muss sich, über die Jahrzehnte, mehrmals auf neue Regenten einstellen. Er hat klare „Verschönerungspläne“ und will deren Umsetzung erreichen.

Er gestaltet die Landschaft, wissend, dass sie auf das menschliche Gemüt eine große Wirkung ausübt. Angestellt ist er als Beamter der preußischen Könige, aber er beginnt früh, über die Grenzen deren Schlossgärten hinaus, die Folgen der Verstädterung gerade für die nicht-adligen Menschen zu sehen, und er versucht, dem gegenzuwirken: Schon 1840 legt er seine „Projectirten Schmuck- und Grenzzüge von Berlin und seiner Umgebung“ vor. Tiergarten, Zoo, Humboldthain werden nach und nach, teils nach seinem Tode von seinen Schülern, umgesetzt. In Magdeburg, Köln und Dresden, um nur einige zu nennen, entstehen öffentlich zugängliche Gärten. Ein Kapitel des Buches heißt: Der Volkspark. Die Idee des Volksparks kommt aus England, später auch die Ballspiele, für die in den Parks Plätze geschaffen wurden.

Bei besonderen Gartenvorhaben kennt Ohff jedes Detail, als Beispiel mag das Projekt von Schloss und Park Babelsberg dienen, wo die übliche Rivalität zu Pückler auch mal zu dessen Obsiegen führte (was ich beim Besuch der Ausstellung vor einigen Jahren nicht verstanden hatte). Augusta, die Gattin des Hausherrn hatte viele, oft wechselnde Vorstellungen, mit denen Pückler, als „Homme de femme par exellence“ besser umgehen konnte als Lenné. Pückler, der selbstbewusste Aristokrat, machte sich zeitlebens gern über Lenné lustig. Schon der Name! Er kommt eigentlich, wie dessen Vorfahren, aus dem französisch sprachigen Belgien: Le nain, (der Zwerg) daraus macht Pückler „laine“ (Wolle).

Zwischendurch wird er als Mensch beschrieben, seine Treue zu „Fritzchen,“ seiner Ehefrau, zu seinen Gefährten, von denen einige zu Duzfreunden werden. Außerdem war er „Frühaufsteher, Weintrinker, mit einer Vorliebe zu Mosel und Rhein, Hundeliebhaber“ insgesamt ein geselliger Mensch, der dazu auch noch gerne sang. Und er unterstützte Arbeitervereinigungen, manche der späteren Tätigkeiten in Berlin, wo er „Buddelpeter“ genannt wurde, werden von Ohff als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschrieben.

Nachdem der Prinzregent Wilhelm 1861 zum König gekrönt wurde, spielten Lennés Verschönerungspläne für die Entwicklung Berlin keine Rolle mehr, Berlin wurde immer mehr zur Steinwüste. Nach seinem Tod wurde Lenné auf dem Bornstedter Friedhof im Bereich des privaten Sello-Friedhofs mit anderen Gärtnern des preußischen Hofes begraben.

Für Lenné begannen die Ehrungen: Ehrendoktor in Breslau und viele andere. Und doch stecken in vielen seiner Werke noch seine „Verschönerungspläne“. „Als Schwärmer ein Praktikus und als Praktikus ein Schwärmer, vollendet er den klassischen Landschaftsgarten, zumindest auf dem Kontinent, und verwandelt ihn gleichzeitig zur Grün-Oase für den luft- und baumhungrigen Menschen der großen Städte.“ Das Buch endet mit einem Gedicht eines ehemaligen Gartendirektors, das Michael Seiler gewidmet ist. Hier die letzten Strophen:

„Laut Stadtplan läuft die Friedrich-Ebert-Straße

Exakt in Flucht der alten Hauptallee;

(hier stand vielleicht einmal die Marmorvase).

Auf Luftaufnahmen kurz nach dem ersten Schnee,

beziehungsweise in der Wachstumsphase,

erkennt man noch die Wege von Lenné.“

Abgerundet wird das Büchlein durch eine Auflistung der Jahreszahlen zur Entwicklung von Landschaftsgärten, denen seiner Biografie, einer Literaturliste und einem Personenregister.

 


Genre: Biographie, Gartenplanung in Berlin/Brandenburg, Volksparks
Illustrated by Jaron Verlag

Cinema Speculation

Cinema Speculation

Cinema Speculation. Kinospekulationen. Quentin Tarantino’s zweites Buch bei Kiepenheuer&Witsch dreht sich um wichtigsten amerikanischen Filme der 1970er Jahre, also das, was gemeinhin als New Hollywood bekannt wurde.

Hollywood Sozialisation in den 70igern

Im “Tiffany” fand der damalige Pimpf (Jahrgang 1963) Tarantino seine geistige Heimat. Denn seine Eltern nahmen ihn schon im Alter von sieben, acht Jahren mit ins Kino und so erlebte er nicht nur die Filme, sondern wie sich Erwachsene beim Betrachten von Filmen in einem dunklen Raum benehmen. Bei einer Vorstellung von “Black Gunn” mit seinem Stiefvater Reggie kam ihm auch sein erstes “S… my D…” über die Lippen. Er war gerade mal zehn Jahre alt und hatte die anderen Zuschauer nachgemacht. Das Tiffany zeigte damals vor allem “gegenkulturelle Filme von 1968 bis 1971“, schreibt Tarantino himself, “sie waren nicht alle gut, aber sie waren alle aufregend“. So etwa “Joe“, eine “rabenschwarze Komödie über das amerikanische Klassensystem” (O-Ton), in der ein Vater so erbost ist über die neue Generation, die Hippies, dass er aufs Versehen sogar seine eigene Tochter erschießt. Wenn der kleine Quentin zu viele Fragen stellte, musste er allerdings beim nächsten Mal zuhause bleiben, so war das mit seinen Eltern ausgemacht.

Film-Diskurse im Auto

Die Autofahrten nach Hause, nach dem Kinobesuch, gehören heute noch zu seinen schönsten Kindheitserinnerungen, weil seien Eltern dabei über die Filme, die sie eben gesehen hatten, diskutierten. So wurde er früh Teil der Erwachsenenwelt und bildete ein bestimmtes kinematographisches Filmgespür heraus, von dem wir heute alle profitieren. Denn sein immenses Film-Wissen setzt Quentin Tarantino, der wohl größte Regisseur der Gegenwart auch bei seinen eigenen Filmen ein. Damals schon hielten seine Klassenkameraden ihn für “mondän“, denn er hatte schon filme gesehen, von denen die anderen Gleichaltrigen nur träumen konnten.

Film-Rezensionen eines Regisseurs

Ob die Filme ihn denn nicht traumatisiert hätten? Seine Mutter antwortete darauf stets, dass sie sich eher Sorgen mache, wenn er die Nachrichten schaue. “Ein Film wird dir nicht wehtun.” Am ehesten hätte ihn der Film “Bambi traumatisierte, schießt Quarantino ironiefrei nach. “Black Gunn” mit Jim Brown wurde schließlich zur Initialzündung für Tarantino. In dem Kino in der Größe des Metropolitan Opera House waren 850 Schwarze und er, 800 davon männlich. “Und ehrlich gesagt war ich danach nicht mehr derselbe.” Die “maskulinste Erfahrung” seines Lebens wurde leider vom Abschied seines Stiefvaters Reggie begleitet, der nach diesem Abend nicht mehr bei seiner Mutter aufgetaucht war. Der Erzähler Tarantino setzt seinen Reigen dann mit ausführlichen Rezensionen seiner Lieblingsfilme fort, die mit so viel Detailinformationen aufwarten, dass man es am besten selbst liest.

New Hollywood and beyond

Der Reigen beginnt mit einer Hymne auf Steve McQueen in “Bullit” (1968), Dirty Harry (1971), Deliverance (1972), The Getaway (1972), The Outfit (1973), Rolling Thunder (1977), Paradise Alley (1978), Escape from Alcatraz (1979), Hardcore (1979), The Funhouse (dt. Das Kabinett des Schreckens, 1981), Sisters (dt. Die Schwestern des Bösen, 1972), Taxi Driver (1976) und eine seiner für dieses Buch titelgebenden Kinospekulationen (“Cinema Speculation”) ist ein Kapitel, in dem er sich dem Funfact widmet, was denn aus Taxi Driver geworden, wenn er tatsächlich Brian de Palma gedreht worden wäre. (Das Drehbuch ging von ihm an Martin Scorsese).

Die Floyd-Fußnote

Weiters ein Kapitel an den “Samurai der zweiten Garde, eine Hommage an Kevin Thomas, das New Hollywood in den Siebzigern, sowie als letztes Kapitel seine “Floyd-Fussnote”. Floyd Ray Wilson war ein Freund der Mitbewohnerin seiner Mutter mit dem Quentin oft über Action- und Blaxploitation-Filme redete. Hier erfahren wir auch sehr viele persönliche Dinge über Quentin Tarantino und auch wem er den großen Erfolg von Django Unchained sowie viel andere seiner größten Erfolge (indirekt) verdankt. Ein freimütiges Bekenntnis, das lesenswert und unterhaltsam auch als weiterführende Lektüre für künftige Drehbuchautoren und Cineasten empfohlen werden kann.

Quentin Tarantino
Cinema Speculation
Übersetzt von: Stephan Kleiner
2022, Hardcover, 400 Seiten
ISBN: 978-3-462-00429-8
Kiepenheuer&Witsch


Genre: Biographie, Film, Hollywood, Kino
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Glaube Hoffnung und Gemetzel

Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Glaube, Hoffnung und Gemetzel. “Hoffnung ist ein Optimismus mit gebrochenem Herzen“, lautet einer der letzten Sätze dieser schonungslos offenen Beichte eines der herzlichsten Rockstars unserer Gegenwart. Erst gegen Ende des vorliegenden Interviewbuches gelingt es dem englischen Journalisten Sean O’Hagan (Guardian, Observer) das Gespräch mit seinem Interviewpartner, Nick Cave, auch auf das zweite Wort im Titel zu lenken. Von Glaube und Gemetzel ist nämlich weit ausführlicher die Rede. Nicht nur weil das vorläufig letzte Album von Nick Cave und Warren Ellis “Carnage” (dt.: Gemetzel) heißt.

Verlust, Trauer und Rastlosigkeit

Jeder Mensch, der es schafft, die magische Grenze der 50 zu überschreiten, wird spätestens dann mit Verlust und Trauer konfrontiert. Diese beiden Gespenster gehören zum Leben wie das Amen zum Gebet. Aber sie müssen nicht unbedingt das Ende bedeuten. Nick Cave, der im selben Jahr nicht nur einen Freund, seine Mutter, seinen Sohn und seine Freundin verlor, weiß am besten wie man damit umzugehen lernt. Kurz vor Drucklegung des Buches starb auch noch ein weiterer Sohn von Nick Cave, wie Sean O’Hagan im Epilog erschüttert vermerkt. Sein Verlust war ein jüngerer Bruder und vielleicht hat genau das die beiden so unterschiedlichen Männer einmal zusammengeführt: gemeinsam zu trauern. Über den Zeitraum des ersten Lockdowns ist durch einige Telefongespräche ein Buch entstanden, das jedem, der trauert, helfen wird, diese zu überwinden.

Arbeit als Antidepressivum

Nick Cave schaffte es sogar die Aufnahmen zu seinem “Skeleton Tree” Album fertigzustellen, da das einzige Antidepressivum das für ihn wirkte, Arbeit war. Das vorletzte Album mit den Bad Seeds enthält eine Menge Songs, die vor dem Tod seines Sohnes Arthur geschrieben wurden, aber dennoch genau auf die Situation nach seinem Tod passen. Es ist, als hätte Nick Cave das vorweggenommen, was später geschah. Andrew Dominik (“Blonde”) machte darüber den beeindruckenden Film “One More Time With Feeling”. Als dann auch noch “Ghosteen” erschien, das vorläufig letzte Album mit den Bad Seeds, kam die Pandemie und vereitelte die groß angelegte Tournee eines Albums, das die Welt so noch nie gehört hatte.

Man in Dark Black

Vor allem nicht von Nick Cave. Und so hatte Sean O’Hagan mehr Zeit den “Man in Dark Black” zu interviewen. Natürlich geht es auch um Kunst, Freiheit, Beziehung, Musik, die Red Hand Files, “In Conversations”, Australien und andere interessante Themen, die von Nick Cave stets mit dem gewohnten Schuss Selbstironie präsentiert werden. Sean O’Hagan, der Nick Cave schon über dreißig Jahre kennt, weiß auch, wie man den Egomanen in die Schranken verweist und so ist eine lesenswerte Lektüre entstanden, die einen Menschen zeigen, der seinen Weg zu Gott selbständig gefunden hat.

Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Es ist ein erschütterndes und gleichzeitig sehr hoffnungsvolles Buch, denn es ist auch viel von Reue und Vergebung die Rede. Man kann den Schmerz den Eltern, die eines ihrer Kinder verlieren, haben, wohl kaum beschreiben, aber sehr wohl nachempfinden, wie es ist, wenn einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde. Jedem ist es vielleicht schon einmal so gegangen, wenn eine Beziehung zu Ende ging, aber was der Verlust eines Kindes bedeutet ist wahrscheinlich unermesslich. Dennoch haben es Susi und Nick geschafft: “Wir haben überlebt, weil wir zusammengeblieben sind. So einfach ist das. Wenn einer hinfiel, hat der andere übernommen. Das war entscheidend.”

Gesunde Egomanie

Denn die meisten Paare die so etwas erleben zerbrechen, machen sich gegenseitig Schuldzuweisungen und Vorwürfe. Also auch das ist ein Wunder. Aber Nick Cave spricht noch von viel mehr Wundern, denn das Trauern kann sehr unterschiedliche und unvorhergesehene Formen annehmen. Bei ihm mündete sie in noch mehr Aktivität und Kreativität, rastlos und egomanisch bestimmt, ja, aber es hilft auch anderen Menschen, wenn einer zeigt, dass man es trotzdem schafft.Und so ist auch “Glaube, Hoffnung und Gemetzel” zu verstehen, als Ermunterung, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Leiden als menschliche Verbindung

Wir erkannten auf eine sehr tiergehende Weise, dass Menschen liebenswürdig waren. Die Menschen sorgten sich um uns. Ich weiß, dass das simplifizierend klingt, vielleicht sogar naiv, aber ich kam zu dem Schluss, dass die Welt am Ende doch nicht so schlecht war – dass letztlich das, was wir für böse halten oder als Sünde bezeichnen, eigentlich Leiden ist.” Und genau das verbindet uns Menschen, denn das Leiden haben wir alle gemeinsam. Man muss sich nur entscheiden, ob man sich auf diese liebende Kraft hinbewegt, die einem Trost spendet, oder lieber zugrunde gehen will. “Niemand hat Kontrolle über die Dinge, die einem zustoßen, aber wir haben die Wahl, wie wir darauf reagieren.”

Ein unvergleichliches, absolut empfehlenswertes Buch, das viel Weisheit enthält und nicht nur an Allerheiligen, dem Tag der Toten, viel Trost über die Verluste und Wunden, die das Leben eines jeden schlägt, bietet.

Nick Cave/Sean O’Hagan
Glaube, Hoffnung und Gemetzel
Übersetzt von: Christian Lux
2022, Hardcover, 336 Seiten
ISBN: 978-3-462-00331-4
Kiepenheuer&Witsch


Genre: Biographie, Interview
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

SILVER MARILYN

Silver Marilyn – neu aufgelegt zum 60. Todestag

Marilyn Monroe. Zum 60. Todestag präsentiert der Schirmer/Mosel Verlag die Film-Diva auf drei Ebenen: Von derEntstehung der Ikone des 20. Jahrhunderts; der Geschichte der internationalen Glamourphotographie der 1950er Jahre, und Marilyn als Mensch hinter dem Mythos erzählt der vorliegende Bildband mit 152 Tafeln in Farbe und Duotone.

Neuauflage mit Extra MM

Die Silver Marilyn erschien 1989 erstmals als Schirmer/Mosel-Produktion und avancierte zum weltweiten Bestseller avanciert. Es zeigt klassische Marilyn-Ikonen der berühmtesten Photographen der Welt – von Avedon bis Weegee – und dazu eine Fülle selten gesehener Aufnahmen versammelt. Für die vorliegende Neuauflage hat die Schauspiel-Kollegin Jane Russell das Vorwort verfasst. Zudem gibt es Marilyn in einem großen Interview, das sie dem befreundeten Journalisten Georges Belmont 1960 gab.

Gegen den Mythos: die echte MM

Hier spricht Marilyn Monroe persönlich und nicht als Kunstfigur und so erweist sich, dass sie durchaus – entgegen ihrem Mythos – als kluge, humorvolle und äußerst eloquente Gesprächspartnerin glänzen kann. Auch wenn sie als Pin-up-Girl anfing und in kurzen 17 Jahren zum Megastar avancierte, änderte sich doch alsbald ihre Eigenwahrnehmung. Auch wenn ihr ihr Publikum dabei erst sehr viel später folgen sollte, kann man sich auch in dieser Ausgabe der Silver Marilyn überzeugen, dass mehr hinter einem Mythos steckt, als man vermutet. Und gerade das macht es so interessant, auch 60 Jahre nach ihrem Abschied, diesen Mythos wieder aufs Neue aufleben zu lassen.

Ikone des alten Milleniums

Dass Marilyn auch im neuen Millennium, das sie nie erlebte, noch nichts von ihren Popularitätswerten eingebüsst hat, beweist nicht zuletzt die Rekordsumme von 195 Millionen Dollar, die Andy Warhols “Shot Sage Blue Marilyn“ kürzlich bei einer Auktion erzielte. Sammler wissen warum.

SILVER MARILYN
Marilyn und die Kamera
Photographien aus den Jahren 1945-1962
Mit einem Vorwort von Jane Russel
und einem Interview von Georges Belmont
248 Seiten, 152 Tafeln in Farbe und Duotone
ISBN 978-3-8296-0952-4
Schirmer/Mosel Verlag
€ 29,80 € (Ö) 30,70 CHF 34,30


Genre: Biographie, Film, Fotografie
Illustrated by schirmer/mosel

Der Traum vom Fremden

Der Traum vom Fremden. „Laufe Gefahr, mein Wort zu brechen und mich selbst zu verraten. Hatte ich nicht geschworen: Keine leeren Worte mehr! Überhaupt keine Worte mehr! Am besten verstummen; Taubstummensprache für die notwendigen Mitteilungen, Gesten, Gebärden – wie jeder Laut Übelkeit in mir hervorruft, ein ganzer Satz mich zum Erbrechen bringt und ein Gedicht – ein Gedicht ist der Tod!“ So hätten die Gedanken von Arthur Rimbaud in Ostafrika 1883 wohl lauten können, denn er hatte der Poesie und Europa abgeschworen und sich als Sklaven- und Waffenhändler bis in den Ogaden durchgeschlagen. Michael Roes nimmt einen ein authentischen Bericht (Rapport nur l’ogadine par M. Arthur Rimbaud), den Rimbaud 1883 über den Ogaden verfasste, als Grundlage für sein Rimbaud-Reflexion: ein fiktives Tagebuch, das durch die letzten Tage des französischen Dichterfürsten führt.

Der Traum vom Fremden

Ist das nicht die Freiheit, die Hölle, die ich gesucht habe? Jeder und niemand, ohne Familie, ohne Heimat oder Herkunft, ein Vagabund, Brisant, eine Wegelagerer, Halsabschneider, Meuchelmördder.” Der Plot handelt von seinem verschwundenen Geschäftspartner Sotiro, den Rimbaud durch eine Mission in den Ogaden retten will. Mit einer kleinen Mannschaft vertrauter Einheimischer dringt er in die noch unerforschte Wildnis vor und versucht, das Unternehmen möglichst nüchtern und wissenschaftlich zu protokollieren. Aber immer Gedanken und Gespenster aus der Vergangenheit drängen sich ihm auf: fiebrige Erinnerungen an die Amour fou mit Paul Verlaine, seine kaum erforschte Zeit bei der Fremdenlegion und seinen Neuanfang in Afrika. Aber auch die neu entdeckte Welt gemahnt ihn an seine Berufung: Die Ogadeni “verfassen über alles und jeden Lieder: sie unterscheiden nicht zwischen einer poetischen und einer nüchtern-sachlichen Sprache. Ihnen gilt Poesie als höchste Erkenntnis“.

Fiktives Tagebuch Arthur Rimbauds in Afrika

Vom 3.Oktober bis zum 11. November 1883 reichen die Eintragungen in das fiktive Tagebuch, das Michael Roes mit viel Einfühlsamkeit und Recherche geschrieben hat. Während sich Arthur Rimbaud in den Jahren 1875-1886 auf seine persönliche Odyssee begab und neben Europa auch Sumatra, Ägypten und Aden bereiste gibt sein verlorener Freund Verlaine eine Sammlung literarischer Studien unter dem Titel “Die verfemten Dichter” heraus. Dadurch erlangt Rimbaud noch zu Lebzeiten eine größere Bekanntheit. Der Handlungsreisende, Kaffeehändler, Teppichhändler und Freiwilliger der niederländischen Armee stirbt schließlich an Knochenkrebs. 1891 führt ihn die Heimreise nach Marseille wo er am 10. November im Alter von nur 37 Jahren stirbt. Der Autor Michael Roes, geboren 1960 in Rhede / Westfalen, ist Autor und Filmemacher, vor allem Dialoge mit nicht-europäischen Kulturen. Seine eigenen Reisen in den Jemen, nach Israel, Algerien, Afghanistan und Mali bilden den Hintergrund für viele seiner Werke.

 

Michael Roes
Der Traum vom Fremden
2021, Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86300-323-4
Albino Verlag
€22.00


Genre: Biographie, Reisen, Tagebuch
Illustrated by Albino

Norman Mailer. Bert Stern. Marilyn Monroe.

Norman Mailer. Bert Stern. Marilyn Monroe.

Norman Mailer. Bert Stern. Marilyn Monroe. Sechs Wochen vor ihrem bis heute mysteriösen Selbstmord entstanden die vorliegenden Aufnahmen von Amerika’s weiblichem Sexsymbol Nr. 1. Ihr Todestag, der 5. August 1962, jährt sich dieses Jahr zum 60. Mal und so
wird die vorliegende Publikation “Norman Mailer. Bert Stern. Marilyn Monroe.” zu einem eindrucksvollen Gedenken
an eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts. Memento mori.

Dreifach legendär:  neue Ausgabe MMs letzter Fotos

Im Bett mit MM…

Als “dreifach legendär” kann der vorliegende TASCHEN Prachtband in Hardcover und Großformat deswegen bezeichnet werden, weil
gleich drei (!) Legenden darin verwickelt sind: der Schriftsteller und Ehemann, der Fotograf und die Leinwandgöttin.
„Dieses Buch sind eigentlich zwei Bücher: eine Biografie und eine Bilder-Retrospektive über eine Schauspielerin, deren größte Liebesaffäre jene mit der Kamera war.“ schreibt Norman Mailer in seiner Biografie Marilyn von 1973. Der TASCHEN Verlag veröffentlicht seinen Originaltext mit Bert Sterns intimen Fotografien aus dem sog. “Last Sitting“, der letzten Fotosession vor ihrem Tod. Seine Marilyn ist aber nicht nur schön, sondern auch tragisch und komplex. Hollywoods größter Star brachte nicht nur die Traumfabrik zum Leuchten.

Marilyn Monroe mit 36

Das dreitägige Vogue-Shooting im Bel-Air Hotel in Los Angeles zeigte die erst 36 Jahre alte Diva als fleischgewordene Inkarnation männlicher Frauenvorstellungen. Der Text von Norman Mailer konterkariert diese Imaginationen mit Schilderungen ihrer trostlosen Kindheit und dem fassungslosen Ende unter mysteriösen Umständen. Als anspruchsvoller Autor (und Ex-Ehemann) will er aber mehr als nur eine bloße Biografie schreiben, vielmehr die “Grenzen der konventionellen Betrachtungsweise” ausloten und das Schema einer konventionellen Biographie überwinden. “Sie wurde am 1. Juni morgens um halb zehn geboren – eine leichte Geburt, die leichteste der drei Entbindungen ihrer Mutter.” Während das Datum ihrer Geburt wohl als richtig angenommen werden kann, stellt sich dennoch auch bei Mailer’s Marilyn Biografie die Frage: Was ist Dichtung, was Wahrheit?

Sex-Symbol wider Willen

Eine Marilyn? Viele!

Marilyn Monroe wurde wie kaum eine andere Geschlechtsgenossin ihrer Epoche auf ein Objekt männlicher Begierde reduziert, das “blonde Dummchen” repräsentierte lange Zeit das Idealbild der meisten Männerphantasien. Dabei gibt es auch Bilder die MM mit dem Ulysses zeigen oder Sätze von ihr wie diesen: “Ich verstehe das nicht ganz, diese Sache mit dem Sex-Symbol … das Schlimme ist, daß ein Sex-Symbol zur Sache wird. Ich will aber keine Sache sein.” Der Fotograf Bert Stern (1929–2013) gilt als einer der größten Porträtfotografen Amerikas, vor allem für Vogue schoss er in den 60er Jahren 200 Seiten pro Jahr. Seine Print-Anzeigen für Smirnoff und seine Porträtserie von Marilyn Monroe sind in die Geschichte eingegangen. Er war der einzige Fotograf den Marilyn Monroe so nahe an sich heranließ, dass er sie sogar nur durch ein weißes Leintuch getrennt fotografieren durfte.

Verführerischer denn je

Darunter war sie wohl wirklich nackt. Was heute als umprofessionell gelten würde, war damals Intimität mit einer Kamera, die wirklich das zeigte, was sie abbildete. Ohne Fotoretusche oder Fotoshop oder wie all die Programm heißen mit denen man heute eine virtuelle Realität kreiert. Der vorliegende Fotoband ist so echt und authentisch wie Fotos einer Celebrity sein können. Ein intimes Porträt, das die Magie zwischen Fotograf und Model nicht nur wiedergibt, sondern zum Leuchten bringt. Auf Bert Sterns Fotos, mit 36 Jahren, sieht MM verführerischer aus als je. Sechs Wochen später lebte sie nicht mehr. Kurzum: eine gelungene Synthese aus literarischem Klassiker und Porträtgalerie in einer wunderschönen Neuausgabe des TASCHEN-Verlages. Zudem gibt es auch eine ebenso verführerische Luxusausgabe.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des TASCHEN Verlages (Copyright)!

Norman Mailer, Bert Stern (Hg.)
Norman Mailer. Bert Stern. Marilyn Monroe.
Hardcover, 28 x 33,8 cm, 2,53 kg, 276 Seiten
ISBN 978-3-8365-9261-1 (Englisch)
TASCHEN Verlag
€ 80 | CHF 100


Genre: Biographie, Essay, Fotobuch, Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Schreib ohne Furcht und viel

Camus – Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Ein Briefwechsel

Schreib ohne Furcht und viel. Was für ein Imperativ! Was für eine Liebesgeschichte! Sagenhafte 1568 Seiten umfasst dieser Briefwechsel – bei Rowohlt erstmals in Buchform – zwischen Albert Camus (1913-1960) und der Schauspielerin Maria Casarès. Eineinhalb Jahrzehnte dauerte ihre Liebesgeschichte, die vielleicht nur durch Camus’ tragischem Unfalltod am 4. Januar 1960 für immer ihr Ende fand. Aber als Zeugnis der Intensität ihrer unvergleichlichen Liebe wird nun der Briefwechsel zwischen den beiden mehr als 60 Jahre später öffentlich zugänglich.

Schreib ohne Furcht und viel

In Frankreich erschien dieser Briefwechsel schon 2017 und wurde geradezu zu einer literarischen Sensation. Ein Vorwort des Schriftstellers Uwe Timm, der in den 1970er Jahren seine Doktorarbeit über Albert Camus schrieb, eröffnet die erstmalige deutschsprachige Ausgabe beim Rowohlt Verlag. Er schreibt auch von dem 1967 zu trauriger Berühmtheit gelangten Studenten Benno Ohnesorg, der ebenfalls ein Camus-Fan war und sogar nach Nordafrika getrampt war, um dort “genau die Landschaft zu erleben, die der Autor so hymnisch in Hochzeit des Lichts beschrieben hat“. Camus und Casarès hatten sich im Frühjahr 1944 im besetzten Paris kennen und lieben gelernt. Er war damals 30, sie immerhin 21. “Ich brauche dich, um mehr als ich selbst zu sein“, schreibt er ihr liebestoll. Er selbst war im Alter von ihr bitter enttäuscht worden, als ihn sein erste Frau betrogen hatte. Außerdem war er als Kind von seiner Großmutter mit einem Ochsenziemer gedemütigt worden.

Solitaire und solidaire

Eine Zeit wird kommen, in der wir trotz aller Schmerzen leicht, fröhlich und aufrichtig sind“, schreibt Camus ihr hoffnungsvoll im Februar 1950. Tatsächlich hatten sich die beiden zwischen 1944 und 1948 wieder trennen müssen, da Camus’ Frau, Francine Faure, zu ihm stieß (sie waren durch den Krieg getrennt worden). Eigentlich begann die Beziehung erst richtig am 6. Juni 1948 als sie sich zufällig am Boulevard Saint-Germain wiedersahen. Wieder ein 6. Juni wie schon 1944 und wieder ein Zufall. Aber auch in den zwölf Jahren ihrer Beziehung waren sie oft getrennt, allerdings nur geographisch. Denn ihre Briefe schmiedeten ein unsichtbares Band, das Zeugnis gibt, wie intensiv eine Liebe auch in Abwesenheit des Geliebten empfunden werden kann. Vielleicht gerade in Abwesenheit des anderen. “Was jeder von uns in seiner Arbeit, seinem Leben etc. Tut, tut er nicht allein Eine Anwesenheit, die nur er spürt, begleitet ihn“, schreibt Camus ihr im selben Brief vom Februar 1950 aus dem auch seine Tochter, Catherine Camus, die ebenfalls ein Vorwort schrieb, zitiert.

“Aye!Que cara de tonta tienes hoy!”

Wenn man sensibel ist, neigt man dazu, Hellsichtigkeit zu nennen, was einen enttäuscht, und Wahrheit alles, was einem schadet. Aber diese Hellsichtigkeit ist genauso blind wie anderes.“, schreibt er ihr 1944 und spricht darin von “dieser Welle, die mich seit gestern trägt” und beschreibt es mit “mein Herz ist voll von Dir“. Dennoch weiß Camus natürlich auch, dass er sich in Geduld üben muss. Schließlich herrscht Krieg und zudem ist er ja noch verheiratet. Sie antwortet ihm: “ich warte darauf, zu existieren, bin nur Verheißung”. Ihre Seligkeit beim Erhalten eines Briefes von Camus lässt ihren Vater ob ihres Anblickes ausrufen: “Aye!Que cara de tonta tienes hoy!” (Oh! Was machst du heute für ein dummes Gesicht!) Eine Seligkeit, die an Schwachsinn grenzt, meint sie. Aber wer kennt das nicht, wenn er/sie verliebt ist?

Liebe in kleinen Dosen

“Ich bin jedes Mal hingerissen, wenn Du mir Deine Liebe schreibst. Ich zittere, und zugleich bricht alles zusammen“, antwortet Camus ihr und zeigt damit, dass es ihm ähnlich geht. Über ihren letzten Brief meint er: “ich lebe, auf seinem Grund, wie ein glückliches Wrack“. Kann man das überhaupt “leben” nennen, ohne den Geliebten zu sein? Jeder, der schon einmal eine Fernbeziehung hatte, weiß, dass gerade durch die Trennung, die Gefühle sich intensivieren. Und vielleicht (er)lebt man sich gerade dadurch selbst mehr. Man wird kühner und dankbarer und wagt Dinge zu sagen, die ansonsten des Alkohols oder anderer Substanzen bedürfte. Hemingway (sie liest ihn gerade) nennt Camus einen Trickser und für die Liebe die sie ihm bereitet bedankt er sich aus tiefsten Herzen. Aber an manchen Tagen weint das Herz dann wieder stundenlang, “trotz den Hoffnungen und Freuden, die ihm versprochen” worden sein mögen. Und an solchen Tagen schreibt man seinem Geliebten oder seiner Geliebten am besten Briefe. Voller Sehnsucht und Leidenschaft. Keine E-Mails.

Albert Camus, Maria Casarès
Schreib ohne Furcht und viel.
Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959
Übersetzt von: Claudia Steinitz, Andrea Spingler, Tobias Scheffel
2021, Hardcover, 1568 Seiten
ISBN: 978-3-498-00131-5
Rowohlt


Genre: Biographie, Briefe, Exil, Fernbeziehung, Frankreich, Krieg, Liebesgeschichte
Illustrated by Rowohlt