Batman – Krieg dem Verbrechen

Batman – Krieg dem Verbrechen. Nicht nur die XL-Maße (26 x 36 cm) dieses Xtra-vaganten Batman-Abenteuers haben es in sich. Autor Paul Dini und Zeichner Alex Ross haben eine preisgekrönte Interpretation des Dark Knight Mythos geschaffen, das sich gegen andere wie die Sixtinische Kapelle ausnimmt. Einblicke in die Straßenschlachten Gotham Citys und die Schöpfungsgeschichte des wohl umstrittensten Verbrechensbekämpfers des 20. Jahrhunderts. Eine Hommage.

Batman – Krieg dem Verbrechen mit der Aura der Angst

Bruce Wayne ist seit der Ermordung seiner Eltern dazu verdammt, zwei Leben zu führen. Einerseits das des reichsten und einflussreichsten Mannes von Gotham City und andererseits das von Batman, des dunklen Schergen, der eine Maske trägt, wie seine größten Widersacher. “Ein Wesen, das in den Schatten lebt und offenbar unmenschliche Kräfte besitzt. Fantasie und Aberglaube machten ihn zu einem Geschöpf, das man meidet.“, schreibt Paul Dini. Die “Aura der Angst” die ihn umgibt, ist auch sein Schutz, denn allzu freundlich darf er auch nicht zu jenen sein, die er eigentlich beschützt. Genauso als Bruce Wayne: auch diese seine andere Identität ist dazu verdammt, auf allzu enge soziale Beziehungen zu verzichten. Bruce Wayne benutzt öffentliche Events als Informationsquelle: “eine Arena, um Kontakte herzustellen, die mir helfen, andere Schlachten zu gewinnen“. Wenn er wirklich zu dem geworden wäre, als was andere ihn sehen? Er sich von Verführungen hätte verlocken lassen? Natürlich sehnt auch er sich nach Stabilität, Sicherheit, Familie, allein, es ihm ein anderes Schicksal beschieden.

Arena der traumatischen Identitäten

Im ehemaligen Bayside Industriegebiet von Gotham City sollen neue Wohnhäuser und Geschäfte entstehen, um die Gegend aufzuwerten. Der soziale Brennpunkt soll damit der Vergangenheit angehören und einige Multimillionäre noch reicher machen. Einer der Investoren heißt Randall Winters und wird sowohl für Bruce Wayne als auch Batman zum Gegenspieler in einem großformatigen, im frühen Zeichenstil der Batman-Geschichten gehaltenen Abenteuer. Der kleine Marcus, der Batman mit einer Waffe bedroht ist gerade in dem Alter, in dem Bruce Wayne seine Eltern verlor. Aber er hat kein Familienimperium hinter sich. Seine Welt ist die der Gangs und Verbrechen. Denn sie bieten ihm Arbeit und Schutz. Genauso wenig wie Bruce kann auch Marcus irgendjemand seine Eltern zurückbringen. Aber er kann sich entscheiden zu dem zu werden, das ihre Familien getötet hat oder zu dem, was sie schützt. “Wenn ich ein Kind zurückgewinnen kann, gibt es auch Hoffnung für andere“, resümiert Batman, denn er weiß, gegen das Verbrechen ist auch er machtlos. Aber jeder Tag ist eine neue Herausforderung und auch kleine Siege führen zum Ende des Krieges. Vorläufig.

Alex Ross/Paul Dini
Batman – Krieg dem Verbrechen
(Original Storys: Batman: War On Crime)
2021, Hardcover, 76 Seiten, Maße ca. 26 x 36 cm.
ISBN: 9783741623394
27,00 €
Panini


Genre: Batman, Biographie, Comics, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Trauer ist das Glück, geliebt zu haben. “Trauer war die Feier der Liebe, diejenigen, die echte Trauer verspüren konnten, hatten das Glück, geliebt zu haben”, schreibt die Autorin von “Americanah”, das 2015 auch bei S. Fischer erschienen ist. Was für ein schöner Titel für ein Buch, was für ein schöner Satz. Auch wenn er leider aus einem traurigen Anlass geschrieben wurde.

Trauer und Verlust des Vaters

Chimamanda Adichie verlor durch die weltweite Pandemie so wie viele andere auch ihren Vater. Sie schreibt stellvertretend für die mit ihr Trauernden über den Verlust eines geliebten Menschen, der durch nichts aufzuwiegen ist. “Nie wieder” schreibt sie, “nie wieder wer ich das Lachen lachen, das ich mit ihm lachte”. Dieses “Nie Wieder” fühlt sich wie eine unfaire Strafe an, denn für den Rest ihres Lebens wird die 42-jährige nun ihre Hände nach etwas ausstrecken, das nicht mehr da ist. Die Nachricht vom Tod ihres Vaters war “wie eine grausame Entwurzelung. Ich werde aus der Welt gerissen, die ich seit meiner Kindheit gekannt habe”. Anfangs glaubt sie, dagegen Widerstand leisten zu können, doch bald ist sie auch mit ihren Erinnerungen allein. All die Kondolenzbriefe und Beteuerungen können die Trauer nicht ersetzen, es sei denn, jemand der anderen Trauerenden erzählt eine konkrete, unverfälschte Erinnerung an ihren Vater, von Menschen, die ihn kannten. Diese Worte trösten am meisten und erfüllen sie mit Wärme, schreibt sie. Aber Trauer bedeutet auch Wut und Zorn. Eine Anklage an die Ungerechtigkeit der Schöpfung und das Ende der Kindheit. Gerade dann, wenn die Eltern sterben, wird man unweigerlich erwachsen: man ist allein.

Memento mori für integre Vaterfigur

“Suche Frieden in deinen Erinnerungen.” Wie viele andere in ihrer Situation stellt sie sich die Frage, wie es möglich ist, dass die Welt sich weiterdreht, unverändert ein und ausatmet, wie man noch funktionieren kann nach so einem Verlust, wie es andere machen, damit zu leben. Sie war ein “Professorenkind” und liebte ihren Vater für seine Integrität. Er war kein Materialist, und das in einem Land, wo der “kompromisslose Ethos der Raffgier” überall herrscht, eine “hemmungslose, allgegenwärtige Habsucht”. In seinen letzten Jahren hatte ihr Vater sich in ihrem Heimatort Abba gegen diesen Materialismus eingesetzt. Ein Milliardär wollt sich das angestammte Land unter den Nagel reißen und verleumdete die Bewohner bei den Behörden. Ihr Vater war sogar entführt worden. “Zur Trauer gehört als eine ihrer vielen schrecklichen Komponenten das Einsetzen des Zweifels. Nein, ich bilde es mir nicht ein. Ja, mein Vater war wirklich wunderbar.”

In 30 kurzen, einfach geschriebenen Kapiteln erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von ihrer Trauer über ihren verstorbenen und macht sich zum Sprachohr aller, die mit ihr trauern. Ein hilfreiches Buch für Situationen wie diese. Als leiser Trost bleibt: wer trauert, erfährt die Liebe neu.

Chimamanda Ngozi Adichie
Trauer ist das Glück, geliebt zu haben
Übersetzt von: Anette Grube
2021, Hardcover, 80 Seiten
ISBN: 978-3-10-397118-7
S. Fischer Verlag


Genre: Abschied, Biographie, Corona, Pandemie, Trauer, Verlust
Illustrated by S.Fischer Frankfurt am Main

Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years. Band 1

Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years

Starman. Die Überraschung die am Ende dieses Comics auf die LeserInnen wartet, darf verraten werden: Es wird einen 2. Band mit dem Titel “LOW – David Bowie’s Berlin Years” geben. Also quasi eine Fortsetzung der Lebensgeschichte des am 10. Jänner 2016 verstorbenen Popmusikers und Schauspielers.

Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust

Reinhard Kleist, der schon ähnliche Bios zu Johnny Cash und Nick Cave verfasst und gezeichnet hat, zeigt uns den Aufstieg von David Robert Jones aus Brixton. Als David schulreif war, zogen die Jones in den Londoner Mittelklasse-Vorort Bromley, was für ihre beiden Söhne Terry und David tödliche Langeweile bedeutete. Aber die beiden Jungs fanden bald Interesse an Musik und begannen, von Amerika zu träumen. Mit gerade einmal 25 Jahren hatte David Bowie seinen Rock’n’Roll-Messias Ziggy Stardust erschaffen und tourte mit den Spiders of Mars durch die USA. Aber schon ein Jahr später, am 3. Juli 1973 ließ er Ziggy Stardust beim letzten Konzert seiner Welttournee im Londoner Hammersmith Odeon sterben. Genau diese Zeit lässt Reinhard Kleist in seiner Erzählung neu auferstehen, erklärt aber auch in Rückblenden wie es dazu kam, was Bowie zuvor machte und geht auch auf die triste, soziale Situation im England der Siebziger Jahre ein.

Major Tom, verloren im Weltraum

Außerdem erfährt der aufmerksame Leser auch, wie David Bowie zu seinen beiden unterschiedlichen Augenfarben kam und wer dafür verantwortlich zeichnete. Aber nicht nur seine Musik und sein Aussehen spielten beim Aufstieg von “Ziggy Stardust” eine wichtige Rolle, sondern auch seine Outfits, die von dem japanischen Designer Kansai Yamamoto stammten. Besonders in Erinnerung bleibt auch die Szene, in der Kleist seinen “Starman” im Weltraumkostüm zu Text von Space Oddity in den Weltraum entschweben lässt. Die autobiographischen Anteile des Textes werden durch die persönliche Situation in die Kleist seinen Protagonisten gezeichnet hat, augenscheinlich. Auch der positive Einfluss den Angie Bowie auf die Karriere ihres Ehemanns hatte wird gewürdigt. Während der Einfluss den Bowie auf Iggy Pop wiederum weniger positiv bewertet wird. Denn bald wird klar: Die Maske zeigt sein wahres Gesicht.

Vom Gender Folk zum Glam Rock

Starman – die Luxusausgabe

Bowie Kalender 2022 im Kleist Design mit 12 Postkarten

Wohl auch aus diesem Grund ließ David Bowie seinen Ziggy sterben und legte sich ein neues Image zu. Aladdin Sane: A lad insane. Gut getroffen sind auch die Zwiegespräche die David mit seinem Spiegelbild hält oder als er in einer typisch englischen Telefonzelle (die auch auf dem Cover des Albums zu sehen ist) mit seinem Bruder Terry telefoniert, der längst in eine Irrenanstalt eingeliefert wurde. Vom Gender Folk zum Glam Rock eines Lou Reed, Marc Bolan oder Gary Glitter war nur eine Etappe der Karriere des Popchamäleons, das noch viele Metamorphosen durchmachte. Die Farbgebung stammt von Thomas Gilke. Einziger Wermutstropfen: das Format ist etwas zu klein. Aber dafür gibt es noch eine Luxusausgabe. Die ist vom Format zwar gleich, ist dafür aber auf besonders hochwertigem Papier gedruckt und mit einem handsignierten Druck ausgestattet und wird in limitierter Auflage angeboten. Zudem ist 2022 noch ein Bowie Kalender erschienen, der auch 12 Postkarten zum Verschicken enthält.

Reinhard Kleist
Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years. Band 1
2021, Hardcover, 176 Seitenzahl, Größe 198 mm x 265 mm, ab 14 Jahren
ISBN 978-3-551-79362-1
Carlsen Verlag


Genre: Biographie, Comic, Glam Rock, Graphic Novel, Musik, Rockmusik, Siebziger
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Der Duft der Kiefern

Eine wahre Geschichte über eine Mutter. In Liebe erzählt von ihrer Tochter. So lautet die Widmung in dieser Familienchronik der Kriegsgeneration als graphic novel inklusive Familienstammbaum im Anhang. Aber es ist nicht nur die Geschichte ihrer Familie, die Bianca Schaalburg hier erzählt, sondern auch ein großes Stück deutsche Geschichte. Die Geschichte eines Landes und eines Volkes repräsentativ dargestellt anhand einer typisch deutschen Familie.

Der Duft der Kiefern

Das Erbe, das die Protagonistin übernimmt, besteht zunächst in schweren Holzkästen und einer Spiegelkonsole aus den Dreißigern, in der Bianca sich und ihre Familie erkennt. Wie war das, eine Kindheit unter den Nazis? Kann sie die Erinnerungen an diese Zeit bald ebenso mit Kreide überschreiben wie die alten Türen des Nussholzkastens, auf den sie Worte der Schönheit und der Träume schreibt? Die Kienäpfel (Berlinerisch für Kiefernzapfen), die sie als Kinder in der Siedlung Onkel Toms Hütte unter den Kiefern einsammeln vermitteln schöne Erinnerungen und doch ist das eigentliche Erbe der Eltern und Großeltern schwer zu (er)tragen. Opa Heinrich war schon 1926 (!) in die NSDAP eingetreten, aber die noch lebenden Familienmitglieder wissen nichts mehr davon. Das Mantra „Wir. Wussten. Von. Nichts.“ Bekommt sie in ihrer Familie und Verwandtschaft öfters zu hören. Also macht sie sich selbst auf die Suche nach Antworten und rekonstruiert die Familiengeschichte der Bewohner ihres Hauses. „Diese Menschen können ihre Geschichte nicht mehr erzählen. Deshabl will ich ihnen eine Stimme geben.“, schreibt sie und tut es sodann.

Zeitgeschichte für jede Generation

Aber sie erzählt auch von den anderen ermordeten MitbürgerInnen, den ZwangsarbeiterInnen, den Erschießungskommandos und Hinrichtungen, die oft in drei bis sechs Stunden 2-400 Menschen ermordeten. „Dazu gab es Wodka, manchmal auch einen Imbiss“, ergänzt sie, denn das Morden war tatsächlich organisiert wie eine Kaffeefahrt. Die Toten wurden zu Tausenden aufeinander gestapelt und im Wald vergraben. Und was war Onkel Heinrichs Aufgabe in Riga? Auch diese Frage bleibt unbeantwortet. Aber wer damals auf einem Pferd vor einem Holzhaus saß, dem konnte es wohl nicht so schlecht gehen. Der war aber auch nicht unschuldig. „Wenn wir gewinnen, müssen wir nichts erklären, wenn wir verlieren, gibt es nichts zu erklären“, lautete die bizarre Logik des Zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus erzählt die Autorin auch von der Teilung der beiden deutschen Staaten, der Stasi, dem Kalten Krieg und 1968. Ein deutsches Lesebuch also, das in einfachen Worten und Bildern den Schrecken unseres Jahrhunderts nacherzählt, ohne etwas zu beschönigen. Vielleicht kann man gerade durch so eine graphic novel auch die junge Generation für die Geschichte ihrer (Groß-)Eltern interessieren und so die Erinnerung wachhalten, damit das, was passiert ist, nie mehr passiert. Ein wichtiger Beitrag also!

Bianca Schaalburg
Der Duft der Kiefern
Text & Zeichnung: Bianca Schaalburg
2021, 208 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 19,5 x 26,5 cm, vierfarbig
ISBN: 978-3-96445-058-6
Avant Verlag
26,00 €


Genre: Biographie, Deutschland, Familiengeschichte, Graphic Novel, Zeitgeschichte, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by Avant Verlag

The Cure. Dunkelbunte Jahre.

The Cure. Dunkelbunte Jahre: 2019 wurden The Cure in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Das bisher letzte, aktuelle, 13., Studioalbum von der  Band aus dem südenglischen Crawley erschien 2008, also schon vor mehr als zehn Jahren. Da es also mit Album #14 noch etwas dauern könnte, können sich die Fans die Zeit bis dahin mit „The Cure. Dunkelbunte Jahre“ vertreiben. Das reich bebilderte, großformatige Werk orientiert sich in seiner Erzählung an der Chronologie der Studioalben. Ideal also auch als Nachschlagewerk für Fans und die es noch werden wollen.

Dunkelbunt: Postpunk, New Wave und Pop-Perlen

Als Inspiration für ihre durch Haarspray aufgetürmten Frisuren soll David Lynchs Eraserhead (1977) Pate gestanden sein, aber sicher waren auch Peter Murphy (Bauhaus) und Siouxie (& the Banshees) gute Vorbilder.

Photo by Paul Cox

Leider wurde das Image der Band, das schon in den Anfangstagen entstand, oft auch gegen die Band selbst verwendet: Düstersound, Lippenstift und toupierte Haare waren bald das Markenzeichen, aber auch der Fluch. Denn bald wurden sie zu den Wegbereitern der Grufties, ein Begriff mit dem sie sich überhaupt nicht identifizieren konnten. Die „three imaginary boys“ hatten zu dritt Alben eingespielt, die als tragenden Klangteppich vor allem das Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens transportierte. Was von den Kritikern gar nicht goutiert wurde, schlug bei der nachwachsenden Post-Punk-Teenager-Generation wie eine Bombe ein.

Robert Smith by Pictorial-Press-Ltd

Robert Smith wurde zum Teenager-Star wider Willen und hatte plötzlich den so ungewünschten Erfolg. Also beschloss er „Musik herauszubringen, die den ganzen Cure-Mythos zerstören würde“. Und genau das gelang ihm: „Let’s go to bed“.

The Cure: Depression, Klaustrophobie und Exzentrik

Vom Düsterrock zu Popjuwelen, das zeichnete sich schon fünf Jahre nach Gründung der Band ab. „Love Cats“ und andere Popschmeichler folgten und bald konnte sich auch Mastermind The Cure nicht mehr gegen den neuen Fandom wehren. Mit „Close to me“ vom Album „The Head on the Door” (1985) setzten sie einen weiteren Meilenstein in ihrer Karriere. „Er hat die Zwangsjacke grüblerischer Depression, die Faith prägte, abgestreift und die Klaustrophobie von Pornography überwunden…um sich nun als harmloser Exzentriker unter uns zu mischen“, schrieb der Melody Maker damals über Robert Smith’s Wiedergeburt. Auch das Video zur Single traf den Nerv der Zeit: die Bandmitglieder wurden in einen Schrank gesperrt und die Kalkklippen von Beachy Head, einem bekannten südenglischen Selbstmörderfelsen, hinuntergestoßen.

(Photo by Steve Jennings/WireImage)

Mit dem Greatest Hits Album „Standing on a Beach“ (1986) schafften sie auch in den USA endgültig den Durchbruch und spielten plötzlich vor 10.000 statt 1000 Leuten.

The Cure. Dunkelbunte Jahre

Der Autor von “The Cure. Dunkelbunte Jahre” zitiert u.a. Lol Tolhursts Bio „Cured“ und verschiedene andere Quellen wie Zeitungen oder Interviews, darunter NME, Uncut etc. aber auch TV, Radio und Internet sowie weitere Bücher. Nach mehr als 40 Jahren The Cure vergisst er auch nicht darauf zu erwähnen, welche Vielzahl an Bands von den düsteren Popballaden und dem Sound Südenglands beeinflusst wurden. Ein würdevoller Rückblick also, der neugierig darauf macht, was da noch von The Cure kommen wird. Ein 14. Studioalbum vielleicht?

 

Gittins, Ian/Borchardt, Kirsten (Übersetzung)

The Cure. Dunkelbunte Jahre

Zwischen Düsterrock und Popjuwelen: The Cure

1.Auflage June 2021, ca. 240 Seiten, Hardcover

Format: 29,2 x 24,8

ISBN 978-3-85445-701-5

29,00 EUR

Hannibal Verlag

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Genre: Bands, Bildband, Bildbiographie, Biographie, Gothic Punk, Musik, Postpunk
Illustrated by Hannibal

Jim Morrison. 100 Seiten

Jim Morrison. 100 Seiten: Am 3. Juli 2021 jährt sich der Todestag des Leadsängers der amerikanischen Rockgruppe The Doors zum 50. Mal. Der Poet, Regisseur und Rockstar würde Ende dieses Jahr aber auch seinen 78. Geburtstag feiern. Hätte er nur jenen verhängnisvollen 3. Juli 1971 überlebt. Oder doch Mojo Risin‘?

Jim Morrison lebt!

Einem unbestätigten Gerücht zufolge, das Morrison zu Lebzeiten lancierte, würde er nur für die Außenwelt sterben und dereinst als Mr. Mojo Risin‘ zurückkehren. Dabei hatte er in einem der längsten Lieder der Doors („When the music’s over“) einst sein Abonnement für seine Wiedergeburt storniert: „cancel my subscription to the ressurrection, baby“, sang er damals und wollte damit doch nur sagen, dass er lieber hier im Jetzt leben würde: „We want the world and we want it, NOOOOWWWW!“. Nun, Jim Morrison muss gar nicht auferstehen, damit er im Gespräch bleibt. Denn seine Platten verkaufen sie nach wie vor und haben längst die 50 Millionen Grenze überschritten. Die 6 Studioalben wurden längst Platin und auch die Gerüchte über seinen Tod ebben nicht ab. Vielleicht gibt es dieses Jahr, am Père Lachaise Friedhof, wo er seit 50 Jahren angeblich liegt, doch noch eine Überraschung?

100 Seiten über den größten Rockstar

Birgit Fuß schreibt nicht nur über die Studioalben der Doors, sondern auch eine kleine Biographie des Sängers einer Rockgruppe, die den Psychodelic Sound der Sechziger wesentlich beeinflusste. Ihre Teenagerliebe beruhte u.a. „auf freiem Oberkörper, wallendem Haar, dunkler Stimme, Ekstase auf der Bühne“, denn auch das war Jim Morrison. Sie stellt ihn aber auch als Dichter und Regisseur vor, denn Jim Morrison hatte durchaus noch Pläne für sein Leben nach dem Rockstardasein. Birgit Fuß‘ Themenschwerpunkte: Light My Fire, die Sieben Alben und mehrere Filme, Die Liebe, Der Dichter und der Spirituelle, Die Skandale, Der Abschied. Außerdem befindet sich eine Zeittafel „Sechs wilde Jahre“ im Fließtext sowie eine Bibliographie am Ende des Bandes. Birgit Fuß ist Redakteurin beim deutschen Rolling Stone und hat Bruce Springsteen, Bono und mehr als 400 andere interessante Menschen interviewt.

Birgit Fuß

Jim Morrison. 100 Seiten

Originalausgabe

2021, broschiert. Format 11,4 x 17 cm

100 S. 19 Abb. und Infografiken

ISBN: 978-3-15-020576-1

10,00 €

Reclam Verlag


Genre: Biographie, Jubiläum, Rockmusik
Illustrated by Reclam Verlag

Das Leben des Charles Bukowski

Das Leben des Charles Bukowski

Das Leben des Charles Bukowski. „Sundays kill more men than bombs”. In diese lakonische Bemerkung verpackt Charles Bukowski nicht nur seine Lebenseinstellung gegenüber dem American Way of Life, sondern auch seine eigene Biographie. Denn er wollte nie dazu gehören. Nie eine Familie gründen. Nie ein Teil des Establishments werden. Für immer ein Außenseiter bleiben.

Das Leben des Charles Bukowski

Ob ihm das wirklich gelungen ist, untersucht u.a. die vorliegende Biographie von Neeli Cherkovski, die aus Anlass des 100. Geburtstages des 1994 verstorbenen Charles Bukowski neu überarbeitet und mit einem neuen Vorwort versehen wurde. Eigentlich war Charles Bukowski ja ein Dichter und kein bloßer Schriftsteller. Seine Kurzgeschichten und Romane, die Prosa, brachten ihm im Alter von knapp 50 Jahren den eigentlichen Durchbruch in den USA. Sein Leben wurde nach seinem eigenen Drehbuch von Hollywood sogar verfilmt. Sein Biograph Neeli Cherkovski hatte ihn 1963 zum ersten Mal kennengelernt. Damals war er 18 und Bukowski schon 43, was ihn wohl dazu veranlasste, ihn stets „Kid“ zu nennen. Dabei legte Neeli Cherkovski (*1945 in Santa Monica) selbst eine beachtliche Karriere vor: er ist Poet, Verleger und Biograph und gehört zu den North Beach Poeten aus San Francisco. Sein Buch „Walt Whitmans wilde Kinder“ wurde zu einem Beststeller der US-amerikanischen Untergrundliteratur und zuletzt (2020) erschien sein jüngster Gedichtband „Hang on to the Yangtze River“ bei Lithic Press. Die deutsche Übersetzung der Bukowski Biographie erscheint zeitgleich mit der US-Ausgabe, Titel: „Bukowski, A Life: The Centennial Edition“ (Black Sparrow Press), die Neeli Cherkovski anlässlich Bukowskis 100. Geburtstag überarbeitet und erweitert hat. Sie basiert auf der 1995 erschienenen Fassung, die von Bukowski selbst autorisiert wurde.

Mythos Bukowski Re-visited

Dass Biograph und Protagonist sich persönlich kannten, macht die vorliegende Biographie sicherlich zu einem besonderen Leseerlebnis, aber mehr noch, dass sie freundschaftlich verbunden waren. Denn Neeli Cherkovski will den Mythos Bukowski nicht dekonstruieren, sondern um seine persönlichen Facetten erweitern. So zeichnet er ein Bild von einem Bukowski, der seine Frauen liebte. Davon gab es – in der Erzählung von Cherkovski – insgesamt vor allem vier wichtige: Jane, Barbara, Linda K. und Linda B., die ihn bis zu seinem Tod begleitete. Cherkovski erzählt auch von Bukowskis Verlegern, die sich oft unter der Aufopferung ihres persönlichen Lebens, für die Veröffentlichung seiner Texte einsetzten. Natürlich wird auch der wichtigste deutsche Übersetzer, Carl Weissner, gewürdigt, der, selbst ein Unikum, wesentlich für den Erfolg Bukowskis in seinem ehemaligen Heimatland (*1920 in Andernach) verantwortlich zeichnete. Nachdem „Post Office“, Bukowskis Romandebüt, im deutschsprachigen Raum erstmal durchfiel, war es Carl Weissner, der die Idee hatte, es mit Bukowskis Lyrik beim Augsburger Maro Verlag zu versuchen. Benno Käsmayr, der junge Verleger bei Maro, war selbst schon Bukowski-Fan und leicht zu überzeugen. Seinem verlegerischen Geschick ist es zu verdanken, dass sich der Verkauf des ersten Gedichtbandes, „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“, innerhalb eines Jahres von 1800 auf 50.000 steigerte. Dieser Lyrikband habe Bukowski in Deutschland zum Durchbruch verholfen, wie Cherkovski schreibt. Der Rest ist Geschichte. In der Zwischenzeit sind mehr als 40 Bücher ins Deutsche übersetzt und eine deutsche Bukowski-Gesellschaft feiert – pandemiebedingt – demnächst seinen 101. Geburtstag. In diesem Sinne: alles Gute, Buk!

Neeli Cherkovski

Das Leben des Charles Bukowski

Erweiterte & überarbeitete Biographie über Bukowski zum 100. Geburtstag

Aus dem amerikanischen Englisch von Gerhard Beckmann

Umschlag von Rotraut Susanne Berner

2020, 368 Seiten, Broschur

ISBN: 978-3-87512-494-1

Maro Verlag

24,00.-€

Weitere Werke von Charles Bukowski beim Maro Verlag!


Genre: Biographie
Illustrated by Maro Verlag

Von Bienen und Menschen: Eine Reise durch Europa

Auch für dieses Buch über Bienen und ihre Menschen nimmt die Autorin uns mit auf ausgedehnte Reisen, am Anfang und zum Schluss sind wir wieder bei Galina in Jasnaja Poljana, dem ehemaligen Trakehn bei Kaliningrad, wo wir schon beim Akazienkavalier waren. Die Reise geht bis zu den Pyrenäen, und über Gotland nach Slowenien. Einmal geht es nur von Lüneburg kurz mal über die Elbe, in das ehemalige Zonenrandgebiet, wo nach dem Mauerbau im Todestreifen Bienen gehalten wurden.

Ulla Lachauer‘s Kunst besteht darin, in ihren Gesprächen eine vertraute Atmosphäre zu schaffen, so dass die Menschen gerne von den Bienen in ihren Leben erzählen. Im Vorwort lesen wir, warum sie verstehen möchte, was Bienen den Menschen bedeuten, früher, während der gesellschaftlichen Umbrüche dieses und des letzten Jahrhunderts und jetzt, wo durch die Gifte der industriellen Landwirtschaft Bienen und andere Insekten sterben.

Zwischen den Texten stehen Rezepte, die sich für verschiedene Honigarten eignen, man liest, wie unterschiedlich Honig ist, je nach der Tracht, also der jeweils blühenden Pflanzen. Und wir lernen, dass Tannenhonig von Ausscheidungen von Blattläusen gewonnen wird, also eigentlich ziemlich eklig ist.

Ein Glossar zum Schluss klärt auf über das zur Bienenhaltung verwandte Vokabular und endlich glaube ich nun, deren ungewöhnliche Paarungsabläufe verstanden zu haben.

Von den zehn Orten, in denen die Begegnungen stattfanden, möchte ich einige vorstellen:

Wir beginnen in Stuttgart, wo ein Stadtbauer ihr sein Revier zeigt: eine Industriebrache, auf der er 15 Stöcke hält. Den Bienen fehlt es an nichts: die Spontanvegetation blüht, etwas weiter ist eine Lindenallee Der Stuttgarter Honigbauer arbeitet ohne Schutz, seine Bienen kennen ihn. Dann wird ein Volk einlogiert, also in seine Behausung eingeführt, dabei sind Geduld und Beobachtungsgabe gefragt.

Wer an einem bewohnten Stock arbeiten will, braucht einen Smoker, den hat jeder Imker. Wenn es nach Rauch riecht (und, wie wir sehen werden, hat jeder Imker sein Spezialrezept für seinen Rauch) glauben, die Bienen es wäre Waldbrand, packen ihre Vorräte für die Flucht, so kann der Imker sich in Ruhe am Stock zu schaffen machen.

Danach besuchen wir im Schwarzwald die Familie Pfefferle, eine „Bienendynastie“ seit Generationen, ein Vorfahre hat ein wichtiges Buch geschrieben. Mit seiner Schwiegertochter, inzwischen auch über sechzig Jahre alt, gehen wir zu den fünfzehn Völkern. Sie kontrolliert, wie groß die Schäden sind, die die Varroamilbe angerichtet hat (drei Völker müssen in Quarantäne) und erfahren, wie unterschiedlich Männer und Frauen als Imker sind. Und wir werden an das große Bienensterben am Oberrhein im Jahr 2008 erinnert, als Neonicotinoide in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, später heißt es: „seitdem kämpfen die Imker für ihr Verbot.“

Länger halten wir uns in Slowenien auf, ein Land, das eine besonders lange Imkertradition hat, und als einziges europäisches Land die Imkerei staatlich fördert. Unser Gesprächspartner ist Franc Sivic, dessen Deutsch einen österreichischen Klang hat und der viel über die Geschichte der Bienen und Menschen im ehemaligen, Habsburg, aber auch im ehemaligen Jugoslawien weiß.

Für den Bienenhalter sind die Rassen wichtig: die heute in Europa verbreitete Carnica ist einfacher zu halten, als stechsüchtigere Rassen. Viele Imker sind begeistert von den Möglichkeiten, selbst zu züchten, schon seit Jahrhunderten werden Königinnen ex- und importiert. Kein Wunder, dass es während der Nazizeit vergleichende Theorien zu besseren Rassen nicht nur bei Bienen gab, bisher (das Buch erschien 2018) haben Imkerverbände dies nicht aufgearbeitet.

Veränderungen der Umwelt beeinträchtigen die Imkerei, überall, wo die Vielfalt der Blühpflanzen zum Verschwinden gebracht wurde, am schlimmsten ist es, wenn nach dem Juli nichts mehr blüht, oder wenn, wie bei Galina in Russland, aufgrund wechselnder Besitzverhältnisse gar nichts angebaut wird, oder dass sie sterben, wie beim Imker in Südfrankreich, der Gifte vermutet, die in der Landwirtschaft verwendet wurden.

Im Nachwort werden neben den ideellen die wirtschaftlichen Seiten der Imkerei zusammengefasst: Der Honigbauer braucht kein eigenes Land, und während der vielen Krisen, die die Menschen auch in Europa immer wieder heimsuchten, erbrachte der Honigverkauf ein Zubrot. Das wäre etwas für Sie?

Als Städterin empfehle als zukünftigen Standort Städte. Wir selbst bringen seit einem Jahr keinen Honig mehr von unseren Reisen zurück. Aber wir nehmen Berliner Stadthonig als Mitbringsel: der ist weniger mit Schadstoffen belastet, als der, den man in Dörfern bekommt. Für den Anfang reicht ein kleiner Stock …


Genre: Biographie, Garten
Illustrated by Rowohlt

Heliogabal oder der gekrönte Anarchist

Heliogabal oder der gekrönte Anarchist: „Wer von der Liebe nur die Flamme kennt, die Flamme ohne Ausstrahlung, ohne die Vielheit des Herdes, wird weniger haben als jener andere neben ihm, dessen Hirn wieder zur Schöpfung als Ganzem zurückkehrt und für den die Liebe eine gründliche, grauenhafte Ablösung ist.“ Eine an „eine Feuersbrunst gemahnende Sprache“ unterstellt Jean-Paul Curnier dem Text von Artaud, die zu einer allgemeinen Asphyxie (Atemnot) führen würde, so dicht und überwältigend ist sie. Diesem Erstickungsgefühl habe Artaud einmal selbst im Theatre du Vieux-Colombier durch einen Schrei Luft verschafft und rechtfertigte sich in einem Brief an André Breton, den Diktator der Surrealisten, mit den Worten: „(…) denn tatsächlich war mir klar geworden, dass es genug der Worte war, sogar genug des Brüllens, dass es Bomben brauchte, aber ich hatte keine zur Hand, nicht einmal in meinen Hostentaschen“. Jean-Paul Curnier stellt die – berechtigte – Frage, ob es heute denn keinen Anlass mehr gebe, vor Atemnot und Empörung zu schreien. Die Antwort kennt wohl jeder von uns.

Heliogabal: Vom Thron in die Kloake

Die Romanbiografie des spätrömischen Kaisers Heliogabal von Antonin Artaud ist ein Buch der Exzesse voller Eros und Blut. Der „syrische Fürst“, dessen unterschiedliche Namen offenbar die glücklich grammatische Verschmelzung der ältesten Bezeichnungen für die Sonne ist, wie Artaud bemerkt, wurde mit 14 Jahren zum Gottkaiser des Imperiums und mit 18 umgebracht und in eine Kloake geworfen. Antonin Artaud schreibt mit dem Wahnsinn um die Wette und gibt zu Beginn der Dreißigerjahre alles an Wut und Verzweiflung hinein, die er selbst gegen die Welt seiner Zeit hegt. Seine Spiegelung des Heliogabal ist in einer wuchtigen Sprache verfasst, voller Gewalt und Übertreibung. Artaud revoltiert damit gegen die Gesellschaft seiner Zeit und verschreibt sich schon in seiner Wohnung vor dem Text ganz der Anarchie.

Matthes & Seitz: Von und über Artaud

Im Anhang befinden sich drei Briefe zu Heliogabal, ein Text zum Schisma des Irshu, den Sonnenreligionen in Syrien und dem Tierkreis des Ram. Im Matthes & Seitz Verlag sind auch viele andere Werke von und über Artaud erschienen, zuletzt auch „Die Metaphysik Antonin Artauds“ von Merab Mamardaschili.

 

Antonin Artaud

Heliogabal

Reihe: Matthes & Seitz Berlin Paperback

2020, 197 Seiten, Broschur

Nachwort: Jean-Paul Curnier

Originaltitel: Héliogabale (Französisch)

Übersetzung: Brigitte Weidmann

Verlag: Matthes & Seitz Berlin

ISBN: 978-3-95757-811-2

Preis: 10,00 €


Genre: Biographie, Roman, Surrealismus

Der Mann mit der Ledertasche

Der Mann mit der Ledertasche: „Post Office“ – so der amerikanische Originaltitel von 1971 – war Bukowski’s erster Roman, der den Grundstein für seine spätere Schriftstellerkarriere legte. Denn nach dem „Mann mit der Ledertasche“ quittierte er seinen Dienst und lebte von seinen Gedichten, Stories und Romanen. Insgesamt erschienen mehr als 40 Bücher, die meisten davon auch bei verschiedenen deutschsprachigen Verlagen.

Resümee des Postdienstes

Anstelle eines Vorworts zitiert Bukowski den Text der US-Postverwaltung Los Angeles zum Berufsethos des Personals. „Vom Personal der Post wird erwartet, dass es nach den höchsten sittlichen Grundsätzen handelt“, heißt es da etwa und der Leser kann sich selbst ein Bild machen, wie sehr der Briefträger Henry Chinaski alias Charles Bukowski diesem entspricht. Aber wie so vieles im Leben von Charles Bukowski beginnt auch die eigentliche Geschichte mit einem Missverständnis: „Mit einem Fehler fing es an“, so der erste Satz. Denn der anfangs für leicht gehaltene Job entpuppt sich als fatal für Bukowskis körperlichen Zustand. Nicht nur, dass er zum Säufer (das war er wohl schon vorher) wird, nein, nach insgesamt mehr als elf Dienstjahren klagt er über mehrere Verschleißerscheinungen. „So weit war ich nun also, Schwindelanfälle und Schmerzen in den Armen, im Nacken, in der Brust, überall. Ich schlief den ganzen Tag, um mich für den Job auszuruhen. Am Wochenende musste ich trinken um alles zu vergessen. Damals wog ich 84 Kilo. Jetzt wog ich 101 Kilo. Das einzige, was man bewegte war der rechte Arm.“

Post, Pferderennen und Frauen

Bukowski war 51 als er sich für ein freies Leben als Schriftsteller entschloss. Natürlich hatte er schon früher begonnen zu schreiben, mit 35, aber dennoch erforderte es großen Mut, sich in diesem Alter noch auf eine unsichere Existenz als Zeilenschinder einzulassen. In seinem Debütroman finden sich alle Ingredienzien, die einem Bukowski so vertraut machen. Pferderennen, Boxkämpfe und eine Menge Frauen: Betty, Joyce, Vi, Mary-Lou, Fay und auch seine kleine Tochter Marina, die am 7. September 2020 auch schon 56 Jahre alt geworden ist. Bukowski wäre dieses Jahres übrigens schon 100 Jahre alt. Ein weiterer guter Grund für eine Re-Lektüre seines Erstlings, in dem er sein ganzes Können zeigt: Dialoge, Wortwitz, Sarkasmus und Ironie.

Charles Bukowski

Der Mann mit der Ledertasche

2019, KiWi-Taschenbuch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-462-03430-1

Kiepenheuer & Witsch

 

 


Genre: Biographie, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Das Leben der Surrealisten

Das Leben der Surrealisten: Zunächst sei der Surrealismus gar keine Kunstbewegung, sondern ein philosophisches Konzept gewesen, das nach dem Ende des Völkerschlachtens des Ersten Weltkriegs in Europa Anhänger fand. Aufgrund der Fülle der Protagonisten hat sich Desmond Morris vor allem auf bildende Künstler und Künstlerinnen beschränkt, zweiundreißig an der Zahl, jeweils mit einem Porträtfoto und einem für sein Gesamtwerk charakteristisches Bild illustriert.

Freundschaft ohne Freunde

„Au Rendez-vous des Amis“, lautet der Titel eines Gemäldes von Max Ernst aus dem Jahre 1923. Es zeigt die führenden Köpfe der Bewegung, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Desmond Morris unterscheidet fünf Kategorien wie paradoxaler Surrealismus, atmosphärischer, metaphorischer, biomorphischer und abstrakter Surrealismus. Gemeinsam haben alle fünf Kategorien, dass mit dem Unbewussten gearbeitet wird, nicht analysiert, nicht geplant wird und der Verstand, die Schönheit oder Ausgewogenheit keine Rolle spielen sollen, so Morris.

Der Autor konzentriert sich auf die Surrealisten als Menschen, als herausragende Individuen, ihre ganz speziellen Eigenheiten und was sie von anderen Protagonisten unterschied. „Schließlich gehören Exzentrik und ausgeprägter Individualismus zur Natur von Rebellen“, so Morris im Vorwort. Und genau das hatte auch Auswirkungen auf die oben angesprochene amitié, die Freundschaft.

Vom Klamauk zur Klamotte

Die Rezeption einiger der angesprochenen Künstler unterlag durchaus gewissen Missverständnissen, wie Morris etwa im Fall von Francis Bacon schreibt. So sei sein Interesse an Kreuzigungen nicht etwa auf die christliche Ikonographie zurückzuführen, sondern vielmehr auf Bacons eigene, höchstpersönliche sexuelle Fantasien. Seine Verbannung aus England nach Berlin durch seinen Vater verstärkte allerdings genau das, was dieser verhindern wollte: die „sexuelle Hauptstadt im Zwischenkriegseuropa“ huldigte der Transgression geradezu.

Ein eigenes Kapitel ist natürlich auch André Breton gewidmet, dem „Diktator“ der Gruppe, der nach Gutdünken und Willkür alle jene in die Bewegung aufnahm oder ausschloss, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Sogar Freud, dem geistigen Vater des Surrealismus, soll er einmal begegnet sein. Dieser sei enttäuscht gewesen. Aber es war Breton, der aus einer „Attitüde intellektuellen Klamauks eine der wichtigsten Kunstbewegungen des 20 Jahrhunderts“ gemacht hatte.

Weitere Porträts über Margritte, Chirico, Giacometti, Dali, Duchamp, Picasso, Ray, Tanguy, u.v.a.m. sind in dem Band enthalten.

 

Desmond Morris
Das Leben der Surrealisten
Aus dem Englischen von Willi Winkler
Mit zahlreichen Abbildungen
Zweiunddreißig schillernde Lebensbilder der größten Künstlerinnen und Künstler des Surrealismus.
2020, Hardcover, 352 Seiten
€ 26.00, FR 35.00, €[A] 26.80
ISBN 978-3-293-00556-3
€ 26.00, FR 35.00, €[A] 26.80
Unionsverlag


Genre: Biographie, Kunst, Surrealismus
Illustrated by Unionsverlag

30 Jahre Nirvana

Nirvana: Kurt Cobain in his own words.

30 Jahre Nirvana: 1990 stieg Dave Grohl (Ex-Scream und heutiger Frontman von Foo Fighters) bei Nirvana ein und machte sie damit zu dem Erfolgstrio als das sie heute – 30 Jahre später – immer noch bekannt sind. Mit ihrem Album Nevermind (1991) und der Hitsingle „Smells Like Teen Spirit“ schrieben sie Musikgeschichte. Michael Azerrad wurde quasi vor dem Selbstmord Kurt Cobains seine Vita direkt diktiert. Aber auch mehr als ein Viertel Jahrhundert nach dem Suizid bleibt unklar, wie lange vorher dieser schon geplant war.

“Sprachrohr seiner Generation”

1994, im Todesjahr von Kurt Cobain, erstmals erschienen, erzählt Azerrad in 18 Kapiteln den Aufstieg und Fall des „Sprachrohrs seiner Generation“, der sich kurz vor Erscheinen dieser einzigen autorisierten Nirvana-Biografie in seiner Garage in Seattle erschoss. Natürlich kann auch der Autor dieser Biografie, die sich vor allem durch das persönliche Interview mit dem Leadsänger von Nirvana von anderen unterscheidet, die wahren Umstände seines Selbstmordes nicht aufklären, dafür kommt aber der Künstler in his own words zu Wort und der Leser erfährt alles Wissenswerte über das Leben, wenn schon nicht den Tod, dieses einzigartigen Musikers, Songwriters und Komponisten. Auch wenn Kurt Cobain nie für irgendjemand anderen als sich selbst sprechen wollte, wurde er doch zum Sprachrohr seiner Generation, die es satt hatte, sich von den Baby Boomers der Sechziger bevormunden zu lassen.

Hippie vs. Punk = Grunge

Die „Baby Busters“ (Generation X) wollten endlich ihre eigene Rebellion haben und nicht die Dinosaurierhelden ihrer Väter (Led Zeppelin, The Who, Kiss, …) kritiklos übernehmen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Nevermind“ hatte sich eine ganz neue musikalische Zielgruppe gebildet, die baby busters, die zahlenmäßig sogar noch die baby boomers übertrafen, schreibt Azerrad: „Und sie wollten eine Musik, die sie ihre eigene nennen konnten“. Die baby boomers hatten als uneingeschränkte Herren der Jugendkultur längst abgedankt, denn sie waren zu genau den fetten in ihren Positionen sitzenden Blockierern geworden, wie jene, die sie einst selbst bekämpft hatten. Aus Hippies wurden Punks und die Punks wurden dann von den Hippiepunks der Grungegeneration hinweggefegt. Denn so hieß die neue Gegenkultur der Neunziger: Grunge. Und auch wenn dies nur ein Marketingbegriff war, trifft er doch sehr gut die Verquickung von Heavy Metal mit Punk. Die Mischung macht’s eben aus.

30 Jahre “wahre” Nirvana

Aufgewachsen in der Redneck-Hölle von Aberdeen und erst von seiner Mutter, dann von seinem Vater zu Verwandten hin- und hergeschoben, erlebte der junge Kurt alles andere als eine schöne Kindheit, obwohl – wie er später selbst sagte – die Scheidung der Eltern noch lange nicht das schlimmste Schicksal für Kinder seines Alters seien. Ein Weg aus diesem privaten Elend bot ihm die Musik und er fand sich schon früh mit Chris Novoselic zusammen, gründete Nirvana mit fünf (!) wechselnden Schlagzeugern, bis schließlich mit Dave Grohl ab August 1990 das Trio perfekt war. „Nevermind“ verkaufte sich – laut Azerrad – über Geffen sagenhafte 50 Millionen mal und trotz des Punkethos und Alternative-Status der Band schlug es ein, wie eine Bombe, ohne dass eigentlich irgendwer wusste warum das genauso kam. Am wenigsten die A&R Leute von Geffen, dann schon eher die von Sub Pop, das Plattenlabel aus Seattle, das an der Spitze einer Bewegung stand, die Rockmusik wieder zu etwas Echtem und Authentischen machen wollte. Und durch den Erfolg von Nirvana, profitierten dann ja endlich auch ihre alten Freunde und Musikerkollegen davon.

Michael Azerrad führt den Leser in “Nirvana. Come as you are.” durch die verschiedenen Stationen der Karriere von Nirvana, bespricht die Alben, Songtexte und die Lieben von Kurt Cobain. Auch die vielen Fotos von Charles Peterson illustrieren die Neunziger und was sie ausmachte. Voller Insiderwissen und liebevollen Details – etwa dass Kurt Cobain ausgerechnet in der sauberen Schweiz sein Pass, seine Schuhe und sein Portemonnaie gestohlen wurden – erzählt Michael Azerrad die echte und authentische Geschichte eines Vertreters seiner Generation, Kurt Cobain, der aber leider zu wenig Durchhaltevermögen besaß und seine Generation im Stich ließ. Aber vielleicht geht es ihm heute ja besser.

Michael Azerrad
Nirvana. Come as you are.
Die wahre Kurt-Cobain-Story
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Pöll
14. Auflage 2017, Paperback, 382 Seiten
19,99 EUR
ISBN: 978-3-85445-099-3
Hannibal Verlag


Genre: Biographie, Grunge, Rockmusik
Illustrated by Hannibal

Erinnerungen an Kurt Cobain

Erinnerungen an Kurt Cobain

Erinnerungen an Kurt Cobain: 25 Jahre nach seinem selbstgewählten Freitod am 5. April 1994 ist der Sänger der Band Nirvana, der es gelang Punk mit Metal und Rock zu verschmelzen immer noch in aller Munde. Gerüchte über seinen Selbstmord, die ihn gerne auch als Mord darstellen, sind seither ebenso wenig verstummt, wie Schuldzuschreibungen an seine Frau Courtney Love, die gerade nach dem Tod Kurts ihre erste Platinplatte verbuchen konnte. Titel: Live through This.

Kurt oder Kurtney?

Nur eine Woche nach Kurts Freitod – am 12. April – erschien die Platte von Courtney’s Band Hole und stürmte die Charts. Natürlich ist ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen völlige Spekulation, denn sowohl der zufällig passende Titel als auch der Veröffentlichungstermin waren lange vorher schon geplant. Danny Goldberg, der lange Zeit Nirvana managte und noch immer ein gutes Verhältnis zu Courtney Love hat, weist alle Gerüchte über eine angebliche Schuld Courtneys am Selbstmord Kurts aufs Schärfste zurück. Aber jeder der die beiden kannte, weiß auch, dass sie es war, die ihn zum Heroin brachte und auch in der Band und deren Umkreis den Spitznamen Yoko nicht unverdient bekam. Hätte sie die „Beatles der Neunziger“ ebenso auseinandergebracht wie Yoko Ono zuvor die originalen Beatles?

Kurt vs. Boddah

Danny Goldberg beschreibt Kurt Cobain, als einen Menschen, der immer genau wusste was er tat und alles stets gut plante, was ihm vorschwebte. Auch die Zukunft der Band hätte Kurt genau kontrolliert. Als er nach dem Erfolg von Nevermind die Songschreibertantiemen alle für sich reklamiert und nunmehr drei Millionen Dollar pro Jahr mehr Geld bekam als Krist und Dave, steckte vielleicht ebenso Courtney dahinter? War sie nicht nur die Yoko, sondern sogar die Nancy Spungen von Nirvana? Natürlich ist jeder für sein Leben selbst verantwortlich. Der sensible und politisch korrekte Kurt, der stets gegen Machos und Männlichkeit Partei ergriff und Frauen immer verteidigt, war vielleicht zu labil, den Druck, der auf ihm lastete, zu ertragen. Jedenfalls hatte er immer viel Humor bewiesen und sich durch Freundlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen ausgezeichnet. Ganz ohne Starallüren. Aber manchmal verkroch auch er sich in ein Loch und war unerreichbar. Und Boddah gewann am Ende.

Danny’s Erinnerungen an Kurt

Danny Goldberg’s flammender Appell, sich von Drogen fern zu halten, da sie alle Gute in einem Menschen zerstören, kann also nur applaudiert werden, denn das ist wohl die einzige Lehre, die man aus so einem verschwendeten Leben wie das Cobain’s ziehen kann. So schade. Als Quellen für seine Biographie verwendete Goldberg Fax-Nachrichten, Memos und Briefe, die Kurt ihm während ihrer vierjährigen Zusammenarbeit geschickt hatte und seine eigenen Erinnerungen, zahlreiche Gespräche mit den Schlüsselfiguren in Cobain’s Leben – mit Musikerkollegen, Familienmitgliedern sowie Medienvertretern.

Danny Goldberg

Borchardt, Kirsten (Übersetzung)

Erinnerungen an Kurt Cobain
1.Auflage April 2019, 296 Seiten, Broschur
21,5 x 14

ISBN 978-3-85445-662-9

Hannibal Verlag

22,00 EUR


Genre: Biographie, Rockmusik
Illustrated by Hannibal

Businesstipps vom Rockstar

Band oder Brand? Gene Simmons, der Rockstar: Seine Gruppe Kiss gehört zu den führenden Hard Rock Metal Bands die von den Siebzigern bis heute überlebt haben. Demnächst gehen Kiss aber dennoch auf ihre Abschiedstournee „End of the Road“. In „So wird man Rockstar und Millionär“ verrät der Frontman von Kiss sein Erfolgsrezept.

Die Kunst des Businessman

Bis heute haben Kiss weltweit über 100 Millionen CDs und DVDs verkauft und über tausend Merchandise-Produkte abgesetzt. In 13 einfachen Grundsätzen – nach Sun Tzus Klassiker „Die Kunst des Krieges“ – erklärt Gene Simmons in vorliegendem Buch seine praktischen Tipps für den finanziellen Erfolg im 21. Jahrhundert. Als Sohn armer israelischer Einwanderer wurde für ihn der amerikanische Traum Wahrheit. Aber Simmons schreibt dies weniger seiner eigenen Genialität oder Zufällen zu, sondern einem guten Marketing und Promotion Konzept. Und für alle die es gleich wissen wollen: „Staatspräsidenten, Unternehmensvorstände und Rockstars haben alle eine Gemeinsamkeit mit dir: Sie kamen als ganz normale Menschen auf die Welt! Den Rest machen einige Faktoren und Variablen aus, nicht zu vergessen ein unerschütterliches Arbeitsethos.“

Rockstar: Dienst an sich selbst

Gene Simmons (geborener Chaim Witz) spricht im zweiten Teil seine Leser direkt mit „DU“ an und verrät ihnen, wie sie sich selbst zur Marke, zur Brand, aufbauen können. Im ersten Teil erzählt er vor allem von seinem eigenen Weg und wie er es als armer Jude aus Ungarn und Sohn einer Holocaustüberlenden in den USA zu etwas bringen konnte, wofür er diesem Land über alles dankbar ist. Als Kind hatte er einen Freund namens Schlomo und einen Skarabäuskäfer, den er immer bei sich trug. Gene Simmons ist auch ein bekennender Comicleser – was man seinem Bühnenkostüm – wohl auch ansieht und lobt die amerikanische Kultur, die es einem Immigranten wie ihm ermöglichte, seinen Traum zu verwirklichen. Im Hannibal Verlag – der Verlag der Stars – sind auch noch zwei weitere Bücher über Kiss erschienen. Er war einmal stolzer Besitzer des Action Comics mit der ersten Superman-Geschichte und konnte es um 800.- Dollar versetzen. Dieser „fiduziarische Dienst an sich selbst“ war wohl einer der Trigger für seine spätere Karriere.

Gene Simmons
So wird man Rockstar und Millionär
Mein Erfolgsrezept
1. Auflage, 2015, 224 Seiten, Broschur
Format: 21 x 14
ISBN 978-3-85445-473-1
19,99 EUR
Hannibal Verlag


Genre: Biographie, Ratgeber
Illustrated by Hannibal