Irrlichternde Erzählerstimme
Als dritter südafrikanischer Autor hat Damon Galgut mit seinem Roman «Das Versprechen» 2021 den britischen Booker Prize gewonnen. Der Titel bezieht sich auf das uneingelöste Versprechen der Mutter einer weißen Familie, die auf dem Totenbett ihrem Mann das Versprechen abgenommen hat, ihrer farbigen Dienstbotin die baufällige Hütte auf dem Farmgelände zu übereignen, in der sie wohnt. Im vorangestellten Motto wird Federico Fellini mit einer Anekdote zitiert, der von einer ziemlich überdreht auftretenden Frau gefragt worden sei: «Warum gibt es in ihren Filmen nicht einen einzigen normalen Menschen?» Ist das als Hinweis auf die Roman-Figuren gedacht?
Zeugin des Versprechens war Amor, die jüngste, damals 13jährige Tochter des Ehepaares Swart. In dem vierteiligen Roman ist jeweils ein Teil der Mutter, dem Vater, der ältesten Tochter und dem Sohn gewidmet. Die enden jeweils mit ihrem Tod, Ma stirbt an Krebs, Pa am Biss einer Kobra, Astrid wird ermordet und Anton erschießt sich, weil seine Farm hoffnungslos überschuldet ist. Der Roman berichtet von den tief reichenden Konflikten der auseinander driftenden Familie vor dem politischen Hintergrund der südafrikanischen Geschichte, ausgehend vom Tod der Mutter 1986 und über das Ende der Apartheid hinweg bis zur Auflösung der ‹Kleptokratie› von Präsident Zuma. In den vier Romanteilen wird in teils drastischen Bildern vom langsamen Verfall einer Familie erzählt, deren Probleme bei der Sinnsuche von Religions-Übertritten, Ehezwist, Versagensängsten oder Alkoholismus bestimmt sind. All das wird zudem überschattet von desillusionierenden Erfahrungen in der Nach-Apartheid-Ära, in der die Gewissheiten der weißen Bevölkerung von einst zunehmend verloren gehen.
Durch den gesamten Roman zieht sich als alleiniger Spannungsbogen, geradezu gespenstisch im Hintergrund bleibend, das im Titel apostrophierte Versprechen, welches weder der Vater einlöst noch der Sohn, der die Farm nach dessen Unfall-Tod übernimmt. Zur Schlüsselfigur wird die erzählerisch im Hintergrund bleibende jüngste Tochter Amor, die jahrzehntelang vergebens die Einlösung des Versprechens fordert. Sie ist als Kind nur knapp dem Tod entronnen, als ein Blitz dicht neben ihr eingeschlagen ist. Dieses Erlebnis hat sie zweifellos geformt und besonders sensibel gemacht. Sie hat sich völlig von der Familie gelöst und findet in der Arbeit als Krankenschwester ihre Erfüllung. Nach einigen gescheiterten Beziehungen bleibt sie alleinstehend und ist oft auf Jahre hin für die Familie nicht erreichbar. So auch beim Tod ihres Bruders, erst am Tage der Trauerfeier erfährt dessen Frau zufällig, dass Salome, die Dienstbotin, ihre aktuelle Telefonnummer hat. Als Amor verspätet eintrifft, findet sie das Manuskript des Romans, an dem Anton seit vielen Jahren schrieb, und wie sie an den wenigen fertigen Seiten erkennt, ist er auch daran gescheitert. Amor übernimmt es als letzten Liebesdienst, wunschgemäß Antons Asche auf dem Grundstück zu verstreuen.
Damon Galgut stellt dem nicht eingehaltenen Versprechen der Familie, das wie ein Fluch über den Protagonisten liegt, die ebenfalls nicht eingehaltenen Versprechungen der Politik gegenüber. Und er lässt seine Figuren oft recht drastische Töne anschlagen: «Anton steht [betrunken] in der Toilettenkabine und pisst. Er weiß zwar nicht genau, wie er hierher gekommen ist, aber Pissen ist eine grundsätzlich ehrliche Tätigkeit. Kacken auch. Da kann man sich nicht hinter gesellschaftlichen Umgangsformen verstecken. Diplomatie sollte grundsätzlich auf dem Scheißhaus stattfinden». Der in den ersten zwei Dritteln eher holprig erzählte Roman mit unkonventionell irrlichternder Erzählerstimme liest sich erst im letzten Drittel flüssiger, zumal auch das Geschehen erkennbarer auf ein Ziel hinsteuert und dann sogar in ein unerwartet poetisches Ende mündet. Und das, obwohl ansonsten alle Emotionen konsequent ausgespart bleiben von einem zu seinen Figuren sarkastisch Abstand haltenden Autor.
Fazit: lesenswert
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50 Jahre Der Pate. 14. März 1972: Weltpremiere “Der Pate“. Der Pate auch als The Godfather im deutschen Sprachraum bekannt wird 50. Gemeint ist weder die Figur des Vito “Don” Corleone” noch die Romanvorlage, sondern der Film von Francis Ford Coppola, der 1972 veröffentlicht wurde. Der Roman selbst kam wenige Jahre vorher, 1969, auf den Markt. Ein guter Grund für eine Re-Lektüre. “Jeder kennt den grandiosen Film. Nur wenige wissen: Der Film ist so gut, weil die Romanvorlage genial ist. Jetzt zum Wiederentdecken!” So wirbt der Verlag für seine schöne Ausgabe in scharlachrotem Cover. Mit Blutstropfen am Revere.
Der Tod als Programmfehler
Redundanter Lebensgefühls-Roman
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Leben mit dem Stern. “Gestern wurde ich 53 Jahre alt, denn ich bin so alt wie dieses seltsame Jahrhundert“, schrieb Weil 1953 an einen Freund. Diesen Satz liest man mit Freude, denn so weiß man sogleich, dass der Autor sowohl die nationalsozialistische als auch die stalinistische Katastrophe “dieses seltsamen Jahrhunderts” überlebt hat. Für bedeutende tschechoslowakische Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář ist Jiří Weil heute ein großes Vorbild. Allerdings galt er in der ehemaligen Tschechoslowakei, seit der Veröffentlichung seines hier vorliegenden Romans 1949 bis zu seinem Tod 1959, als Unperson, ja sogar als “Schädling“.