Frida Kahlo und San Francisco

Kahlo in San Francisco

Frida Kahlo and San Francisco: Im Fine Arts Museum of San Francisco FAMSF findet vom 21.03.2020 – 26.07.2020 die gleichnamige Ausstellung statt, zu der diese hochwertige Publikation des Hirmer Verlages dieses Frühjahr erschienen ist. Gemeinsam mit ihrem Mann Diego Rivera reiste Frida Kahlo 1930 nach San Francisco und lebte dort ein ganzes Jahr. Der vorliegende Ausstellungskatalog enthält Essays zu Kahlos Rolle als Künstlerin und ihrem Aufenthalt in San Francisco sowie Abbildungen zahlreicher Werke und Fotografien.

Frida Kahlo und San Francisco

Zwei Aufenthalte kennzeichnen Kahlos Verhältnis zu San Francisco: von Herbst 1930 bis Frühjahr 1931 und später von September bis Dezember 1940 als sie in SF’s Rathaus Diego Riviera (nach der Scheidung von 1939) erneut heiratete. Und wie so oft entdeckte auch Frida Kahlo im Ausland ihre eigene (mexikanische) Identität. Der Blick auf ihre Heimat von den USA trug wesentlich zu Konstruktion ihrer Ich-Identität und ihrer Kunst bei. Das drückte sich auch in ihrem Kleidungsstil aus, der Passanten dazu veranlasst habe, sie anzustarren, so Hilda Trujillo (Direktorin des Kahlo/Rivera Museums in Mexico City) in ihrem „Statement“ genannten Vorwort. Trujillo resümiert auch die Ereignisse zwischen den beiden San Francisco Aufenthalten der Künsterlin, in denen nicht nur der Zweite Weltkrieg begann, sondern auch Trotzki in Mexiko von Stalins Schergen ermordet wurde. Oder Riveras Beitrag zum Rockefeller Center, „Man at Crossroads“ vom Auftraggeber selbst zerstört wurde, weil Lenin darin abgebildet war. Eine Periode großer ideologischer Konflikte also, die die ganze Welt erschütterten.

Identitätskonstruktion in Konfrontation

Weitere Essays stammen von den Kuratoren der Ausstellung Circe Henestrosa und Gannit Ankori, die sich mit Kahlos Kleidungsstil und Kunst beschäftigen. Dass San Francisco eine wesentliche Rolle bei der Ich-Konstruktion des Menschen und der Künstlerin Frida Kahl spielte, darin sind sich alle Beiträge einig. „It is interestingto consider, and striking to see, the role that San Francisco played in the artist’s development and the factors that informed the creation of her distinctive identity and her bold and uncompromising art“, schreibt Hillary C. Olcott und eröffnet den darauffolgenden bunten Bilderreigen dieser Publikation, die in den San Francisco Jahren von Frida Kahlo entstanden.

Hg. Gannit Ankori, Circe Henestrosa, Hillary C. Olcott
FRIDA KAHLO AND SAN FRANCISCO
Constructing Her Identity
Beiträge von G. Ankori, C. Henestrosa, H. C. Olcott
Text: Englisch
96 Seiten, 70 Abbildungen in Farbe
20,3 x 25,4 cm, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-7774-3573-2

22,00 € [D] | 22,70 € [A] | 28,00 SFR [CH]
Hirmer Verlag


Genre: Kunst, Malerei, Surrealismus
Illustrated by Hirmer

Dekadenz und dunkle Träume

Dekadenz und dunkle Träume: In der Alten Nationalgalerie in Berlin findet von 18.09.2020 – 17.01.2021 die gleichnamige Ausstellung statt, die sich mit der Sinnlichkeit, Magie und tiefgründigen Bedeutsamkeit und Irrationalität des belgischen Symbolismus beschäftigt. Die vorliegende hochwertige Publikation ist als Ausstellungskatalog im Hardcover beim renommierten Kunstverlag Hirmer im Großformat 24,5 x 29 cm erschienen.

Symbolismus und neues Frauenbild

In den 1880er-Jahren formierte sich in Belgien eine neue Art zu malen, die von George Minne und Félicien Rops oder Fernand Khnopff und James Ensor u.a. prächtig umgesetzt wurde. Porträts, Figurenbild und Landschaft übten eine Faszination für Unheimliches wie Verruchtes, für Thanatos und Eros aus und begeisterte die kunstinteressierte Elite des Fin de Siecle. Gerade der belgische Symbolismus zeichnet sich für seine Vorliebe für das Morbide und Skurrile, Tod und Verfall aus und erklärte diese Themen gleichsam zu Leitmotiven in der Kunst. Sowohl in der Malerei als auch in der Bildhauerei versuchten die Künstler um 1900, eine neue Mystik mit einem extravaganten und kostbaren Stil zu verbinden. Als zentrale Gestalt avancierte die Fantasiegestalt der Femme fatale als Ausdruck von Überfluss und Wollust zum Inbegriff eines neuen Frauenbildes. Die Darstellungen dieser neuen Frauen waren oft gepaart mit esoterischen und dämonischen Anklängen.

Eine Reise in ein Traumland

Die aus Belgien stammende neue Art zu malen beeinflusste auch den europäischen Symbolismus stark. Der hier vorliegende, sehr umfangreiche und großzügig illustrierte Band beschäftigt sich u.a. mit den belgischen Künstlern Jean Delville, James Ensor, Émile Fabry, Léon Frédéric, Fernand Khnopff, Xavier Mellery, George Minne, Félicien Rops, Léon Spilliaert, Charles Van Der Stappen u.a. Aber natürlich kann über diese Künstler nur gesprochen werden, wenn man auch die Referenzwerke des europäischen Symbolismus von Arnold Böcklin, Gustav Klimt, Edvard Munch, Odilon Redon, Dante Gabriel Rossetti, Franz Von Stuck u.a. mit einbezieht, was durch zahlreiche Essays und Abbildungen in dieser Ausstellung und dem dazugehörigen Katalog auch gemacht wird. Brüssel war schon damals ein Knotenpunkt der europäischen Kunstentwicklung und dem wird gebührend Rechnung getragen, in dem der Einfluss auf die europäische Avantgarde untersucht und dargestellt wird. Ein Buch nicht nur für Freunde des Morbiden und Dekadenten, sondern auch Erotik, Magie und Sinnlichkeit.

Ralph Gleis (Hg.)
DEKADENZ UND DUNKLE TRÄUME
Der belgische Symbolismus  sofort lieferbar
Beiträge von J. Block, M. Brodrecht, Y. Deseyve, J. De Smet, M. Draguet, R. Gleis, A. Groenewald-Schmidt, H. Körner, I. Rossi
336 Seiten, 265 Abbildungen in Farbe, 24,5 x 29 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-3507-7

Hirmer Verlag


Genre: Kunst, Symbolismus
Illustrated by Hirmer, Hirmer

Belgrad. Gehen, Sehen und Genießen.

Belgrad. Gehen, Sehen und Genießen. Die gebürtige Belgraderin Ida Salamon stellt in ihrem City Walk Reiseführer ihre Heimatstadt Belgrad in sechs Routen durch die serbische Hauptstadt vor. Denn gerade im Gehen lässt sich eine fremde Stadt am besten und eindringlichsten erfahren: intellektuell, sinnlich, aber auch olfaktorisch oder kulinarisch.

Spaziergänge durch Belgrads Zentrum

Denn die Falter City Walks bieten beinahe alle Informationen zu Geschichte, Kultur, Sightseeing, Essen, Trinken und Stadtleben. Der Band 19 der Reihe des österreichischen Kleinverlages zeigt, dass Belgard nicht nur Sehenswürdigkeiten und Bauwerke, sondern auch viele kulturelle Highlights, idyllische Stadtviertel, urbane Hotspots, ruhige Grünoasen sowie empfehlenswerte Restaurants und Cafés zu bieten hat. So führt etwa die Tour 1 durch den schönsten Park der Stadt, den Kalemegdan, zur hoch über der Save und Donau gelegenen Festung. In der dortigen sog. Oberstadt befindet sich auch das Wahrzeichen Belgrads, die Statue von Pobednik, dem Sieger. Diese sollte eigentlich im Zentrum aufgestellt werden, aber die unbekleidete männliche Statue erregte zuviel Unmut bei der damaligen Damenwelt. Die Festung selbst sollte unbedingt besichtigt werden.

Belgrad: Fotos, Planausschnitte und viele Tipps

Route 2 führt durch die Viertel Savamala und Terazije, während sich Route 3 ins pulsierende Zentrum, den Stadtteil Varoš kapija, stürzt. Route 4 führt nach Dorćol, wo sich historische Sehenswürdigkeiten und moderne Lokale aneinanderreihen. Aber es gibt auch ein grünes Belgrad, das in Route 5 besichtigt wird. Kapitel 6 wiederum empfiehlt lohnenswerte Ausflugsziele abseits der fünf Spaziergänge durch die eigentliche Stadt. Nützliche Adressen, Informationen und ein kleines Wörterbuch sowie natürlich Fotos und Planausschnitte sowie ausführliche Wegbeschreibungen, Zusatzinfos machen den hier vorliegenden Reisführer für die Westentasche zu einem wertvollen Begleiter durch die serbische Hauptstadt.

Belgrad: Neue Blüte einer Metropole

Die „Weiße Stadt“ oder auch „älteste Stadt“ war schon 7000 Jahre vor unserer Zeitrechnung besiedelt und ist ein symbolischer Ort für die Begegnung zwischen Ost und West. Auch wenn die Stadt 1999 von der Nato bombardiert wurde, erlebt sie heute, 20 Jahre später, eine neue Blüte, die in sechs Touren besichtigt werden kann. Ida Salamon, die inzwischen im JMW arbeitet, begleitet in vorliegendem Reiseführer den Belgrad-Besucher/in voller Neugier und Interesse durch ihre Stadt.

Ida Salamon
Belgrad. Gehen, Sehen & Genießen. 6 Routen durch die Hauptstadt Serbiens.
Geschichte, Kultur, Sightseeing, Essen, Trinken, Stadtleben
Reihe: City-Walks, Bd. 19

Umfang: 136 Seiten, Softcover, Format: 11 x 21 cm
ISBN: 978-3-85439-644-4
€ 12,90
Falter Verlag 2020

 


Genre: Reiseführer, Stadtspaziergang
Illustrated by Falter

Literaturführer Wien

Falter Literaturführer Wien

Literaturführer Wien. Die Wiener Kaffeehausliteratur und Wiener Dramatiker werden heute als kulturelle Institution gefeiert. Doch die literarische Tradition der Stadt reicht bis ins Mittelalter zurück, wie vorliegende Publikation des Falter Verlages deutlich macht. Auch neue literarische Formen wie Genreliteratur oder Poetry-Slam werden in diesem Wiener Literaturführer berücksichtigt.

Literatur und Literatour

Feuilletons, Streitschriften, Romane, entstanden schon in Wien und alle haben schon einmal die Welt verändert. Zumindest kurzfristig. Davon kann man sich auf dieser Spurensuche im Zuge mehrstündiger Literatur-Spaziergänge an unbekannte Orte in der Stadt überzeugen. Wer die Spaziergänge lieber im Kopf macht, braucht sein Sofa aber nicht zu verlassen. Dennoch bietet der Literaturführer auch 6 Literaturspaziergänge an, denn auch im Gehen kann man Wiens Literatur gut erschließen. Der erste führt zum Beispiel durch den 3. Bezirk, wo man u.a. Ingeborg Bachmann, Robert Musil oder Adalbert Stifter besucht und näher „kennenlernt“. Aber auch die österreichische Nationalbibliothek wird in Spaziergang 2 aufgesucht und neben der Kapuzinergruft das Café Tirolerhof besucht. So kann man nicht nur Literatur und Litertour, sondern auch eine typische Wiener Melange verkosten. Weitere Spaziergänge führen durch die Innenstadt, Gedenktafeln, Kaffeehäusern, Bibliotheken oder in den Nobelbezirk Döbling oder zu einer Gräbertour am Wiener Zentralfriedhof.

Cafés, Museen und Literaten

Neben den Spaziergängen steht aber selbstverständlich die österreichische Literaturgeschichte im Mittelpunkt. So wird nach Kaffeehausliteratur der Jahrhundertwende, Prosa nach 1945, Literatur in Szene, Prosa bis zur Wiener Moderne, Kinderliteratur, Welt- und Genreliteratur in unterschiedlichen Kapiteln unterschieden. Seit 2015 gibt es in Wien auch ein Literaturmuseum, das Franz Grillparzer gewidmet ist. Aber auch ein Literaturhaus mit Lesungen zeitgenössischer Autoren gibt es in Wien. Neben Cafés, Museen und Literaten werden aber auch namhafte Gaststätten besucht, die etwas mit Literatur zu tun haben. Autorenporträts, „Grätzl“karten (Viertel), Exkurse oder Friedhöfe und Gedenkstätten: in vorliegender Publikation befindet sich auch ein Personen- und Sachregister und ein Verzeichnis von Bibliotheken und Buchhandlungen, die in Zusammenhang mit Literatur und SchriftstellerInnen stehen, die man einfach gesehen haben muss. Alles zu Wiens Literatur und mehr.

Viola Rosa Semper

Literaturführer Wien. Auf den Spuren von Autorinnen und Autoren und ihren Werken

2020, Broschur, 256 Seiten
EAN:9783854396352

€ 24,90
Falter Verlag, Reihe: Kultur für Genießer


Genre: Literaturführer, Reiseführer, Stadtspaziergang
Illustrated by Falter

Das Leben der Surrealisten

Das Leben der Surrealisten: Zunächst sei der Surrealismus gar keine Kunstbewegung, sondern ein philosophisches Konzept gewesen, das nach dem Ende des Völkerschlachtens des Ersten Weltkriegs in Europa Anhänger fand. Aufgrund der Fülle der Protagonisten hat sich Desmond Morris vor allem auf bildende Künstler und Künstlerinnen beschränkt, zweiundreißig an der Zahl, jeweils mit einem Porträtfoto und einem für sein Gesamtwerk charakteristisches Bild illustriert.

Freundschaft ohne Freunde

„Au Rendez-vous des Amis“, lautet der Titel eines Gemäldes von Max Ernst aus dem Jahre 1923. Es zeigt die führenden Köpfe der Bewegung, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Desmond Morris unterscheidet fünf Kategorien wie paradoxaler Surrealismus, atmosphärischer, metaphorischer, biomorphischer und abstrakter Surrealismus. Gemeinsam haben alle fünf Kategorien, dass mit dem Unbewussten gearbeitet wird, nicht analysiert, nicht geplant wird und der Verstand, die Schönheit oder Ausgewogenheit keine Rolle spielen sollen, so Morris.

Der Autor konzentriert sich auf die Surrealisten als Menschen, als herausragende Individuen, ihre ganz speziellen Eigenheiten und was sie von anderen Protagonisten unterschied. „Schließlich gehören Exzentrik und ausgeprägter Individualismus zur Natur von Rebellen“, so Morris im Vorwort. Und genau das hatte auch Auswirkungen auf die oben angesprochene amitié, die Freundschaft.

Vom Klamauk zur Klamotte

Die Rezeption einiger der angesprochenen Künstler unterlag durchaus gewissen Missverständnissen, wie Morris etwa im Fall von Francis Bacon schreibt. So sei sein Interesse an Kreuzigungen nicht etwa auf die christliche Ikonographie zurückzuführen, sondern vielmehr auf Bacons eigene, höchstpersönliche sexuelle Fantasien. Seine Verbannung aus England nach Berlin durch seinen Vater verstärkte allerdings genau das, was dieser verhindern wollte: die „sexuelle Hauptstadt im Zwischenkriegseuropa“ huldigte der Transgression geradezu.

Ein eigenes Kapitel ist natürlich auch André Breton gewidmet, dem „Diktator“ der Gruppe, der nach Gutdünken und Willkür alle jene in die Bewegung aufnahm oder ausschloss, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Sogar Freud, dem geistigen Vater des Surrealismus, soll er einmal begegnet sein. Dieser sei enttäuscht gewesen. Aber es war Breton, der aus einer „Attitüde intellektuellen Klamauks eine der wichtigsten Kunstbewegungen des 20 Jahrhunderts“ gemacht hatte.

Weitere Porträts über Margritte, Chirico, Giacometti, Dali, Duchamp, Picasso, Ray, Tanguy, u.v.a.m. sind in dem Band enthalten.

 

Desmond Morris
Das Leben der Surrealisten
Aus dem Englischen von Willi Winkler
Mit zahlreichen Abbildungen
Zweiunddreißig schillernde Lebensbilder der größten Künstlerinnen und Künstler des Surrealismus.
2020, Hardcover, 352 Seiten
€ 26.00, FR 35.00, €[A] 26.80
ISBN 978-3-293-00556-3
€ 26.00, FR 35.00, €[A] 26.80
Unionsverlag


Genre: Biographie, Kunst, Surrealismus
Illustrated by Unionsverlag

Da sind wir

Rhetorische Floskel

Eigentlich sollte der Bestseller «Ein Festtag» sein letzter Roman bleiben, drei Jahre später nun ist vom britischen Erfolgsautor Graham Swift mit «Da sind wir» erneut ein Kurzroman erschienen, in dem er sein Zentralthema des Erinnerns aus anderen Blickwinkeln und in einem anderen Milieu nochmals aufgreift. Wie beim Vorgänger handelt es sich hier eher um eine Novelle, es ist nämlich eine ‹unerhörte Begebenheit› im Sinne Goethes, auf die diese neue Geschichte hinsteuert, was im Milieu des Varietés mit einem Zauberer als Held schon fast vorgezeichnet scheint. Ein weiteres literarisches Highlight?

Jack und Ronnie gelingt nach ihrer gemeinsamen Militärzeit der Sprung ins Showbusiness, sie bekommen 1959 im mondänen Seebad Brighton ein Engagement in einer berühmten Bühnenshow auf den Piers. Jack, der dort als Entertainer arbeitet, holt seinen Freund Ronnie erstmals als Zauberer auf die Bühne, und der verpflichtet als publikumswirksame Ergänzung für seine Show eine attraktive Assistentin. Die Drei haben großen Erfolg, sie ergänzen sich optimal, Ronnie und Evie rücken als ‹Pablo und Eve› immer mehr ins Rampenlicht, sie reüssieren als Zugnummer ihres Theaters, werden schon bald ein Paar und verloben sich. Bis passiert, was passieren muss in solcherart Konstellation, der berüchtigte Womanizer Jack bekommt Evie schließlich doch ins Bett, und völlig überraschend ist es für Beide die große Liebe. Sie heiraten, und ihre Ehe hält schließlich bis zu Jacks Tod fünfzig Jahre später. Ronnie aber ist damals, während seines letzten Auftritts, wie von Zauberhand spurlos von der Bühne verschwunden und blieb trotz intensiver polizeilicher Nachforschungen für immer unauffindbar.

Geschickt verknüpft Graham Swift in diesem neuen Roman das Schicksal seines Helden mit dem historischen Geschehen des Zweiten Weltkriegs. Wegen der ständigen Bombardierungen Londons musste der achtjährige Junge von seiner Mutter zu Pflegeeltern aufs Land evakuiert werden und wurde bei einem wohlhabenden, kinderlosen Ehepaar liebevoll großgezogen. Sein Pflegevater war vor dem Krieg ein erfolgreicher Zauberer gewesen, hat auch ihn für seine Kunst begeistern können und dem Pflegesohn bei seinem frühen Tod eine größere Summe hinterlassen. Die konnte Ronnie schließlich als unbedingt erforderliches Startkapital für seine eigene Bühnenshow mit Evie einsetzen. Mit einem melancholischen Grundton erzählt der Autor vom Leben im Varieté, das damals seinen beginnenden Niedergang erlebte, von Ronnies freudloser Kindheit und den glücklichen Jahren bei den Pflegeeltern.

Dabei springt er in diversen Rückblenden in die Vorgeschichte seiner Figuren zurück, erzählt seinen Plot zudem in stark fragmentierter Form und benutzt zuweilen das Stilmittel des unzuverlässigen Erzählers, was im Zusammenspiel mit Zauberei und Magie nicht wenig zur Verunsicherung des Lesers beiträgt. Seine Figuren wirken wenig empathisch und entsprechen diversen gängigen Klischees, vom draufgängerischen Frauenschwarm Jack über die kühl berechnende und leicht zu erobernde Evie in ihrem Glitzerkostüm bis zum hochsensiblen Zauberkünstler Ronnie, der sich seine treulose Verlobte kommentarlos ausspannen lässt. Zu den häufig verwendeten Metaphern im Roman zählt der Spiegel als trügerisches Symbol oder der bunte Papagei als krasser Gegenpol zur weißen Taube als dem typischen Überraschungstier beim Zaubern. Wenig erhellend sind auch die Erinnerungen der fünfundsiebzigjährigen Evie, die ein Jahr nach dem Tod von Jack, der mit ihr als seiner Managerin erfolgreich Karriere im Showbusiness gemacht hatte, immer wieder von Ronnie phantasiert. Der könne jeden Moment zur Tür hereinkommen, als Wiedergänger quasi. Gleiches denkt sie auch von ihrem toten Mann, derartige Illusionen begleiten sie also noch auf ihre alten Tage. «Hier sind wir» mag als rhetorische Floskel beim selbstbewussten Auftritt auf der Bühne funktionieren, dieser Roman jedoch kann mit dem Niveau seines Vorgängers nicht annähernd mithalten!

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Arte

Arte 1 Manga

“Weil du eine Frau bist. Deswegen.”

Florenz, Anfang des 16. Jahrhunderts: Die junge Adlige Arte will Lehrling in einer Kunsthandwerkstatt werden. Das bunte Florenz, in dem Kunst und Kultur blühen, scheint genau der richtige Ort dafür zu sein. Mit einer Einschränkung: Nur Männer dürfen ein selbstständiges Leben führen. So stößt Arte nicht nur auf das Unverständnis ihrer Mutter, sondern auch auf das der Lehrmeister, die nicht gewillt sind, eine Frau als Lehrling anzunehmen. Deshalb schneidet sich Arte ihre langen Haare ab und will auch ihre Brüste amputieren. Lehrmeister Leo kann sie von dieser drastischen Maßnahme gerade noch abhalten und nimmt sie bei sich auf. Arte beginnt bei ihm ein einfaches, arbeits- und entbehrungsreiches Leben, ist aber fest entschlossen, Meisterin ihres Faches zu werden.

“Weil du eine Frau bist. Deswegen.”

Der 1. Band der Reihe nimmt sich eines Themas an, das nach wie vor aktuell ist: Emanzipation. Und obwohl es hier v.a. um die Emanzipation der Frau geht, ist aber immer auch die Emanziaption des Mannes und der gesamten Gesellschaft mitgedacht, denn Emanzipation bedeutet in erster Linie sich frei machen von überkommenen, veralteten Mustern, Rollenklischees (die nicht nur die Frau, sondern auch den Mann einschränken!), diskiminierenden “Traditionen”. Sie bedeutet, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Ideen zuzulassen, über 500 Ecken zu denken und gerecht(er)e Gedanken zuzulassen und umzusetzen. Das zeigt sowohl die Geschichte als auch die zwar frei erfundene, aber schön dargestellte Story von Arte ( = Kunst; der Name ist Programm), die als Frau besondere Anstrengungen unternehmen muss, um sich in einem (Männer-)Beruf zu etablieren.

“Weil du eine Frau bist. Deswegen.”

Dieser Satz gilt nicht nur in der Geschichte oder in der Literatur, die das Thema Emanzipation aufgreift, sondern auch (leider immer noch) in der westlichen Welt. Dieser Satz wird einer Frau hierzulande zwar nicht mehr so offensichtlich ins Gesicht geschleudert, aber er gilt subtil: Die Frau verdient unter fadenscheinigen Ausreden der Wirtschaft immer noch weniger als der Mann bei gleicher Arbeit, ist deshalb gezwungen, zuhause zu bleiben, wenn sich Kinder ankündigen, kann danach oft nur noch teilzeit arbeiten gehen und rutscht somit unweigerlich in die (Alters-)Armut ab. Besonders dann, wenn sie alleinerziehend ist, der Mann viel zu oft nicht (genügend) Unterhalt bezahlt, sie aber steuerlich als Single behandelt wird. Oder sie letztlich ganz zuhause bleibt, um sich um die Familie zu kümmern. Wer mit Kindern regelmäßig zu tun hat, privat oder beruflich, weiß, dass Erziehungsarbeit tatsächlich ARBEIT ist – die im Fall der Mutter (und Großmutter; man denke an den Wegfall der Großeltern in den jetzigen Corona-Zeiten…) überhaupt nicht vergütet wird und im Fall z.B. der Erzieherin unterbezahlt ist, wie die, ebenfalls vorwiegend von Frauen ausgeübten, Pflegeberufe. Sogar der Beruf des Lehrers, der eigentlich in Deutschland gut bezahlt wird, muss in der Bezahlung langsam aber stetig zurückstecken, da immer mehr Frauen diesen Beruf ausüben.

Zurück zur Hausfrau und Mutter, die ein eher schlechtes Prestige genießt, weil sie nicht “arbeitet”. Auch wenn Männer sich jetzt mehr um die Kindererziehung kümmern, schultert nach wie vor die Hauptlast der Erziehung die Frau. Und die der Hausarbeit. Selbst dann, wenn es anders abgesprochen war. Das gilt auch für die Frauen, die ins Berufsleben zurückkehren. Auch dann, wenn besagte Frauen Vollzeit arbeiten. Wer geneigt ist, dauergestressten Frauen zuzuhören, der hört öfter Sätze wie: “Weil ich früher zuhause bin, bleibt alles an mir kleben!” Oder: “Ich habe ihm schon so oft gesagt, er soll das oder das im Haushalt tun, aber er macht nix!” Oder: “Wenn ICH mal 3 Stunden ohne Kind sein will, ruft er nach spätestens 2 Stunden an und fragt, wann ich wieder nach Hause komme!” Oder: “Als er mir im Wochenbett helfen sollte, hat er v.a. am PC gesessen, während ich es noch nicht mal unter die Dusche geschafft habe!” Brisantes Thema auch das öffentliche Stillen. Etcetc., man könnte da noch viele weitere Beispiele aufführen, die alle zu Lasten der Frau gehen.

“Weil du eine Frau bist. Deswegen.”

Deswegen will Arte keine Frau mehr sein. Sie kürzt sich die Haare – man denke an die Frauen der 20er des letzten Jahrhunderts, die sich buchstäblich “die alten Zöpfe” abschnitten – und kleidet sich z.T. männlich, um sich Schwierigkeiten zu ersparen. Auch hier denke man an das Prestige der Hose, dass sich die Frau hart erkämpft hat, während es der Rock als männliches Kleidungsstück trotz z.B. (nicht nur schottischer) Tradition und der Männerrockbewegung, die es immerhin schon seit den 1990ern gibt, immer noch schwer hat.

Als “Beruf” für die Frau gibt es damals allenfalls den der Kurtisane. Eine solche kommt auch im Manga vor, aber sie durchbricht das automatisch anspringende Kopfkino insofern, als dass sie eine reiche, gebildete Frau mit angenehmen Wesen und äußerlich vom Adel nicht zu unterscheiden ist. Veronica setzt noch eins drauf und gibt sich als Kunstmäzenin. Arte honoriert das: “Ich glaube schon zu wissen, was das für ein Beruf ist. Aber wenn ich diese Büchermassen sehe, muss ich einfach Respekt haben. Ich bewundere Sie nicht wegen Ihres Berufes. Ich bewundere Ihre Anstrengungen und Mühen.” Auch zum Beruf der Prostituierten ließe sich noch einiges im Sinne der Emanzipation sagen, was hier aber ein zu weites Feld wäre.

Arte hat eine Vorbildfunktion: Egal wie schwer es wird, sie kämpft für ihr Ziel. Und als Frau muss sie für ihr Ziel doppelt und dreifach kämpfen, sogar buchstäblich schuften. Der Manga zeigt auch, dass es eine zähe, schmerzhafte und frustierende Sache ist, Diskiminierung auszuhalten und v.a. loszuwerden. Arte hat(te) zwar einen sie unterstützenden Vater (!), aber ihre Mutter (!) ist völlig verhaftet in Rollenklischees und traut Frauen nichts zu. Auch die komplett männlich bestimmte Kunstwelt ist gegen sie. Die Meister schauen sich noch nicht einmal ihre Bilder an. Warum? “Ist doch klar. Muss ich das noch sagen? Weil du eine Frau bist. Deswegen.” Dieser Satz zeigt, wie tief Diskriminierung (egal welche) gehen kann und geht. So tief, dass noch nicht einmal mehr eine Rechtfertigung für angebracht gehalten und sie als selbstverständlich hingenommen wird.

Insgesamt also ein guter, wertvoller Manga, der ein schwieriges, immer noch aktuelles Thema aufgreift. Die wunderschönen, z.T. sehr detaillierten Zeichnungen unterstützen die Geschichte gekonnt. Einzig die japanischen Anwandlungen Artes und der anderen Figuren wollen nicht so recht in das Florenz des 16. Jahrhunderts passen.

 


Genre: Manga
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Der englische Gärtner

Der englische Gärtner

Im letzten Frühling erschien in der ZEIT Literaturbeilage ein Interview mit dem Autor: Es fand in Oxford statt, wo er über Jahrzehnte die Gartenanlage einer Universität gestaltet hatte. Im Hauptberuf war er Antikenforscher mit dem Schwerpunkt Griechenland, und nebenbei hatte er mehr als vier Jahrzehnte lang eine Gartenkolumne für die Financial Times geschrieben. Wie die von mir so geschätzte Vita Sackville-West, die er auch als Vorbild bezeichnet. Das Interview führte Susanne Mayer.

Aus dem Fundus der Kolumnen hatte Fox 2010 für das Buch Thoughtful Gardening, Great Plants, Great Gardens, Great Gardeners mehrere Dutzend ausgewählt, und sie (so wie Vita) nach Jahreszeiten geordnet. In den Texten legt er Wert darauf, thoughtful zu gärtnern, was die Übersetzerin meist durch besonnen übersetzt. Nun kommt das Problem: in vielen Texten gibt er sich gänzlich unbesonnen, mal wie ein Pubertist, der gerne polarisiert. Von Besonnenheit, Nachdenklichkeit oder gar Altersweisheit keine Spur.

Da besucht er die Firma Bayer und schwärmt von Herbiziden, klagt darüber, dass die richtig starken Keulen uns Gärtnern verwehrt bleiben, nur die Landwirtschaft darf sie anwenden. Er bekämpft mit unverschämter Freude die Tiere, die ihn im Garten stören. Es half, mir einzureden, wer die Financial Times liest, bräuchte das so. Ich kenne niemanden, der oder die sie regelmäßig liest, stelle mir als Leser erfolgreiche Banker und Manager vor, oder solche, die es gerne wären.

Aber trotzdem hab ich weitergelesen: Wir ziehen mit einem älteren Herrn in die Vergangenheit, besuchen Stätten der Antike und sehen, wie es den Pflanzen heute dort geht. Wir reisen durch die Welt und entdecken den Garten einer ehemaligen thailändischen Prinzessin in Thailand, wandern entlang der blühenden Kirschen in Korea, reiten durch die kirgisische Steppe auf der Suche nach den schönsten Krokussen. Besonders freue ich mich, wenn er Parks beschreibt, die ich kenne und durch sein großes Wissen meine Erinnerungen runder werden.

Von vielen Pflanzen, die ich im Garten hab, weiß ich nun, ob sie es sauer oder kalkreich mögen, dass man Kaiserkronen gaaanz tief einbuddeln und regelmäßig düngen muss, wenn sie wieder blühen sollen. Ansteckend ist auch die Liebe zum Säen und Vermehren. Gärten atmen den Hauch der Ewigkeit, und er lässt ihn uns spüren.

Warnen muss ich allerdings doch vor seiner Geringschätzung Frauen gegenüber. Da kann man kaum glauben, dass er aus meiner Generation ist. Über sein Frauenbild hat er seit der Internatszeit in Eton offensichtlich noch nicht neu nachgedacht. Er ist eher wie mein Großvater, selbst mein Vater, auch ein Internatsschüler, war da schon weiter.

Es sind Belanglosigkeiten, aber auch Verstörendes. Einige Beispiele: Ein bekannter englischer Gärtner weiß, dass „Frauen kein Auge für den Mittelgrund des Gartens haben“ und wird für diese Beobachtung als gradlinig gelobt. Richtig dumpfbackig sind die Kapitel Rüsslerinnen an der Macht und aggressiv wird er in Ladykiller.

Fast um die Fassung brachte mich der schlüpfrige Bericht über Blumen im Leben der Lady Chatterly. Dieses „erotische Meisterwerk“ wurde von einem Mann geschrieben, D.H.Lawrence. Dabei machte dieser einen gärtnerischen Fehler, in dem er die Lady und ihre Haushälterin im Frühling Akeleien einpflanzen lässt, die im Sommer blühen sollen. Nun weiß man, dass Akeleien im Juni mit dem Blühen aufhören. Beim Legen der Wurzeln haben die Frauen erotische Gefühle, sie „spüren, wie ihr Schoß vor Glück bebte.“ Fox flicht dagegen ein, er hätte so was nie gehabt.

Diese von einem Mann phantasierte Geschichte, turnt ihn so sehr an, dass er immer, wenn Frauen sich selbst als leidenschaftliche Gärtnerinnen bezeichnen, an diese Literaturstelle denken muss. Wenn sie wenigstens eine Frau geschrieben hätte … wäre sie immer noch nicht fair gegenüber der Gärtnerin.

Beim Lesen fragte ich mich immer öfter, warum Susanne Mayer auf diese Frauenverachtung nicht eingeht. In der ZEIT hat sie eine Kolumne, die sich kritisch mit männlichen Eigenarten befasst. So etwas ließe sie Männern da nicht durchgehen. Ich guckte mir das Interview noch einmal an. Chapeau! Sie geht darin gar nicht auf das Buch ein, sondern plaudert mit ihm über seine Biographie. Geschickt gemacht. Ich bin fast dankbar, dass sie nur über Schönes sprach. Sonst wüsste ich immer noch nicht, dass ich den Schneeball kalken und die Zaubernuss sauer halten muss.

Ältere Gärtnerinnen, mit oder ohne Leidenschaft, die auch einem Zausel gern zuhören, wenn er Interessantes zu erzählen hat, können sich auf die Lektüre freuen. Gärtner natürlich auch.

Leseprobe


Genre: Garten, Pflanzen, Sachbuch
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Die Intelligenz der Pflanzen

Die Intelligenz der Pflanzen

Auf das Buch Die Intelligenz der Pflanzen von Stefano Mancuso und Alessandra Viola stieß ich über ein Interview im ZEIT Magazin (13/2018) mit Stefano Mancuso. Es gefiel mir so gut, dass ich ein Buch von ihm in meinem Blog besprechen wollte.

Als gutes Geschenk für naturliebende Menschen jenseits der Vierzig kommt natürlich mein Gartenbuch Blütenfreuden in Frage. Aber wer noch etwas für Teenager oder Jugendliche sucht, ist bei diesem Buch gut beraten.

Seit einigen Jahren schreibe ich für die sozial- und gesundheitswissenschaftliche Plattform Socialnet Rezensionen mit dem Ziel, mich dazu zu bringen, neue Bücher bis zu Ende zu lesen und das Gelesene schriftlich zusammenzufassen. Also eine Art Hirnjogging für Wissenschaftlerinnen in Rente. Selten gibt es in neuen Büchern Offenbarungen wie in diesem, deshalb muss ich davon berichten!

Stefano Mancuso ist seit 2001 Professor für Botanik an der Universität Florenz. Er gründete dort das Laboratorio Internazionale di Neurobiologica Vegetale. Dass er es mit der Journalistin Alessandra Viola verfasst, trägt sicher zu der guten Lesbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse bei. In der Einleitung wird vorgestellt, was in den fünf Kapiteln bearbeitet wird:

  • Die Wurzeln des Problems
  • Die Pflanze, das unbekannte Wesen
  • Die Sinne der Pflanzen
  • Die pflanzliche Kommunikation
  • Die Intelligenz der Pflanzen

Hinten im Buch finden sich ausführliche Literaturhinweise, die zu jedem Kapitel aufgeführt sind. Das Geschriebene wird durch sehr schöne Bildtafeln illustriert. Ihr könnt diese in der Leseprobe unter dem Beitrag entdecken.

Das Buch gibt den aktuellen Stand der botanischen Forschung wieder. Wenn ich das Buch besonders für junge Menschen empfehle, denke ich an die vorbildlich wissenschaftliche Vorgehensweise, Studien untermauern das Gesagte. Im Literaturteil werden nicht nur Quellen angeboten, sondern auch Abstracts wiedergegeben. Ein guter Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten! Dies hebt sich ab vom derzeitigen Bestseller: “Das geheime Leben der Bäume – was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt“ wo Bäume vermenschlicht werden und es an wissenschaftlichen Belegen mangelt. Wer sich dafür interessiert kann im Internet verfolgen, wie manche Naturwissenschaftler gegen Herrn Wohlleben argumentieren.

Dabei bleibt es aber nie trocken, manchmal geht Mancuso auch das Herz für Pflanzen über. Solche Stellen gefallen mir besonders, geht es mir doch mit meinen Pflanzen auch so. Deshalb lasse ich ihn sprechen: “Wieso sind wir überhaupt so felsenfest überzeugt, dass ihre manipulatorischen Fähigkeiten nicht auch auf uns zielen und Blüten, Früchte, Düfte Geschmacksnoten, Aromen und Farben nicht uns gefallen sollen? Könnte es nicht sein, dass sie vor allem uns beeindrucken wollen, damit wir sie als Gegenleistung weltweit verbreiten, sie hegen, pflegen und schützen? Wäre es nicht möglich, dass sie für uns ihren Duft, ihre wunderbaren Formen und Farben hervorbringen, die schon so viele Künstler inspiriert haben und mit denen sie uns erfreuen? Schließlich tut niemand etwas umsonst, und manche Arten können sich wirklich keinen besseren Verbündeten wünschen als uns.”

Die Wurzeln des Problems

Hier erkennen wir, wogegen ein Pflanzenlobbyist ankämpfen muss: Pflanzen sind die ewigen Zweiten. Mancuso holt weit aus und bringt Beispiele für die notorische Geringschätzung der Pflanzen in allen möglichen Bereichen wie beispielsweise Philosophie und Religion. Kleinere Naturvölker bilden hier eine Ausnahme, indem sie Pflanzen als Heilige anbeten. „Es konnten sich noch so viele Stimmen erheben, die anhand wissenschaftlicher Experimente die Intelligenz der Pflanzen belegten, stets fanden sich noch mehr Stimmen, die der These widersprachen. Als gäbe es eine stille Übereinkunst, haben Religionen, Literatur, Philosophie und moderne Wissenschaft in der westlichen Welt an der Verbreitung der Vorstellung mitgewirkt, Pflanzen seinen niedrigere Lebewesen als andere – von Intelligenz ganz zu schweigen,“ schreibt er.

Ausführlich werden die „Väter der Botanik“, Linné und Darwin, mit ihren Abhandlungen erwähnt. Linné „bestimmte die Fortpflanzungsorgane und das Sexualsystem der Pflanzen als grundlegendes Kriterium seiner Taxonomie — was ihm kurioserweise zugleich einen Universitätslehrstuhl und eine Verurteilung wegen Unmoral einbrachte.“

Darwin forschte überwiegend über Pflanzen und gab 1875 eine Abhandlung zu „Insectenfressenden Pflanzen“ heraus. Mancuso legt den Gedanken nahe, er hätte mit dem breiten Wissen zu Pflanzen die Grundlagen für sein Lebenswerk über den Ursprung der Arten geschaffen. Vor allem im Alter widmete er den Pflanzen seine Aufmerksamkeit, schrieb 1880 „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ und bezeichnete Pflanzen als „die außergewöhnlichsten Lebewesen, die ihm je begegnet seien.“ Sein Sohn Frances führte sein Werk weiter und wurde der erste Professor für Pflanzenphysiologie.

Er löste 1908, wie zuvor sein Vater, einen heftigen Expertenstreit aus, als er sagte: „Pflanzen sind intelligente Lebewesen.“ Das Kapitel fasst Mancuso so zusammen: „Ein ganzes Reich, das Pflanzenreich, wird völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.“

Die Pflanze, das unbekannte Wesen

In diesem Kapitel werden die in der Wissenschaft inzwischen unbestrittenen Unterschiede zwischen Pflanze und Tier wie bei einem Wettstreit bearbeitet. Ausgehend von je einem pflanzlichen und tierischen Einzeller werden ihre Merkmale benannt. Vieles ist gleichwertig, aber die Pflanzenzelle beherrscht die Fotosynthese, kann also Sonnenlicht in Energie umwandeln und ist somit „kampflos Sieger.“ Tiere haben in der Entwicklung andere Wege eingeschlagen. Während Pflanzen sesshaft wurden, wurden sie Nomaden. Dies wurde zum Ausgang einer erstaunlichen Differenzierung und Spezialisierung ihrer Zellen. Bei Gefahr können Tiere sich durch Flucht vor einem Feind retten, die Pflanze nicht.

So konnten Tiere verschiedene Organe mit spezifischen Fähigkeiten bilden, die Pflanzen mussten in jedem Pflanzenteil diese Spezialitäten unterbringen. Sie sind modular aufgebaut. Auch wenn 95 Prozent der Pflanze verloren gehen, kann sie sich regenerieren, während Tiere schon das Fehlen eines Organsystems nicht überleben.
Ein anderer Faktor ist die Zeit: unsere menschliche Wahrnehmung erlaubt uns nicht, Bewegungen der Pflanze wahrzunehmen. Obwohl diese alltäglich sind, scheinen sie unsichtbar. Videos mit sich öffnenden Blüten sind ein Hit! Viele Pflanzen leben viel länger als wir. Sie stellen weltweit 99,5 Prozent der Biomasse dar, alle Tiere zusammen 0,1 bis 0,5 Prozent. Unsere Energieträger sind allesamt von Pflanzen eingelagerte Sonnenenergie. Wie kommt es dann, dass wir die Bedeutung so unterschätzen?

Mancuso stellt eine (nicht belegbare) Hypothese auf, wir Menschen werden mit Pubertierenden verglichen, die sich von der Abhängigkeit von ihren Eltern befreien wollen. „Unsere Abhängigkeit von den Pflanzen ist so allumfassend, dass wir sie am liebsten vollständig verdrängen möchten. Wahrscheinlich wollen wir nicht daran erinnert werden, weil schon allein der Gedanke Ohnmachtsgefühle in uns auslöst. Von wegen Herrscher der Welt!“

Das Kapitel schließt dann wieder mit Erkenntnissen, die wissenschaftlich belegt sind, über die positiven Wirkungen, die schon allein der Anblick von Pflanzen auf Konzentration, Lernerfolg und allgemeines Wohlbefinden hat.

Die Sinne der Pflanzen

Zuerst werden die Sinne beschrieben, über die wir Menschen auch verfügen: Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören, danach noch weitere Fähigkeiten der Pflanzen. Anders als bei Tieren, sind nicht einzelne Zellen spezialisiert, sondern Fähigkeiten überall untergebracht. Beim Riechen produzieren die Pflanzen BVOC (Biogenic Volatile Organic Compounds, biogene flüchtige Verbindungen) und nehmen die von anderen mit Geruchsrezeptoren wahr. Geschmeckt wird mit Hilfe der Wurzeln, die im Boden nach Nährstoffen suchen.

Ausführlich werden fleischfressende Pflanzen beschrieben, auch der jahrhundertelange Gang zu den heutigen Erkenntnissen: Pflanzen, die in stickstoffarmen Gegenden wachsen, locken Tiere (nicht nur Insekten!) an, fassen und verdauen sie. Ein Baum, die Pawlonia tormentosa, fängt sie mit ihren klebrigen Blättern und nimmt den wertvollen Stickstoff nach dem Zersetzungsprozess mit den Wurzeln auf. Eine Veilchenart hat unterirdische Blätter entwickelt, mit denen sie Würmer aus der Erde aufnimmt und verdaut.

Am meisten fühlen die Pflanzen mit ihren Wurzeln, aber auch mit den oberirdischen Anteilen. Dies wird an Hand von Rankepflanzen erläutert, die aus dem Schatten großer Bäume dem Licht entgegen wachsen. Hören können Pflanzen, indem sie Schallschwingungen wahrnehmen, und offenbar auch erzeugen können, Letzteres wird noch erforscht. In einem Projekt mit der Firma Bose wurden Weinstöcke über einige Jahre regelmäßig beschallt und sie trugen nicht nur mehr, sondern auch bessere Früchte. Das Kapitel schließt mit den Hinweisen auf die Herstellung medizinisch wirksamer Produkte, aber auch die Fähigkeit, Schadstoffe abzubauen.

Die pflanzliche Kommunikation

Worüber könnten Pflanzen kommunizieren? Und mit wem? Intern findet der Austausch zwischen Wurzeln und Blättern statt. Wenn die Wurzeln spüren, dass Wasser knapp wird, teilen sie den Blättern mit: weniger Wasser verdunsten! Blätter haben die Aufgabe, ihren Mund weit zu öffnen, um Licht für die Fotosynthese und Kohlendioxid für die Zuckerproduktion aufzunehmen. Dabei verdunstet über den Mund Wasser. Um Wasser zu sparen, muss er geschlossen werden, auch wenn dann weniger Licht und Kohlendioxid aufgenommen werden können.

Für die Informationsweiterleitung arbeiten Pflanzen mit hydraulischen und chemischen Systemen. Auch elektrische Signale fließen über das komplexe Gefäßsystem. „Während Tiere alle Signale über ein zentrales Gehirn verarbeiten, besitzen die modular und repetitiv aufgebauten Pflanzen zahlreiche ‚Datenverarbeitungszentren‘, die unterschiedliche Signale verwalten.“ Sie können nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen Wesen kommunizieren. Meist geht es über chemische Botenstoffe, aber es scheint so, als wenn sie „auch gestisch“ kommunizierten, jedenfalls vermeiden manche Pflanzen geflissentlich die Berührung anderer Baumkronen.

Die Wurzeln sichern sich ihr Terrain, indem sie es besetzen. „Dabei sind Pflanzen echte Kämpfernaturen!“ Wenn sie allerdings erkennen, dass der Nachbar zur Familie gehört, dann können sie sie sich auf das Laubwerk konzentrieren und es wird buschiger. Pflanzen gehen Verbindungen nicht nur mit Ihresgleichen, sondern auch mit Pilzen oder Bakterien ein. Hier zeigt Mancuso auf, wie es durch Förderung dieser Symbiosen zu ertragreicheren Ernten kommen kann.

In diesem Kapitel gibt es einen Grundkurs in Botanik: Um die Kreativität der Lösungen zu ermessen, die Pflanzen zu ihrer Fortpflanzung einsetzen, wiederholt er erst alles über deren Geschlechtsorgane. Und wir lernen von der Fülle an Strategien, wie Pflanzen Boten für ihre Samen einsetzen, vor allem Insekten, aber auch Vögel, Fische, Mäuse, große Tiere oder der Wind sind ihre Kuriere. Sie alle werden mit Lockstoffen umworben, die extra für sie entwickelt wurden, um sie zu manipulieren. Manche Pflanzen, wie die Orchideen, gehen dabei nicht nur raffiniert, sondern auch rücksichtslos gegen ihre Boten vor.

Die Intelligenz der Pflanzen

Hier wird Mancuso wieder allgemein, was ist eigentlich Intelligenz? Er definiert Intelligenz als Fähigkeit zur Problemlösung. Dazu sind Pflanzen eindeutig in der Lage, auch wenn sie nicht über ein Gehirn verfügen. Pflanzen sind eher wie eine Kolonie aufgebaut, als wie ein Individuum.

Noch einmal werden Darwins Forschungen und die Bewegungen der Pflanzen und die ablehnenden Reaktionen der Wissenschaftler, die mit ihm lebten, erläutert. Drei Viertel seines Werkes seien dem Wurzelwerk gewidmet und die Ergebnisse neuerer Forschungen bestätigen: an jeder Wurzelspitze sitzt ein Rechenzentrum. Die vielen Millionen Fühler arbeiten wie ein lebendes Web zusammen. Es gibt auch einem Ausflug in die Entwicklung künstlicher Intelligenz und er vergleicht, dass es Menschen solange nicht gelingt, sie zu verstehen wie sie denken, Intelligenz müsse so gestaltet sein, wie ihre eigene. Er zieht eine Parallele dazu, wie sie es mit Pflanzen halten.

Die Leseprobe vom Verlag zeigt, wie schön das Buch auch grafisch gestaltet wurde.


Mehr Informationen

Autor: Stefano Mancuso und Alessandra Viola
Titel: Die Intelligenz der Pflanzen
Erschienen: 11. Februar 2015
Verlag: Kunstmann
Form: 172 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3956140303
Preis: 19,95 €


Genre: Pflanzen, Sachbuch, Umwelt
Illustrated by Kunstmann München

Verirrungen

Impressionistisch hingetupft

Der 1895 erschienene Roman des schwedischen Schriftstellers Hjalmar Söderberg erschien unter dem Titel «Verirrungen» 2006 in neuer deutscher Übersetzung. Er gehört zu dem Mitte des 19ten Jahrhunderts von Edgar Allen Poe begründeten Genre des Flaneur-Romans und löste im prüden Fin de Siècle einen Skandal aus als «eine der unkeuschesten Hervorbringungen» der schwedischen Literatur, wie es in dem berühmten Verriss von Harald Molander hieß. Er sprach von «Dekadenzformen der niedrigeren Triebe des Menschen, ungezügelt, aber doch gleichzeitig ohnmächtig, Leidenschaften von wirklicher Intensität zu gebären».

Der Flaneur dieses Romans heißt Tomas, zwanzig Jahre alt, angehender Arzt, aus gutem Hause stammend, ein charmanter Tunichtgut mit Erfolg bei den Frauen, sein Flanierareal liegt im Herzen Stockholms. Gleich zu Beginn begegnen wir ihm nach dem Kauf roter Handschuhe, eine Alibihandlung, denn in Wirklichkeit geht es ihm um die nette Verkäuferin in dem Handschuh-Laden, die er bezaubernd findet. Bei einem Dinner trifft er wenig später die Gymnasiastin Märta, in die er schon länger verliebt ist und die er sich als seine künftige Frau vorstellen könnte. Söderberg nutzt das Dinner sehr geschickt für eine scharfsichtige Analyse der damaligen Stockholmer Bourgeoisie mit allen ihren Brüchen, wobei der Seelenzustand seiner Figuren hier nicht psychologisch analysiert wird, sondern sich allein durch ihr Handeln und ihre Äußerungen offenbart. Beide Mädchen erliegen schon bald dem Charme von Tomas. Neben der Liebe ist auch permanenter Geldmangel ein vordringliches Thema, der Vater von Tomas hält ihn eher knapp. Sein dekadentes Lotterleben aber ist teuer, und so gerät er schließlich in die Fänge eines Wucherers, mit dessen Hilfe er naiv seine diversen Schulden loszuwerden hofft.

Diese motivischen Verknüpfungen sind mit feiner Ironie und ganz ohne Pathos kühl und distanziert in einen Plot eingewoben, der erst ab der Mitte ein Minimum an Spannung erhält. Weite Strecken des Romans sind nämlich durch minutiöse Schilderungen dessen bestimmt, was Tomas als Flaneur auf seinen Streifzügen durch immer die gleichen Straßen an immer den gleichen Orten erlebt. Insoweit ist diese Hommage für das literarische Genre typisch, Stockholm-Kenner werden ihre helle Freude daran haben, ist doch diese Metropole von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben und strahlt noch den Charme vergangener Epochen aus. Mit feinem Gespür für Details schildert Hjalmar Söderberg ebenso eindringlich immer wieder die Natur und benutzt gekonnt das Wetter als stimmungsmäßige Grundierung des Geschehens, ohne dabei je in naturalistische Schwärmerei abzugleiten.

Dieser die verlogenen Konventionen einer dekadenten bürgerlichen Gesellschaft anprangernde Roman gehört heute zu den Klassikern der schwedischen Literatur. Sprachlich federleicht werden die titelgebenden «Verirrungen» des antriebslosen Protagonisten realistisch und nüchtern geschildert, ohne moralistische Wertung also. Als Tagträumer irrt Tomas so lange unentschieden zwischen den beiden Mädchen hin und her, bis ihm das Heft des Handelns endgültig entglitten ist. Er wird als ein Getriebener und Gefangener gleichzeitig dargestellt, der sich zuweilen elegisch selbst bedauert, dann aber auch wieder lebensfroh neuen Mut schöpft. Der Autor arbeitet in seinem klug anlegten Plot mit allerlei Leitmotivik und Farbsymbolik, mit raffiniert eingebauten, insignifikant erscheinenden Szenen wie dem taumelnden Hochzeitsflug zweier Schmetterlinge oder andere nebensächliche Beobachtungen, die seine Motive gleichwohl vorausdeuten oder begleitend illustrieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die im Dinner-Kapitel vage angedeutete Verbundenheit zwischen der Mutter von Tomas und dem Konsul, der am Ende dann plötzlich auftaucht und kommentarlos die Schulden des Hallodris begleicht. Derart impressionistisch hingetupften Kontext übersieht man leicht, man sollte sich also Zeit lassen zur genüsslichen Lektüre.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Sweetest Fruits

Heimatloser Literat

In ihrer literarischen Biografie «Sweetest Fruits» erzählt die in den USA lebende Schriftstellerin Monique Truong vom wechselvollen Leben des irisch-griechischen Reiseschriftstellers Lafcadio Hearn. Die erste Biografie über ihn erschien schon 1906, zwei Jahre nach dem Tod des 54jährigen Journalisten, geschrieben von Elisabeth Bisland, die damals insbesondere durch ihr spektakuläres Wettrennen auf den Spuren von Jules Vernes rund um die Welt bekannt war. Aus dem zweibändigen Werk dieser amerikanischen Journalistin über ihren Freund und Kollegen Hearn werden, als Zwischenberichte quasi, den drei fiktionalen Teilen des Romans jeweils einige Seiten mit Zitaten beigefügt, wodurch ein authentisches Erzählgerüst entsteht.

Monique Truong erzählt aus den Perspektiven dreier Frauen vom Leben ihres Helden, beginnend auf einer griechischen Insel, wo Rosa ihrem bedrückenden Leben durch die Ehe mit einem dort stationierten irischen Stabsarzt zu entkommen sucht und mit ihm nach Dublin geht. Als die Ehe scheitert, lässt sie notgedrungen ihren kleinen Sohn Patricio in der Obhut der Familie und kehrt mittellos auf ihre Insel zurück. Im zweiten Teil erzählt Alethea, eine ehemalige Sklavin, die in einer billigen Pension als Köchin arbeitet, wie sie Patricio Hearn als Gast kennenlernt. Er war nach seiner Schulzeit in Irland von den Verwandten, die ihn großgezogen hatten, mittellos nach New York geschickt worden, hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und später in Cincinnati eine schlechtbezahlte Stelle als Journalist gefunden, der Anfang seiner literarischen Karriere. Alethea heiratet Pat, wie sie ihn nennt, aber die Ehe hält nur drei Jahre, ehe Hearn sich schließlich in Richtung New Orleans absetzt und sich scheiden lässt. Das Paar hat nur noch sporadisch Briefkontakt, zuletzt kommt ein Brief aus Martinique, wo der Weltenbummler inzwischen wohnt. Setsu, die Tochter eines Samurai, erzählt im dritten Teil schließlich, wie sie in der japanischen Hafenstadt Matsue den Englischlehrer Patrick Hearn kennenlernt, der sie heiratet, japanischer Staatsbürger wird und den Namen Yakumo annimmt. Sie haben vier Kinder miteinander, Hearn schreibt mehrere Bücher und wird Professor an der Universität von Tokio.

Es sind ganz unterschiedlichen Frauen, die diesen Globetrotter und Literaten porträtieren, wobei Monique Truong ihnen eine stilistisch jeweils ganz eigene Stimme verleiht. Rosa, die Mutter Hearns, diktiert auf dem Schiff einer Mitreisenden ihre Geschichte von der frühen Kindheit ihres Sohnes. Alethea, die gutgläubige Analphabetin, erzählt im Interview der Biografin naiv von ihrer Ehe, die letztlich scheiterte, als ihr Mann seine Stellung verlor, weil er mit einer Farbigen verheiratet war. Setsu schließlich rekapituliert nach dem Tod ihres Mannes sprachlich blumig in Du-Form das unstete Leben mit Hearn. Die auf drei Kontinenten lebenden Frauen offenbaren dabei mehr über sich selbst als über den Romanhelden. Sie hatten in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts mit vielerlei Anfeindungen zu kämpfen, die nicht nur sexistischer Art waren, auch gesellschaftliche Unterdrückung, Standesdünkel und Rassenhass trübten ihr Leben. Hearn selbst bleibt als Figur seltsam farblos, er war nach einem Unfall als Kind auf einem Auge fast blind, liebte die Natur über alles und verabscheute das hektische, moderne Leben, dessen dunkle Seiten er als Journalist bestens kannte, über das er immer wieder seine Reportagen schrieb.

Die fraktionelle Erzählweise des Romans eröffnet einerseits interessante Perspektiven, erfordert aber auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Der sieht sich zudem vielen fremdsprachigen Begriffen gegenüber, mit denen er mangels Register allein zurechtkommen muss. Es sind drei liebende Frauen, die diesen Roman prägen, die Kinder aber sind es letztendlich, die als «Süßeste Früchte» den Lebensbaum veredeln. Sie stehen auch für Beständigkeit als Gegenpol zum unsteten Leben eines heimatlosen Literaten.

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Toni Morales und die Töchter des Zorns

Unter ihrem Pseudonym Elena Bellmar packt die auf Mallorca lebende Elke Becker ein heißes Eisen an: Ihr Roman um einen mallorquinischen Mordermittler spielt vor der Kulisse der »Ninos Robados«. Diese unter der Franco-Diktatur von ihren Eltern geraubten Kinder und Säuglinge, die heute als Erwachsene immer noch nach ihren wirklichen Eltern fahnden, nimmt die Autorin als Motivhintergrund für ihren Kriminalroman. Weiterlesen


Illustrated by Pendo

DCeased: Der Zombie-Virus

Booster Gold muss `ne Chance kriegen, das Universum zu retten.“ Die Welt ist vom Zombie-Virus angesteckt und die DC-Superhelden versuchen alles, damit es bei „DCeased“ bleibt und der Planet nicht zu “deceased” wird. Mit dabei sind Batman, Mister Miracle, Superman, Green Lantern, Harley Quinn, Aquaman, Darkseid und die ganze Justice League, die in diesem Abenteuer sogar gegen sich selbst kämpfen muss.

Das Monster in uns

Ein Virus verbreitet sich auf der Erde durch SMS oder über Twitter. Jedes Gerät, das mit dem Internet verbunden ist, verbreitet das gefährliche Zombie-Virus vor dem auch die Justice League Superhelden nicht gefeit sind. Man kann sich vor allem schützen, nur nicht vor dem Monster in uns selbst, wie auch Alfred, Batmans Butler, bald feststellt. Aber der Daily Planet, die Zeitung von Supermans alter ego Clark Kent arbeitet, hat noch ein altes analoges TV-System mit Hilfe dessen die Justice League versucht, die verbleibende Menschheit in Archen zu evakuieren. Aber nicht alle sind dafür, den Heimatplaneten aufzugeben.

Vom Hammer und Nagel

Ich hab immer geahnt, das Internet muss weg, um die Welt zu retten“, ruft Green Arrow, und bringt damit das in Worte, was sich viele wohl schon vor dem Auftreten des Virus gedacht haben. Denn das Internet verbindet uns zwar alle miteinander, aber gleichzeitig trennt es uns auch voneinander. Autor Tom Taylor und die Zeichner Darick Robertson, Laura Braga, Stefano Gaudiano sowie Trevor Hairsine haben ein farbenfrohes Superhelden-Abenteuer geschaffen, das über die bloße Bezeichnung Comic weit hinausreicht. Denn diese düstere Graphic Novel erinnert auch uns daran, dass wir Grenzen haben. „Man sagt, wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles nach Nagel aus.“ Eine Geschichte, die den Nagel wirklich auf den Kopf trifft. Das denkt sich auch John Constantine in der Oblivion Bar.

Für alle Fans von “The Walking Dead”, die komplette Miniserie in einem Band.

Tom Taylor

DC-Horror: Der Zombie-Virus
Zeichner: Darick Robertson, Laura Braga, Stefano Gaudiano, Trevor Hairsine
Storys:DCeased 1-6 & DCeased: A Good Day To Die 1
2020, Softcover, 228 Seiten
ISBN: 9783741618000

24,00 €

Panini Comics


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Bukowskis Jugendjahre

Bukowskis Jugendjahre. „Für alle Väter“ lautet die Widmung, die Charles Bukowski, der im August dieses Jahres 100 Jahre alt werden würde, seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen voranstellt. Denn Bukowski ist nicht nur der Autor zahlreicher Gedichte und Short Stories, sondern auch von einigen Romanen.

Bukowski: Class of `39

„Post Office“, sein Romandebüt widmete sich seiner einzigen festen Anstellung bei der amerikanischen Post. In „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“ geht Charles Bukowskis aber noch weiter in seinen Erinnerungen zurück, nämlich bis in seine Jugend im Amerika der 20er und 30er Jahre. Sein Vater, der jeden Morgen pünktlich das Haus verlässt, damit die Nachbarn nicht merken, daß er arbeitslos ist, war von der oben angeführten Zueignung und Widmung wohl ausgeschlossen. „Die rohe Gewalt, die in ihm rumorte, verscheuchte alles andere.“ Denn er züchtigte seinen Sohn Charles mit dem Lederriemen und verursachte damit wohl genau jene Entzündungen, die später als eitrige Akne ausbrachen und Bukowski damit sein Leben (oder zumindest seinen Körper) versauten. Aber so schlecht war dieses Leben nicht mehr, zumindest ab dem Zeitpunkt als er sein Elternhaus verließ. Genau über die Zeit davor handelt der vorliegende autobiographische Roman.

„Fump, fump, fump,fump …“

Bukowski nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Er spricht über Tabus, damit auch andere sich trauen, darüber zu reden. Seine Worte machen Mut und lösen eigene Erinnerungen aus, die vielleicht ebensolche Traumata auslösten. In der Schule war er noch ein Sportass, aber bald verlässt ihn der Ehrgeiz, da er schon früh anfängt zu trinken. „Das hier machte das Leben zu einer reinen Freude. Es machte einen Mann unerschütterlich und unangreifbar“, schreibt er über seinen ersten Rausch, bei dem er sich an Weinfässern des Vaters eines Mitschülers bediente. „So wohl war mir noch nie gewesen. Es war besser als Onanieren.“ Bukowski war noch keine 14. Bei der Beschreibung einer Tätigkeit eines anderen Mitschülers während des Unterrichts, bedient sich Bukowski auch der Lautsprache: „Fump, fump, fump,fump …“ lautet sein Kommentar zu den Beinen von Mrs. Gredis. Eine Parallelmontage der ganz anderen Art. Aber Bukowski zeigt auch viel Gefühl, etwa wenn er seine Beziehung zu der Krankenschwester beschreibt, die ihm seine Pusteln ausbrannte, Miss Ackermann. Aus seinem ersten McJob wird er wegen einer Schlägerei rausgeschmissen, aber mit der Pünktlichkeit hatte er es damals schon nicht so genau genommen. Seine ersten Tage als Student werden ebenso angeschnitten, wie seine Entscheidung nicht in den Krieg zu ziehen. Die Class of `39 war nämlich trotz Pearl Harbor schon pazifistisch gesinnt, obwohl `68 noch weit entfernt war.

Charles Bukowski wusste wohl damals schon, dass er sich ein Leben lang als Außenseiter durchschlagen muss. Nach weiteren McJobs als Tankwart, Schlachthof- und Hafenarbeiter (und natürlich als Postmann) starb Bukowski am 9. März 1994 in San Pedro/LA.

Charles Bukowski

Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend

Roman

dtv Allgemeine Belletristik
Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Weissner
2007, 352 Seiten, Softcover

ISBN 978-3-423-20963-2
10,95 EURO

dtv


Genre: Autobiografie, Roman
Illustrated by dtv München

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Seelisches Chaos

Die in Baku geborene, jüdische Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die 1996 als Zwölfjährige in Folge des Berg-Karabach-Konflikts mit den Eltern nach Deutschland emigrierte, verarbeitet in ihrem 2012 erschienenen Debütroman mit dem ironisch gemeinten Titel «Der Russe ist einer, der Birken liebt» eigene Lebenserfahrungen. Ihre autobiografisch inspirierte Protagonistin leidet nicht nur unter den Traumata der ethnischen Kämpfe in dieser krisengeschüttelten Kaukasus-Region, sie ist zudem von den latenten Problemen der Migranten in Deutschland betroffen und letztendlich auch noch von der Dauerkrise vieler multikultureller Gesellschaften, hier am abschreckenden Beispiel Israels.

Maria Kogan aus Aserbaidschan hat nach anfänglichen sprachlichen Problemen in der deutschen Schule ihr besonderes Talent für Fremdsprachen entdeckt und sich für ein Dolmetscher-Studium entschieden. Die hochbegabte Mascha, wie ihre Freunde sie nennen, erhält diverse Auslandsstipendien, und ehrgeizig wie sie ist strebt sie mit ihrem exzellenten Studienabschluss eine Anstellung bei der UNO an, wo ihr eine glanzvolle Karriere winkt. Die emanzipierte junge Frau wohnt mit ihrem deutschen Freund Elias in dessen Wohnung in Frankfurt, – es ist für Beide die große Liebe. Als er sich bei einem Fußballspiel das Bein bricht, entwickelt sich aus dieser Verletzung eine ernsthafte Erkrankung, bis Elias schließlich qualvoll an einer Sepsis stirbt. Verzweifelt flieht Mascha daraufhin nach Israel und nimmt dort eine deutlich unter ihrer Qualifikation liegende Stellung bei einer NGO an.

Nach dieser Zäsur, mit der sie ihre schwere emotionale Krise zu überwinden hofft, holt sie ihre Vergangenheit in voller Härte wieder ein. Die Pogrome in Baku, die sie als Kind miterleben musste, haben bisher tief verdrängte Traumata in ihr Bewusstsein zurückgerufen, und auch ihre jüdische Herkunft wird in Israel mit seinen unversöhnlichen ethnischen und religiösen Gegensätzen plötzlich zu einem handfesten Problem für sie. Ihre verzweifelte Identitätssuche erweist sich für die entwurzelte Frau als äußerst schwierig. Sie ist nicht mehr bindungsfähig, nach einer kurzen Affäre mit einem palästinensischen Soldaten kann sie auch zu ihrer politisch engagierten, lesbischen Freundin keine dauerhafte Beziehung mehr aufbauen. Der tote Elias beherrscht ihr ganzes Denken, sie macht sich sogar Vorwürfe, ihn nicht aufmerksamer gepflegt und die gesundheitliche Krise nicht rechtzeitig bemerkt zu haben. Von solchen Selbstzweifeln geplagt zeigen sich bei ihr schließlich physische Symptome, völlig appetitlos magert sie ab, wird von Beruhigungstabletten abhängig und erleidet schließlich einsam und hilflos einen Nervenzusammenbruch.

Es ist nicht nur der alltägliche Wahnsinn des von Gewalt beherrschten Staates Israel, dieser ewige Tanz auf dem Vulkan, mit dem die Ich-Erzählerin im zweiten Teil des Romans an ihrem vermeintlichen Zufluchtsort auf Schritt und Tritt konfrontiert wird. Olga Grjasnowa berichtet mit scharfem Blick für Details auch von den menschlichen Schwächen ihrer verschiedenen Figuren. Ihre Beschreibungen der absurd scheinenden gesellschaftlichen Verhältnisse an beiden Handlungsorten, – in Deutschland mit seiner hysterischen Fremdenangst und in einem von religiösem Wahn beherrschten Israel -, werden temporeich und sprachlich schnörkellos in einem sachlichen, nüchternen Stil erzählt. In kurzen Sätzen werden hier, illusionslos und aus der Innensicht, kosmopolitische Multikulti-Fantasien als solche entlarvt. Denn hartnäckig erweist sich letztendlich immer die menschliche Natur mit ihren unausrottbaren Ressentiments als entschieden stärker. Es ist alles ein wenig zu dick aufgetragen, was sich in diesem Roman an Katastrophen ereignet, wobei die auch im Klappentext angedeutete, schreckliche Hasenszene ganz besonders hervorsticht. Narrativ eigensinnig wird hier von einer toughen jungen Frau berichtet, die in einer pseudo-globalen Welt an ihrem seelischen Chaos scheitert.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München