Das Totenschiff

Der Diogenes Verlag gibt einige der Bücher des geheimnisumwitterten B. Traven neu heraus. Eines davon ist “Das Totenschiff” mit einem Nachwort des Krimiautors Volker Kutscher. “Darum soll der schöpferische Mensch keine andere Biografie haben als seine Werke”, zitiert Kutscher Traven, der gleichzeitig weltberühmt und dennoch zeitlebens unbekannt war. Denn keiner kannte seine wahre Identität.

B. Traven: Aufregende Biografie

“Das Abenteuer jeglicher Romantik entkleidet”, so beschreibt Kutscher B. Traven’s Roman im Nachwort der vorliegenden Ausgabe. B. Traven (1882–1969), der bis 1915 unter dem Pseudonym Ret Marut als Schauspieler und Regisseur in Norddeutschland tätig war, beteiligte sich an der Münchner Räterepublik von 1919. Nach deren viel zu schnellen Ende wurde er selbst zum Verfolgten, obwohl er laut einigen Hinweisen der uneheliche Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau (und damit der Halbbruder von Walther Rathenau war, der 1922 als deutscher Außenminister ermordet wurde) war. Nach seiner abenteuerlichen Flucht nach Mexiko schrieb er 12 Bücher und zahlreiche Erzählungen, die in Deutschland Bestseller waren und in mehr als 40 Sprachen veröffentlicht und weltweit über 30 Millionen Mal verkauft wurden. Viele davon wurden auch verfilmt, etwa “Der Schatz der Sierra Madre” (das Buch ist ebenfalls bei Diogenes in einer Neuauflage erhältlich) oder das eben “Das Totenschiff”. 1951 wurde er mexikanischer Staatsbürger, heiratete 1957 Rosa Elena Luján, seine Übersetzerin und Agentin, und starb am 26. März 1969 in Mexiko-Stadt.

Totenschiff: Roman ohne Wiederkehr

In “Das Totenschiff” hat B.Traven die Erfahrungen des amerikanische Seemanns Gales niedergeschrieben, die einer Höllenwanderung in Dantes Inferno gleichen. Gales verpasst in den Kneipen Antwerpens sein Schiff, auf dem sich sein einziges Identitätsdokument befindet. Dadurch wird er zum Staatenlosen und seine Odyssee beginnt. Über mehrere europäische Landesgrenzen abgeschoben landet er schließlich in Barcelona und heuert auf dem Schiff “Yorikke” an. Das Schiff hat eine illegale Ladung und Besatzung und zudem höllische Arbeitsbedingungen. Das besondere an diesem Roman B.Travens ist aber nicht nur die Handlung, sondern vor allem die Sprache mit der er sich auf die Seite der Ausgebeuteten und Ausgeplünderten schlägt. Wenn das Schiff, das die Heimat des Seemanns einfach ohne ihn wegfährt, “dann kommt zu dem Gefühl der Heimatlosigkeit das tötende Gefühl des Überflüssigseins”, schreibt er. Aber die eigentliche Tortur ist nicht dieses Gefühl, sondern die Verzweiflung in der er sich der Yorikke unterordnet, wo er als Kohleschlepper malocht. Die Beschreibung dieser Arbeit ist so plastisch, dass man sich selbst im Purgatorium Dantes wähnt. Aber auch der gleichzeitig dabei transportierte Witz und die ehrliche, schnörkellose Sprache erinnern an andere Meister des Genres. Gleichzeitig strahlt aber auch eine alles durchdringende Lebensfreude durch B.Travens Zeilen, die einzigartig ist. Mit viel Sympathie für die Verlorenen dieser Welt und Weisheit to go: “Aus Liebe kann nicht nur Hass werden, sondern, was viel schlimmer ist, aus Liebe kann Sklaverei werden.

Weitere Werke von B. Trafen im Diogenes Verlag: Der Schatz der Sierra Madre, Die weiße Rose, Die Baumwollpflücker, Die Brücke im Dschungel, Der Marsch ins Reich der Caoba, u.v.a.m.

B. Traven
Das Totenschiff
Mit einem Nachwort von Volker Kutscher
2023, Hardcover Leinen, 416 Seiten
ISBN: 978-3-257-07269-3
Diogenes Verlag
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Stimmen im Wald

Nach welchem ausgeklügelten Prinzip wählt man als literaturbegeisterter Vielleser sein nächstes Buch aus? Man sitzt in einer Bäckerei in Kapstadt, entdeckt im Buchregal ein Taschenbuch mit deutschem Titel, nimmt es aus Langeweile einfach mal in die Hand, entdeckt auf der ersten Innenseite eine handschriftliche Widmung des Autors für Hannelore und Hartmut, et voilà – der neue Lesestoff ist gefunden. Weiterlesen


Genre: Kriminalromane, Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles

Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles. Julia Korbik ließ schon 2017 mit “Oh, Simone!” aufhorchen, eine Biografie der ganz anderen Art, die viele Leserinnen und Leser neu für die Autorin, Denkerin und Philosophin begeisterte. Die Wiederentdeckung der Autorin von “Das andere Geschlecht“, dem feministischen Grundlagenwerk par excellence, hat sie nun mit der Illustratorin Julia Bernhard einen neuen Touch gegeben.

Simone de Beauvoir: Der Pakt mit Jean-Paul

Die Geschichte ihres Lebens wird anhand eines fiktiven Interviews aufgerollt. Eine Journalistin besucht Simone in ihrer Wohnung, wo nicht nur eine Installation von “Sartre’s Händen” auf sie wartet, sondern auch einige andere Überraschungen. Simone wuchs mit ihrer Schwester in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Paris auf, wo sie sogar ein Dienstmädchen hatten. An einer katholischen Privatschule sollten sie lernen bis ein Mann sie heiraten würde. Doch dann verlor der Vater aufgrund der russischen Revolution 1917 den Großteil seines Vermögens und hatte kein Geld mehr für eine Mitgift. Jetzt hieß es vor allem Arbeit finden, wie die Erzählerin halb ironisch, halb ernst kommentiert. Aber von Armut im eigentlichen Sinne war natürlich nicht zu reden, denn die Familie hatte immer noch ihren Landsitz in Meyrignac-L’Eglise. Als sie schon in jungen Jahren entdeckt, dass Gott tot ist, macht sie sich Gedanken über ihre Zukunft als Mensch und als Frau: Werden wir was wir sind? Oder sind wir? Mit diesen Fragen schließt sie an Blondem an, der die Handlung als Substanz des Menschen bezeichnete. Der Mensch ist, was er aus sich selbst macht. Diese Gedanken wurden zur selben Zeit auch von einem gewissen Jean-Paul Sartre popularisiert. Mit dem Gründer der Existenzphilosophie verband sie ab 1926 ein “Pakt”, der auch in dem Briefwechsel zwischen den beiden, der ebenfalls im Rowohlt Verlag erschienen ist, dokumentiert wird.

Absolute Freiheit, absolute Wahrheit

“Meine Jugend war durch Mythen gespeist, die von Männern erfunden wurden.” Sartre nannte sie Castor, von Beauvoir=Beaver, aber gemeint war mit dieser liebevollen Anrede wohl ihre Unermüdlichkeit, der Fleiß eines Bibers. Mit Sartre entschied sie sich gegen ein konventionelles, bürgerliches Leben und für die Freiheit. “Der Pakt würde auf Nähe und Distanz basieren, auf Freiheit“, so Sartre mit Pfeife im Mund in der vorliegenden Graphic Novel, die ganz in Gelb und S/W gehalten ist und neben vielen Porträts des Pariser Umfelds der beiden auch einige lustige Tiere und Landschaften abbildet. “Absolute Freiheit, absolute Wahrheit. D’accord.” Diese Freiheit und dieser Pakt waren natürlich auch mit Schmerzen verbunden, denn als sie sich in den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren verliebte und dieser sie nach drei Jahren heiraten wollte, stand sie dennoch zu ihrem Pakt mit Sartre. Andere wichtige Stationen ihres Lebens (der Tod von Zaza) werden ebenso beleuchtet wie ihre Leidenschaft für’s Wandern und ihre Philosophie: “Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.” Die Frau werde nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich, dem Mann, definiert. Nicht als autonomes Wesen, sondern an der Seite des Mannes, werde ihr Platz definiert. Zeit ihres Lebens wollte sie die Mystifikationen beseitigen und die Wahrheit sagen. Dummheit war für sie eine gewisse Art, das Leben und seine Freuden unter Vorurteilen, Gewohnheiten, Täuschungen und sinnlosen Vorschriften zu ersticken.

 

Julia Korbik, Julia Bernhard
Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles
Graphic Novel
2023, Hardcover, 224 Seiten, ab 14 Jahre
ISBN: 978-3-498-00360-9
Rowohlt Buchverlag


Genre: Biografien, Graphic Novel
Illustrated by Rowohlt

Be Useful. Sieben einfache Regeln für ein besseres Leben

SCHWARZENEGGER. Der Terminator hat einen Lebenshilfe-Ratgeber geschrieben. “Der hat leicht reden”, wird es gleich heißen, aber auch er hat einmal klein angefangen und sich stetig, in kleinen Schritten nach oben gearbeitet: vom kleinen Bub aus Thal zum Mister Universum und Olympia, dann zum Hollywood-Schauspieler und schließlich zum Governor of California.

Mehr als neun Leben

Eine unglaubliche Karriere, die vielleicht auch andere inspirieren kann, ihr Bestes zu geben und useful zu sein/werden. Zuletzt konnte man Arnold auch auf Netflix in einer Miniserie bewundern. Er stellte sich als elder-statesman mit Zigarre dar und wehrte sich gegen die Bezeichnung “Selfmademen-man”, was auf mich persönlich sehr sympathisch wirkte. Auch hatte er sich nach dem Sturm auf das Kapitol, am 6.1.2021 mit einem Video zu Wort gemeldet, dass zeigte, dass die steirische Seite sein Herz auf der richtigen Seite hatte, obwohl er als Republikaner kandidiert hatte. Als Gouverneur schaffte er zwei Amtsperioden, aber gerade nach der ersten sah es besonders kritisch aus. Er hatte eine Herzoperation hinter sich, die alles andere als glimpflich verlaufen war und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Dennoch trat er vor die versammelte Fernsehdebatten-Gemeinschaft und konnte das Ruder noch einmal herumreißen (55,9%). In seiner zweiten Amtsperiode gelangen ihm auf umwelttechnischen Sektor geradezu unglaubliche Dinge. Er machte die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt (Kalifornien) fit für die Klimawende und damit das 21. Jahrhundert.

Be useful: Schmerz=Wachstum

Seine sieben Regeln trägt er in einem sehr saloppen, läßigen Umgangston vor, ganz so wie man es von waschechten Amis gewohnt ist. Aber dennoch scheint hie und da die österreichische Seele durch, auch seine liebenswerte Naivität und sein steirischer Eichencharme sind längst Legende. So heißt etwa die dritte Regel “Reiß dir den Arsch auf”. Schwarzenegger weiß, das er sich mit seinem Ratgeber gegen eine Flut an Negativität, Pessimismus und Selbstmitleid in der Welt zu behaupten hat. Aber er hat und hatte von Anfang an eine klare Vision und das legt er auch dem Ratsuchenden als erste Regel nahe. Immer wieder zitiert er diverse Geistesgrößen, Friedrich Nietzsche sogar zweimal. Er räumt auch dem Dazwischen Raum ein, denn das Leben bestehe nicht nur aus Höhepunkten und großen Augenblicken. Auch er hatte schon einige Rückschläge zu verbuchen. 1968 dachte er seine ganze Welt wäre zusammengebrochen, weil sein Mentor Frank Zane gestorben war. Aber er lernte die Lektion die jeder in seinem Leben einmal lernen muss: Schmerz = Wachstum.

Superkraft Neugier und Helper’s High

Sein Appell selbst im Schlechten etwas Gutes zu sehen, weil es einen weiterbringt und man ja eigentlich gar nicht verlieren kann, denn entweder man gewinnt oder lernt etwas dazu, kann eigentlich nur unterschrieben werden. Es spricht schon sehr viel Weisheit aus diesem Mann, der die Neugier zu seinem Motor erklärt und das Schwamm-sein als Bestandteil des Lernens definiert. Denn wer redet wiederholt sich nur, aber wer zuhört, der lernt in jedem Fall etwas dazu. Immer wieder kommt auch Arnolds Humor durch, etwa wenn er von Danny DeVito’s Potgag erzählt oder selbst erzählt, dass er es nicht nur geraucht, sondern auch inhaliert habe. Aus seiner Abneigung gegen die Bezeichnung Selfmademan spricht auch sein europäischer (österreichischer) Hintergrund, denn anders als viele in den USA weiß er, dass er es ohne fremde Hilfe nie geschafft hätte das zu werden was er heute ist. Seine Bereitwilligkeit dies einzugestehen und sein Plädoyer Gutes zu tun machen ihn zu einem sympathischen Menschen, dem man gerne zuhört, wenn er schreibt: “Es ist der Akt des Gebens, der das gesteigerte Glücksgefühl erzeugt“. Welches Leben, welcher Coup kommt wohl als nächstes? US-Präsident?

Arnold Schwarzenegger
Be Useful.
Sieben einfache Regeln für ein besseres Leben
Übersetzt von Bernhard Josef, Ariane Böckler
2024, Hardcover, 286 Seiten
ISBN: 978-3-431-07055-2
Lübbe Live

 


Illustrated by Bastei Lübbe

Micky-Maus-Magazin 21 (MM 21)

Cover Jubiläums-Produkte 100 Jahre Disney

Inhalt

„Rudi Ross: Flammende Leidenschaft“: Rudi bricht – von Klarabella und ihren romantischen Serien genervt – zur Arbeit auf. Er ahnt nicht, dass er diesmal keinen normalen Arbeitstag haben, dafür aber als Feuerwehrmann einen Einsatz fahren wird.

„Dagobert Duck: Der Pharao ist nicht froh“: Gundel Gaukeley hat es geschafft und Dagobert seinen Glückszehner gestohlen. Allerdings landet sie durch einen vermurksten Zauberspruch im alten Ägypten und soll mit dem Pharao verheiratet werden.

„Strolchi: Die kleinen Schwestern“: Strolchi ärgert, dass ihm seine Schwestern immer in die Parade fahren, wenn er etwas ausheckt. Deshalb will er ihnen einen Denkzettel verpassen.

„Minnie Maus: Kampf mit dem Phantom“: Micky jagt wieder das Phantom, kommt aber nicht weiter. Erst als Minnie einschreitet, kommt Bewegung in die Sache.

„Gundel Gaukeley: Zu weit gereist“: Aus Versehen landet Gundel in der Zeit der Hexenverbrennung und entkommt nur knapp, weil sie dem Herrscher ihre Dienste anbietet. Das aber führt zu einer schlechten Entwicklung der Geschichte.

„Donald Duck: Traumpaar in Gefahr“: Donald und Daisy machen Urlaub am Strand. Dabei stößt Donald auf eine Diebesbande, die das berühmte „Traumpaar von Millionen“ ausrauben will.

„Dagobert Duck: Die Macht der Geschichten“: Dagobert will wissen, wie sich seine Geschäfte in der Zukunft weiterentwickeln. Er bittet Daniel Düsentrieb um Hilfe und reist in die Zukunft. Dort trifft er auf eine friedliche Welt ohne Geld.

„Micky Maus: Der Wünschelruten-Finger“: Außerirdische wollen der Erde etwas Gutes tun und verwandeln Goofys Zeigefinder in eine Wünschelrute für das Finden von Erdöl. Sie ahnen allerdings nicht, was sie damit anrichten.

Frauenfeindlichkeit in Entenhausen – manchmal unreflektiert weitertransportiert, manchmal aber auch kritisch reflektiert (zum Glück!)

15 Geschichten im Extra-Heft, das dem LTB nachempfunden ist, und 5 im Hauptheft bieten viel Lesefutter. Das Hauptheft kommt wie gewohnt mit Rätselcomics, dem Enten-Kurier, Witzen, Tipps, Tricks und Zusatzinfos zu wichtigen Tagen des Monats einher.

Das Magazin bietet diesmal nicht die üblichen Extras/Gimmicks, sondern wie oben schon erwähnt als Extra „Micky Maus Extra Comic-Spaß Nr. 2“. Das Hauptheft wird also mit einer kleineren Ausgabe eines LTB als Zugabe mit noch mehr Comics unterstützt. Das ist zunächst etwas Gutes, denn Lesen bildet in vielerlei Hinsicht: Rechtschreibung, Ausdruck, Erweiterung des Weltbildes u.a. Aber gerade zu Letzterem kann unreflektiertes Lesen auch zu Weltbildern führen, die Ungutes aufbringen oder zementieren.

Gerade die Geschichte „Rudi Ross: Flammende Leidenschaft“ ist wirklich ein Unding, was Geschlechterklischees angeht: Klarabella wird komplett als Frau erniedrigt und der Lächerlichkeit preisgegeben! So etwas dürfte es weder in Comics und erst recht nicht in der realen Welt geben! Das fängt schon an im ersten Panel und wird im weiteren Verlauf nicht besser, eher im Gegenteil. Aber zurück zum Anfang. Klarabella schaut einen Liebesfilm und Rudi sagt ungehalten: „Bekomme ich noch eine Tasse Kaffee, bevor ich zur Werkstatt gehe?“ In dieser Szene sieht das kritische Auge schon gleich mehrerlei: Klarabella ist in der Position der Hausfrau und ihre ARBEIT wird nicht wertgeschätzt, ganz im Gegenteil, sie wird als selbstverständlich hingenommen und gleich abwertend kommentiert, wenn der Mann einmal nicht umsorgt wird. Und seine Arbeit ist, weil sie Geld bringt, eh wichtiger. Gruselig! Genauso gruselig geht es weiter. Hinter Klarbaellas Klage, dass sie wegen genau diesen Kommentaren Liebesfilme schaut (als Ersatz für das, was sie leider bei Rudi nicht findet), cancelt Rudi ab, anstatt sich zu fragen, welcher Wunsch seiner Frau hinter der Klage steckt. Denn würde er sich das fragen, käme Folgendes heraus: der Wunsch ist der der Wertschätzung und ehrlichen Liebe – Grundpfeiler einer Beziehung – der von Rudi definitiv nicht erfüllt wird. Einmal über den echten Sinn von Romantik nachzudenken, empfiehlt Klarabella Rudi zwar, aber der ist für Denkarbeit und Emotionsarbeit überhaupt nicht zu haben. Da kommt das Manko der Erziehungsarbeit bei Jungen zum Tragen: Sie werden weder dazu erzogen, sozial zu denken und zu handeln noch positive Emotionen zuzulassen und als wertvoll zu erachten. Aber gerade das Soziale und Emotionale macht eine Gesellschaft aus und stabilisiert sie. Männer dagegen sind durch patriarchale Strukturen emotional und sozial amputiert. Rudi präsentiert das toxisch Patriarchale in Reinform: die Missachtung der Frau, und zwar umfassend. Kein Wunder, dass sich Klarabella dagegen wehrt und sich Ersatz z.B. in Form von Liebesfilmen sucht. Als sie endlich vermeintlich Wertschätzung erfährt, weil ein Feuerwehrmann (und dann auch noch Rudi) sie aus dem Feuer rettet, wird sie im letzten Panel komplett der Lächerlichkeit preisgegeben, indem sich die Männer über sie in ihrer (unverschuldet) misslichen Lage lustig machen. Ehapa sollte sich wirklich übergelegen, ob solche frauenfeindlichen Comics überhaupt noch veröffentlicht werden dürfen!

Und es bleibt ja nicht bei einem frauenfeindlichen Kaliber, nein, es muss ja noch ein zweites her. Zumindest scheint es vordergründig bei „Strolchi: Die kleinen Schwestern“ so. Strolchi wertet permanent seine drei kleinen Schwestern ab mit Aussagen wie „alberner Mädchenkram“, dass sie Petzen sind, und dass er ihnen Streiche spielen will, um ihnen zu schaden (verharmlost: ihnen einen Denkzettel zu verpassen). Der geht zwar nach hinten los, aber Strolchi – ganz patriarchaler Junge – sieht überhaupt nicht ein, dass er sich durchgehend falsch verhalten hat. Er kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass dem so wäre, obwohl es ihm sowohl Schwestern, Mutter als auch Vater sagen, die alle gar nicht damit einverstanden sind, wie Strolchi sich verhält und damit nicht nur sich in Gefahr bringt. Gut an diesem Comic: Die Mädchen stehen am Ende nicht wie Klarabella schlecht da, ganz im Gegenteil. Sie nutzen eine missliche Lage zu ihrem Vorteil, indem sie ausgesetzte Katzen retten und von ihrem Vater (!) sehr für ihr soziales Verhalten gelobt werden: „Mädchen …ihr seid Heldinnen!“

Dass Männer Frauen nicht ernst nehmen, es aber besser tun sollten, zeigt auch „Minnie Maus: Kampf mit dem Phantom“. Micky nimmt ihre Warnung nicht ernst und landet im Schlamassel. Dazu kommt, wie bei Klarabella, das abgelutschte und überhaupt nicht realitätsnahe Klischee, dass die Frau als Opfer ständig gerettet werden muss – bei der Phantom-Story sogar zweimal, herrje! Dann aber wendet sich zum Glück das Blatt: Micky entpuppt sich als schwach und Minnie rettet nicht nur die Situation, sondern auch aller Leben. Anbei bezeichnende Dialoge: „Pah! Dich könnte ich auch ohne meinen Kräfte-Verstärker-Anzug locker bezwingen, teure Minnie!“ (Phantom, Paradebeispiel, wie sehr eine Frau verachtet und unterschätzt wird) Minnies Reaktion ist ebenfalls bezeichnend für die Situation von Frauen im Allgemeinen und wie sehr ihnen die ständige Abwertung stinkt: „Tut einfach so, als wäre ich Luft für ihn! Aber dem werde ich zeigen, was es heißt, einer Dame keine Aufmerksamkeit zu schenken!“ Auch Minnies Reaktion auf Mickys Feigheit ist bezeichnend (denn sie steht für die Stärke der Frau im Alltag und die Schwäche des Mannes in genau demselben): „Ja, weil du auf den Knien lagst, anstatt zu kämpfen!“ Micky: „Du hast doch gesagt, dass ich ihn nicht mit Körperkraft besiegen kann!“ Minnie: „Weshalb du ihn ja auch überlisten solltest! Nur hast du mir mal wieder nicht zugehört! Egal! Hauptsache, ich habe es geschafft, das Phantom auszuschalten.“ Sie betont extra, dass SIE es war, die die Situation gerettet hat. Und (was leider für Frauen nicht alltäglich ist) die Wertschätzung, die man ihr gegenüber als selbstverständlich erachten sollte. Im Gegensatz zu Strolchi ist Micky reflektiert – er erkennt Minnies Leistung an: „Die haben Recht! Minnie war echt klasse! Allerdings wird das Phantom eines Tages wiederkommen…  tja, und dann… hoffe ich, dass ich Minnie dabei helfen darf, es noch einmal zu überlisten!“ Micky setzt also sogar noch eins drauf: Er gibt den Posten im männlichen Scheinwerferlicht ab und erkennt an, dass Frauen es mindestens genauso verdient haben, im Rampenlicht zu stehen und die volle POSITIVE Aufmerksamkeit zu bekommen wie Männer. Davon ist Rudi in der unsäglichen Geschichte oben noch weit entfernt.

Auch Gundel, die in den Comics immer schlecht wegkommt, ist eigentlich eine selbstständige Frau, die sich von nichts und niemandem etwas sagen lässt (was im Patriarchat nicht gern gesehen wird). In „Dagobert Duck: Der Pharao ist nicht froh“ trickst sie nicht nur Dagobert aus, sondern macht glasklar, dass eine Frau auch sehr gut ohne Mann auskommt – er aber anscheinend nicht ohne sie, wie der Pharao demonstriert. Sie ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass eine Frau eben nicht rollenklischeemäßig immer gut und sozial sein muss, denn es gibt unter Frauen eine sehr große Bandbreite an Charakteren, die eben nicht in Klischees und männliche Wunschträume passen.

In „Gundel Gaukeley: Zu weit gereist“ demonstriert Gundel genau das. Aber es ist schon sehr bezeichnend, dass sie für ihr antisoziales Verhalten abgestraft wird, während Dagobert mit seinem permanent antisozialen Verhalten jedes Mal ungestraft davonkommt. Aber zumindest wird in dieser Geschichte ebenfalls gezeigt, dass Hexen zu Unrecht ständig als böse hingestellt werden: Hexen sind eigentlich alte, weise Frauen, die das Patriarchat dämonisiert hat. Hexen sind Zaunreiterinnen, „auf den Hecken Sitzende“: Hecken als Grenzen, und damit Hexen als Grenzwächterinnen, und zwar als Grenzwächterinnen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Mit ihren Besen reinigen sie sowohl im Alltag als auch spirituell das Haus. Mit dem Kessel stellen sie nicht nur Nahrung her, sondern auch Medizin – Kessel gelten bzgl. des Göttinnen-Glaubens als mächtiges Beiwerk der Transformation.

In „Traumpaar in Gefahr“ werden zwei Dinge deutlich und auch kritisiert: Zum einen der Unterschied zwischen Schein und Sein. Der (nicht so) „schöne Schein“ wird in Bezug auf Fernsehen und Social Media kritisiert, weil sich dort Menschen relativ einfach eine Schein-Identität aufbauen können, die mit der Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun hat. Das „Traumpaar von Millionen“ ist so ein Fake-Ehepaar, das nur vor der Kamera eine glückliche Ehe und Familie mimt und damit alle an der Nase herumführt. Sie stellen sich als zerstrittenes Paar ohne Kinder heraus; der Mann ist feige, die Frau nutzt Männer aus. Donald und Daisy dagegen repräsentieren sozusagen ein ganz normales Paar, wobei Donald sich nichts aus Fernseh- oder sonstigen Helden macht, aber dann anpacken kann, wenn es notwendig ist. Zum zweiten allerdings werden Rollenklischees deutlich: Daisy interessiert sich für oberflächlichen Klatsch und Tratsch und gilt damit auch automatisch als oberflächlich. Noch weiter negativ vertieft wird das durch ihren Ausruf, dass Donald, weil er das „Traumpaar“ nicht kennt, ungebildet sei. Donald dagegen interessiert sich überhaupt nicht für das, was seine Freundin zu sagen hat und ist stattdessen sichtbar gelangweilt. Von Wertschätzung der Frau gegenüber keine Spur. So oder so: Das Bild, dass beide Paare abgeben, ist kein gutes für eine funktionierende Liebesbeziehung.

Insgesamt bietet das Extra-Heft, abgesehen von oben genannten Kritikpunkten, Abwechslung: Geschichten rund um die Panzerknacker, Donald und Daisy, Klarabella und Rudi, Donald und seine Neffen, Gundel Gaukeley, Strolchi usw. Der Fokus wird teilweise auf Herbst-Geschichten und Halloween (mit Einbezug von Sagen) gelegt, z.B. in „Halloween-Horror“.

Die Macht der Literatur und der Geschichten

Im Hauptheft wird in „Macht der Geschichten“ und welches Potential Geschichten oder überhaupt Kreativität für die Entwicklung der Menschheit hat, deutlich herausgearbeitet. „Geschichten beflügeln unsere Fantasie. Sie lassen uns die Welt mit anderen Augen sehen, sie bringen uns auf neue Ideen. Und jeder Fortschritt ist zuerst eine Idee, eine Erzählung, die dann Wirklichkeit wird. So können Geschichten die Welt verändern“, heißt es am Anfang. In der Geschichte selbst werden die Traumreich-Geschichten dazu benutzt, Frieden und Wohlstand in der Welt zu schaffen und Leute zu animieren, ihr Bestes zu geben und Träume zu verwirklichen. Literatur hat Macht. Das ist auch der Grund für Bücherverbrennungen in Diktaturen, denn die Macht des geschriebenen Wortes und die darin enthaltenen Ideen und klugen Gedanken sprengen Ungerechtigkeiten und werden deshalb von Diktatoren gefürchtet. Das sollten sich allerdings auch die Macher der Disney-Geschichten selbst zu Herzen nehmen, um Ungerechtigkeiten wie Frauenfeindlichkeit und die Zementierung der unguten Rollenklischees aus ihren Geschichten zu verbannen und stattdessen lieber mehr Geschichten mit Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit zu schreiben und dabei sowohl die bunte Vielfalt der Menschen als auch der Natur – ohne die kein Mensch leben könnte, Stichwort Umweltschutz -miteinzubeziehen!

Darüber und mehr noch über Habgier in Bezug auf konventionelle Energiegewinnung mit Erdöl geht es in „Der Wünschelruten-Finger“. Hier wird deutlich (und auch indirekt kritisiert), dass das vermeintlich Gute, das Öl, nur zu umfassendem Raubbau und Ausbeutung führt. Und Goofy, der vermeintliche Trottel, steht für die Stimme der Vernunft, indem er diesem Öl gegenüber keinerlei Habgier zeigt und im Gegenteil froh ist, dass sein Wünschelrutenfinger irgendwann nicht mehr funktioniert.

Fazit

Die Macher der Disney-Hefte und LTB sollten sich ihre eigene Geschichte „Die Macht der Geschichten“ mehr zu Herzen nehmen, um auch in ihren Geschichten eine Welt der Umwelt- und Tierrechte, der Frauenrechte und insgesamt der Menschenrechte zu erschaffen! All dies kommt zwar immer mal wieder vor, aber Frauenfeindlichkeit in den Comics ist leider immer noch vorhanden und über Umwelt- und Tierrechte wird zu wenig geschrieben, ebenso wenig über Menschen mit Handicap, Menschen mit anderen Hautfarben oder über die LGBTQ+-Szene. All dies, auch wenn gewisse Kräfte das gern ausblenden, gab es schon immer und gibt es auch weiterhin – die Natur in all ihrer unendlichen Vielfalt ist Vorbild, auch in Bezug auf menschliche Vielfalt.


Genre: Comic, Frauenrechte, Umweltrechte
Illustrated by Egmont Ehapa

Honigkuchen. Erzählung

Honigkuchen. Erzählung. Neben seinen beliebten Romanen hat Haruki Murakami auch immer wieder gerne Kurzgeschichten und Erzählungen geschrieben. Um eine solche handelt es sich bei “Honigkuchen“, die in vorliegender Ausgabe zudem von der Illustratorin Kat Menschik bebildert wurde. Ein Fest der Sinne.

Dreiecksgeschichte mit Bär

Ganz so wie Junpei der Schriftsteller, der Protagonist und Erzähler von “Honigkuchen” melancholische Geschichten schreibt, hat auch Murakami eine solche über ihn verfasst. Es geht um eine Dreiecksbeziehung, sein bester Freund, Takatsuki, heiratet die Angebetete Junpeis, Sayoko, und gemeinsam bekommen sie die kleine Sara, der Junpei die Geschichte von Bären erzählt. Masakichi und Tonkichi heißen die beiden Bären, die Honig und Lachs sammeln. Masakichi ist ein gutmütiger Bär, “er hört keine Punk und keinen Hard Rock, sondern Schubert, wenn er allein ist”, so Junpei. Mit Hilfe der Zwischenfragen der kleinen Sara entwickelt Junpei die Geschichte der beiden Bären spontan, denn es gibt sie noch nicht, diese Geschichte. Die Dreiecksbeziehung allerdings gibt es wirklich und hier ist Junpei wesentlich ungeschickter sie mitzuentwickeln. Denn er lässt sich von Takatsuki Sayoko einfach vor der Nase wegschnappen. Eine verhängnisvolle Entwicklung nimmt ihren unabänderlichen Verlauf.

Honigkuchen: Ein Herz für Zweifler

Von wichtigen Dingen hast du absolut kein Ahnung. Nicht die geringste. Ich frage mich, wie so einer Geschichten schreiben kann” wirft Takatsuki seinem immer noch besten Freund Jahre später vor. Junpei weiß es selbst nicht. Er ist genauso ratlos wie belesen. Doch dann kommt das Erdbeben und plötzlich wird alles ganz anders. Manches Mal braucht es so eine Naturkatastrophe, damit sich etwas ändert. Besonders bei den Erwachsenen. Sara leidet nach dem schrecklichen Erdbeben unter Albträumen und nur Junpei kann sie beruhigen, mit seinen Geschichten über einen Bären und seinen besten Freund. Und er ist fest entschlossen, für immer über Sayokos und Saras Schlaf zu wachen. So wie sein Junpei ist auch Haruki Murakami ein Meister der kurzen Form. In “Honigkuchen” zeigt er sein großes Herz für alle Zögernden und Zaudernden, die Zweifelnden und Abwartenden. Kat Menschik bebildert die warmherzige Geschichte in unvergessliche Bilder. Von Junpeis Katze bis Mutter und Tochter, die sich umarmen. Und natürlich die beiden Bären Masakichi und Tonkichi mit ihren Lachsen und ihrem Honig.

Die vorliegende Kurzgeschichte stammt aus dem Sammelband einiger seiner Erzählungen mit dem Titel “Nach dem Beben“, der ebenfalls – so wie viele andere Werke Murakamis – bei Dumont erschienen ist.

Haruki Murakami
Honigkuchen. Erzählung
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
2023, Hardcover, 80 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, UV-Lack, bedrucktem Vorsatzpapier und Lesebändchen, 19 farbige Illustrationen,
Format 134 mm x 208 mm
ISBN: 978-3-8321-6823-0
Dumont Buchverlag
20,00 €


Genre: Illustrationen, Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by DuMont

Die Kühe, mein Neffe und ich Mit großen Tieren aufwachsen, leben und arbeiten.

Frau Ruge kennt und verehrt Kühe, für dieses Buch hat sie breit recherchiert, besonders interessiert sie die Rolle, die Kühe in den Kulturen der verschiedenen Epochen für Menschen spielten. Dabei geht es ihr um die Beziehungen der Menschen zu ihren Rindern. Sie kennt sich mit Kühen aus: für die Laien werden anfangs alle Bezeichnungen, von Färse bis zur Kuh erklärt, auch, wofür der Stier gut ist, aber was der Ochse nicht kann.

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Genre: Entwicklung der Landwirtschaft, Geschichte von Mensch und Tier, Sachbuch, Tier und Mensch in der Kunst
Illustrated by Kunstmann

Das Haus verlassen

Das Haus verlassen. Die Regisseurin Jacqueline Kornmüller brachte gemeinsam mit Peter Wolf u. a. die preisgekrönte Ganymed-Serie im Kunsthistorischen Museum auf die Beine. Zuletzt inszenierte sie Die unheimliche Bibliothek von Haruki Murakami im Wiener Odeon Theater und und brachte damit Kat Menschiks Illustrationen auf die Bühne (2022). In vorliegendem bibliophil gestalteten “Pappband” erzählt sie vom Zauber der Dinge und der Freundschaft mit einem alten Haus, das mit ihr spricht. Oder nur sie mit ihm?

Illustrationen wie ein Garten

Band 17 von Kat Menschiks illustrierten Lieblingsbüchern wird verziert von Skarabäen, Fröschen, Blumen oder Puppen und ist eine wahrlich poetische Geschichte über Besitz und das Loslassen davon. Es geht um das alte Feldsteinhaus, das sich nicht so ohne weiteres von seiner Besitzerin trennen möchte. Sie bemüht sich zwar allerhand illustre Gestalten zur Besichtigung in ihr Anwesen zu laden, aber irgendwie will sie selbst nicht so richtig fortgehen. Zehn Jahre lebt sie nun schon in diesem Haus und will sich nun endlich vom Besitz trennen, denn es warten schließlich noch andere Abenteuer auf sie. Aber denkste! Das Haus hat Krallen und hält sie fest, wie ein von Kafka abgeleitetes Zitat über Prag lauten könnte (“Dieses Mütterchen hat Krallen”). Schließlich gibt es auch nicht viele Häuser, die mit einem sprechen. Aber viele Häuser mit denen sprechen kann, ohne dass diese antworten.

Das Haus verlassen: Oder doch nicht?

Die raubeinige Dorfgemeinschaft ist einerseits neidisch, andererseits belächelt sie ihre Bruchbude, die immerhin Jahre auf dem Buckel hat. Aber vom Dachboden bis zum Kellergewölbe, wo sich das Bad befindet, bis zum verwilderten oder den uralten Obstbäumen: es ist ihrs. Die Bewerber und Bewerberinnen, allesamt Immobilientourist:innen, geben die Klinke in die Hand geben. Da gibt es die Belgier, das Ehepaar Salz, oder die Frau aus dem 19. Bezirk, der Herr der Innenminister-Mann, der Samstag-Mann und die Samstagsfrau, die Schwangere, die Suchende u.v.a.m. Bald dämmert es nur dem Haus, dass die Immobilientourist:innen den Wert des Hauses gar nicht wirklich erkennen und ihn auch nicht zu. Aber da draußen wartet das Leben auf die Erzählerin und sie muss einfach mal wieder weg. Aus diesem Dorf vor allem. Diesem Haus. Doch dann stirbt plötzlich die Queen im fernen England und alles wird ganz anders.

Eine hinreißende kleine Erzählung, die zum Nachdenken anregt und gleichzeitig durch ansprechende Illustrationen von Kat Menschik und Liebhaber:innen von Geschichten wie damals.

Kat Menschik, Jacqueline Kornmüller
Das Haus verlassen
Mit Illustrationen von Kat Menschik
2024, bezogener Pappband, Kupferfarbene Prägefolie, Farbschniþ,Lesebändchenca. 96 Seiten
ISBN 978-3-86971-286-4
Galiani Berlin
22 € (D) / 22,70 € (A)

 


Genre: Erzählungen, Illustrationen
Illustrated by Galiani

Nachtfrauen

Nachtfrauen. Die beiden Geschwister Mira und Stanko stehen vor einer herausfordernden Aufgabe. Ihre Mutter ist alt und soll auf den Auszug aus ihrem Haus im kärntnerischen Jaundorf vorbereitet werden. Da weder Mira noch Stanko sich um sie kümmern können, wird es für die alte Dame zu gefährlich alleine zu leben.

Nachtfrauen: Verzeihen und Vergeben

Du wirst dich um Mutter kümmern müssen“, sagt ihr Bruder zu ihr. Aber Mira ist längst aus der Enge des Dorfes in die Weite der Großstadt Wien gezogen, wo sie einen Mann und eine Arbeit hat. Sie kann also gar nicht zurückkommen und sie will es auch nicht. Zwischen ihrer Mutter Anni und ihr bestehen immer noch Differenzen, die nun endlich durch einen neuen Besuch beseitigt werden könnten. So packt sie also ihre Koffer und reist zurück ins “Innere ihrer Kindheit“, wie sie sagt: “Sie konnte nicht einmal behaupten, in die Fremde zu reisen, wenn sie nach Hause fuhr, das würde ihr niemand glauben“.

Heimat und Sprache

Wenn sie ihr Dorf besucht, erwarten sie die üblichen Vorwürfe, die jeden “Abtrünnigen” treffen, der sich aufmachte, um ein anderes Leben in der Fremde zu finden. Weggehen kann schließlich jeder, das Schwierige ist doch zu bleiben. Sobald sie sich der Jauntalebene näherte, veränderte sich auch ihre Sprache und ihre Haltung, denn der slowenische Dialekt, den sie in Wien nie benutzt, bestimmt nun auch ihr Denken und Handeln. Die Sprache ihrer Kindheit ist auch die Sprache ihrer Verluste, “über die Mira sich selbst nicht recht im Klaren war“. Eine davon ist ihre Jugendliebe Jurij, dem sie prompt in Jaundorf begegnet.

Schweigen (Klage), Geheimnis (Tat)

Einen interessanten Zugang findet Mira auch zur Wahrheit: “(…) dass es vielleicht besser ist angelogen zu werden, nicht die Wahrheit zu wissen. Wir wollen den anderen immer nackt vor uns sehen, nackt und durchschaubar, das ist doch demütigend, es geht doch darum, miteinander auszukommen oder nicht?”, stellt sie Jurij die Frage der Fragen. Auch er, der bewusst Slowene ist, hat darauf eine Antwort. Denn lange galt die Zweisprachigkeit der Region als Makel, auch darüber schreibt Maja Haderlap im ersten Teil ihres Romans Nachtfrauen, der von drei Generationen Frauen erzählt. Der erste ist ganz Mira gewidmet, der zweite, kürzere Agnes und Anni, also Großmutter und Mutter. Der erste Teil ist eine Erzählung und ein Dilemma, wie es nicht besser formuliert werden könnte. Denn das Zerwürfnis mit ihrer Mutter beruht auf einem Unfall bei dem ihr Vater zu Tode kam.

Bedrängte (Nacht-)Frauen

Dieses Unglück schwelte lange zwischen ihrer Mutter und ihr und vergiftete die Beziehung, dabei war sie damals noch ein Kind und konnte gar nichts dafür, was geschah. Schuldgefühle waren es vielleicht auch, die Mira nach Wien vertrieben, aber immerhin war sie auch die erste Frau, die ihr Dorf verließ. Das tat sie auch für die anderen Frauen, die, die zurückblieben. Denn die alleinstehenden Frauen in Jaundorf litten am meisten unter den zudringlichen Händen der Männer. Aber damals galt die Schweigsamkeit einer Frau noch als noble Eigenschaft und so beschloss auch sie, lieber zu schweigen. Ein Schweigen, das vielleicht mit diesem Roman durchbrochen wird. Stellvertretend für all die Schweigenden.

Ein Roman über Zugehörigkeit, Erinnerungen, Verlust und Entscheidungen, die das Leben beeinflussen. Aber auch ein Roman, der Mut macht, darüber zu sprechen, was unaussprechlich ist.

Maja Haderlap wurde in Bad Eisenkappel / Železna Kapla (Kärnten) geboren. Sie veröffentlichte Lyrik in slowenischer Sprache, ehe sie für einen Auszug aus ihrem Romandebüt Engel des Vergessens 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Weitere renommierte Preise folgten, wie der Max Frisch-Preis 2018 oder der Christine Lavant Preis 2021. Nachtfrauen ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag und stand auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis 2023.

Maja Haderlap
Nachtfrauen. Roman
2023, fester Einband mit Schutzumschlag, 294 Seiten
ISBN: 978-3-518-43133-7
Suhrkamp Verlag
24,00 €


Genre: Biographie, Frauen, Frauengeschichte, Roman, Slowenen, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Content

Content. “Ich schaue aus dem Fenster. Menschen schwimmen auf Schlauchbooten vorbei.” Der sechste Roman des Jungautors, Poetry Slammers und Musikers Elias Hirschl und sein zweiter beim Zsolnay Verlag. Der Vorgänger, “Salonfähig”, machte ihn über Nacht “weltberühmt in Wien“, da er so ca. haargenau das Leben und Milieu eines österreichischen Spitzenpolitikers beschrieb noch bevor dieser wirklich öffentlich bekannt war. Ob Hirschl mit Content eine ebenso prophetische Gabe an den Tag legt, wird wohl die Zukunft weisen, denn bei Content handelt es sich um eine Dystopie: “Kein Gas mehr, kein Strom mehr. Kein Internet mehr. Kein Leben mehr. Das ist niemand mehr. Keine Menschen. Kein Boden. Keine Luft.” Zumindest eine Dystopie für die ChatGPT-Generation…

Content-Farm Smile Smile Inc.

In dieser Zukunft, der Zukunft des Romans, geht nichts weniger als die Welt unter. Aber es ist nicht weiter tragisch, weil die handelnden Personen ohnehin ihr Second Life als Avatare im WWW haben. So auch die namenlose Protagonistin des Romans, die für die Content-Farm Smile Smile Inc. arbeitet und sinn­befreite Listen-Artikel, die Clicks generieren sollen (“Nummer 7 wird Sie zum Weinen bringen!”), schreibt. Vielleicht hat Hirschl sogar schon seine Prophetengabe auch mit diesem Roman bewiesen, denn tatsächlich geht es schon um die Generation ChatGPT noch bevor sich diese wirklich generiert hat oder existiert oder formiert. “Politisch, prophetisch und zumindest so lange lustig, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt“, ist wohl die treffendste Beschreibung eines Verlagstextes zur Bewerbung eines Buches, die ich je las.

Form follows function

Denn die Listicles, YouTube-Videos, ChatGPTs, die Hirschl verfasst, entbehren – natürlich absichtlich – genau jenen Contents, nach dem der Roman benannt ist. Wer allerdings nach einer klassischen Handlung in diesem Roman sucht, sucht vergeblich, denn Hirschl springt in seinen Beschreibungen beinahe so auf dem Bildschirm herum, wie wir user, wenn wir durch das WWW surfen. Insofern kann man hier schon sagen: form follows function. Dass die namenlose Protagonistin den ganzen Text hindurch nur eine Zeile aus Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” zu lesen bekommt, ist vielleicht ein Synonym. Denn ebenso unverständlich wie diese Zeile für sie ist, wäre für Musil wohl ein Text von ChatGPT gewesen. Ihm hätte wohl einfach die Seele gefehlt.

Bot ohne Eigenschaften

Hirschl ist aber so eine Seele, denn er hat einen Roman für seine Generation geschrieben ohne ein Teil dieser Generation sein zu wollen. Das hat auch schon mal ein gewisser Bob Dylan abgelehnt. Aber unweigerlich wird Hirschl zum Sprachrohr seiner Generation, die mit gerade mal dreißig Jahren schon mehr in der Welt rumgekommen ist, als andere in der Pension. Mit dem Finger auf der Landkarte: das World Wide Web ist weit und die Geduld endenwollend. Der Cursor springt weiter, die Maus wird geknautscht (RSI-Syndrom). Das Lokalkolorit für seinen Roman fand der Autor übrigens in der Kohle- und Bergbauregion NRWs, er war dort Dortmund-Stadtschreiber. Bei einem Erdbeben (!) fährt die Protagonistin mit einem Lift so tief in die Grubenschächte, dass man es tatsächlich als Tiefgang bezeichnen kann: den Dingen auf den Grund gehen. Dazwischen zitiert Hirschl natürlich immer wieder die Listen seiner Protagonistin und kommt mit ihr am Ende zu einer buddhistischen Fazit-Liste (Nummer 7 wird Sie zum Weinen bringen!).

Kurzum: Hirschl hat sich einen Spaß gemacht und nimmt uns alle auf den Arm oder ist es vielmehr der Alias seiner Protagonistin im Internet, die sogar heiratet und schließlich stirbt? Ein Gastauftritt Ryan Goslings und die langerwartete Erklärung, was ein(e) IKM- Schreiber(in) so macht, sollte man schließlich ebensowenig verpassen, wie die Einträge seines eigenen Bot auf insta. Aber Achtung: das Captcha-Lösen dürfte ziemlich knifflig werden. “Die Aufgabe, ob sie ein Bot war oder nicht, wurde selbst von einem Bot angefertigt.

Elias Hirschl
Content. Roman
2024, Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-552-07386-9
Zsolnay
D: 23,00 € Ö: 23,70 €


Genre: Generation, Roman, Science-fiction, Zukunftsvision
Illustrated by Zsolnay Wien

Micky Maus Magazin (MM) 20

Inhalt

Feinschmeckercomic „Erfolgsrezept“: Onkel Dagoberts Restaurant läuft nicht gut. Die Leute wünschen sich einfaches, schmackhaftes Essen und keine überteuerte, gehobene Kulinarik. Donald fühlt sich aufgrund seiner Kocherfahrungen mit Hausmannskost zu Höherem berufen und bietet an, für das Restaurant zu kochen. Seine Neffen und Daisy helfen mit, aber Donald verschätzt sich und die Neueröffnung wird ein Desaster. Starkoch Nelson Knüller soll es richten, aber bekommt er dieses Chaos überhaupt noch in den Griff?

„Duell der Drohnen“: Rudi hat sich eine Drohne gekauft, die er ausprobieren will. Dabei kommt er einem Mini-Raumschiff in die Quere, das nach einem Zusammenprall abstürzt.

Donni Duck „Zeitungszoff“: Der kleine Donald alias Donni will unbedingt ein neues Spiel haben, aber Oma Duck gibt ihm nicht das Geld dafür. Das soll er sich als Zeitungsjunge selbst verdienen. Weil aber seine Lieblingsfeindin Raffaela schon als Austrägerin eingestellt ist, verhandelt Donni mit ihr: Er fährt für einen bestimmten Betrag die Tour – bis er merkt, dass er über’s Ohr gehauen wurde.

„Die widerspenstige Henne“: Oma Duck hat eine Henne im Stall, die macht, was sie will. Und brüten will sie nicht. Was tun?

„Das Geheimnis der Dinos“: Um sein Vermögen zu mehren, macht Onkel Dagobert mit seinen Neffen einen Krater im Meer ausfindig, in dem ein Asteroid eingeschlagen ist. Aber er hat nicht damit gerechnet, dass er dort auch noch Dinos vorfindet.

Geschichten mit Botschaften: sozial, tierfreundlich, gegen Ausbeutung, aber zu wenig People of Color

Das Magazin wartet mit 2 Rätselcomics, einem Interview mit Starkoch Nelson Müller und einem Rezept, Witzen, Tipps, Tricks, dem Entenkurier, Extrawissen zu wichtigen Monatstagen und 5 unterschiedlichen Geschichten auf.

In der Titelgeschichte „Erfolgsrezept“ tritt Starkoch Nelson Müller als Nelson Knüller auf. Es ist gut, dass Menschen mit anderer Hautfarbe Eingang in das Entenhausener Universum finden. Allerdings würde ich mir genau das deutlich mehr wünschen, denn obwohl das Walt-Disney-Universum aus Amerika stammt und sehr viele Afroamerikaner*innen in den USA leben, kommen andersfarbige Darsteller*innen kaum vor; im Übrigen auch keine Indigenen. Da besteht dringend Nachholbedarf! Selbst wenn hier Nelson Müller einen Auftritt hat, ist es leider doch nur ein kurzer Gastauftritt – kaum ist er im Restaurant, schon wird er von Donald wieder hinauskomplimentiert. Und Donald glänzt in dieser Geschichte nicht mit Menschlichkeit, sondern ist nur auf sein eigenes Wohlergehen bedacht und sich nicht zu schade, Ideenklau zu betreiben. Da denkt man doch automatisch an Ideenklau im Internet oder in wissenschaftlichen Arbeiten…

In „Duell der Drohnen“ lernt Rudi das gute Gefühl zu schätzen, hilfsbereit zu sein. Hilfsbereitschaft ist essentiell für ein soziales Miteinander. Der Comic spricht allerdings auch die Kehrseite an: Es gibt immer Leute, die Hilfsbereitschaft ausnutzen, damit asozial handeln und dazu beitragen, dass anstatt Vertrauen sich Misstrauen breitmacht – mit den entsprechenden Konsequenzen.  Die Ausnutzer*innen von denen zu unterscheiden, die wirklich Hilfe brauchen, ist allerdings manchmal nicht so einfach.

In „Zeitungszoff“ sieht man im Kleinen das Prinzip des reinen Kapitalismus ohne die soziale Marktwirtschaft: Unterbezahlung und das ständige Über’s-Ohr-Hauen kommen einem in der Realität doch sehr bekannt vor. Und der Comic zeigt sehr eindrücklich, wohin so ein Mist letztlich führt: Echte Wertschätzung bzgl. der Finanzen und der Arbeitskraft sehen definitiv anders aus.

„Die widerspenstige Henne“ zeigt, dass auch unter guten Bedingungen gehaltene Hennen (Bio-Haltung) letztlich nur dazu dienen, Eier zu liefern – in Dauerschleife, ohne Pause. Dagegen wehrt sich eine Henne und macht Oma Duck klar, dass sie ein Lebewesen und keine Maschine ist. Das erinnert sehr daran, was der Tierschutz immer bzgl. Haltungsbedingungen und Speziesismus beklagt. Aber auch gerechte Arbeitsverteilung ist ein Thema: Die Frau (Oma Duck) macht die ganze Arbeit, während sich der Mann (Franz) ausruht. Irgendwann führt das dazu, dass die Frau eine solche ungerechte Arbeitsteilung nicht mehr mitmacht, wie Oma Duck beweist.

„Das Geheimnis der Dinos“ zeigt, dass man nicht immer alles zu Geld machen muss – und die geldgierige Vorgehensweise etwas viel Wertvolleres zerstört, nämlich archäologische Funde.

Fazit

Die Geschichten sind eingängig und spannend, aber auch hintersinnig, wenn man sich mit den versteckten Botschaften beschäftigt.


Genre: Comic
Illustrated by Egmont Ehapa

Große und kleine Schätze der Natur – Pflanzen – Über 100 Blumen, Samen und Bäume und was sie uns erzählen

„Wenn es keine Pflanzen gäbe, könnten auch alle anderen Lebewesen nicht existieren.“

„Obwohl Pflanzen weder Augen noch ein Gehirn haben, können sie sich gezielt bewegen, einander helfen, zählen und sogar lernen. Viele ahmen andere Pflanzen und Tiere nach, bekämpfen oder beklauen sie.

Pflanzen erfüllen die Luft mit Sauerstoff zum Atmen. Der Wasserdampf, den sie abgeben, wird zu Wolken, aus denen es später wieder regnet. Auch für das Klima spielen sie eine entscheidende Rolle, da sie Kohlenstoff speichern. Nahrung, Kleidung, Arzneimittel und viele andere Dinge, die wir täglich benötigen, stammen von Pflanzen.

Heute sind mehr als ein Drittel aller Pflanzenarten gefährdet.“ (S.5)

Schon die einführenden Worte dieses Buches zeigen sehr eindrücklich auf, welch große und umfassende Rolle Pflanzen für diese Erde spielen. Umso erschreckender, dass 1/3 aller Pflanzenarten gefährdet sind, denn mit dem Wegbrechen dieser gefährdeten Pflanzen brechen ganze Netzwerke und Ökosysteme zusammen.

Pflanzen brauchen z.T. Tiere, um sie zu bestäuben. Das sind allen voran Insekten wie z.B. Bienen, Schmetterlinge oder Hummeln, aber auch Kolibris. Automatisch kommt einem da das Insektensterben in den Sinn – bis zu 75% der Insektenarten sind gefährdet oder sogar schon ausgestorben! Erschreckende Zahlen. Denn ohne die Bestäuber gibt es keine pflanzliche Nahrung für den Menschen, man denke u.a. an Früchte, essbare Nüsse oder Samen, Raps, Kaffee usw. Hauptursache des Insektensterbens ist die konventionelle Landwirtschaft mit ihren großen Anbauflächen (die der so dringend notwendigen Wildnis mit ihren Lebewesen den Platz wegnehmen), den Insektiziden, den schweren Maschinen (die sowohl die zentralen Kleinstlebewesen im Erdboden töten als auch CO2 aus dem Boden pressen) und dem riesige Dimensionen annehmenden Anbau von Futtermitteln für sogenannte „Nutztiere“. Man sehe sich dazu gern die Artikel des NABU an – dort wird z.B. ausgeführt, dass Ernteeinbrüche um bis zu 90% zu befürchten wären ohne Bestäuber, oder was die Landwirtschaft früher für die Natur getan hat und was heutige Landwirtschaft für sie tun könnte.

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/info/22683.html

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/artenvielfalt/index.html

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/artenvielfalt/23701.html

Wundersame Pflanzen

Das Buch bietet faszinierende Einblicke in die Welt der Pflanzen. Eigentlich gedacht für Kinder ab dem 7. oder 8. Lebensjahr sind die einprägsamen, prägnanten und sehr informativen Texte auch eine Fundgrube an Wissen für Erwachsene, denn auch diese dürften nicht wissen, dass z.B. Seegras große Mengen an CO2 speichert, Schlamm und Sand festhält, damit das Wegbrechen von fruchtbaren Böden verhindert und insgesamt vielfältigen Schutz und Nahrung für viele Tiere bietet. In Dokus zum Thema Klimaschutz und CO2-Speicherung spielen auch Algen eine große Rolle. Algen dienen aber auch als Nahrung oder zur Herstellung von Plastik (s. „Planet Wissen“ oder auch die Ausstellungen der Mannheimer BUGA 2023). Im Buch wird als Beispiel das Phytoplankton genannt, das einen großen Teil des Sauerstoffes bildet, den wir atmen. Einige Algenteppiche dieser Art sollen so groß sein wie Großstädte und mehr CO2 speichern als alle Landpflanzen zusammen. Grünalgen besitzen z.T. nur eine Zelle und gelten als ursprüngliche Pflanze. Symbiosen zwischen Pilzen und Algen nennt man „Flechte“ – der Pilz liefert der Alge Wasser und Schutz. Die Flechte wird übrigens nicht zu den Pflanzen gezählt.

Auch das Torfmoos wird genannt. Moore sind ebenfalls CO2 Speicher, Wasserspeicher und Lebensraum, den es zu schützen und renaturieren gilt. Früher wurden aus dem Moos Babywindeln gemacht. Außerdem wurden sie für die Wundheilung benutzt, da die Kombination Wasser und Moos ein saures Milieu bildet, das Bakterien tötet. Moose zur Wundheilung kamen z.B. im Ersten Weltkrieg zum Einsatz. Moose sind sowieso interessant: Die Lebermoose z.B. bilden keine Blätter/Stängel und Wurzeln und waren die ersten Landpflanzen. Pflanzen mit Blättern haben Spaltöffnungen, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff sowie Wasserdampf abgeben. Nachts schließen sie die Spaltöffnungen, um Wasser zu sparen.

Oder wer weiß schon, dass Kürbisse zu den Beerengewächsen gehören, die Wacholderbeeren aber Zapfen sind und die Erdbeersamen den Nüssen und die Pflanze den Rosengewächsen zugerechnet werden? Oder dass Schneeglöckchen in ihrer Zwiebel Kohlenhydrate verbrennen, um die Pflanze zu erwärmen, sodass der Schnee um sie herum schmilzt? Dass die Vanille von einer Orchideenart stammt, die auf Waldbäumen wächst? Dass Klee mit Erbsen und Bohnen verwandt ist und durch die Bakterien an seinen Wurzeln für andere Pflanzen ein guter Stickstofflieferant ist? Dass der Löwenzahn ein Überlebenskünstler ist, eine wichtige Futterpflanze für Insekten und außerdem heilen kann? Dass Tomatenpflanzen bei Stress fiepen? Und dass der Grasbaum weder Gras noch Baum, dafür feuerfest ist? Zählende Mimosen, die eine innere Uhr besitzen und deren Stängel sich krümmen können, und giftige Spritzgurken, deren Früchte explodieren, um den Samen wegzuschleudern, sind weitere interessante Pflanzen.

Auch Mangroven sind faszinierend. Mangroven sind Pflanzen, die mit dem für Pflanzen sonst so tödlichen Salzwasser zurechtkommen. Außerdem sind sie wichtige Kinderstuben für Fische, Schildkröten und schützen Dörfer und Städte vor dem Meer, den Wellen und dem Wegspülen von Sand und Schlamm. Erstaunlich ist, dass Pflanzen Tiere, Steine, Pilze, Aas usw. nicht sehen können, sie aber sehr gut nachahmen. Dafür gibt es anscheinend noch keine Erklärung. Die Titanwurz z.B. heizt sich auf, um den Aasgeruch ihrer Blüte besser zu verbreiten. Auch die Rafflesie hat eine übelriechende Blüte – die so schwer wie ein Autoreifen werden kann! Der Biene-Ragwurz ähnelt einer solchen, um Bienen anzulocken.

Und ich wusste auch nicht, dass Palmen die ersten Pflanzen waren, die Insekten anlockten, aber keine Blüten, sondern Zapfen haben. Unter Pflanzen gibt es auch Riesen; z.B. sind die Blätter des Mammutbaumes breiter als ein Doppelbett. Außerdem sind Mammutbäume an Waldbrände angepasst: Die Asche dient als Dünger für Keimlinge, die dicke Rinde schützt vor Feuer. Nährstoffe und Wasser nehmen die Aufsitzerpflanzen Tillandsien aus der Luft auf. Die großen Arten bilden mit ihren Laubblättern sogar Mini-Teiche in luftiger Höhe für Baumfrösche.

Es gibt auch kunterbunte Pflanzen wie den Regenbogeneukalyptus, der einen mehrfarbigen Stamm besitzt, oder die Mandeleibisch, deren Blüten je nach Tageszeit die Farben wechseln. Der Stamm des roten Eukalyptus ist innen tatsächlich rot. Auch die Oca-Pflanze – eine der ersten Gemüsepflanzen, die Menschen angebaut haben – hat viele Farben.

Mein Eindruck vom Buch

Auch sonst gibt es viele interessante Informationen. Für Kinder sind die Infos recht einfach gehalten, manchmal könnten evtl. die Sätze selbst zu lang sein, passen aber von der Länge des Textes her sehr gut. Die Doppelseiten zu je einer Pflanze oder einem zusammenfassenden Thema sind wunderschön, detailreich und z.T. sehr großformatig bebildert mit prägnanten Bildunterschriften. Ich als Erwachsene hätte mir vielleicht etwas mehr Text gewünscht – kaum war ich im Thema drin, schon war die Seite zu Ende. Das Buch ist großformatig gehalten, mit festem, sehr schön gestaltetem, ansprechendem Einband. Der Buchblock ist goldgefärbt, was sehr edel aussieht.


Genre: Pflanzen, Pflanzenkunde, Sachbuch
Illustrated by DK Verlag

Die einzige Frau im Raum

Die einzige Frau im Raum. In der Reihe “Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte” sind von derselben Autorin schon Biografien zu Lady Churchill, Mrs Agatha Christie, Frau Einstein u.a. erschienen. In vorliegendem Briefroman erzählt sie die Geschichte der Schauspielerin und Erfinderin Hedwig Eva Maria Kiesler besser bekannt als Hedy Lamarr.

Ikone der Frauenbewegung

“Lady Bluetooth” wurde sie in einer Ausstellung, die ihrem Lebenswerk gewidmet war, genannt. Ihre Zusammenarbeit mit dem Komponisten George Antheil wurde mit dem Ergebnis frequency hopping gesegnet. Dieses frequency hopping stellte die Grundlage für das heutige wifi zur Verfügung. Lamarr wollte es während des Krieges auch der US-Armee zur Verfügung stellen, um Torpedos abzuwehren, allein, die amerikanischen Betonköpfe waren nicht intelligent genug das Potential ihrer Erfindung zu erkennen. Und so ging Hedy Lamarr vorerst als “schönste Frau der Filmgeschichte” in die Annalen ein, bis sich findige Journalist:innen mit ihrem Vermächtnis genauer auseinandersetzten. Ein Ergebnis war auch der Film “Calling Hedy Lamas”, der in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Anthony Lauder entstanden war. Oder später auch “Bombshell”, eine Dokumentation über ihre beiden Karrieren vom ersten Nacktmodell der Filmgeschichte zur Ikone der Frauenbewegung als Erfinderin.

Hedy Lamarr Forever

Marie Benedict widmet sich Hedy Lamarr, die durch ihre Heirat mit einem österreichischen Waffenhändler Zugriff auf die Pläne des Dritten Reichs erlangte. Ein Wissen, das sie später nutzte, um an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Im Jahr 1937 verließ sie ihren gewalttätigen Ehemann und floh über Paris und London nach Hollywood. Dort wurde sie zu Hedy Lamarr, dem weltberühmten Filmstar. Was keiner wusste: Sie war Erfinderin. Und sie hatte eine Idee, die dem Land helfen könnte, die Nazis zu bekämpfen und die moderne Kommunikation zu revolutionieren. Wenn ihr nur jemand zugehört hätte. Der Hype um die schönste Frau der Welt mit Köpfchen reißt also auch mit diesem Briefroman nicht ab. Denn nach einem nach ihr benannten Wissenschaftspreis, einem Theaterstück von Peter Turrini, einem Song von Johnny Depp über sie, zwei Dokumentationen, einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, was kann da noch kommen? Als Ikone der Popkultur gilt sie übrigens auch spätestens nach der Adaptation als Catwoman in der Comicwelt, wie alte Zeichnungen beweisen. Auch Anne Hathaway berief sich auf Lamarr für ihre Interpretation von Catwoman. Oder Disney’s Snow White? Was kann da also noch kommen? Naja, vielleicht das WonderWoman Hedy Lamarr spielt? Sehen Sie hier selbst!

Marie Benedict
Die einzige Frau im Raum. Roman
Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte, Band 4
Übersetzt von: Marieke Heimburger
2023, KiWi-Paperback, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-00492-2
Kiepenheuer & Witsch


Genre: Biographie, Briefe, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

M.O.M. – Mother of Madness

„Game of Thrones“-Star Emilia Clarke: bekennende Feministin

„Game of Thrones“-Star Emilia Clarke ist nicht nur die Mutter der Drachen sondern auch Mutter ihres Comics „M.O.M.“ und bekennende Feministin. Herausgekommen ist der erste Teil eines Comics, der die Frauenfeindlichkeit unserer (auch westlichen!) Gesellschaft auf den Punkt bringt, aber auch Mut zur Weiblichkeit macht und dazu, die vermeintlichen Schwächen einer Frau als Stärke anzusehen. Hier ein paar Zitate zu ihrer Motivation, diesen Comic zu erschaffen, der Superheld*innen-Comics einmal kräftig durch den Fleischwolf der Vorurteile gegenüber Frauen dreht und nicht nur frauen-, sondern menschenfreundlich wieder neu zusammenfügt. „[…] aber mir blieb nicht erspart, dass ich durch MTV […] und die Zeitschriften, die ich las, mit mir selbst UNZUFRIEDEN wurde. Und so wurde ich zur Feministin.“ Zu Comics, zu denen sie aufgrund der männlich dominierten Comic-Welt erst spät Zugang fand, meint das „Superhelden-Fangirl“: „Während ich die Werke durchsah, fiel mir auch auf, dass das Verhältnis von Frauen und Männern leicht … unausgeglichen war, und so entstand der Keim von M.O.M. Hier ist also M.O.M., eine Frau, eine Mutter, die feststellt, dass alles, was sie am meisten an sich hasst, eigentlich Superkräfte sind. Dazu ein extrem kapitalistisches Setting, ein paar sehr reale Probleme, vor denen Frauen überall auf der Welt stehen […]“ Zu den Männern und der Männerrolle meint sie treffend: „[…] aber die Gesellschaft, in der wir heute leben, tut euch Jungs keinen Gefallen. Toxische Männlichkeit ist ein echtes Problem und schadet uns ALLEN. […] Wenn wir unsere Jungen von klein auf dafür sensibilisieren, haben wir eine Chance, das Übel an der Wurzel zu packen.“ Zur Wahl einer Mutter als Protagonistin: „Ich wollte eine Mutter in den Mittelpunkt stellen, weil WIR ALLE EINE HATTEN, und ich finde, sie verdienen ein Superheldinnen-Umstyling.“

Diese Frau spricht mir in allen Punkten sowas von aus der Seele! Und das kann ich nicht oft genug betonen!

Clarkes Mitautorin Bennet formuliert ihre Motivation für dieses drei Jahre lang ausgefeilte Projekt so: „Für mich ist Protagonistin Maya ein patriarchaler Alptraum, eine schwarze Komödie mit ansprechenden Proportionen. Wir haben jedes hässliche Klischee über Frauen – unsere Körper, unsere Emotionen, unsere Hormone – auf den Kopf gestellt und zu einer Superkraft gemacht, jede Metapher aufgegriffen und dann gesprengt, großartig oder absurd. Mir war es unheimlich wichtig, dass dieses Buch Frauen überall einschließt – trans und cis, queer und hetero, privilegiert und unterdrückt, von jeder Herkunft und Ethnie, jeder körperlichen Form und Fähigkeit, weltweit. Natürlich sind wir viel zu wunderbar vielfältig, um in eine einzige Geschichte hineinzupassen.“

Auch hier stimme ich zu. Nur in einem ist Bennet in die patriarchale Falle getappt: Warum müssen Protagonistinnen „ansprechende Proportionen“ haben? Die sind doch nur etwas für den männlichen Voyeurismus, aber entschieden Gift für das von Clarke angesprochene weibliche Selbstbewusstsein! Es wird Zeit, dass auch hier ein Umdenken hin zu Curvy-Models, älteren Frauen u.a. stattfindet.

Spiegelung von schädigendem männlichem Verhalten und Denkmustern in Form von Vorwürfen an Frauen

Zitate aus dem Comic

„It’s a boys‘ club and an man’s world., Maya. Was können wir da schon tun?“

„Sie ist völlig irrational.“

„Sie ist triebgesteuert.“

„Sie dreht durch.“

„Sie ist eine Schlampe.“

„Sie ist durchgeknallt.“

„Sie ist viel zu emotional.“

„Sie ist verrückt.“

Der Comic zeigt auf, worunter Frauen immer wieder leiden: Sie seien hysterisch, emotional, hormongesteuert, naiv usw. Nun, dazu lässt sich v.a. eines sagen: All diese Vorwürfe spiegeln männliches Verhalten. Emotional sind Männer auch, v.a. wenn es um die jahrtausendelang antrainierten und angezüchteten negativen, destruktiven Emotionen geht: Wut, Aggressivität – und das alles nach außen gerichtet, gern gegen Frauen und Kinder bis hin zu Femiziden/Morden. Frauenhäuser (von denen es viel zu wenige gibt), können ein trauriges Lied davon singen. Ganz zu schweigen von aggressiven Auto- und Motorradfahrern, die zu schnell fahren, drängeln und Unfälle bauen. Und da wird behauptet, Frauen könnten kein Auto fahren… Die Statistik sagt etwas anderes.

Hormongesteuert sind v.a. Männer, wenn „man“ bedenkt, wie und was sie alles versexualisieren. Ich habe oft genug das Gefühl, dass man als Frau kaum noch etwas sagen kann, ohne dass für Männer eine sexuelle Konnotation mitschwingt. „Man“ denke z.B. an Banane, Gurken usw., die frauenfeindlichen Blondinen-Witze, die Verharmlosung sexueller Übergriffe, die Witze darüber usw. Und „man“ denke an die unglaubliche Absurdität, dass Frauen sich verhüllen sollen, damit die Hormone des Mannes nicht verrückt spielen! Ich bin als Frau doch nicht dafür verantwortlich, dass der Mann seine Hormone nicht im Griff hat! Die Frau soll anziehen dürfen, was und wann sie will, ohne (sexuelle) Gewalt befürchten zu müssen! Geschweige denn die Kleidervorschriften für Frauen in diversen Religionen, die absolut verfehlt sind und dem Patriarchat auch in Sachen Hormone direkt in die Karten spielt…  Allein der Mann ist für seine Hormone verantwortlich, nicht und nie die Frau! Nochmal: Sie soll anziehen dürfen, was, wo und wann immer sie will, ohne Übergriffe befürchten zu müssen!

Der Comic macht dies sichtbar, indem er Maya folgerichtig nicht die „sexy“ Superheldinnenkluft verpasst, die in Superhelden-Comics wieder nur dem männlichen Voyeurismus dienen, sondern sie in praktische und völlig unsexy Superheldinnenkleidung und -schuhe hüllt, die tatsächlich die Heldin in mehrfacher Hinsicht schützt.

„Ver-rückt“: Maya wird, weil sie so ist, wie sie ist, als verrückt bezeichnet. Frauen im Allgemeinen werden leider immer wieder herabgestuft und ihre Verhaltensweisen und Reaktionen als „verrückt“ abgewertet, was der Comic sehr gut herausarbeitet. Aber Maya und ihre Freund*innen hinterfragen diese Sichtweise. Maya ver-rückt sie und sieht, dass sie diejenige ist, die gesund und „normal“ denkt und die Gesellschaft krank machende Ansichten darüber hat, wie Frauen und Männer zu sein haben. Ver-rückt bedeutet also in diesem Zusammenhang, dass Maya aus der „traditionellen“ Denkweise heraustreten und eine Beobachter*innenposition einnehmen kann, um hinter die Wahrheit zu kommen. Sie ver-rückt die Sichtweise auf die Realität und rückt so die Wahrheit wieder ins rechte Licht.

Irrational: Der Vorwurf, Frauen seien irrational, ist an sich schon irrational, wenn man bedenkt, wohin sich die Welt unter dem Patriarchat entwickelt hat. Diskriminierung, Unterdrückung, Vergewaltigungen, Umweltzerstörung, Kriege, Hunger- und Umweltkatastrophen, Folter, Massentierhaltung, konventionelle Landwirtschaft, Gewalt, Femizide usw. – wer handelt hier also irrational und umfassend schädigend? Frauen dagegen denken eher ganzheitlich, nachhaltig und sozial, Stichwort u.a. feministische Außenpolitik.

„Schlampe“: Allein schon der Umstand, dass es für Männer keine ähnlich abwertende Bezeichnung gibt, zeigt schon die Schieflage bzgl. Männern und Frauen. Das Patriarchat hat die steinzeitliche Praxis der Frauen, sexuell frei zu sein – und damit ein Netzwerk der Väterunterstützung für ihren Nachwuchs zu schaffen – gesprengt zugunsten der Ehe, in der die Frau treu sein muss (um dem Mann kein Kuckuckskind zu gebären), während der Mann sich Geliebte und Mätressen halten und so viele Kuckucksinder wie er will haben darf. Männer werden aufgrund dieser schreiend ungerechten Praxis als „tolle Hengste“ gefeiert, wenn sie viele Sexualkontakte zu Frauen haben, während Frauen als „Schlampe“ betitelt werden, sobald sie das Gleiche tun. Die Schieflage ist so exorbitant, dass Frauen früher und heute sogar getötet werden dürfen, wenn sie außerehelichen Sex haben. Da fragt „man“ und natürlich frau sich bei Licht betrachtet: Wer ist hier die eigentliche Schlampe?

Emotionen: Wie schon angedeutet, wird Frauen vorgeworfen, sie seien zu emotional. Auch das zeigt der Comic sehr schön auf. Und auch hier hilft eine ver-rückte Sichtweise, die die Realität wieder geraderückt: Emotionen sind gesund, sie werden zur Psychohygiene entscheidend benötigt. Trauer hilft bei Verlusten und heilt, wenn z.B. Tränen fließen und damit alles Aufgestaute abfließen kann. Wut stärkt und hilft, sich gegen andere durchzusetzen. Freude ist Ausdruck von purer Lebenslust. Außerdem ist sie ansteckend, so dass auch andere in der Umgebung sich mitfreuen. Aber Frauen und Männer werden in ihren Emotionen im Patriarchat amputiert. Frauen werden jegliche negativen Emotionen abgesprochen, weil man sie in den „schwachen“ Status hineinzwingen und dort auch festhalten will. Alles, was nicht dem Bild der fürsorglichen Frau und liebenden Mutter entspricht, wird sanktioniert. Männer dagegen werden in Bezug auf negative, aggressive, destruktive Emotionen regelrecht gepuscht und gezüchtet, um sie im Zweifelsfall zu nicht denkenden, aber widerstandslos handelnden Soldaten im Krieg zu machen. Alle positiven und damit sozialen Emotionen dagegen sollen weggezüchtet bzw. unterdrückt werden, weil sie der Sichtweise des willenlosen und asozialen Kanonenfutters im Kriegsfall widersprechen – man will keine Männer, die Dinge hinterfragen und Skrupel haben, andere zu verletzen und zu töten.

Schwäche: Die Frau soll weder körperlich noch psychisch stark sein, um die Vorrangstellung des Mannes nicht zu gefährden. Deshalb wird sie in Abhängigkeit gehalten (sie darf keinen Beruf haben oder wenigstens nicht so viel verdienen wie der Mann; sie soll „beschützt“ werden, obwohl es besser wäre zu wissen, wie sie sich selbst schützen kann; sie darf keine oder wenigstens weniger Rechte haben als der Mann – bevorzugt wird der Sklavenstatus der Frau), sie soll weder intelligent noch kritisch sein (dann könnte sie ja die Ungerechtigkeiten, die man ihr antut, hinterfragen, benennen und beheben wollen), sie darf nicht größer sein als der Mann (denn sonst fühlt er sich bedroht). Bei ihr wird Gaslighting betrieben, damit sie keinen Angriffspunkt hat und keinen Fuß auf den Boden der Realität bekommt. Sie wird ins Haus verbannt, damit sie keinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss bekommt. Sie soll Kinder erziehen, und zwar möglichst viele, weil ihr dann mit absoluter Sicherheit die Zeit fehlt, sich auch anderweitig, z.B. politisch, zu betätigen. Und wenn man(n) Glück hat, ist sie durch Haushalt, Gebären und Kindererziehung so beansprucht, dass sie verbraucht ist und er sich in Ruhe der Politik, der Wirtschaft und seinen Geliebten widmen kann. Mit noch mehr Glück stirbt sie bald und er kann sie durch eine andere Frau ersetzen. Die Mehrfachbelastung der Frau hat also als Hauptziel, die Frau aus den „wichtigen“ Sachen wie Politik und Wirtschaft nachhaltig rauszuhalten – sie soll keinerlei Zeit dafür haben und auch keine Zeit, um über ihre Situation nachzudenken. Sie soll sich immer hinterfragen, ob sie eine „gute“ Frau ist, sie soll permanent kritisiert und durch Beschämungen, Verharmlosungen („Stell dich nicht so an!“, „Bist du aber zickig!“), Lächerlichmachen und Kritik beschäftigt gehalten werden usw. Sie soll also umfassend körperlich und psychisch geschwächt werden, um die Vorrangstellung des Mannes nicht zu gefährden. Das bedeutet aber nicht, dass sie schwach ist, wie Geschichte und Gegenwart zeigen – ganz im Gegenteil: Durch diese jahrtausendealte permanente Extrembelastung und Lebensbedrohung der Frau ist sie zu genau dem geworden, was er nicht will: einer extrem starken, ausdauernden und zähen Frau! Maya lässt grüßen.

Unrealistische Forderungen an Frauen und keinerlei Wertschätzung für das, was sie ist und tut

„[…] Und nach alledem warst du immer noch nicht genug. Verrückt. Schwach. Verbraucht. Als Frau musst du alles sein, und noch mehr. Übermenschlich, während du unmenschlich behandelt wirst.“

Diskreditierung und Verobjektivierung der Frau: Auch hier bringt der Comic das auf den Punkt. „Ähm… Ich kriege meine Tage.“ „Ahhhhh. Die große Schande. Evas Fluch. Zeit, für ein paar Tage auf Moos zu sitzen.“ „Ach, Tiff… Sind unsere Körper einfach schlecht? Wir lachen zu laut, haben Haare, wo wir keine haben sollen, wir sind triebgesteuert, emotional, verrückt…“ „Nein. Schluck das nicht einfach. Solche Gedanken sind Gift.“ „Vielleicht wäre ich dann glücklicher. Wenn ich es einfach akzeptiere, mich anpasse. Mich kleiner mache, Stiller. Ordentlicher. Gefälliger. Sie wirken so glücklich, weißt du?“ „Maya… Das eine ist eine Machtfantasie, das andere Objektifizierung. Wenn du dir vorstellst, dieser Kerl zu sein, fühlt es sich gut an. Die Mächtigen sehen: ‘Du bist toll, du verdienst es.‘“ (Bild eines jungen, muskulösen Mannes) „Wenn du dir vorstellst, diese Frau zu sein, fühlst du dich schlecht. Du verlierst deine Persönlichkeit und Handlungsfähigkeit. Du wirst zu einem Objekt und bestimmst nicht, wie andere dich sehen.“ (Bild einer jungen, „sexy“ Frau, die lasziv ein Eis schleckt) „Aber wenn du die Bilder machst – wenn du deine Geschichte erzählst -, hast du die Macht.“

Amputation der männlichen positiven Gefühle: „Und sogar die Kerle leiden unter dem Scheiß! Dieselbe patriarchale Ordnung, die uns zwingt zu gehorchen, verbietet ihnen, jegliche Gefühle zu haben! Sie dürfen nie schwach wirken, nie um Hilfe bitten oder sanft oder zärtlich oder schön oder nett sein… Sie leiden auf andere Weise darunter, aber sie leiden auch.“

Im Comic wird das u.a. durch Harvey symbolisiert, der seine Machtposition gegenüber Maya immer wieder missbraucht. Ihm wurden von Lucille – der Frau, die sich im Patriarchat zu ihrem Vorteil eingenistet hat – die Tränendrüsen (!) entfernt.

Rollenklischees: „Das mit den Geschlechtern ist Beschiss. Ein schlauer Trick, damit die Leute sich fügen und tun, was man ihnen sagt… Wenn sie gehorchen, fühlen sie sich gut, wenn nicht, werden sie todunglücklich. Zuerst einmal gibt es auch irgendeinem Grund nur zwei Optionen. Wir sind besessen von binären Kategorien. Wir glauben, Schoko ist das Gegenteil von Vanille., Katze das von Hund. ‚Als Mädchen wirst du geliebt, solang du hübsch und lieb und brav und ordentlich bist und auf diesem wackeligen, brüchigen Podest stehst… Aber eine falsche Bewegung reicht, und du fällst runter und stirbst – und hast es verdient.‘“

Bodyshaming: „Sag allen, ihre Körper sind falsch. Ihre Haut ist falsch. Ihre Titten sind falsch, ihre Bäuche sind falsch, ihre Schwänze sind falsch. Schäm dich für deinen Körper, gib Geld dafür aus, und wenn wir dich nicht mehr zum Ficken oder Putzen brauchen … verpiss dich und kratz ab.“

Patriarchales System: „Dieses System stellt eine Handvoll Leute an die Spitze, und alle anderen sollen sich gegenseitig hassen und verletzen und überwachen. Und bis auf sehr wenige Ausnahmen kommt auch niemand mehr in den Club rein. […] Dieser Scheiß schadet uns allen.“

Ausweg: „Und während wir dagegen kämpfen, dürfen wir alle hier unten nicht vergessen: wir brauchen einander. Wir müssen gut zueinander sein.“ „Ja. So kitschig es klingt, Liebe ist am Ende die Antwort auf alles.“ „Ich habe Liebe gegeben und empfangen. […] ich habe gelernt, meine Kräfte zu kontrollieren, weil ich gelernt habe zu lieben, wer ich bin.“

Und genau das führt der Comic weiter aus. Die zerstörten Netzwerke der Frauen erstarken erneut, die nicht-konformen Männer, die der Gesellschaft im Gegensatz zu den toxischen Männern nützen, schließen sich an – für eine bessere, sozialere, liebevollere Welt. Denn Frauen und Männer egal welcher Nation, Hautfarbe, sexueller Orientierung u.a. – sie sind letzten Endes die überwältigende Mehrheit der Menschheit. Und eben nicht die Minderheit der toxischen Männer, die Vorteile aus dem Patriarchat ziehen. Der Comic unterstreicht das durch den Zusammenschluss all dieser sogenannten „Minderheiten“, „Unterdrückten“ usw., die schon allein durch ihre Mehrheit und Verschiedenheit diesen patriarchalen Mist regelrecht überrollen.

Die Message an die Leser*innen: Frauen allein stellen schon die Mehrheit der Menschheit. Zusammen mit allen queeren Menschen und den sozialtauglichen Männern hat das Patriarchat keine Chance. Es hat nur dann eine Chance, wenn diese „Minderheiten“ sich untereinander uneins sind, z.B. durch weißen Feminismus, Aversionen von Frauen untereinander, Streitigkeiten in der Bubble, Ausschluss von unterstützenden Männern durch fehlgeleiteten Feminismus usw. All das spielt dem Patriarchat in die Hände und unterstützt dieses. Aber was das Patriarchat und seine Unterstützer*innen (ja, auch Frauen unterstützen es, solange sie Vorteile daraus schlagen können) gern verdrängen: Außenseitertum und Unterdrückung, v.a. wenn sie jahrtausendelang andauern, bringen eine äußerst zähe, widerstandsfähige und umfassend starke Mehrheit hervor, denen die durch ebenso jahrtausendelange Verhätschelung Überprivilegierten letztlich nichts entgegenzusetzen haben!

Die dem Patriarchat vordergründig treu ergebene Frau

Sie vertritt oberflächlich die Prinzipien des Patriarchats, z.B. die Perfektion und Unterordnung der Frau. Was dabei anscheinend gern übersehen wird, aber eigentlich offensichtlich ist: Diese Art von Frau, die die Unterdrückung ihrer Geschlechtsgenossinnen propagiert, steht selbst außerhalb dieser Rollenklischees: Sie werkelt eben nicht hinter dem Herd, zieht eben nicht selbst oder nur sporadisch Kinder groß, verfolgt dagegen ihre Karriere eisern und steht in genau derselben Öffentlichkeit, aus der sie die anderen Frauen verbannen will. Sie lebt also all das vor, was andere Frauen ihrer Ansicht nach nicht tun sollen – ein schlechtes Vorbild! Man denke nur an Karrierefrau Eva Habermann, die in einer öffentlichen Fernsehsendung (!) anderen Frauen vorschreiben will, was diese zu tun oder zu lassen haben – ohne selbst genau diese Dinge vorzuleben.

Aber selbst wenn sie nicht offensichtlich gegen die Prinzipien verstößt, die sie anderen Frauen aufdrücken will, wehrt sie sich anders gegen die Unterdrückung. Sie setzt z. B. ihren Körper als Waffe ein, um voranzukommen – Stichwort „triebgesteuert“: Sie nutzt die sexuellen Triebe des Mannes aus. Da sie komplexer denkt, kann sie Männer sehr gut und subtil manipulieren, sodass sie letztlich doch ihren Willen bekommt. Eigentlich tut sie umfassend alles, um ihre Nische im System zu finden und dort nicht nur zu überleben, sondern auch zu leben.

Selbst Frauen, die sich dem System tatsächlich unterordnen, weil sie das aus der Tradition kennen und nicht hinterfragen, sind trotzdem keine „guten“ Frauen: Sie sind unterschwellig immer unzufrieden, weil sie nicht benennen und fassen können, was ihnen fehlt. Das bekommt die Familie und die Gesellschaft früher oder später auf die ein oder andere Weise zu spüren, denn in ihren Möglichkeiten amputierte Frauen sind keine gesunden Frauen – das dem Menschen angeborene Gerechtigkeitsempfinden schlägt permanent Alarm. Gute Mütter und Frauen sind sie also nicht, da sie nur funktionieren und das Frauenbild nicht aus dem Herzen heraus unterstützen.

Andere nutzen das System in der Weise, dass sie vordergründig dem Bild der Hausfrau und Mutter entsprechen: Sie rechnen sich aus, was für sie günstiger ist und wählen nüchtern betrachtet anstatt der Dreifachbelastung (Beruf, Haushalt, Kinder) „nur“ die Doppelbelastung (Haushalt, Kinder) und schicken den Mann arbeiten. Der muss dann aber wirklich ranklotzen, um die weiblichen Bedürfnisse in finanzieller Hinsicht zu erfüllen.

Wie „man“ sieht: Letztlich gibt es immer Möglichkeiten, unterdrückende, tyrannische Systeme zu unterwandern und auszuhebeln.

Im Comic ist das Mayas Gegenspielerin Lucille. Weißhäutig und arisch blond hat sie folgende Nische im patriarchalen System gefunden: Sie beutet ihre Geschlechtsgenossinnen auf jede erdenkliche Art aus und manipuliert die Männer. Sie wendet die Prinzipien des Patriarchats zu ihrem eigenen Vorteil an – was auch bedeutet, dass Männer in ihrem System keine oder nur eine untergeordnete, dienende Rolle spielen. Das sieht dann in dieser ungesund ver-rückten Sichtweise so aus: „Und ich weiß, welcher Druck auf Frauen lastet, nett, sportlich und hübsch zu sein. Chefin und Hausfrau, das coole Mädchen, #girlboss und Mama zugleich. Ich weiß, dass sie zahlen, was immer es kostet, diesen Traum zu leben. Die Welt ist krank. Alle kämpfen, alle haben Ängste, alle wollen das glamouröse Covergirl oder der starke Actionheld sein. Vergiss alle Positivitäts- und Akzeptanzbewegungen. Die Leute wollen immer noch dasselbe wie immer: dazugehören. Gehorchen, abgesichert und zufrieden in der Rolle, die die Gesellschaft ihnen diktiert. Und ich kann ihnen das verkaufen. Welche Ressource ist erneuerbarer, ewiger als die menschliche Unsicherheit? Ich kann’s mir nicht leisten, dass du Leuten zeigst, es wäre ok, ein Freak zu sein. Sobald ich die Kräfte in deinem Blut korrigiert und patentiert habe, bin ich perfekt… und mächtig. Kein Mann kann mich kontrollieren, keine Frau herausfordern. Ich muss mehr als menschlich sein… ohne Emotionen, die mich schwächen, ohne Bindungen, die mich bremsen. Und ich muss besser als besser sein… Perfekt. Und perfekt ist das einzig Richtige für eine Frau.“

Was Lucille in ihrer Ansprache nicht merkt: Sie ist längst zu einem patriarchal-kapitalistischen Monster mutiert (wobei sie bald darauf im Comic tatsächlich monströs aussieht) und hängt gänzlich in dieser Falle fest. Bildlich wird dieses schiefe Denken mit der schiefen (und damit wackligen) Krone auf ihrem Kopf symbolisiert.

Superheldin auch ohne Superkräfte

Allein die Mehrfachbelastung der Frau prädestiniert sie als Superheldin – ohne dass ihr je dafür gedankt wird, schon gar nicht in finanzieller Hinsicht. Im Gegenteil: Stattdessen erfährt sie Verachtung, wird beschämt, wird systematisch durch ein unrealistisches und im Übrigen den Nazis geschuldetes Mutterbild in den Wahnsinn getrieben. Ebenso das Frauenbild: Die unrealistischen und sich ständig widersprechenden Erwartungen an die Frau treiben reale Frauen an den Rand des Ertragbaren und darüber hinaus. Sehr deutlich wird das nicht nur in diesem Comic, sondern auch im aktuellen „Barbie“-Film, der bzgl. des gründlichen Aufräumens und Absurdumführens des Patriarchats und den damit einhergehenden Rollenklischees und Rollenerwartungen eine eigene ausführliche Analyse und Interpretation verdient hätte.

Aber keine „Schwäche“ hat nicht auch ihre Stärken. Und genau das zeigt der Comic: die vermeintlichen Schwächen der Frau, die eigentlich nur Spiegelungen der männlichen Schwächen sind (s.o.), verwandelt er in pure Stärke.

„Aber natürlich dachte ich nicht an ‚Superkräfte durch die P-E-R-I-O-D-E‘.“

Die Periode der Frau, die zu Unrecht den Status des Ekligen, am besten nicht zu erwähnenden Übels hat, wird zur Stärke. Denn die Periode ist wie der Jahreszeitenrhythmus zyklisch, ist wie die Natur insgesamt zyklisch und sie garantiert das Stärkste überhaupt: das Gebären von Leben. Ohne Frauen und weibliche Tiere und Pflanzen kein Leben! Die Periode gehört also wie in früheren Zeiten gefeiert und verehrt, anstatt sie unsichtbar und zu etwas Negativen zu machen. Im Comic ist sie der Höhepunkt von Mayas Kräften und führt ihre anderen Kräfte zu einem Maximum.

Weitere Kräfte Mayas, die aus angeblichen Schwächen resultieren: Wut verwandelt sich zu (körperlicher) Stärke und Schnelligkeit. Angst verleiht ihr (wie in der Realität) erhöhte Wachsamkeit, in diesem Fall ein Überschallgehör. Einschüchterung macht sie unsichtbar – damit wird die reale Unsichtbarkeit der Frau in einem patriarchalen System umgekehrt, denn Mayas Unsichtbarkeit garantiert ihr ungeahnte neue Möglichkeiten, weil sie nicht entdeckt werden und so frei agieren kann. Traurigkeit verleiht die Fähigkeit fast augenblicklich zu heilen: Trauer zuzulassen ist tatsächlich der beste Weg, die eigene Psyche zu heilen. Lautes Lachen ist nicht nur Ausdruck von purer Lebensfreude (Lautsein wird der Frau immer negativ ausgelegt), sondern in Mayas Fall kann sie damit Dinge zerbrechen. Damit wird auch die Zweiseitigkeit angesprochen: Lachen bedeutet nicht nur Positives, sondern auch Negatives wie Auslachen, auf das auch Frauen einen Anspruch haben. Denn negative Emotionen werden im Gegensatz zum Mann bei Frauen immer noch systematisch unterrückt, obwohl und wohl gerade deshalb, weil z.B. Zorn Stärke verleiht – die man(n) bei der Frau nicht haben will. Wenn Maya glücklich ist, kann sie sich endlos biegen und strecken. Glück verleiht Flügel, macht die Welt schöner und es dehnt das eigene Ich über die sonst „normalen“ Grenzen aus. Auch das nicht gewollt, denn Unglücklichsein der Frau macht sie schwach. Maya dagegen dehnt sich aus und kann sich verbiegen, ohne dass sie sich für sich schädlich in ihrem Ich und Frausein verbiegen muss. „Wenn sie an der SPITZE ihrer Kräfte ist und alle Emotionen fließen, leuchten ihre Augen golden. Das ist …. DER HÖHEPUNKT.“ Und zwar der ihres umfassenden (und eben nicht beschnittenen) Frauseins, das sich endlich entfalten darf.

Im Übrigen kenne ich keine von Männern ersonnene Superheldin, die sich direkt nach ihren Heldentaten sofort der Kindererziehung und dem Haushalt stellen muss. Es ist Realität, dass Frauen zwischen verschiedenen Situationen switchen müssen und – egal, wie es ihnen gerade geht und was sonst noch Wichtiges ansteht – immer auch Haushalt und Kind(er) im Griff haben sollen. Wie gesagt: Jede Frau ist im Alltag, ob sie will oder nicht, durch die Mehrfachbelastung Superheldin… Und Keimzelle der Gesellschaft, ohne die alles zusammenbrechen würde.

Zitat aus dem Comic: „Schon seit Monaten läuft es gut. Alf hält mich im Gleichgewicht, Henrietta macht mich kugelsicher, und Boone forscht nach meinem biologischen Hintergrund, um mich zu tunen wie einen Buick. Ich habe immer mehr Kontrolle über meine Kräfte – ein Traum! Und wie es sich erst anfühlt, Freunde zu haben! Um Hilfe bitten zu können, wenn man sie braucht, statt auf ein eindimensionales ‚grrr sexy Lady mit Waffe‘-Postergirl reduziert zu werden?!“

Die eigenen, weiblichen Kräfte erforschen, try and error, alles ein Prozess – auch das macht der Comic deutlich. Da die weiblichen Kräfte nach Kräften im Patriarchat unter Verschluss gehalten werden sollen, ist es umso wichtiger, sie wiederzuentdecken und sich ihrer zu bedienen. Auch das zeigt der Comic. Ebenso zeigt er, dass Freund*innen und überhaupt ein Netzwerk diese Kräfte um ein Vielfaches verstärken können, v.a. bei Alleinerziehenden, wie Maya eine ist (weshalb sie ebenfalls von einem patriarchalen System nicht gewollt sind; die systematische Zerschlagung von Frauennetzwerken hatte immer Priorität).

Lebensbaum und Familie im erweiterten und geheilten Sinn

Der Baum ist in vielen Traditionen, auch der germanischen, ein Sinnbild für Leben und eine Verbindung zwischen Ober-, Mittel- und Unterwelt. Er steht für Standfestigkeit und Verwurzelung mit Mutter Erde, für vielfältige Wege (Verzweigung der Äste), für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Der Stammbaum symbolisiert die Familienlinie, die Verbindung zwischen den Ahnen und den Nachkommen und die Entwicklung der Familie.

Im Comic verbindet der Baum Vergangenheit und Zukunft von Maya und zeigt auf, wie sie zu dem geworden ist, was sie ist. Am Anfang – symbolisch auf die Wurzeln gebettet – steht die Geburt. In diesem Fall die Geburt von Billy, Mayas Sohn. Maya begrüßt ihn mit den eindrucksvollen Worten: „Ich hab dich lieb, Billy. Ich werde die Welt verbessern, so gut ich kann. Für dich. Für uns, für das hier.“ Maya betont, dass sie da war und ist.  Das gibt Sicherheit. Die Wurzeln für die Geburt, auch für die Geburt von Ideen und Entscheidungen. Maya will nicht mehr Opfer eines patriarchalen Systems sein, sondern aktiv für die Verbesserung der Welt eintreten. Und nimmt sich das nicht nur vor, sondern setzt sich aktiv ein, wie die Bilder, die sich zwischen den Ästen befinden, zeigen. Sie bekämpft Unrecht an Frauen und erzieht ihren Sohn zu einem verantwortungsvollen, kritischen und menschlichen Mann, der damit sich und anderen guttut.

Damit hat sie sich auf den Weg der Heilung gemacht – ihrer eigenen, der ihrer Nachkommen, der der Welt. Denn wie ein Baum auch zeigt: Alle und alles sind miteinander verbunden, miteinander vernetzt – das zeigt die Natur immer wieder durch ihre Netzwerke und Nahrungsketten – sodass ein Dominostein im Guten wie im Schlechten eine Kettenreaktion auslösen kann. Maya hat sich für die Heilung entschieden und damit den Stein im guten Sinn ins Rollen gebracht. Die Geburt zeigt auch, dass der Weg der Heilung schmerzhaft ist und das viele Hindernisse überwunden, viele Kämpfe gekämpft werden müssen. Aber es lohnt sich, und das weiß Maya. Die Wurzeln und das Fundament der Heilung: Gleichberechtigung, soziales Denken, das Vorbild der Natur mit all ihrer natürlichen Vielfalt/Diversität. Nichts ist so divers und vielfältig wie Mutter Natur! Und der angeborene Gerechtigkeitssinn der Menschen wird immer wieder dafür sorgen, dass Unterdrückung, Gewalt, Ungerechtigkeit, Sexismus, Rassismus usw. erkannt und dagegen angegangen wird, sodass die Dinge wieder ins Lot kommen.

Sexismus im Beruf und Alltag

Der Comic zeigt sehr gut den Sexismus im Alltag auf, auch dort, wo eigentlich gegen ihn angegangen werden sollte. Gleich zu Anfang der Geschichte trifft man Maya bei einer After-Work-Party als Initiative zur „Stärkung von Frauen am Arbeitsplatz“. Sie bezeichnet diese Party als „mein persönlicher Alptraum“. Warum? Wegen Bigotterie.

Diese Veranstaltung mutiert zur Farce, wenn man sich die Rede und die Kommentare und Reaktionen der Männer anschaut. Typische Verhaltensmuster werden auf dieser Party offen weiter gepflegt: Die Unterstellung der Dummheit der Frau, wenn sie bei Geschäftsgesprächen mitreden will – und ihre guten Ideen von einem anderen Mann geklaut werden. Das Lächerlichmachen von sexistischen Sprüchen und #metoo sogar vom Moderator (keine Moderatorin!). Aktzeichnungen und -fotografien, wo die Männer die weiblichen Körper beurteilen, Frauen auf ihren Körper reduzieren und Weiblichkeit lächerlich gemacht wird: „Schön, dass bei einem Event ‚zu Ehren der Frauen‘ tatsächlich ihre ‚besten Seiten‘ gezeigt werden, hahaha.“ Dass Frauen übergriffiges Verhalten als „Kompliment“ sehen sollen. Oder wenn eine Frau sogar mit Fachausdrücken darauf hinweist, dass ihr männliches Gegenüber sexistisch, homophob usw. spricht, damit abgespeist wird, dass sie „runterkommen“ und „nicht gleich so emotional“ reagieren soll. Zur Krönung sagt er noch: „Schenk mir ein Lächeln.“ Da geht bei Frauen gleich ein ganzer Strauß an negativen, wütend machenden Assoziationen und Triggern auf: Dass ihre Bedürfnisse nicht zählen, dass sie den Mund halten soll, dass sie immer nett und gefällig sein soll, dass sie als ultimative (aber nicht befriedigende) Lösung immer alles, was ihr angetan wird, weglächeln soll.

Und Maya steht zu ihrer Periode und dass sie sie nicht mit Binden o.ä. unsichtbar macht – was gleich einen ganzen Strauß an negativen Kommentaren und Gedanken mit sich zieht, sowohl von Männern als auch von unreflektierten Frauen (die so kräftig zu ihrer eigenen Unterdrückung beitragen): „Ekelhaft.“ „Schlampe.“ „Widerlich.“ „Oh Gott, wie peinlich.“ „Was meinst du mit natürlich?“ „Unprofessionell und unhygienisch.“ „Gott, ich würde mich umbringen.“ „Das Kleid ist ruiniert.“ „Bestimmt vergisst sie auch, ihr Kind von der Schule abzuholen.“ „Keine meiner Freundinnen würde so etwas tun.“ „Es gibt einfach Dinge, die Frauen tun müssen, Marlene! Sich pflegen, Kinder kriegen, eine Familie großziehen…“ Als die Frau dagegen hält mit „Auch die Ehemänner?“ wird sie gleich mundtot gemacht mit: „Das war jetzt aber sexistisch, Marlene. Man muss sich um andere kümmern. Das ist das Richtige für eine Frau.“ All dies zeigt sehr gut, mit was sich Frauen immer wieder rumschlagen müssen: keinerlei Selbstreflexion von patriarchal denkenden Männern, Sexismus in Dauerschleife, Mundtotmachen der Frau allenthalben. Und Maya reagiert sehr symbolisch darauf, indem ihre hohen Absätze (die durchaus auch als Waffen genutzt werden können), den (patriarchalen) Boden, auf dem sie geht, beim (Weiter-)Gehen (ihres eigenen Weges) zertrümmert und die „schöne“ Scheinwelt in Form eines Glases zerbricht. Comics können sehr gut in Bildsprache/Metaphern Dinge verdeutlichen, und dieser Comic schöpft diese Möglichkeiten voll aus. Er zeigt sehr klar auf, in was für einer pervertierten und völlig verdrehten Welt Frauen leben, in der u.a. umfassend und immer wieder Opferblaming, Grenzüberschreitung, Gewalt und Gaslighting betrieben wird. Bis hin zum (systematisch verharmlosten) Femizid.

Die Schöne und das Biest

Biester sind in diesem Comic Männer und Frauen, die das Patriarchat unterstützen. Allen voran Lucille Caldwell, die durch den tragischen Tod ihrer Familie durch Giftpilze zur Millionärin wurde. Der Tod an sich ist schon zweideutig: Lucilles Mutter hatte eine Kochshow ganz im traditionellen, hausfraulichen Sinn, bei sie Frauen zeigte, wie sie als liebe- und aufopferungsvolle Mutter ihre Familie umsorgt und bekocht. Die giftigen Pilze, mit der sie sich und fast ihre ganze Familie außer Lucille aus Versehen tötete, bescherte der einzig überblenden und ehrgeizigen Tochter einen genialen Einfall und die dazu gehörigen Millionen. Sie predigt seitdem die „traditionellen“ Tugenden der Frau, ohne sich selbst daran zu halten.

Lucille tritt ein für folgende Tugenden, von denen sie allerdings auch weiß, dass sie die Frauen belasten: Nettigkeit, Sportlichkeit, Schönheit, Frau als Chefin und Hausfrau, als cooles Mädchen und Mama zugleich. Sie nutzt diese Sehnsucht, die den Frauen vom Patriarchat eingepflanzt wurde, dazu aus, Gewinn aus dieser Sehnsucht und den daraus folgenden Produkten zu schlagen. Sie nutzt es aus, dass Mensch irgendwo dazugehören wollen. Frauen, aber auch Männer sollen gehorchen und zufrieden sein mit der ihnen zugewiesenen Rolle. Die menschliche Unsicherheit, v.a. die der Frauen, sieht sie als ewig erneuerbare Ressource, um daraus Profit zu schlagen.

Sie ist eine Kapitalistin in Reinform und damit das Gegenteil der von ihr propagierten aufopferungsvollen Frau. Um ihren Gewinn und ihre Machtposition, die sie sich im patriarchalen System geschaffen hat, nicht zu gefährden, will sie – ebenfalls sehr patriarchalisch – alle „Freaks“ aus der Welt schaffen – denn die sind ihr zu individuell, zu kritisch, zu eigensinnig, zu selbstbewusst: „Freaks“ gefährden die allgemeine Dummheit und die allgemeine Unsicherheit. Das will Lucille nicht zulassen. Sie selbst dagegen will immer mächtiger werden und letztlich perfekt. Deswegen entführt sie andere Frauen, die jeweils gewisse Stärken haben, und will diese Stärken abstrahieren und in sich selbst vereinen. „[…] ‚perfekt‘ ist das einzig Richtige für eine Frau“, so ihr Credo. Dass sie damit letztlich doch in die frauenfeindliche Falle des Patriarchats getappt ist, bemerkt sie nicht. Stattdessen verwandelt sie sich in ein abstoßend hässliches Biest, als sie den von ihr entwickelten chemischen Cocktail trinkt – der damit ihre innere Hässlichkeit äußerlich zum Ausdruck bringt. Allerdings zeigt sie auch wie oben dargestellt, dass sich das Patriarchat höchstselbst gegen Männer und deren größte Angst wendet: dass Frauen mächtig sind, sogar wenn sie das Patriarchat vordergründig vertreten.

Harvey, der gewalttätige Drogendealer und Ex von Maya, ist jetzt Lucilles Handlanger. Äußerlich noch schöner und perfekter als früher agiert er, der einst die Macht in seiner Gruppe und über Maya innehatte nur noch als Lucilles Marionette. Er hat keinerlei eigene Befugnisse mehr. Lucille hat sich das Patriarchat also so zunutze gemacht und ihr selbst so angepasst, dass Männer keine Chance mehr haben, ihre eigenen perfiden Strukturen zu leben – sie sind jetzt selbst Opfer derselben.

Die Männer rund um Maya dagegen sind individuell, reflektiert, fürsorglich, sozial und um Ganzheitlichkeit bemüht. Sie bringen wieder Licht und Freude in die Welt und unterstützen Maya in ihrem Kampf gegen das ungerechte, ausbeuterische System, das Frauen, Männer und überhaupt alle Menschen und Lebewesen ausbeutet und diskriminiert. Diese Männer sind von innen her schön und transportieren diese innere Schönheit nach außen.

Damit sind auch Maya und ihre sie umgebenden Frauen, sowie die Frauen insgesamt schön. Jede hat ihre Stärken, die sie in den Kampf gegen das Patriarchat und gegen Lucille einbringt. Dabei sind Frauen entgegen des Klischees verantwortungsvolle Wissenschaftlerinnen, weise Beraterinnen, muskulöse Sportlerinnen – all die Vielfalt, die ihnen im Patriarchat verwehrt wird, die aber dennoch immer da ist. Homosexualität spielt ebenfalls eine Rolle, denn zwei Freundinnen Mayas sind lesbisch. Diese Vielfalt ist es letztlich, die dem monotonen Einheitsbrei der Rollenklischees den Garaus macht.

Maya selbst ist das Gengenteil einer vom Patriarchat gewünschten Frau: alleinerziehend, ihren Sohn nach ganzheitlichen Werten heranbildend, selbstständig, Freak und eigenständig denkend. Dabei ist sie aber auch eine Frau, die sich wie alle Frauen in den Jahrtausenden vor ihr behaupten muss, um überleben zu können. Und um zu überleben und ihre Familie durchzubringen, hat sie wie all die Frauen um sie herum und vor ihr enorme Stärken entwickelt in einer Welt, die sie diskriminiert und ihr Selbstbewusstsein und den Selbstwert permanent infrage stellt und letztlich rauben will, damit die Frau nur noch nach den Wünschen des Mannes funktioniert. Das gelingt weder in der realen Welt noch im Comic, der diese spiegelt und ganz klar das ans Tageslicht zerrt, was man(n) lieber im Dunkeln gelassen hätte: Benennung und Entschleierung der patriarchalen Taktiken.

In Maya jedenfalls finden sich wohl sehr viele Frauen irgendwie wieder, die wie sie mit der Dreifachbelastung Haushalt, Job und Kindererziehung kämpfen. Alltägliche Frauen sind Superfrauen mit Superkräften (auch wenn diese nicht unbedingt freiwillig, sondern eher durch schwere Lebensverhältnisse kommen – in der Psychologie nennt man das nicht umsonst „diamantene Fähigkeiten“), das zeigt der Comic deutlich. Sie sind Superfrauen auch oder gerade weil sie nicht perfekt sind, Fehler und sich Gedanken machen. Und die sich für ihre Periode schämen, weil diese im Gegensatz zu früheren Zeiten diffamiert anstatt als Zeichen des Lebens und der Fruchtbarkeit gefeiert wird. Maya hat aber beschlossen, all den Selbstzweifeln und der Verunsicherung den Kampf anzusagen, um sich eben nicht mehr von sexistischen Kollegen, gewaltbereiten Männern und den Diffamierungen all dessen, was Frauen ausmacht, unterkriegen zu lassen. Deswegen verwandelt sie die vermeintlichen Schwächen in Stärken und geht konsequent gegen Diskriminierungen vor. Haben Frauen erst einmal ihre Stärken erkannt und realistisch ihre Schwächen eingeschätzt, kann sie nichts mehr aufhalten…

Schönheit ist also ganzheitliche und v.a. charakterliche Schönheit, nämlich sozial, ganzheitlich, umweltbewusst, offen denkende und handelnde Männer und Frauen.

Fazit

Der Comic ist unglaublich vielschichtig, tiefsinnig und verdichtet in harmonischer, sich unterstützender Wort-Bild-Kombination, welche diskriminierenden Methoden das Patriarchat entwickelt hat und permanent bedient und welche Schäden dieses unheilvolle System bei Frauen UND Männern anrichtet – aber auch, wie frau/man sich daraus wieder befreien kann… Prädikat wertvoll!

 


Genre: Feminismus, Ganzheitlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit, Kapitalismus, Menschenrechte, Menschlichkeit, Natur, Natürlichkeit, Patriarchat
Illustrated by Carlsen Comics

„Der Kolumbusfalter“ und andere Abenteuer (LTB 1)

Cover Jubiläums-Produkte 100 Jahre Disney.

Vorab

Zum 100-jährigen Jubiläum von „Walt Disney Company“ hat Ehapa u.a. das erste Lustige Taschenbuch (LTB) neu aufgelegt. „Der Kolumbusfalter“ von 1967 ist dabei laut Verlag der „Auftakt zu Tausenden Geschichten, die noch folgen werden“.

Beim Lesen dieser ersten LTB-Geschichten ist mir eins sofort ins Auge gesprungen: Die einzelnen Geschichten werden durch eine Überleitung miteinander verbunden. Das kenne ich von den neueren LTBs nicht mehr, würde es mir aber für sie zurückwünschen, da man so besser von einer Geschichte in die nächste hinübergleiten kann. Ich empfinde das als sehr angenehm.

Inhalt

„Der Kolumbusfalter“: Gitta Gans hat wegen der ständigen Absagen Onkel Dagoberts zu einem Geschäftseinstieg ein eigenes Geschäft aufgemacht, das mittlerweile so gut läuft, dass es dem alten Geizkragen Konkurrenz macht: Bunte, handbemalte Stoffe nach originellen Mustern finden bei den Kund*innen reißenden Absatz. Onkel Dagobert schickt deshalb Donald und dessen Neffen los, um herauszufinden, warum Gitta so viel Erfolg hat. Was er nicht weiß: Seine Neffen spielen bei Gittas Erfolg eine Schlüsselrolle. Außerdem ist noch ein Schatz im Spiel, zu dem wiederum ein Schmetterling der Schlüssel sein soll.

„Die Zebra-Muschel“: Neuerdings interessiert sich Donald für seine Bildung. Deshalb besucht er eine Vortagsreihe über die Weichtiere des Meeres. Aber Onkel Dagobert hat anderes mit ihm im Sinn: Donald soll herausfinden, warum Dagoberts Kokosnuss-Plantagen vor dem Aus stehen. Donald und seine Neffen finden tatsächlich den Übeltäter und außerdem entdecken sie den wahren Wert der Zebra-Muschel.

„Der Gespenster-Schatz“: Donald als barmherziger Charakter bietet im Gegensatz zu seinem hartherzigen Onkel Dagobert einem heimatlosen Geist Zuflucht. Der Geist erzählt ihm aus Dankbarkeit von einem Schatz – allerdings wird dieser Schatz von anderen, nicht so freundlich gesonnenen Geistern bewacht.

„Donald im Jahre 2001“: Onkel Dagobert merkt, dass er alt wird und will deshalb prüfen, wer von seinen Neffen am besten dafür geeignet ist, seine Nachfolge und sein Erbe anzutreten. Deshalb schickt er Donald in das Jahr 2001 um zu sehen, was Donald mit seinem Erbe macht: verprassen, auf der faulen Haut liegen? Nein, noch schlimmer. So schlimm, dass Donald eine folgenschwere Entscheidung trifft.

Der gewisse Mehrwehrt, das Frauenbild und kapitalistisches Denken

Was ich mir von dieser Neuauflage gewünscht hätte: Nicht nur eine Wiederauflage der Storys selbst, sondern Hintergrundwissen z.B. zur Entstehung der Geschichten. Je eine Seite dazu wäre schön gewesen, um den Leser*innen einen gewissen Mehrwert zu bieten.

Außerdem hätte ich mir – wie immer – mehr weibliche Beteiligung gewünscht. Wobei es mich gefreut hat, dass Gitta Gans in der Rolle als unabhängige und erfolgreiche Geschäftsfrau dargestellt wird, die zudem einem alteingesessenen Mann ernsthafte Konkurrenz macht – zumal Dagobert (wie leider ebenfalls immer) verächtlich von Gitta spricht, sie abwertet und somit überhaupt nicht mit ihrem Erfolg rechnet. Bei ihm greift das hochpatriarchale Bild der Frau, die dumm ist und nichts kann. Das wird hier wohltuend auseinandergenommen. Allerdings spielt Gitta trotzdem nur am Rande eine Rolle; sie taucht nicht als Hauptfigur im Abenteuer auf. Ansonsten hat man als Leser*in den Eindruck, dass Frauen bis auf (äußerst) kurze Nebenauftritte im Duck’schen Universum keinerlei Rolle spielen. Entenhausen und alle Orte, die Abenteuer bieten, sind männlich: alle Haupt- und Nebencharas, alle Gesprächspartner, alle Ganoven, Gespenster usw. – männlich. Sehr unangenehm bis störend für die weibliche Leserschaft…

Was hier ebenfalls sehr gut zu sehen ist, v.a. bei Onkel Dagobert und Donald: Was richtet purer Kapitalismus ohne ethisches Handeln an? Auf die Spitze getrieben wird das in der letzten Geschichte, als Donald merkt, was aus ihm im Jahr 2001 geworden ist – er entscheidet sich deshalb lieber für seine Menschlichkeit als für den vermeintlichen Geldsegen und gegen das pure Wirtschaftsdenken, das umfassend alles, was Humanität ausmacht, vernichten würde. Ein klares Statement für vernünftiges Denken mit Gewissen! Das hat auch und gerade heute Aktualität, wenn man bedenkt, was Kapitalismus den Menschen und der Natur antut – Klimakatastrophe, konventionelle Landwirtschaft mit Pestiziden und Massentierhaltung inklusive Methan und CO2-Freisetzung in rauen Mengen, sowie Ausbeutung von Arbeiter*innen (hallo, Donald) und umfassender Umweltverschmutzung lassen grüßen, ebenso die Verhinderung der längst notwendigen Verkehrswende!

Fazit

Das erste LTB har sowohl Gutes als auch Schlechtes. Das Gute sind die Verbindung der einzelnen Geschichten und kurzweilige Abenteuer. Außerdem sagt Donald in einer der Geschichten dem kapitalistischen Denken ohne Ethik den Kampf an. Das Schlechte: Das Duck’sche Universum ist zu 99% männlich. Nur hin und wieder ist eine Frau in Sicht, dann aber auch nur kurz bis äußerst kurz.


Genre: Comic, Frauenbild, Kapitalismus
Illustrated by Egmont Ehapa