Identitti

Zeitbezug als USP

Mithu Sanyal hat sich von realen Vorbildern zu ihrem Roman «Identitti» inspirieren lassen, er befasst sich mit dem Thema menschliches Selbstverständnis aus Sicht von Farbigen in einer von Weißen dominierten Gesellschaft. Das im Hier und Jetzt angesiedelte Debüt der einer polnisch/indischen Ehe in Düsseldorf entstammenden Autorin verarbeitet den nicht gerade alltäglichen Stoff einer gefälschten rassistischen Zugehörigkeit. Dominante Figur ihres Plots ist eine eloquente Professorin für postkoloniale Theorie, die sich nach einem Studium in Indien unter dem Namen Saraswati durch Anpassung ihres Aussehens als Inderin ausgegeben hat, um ihre Berufung auf diesen besonderen Lehrstuhl zu erwirken.

Erzählt wird dieser Roman mit dem albernen Titel aus der Sicht der Studentin Nivedita, die als Alter Ego der Autorin ebenfalls polnisch/indische Eltern hat. Sie beschäftigt sich unter dem Pseudonym «Identitti» in ihrem Blog und auf anderen Plattformen kritisch mit Rassismus und Sexismus, was nun auch den komischen Titel erklärt. Der Roman ist nicht nur örtlich, sondern auch sprachlich und intellektuell im universitären Milieu angesiedelt und erzählt dezidiert aus der Nerd-Perspektive. Deren Neusprech erfordert, ebenso wie die Einbeziehung von Social-Media, bei «älteren Semestern» unter den Lesern erhöhte Konzentration, will man all die Anspielungen aus der ‹Internet-Community› denn auch wirklich verstehen. Die Aufdeckung der falschen Identität jener gefeierten, omipräsenten Professorin löst einen Riesenskandal aus. Sie hatte sich als PoC ausgegeben, als Person of Colour, heißt in Wahrheit aber Sarah Vera Thielmann, stammt aus Karlsruhe und hat eindeutig urdeutsche Eltern. Im Netz geht ein Shitstorm über Saraswati los, die sich listig nach der hinduistischen Göttin der Weisheit benannt hatte. Die Alma Mater entlässt sie mit Schimpf und Schande, nur ihre Studentin Nivedita hält tapfer zu ihr.

Mit diesem Roman zum Thema ethnische Zugehörigkeit werden in erfrischender Selbstironie allerlei hochtrabende Erkenntnisse über die vermeintliche Identität des Menschen widerlegt. Gleich bei Niveditas erstem Besuch eines Seminars von Saraswati beginnt die Star-Professorin mit dem Satz: «Okay, erst mal alle Weißen raus.» Und fährt, nachdem die ‹Weißen› den Saal verlassen haben, mit der als Einstieg in die Diskussionen genialen Frage fort: «Warum seid ihr geblieben?» Äußerst engagiert handelt Mithu Sanyal ihr Thema scharfsinnig in allen möglichen Facetten ab, die überwiegend in oft scharfzüngiger Dialogform vorgetragen werden. Ihre Formulierungen sind geschliffen, geistreich und mit einer nicht zu übersehenden, angesichts der Thematik wohltuenden Prise Ironie gewürzt. Sehr klar offengelegt wird dabei die Kluft zwischen gemutmaßter und tatsächlicher Identität, die exemplarisch in der ambivalenten Figur der Professorin verdeutlicht wird. Neben den ‹Trancerace›-Identitäten erhalten in diesem Campus-Roman aber auch die nicht weniger komplizierten ‹Transgender›-Identitäten einen breiten Raum.

Ein Stilmittel der Autorin sind die imaginären Gespräche ihrer Heldin mit Kali, einer furchteinflößenden indischen Göttin, die sie auch in ihrem Blog veröffentlicht. Mit ihren auf die Spitze getriebenen Reflexionen hat sie einen originellen Roman vorgelegt, der durch die permanenten Wiederholungen der immergleichen theorielastigen Gedanken auf Dauer allerdings immer langweiliger wird, weil nichts wirklich Interessantes mehr geschieht. Abgesehen von den Passagen zum eigentlichen Thema ist die begleitende, den eigentlichen Plot bildende Prosa wenig überzeugend, oft sogar holprig oder ganz misslungen. Man darf vermuten, dass die Wahl dieses Romans in die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises allein die aktuelle Zeitbezogenheit honoriert hat, ökonomisch bewertet also, als schnöde USP! Nicht berücksichtigt ist die literarische Qualität, um die es letztendlich immer gehen muss, soll ein erzählerisches Werk als preiswürdige Kunst gelten!

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

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