Marmor, Quecksilber, Nebel

Wenn Wissenschaft poetisch wird

Das gerade erschienene Buch der Schriftstellerin Judith Schalansky mit dem Titel «Marmor, Quecksilber, Nebel« und dem Untertitel «Woraus die Welt gemacht ist» trägt keine Genrebezeichnung. Es ist ähnlich wie bei ihrem erfolgreichen Bildungsroman «Der Hals der Giraffe» eine Mischung aus Essay und Fiktion, wobei die Thematik naturwissenschaftlicher Art ist, es geht dabei um Erkenntnisse und Empfindungen die Materie betreffend. Damit gehört die Autorin als jüngste zu den populärsten deutschen Vertretern des Natur Writing, wobei das deutlich gewachsene Umweltbewusstsein natürlich auch das zunehmende Interesse an dieser Art Literatur erklärt. Dazu passt wohl auch, dass Judith Schalansky in Jahre 2023 die Ehre zuteil wurde, als bisher neunte Schriftstellerin ein neu geschaffenes, unveröffentlichtes Werk an die norwegische ‹Future Library› in Oslo übergeben zu dürfen. Damit gehört es zum Bestand von 100 Texten, die erst im Jahre 2114 veröffentlich werden sollen. Alle eingereichten Manuskripte werden in der Osloer Bibliothek äußerst streng unter Verschluss gehalten und in Glasvitrinen ausgestellt. Eine Ehrung post mortem also! Ein parallel dazu gepflanzter Wald nahe Oslo ist im Rahmen dieser Aktion als Ausgleich für den Papierverbrauch beim künftigen Druck dieser 100 Werke vorgesehen. Wie schön, dass es solch kreative Idealisten gibt!

Die drei Kapitel des vorliegenden Buches gingen aus drei im Jahre 2025 von der Autorin gehaltenen Vorträgen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen hervor. Dabei ging es ihr um die Frage, inwieweit sich Weltgeschichte auf einen einzelnen Gegenstand zurückführen lässt. So ist es zu Beginn ein Marmorblock, der ihr bei einer Fahrt mit der Fähre durch das Thrakische Meer auffällt. Es sind gleich mehrere Tieflaster mit solch tonnenschweren Blöcken, die sie im Transportdeck bestaunt, wobei sie einem Aufdruck entnimmt, dass so ein Marmorblock 27 Tonnen wiegt. Ihre Gedanken beginnen, um dessen Beschaffenheit und seine Materialeigenschaften zu kreisen. Gerade der hier transportierte, schneeweiße Thrakische Marmor sei ja der begehrteste, stellt sie fest, weil er keine Maserung aufweist und damit für Statuen ideal geeignet ist. Die Gedanken der Ich-Erzählerin kreisen auch um dieses Material als bis in die Antike zurückreichender, begehrter Baustoff. Sie nennt einige berühmte Gebäude, in denen viel Marmor verbaut wurde, und erzählt von deren Geschichte. Sogar in ihrer heimischen Berliner Staatsbibliothek, die sie täglich aufsucht, findet sie überraschend viele Marmorflächen.

In ihrem Buch verknüpft die Autorin gekonnt die Geschichte des Marmors mit einer Vortragsreise zur Uni in Guadalajara sowie einem Ausflug auf den Brocken im Harz. Dabei stellt speziell der Nebel auf dem Berg die Verbindung her zu historischen Betrachtungen über die Welterschließung, zum Beispiel in Form von Orakelsprüchen, löst aber auch skeptische Reflektionen der KI gegenüber aus. Am Beispiel Marmor zeigt sie die Gemeinsamkeit zur Schreibarbeit auf: In beiden Fällen liege zu Beginn ein unbehauener Block vor, der intensiv und sorgfältig bearbeitet werden muss, um dann in Vollkommenheit erstrahlen zu können. Wie die Statue im Marmor, so lag für die Autorin ihr Text bereits im Stofflichen vor, sie musste ihn für dieses Buch nur herausarbeiten wie Michelangelo seinen David.

Der Text ist angereichert mit vielen Querverweisen und Reflexionen in die Kulturgeschichte, die allesamt zur Unterstützung ihrer verschiedenen Thesen dienen sollen, denn jeder Aspekt zieht eine neue Betrachtung nach sich. «Wenn ich wüsste was ich tue» hat Judith Schalansky dem Tagesspiegel gestanden, «dann täte ich es nicht». Daraus kann man folgern, sie sei mitgerissen worden von einem Gedankenstrom bei ihrem Text, der die materiellen Rahmenbedingungen von Literatur zum Gegenstand hat. Dazu gehört auch die bange Frage: Wo liegt die Zukunft des Buches? Viele Leser dürften mit den wild wuchernden Assoziationen dieses von vermeintlichen Erkenntnissen geradezu strotzenden Werkes ihre Probleme haben, – andere werden jubeln!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Essay
Illustrated by Suhrkamp Berlin

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