China ist für den Westen seit Jahrzehnten Projektionsfläche, Handelspartner, Angstgegner und Rätsel zugleich. Mal erschien das Land als verlängerte Werkbank der Globalisierung, mal als Hoffnung auf eine sanfte Öffnung durch Wohlstand, mal als kommende Weltmacht, die mit Hochgeschwindigkeitszügen, Wolkenkratzern und künstlicher Intelligenz den Takt des 21. Jahrhunderts vorgibt. Michael Sheridan interessiert sich in seinem Buch „Der rote Kaiser“ jedoch weniger für das glänzende Schaufenster dieses neuen China. Er geht hinter die Kulissen der Macht und stellt die Frage, wer jener Mann ist, der an der Spitze dieses riesigen Apparates steht.
Sheridan sieht in Xi Jinping keinen gewöhnlichen Parteifunktionär, keinen Technokraten der Moderne und auch keinen bloßen Verwalter kommunistischer Macht. Für ihn ist Xi das Produkt einer roten Aristokratie, eines innerchinesischen Hochadels der Revolution, dessen Familiengeschichte, Opfermythologie und Herrschaftsanspruch sich zu einer neuen Form politischer Alleinherrschaft verdichten. Der Titel „Der rote Kaiser“ ist daher nicht nur zugkräftige Zuspitzung, sondern das eigentliche Deutungsmodell des Buches.
Sheridan beginnt bei Xis Vater Xi Zhongxun, einem der alten Revolutionäre, die Maos Volksrepublik mitbegründeten, selbst aber in die Mühlen jenes Systems gerieten, dem sie gedient hatten. Aus dieser Familiengeschichte entwickelt der Autor sein zentrales Motiv: In China, so Sheridans Lesart, wurde die Kaiserzeit von der kommunistischen Partei in neuer Gestalt fortgeschrieben.
Besonders eindringlich sind die Passagen über Xis Jugend während der Kulturrevolution. Der Sturz des Vaters, die Erniedrigung der Familie, die Jahre auf dem Land: Sheridan schildert diese Erfahrungen als Training in Härte, Vorsicht und politischem Überlebenswillen.
Sheridan erzählt Xis Aufstieg als Charakterstudie im Machtmilieu. Aus dem jungen Mann, der in Provinzen wie Hebei, Fujian und Zhejiang scheinbar unauffällig Karriere macht, wird ein Politiker, der gerade durch seine Undurchsichtigkeit aufsteigt. Xi wirkt nicht brillant, nicht flamboyant, nicht reformerisch. Er wirkt beharrlich, kontrolliert und ungefährlich – bis er es nicht mehr ist.
Lesenswert sind die Kapitel über die Machtkämpfe vor Xis endgültigem Durchbruch. Der Sturz Bo Xilais, der Mordfall um den britischen Geschäftsmann Neil Heywood, die Rolle Gu Kailais und die Ausschaltung mächtiger Rivalen lesen sich bei Sheridan stellenweise wie ein Politthriller. Hier zeigt sich seine Erfahrung als Auslandskorrespondent: Er kann komplexe Machtverhältnisse erzählerisch bündeln, ohne sie völlig zu vereinfachen.
Doch gerade darin liegt auch eine Gefahr. Das Buch ist stark, weil es eine klare These hat. Es ist zugleich begrenzt, weil diese These fast alles überstrahlt. Die Kaiser-Metapher trägt weit, manchmal vielleicht zu weit. Wo immer Xi erscheint, sieht Sheridan Hof, Clan, Dynastie, Mandat, Palast und Unterwerfung.
Auch der Ton ist nicht der eines zurückhaltenden Historikers, sondern der eines engagierten Journalisten, der seine Warnung deutlich vernehmbar formuliert. Sheridan schreibt mit Tempo, mit Sinn für dramatische Zuspitzung und mit sichtbarer Skepsis gegenüber der westlichen Illusion, wirtschaftliche Öffnung werde früher oder später politische Freiheit erzwingen.
Vorsichtig sollte man besonders jene Passagen lesen, in denen der Autor Gerüchte, Insiderberichte oder schwer überprüfbare private Details verarbeitet. Das Buch ist quellenbewusst, aber nicht jedes Detail besitzt dieselbe Belastbarkeit. Nicht jede Hofgeschichte wird dadurch wahr, weil sie gut erzählt ist.
Dennoch bleibt der Erkenntnisgewinn erheblich. Sheridan zeigt, wie Xi Jinping die Reformära nicht fortsetzt, sondern beendet. Die Antikorruptionskampagne erscheint bei ihm nicht als moralischer Neubeginn, sondern als politisches Schwert. Die Partei wird nicht modernisiert, sondern enger an ihren Führer gebunden. Das private Unternehmertum darf wachsen, solange es sich duckt. Technologie wird nicht als Freiheitsversprechen verstanden, sondern als Instrument perfektionierter Überwachung. Aus dem ökonomischen Aufstieg Chinas entsteht kein liberaler Staat, sondern ein hochgerüsteter Parteiapparat mit digitalem Nervensystem.
Gerade für westliche Leser ist das unbequem. Sheridan schreibt auch die Geschichte einer Selbsttäuschung. Jahrzehntelang glaubte man, Handel werde Wandel bringen. Man hoffte, Konsum werde Ideologie verdrängen. Man hielt Globalisierung für eine Einbahnstraße in Richtung Offenheit. Xi Jinping steht in diesem Buch als Gegenbeweis: Er nutzt die Modernisierung, ohne sich ihr politisch zu unterwerfen. Er nimmt den Kapitalismus als Werkzeug, nicht als Weltanschauung.
„Der rote Kaiser“ ist weniger eine klassische Biografie als eine politische Warnung. Sheridan erzählt vom Aufstieg eines Mannes, aber eigentlich vom Umbau eines Systems. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von Familiengeschichte, Parteigeschichte und Machtanalyse. Seine Schwäche liegt in der gelegentlichen Übermacht der eigenen Leitmetapher.
Am Ende bleibt das Bild eines Herrschers, der die Vergangenheit nicht überwunden hat, sondern sie in die Zukunft verlängert. Xi Jinping erscheint als Mann, der Mao beerbt, kaiserliche Muster imitiert und die Werkzeuge des digitalen Zeitalters nutzt. Das ist keine beruhigende Lektüre, aber eine notwendige. Denn wer China verstehen will, muss nicht nur auf Handelszahlen, Parteitage und Militärparaden schauen. Er muss auch begreifen, welche Geschichten sich die Mächtigen über sich selbst erzählen.