Seit Jahren lese ich ihre Bücher gerne: sie beobachtet genau und fügt ihre Eindrücke in die Erzählungen über ihr Leben ein, und was für ein Leben! Geboren wurde sie als Kind jüdischer Remigranten in Berlin, der Hauptstadt der DDR, die Eltern aktive Kommunisten, die beim Aufbau des Sozialismus dabei sein wollten. Und in diesem Buch zeigt sich, wie gut sie zuhören kann: bei den Schicksalen jüdischen Lebens, die ihr erzählt wurden.
Barbara wächst in diesem Kreis jüdischer Sozialisten auf, die meist in den Ländern des Ostblocks wirken. Sie nennt es ihren „Kosmos“.
Die Menschen ersetzen sich gegenseitig oft die durch den Holocaust verlorene Familie.
Dieses Buch, erschienen in ihrem 77. Lebensjahr, enthält drei Erzählungen: „Mischka“ ist ihre mütterliche Freundin, der sie in Moskau begegnet war, als Studentin der Theaterwissenschaften aus
Berlin. Die kürzeren Geschichten stellen ihre Bekannten in Straßburg, wo sie jetzt lebt, dar und Schicksale der Juden ihrer, der „zweiten Generation.“
Geboren worden war Mischka noch in der Zarenzeit, in Riga, die jüdische Familie war wohlhabend, mit Nanny und Nounou. Als Erwachsene wurde sie aktive Kommunistin, während der Stalinzeit über Jahre verbannt, aber nun, in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts eine gut vernetzte Intellektuelle, in deren Küche sich Dissidenten treffen, und Barbara ist dabei.
Bei den Besuchen Mischkas in Berlin hatte sie Barbaras Eltern mit ihren Erzählungen „verschont“: „Ich fragte auch nicht nach und bestand auch nicht auf einer Aussprache über die schmerzlichen Themen, dazu genoss ich die harmonischen, ja ausgelassenen Momente zwischen den Menschen, die mir die nächsten waren, viel zu sehr.“ Das Schweigen über die Leiden der Verfolgung in den Familien wird in allen ihren Erzählungen beschrieben.
Und sie sieht, wie unterschiedlich die Menschen ihren Kommunismus verstanden, wie unterschiedlich sie ihren Glauben daran und ihre Hoffnungen darauf verteidigen, oder eben verlieren mussten.
Eine ihrer Gesprächspartnerinnen muss, Jahre nach dem Tod eines Angehörigen, erkennen, dass dieser Anfang der fünfziger Jahre im sicher geglaubten Pariser Exil von Stalins Schergen vergiftet worden war.
Die nächste Geschichte „Max und Yvette“ ist ihren Freunden in Straßburg gewidmet, beide nun über neunzig Jahre alt.
Familie Honigmann war in den achtziger Jahren mit den Kindern von Berlin dahingezogen, um ihr Jüdischsein so zu leben, wie es ihnen in der DDR nicht möglich war. Und sie stellt hier nun den Reichtum ihres jüdischen Lebens dar: private Kontakte werden bei Einladungen zum Schabbes gepflegt. Und „Glück“ hat man, wenn man bei Yvette zum Schabbes eingeladen wird. Sie weiß genau, wie man in Galizien Gefillte Fisch zubereitete. Sie nimmt ihn noch selbst aus, töten lässt sie ihn allerdings doch in der Poissonnerie, während er eigentlich in der Badewanne darauf wartet, zubereitet zu werden. Und zum Nachtisch gibt es den echten „Ungarn-Österreich-Böhmen“ Strudel.
Max und Yvette hatten sich in der jüdischen Jugendbewegung kennengelernt. Auch ihre Familien wurden durch die Verfolgung durch Nazis getrennt, manche getötet. Sie erzählen ihre Geschichten, ohne zu klagen, mit dem Stolz, überlebt zu haben. Frau Honigmann weiß von Vielen, die als Kleinkinder verschleppt worden waren und berichtet, wie ihnen ihr Leben dann doch gelingt.
Hier im Osten Frankreichs lernen sich auch die verschiedenen jüdischen Gruppen untereinander kennen: manche kommen aus Nordafrika. Wie sich so verschiedene Welten begegnen, erst abwehrend, dann doch aufeinander zugehend, wird mit Wärme und Witz berichtet.
Im letzten Kapitel „Peter Thomas Klaus Wolfgang“ geht es um die Männer ihrer, der zweiten, Generation. Ihre Vornamen waren so gewählt, dass sie nicht als jüdisch auffielen. Die häufigen Umzüge, auch in Länder mit fremden Sprachen, wurden von den männlichen Kindern schwerer verarbeitet, manche scheitern in ihrem Leben. Die Grauen der Verfolgung und Ermordung wirken über Generationen nach…