100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.
Hollywood meets Vienna (in London)
Vor genau 70 Jahren im Spätsommer 1956 haben sich die Tochter von Sigmund Freud, Anna, und Marilyn Monroe tatsächlich in London Hampstead getroffen: Hollywood meets Vienna in London. Hektor Haarkötter hat sich in mühseliger Kleinarbeit durch alle verfügbaren Aufzeichnungen von Gesprächen, private Notizen beider Frauen, Briefe und Tagebucheinträge, Gedichte und viele andere Hinweise geackert, um die psychoanalytischen Sitzungen (à 50 min/7 Tage) detailreich nacherzählen zu können. Es ist alles Spekulation, gibt der Autor freimütig in seinem Vorwort zu Protokoll, aber dennoch könnte es sich in etwa so abgespielt haben. Marilyn “The Wiggle” Monroe weilte aufgrund der Dreharbeiten zu “Der Prinz und die Tänzerin” in den Londoner Pinewood Studios. Auch Colin Clark hat darüber ein Buch verfasst, wozu sie hier eine Rezension finden. Mit Milton Greene hatte sie sich selbständig gemacht, um mit den Marilyn Monroe Productions endlich von ihrem Image als blondes Dummchen wegzukommen. Ins Parkside House reiste sie damals mit 27 Gepäckstücken, die 861 Pfund wogen, an. Für die Überlast zahlte sie eine Zsatzgebühr von 1187 Dollar, wie Haarkötter weiß, mehr als der Flugpreis für zwei Personen. Anna Freud wiederum lebte in der berühmten 20 Maresfield Gardens Adresse, weil ihr Vater von den Nazis aus Wien vertrieben worden war. Sie hatte dort ebenso wie ihr berühmter Vater eine Praxis, auch wenn sie sich eigentlich für die von ihr und Dorothy Burlingham gegründete Hampstead Child Therapy Clinic engagierte. In der 20 Maresfield Gardens fanden auch die Sitzungen mit MM statt.
Führe mich (nicht) in Versuchung!
Dass Marilyn damals schon Drogen nahm (laut HH zu dieser Zeit Dexamyl) mag nicht weiter überraschen. Auch über ihre Kindheit in insgesamt neun Pflegefamilien weiß man recht gut Bescheid. Wer wirklich ihr Vater war, darüber wurde lange spekuliert, Clark Gable mit dem MM an ihrem Lebensende in “The Misfits” spielte und der zehn Tage nach den Dreharbeiten verstarb, war es jedenfalls nicht. MM hatte dies vermutet, da ein Foto ihres Vaters, das ihre Mutter an der Schlafzimmerwand hängen hatte, diesem ähnelte. Die psychischen Probleme ihrer Großmutter Monroe und ihrer Mutter Gladys Baker sind ebenso bekannt, neu ist vielleicht ihre “zwanghafte Nacktheit”, der sie ungeniert auch vor Fotografen frönte. Sex hatte ihr aufgrund von Kindesmissbrauch zwar nie etwas bedeutet, aber dennoch erfüllte sie so manchem Mann seine Wünsche. Anna Freud wiederum war eventuell Inzest durch ihren Vater ausgesetzt und Zeit ihres Lebens homosexuell, so HH. Auch MM soll etwas mit ihrer Schauspiellehrerin gehabt haben.
Prominentestes Opfer der Psychoanalyse: Marilyn M
Seit Anfang der 50er hatte die prominente Schauspielerin schon einen “shrink“, dass sie Anna Freud aufsuchte, überraschte also nicht. Miss Cheesecake 1951 bezeichnet sich an einem der 7 Tage mit Anna als “Kriegsveteran der Nacht” und in Liebessachen als “Macherin” und formuliert damit eine ganz andere, neue Monroe-Doktrin. Mit einem Vokabular wie ein Seemann brüskiert sie die doch etwas prüde Wienerin dann doch, aber das wird auch sie nicht ganz kalt gelassen haben, wie HH süffisant spekuliert. Marilyn Monroe’s Konversion zum Judentum am 1. Juli 1956 ist doch etwas unbekannt, vor allem aber, dass sie es auch nach ihrer Scheidung von Arthur Miller, weiterhin praktizierte. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil ihres Vermögens an die New Yorker Psychoanalytikerin Marianne Kris, eine Freundin von Anna Freud, ging und diese es wiederum Anna vermachte, die es in ihre Stiftung fließen ließ, mag sich die Frage aufdrängen, ob die Psychoanalyse Marilyn Monroe zum Opfer gemacht hat. Jedenfalls nicht umgekehrt.
100 Jahre Marilyn Monroe
Eine wirklich unterhaltsame Lektüre, die es in sich hat und neue Fragen stellt und viele davon auch beantworten kann. Selbstverständlich ist vieles davon Spekulation, aber das hilft wesentlich beim Weiterdenken. Tabubrüche haben uns immer schon weitergebracht und vielleicht nahm Marilyn Monroe sogar die Wilden Sechziger vorweg? Zur Emanzipation der Frau hat sie jedenfalls wesentlich beigetragen, auch wenn sie immer noch gerne als blondes Dummchen belächelt wird. Ihr 100. Geburtstag sollte daran endlich etwas ändern! Und was Marilyn wohl selbst von dem Gerede über sie hält, lässt sich vielleicht so zusammenfassen.
Hektor Haarkötter
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud
2026, Hardcover, 216 Seiten, Abmessungen 15,7cm x 22,9cm
ISBN: 978-3-8000-8110-3
Carl Ueberreuter Verlag
€ 28,00




100 Jahre Marilyn Monroe. Die Journalistin und Schriftstellerin Jenni Zylka huldigt den Filmen der Filmikone Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag am 1. Juni 2026. Ihre “Marilyn Monroe. 100 Seiten” sind keine Biographie, sondern Filmjournalismus, eine Analyse ihrer Rollen hinter und vor der Leinwand.
Seit Jahren lese ich ihre Bücher gerne: sie beobachtet genau und fügt ihre Eindrücke in die Erzählungen über ihr Leben ein, und was für ein Leben! Geboren wurde sie als Kind jüdischer Remigranten in Berlin, der Hauptstadt der DDR, die Eltern aktive Kommunisten, die beim Aufbau des Sozialismus dabei sein wollten. Und in diesem Buch zeigt sich, wie gut sie zuhören kann: bei den Schicksalen jüdischen Lebens, die ihr erzählt wurden.


2019 gewann der scheue, österreichische Dichter und Schriftsteller de Literaturnobelpreis. Einige Berichte zeigten den sprachlosen verstörten Dichter in seinem neuen Heim in Chaville bei Paris, wo er mehr oder weniger seit den 1990er Jahren lebt.
1984 erhängt sich die Mutter der Fotografin Bettina Flitner. 33 Jahre späte wiederholt sich dasselbe Schicksal bei ihrer Schwester Susanne und dessen Ehemann Thomas. Mit ihrem 2023 erschienen Roman “Meine Schwester” legte die Autorin schonungslos die eigenen Wunden offen. Nun legt sie mit “Meine Mutter” noch einmal nach.
Noch persönlicher als das Nachfolgewerk “Meine Mutter” ist allerdings der Vorgänger aus dem Jahre 2023, “Meine Schwester”. Die Autorin beschreibt darin sachlich und zugleich erschütternd ihre Beziehung zu ihrer Schwester, die ebenfalls Suizid beging. Susanne, ihre ältere Schwester, war eine Art “trauriger Clown”. Sie konnte meisterhaft andere nachahmen und sich über alles und jeden lustig machen. Auch ihr Vater hatte ein komödiantisches Talent und als er bei der Ford Foundation in New York einen Job bekommt, geht die ganze Familie mit. “Wir vier”, denkt sich Bettina oft, aber bald schon muss sie feststellen, dass sie einer Fiktion unterliegt. Denn der Vater geht fremd und bald auch die Mutter. In den Siebziger Jahren als die beiden Schwestern aufwuchsen war dies eine Normalität. Bettina sucht in ihrem Text nach den Vorzeichen für den bevorstehenden Selbstmord, den ersten Anzeichen, wann es begann und natürlich steht die Frage im Raum, ob es nicht vielleicht doch genetisch sein könnte? Oder waren die Depressionen der Mutter eine gewollte Flucht? Wieder zurück in Deutschland besuchen sie Waldorfschule, ihre Schwester dann auch die Montessori-Schule. Als die Eltern sich sogar vor den Kindern streiten, beginnen auch die beiden sich zu zanken. Wenn Flitner das Bild des Familienautomobils als faradayschen Käfig zeichnet, wird deutlich, wie sich die Emotionen entwickelt hatten. Und bald muss sie erkennen, dass Liebe etwas war, das man mit Demütigung bezahlte, “etwas, das einen am Ende vernichten konnte”.






“Wir werden von dem geleitet was wir nicht wissen wollen, etwas das uns kränkt und verletzt, davon laufen wir davon in die Wüste unserer Unwissenheit.” Als Wanda begannen sich zu formieren, sagen wir mal ca. 2010, war in Wien eigentlich nichts mehr los. Was die Bandmitglieder schnell verband, war das “Das Gefühl dieser entleerten Wiener Langeweile etwas entgegenhalten zu müssen. Irgendetwas musste passieren“. Kokett fügt er hinzu, dass es schließlich sie – Wanda – waren, die endlich “passierten“. Aber seine Selbsteinschätzung kommt nicht angeberisch, eher verwegen daher, denn Marco Wanda versteht es, immer wieder, zu betonen, wie viele andere Menschen, also Freunde und Freundinnen, am Erfolg von Wanda mitgebastelt haben. Trotz allen Stolzes ist ihm natürlich bewusst, wem er das alles zu verdanken hat und so wirkt auch seine Selbstüberschätzung durchwegs sympathisch da sie mit der Wien-typischen Selbstironie daherkommt. In Wien nennt man sowas nämlich Humor und vielleicht ist es genau das, was den meisten anderen Bewohner:innen der (Bundes-)Länder so abgeht. Selbst in der düstersten Stunde, als er von Schicksalsschlägen getroffen auf der Bühne immer noch weitermachen muss und er sich sein Rückgrat ruiniert, lacht er noch: “Endlich machte ich Bekanntschaft mit etwas, was sich gut anfühlte: legale Drogen“. Der Mick Jagger und alle bekommen es, meint sein Arzt, ein Allheilmittel für alle Künstler und Künstlerinnen, die es mal wieder übertrieben haben. Die Rede ist von Fentanyl, den höheren Weihen des Rockolymps legal zugänglich. Dieser Humor, dieses Schmunzeln, dieses “Singen auf der Folter” macht “Dass es uns überhaupt gegeben hat” zu einem hörenswerten Buch gerade weil es vom Autor selbst gelesen wird, der gerne auch die Stimmen anderer Prominenter imitiert. Auch dadurch wird sein literarisches Debüt zu einem echten literarischen Leckerbissen.


Ava – Die barfüßige Gräfin. Ava Gardner, die Hollywood-Diva der Frühzeit, steht ganz im Mittelpunkt dieses Biocomics, das sie zur Zeit ihres größten Erfolges, “Die barfüßige Gräfin“, zeigt. Auf Primo-Tour in Südamerika macht sie Station in Brasiliens pulsierender Metropole der 1950er Jahre.
David Bowie. “Wir sind Helden, Du und ich,. Das ist unsere Bestimmung. Weil wir uns lieben. So ist das.” Nach “

Bei unserem Besuch in den Gärten von Beth Chatto und Christopher Lloyd (Christo) entdeckte ich das Buch Dear Friend and Gardener, die Korrespondenz der beiden, die, wie sich dann herausstellte, nur von 1996 und 1997 währte. Darin schwärmten sie von ihrem gemeinsamen Reisen in den vergangenen Jahrzehnten. Darüber wollte ich mehr lesen. Und dann war da noch etwas: