1984

George Orwell’s 1984 in Neuübersetzung

George Orwell’s 1984. Neuübersetzung. „Alle Kinder sind Schweine.“ Es ist ein heller, kalter Apriltag und die  Vorbereitungen für die allmonatliche Hasswoche laufen auf Hochtouren. Winston Smith, 39, ist nur ein kleiner, weiterer Mitarbeiter im „Ministerium für Wahrheit“ und er begeht eines der größten Verbrechen dieser totalitären Gesellschaft der Zukunft: er verliebt sich.

1984: Liebe in Zeiten des Krieges

Eigentlich ist es vielmehr Julia, die sich in ihn verliebt, steckt sie ihm doch insgeheim einen Zettel zu auf dem die drei so aufrührerischen, aber eigentlich harmlosen Worte stehen. Ich liebe dich. Aber im ENGSOZ der Zukunft gilt dies schon als gefährlich. Zudem wenn man auch noch Tagebuch führt und glaubt, man könne dies von der allgegenwärtigen Gedankenpolizei geheim halten. Eigentlich gibt es sogar vier Ministerien. Aber das beängstigendste ist das Ministerium der Liebe. Es hat keine Fenster. Die anderen Ministerien heißen Frieden und Fülle und alle vier haben sie ihre eigenen Abkürzungen im Neusprech des Engsoz. Es wird viel Gin getrunken und es darf auch geraucht werden. Der Markennamen lautet jeweils Victory. Denn das ist auch die Losung im Krieg gegen Eurasien: Sieg. Aber auch im Inneren tobt ein Krieg. Ein Krieg gegen die Bruderschaft, der ein gewisser Emmanuel Goldstein vorsteht. Äußerlich ähnelt er von der Beschreibung her Trotzki, was den Großen Bruder aber noch lange nicht zu einem Stalin macht. Alle die in Opposition sind werden verdampft. Vaporisiert, wie es im Original heißt. Und täglich rauchen die Kamine.

Orwell’s Dystopie des homo hominis lupus

George Orwell hat 1948 einen Roman geschrieben, der heute noch als Klassiker der Dystopie gilt. Er nahm Anleihen beim Nationalsozialismus und beim Stalinismus, ohne direkt darauf Bezug zu nehmen. Denn was in 1984 passiert, könnte überall passieren, in jeder Gesellschaft, in jedem Jahrhundert. Auch das 21. Jahrhundert ist nicht gefeit davor, was Orwell in so treffenden Worten wie kein anderer beschrieben hat: homo hominis lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Selbst die (unschuldigen) Kinder machen mit und werden zu gemeinen Denunzianten, jagen ihre Beute wie Hunde. Werden zu Schweinen. Auch Winston war ein solches. Er ließ seine Schwester und seine Mutter im Stich. Jetzt plagt ihn sein Gewissen. Er will rebellieren. Doch letztendlich besteht seine Revolte darin, ein verbotenes Buch zu lesen und Julia zu lieben. Der einzige Trost, der ihm bleibt, ist, sie nicht zu verraten: „Ein Geständnis ist kein Verrat. Was man sagt oder tut, ist nicht entscheidend, nur Gefühle zählen. Wenn sie mich dazu brächten, dich nicht mehr zu lieben – das wäre der wahre Verrat.“

Im Anhang befindet sich auch eine genaue Erklärung des Engsoz Neusprech, dessen wichtigste Vokabeln längst Eingang in unsere Alltagssprache gehalten haben. Man denke nur an Doppeldenk, Big Brother oder Thinkpol. 1984ist eine Offenbarung. Man kann es nicht oft genug lesen.

George Orwell

1984 – Roman

Neuübersetzung von Eike Schönfeld

2021, Gebunden, 382 Seiten

ISBN: 978-3-458-17876-7

Insel Verlag

D: 20,00 € / A: 20,60 € / CH: 28,90 sFr


Genre: Dystopie, Roman, Science-fiction
Illustrated by Insel Frankfurt am Main

Fahrenheit 451

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Ray Bradbury: Fahrenheit 451. 1953 entstanden zählt auch der hier vorliegende Roman zu den radikalsten dystopischen Zukunftsvisionen, gleich neben „1984“ von George Orwell oder „Brave New World“ von Aldous Huxley. In nur neun Tagen soll ihn der damals 33-jährige frischgebackene Vater, Ray Bradbury, geschrieben haben, wie Peter Torberg in seinen Anmerkungen am Ende des Romans schreibt.

Bradury’s feuerlegende Feuer(-wehr-)männer

In seiner editorischen Notiz erklärt er auch manche Widersprüche, Unklarheiten oder nicht ganz aufgelöste Stellen im Text durch die Übersetzung. Als Beispiel nennt er etwa auch das englische „fireman“, dem die Doppeldeutigkeit der deutschen Übersetzung mit „Feuerwehrmann“ gänzlich abgeht. Deswegen wählte Peter Torberg für Guy Montag, den Protagonisten des Romans auch „Feuermann“: „In der Welt die Ray Bradbury für seine Leserinnen erschaffen hat, in der Lesen geächtet und Wissen nicht erwünscht ist, in der auf Buchbesitz Strafe steht und die Menschen mit Entertainment und Dauerberieselung unmündig gehalten werden, dort ist die Bedeutung einer Feuerwehr durch das Umschreiben der Menschheitsgeschichte schlicht unbekannt.“ Die Feuermänner in „Fahrenheit 451“ löschen nämlich kein Brände, sondern sie legen sie, sie sind gleichsam dazu da, zu vernichten und zu strafen, Bücher zu verbrennen oder manchmal auch ganze Häuser, notfalls auch zusammen mit den Bewohnern.

Fahrenheit 451: Zeitalter des Papiertaschentuchs

Wie Parfüm wirkt das verwendete Kerosin der Feuerbrigade auf ihn, schwärmt Montag seiner Angebeteten Clarisse vor. Ebenso schwärmerisch antwortet sie ihm: „Ich rieche gerne an Dingen und schaue sie mir an, und manchmal bleibe ich die ganze Nacht auf, gehe spazieren und schaue zu, wie die Sonne aufgeht“. Die beiden leben nicht umsonst im „Zeitalter des Papiertaschentuchs“: „Man schneuzt sich mit einer Person, zerknüllt sie, spült sie hinunter, greift nach der nächsten, schneuzt sich, zerknüllt, spült hinunter“. Aber Clarisse ist jedenfalls anders als seine Frau Mildred. Diese bevorzugt es zu Fernsehen und das Bücherlesen ist ihr ein Grauen. Sie steht auch für die Mehrheit der Bevölkerung in Bradburys Roman die Bücherlesen per se ablehnen, da es sie in eine schlechte Stimmung bringe und zu nachdenklich mache. Ray Bradbury hat in späteren Interviews betont, dass der Roman in einer Zeit entstanden sei (50er Jahre) in der das Fernsehen die Schrift ablöste, als Bücher und Zeitungen immer weniger konsumiert wurden. Genau davor sollte sein Roman warnen.

Fahrenheit 451 und die korrekten Zahlen

Bei der Titelwahl hatte er allerdings schlicht Celsius mit Fahrenheit verwechselt, denn Papier entzündet sich erst bei 451 Grad Celsius, nicht Fahrenheit (451 Grad Fahrenheit wären nur 232,7 Grad Celsius), so Gary Dexter, der in seinem Blog  den alternativen Titel „Fahrenheit 843“ vorschlägt, der tatsächliche Temperatur Celsius also bei der sich Papier selbst entflammt. Dass das Internet-Zeitalter Ray Bradburys Schreckensvision von 1953 längst überflügelt hat, mag den Autor vielleicht noch erreicht haben. Er starb am 5. Juni 2012 in Los Angeles und meinte über Michael Moore, der einen seiner Filme Fahrenheit 9/11 (2004) nannte, einen „dämlichen Drecksack“, weiter zitiert ihn die deutsche FAZ: „So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen.“ Gary Dexter hätte hier wohl das letzte Wort, wenn er Ray Bradbury einen „dämlichen Drecksack“ nennen würde. Tut er aber nicht.

Ray Bradbury

Fahrenheit 451

Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg

2020, Hardcover Leinen

272 Seiten

ISBN: 978-3-257-07140-5

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70

Diogenes Verlag


Genre: Dystopie, Roman, Science-fiction, Zukunftsvision
Illustrated by Diogenes, Diogenes Zürich

Gedichte

251 Jahre Friedrich Hölderlin

251 Jahre Hölderlin. Gedichte. Eine Auswahl„Ich verstand die Stille des Äthers/Der Menschen Worte verstand ich nie.“, schreibt Hölderlin in „Da ich ein Knabe war…“. Das inzwischen wohl etwas weniger als 250 Jahre her, dennoch wurde der Knabe immerhin 73 Jahre alt. „Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden,/Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.“ Dem großen Dichter der Weltliteratur wurde zu seinen Lebzeiten die Anerkennung allerdings versagt. Und das trotz seines erreichten hohen Alters.

Hölderlin: Elegien, Oden und Hymnen

Im 20. Jahrhundert wurde Friedrich Hölderlin (20.3.1770 Lauffen a. N. – 7.6.1843 Tübingen) wiederentdeckt, inspirierte Stefan George, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke und Paul Celan und ist bis heute sogar in Übersetzungen und Vertonungen weltweit präsent, nicht nur aufgrund der Feierlichkeiten zu seinem 250. Geburtstag, die leider aufgrund der Pandemie etwas untergingen. Die vorliegende Auswahl reicht von den Jugendgedichten und den ersten lyrischen Werken seiner Tübinger Studentenzeit über die Diotima-Gedichte an seine Liebe Susette Gontard bis hin zu seinen großen Hymnen und Elegien. Hölderlins wunderbare Lyrik ist somit in vorliegendem 140 Seiten starken Werk in all ihrer Kühnheit, Intensität und Schönheit wieder neu zu entdecken. Ab 1797 bildete Hölderlin einen eigenen Stil heraus, der wie in den Gedichten Heidelberg oder An die Parzen in der individuellen Erneuerung antiker Gedichtformen, z. B. der Elegie oder der Ode bestand. Aus diesen seinen literarischen Experimenten entstand später auch sein Roman Hyperion, der das Pathos der Französischen Revolution in ein Freiheitskonzept überführen wollte. Aber auch seine unvollendete Tragödie „Der Tod des Empedokles“ darf hier an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, da er den Versuch einer Dramatisierung philosophischer Themen beinhaltete und darin einzigartig blieb.

Gedichte: Heimat unter den Birnen

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben,/Siehst du das Eine recht, siehst du das andere auch.“ Unvergessen bleibt auch nach nur einmaligem Lesen aber auch seine Ode an die Heimat in der es u.a. heißt: „Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst,/Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,/Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich/Komme, die Ruhe noch einmal wieder?“  Selbst ist er in seiner Todesstunde nicht mehr dorthin zurückgekehrt, aber vielleicht hätte auch die Heimat seine Leiden durch ihrer Wälder Ruhe nicht mehr stillen können. Spätestens seit 1806 – also noch Jahrzehnte vor seinem Tod – galt der begabte Dichter seinen Zeitgenossen als wahnsinnig. Ab 1807 bewohnte er bei der Familie Zimmer in Tübingen ein Turmzimmer, was alsbald als Hölderlin-Turm bezeichnet wurde. Um diese Zeit (1805) entstand auch eines seiner letzten Gedichte „Hälfte des Lebens“: “Mit gelben Birnen hänget/Und voll mit wilden Rosen/Das Land in den See,/Ihr holden Schwäne,/Und trunken von Küssen/Tunkt ihr das Haupt/Ins heilignüchterne Wasser.//Weh mir, wo nehm’ ich, wenn/Es Winter ist, die Blumen, und wo/Den Sonnenschein,/Und Schatten der Erde?/Die Mauern stehn/Sprachlos und kalt, im Winde/Klirren die Fahnen.”

Friedrich Hölderlin

Gedichte

Eine Auswahl

Hrsg. und Nachw.: Kurz, Gerhard

2020, Softcover, 143 Seiten

ISBN: 978-3-15-020600-3

Reclam Verlag

8,00 €t

 


Genre: Jubiläum, Lyrik
Illustrated by Reclam Verlag

So sind wir

Wenig bereichernd

Der dritte Roman von Gila Lustiger mit dem Titel «So sind wir» wurde 2005 zu ihrem ersten Erfolg. Ein Familienroman, in dem die Autorin auf der Suche nach der eigenen Abstammung ihre Familiengeschichte erzählt. Sie ist die Tochter des Historikers Arno Lustiger, der als 15jähriger polnischer Jude ins KZ kam, sechsmal in andere KZs verlegt wurde und zwei Todesmärsche überlebt hat. Sehr zum Ärger seiner Tochter Gila wurde er später auf seine Rolle als Holocaust-Überlebender reduziert, als solcher hat er im Januar 2005 eine Gedenkrede für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag gehalten.

Der in sieben Kapitel aufgeteilte Roman beginnt mit Kindheits-Erinnerungen an ihren Vater, den sie als geradezu süchtigen Zeitungsleser schildert, der eifrig immer wieder einzelne Artikel heraustrennt und zum Sammeln beiseite legt, wo er sie dann vergisst. So merkt er auch nicht, dass mindesten einmal im Monat die resolute Mutter seine diversen Papierstapel beherzt entsorgt. So sehr er beruflich mit der Vergangenheit befasst ist, so sehr ist er privat an der Gegenwart und Zukunft interessiert, so als wolle er seine eigene Vergangenheit ausblenden. «Wir waren und sind eine Familie, die schonend über die Vergangenheit schweigt», heißt es im Buch. Erst als erwachsene Frau stößt die Autorin, die inzwischen in Paris lebt, in einer Schlüsselszene des Romans zufällig auf einen Aufsatz ihres Vaters, der aus seinen Rundfunkvorträgen entstanden war und ihr erstmals Aufschlüsse über seinen Leidensweg lieferte. Er hatte sich vierzig Jahre lang nie darüber geäußert. «Ich wollte meinen Kindern nicht zumuten, eine Sonderrolle zu spielen. Sie sollten mit ihren Klassenkameraden unbefangen spielen, unbelastet von meiner Geschichte», hat er 2006 in einem gemeinsamen Interview mit seiner Tochter im Magazin ‹Der Spiegel› gesagt. Und Gila Lustiger ergänzte zum familiären Schweigen, «wissen wollten wir es eigentlich nie so genau». Die durch ihren Fund ausgelöste Erschütterung könne man nicht biografisch nacherzählen, erklärte sie, «Da muss man eine Szene aufbauen und mit den Mitteln der Literatur arbeiten. Das heißt, es wird zu einer Szene, die weitgehend fiktiv ist».

Und so lies sich die Autorin hauptsächlich von den wenigen noch existierenden Fotos und Erinnerungsstücken der Familie zu ihrem Roman inspirieren, sie ergänzte die magere Quellenlage durch ihre Phantasie. Ihre klugen Reflexionen über die mitteleuropäischen Juden, die sie als Verlierer der Geschichte bezeichnet, beschäftigen sich sehr tiefgreifend mit den Fragen nach der jüdischen Identität. Dabei wird auch die Entstehung des Staates Israel aus Familiensicht geschildert, denn Gilas Mutter sei als Kind persönlich dabei gewesen, als David Ben-Gurion nach langem politischen Ringen 1948 den neuen Staat proklamiert hat. Die in Deutschland geborene Autorin ist vor dem Abitur nach Israel gegangen, wohin ihre Großeltern aus Polen geflüchtet waren, hat dort einige Jahre gelebt und gearbeitet, ehe sie nach Paris ging, wo sie heute noch lebt. Sie ist natürlich durch die deutsche Sprache geprägt, aber auch durch ihre jüdische Abstammung, und ihr Leben in Paris schließlich, wo sie seit 1987 wohnt, ist ebenfalls Teil ihrer Identität.

Insoweit ist ihr Roman ein sehr persönliches Werk, in dem sich alles um ihre ureigensten Empfindungen dreht. Die eingestreuten Erinnerungs-Schnipsel bilden keine stringente Handlung, häufige Zeitsprünge erschweren zusätzlich die Orientierung. Ziemlich deplaziert wirkt im zweiten Teil des Romans ein Treffen mit ihrer schwatzhaften Freundin Dominique auf einer Party, wo eine gelangweilte französische Schickeria den existenziellen Nöten der polnischen Juden zu Zeiten des Holocaust gegenüber gestellt wird. Sieht man von der sakrosankten Thematik ab, die hier wenig bereichernd als Narrativ dient, ist dieser oberflächliche Roman weder stilistisch noch mit seiner spärlichen Handlung unterhaltsam, er bietet insoweit auch kein Lesevergnügen.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Berlin Verlag Berlin

Johanna

Verquer, aber emotional anregend

«Johanna», der 2006 erschienene dritte Roman von Felicitas Hoppe, widmet sich der französischen National-Heldin Jeanne d’Arc, die am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Doch ist dies mitnichten ein historischer Roman, das kurze Leben der 1920 heiliggesprochenen, von vielerlei Mythen umwobenen Jungfrau von Orleans dient hier lediglich als Gegenstand einer Dissertation. Der 2012 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneten, literarisch vielseitig tätigen Schriftstellerin eilt der Ruf einer begnadeten Fabuliererin voraus. «In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur immer mehr dominiert, umkreist Felicitas Hoppes sensible und bei allem Sinn für Komik melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität», begründete die Darmstädter Jury die Preisvergabe. Der vorliegende Roman ist ein typisches Beispiel dafür.

Die namenlose Ich-Erzählerin geht als Doktorandin eigene Wege. Indem sie Johanna als Gottes Tochter ansieht, deutet sie deren Passion abseits historischer Überlieferungen als traumhafte Angstbewältigung. Sie versucht also, den dichten mythischen Nebel um diese Heldin des französischen Freiheitskampfes mit poetischen Methoden zu lüften, indem sie das von so disparaten Mitteln wie Schwert und Gebet geprägte Geschehen intuitiv in seelische Kategorien umsetzt. Die von Offenbarungen angetriebene Jungfrau scheiterte bekanntlich an eben diesen, von der Inquisition als anmaßend bezweifelten und als ketzerisch verworfenen, göttlichen Botschaften. Die Autorin ignoriert in ihrer Erzählung radikal alle bisherigen literarischen Interpretationen, seien sie tendenziell religiös, politisch, moralisch oder sozialkritisch, negiert aber auch jeden nationalen Ansatz. Sie misst also auch dem Hundertjährigen Krieg zwischen Engländern und Franzosen keine Bedeutung zu. All diese literarischen Versuche werden als «verschrobene Knappenprosa» bespöttelt, die hoffnungslos am Kern vorbeigehe, dem Phänomen der historischen Figur also in keiner Weise gerecht werde.

Begleitet wird die Studentin bei ihren Forschungen von einem jungen, bereits promovierten Historiker, der ihrem emotionalen Ansatz skeptisch gegenübersteht, ihn als unwissenschaftlich ablehnt. Der immer wieder als furchteinflößendes Leitmotiv benutzte Rauch des Scheiterhaufens in Rouen findet seine Entsprechung im Rauchgestank, den die Kleidung ihres Doktorvaters penetrant verströmt. Eine weitere Analogie findet sich in der Angst. Johannas Angst vor der Inquisition entspricht der Angst der Doktorandin vor ihrer Prüfung, bei der sie wohl ebenfalls scheitert, aber das ist dann auch kaum noch wichtig. Denn weder die Romanfigur noch die Autorin selbst bieten eine neue Deutung der Mythen um Jeanne d’Arc an. Alle ihre Bemühungen dienen lediglich der vollständigen Aneignung und einer allfälligen Neuordnung dieses berühmten historischen Stoffes.

Der surreale Roman strotzt mit seinen zahlreichen Verästelungen nur so von Anspielungen, Zitaten, Vieldeutigkeiten und Rätseln, er erzeugt am laufenden Band die verschiedenartigsten Assoziationen. Und er führt den Leser als raffiniertes Traumspiel ganz bewusst ins undurchdringliche Dickicht der blühenden Phantasie seiner unkonventionellen Autorin. Vieles wird da nur vage angedeutet, so gut wie nichts wird rational verständlich ausgeführt oder gar erklärt. Alles erfordert vielmehr ein Weiterdenken, man muss den Faden jeweils selbst zu Ende spinnen, das wundersam Erscheinende durch eigenes Fabulieren ergänzen. Bei alldem ist eine gewisse Geschichtskenntnis unabdingbare Voraussetzung für den Lesegenuss, denn erklärt wird nichts, schon aus Prinzip nicht. Wer Handlung sucht ist hier jedenfalls auf dem Holzweg, es gibt keine. Dafür gibt es sprachliche Brillanz wie sonst selten, ein in postmoderner Prosa realisiertes virtuoses Spiel mit der existentiellen Unsicherheit. Als Roman ziemlich verquer, emotional aber wohl gerade auch deshalb äußerst anregend.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Der Apfelbaum

Der apfelbaumEinundneunzig Jahre alt ist die Mutter des Autors und träumt sich immer wieder in neue Abenteuer hinein, dabei will er doch, bewaffnet mit einem Kassettenrekorder, ihre wechselhafte Geschichte aufzeichnen, gerne auch das, was bisher verschwiegen wurde. Aus diesen Stückchen, die es zusammenzufügen gilt, will er seine eigene Geschichte „neu erfinden“, und nicht mehr davor weglaufen, heißt auf dem Umschlagdeckel.

Und es gelingt ihm dank seiner Erzählkunst; mit Spannung und Anteilnahme lesen wir über deutsche Schicksale im letzten Jahrhundert.

Es beginnt mit dem Vater des Autors, der vor vier Jahren verstorben war. Otto wurde in den Monaten vor Ende des Ersten Weltkriegs in einer Berliner Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater Otto war gefallen, Anna, die Mutter hatte ihn sehr geliebt und gehofft, mit ihm zusammen sozial aufzusteigen. Der Friseur war geschickt und konnte auch kleine Operationen durchführen. Das Söhnchen wird Otto genannt und soll es einmal besser haben,. In ihrer Erziehung achtet sie schon beim kleinen Otto darauf, etwa, dass er nicht so balinaht, wie seine Schwestern.

Erst sieht es kaum nach Aufstieg aus, Otto ist klein und zierlich, aber als er seinen Muskelaufbau systematisch fördert, kann er sich gegen den prügelnden Stiefvater und auch andere Widersacher durchsetzen. Er gerät bald an einen Verein, der Kraftübungen mit organisiertem Verbrechen verbindet, als die Schlüsselszene passiert, wie sich Berkels Eltern kennenlernen: Während er Anfang der dreißiger Jahre im bürgerlichen Friedenau in eine Wohnung einbricht, gelangt er in einen Traum von Bibliothek und interessiert sich für ein dickes Geschichtsbuch. Dazu kommt die dreizehnjährige Sala Nohl.

Die Polizei verfolgt die Einbrecher. Er versteckt sich und Sala deckt ihn souverän, als die Polizisten nach Einbrechern fragen. Otto geht stolz, mit der römischen Geschichte unter dem Arm, die er am nächsten Tag im Tiergarten lesen will.

Dort fällt er Salas Vater Jean wegen des Buches auf. Jean, als bekennender Homosexueller täglich im Tiergarten auf der Pirsch, interessiert sich für Otto und sie reden über das Buch. Otto wird eingeladen und kommt am nächsten Tag als Gast wieder in die Friedenauer Wohnung. Forsch teilt Otto Salas Vater mit, dass er die Tochter heiraten möchte (er war 17, sie 13 Jahre alt). Das hält Jean davon ab, sich weiter sexuell für ihn zu interessieren. Auch seine Persönlichkeit spricht nicht nur Sala an, fortan wird Otto als Arbeiterkind von den Gebildeten gefördert. Es beginnt eine schöne Zeit für das junge Liebespaar. Sie besuchen Filme und Theater, Sala lernt seine Familie kennen und schätzen, wenigstens sind sie zwar rau, aber ehrlich miteinander. Otto macht Abitur, studiert Medizin, Sala geht zur Schule und will Schauspielerin werden.

„Sie übt sicher wieder eine dramatische Rolle,“ denkt Jean und lauscht hinter der verschlossenen Tür. Hören muss er, dass Sala in einer gestellten Szene ihrer Mutter Iza vorwirft, sich nicht um sie zu kümmern, und ihr zu alledem noch ihr jüdisch Sein vererbt hat, denn in ihrer Umgebung musste ihr bewusst werden, dass es nicht gut ist, Jüdin zu sein, ein Stigma, unter dem sie ihr Leben lang leiden wird.

Iza, Tochter aus gehobenen jüdischen Kreisen in Polen, hat die Familie vor einigen Jahren wegen eines deutlich jüngeren Künstlers verlassen und lebt jetzt in Madrid in Anarchistenkreisen, später wird sie zum Tode verurteilt, um dann über mehrere Jahre in Franco’s Gefängnissen zu überleben. Salas Versuche, ihrer Mutter nahezukommen werden scheitern. Noch als Hochbetagte streitet sie sich mit ihrem Sohn über ihre (und seine) jüdischen Anteile.

Sala verlässt Deutschland, als es zu gefährlich wird, erst geht es nach Paris zu einer Tante, Schwester von Iza, die ein exquisites Modegeschäft führt. Sie studiert an der Sorbonne und genießt ein Luxusleben. Es wird gespeist mit mehreren Gängen und passender Weinbegleitung. Erst in dem Folgebuch über ihre Tochter Ada (link!) wird dieser das Judentum bei einem Besuch einer Bar Mitzwa Feier nahegebracht. Bei Sala wird es verdrängt.

Aber nach kurzer Zeit wird Paris besetzt, und sie muss auch hier weiterziehen. Geplant ist die Flucht über Marseille. Kurz vorher trifft sie sich mit Otto, der in der Uniform eines Wehrmachtsarztes überraschend kommt, sie entdecken ihre Liebe wieder.

Unterwegs nach Marseille wird sie gefasst, kommt in das berüchtigte Lager in Gurs. Salas Beobachtungen des Lagerlebens sind eindrucksvoll: man hungert, aber spielt auch Theater, Veränderungen, die sie auch bei sich selbst wahrnimmt. Nach und nach die werden Insassen in Zügen abtransportiert, in andere Lager in Osteuropa, man weiß, dass niemand je zurückgekommen ist. Sie wird in einem Zug gesetzt, der nach Leipzig fährt, während der Fahrt durch Frankreich setzt sie sich in ein anderes Abteil zu einem deutschen Ehepaar. Diese ahnen, dass sie eine geflohene Jüdin ist und helfen ihr nach dem Outing beim Weiterkommen in Leipzig. Sie bekommt einen deutschen Pass, pikanterweise mit dem Vornamen Christa und macht eine Ausbildung als Krankenschwester. Eine Kollegin, Molly, die ohne Salas Wissen in ihre Situation eingeweiht worden war, wird von nun an ihre Vertraute, deren Rat immer gut ist.

Otto ist kaum wiederzuerkennen, als er von der Front zu Besuch kommt und sie finden wieder zueinander. Sala wird schwanger und kann in Leipzig die Tochter Ada gebären. Nach Kriegsende ist ihr Deutschland keine Heimat mehr, es ist schwer sich im neuen Leben zurechtzufinden. Von Otto weiß man nichts, hofft, er wäre in Gefangenschaft in der Sowjetunion, also am Leben.

Er scheint Tagebuch geschrieben zu haben, auch über die Hilflosigkeit der deutschen Soldaten, die mit der Niederlage umgehen müssen. Er betreut sie als Arzt, muss auch bei sich selbst die Diagnose Dystrophie stellen; er erschrickt bei seinem Spiegelbild. Berkel wechselt nun ab, Erfahrungen von Sala mit Ada und Otto zu beschreiben. Ottos Überlebensstrategie: russisch lernen, viel beobachten, nachdenken und sich nicht aufgeben.

Sala redet mit Überlebenden in Deutschland, lernt deren Strategien kennen, aber sieht keine für sich, sie entschließt sich auszuwandern. Erst zu Iza nach Madrid, es ist der zweite Versuch Salas, der Mutter zu begegnen, diesmal mit Ada, Mutter und Tochter kommen auch jetzt nicht zusammen. Sie will dann weiter nach Argentinien, wo eine weitere Schwester Iza’s mit Ehemann lebt.

Sie arbeitet als Nanny bei einer wohlhabenden Familie, es geht anfangs gut. Sie träumt von Otto und will, dass er auch auswandert. Er kann mit dieser Vorstellung nichts anfangen, und ob das Kind von Ihm ist? Der Briefwechsel wird kränkend. Als der Vater der von ihr betreuten Kinder ihr nachstellt, geht sie, auch eine zweite Arbeitsstelle läuft nicht gut, bis Ada endlich sagt: „Ich will weg hier.“

Zurück in Deutschland nimmt Molly die Dinge in die Hand und nötigt sie Otto anzurufen. Er ist inzwischen HNO-Facharzt, dabei, sich niederzulassen und verheiratet mit Waltraut, die ihm mit ihren gehobenen Konsumvorstellungen zunehmend abstößt. Zehn Minuten nach dem Telefonat treffen sie sich im Kaffee Kranzler und Otto weiß schnell, dass er sich scheiden lässt.

Für dieses Buch hat Christian Berkel viel recherchiert, dutzende von Briefe, gerade von und nach Argentinien gefunden und bearbeitet. Seine Mutter hat, so wie damals, als sie jünger war, vieles von ihrer Geschichte verdrängt. Und sich weggeträumt: Am Tag vor ihrem Tode hatte sie ein Date mit Putin im Borchardt und ihren Sohn gezwungen dort anzurufen, weil sie sich ein wenig verspäten würde. Sie mochte die Entourage von Putin nämlich nicht.


Genre: Biographien, Historischer Roman
Illustrated by Ullstein

Consummatus

Nichts für tote Leser

Mit «Consummatus» als Titel ihres Romans zitiert Sibylle Lewitscharoff die Bibel, ‹consummatus est› waren die letzten Worte von Jesus am Kreuz. Weniger bildungssprachlich also wäre auch ‹Der Vollendete› ein passender Titel gewesen für diesen postmodernen Roman der ‹schwäbischen Pietistin›, die für intellektuell hochstehende Werke bekannt ist und ihren Lesern hier einen verblüffenden Einblick ins Reich der Toten gewährt.

Am Vormittag des 3. April 2004 sitzt der 55jährige Deutschlehrer Ralph Zimmermann sinnierend im Café Rösler in Stuttgart. Die konfusen Gedanken des Ich-Erzählers kreisen unaufhörlich um zwei tragische Todesfälle. Da ist einerseits der Flugzeugabsturz in Tansania, als eine DC-3 beim Sightseeing-Rundflug am Kilimandscharo abstürzte und seine Eltern mit in den Tod riss. An dem zweiten Todesfall, der seine Gedanken bestimmt, gibt er sich sogar eine Mitschuld. Ralphs große Liebe, seine 48jährige Freundin Joey, eine exaltierte Rocksängerin, war bei einer Fahrt in Frankreich mal wieder genervt aus dem Auto gesprungen. Als er rückwärts fuhr, um sie wieder einzusammeln, war sie im toten Winkel, für ihn unsichtbar, unter den Tourneebus der Musikband geraten. Sie hätte ihm ganz leicht, mit einem einzigen Schritt, ausweichen können, – für die Polizei war er unschuldig. In einer breit angelegten Totenklage berichtet Ralph, der vor vier Jahren selbst eine Nahtod-Erfahrung hatte, von seiner Jenseitsfahrt ins Reich der Toten und wieder zurück, ein durch viele Wodkas beflügelter Sprung ins Schwarze Loch, aus dem er Jesus immerfort lachen hörte.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte als inneren Monolog. Ihr Protagonist erscheint dabei als ausgeglichener, gutmütiger Mann, der meist als aufmerksamer Beobachter des Geschehens fungiert. Dabei führt er viele Gespräche mit den Bewohnern des Totenreichs, die ihm zwar antworten, die aber, obwohl er sie deutlich erkennen kann, als Körperlose unberührbar sind für ihn. Zu seinen überirdischen Begegnungen zählen außer seinen Eltern und Joey auch Musiker wie Jim Morrison von den Doors oder der Pop-Art-Künstler Andy Warhol, ferner Dichter und Denker von Goethe, Hölderlin oder Lessing bis zu Siegmund Freud, ergänzt um eine riesige, bunt gemischte Schar anderer Personen der Zeitgeschichte. Drucktechnisch sind alle Stimmen aus dem Totenreich grau abgesetzt, sie verblassen gewissermaßen gegenüber dem Schwarz des diesseitigen Textes. Zu den grafischen Gags gehört auch ein kabbalistisches Spiel, die Nummerierung der 16 Kapitel mit einem magischen Zahlenquadrat der Kantenlänge vier, in dem die Summe der Zeilen und Spalten von jeweils vier Zahlen und der beiden Diagonalen die Zahl 34 ergibt, das Lebensalter von Jesus Christus. Im sechzehnten Kapitel dann, in dem Ralph nachmittags aus dem Café ins Schneegestöber hinaustritt, symbolisieren absatzweise statt Buchstaben als Sonderzeichen schwebende Schneekristalle das Nebelhafte seiner Grübeleien ebenso wie seinen inzwischen bedenklichen Wodkapegel.

Es ist zweifellos gewagt, was die Autorin da an oft zusammenhanglosen Gedanken zu einer bedeutungsschweren Erzählung kompiliert hat, deren Kennzeichen die vielen surrealen Metaphern sind. Ohne Zweifel aber ist dieser fraktionell angelegte Roman ironisch gemeint, stehen doch den oft verworrenen Gedankengängen seines Helden als Korrektiv meist die Jenseitsstimmen gegenüber. Erstaunlich auch und amüsant ist der virtuose Umgang der Religions-Wissenschaftlerin mit dem Glauben und seinen Verkündern, die sie schnippisch schon mal als ‹Jenseitsberater› bezeichnet. Nicht weniger als die gesamte Schöpfung steht zur Debatte bei diesem skurrilen Ausflug in den Hades, dessen Rezeption im Feuilleton durchaus gegensätzlich ausfiel. Sei’s drum, diesen intellektuell anspruchsvollen Roman der blitzgescheiten Schwäbin sollte man gelesen haben. Denn wer sich nicht dafür interessiere, der sei «wahrscheinlich schon tot und habe es nur noch nicht gemerkt», hat Denis Scheck süffisant angemerkt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Die Leben der Elena Silber

Vielschichtiges Panorama

In seinem Opus magnum «Die Leben der Elena Silber» erzählt Alexander Osang die fünf Generationen umfassende Geschichte einer russisch-deutschen Familie, beginnend 1905 im zaristischen Russland und endend im Jahre 2017 im heutigen Deutschland. Der autobiografisch grundierte Roman deutet schon im Titel auf ein bewegtes Leben seiner Protagonistin hin, wobei ihr Enkel Konstantin aus der Jetztzeit als narrativer Gegenpol fungiert.

Und wild bewegt beginnt es auch gleich im ersten Satz, Viktor Krasnow wird 1905 als Revolutionär von einem Lynchmob auf offener Straße gepfählt. In Todesangst, alles stehen- und liegenlassend, flieht seine Frau mit den zwei Kindern aus dem kleinen Ort nach Nischni Nowgorod. Zwölf Jahre später hat sich das Blatt gewendet, die Bolschewisten haben die Macht übernommen, die Mutter kehrt rehabilitiert nach Gorbatow zurück. Sie heiratet wieder, Tochter Jelena aber ergreift später die erstbeste Gelegenheit, aus den bedrängenden Verhältnissen herauszukommen, indem sie einen deutschen Ingenieur ehelicht, den Lenins Pläne zum Aufbau der Wirtschaft ins Land gelockt haben, Robert Silber. Sie haben fünf Kinder, alles Mädchen, von denen das jüngste schon als Kleinkind stirbt. Die Familie geht, als sich die politische Lage zuspitzt, 1936 nach Berlin und überlebt dann den Zweiten Weltkrieg in Roberts schlesischer Heimat. Im Chaos der Nachkriegszeit verschwindet Robert spurlos, die unter dem Namen Elena eingedeutschte Mutter landet auf der Flucht vor der Roten Armee auf Umwegen schließlich wieder in Berlin. Sie durchlebt politisch also Zarenreich, Kommunismus, Nazidiktatur, DDR und Wende, ehe sie 1995 hochbetagt stirbt. Einer ihrer Enkel, der in einer Schaffenskrise steckende Filmemacher Konstantin, beginnt mehr als zwanzig Jahre nach Elenas Tod, seine Mutter und deren drei Schwestern nach den wahren Hintergründen der Familien-Geschichte zu befragen. Denn in der ist manches ungeklärt, vor allem das Verschwinden von Robert Silber. Er steigert sich immer mehr in seine Recherchen hinein, reist am Ende sogar mit seinem Cousin nach Gorbatow, ohne aber wirklich Licht ins Dunkle bringen zu können.

Einiges in diesem Roman ist historisch belegt, dazu gehört vor allem die Ermordung des Ahnherrn als Initial-Ereignis. Die fiktiven Ausschmückungen betreffen vor allem die weitverzweigte Familie mit ihren persönlichen Schicksalen. In 28 Kapiteln, zeitlich vor und zurück springend, wird abwechselnd aus den Perspektiven Elenas und Konstantins erzählt. Das üppige Figuren-Ensemble wird beherrscht von Elenas vier exzentrischen Töchtern, wobei unklar bleibt, inwieweit ihre wechselvolle Lebensgeschichte sie so geformt hat. Äußerst farblos als Figur ist Konstantin, der die Suche nach sich selbst, wenig überzeugend, durch seine Recherchen vorantreiben will. Hinzu gesellt sich eine schier unübersehbare Menge bis ins Detail beschriebener Randfiguren.

Das Problem russischer Namen schließlich mit ihren diversen Koseformen und Varianten wird hier zwar ein wenig durch Hilfsmittel wie Personenregister und Stammbaum gemildert, stört den Lesefluss aber trotzdem, insbesondere in Verbindung mit den ständigen Zeitsprüngen. Störend sind mit der Zeit auch die vielen Wiederholungen, selbst wenn sie zuweilen mithelfen, den Überblick zu behalten. In einer journalistisch knappen Sprache erzählt der Autor, Alter Ego seiner Figur Konstantin, ein mit Songtexten, Filmquiz und Literaturzitaten angereichertes Epos mit dem Ziel, aus dem historischen Wirrwarr einen Sinn heraus zu destillieren. Seine vergeblichen Nachforschungen münden in die ernüchternde Erkenntnis: «Die Menschen erinnern sich nur an das, was in ihre Lebensgeschichte passt». Unwillkürlich erwartet man nach all den unergiebigen Recherchen aber doch eine Klärung, was denn nun mit Robert Silber geschah, die zum Ende hin steigende Spannung wird aber schmählich enttäuscht. Denn anders als die Pointe beim Witz steht hier der dramaturgische Höhepunkt gleich im ersten Satz!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Berlin Verlag Berlin

Der fremde Ferdinand

Der fremde Ferdinand war das schwarze Schaf der Familie. Er war der Faulpelz unter seinen Brüdern. Er endete als einziger seines Stammes arm und unbekannt. Und er war, zum Entsetzen seiner Verwandtschaft, auch noch schwul.

Reich, anerkannt und weltberühmt hingegen sind die Brüder Wilhelm und Jacob. Sie waren es, die sich als Brüderpaar dem Kanon anboten. Sie sind die bekannten »Brüder Grimm«. Weiterlesen


Genre: Germanistik, Sagen und Fabeln
Illustrated by Die andere Bibliothek

Venedig. Augenreise/Kochbuch

Venedig – Augenreise

Venedig Augenreise und Kochbuch. Venedig ist immer eine Reise wert. Und in Zeiten von Pandemien eben eine Augenreise. Oder mit dem Venedig-Kochbuch von Russell Norman eine kulinarische Reise durch die eigene Küche. Die beiden 2020 im Dorling Kindersley Verlag erschienen Bücher sind beide gleich prachtvoll in ihrer Ausstattung: Hardcover, großes Format von 200 x 266 mm und dick im Umfang. Darüber hinaus glänzen sie durch wunderschöne Fotografien, die eigens für die beiden Bücher angefertigt wurden. Die Fotos vom Kochbuch stammen von Jenny Zarins, die der Augenreise von Guillaume Dutreix.

Venedig – eine Augenreise

Die wohl „einzige Stadt mit menschlichen Ausmaßen“ wäre gerade dieser Tage eine Reise wert, da Venedig aufgrund der Pandemie wieder den Bewohnerinnen und Bewohnern überlassen ist. Auch die Kreuzfahrtschiffe bedrohen die kleinen Kanäle nicht und es sollen sogar wieder Fische darin zurückgekehrt sein. Von der Lagune ausgehend nähert sich die Autorin dem eigentlichen Venedig, denn ohne die Lagune, ein eigenes Biotop, gäbe es auch die Serenissima nicht. Auf Burano, Venedig vorgelagert und durch seine bunten Häuschen weltbekannt, lebt kein Geringerer als Philippe Starck, der auch im Zentrum Venedigs schon einige Spuren hinterlassen hat. Die Gemüseinsel Sant’Erasmo wird ebenso besucht wie San Michele oder die Friedhofsinsel Murano. Mit San Marco wird dann auch das erste Sestiere (deutsch: Sechstel) der Wasserstadt in all seiner Pracht gezeigt. Eine kleine Kaffeekunde zeigt wie vielfältig die Kunst des Brauens auch in Venedig ist. Als weitere berühmte Persönlichkeit, die mit Venedig verbunden ist, stellt uns die Autorin den Architekten Carlo Scarpa vor. Sein „Negozio Olivetti“ ist Legende unter den zahlreichen Architektur-StudentInnen in der Stadt. Denn Venedig ist nicht nur für seine Ca’Fosari bekannt an der man mehr als 40 Sprachen studieren kann, sondern auch für die IUAC (Istituto Universitario di Architettura di Venezia). Lucie Tournebize zeigt eine lebenswerte Stadt, die vor allem von seinen BewohnerInnen geliebt wird, nicht nur von TouristInnen. Am Canal Grande von Palazzo zu Palazzo ist ein vorgeschlagener Stadtspaziergang, aber viel schöner noch ist es, sich in den unzähligen calli der Stadt zu verirren. Denn wer sich noch nicht verirrt hat, war noch nicht in Venedig.

Venedig – Das Kochbuch

Venedig – Das Kochbuch

Was passt besser zum obigen Augenschmaus, der Augenreise, denn ein Kochbuch, das auch die kulinarischen Genüsse einfängt. Denn Venedig ist ja bekanntlich vor allem auch eine Stadt die riecht, manchmal sogar nach Orient, manchmal nach Okzident. Den Buchrand und die Titelschrift ganz in Gold gefasst, zeigt das vorliegende Kochbuch nach Jahreszeiten geordnet die Genüsse der Lagunenstadt. „Im Frühling gibt es eine Suppe aus wildem Knoblauch, eine Pizza mit roten Zwiebeln oder eine Frittata mit Garnelen und Dill. Im Sommer genießen Sie Panzanella, Spinat-Ricotta-Malfatti oder Bellini-Sorbet. Der Herbst schmeckt mit geröstetem Kürbis, geräucherter Makrele oder gegrillter Polenta einfach wunderbar. Den Winter essen Sie sich mit Pasta- und Bohnensuppe, Wild- und Pilzrisotto oder Rosmarin-Lammkeule warm.“ Natürlich mit vielen Adressen und einem Register im Anhang. 14 Monate lebte der Hobbykoch Russell Norman in einer „winzigen Wohnung an den Giardini“ und kochte alle Rezepte nach, die er auf Märkten in Erfahrung bringen konnte. Risi e Bisi auf venezianische Art zum Beispiel oder Artischockensalat aber auch Spaghetti Cassopipa, alles Rezepte, die natürlich mit lokalen Produkten gekocht werden entweder vom Rialto oder direkt von der Gemüseinsel Sant’Erasmo. Denn auch das ist das „menschliche Maß“ Venedigs: gäbe es keine Touristen, könnte sich die Stadt ohne Mühe selbst versorgen und wäre sogar autark. Erfahren Sie also mehr über Themen wie das Ökosystem der Lagune, Karneval in Venedig, Venezianische Renaissance, Das Haus Venini oder Unentbehrliche Brücken. Porträts von Venezianern, ob dort geboren oder zugezogen, und natürlich über die Küche Venedigs.

Lucie Tournebize/Guillaume Dutreix
Venedig. Eine Augenreise
ISBN 978-3-7342-0309-1
Oktober 2020
256 Seiten, 200 x 266 mm, fester Einband
Mit über 300 Fotos
Dorling Kindersley Verlag
28,00 €

Russell Norman
Venedig. Das Kochbuch
ISBN 978-3-8310-3587-8
Juni 2018
320 Seiten, 184 x 253 mm, fester Einband (Goldschnitt, Lesebändchen und Cover mit Folienprägung), 140 Fotografien
Dorling Kindersley Verlag
29,95 €


Illustrated by Dorling Kindersley Starnberg

Radetzkymarsch

Psychologische Untergangsstudie

Der nach einer Komposition von Johann Strauss benannte «Radetzkymarsch» ist das Opus magnum des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth. Der Roman, 1932 erschienen, wird als sein bedeutendstes Werk angesehen. In seiner drei Generationen umfassenden Geschichte beschreibt er, vor dem Hintergrund des Untergangs der Habsburger Monarchie, Aufstieg und Fall dreier Männer, deren Schicksal eng mit dem geliebten Vaterland zusammenhängt, Großvater, Vater und Sohn der Familie Trotta. Ein militärisch geprägtes Epos, in dem der Autor die obrigkeitshörige k.u.k. Monarchie eindrucksvoll demaskiert.

In der Schlacht von Solferino rettet Joseph Trotta 1859 dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben, als er ihn bei überraschend einsetzendem Beschuss geistesgegenwärtig zu Boden reißt, die feindliche Kugel trifft ihn selbst. Er wird daraufhin in den Adelsstand erhoben, zum Hauptmann befördert und fortan als «Held von Solferino» gefeiert. Als er später im Schulbuch seines Sohnes eine falsche, plump heroisierende Darstellung des historischen Geschehens entdeckt und sich vergeblich darüber beschwert, verlässt er enttäuscht die Armee und verbietet dem Sohn, zum Militär zu gehen. Der macht daraufhin Karriere als Beamter und wird schließlich zum Bezirkshauptmann ernannt. Dessen Sohn Carl Joseph wiederum geht nach einer strengen Erziehung durch den kaisertreuen Vater innerlich widerstrebend zum Militär. Er ist nämlich, ganz anders als sein heroischer Großvater, alles andere als ein schneidiger Soldat. Nach einem Zwischenfall wird der eher lebensuntüchtige Leutnant in ein an der russischen Grenze stationiertes Jäger-Bataillon versetzt. Dort gerät er in eine gelangweilte Offiziersclique hinein, die sich ihr Leben mit Alkohol und Glücksspiel erträglich macht. Gutmütig hilft er seinen Freunden immer wieder aus ihren Geldnöten heraus. Bis schließlich seine leichtsinnig angehäuften Schulden ihm selbst zum Verhängnis werden und er den Dienst quittieren muss. Er bleibt nicht lange Zivilist, denn mit der Ermordung des Thronfolgers taumelt die Donau-Monarchie in den Ersten Weltkrieg hinein, er wird zum Kriegsdienst eingezogen.

Joseph Roth schildert ein verstörendes Bild des damaligen Lebens, das durch eine beklemmende Rigidität gekennzeichnet ist. Dazu gehört die unbedingte Kaisertreue ebenso wie das verlogene Ethos von Pflichterfüllung und Ehre sowie die offensichtliche Dekadenz des dominanten, meist adligen Offiziersstandes, der, aufgeputzt in bunten Parade-Uniformen und mit klirrendem Säbel, sein Unvermögen und jegliches Ungemach stets geschickt zu vertuschen versteht. Auch die aufgeblähte Bürokratie wird als faul und unfähig dargestellt. Die vielbeschworene Einigkeit des Vielvölkerstaates aus Österreichern, Ungarn, Slowenen, Tschechen, Rumänen, Kroaten und anderen Sprachgruppen, ergänzt um scheel angesehene Juden, entpuppt sich sehr schnell als Illusion, als der Krieg ausbricht und die verschiedenen Volksgruppen sich urplötzlich gegenseitig massakrieren.

Der dreiteilige Roman, leitmotivisch durch den Radetzkymarsch gekennzeichnet, ist in einer angenehm lesbaren und erfreulich unprätentiösen Sprache geschrieben, die das mit stimmigen Dialogen vorangetriebene Geschehen anschaulich schildert. Die Protagonisten sind auf die drei Trottas reduziert, Frauen spielen so gut wie keine Rolle in dieser Männerwelt. Sie treten allenfalls als ergänzendes Beiwerk in Erscheinung, aber nur für ein paar wenige Seiten. Dramaturgisch äußerst gekonnt wird am Schluss ein pompöses Fest der Garnison gefeiert, dessen Verlauf nicht nur vom Gewitter gestört wird. Wie eine Bombe nämlich platzt die Nachricht aus Sarajewo in die Festgesellschaft hinein und löst bereits erste Feindseligkeiten aus. Ohne Zweifel gehört diese melancholische Rückschau als feinfühlige, psychologische Studie auf ein dem Untergang geweihtes, europäisches Staatswesen zu den kanonischen Meisterwerken in deutscher Sprache, das zu lesen sich unbedingt lohnt.

Fazit: miserabel

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Illustrated by dtv München

Licht am Ende des Lebens – Bericht einer außergewöhnlichen Nahtoderfahrung

Licht am Ende des Lebens - Bericht einer außergewöhnlichen Nahtoderfahrung

Eine der ersten dokumentierten Nahtoderfahrungen

Autorin Betty J. Eadie war 31 Jahre alt, als sie nach einer Routine-Operation an der Gebärmutter starb und eine Nahtoderfahrung machte. Das ist nicht die erste in ihrem jungen Leben: Als kleines halb-indianisches Kind in einem katholischen Internat schenkten ihr die Schwestern keinen Glauben, als sie hochfiebrig war. Zu spät bei einem Arzt vorgestellt, diagnostizierte er Keuchhusten und eine schwere Lungenentzündung. Der Arzt verlor sie, aber Betty kam zurück. Voller unguter Vorahnungen trotz ärztlicher Beruhigungsversuche erinnerte sich Betty an dieses Erlebnis. Tatsächlich bewahrheiteten sich diese Vorahnungen und Betty starb zum zweiten Mal.

Dieses Erlebnis hatte nur am Anfang etwas Erschreckendes an sich, als der Körper wegen seines Zustandes Alarm schlug. Als sich Bettys Seele schließlich außerhalb ihres Körpers befand, bemerkte sie eine Reihe guter Dinge: Sie war völlig beschwerdefrei, extrem beweglich und konnte schweben. Auch von einem Ort zum anderen zu gelangen stellte kein Problem mehr da. So besuchte sie als Seele z.B. ihre Familie und bekam beruhigende Einblicke. Hilfe erhielt sie von Seelenfreunden, die sie schon von Anfang der Zeit an begleitet hatten. Durch einen heilenden Tunnel gelangte sie zu einem Licht, in dem sie Jesus erkannte. Die Liebe, die von ihm und anderen geistigen Wesen ausgeht, ist allumfassend und verurteilt nicht. Betty bekam in weiteren Verlauf Einblicke in das jenseitige Leben und Antworten auf alle ihre Fragen. Sie fühlte sich so wohl in diesem Seinszustand, dass sie nicht wieder zurückkehren wollte. Erst als ihr die Erinnerung an ihre Aufgabe auf Erden gewährt wurde, entschloss sie sich zurückzugehen.

Die wichtigste Botschaft dieser Erfahrung lautete: Liebt einander. “Die Einzelheiten meiner Erfahrung sind nur insoweit von Belang, als sie uns helfen zu lieben. Alles andere ist nebensächlich”, resümiert sie.

Embraced by the light

… der Originaltitel des Buches und ihrer Internetseite gibt viel besser wieder, worum es wirklich geht: alles umfassende, nicht wertende Liebe.

Schaut man sich die Nahtoderfahrungen der Patienten von Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody und diese Nahtoderfahrung an, lässt sich sagen, dass sie sich in grundlegenden Dingen wie dem Tunnel, dem Licht, der Liebe, der außerkörperlichen Erfahrung,  und dessen, was die Seelen dann sehen, dem Hinweis, zu früh gestorben zu sein usw. ähneln. Natürlich gibt es Unterschiede in den Einzelheiten, z.B. in der Länge des Todes und der jeweiligen Intensität und Detailliertheit der Erlebnisse, aber die Grunderfahrungen gleichen sich trotzdem.

Außerdem fällt auf, dass die Nahtoderfahrungen (auch diese) am Beginn der Erfahrung dessen ähneln, was die Reinkarnationsforschung herausgefunden hat. Dort, wo die Toten nicht den kompletten Übergang vollziehen, macht die Reinkarnationsforschung (z.B. Beratungspsychologe und Hypnotherapeut Michael Newton, Psychiater Ian Stevenson und dessen Nachfolger Jim B. Tucker) weiter und gibt tiefere Einblicke in die jenseitige Welt. Die religiöse Ausrichtung spielt dabei keine Rolle. Eadie schreibt dazu: “Jede Glaubensrichtung erfüllt spirituelle Bedürfnisse, denen andere Kirchen womöglich nicht gerecht werden. Keine Kirche kann jedermanns Bedürfnisse auf allen Ebenen erfüllen.” Alles dreht sich um Erfahrungen und Wachstumschancen, auch in Hinsicht auf Religionen und evtl. den Wechsel von einer Religion zur anderen. Wenn man genauer hinschaut, dann glauben nicht nur klassische große Religionen wie der Hinduismus und der Buddhismus an Reinkarnation, sondern auch die Seitenlinien und mystischen Richtungen der monotheitischen, die oft als ketzerisch im Laufe der Zeit verurteilt wurden (s. z.B. die jüdische Kabbala, die christliche Gnosis und u.a. Kirchenlehrer Origenes von Alexandria, Druze und Alawi).

Eadie allerdings lehnt den Reinkarnationsgedanken ab. Man existiere zwar schon von Anbeginn an, aber es gebe nur eine Inkarnation, nach der man zu Gott zurückkehre. (Sie ist gläubige Katholikin, was kein Widerspruch zur Reinkarnationstherorie oder den Nahtoderfahrungen ist, denn die Erfahrungen werden anscheinend im Jenseits so angepasst, dass die Seelen sich nach ihrem Tod wohlfühlen. So sieht sie Jesus Christus, andere sehen Buddha usw. ) Allerdings gibt es viele Aspekte in ihrem Buch, die auch in der Reinkarantionstherorie auftauchen: die Wahl eines geeigneten Körpers, die Wahl der Umstände, in die man hineingeboren wird, die Begleitung der Lebenden eine Weile nach dem Tod und die Beobachtung der eigenen Beerdigung, wenn gewünscht, das Empfangskomitee nach dem Tod, die jenseitige Bibliothek, die Gedanken, die Realität erschaffen, die entgangenen Chancen bei einem Selbstmord, verschiedene spirituelle Entwicklungsstufen, Auswahl der Lebensaufgabe, Wahl der Begleiter auf der Erde, der Rat usw.

Fazit

Alles in allem ein lesenswertes Buch für Menschen, die offen mit dem Tod und dem, was danach kommt, umgehen können, und vielleicht auch ein Trost für diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben.


Genre: Religion, Spiritualität
Illustrated by Weltbild

Versprich es mir. Über Hoffnung

Joe Biden – Versprich es mir

He, Joe“, meinte Barack einmal zu Biden, „man kauft das Schlimme mit dem Guten ein“. Schon während der Präsidentschaft hatten die beiden Bs eng zusammengearbeitet. Biden war der Vizepräsident Barack Obamas und hätte 2016 auch selbst kandidiert. Doch dann kam die Krankheit seines Sohnes Beau dazwischen und Biden entschied sich für die Familie. Donald Trump gewann daraufhin gegen Bill Clinton die Wahlen. Aber 2019 übernahm Joe Biden das Ruder. Am 20.1.2020 wurde er als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Und er übernimmt ein gespaltenes Land in der Corona-Krise mit einer Rekordarbeitslosigkeit und schlechten Wirtschaftsdaten. Aber Joe Biden verkörpert das, was in einer krisengeschüttelten Zeit wie der unseren das Wichtigste ist: Hoffnung.

Biden: Hoffnung für die Welt?

Biden wurde von seinen Gegnern gerne als „Trauerredner der Nation“ abgetan, was angesichts der Dinge, die er in seinem Leben schon mitmachen musste, geradezu pietätlos wirkt. Denn nicht nur, dass er 2015 seinen erst 45-jährigen Sohn Beau verlor, nein, schon Jahre zuvor gingen seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall von dieser Welt. Aber Joe Biden gab nicht auf und setzte sich seine Ziele, die ihn nun bis an die Spitze seines Landes brachten. Und seine Programm liest sich gar nicht so schlecht: Kampf dem Supperlobbyismus, Besteuerung der Vermögen statt der Arbeit, Ende der Steuerschlupflöcher und Steuernachlässe, Mindestlohn von 15 Dollar und Abschaffung der Studiengebühren an den öffentlichen Colleges und Universitäten. Schon während seiner Vizepräsidentschaft war er auch für die Homosexuellenehe und deren rechtliche Gleichstellung eingetreten. Und nicht zuletzt ein Mondfahrtprogramm zur Bekämpfung von Krebs. Now hope and history rhyme.

Joe oder The Luck of the Irish

Die vorliegende, äußerste lesenswerte Kampfschrift ist nicht nur gut geschrieben, sondern auch sehr persönlich gehalten. Biden schreibt über den Kampf seines Sohnes Beau gegen den Krebs, aber auch von seinen eigenen politischen Erfolgen im Irak oder seinen Vermittlungsbemühungen in Mittelamerika und der Ukraine. Dabei behält er auch eine gewisse subtile Form von Humor bei, was ihn noch sympathischer macht. Gerade weil er als Außenseiter startete und „against all odds“ die Vorwahlen und die eigentlichen Wahlen gewann und weil er sich durch seine schlimmen Schicksalsschläge nicht unterkriegen ließ, möchte man diesem Präsidenten nur das Beste wünschen. Denn für die Aufgaben, die vor ihm liegen, wird er jede Unterstützung brauchen. Man vertraut und glaubt seinen Worten. Was man nicht erfährt, ist seine Vorgeschichte. Das Buch handelt hauptsächlich in der Zeit der 10er Dekade des 21. Jahrhunderts, es erschien in den USA 2017, aber bereits nach der Angelobung von Trump. Der Vorwurf er würde aus dem Tod seines Sohnes politisches Kapital schlagen wollen und all die andere Schmutzwäsche, die gegen ihn lief, wird Lügen gestraft. Für seine Kritiker gilt: einen schönen Gruß von Onkel Ed. Und gerne nimmt man ihm auch das Versprechen ab, das er seinem Sohn gab: Die Welt wieder zu einem besseren Platz zu machen.

Joe Biden

Versprich es mir.

Über Hoffnung am Rande des Abgrunds

Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Friedrich Pflüger.

ISBN: 978-3-406-76713-5

2020, Hardcover, 250 S

C.H.Beck Verlag

22,00 €


Genre: Autobiografie, Politik
Illustrated by C.H. Beck München

“Little Nemo” nach Winsor McCay

Traumwelten

Der kleine Nemo freut sich im Gegensatz zu anderen Kindern auf das Schlafengehen, kann er doch im Schlaf und dessen Traumwelten Freunde wie Fips wiedersehen und mit ihnen viele Abenteuer erleben. Da gibt es z.B. einen riesigen Tiger, der von einem Tigergärtner gepflegt und dessen Narben liebevoll geharkt und bepflanzt werden. Oder er trifft, geleitet von einem Federmann und in Umgehung der Vorschrift sich die Augen blenden zu lassen, in der Literatur wichtige Literaten wie Victor Hugo, aber auch skurrile Gestalten, die nichts anderes als Wörter trinken oder den Dickhäuterismus pflegen. Auch schreibende bunte Elefanten gehören zum Standartrepertoire. Letzlich sind sie aber nur in der Literatur, weil Fips sein Lieblingsbuch und dessen Fortsetzung sucht. Aber auch das Abenteuer, in dem Fips ihm erklärt, dass sie alle nur gedruckte Gedanken sind und sich die Welt zweidimensional einfaltet, beeindruckt Nemo sehr. Auch Nemos Verhältnis zu Tieren ist besonders, denn sie lieben seine Nähe, auch wenn er sie oft nicht wirklich wahrnimmt. Und die Begegnung mit seinem wachsenden Ich fasziniert und verwirrt zugleich.

Surreale Welten

Es empfiehlt sich, das Vorwort des Autors Frank Pé (Zeichner von Spirou) und v.a. das von C.&B. Pissavy-Yvernault zu lesen, beides sinnigerweise noch vor dem eigentlichen Comic platziert. So wird nicht nur das Leben des Original-Autors Winsor McCay skizziert und dessen Vorliebe für alles, was nicht schnöde Realität ist (was angeblich auf den Traum seiner Mutter am Vorabend seiner Geburt zurückzuführen ist), sondern auch, wie es mit dieser lebenslangen Vorliebe, abgebildet in seiner Berufslaufbahn, weiterging.

Aber auch die Verbindung des jetzigen Autos Frank Pé wird deutlich, der mit dem vorliegenden Band eine Homage an einen der frühen Comiczeichner kreiert hat und dabei sowohl an das Original anknüpft, als auch es in die heutige Zeit versetzt und Winsor McCay selbst immer wieder zum Gegenstand der (Traum-)Geschichten macht und so die Verbundenheit McCays mit seinem Werk verdeutlicht. Das Original zeichnet sich nicht nur durch surreale Inhalte aus, die an die Werke von Surrealisten erinnern, sondern auch durch eine Verspieltheit der damals noch nicht festgelegten Comicsprache, die heutzutage gern wieder benutzt werden und dem mittlerweile in vielen Dingen festgefahrenen Comic-Genre neuen Wind verleihen, das Spielerische und die Freude am Experimentieren zurückholen würde. Das versucht Pé mit seinen Strips durchaus auch (z.B. in der Geschichte des Tigers, in der die Panels zusammengenommen ein Gesamtbild des Tigers ergeben oder in den an Artbooks erinnernden großformatigen und trotzdem sequentiellen Bildern am Schluss), aber man merkt, dass er in dem mittlerweile eher festen Comic-Vokabular verhaftet ist.

Trotzdem ist ihm eine schöne Hommage an McCoy gelungen, die durchaus lesenswert, humorvoll und mit Anspielungen versehen ist. Allerdings finde ich 35 Euro für 80 Seiten, auch für eine Schmuckausgabe, zu viel Geld.


Genre: Comic
Illustrated by Carlsen Comics

Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Hermann Hesse
Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Jeder Mensch hat etwas in sich, jeder hatte etwas zu sagen. Aber es nicht zu verschweigen und nicht zu stammeln, sondern es auch wirklich zu sagen, sei es nun mit Worten oder mit Farben oder mit Tönen, darauf einzig kam es an!“, schreibt Hermann Hesse voller Begeisterung über sein Tun und Lassen, denn der Schriftsteller war ja eben vor allem als solcher und weniger als Maler bekannt. „Dem allen bin ich davongelaufen, es gibt jetzt für ein paar Stunden keine Bücher, keine Studierzimmer mehr. Es gibt nur die Sonne und mich, und diesen hellzarten, apfelgrün durchschimmerten Septembermorgenhimmel, und das strahlende Gelb im herbstlichen Laub der Maulbeerbäume und der Reben.

Chiffren des Unsterblichen

Volker Michels spricht in seinem Nachwort zu vorliegender reich bebilderter Schmuckausgabe mit Bildern von Hermann Hesse von der geradezu „existentiellen Notwendigkeit“ zu der das Malen für Hesse geworden war. Das Eigenständige und Unverkennbare an Hesses Malerei sei „die enge Wechselwirkung zwischen der Abstraktion, Farbigkeit und Musikalität seiner Bilder mit denselben Komponenten in seiner Lyrik und Prosa“, schreibt Michels. „In seinen Dichtungen und Bildern vermittelt Hesse nicht ein Abbild der Wirklichkeit, sondern ihr Sinnbild.“ Denn die positive Tendenz der Zuversicht und Heiterkeit, die sich in Hesses Büchern erst nach langwierigen, krisenhaften Entwicklungen herauskristallisieren würden und „mit Chiffren wie das ‚Lachen der Unsterblichen’ (im ‚Steppenwolf’) oder ‚Die Goldene Spur’ (in ‚Narziß und Goldmund’) bezeichnet wird“, trete in seinen Aquarellen bereits augenfällig zu Tage.

Malen als Frühling der Seele

Oh, es gab auf der Welt nichts Schöneres, nichts Wichtigeres, nichts Beglückenderes als Malen, alles andre war dummes Zeug, war Zeitverschwendung und Getue.“ Im Alter von 40 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, hatte Hermann Hesse zu malen begonnen und es ist auch für den Leser eine wahre Wonne, zu lesen, mit welchen Worten er seine Begeisterung für das Malen teilt: „Aber Tage wie heute, das war etwas anderes und Besonderes, an diesen Tagen konnte man nicht malen, sondern mußte malen. Da blicket jedes Fleckchen Rot oder Ocker so klangvoll aus dem Grün, jeder alte Rebenpfahl mit seinem Schatten stand da so nachdenklich schön in sich versunken und noch im tiefsten Schatten sprach jede Farbe klar und kräftig.“ Es ist förmlich zu spüren, wie ihm selbst das Herz aufgeht bei dieser neuen Tätigkeit, bei der er sich fast noch mehr entfalten kann als beim Schreiben. Es war ihm ein „Ausweg, um auch in bittersten Zeiten das Leben ertragen zu können“, wie er selbst an einer Stelle schreibt, „und um Distanz von der Literatur zu gewinnen“. „Das Produzieren mit Feder und Pinsel ist für mich der Wein, dessen Rausch das Leben so weit wärmt, dass es zu ertragen ist.“

Magie des Malens

Seine Malausflüge im Tessin zeitigten zusammenhängende Bilderfolgen und Aquarellalben und aus einem dieser Alben von 1922 erscheint hier eine Folge seiner reizvollsten Arbeiten, aber auch Blätter aus späteren Jahren. Zusammen mit seinen Betrachtungen über seine Malerei und Selbstzeugnisse aus seinen Briefen lässt dieser kleine schmale und doch so bunte Band den Leser an der Begeisterung teilhaben und einen sogar mitten im Winter eine Art Frühlingsaufbruch erspüren.

Hermann Hesse

Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Mit Betrachtungen und Gedichten

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Volker Michels

D: 14,00 € / A: 14,40 € / CH: 20,90 sFr

2019, Hardcover, Insel-Bücherei 1465, Gebunden, 104 Seiten

ISBN: 978-3-458-19465-1

Insel/Suhrkamp Verlag

 

 

 


Genre: Bildband, Essay, Malerei
Illustrated by Insel Frankfurt am Main