Die Kunst, ohne Sorgen zu leben

Sozusagen die letzten Worte Stefan Zweigs, eines der größten Schriftsteller unserer Zeit, werden in vorliegender Publikation nochmal zusammengetragen. Die letzten publizierten Worte erschienen zwischen 1940 bis 1942 in Zeitungen und Zeitschriften, es waren Kurzgeschichten ebenso wie politische Appelle, Warnrufe vor Katastrophen, die er nicht mehr erleben wollte.

Die Kunst, ohne Sorgen zu leben

In der ersten, titelgebenden Erzählung, stößt Stefan Zweig beim Spaziergang mit seinem Cocospaniel Kaspar auf einen einmaligen Menschen, den Anton. Als sein Hündchen sich an Bäumen rieb und murrte und knurrte und Zweig dies erst für die “Unart des Frühlings” hielt, half ihm dieser “sonderbare Anton” indem er Kaspar den Zeck fachmännisch entfernte. Zweig, überrascht von seiner Hilfsbereitschaft, konnte gar nicht reagieren, so schnell ging dieser Anton wieder seines Weges. Zuhause erzählte Zweig von dieser Episode und seine Köchin wusste sofort Bescheid, denn jeder kannte im Salzburg von damals diesen Anton, die gute Seele. Er hatte keinen Beruf, aber ging jeden Tag spazieren und half dabei anderen Leuten, reparierte was lose, machte ganz, was kaputt. Er hätte gleichsam ein antikapitalistisches System erfunden, schreibt Zweig euphorisch, denn er nahm nie ein Geld und wollte sich nirgends bereichern. Aber alle Bewohner dieser kleinen Stadt hätten ein mobiles Kapital von moralischen Verpflichtungen ihm gegenüber angesammelt. Zweig bezeichnet dies etwas blauäugig als “großes Lebens-geheimnis“, denn er besaß zwar nichts, war aber reich, reich an sozialem Kapital. Wenn nur alle diese “Reziprozität des Vertrauens“, wie Zweig schreibt, beherzigten, dann müsste es “keine Polizei, keine Gerichte, keine Gefängnisse, kein Geld” mehr geben, so Zweig. Ein bißchen klingt das wie eine Weihnachtsgeschichte, nicht? Ein Hoch auf die Antons dieser Welt…

Im alten Österreich und der Welt

In der zweiten Geschichte, “Nur Mut!“, erfahren wir von einem Mitschüler Zweigs, dessen Vater wegen Schwindel in einem Finanzunternehmen verhaftet wurde. Zweig bereut es, damals nicht die richtigen Worte für den geknickten Mitschüler gefunden zu haben, denn er verließ die Schule und wurde Apothekerlehrling. In “Was mir das Geld bedeutet” berichtet Zweig von der grassierende Inflation, die noch weit höher war als unsere des 21. Jahrhunderts. “Ein einziges Ei kostete vier Milliarden Mark, mehr als das Etat eines Landes mit sechzig Millionen Einwohnern.” Im alten Österreich war bald jeder ein Millionär, aber nur für den Augenblick, denn eine Woche später hatte seine Million ihren Wert verloren. Unsere wirkliche Sicherheit liege aber ohnehin nicht in dem, was wir besäßen, “sondern in dem, was wir sind und was wir aus uns machen“. Und natürlich in den Menschen, die uns lieben. Die Erzählung “Die Angler an der Seine“, die auch das wunderschöne zeitgenössische Cover des vorliegenden Buches inspirierte, geht Zweig auf den Umstand ein, dass es unbeteiligte Angler gab, die nicht dem Schauspiel des welthistorischen Ereignisses, der Enthauptung König Louis in Frankreich, beiwohnten und ihm den Rücken zudrehten. “Steigert sich das Tragische ohne Maß“, schreibt Zweig, “so vermindert es die Fähigkeit, uns zu erschüttern statt sie zu steigern“. “Wir alle fühlen heute diese verhängnisvolle Proportion: Je länger das Weltdrama vor unseren Blicken dauert, umso mehr lässt unsere Fähigkeit des innerlichen Miterleben nach.

Die Kunst, ohne Sorgen zu leben” zeigt Zweig bei Rodin, im Nachruf auf Alfonso Hernandez Cata, und in der Trauer über ein untergehendes Europa. Aktuelle könnte kein Buch derzeit sein.

Stefan Zweig
Die Kunst, ohne Sorgen zu leben. Letzte Aufzeichnungen und Aufrufe
Mit einem Nachwort von Volker Michels. Herausgegeben von Klaus Gräbner und Volker Michels
2024, Insel-Bücherei 1524, fester Einband, 79 Seiten
ISBN: 978-3-458-19524-5
Insel Verlag, 5. Auflage
15,00 € (D), 15,50 € (A), 21,90 Fr. (CH)


Genre: Exil, Nationalsozialismus, Vertreibun

Schreib ohne Furcht und viel

Camus – Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Ein Briefwechsel

Schreib ohne Furcht und viel. Was für ein Imperativ! Was für eine Liebesgeschichte! Sagenhafte 1568 Seiten umfasst dieser Briefwechsel – bei Rowohlt erstmals in Buchform – zwischen Albert Camus (1913-1960) und der Schauspielerin Maria Casarès. Eineinhalb Jahrzehnte dauerte ihre Liebesgeschichte, die vielleicht nur durch Camus’ tragischem Unfalltod am 4. Januar 1960 für immer ihr Ende fand. Aber als Zeugnis der Intensität ihrer unvergleichlichen Liebe wird nun der Briefwechsel zwischen den beiden mehr als 60 Jahre später öffentlich zugänglich.

Schreib ohne Furcht und viel

In Frankreich erschien dieser Briefwechsel schon 2017 und wurde geradezu zu einer literarischen Sensation. Ein Vorwort des Schriftstellers Uwe Timm, der in den 1970er Jahren seine Doktorarbeit über Albert Camus schrieb, eröffnet die erstmalige deutschsprachige Ausgabe beim Rowohlt Verlag. Er schreibt auch von dem 1967 zu trauriger Berühmtheit gelangten Studenten Benno Ohnesorg, der ebenfalls ein Camus-Fan war und sogar nach Nordafrika getrampt war, um dort “genau die Landschaft zu erleben, die der Autor so hymnisch in Hochzeit des Lichts beschrieben hat“. Camus und Casarès hatten sich im Frühjahr 1944 im besetzten Paris kennen und lieben gelernt. Er war damals 30, sie immerhin 21. “Ich brauche dich, um mehr als ich selbst zu sein“, schreibt er ihr liebestoll. Er selbst war im Alter von ihr bitter enttäuscht worden, als ihn sein erste Frau betrogen hatte. Außerdem war er als Kind von seiner Großmutter mit einem Ochsenziemer gedemütigt worden.

Solitaire und solidaire

Eine Zeit wird kommen, in der wir trotz aller Schmerzen leicht, fröhlich und aufrichtig sind“, schreibt Camus ihr hoffnungsvoll im Februar 1950. Tatsächlich hatten sich die beiden zwischen 1944 und 1948 wieder trennen müssen, da Camus’ Frau, Francine Faure, zu ihm stieß (sie waren durch den Krieg getrennt worden). Eigentlich begann die Beziehung erst richtig am 6. Juni 1948 als sie sich zufällig am Boulevard Saint-Germain wiedersahen. Wieder ein 6. Juni wie schon 1944 und wieder ein Zufall. Aber auch in den zwölf Jahren ihrer Beziehung waren sie oft getrennt, allerdings nur geographisch. Denn ihre Briefe schmiedeten ein unsichtbares Band, das Zeugnis gibt, wie intensiv eine Liebe auch in Abwesenheit des Geliebten empfunden werden kann. Vielleicht gerade in Abwesenheit des anderen. “Was jeder von uns in seiner Arbeit, seinem Leben etc. Tut, tut er nicht allein Eine Anwesenheit, die nur er spürt, begleitet ihn“, schreibt Camus ihr im selben Brief vom Februar 1950 aus dem auch seine Tochter, Catherine Camus, die ebenfalls ein Vorwort schrieb, zitiert.

“Aye!Que cara de tonta tienes hoy!”

Wenn man sensibel ist, neigt man dazu, Hellsichtigkeit zu nennen, was einen enttäuscht, und Wahrheit alles, was einem schadet. Aber diese Hellsichtigkeit ist genauso blind wie anderes.“, schreibt er ihr 1944 und spricht darin von “dieser Welle, die mich seit gestern trägt” und beschreibt es mit “mein Herz ist voll von Dir“. Dennoch weiß Camus natürlich auch, dass er sich in Geduld üben muss. Schließlich herrscht Krieg und zudem ist er ja noch verheiratet. Sie antwortet ihm: “ich warte darauf, zu existieren, bin nur Verheißung”. Ihre Seligkeit beim Erhalten eines Briefes von Camus lässt ihren Vater ob ihres Anblickes ausrufen: “Aye!Que cara de tonta tienes hoy!” (Oh! Was machst du heute für ein dummes Gesicht!) Eine Seligkeit, die an Schwachsinn grenzt, meint sie. Aber wer kennt das nicht, wenn er/sie verliebt ist?

Liebe in kleinen Dosen

“Ich bin jedes Mal hingerissen, wenn Du mir Deine Liebe schreibst. Ich zittere, und zugleich bricht alles zusammen“, antwortet Camus ihr und zeigt damit, dass es ihm ähnlich geht. Über ihren letzten Brief meint er: “ich lebe, auf seinem Grund, wie ein glückliches Wrack“. Kann man das überhaupt “leben” nennen, ohne den Geliebten zu sein? Jeder, der schon einmal eine Fernbeziehung hatte, weiß, dass gerade durch die Trennung, die Gefühle sich intensivieren. Und vielleicht (er)lebt man sich gerade dadurch selbst mehr. Man wird kühner und dankbarer und wagt Dinge zu sagen, die ansonsten des Alkohols oder anderer Substanzen bedürfte. Hemingway (sie liest ihn gerade) nennt Camus einen Trickser und für die Liebe die sie ihm bereitet bedankt er sich aus tiefsten Herzen. Aber an manchen Tagen weint das Herz dann wieder stundenlang, “trotz den Hoffnungen und Freuden, die ihm versprochen” worden sein mögen. Und an solchen Tagen schreibt man seinem Geliebten oder seiner Geliebten am besten Briefe. Voller Sehnsucht und Leidenschaft. Keine E-Mails.

Albert Camus, Maria Casarès
Schreib ohne Furcht und viel.
Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959
Übersetzt von: Claudia Steinitz, Andrea Spingler, Tobias Scheffel
2021, Hardcover, 1568 Seiten
ISBN: 978-3-498-00131-5
Rowohlt


Genre: Biographie, Briefe, Exil, Fernbeziehung, Frankreich, Krieg, Liebesgeschichte
Illustrated by Rowohlt