Was wir wissen können

Diese Rezension muss mit einem Geständnis beginnen. Ich habe dieses Buch nach etwa einem Drittel abgebrochen. Es ist gefühlt eine Ewigkeit her, dass ich mich zu solch einem Schritt genötigt gesehen habe. Zunächst sucht man die Schuld ja gerne bei sich – schlecht recherchiert, Signale zu Inhalt und Autor falsch interpretiert. Leichter ist es natürlich, sich gleich auf Buch und Autor zu stürzen – Stil, Inhalt, Aussage, alles daneben.

Aber wir reden hier von Ian McEwan!

Der britische Schriftsteller ist ohne jeden Zweifel ein Meister seines Fachs. Er scheute sich in der Vergangenheit nicht, Gegenwartsthemen in kafkaeskem Stil anzugehen („Die Kakerlake“) oder bei gesellschaftskritischen Themen poetisch zu polarisieren („Lektionen“). Immer hat er es mit viel Intelligenz und Fingerspitzengefühl verstanden, alle Komponenten eines guten Romans virtuos anzurichten, auch wenn er literarisch experimentiert hat.

Und nun?

Hätte ich als begeisterter Fan wissen können, dass McEwan in „Was wir wissen können“ so ganz und gar nicht der gute alte Ian McEwan ist? Oder liegt vielleicht gerade da das Problem begründet, dass es der zu gute und vielleicht sogar zu alte Ian McEwan ist? Letzteres wohl eher nicht, wenn man bedenkt, wie viele Schriftsteller noch mit 80 oder 90 Jahren brillante Werke geschrieben haben (John le Carré, Ingrid Noll und andere). McEwan ist da mit seinen 78 doch fast noch in seinen besten Schaffensjahren.

Aber wie sind diese Verwirrtheit im Plot und diese ausschweifende Logorrhoe zu erklären?

Bis auf Seite 150 hat man Mühe, Inhaltsmosaike zu einer möglichst sinnvollen Geschichte zusammenzusetzen. Ein Versuch: Literaturwissenschaftler versuchen im Jahr 2119, ein Gedicht aus dem Jahre 2014 aufzufinden, das von einem mittelgradig bekannten englischen Dichter in einem kleinen Freundeskreis anlässlich des Geburtstages seiner Gattin ein einziges Mal vorgetragen wurde und dann verschwand. Um diesen über alle Maßen gerühmten Sonettenkranz dreht sich alles. Warum eigentlich, fragt man sich unentwegt. Vielleicht wäre die Antwort nach Seite 150 irgendwann gekommen, aber da der Autor die Geduld des Lesers bis zu diesem Zeitpunkt schon so überstrapaziert hatte, wird es der ein oder andere nie erfahren. Zum Beispiel ich. Und ich kann ehrlich gesagt gut damit leben.

McEwans Schreibstil in diesem Buch ist extrem langatmig, die Story mehr als krampfhaft konstruiert, ja überwiegend unlogisch in der Zeitachse und als Ganzes schwer nachvollziehbar. Gerade am Anfang fragt man sich oft, in welcher Zeit befindet man sich im jeweiligen Kapitel denn gerade. Offensichtlich hat McEwan beim Schreiben des Buches zudem unterschätzt, welche KI-gesteuerten Recherche-Mechanismen bis zum Jahr 2119 einsatzfähig sein würden, und beschränkt sich bei seinen sogenannten Quellenangaben auf Briefe, Tagebücher, Textnachrichten und eigene Vermutungen, die rhapsodisch zusammengesetzt werden. Oder soll dies die Abneigung des Autors gegen moderne digitale Medien ausdrücken? Man weiß es nicht. Oder hat er es in seinem idyllischen englischen Landhaus einfach verpasst, was in den letzten Jahren parallel vor seiner Tür passiert ist? Oder wollte McEwan einfach auch mal einen Semi-Science-Fiction-Roman schreiben, in den er dann gleich auch noch ein wenig Klimakrise eingebaut hat? Auch das gehört zu den Dingen, „die wir nicht wissen können“. Aber vielleicht wäre die alles erklärende Erkenntnis in den weiteren zwei Dritteln des Buches gekommen, wenn ich etwas mehr Durchhaltevermögen gezeigt hätte. Aber auch das hat der Autor mit seinen ermüdenden Ausführungen massiv boykottiert und permanent gegen mich gearbeitet.

Aber zum Schluss doch noch ein Lob: Sehr gut, realistisch und einprägsam fand ich alleine die Passagen zur Alzheimer-Erkrankung eines Protagonisten. Das soll kein versteckter Hinweis sein.

Ansonsten schien mir Ian McEwan bei diesem Buch mit dem gleichen Elan vor sich hinzuschreiben, wie mir mein Großvater Geschichten aus seinem Leben erzählt hat, obwohl ich schon lange eingeschlafen war.


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

Kegeljungen-Anekdoten

Kegeljunge. Der “Autor mit subtilem Witz”, Otto Jägersberg, erinnert sich an die Zeit, “als es noch Kegeljungen” gab. Aber auch über zeitgenössische Absurditäten macht er sich Gedanken und trägt diese in sein beim diogenes Verlag erschienes Journal ein. Notizen, Anekdoten, Gedanken…alle durchnummeriert bis Eintrag 160.

Alles auf den Kopf gestellt

Der als freier Autor und Filmemacher und in Baden-Baden lebende Autor, Jahrgang 1942, ist am Zeitgeschehen aktive teilnehmender Zeitgenosse. Er liest Zeitungen, schaut Filme oder sinniert über Nachrichten aus dem WWW. Aber er erinnert sich auch gerne daran, wie es früher war. Etwa an die Kegeljungen, die den gefährlichen Platz hinter den Kegeln einnehmen mussten und die umgeschossenen Kegel wieder aufstellen mussten. “Rums!” und schon eilte er wieder hinter die Schutzwand. Frauen und Männer schossen dabei unterschiedlich, sangen oder grölten und der Kegeljunge malochte ununterbrochen. “Gut Holz”,hieß es dann am Ende. “Als es noch Kegeljungen gab”. Bitter schmeckte auch das Gulasch, als Jägersberg seine spannende Biografie las. Die war so spannend, dass er vergaß nach seinem Gulasch zu schauen. “Alles verdorben, dank Stalin”. Noch bitterer ist da allerdings sein 52. Eintrag in dem er davon schreibt, dass die Ukrainer heute gegen Russland vorgeschoben würde, mit deutschen Waffen und deutscher Propaganda. Nur diesmal kämpften eben nicht mehr die Deutschen gegen Russland, sondern die Ukrainer: “Verlieren wie das letzte Mal kommt nicht infrage. Logisch.” Es liest sich vielleicht etwas missverständlich, aber die bittere Ironie zeigt einfach in was für absurden Zeiten wir heute alle leben müssen. Alles auf den Kopf gestellt.

Heimatgefühl einmal anders

“Alles falsch. Rechtschreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde nicht so aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt.” So beschreibt Jägersberg das Ankommen in der Moderne, die mit einem gewissen Freud in Freiberg vor Nikolsburg begann. Dort lebte der Begründer der Psychoanalyse laut Jägersberg bis zum sechsten Lebensjahr als er dann mit seiner Familie nach Wien zog. Denken, manche können gar nichts anderes als denken, klagt der alte Mann, der gerne noch mal ein Bier trinkt, müffelt und den Morgenmantel gerne bis mittags trägt. Die Zwiebel gibt ihm ein Heimatgefühl, denn wenn sie schon vom Herd her duftet, gibt es gleich was zu essen, schreibt er. Ein anderer Mann hat mit Fischsoße ein Vermögen gemacht. Er erfand das Garum, das Maggi der Antike: alte Fische, Molusken und Zucker mit Salz. Aber trotz allem verliert Jägersberg niemals den Humor, etwa wenn er Trachtenträgern gerne eine Tracht auf den Hintern geben würde. “Ich bin über 80 und am Biedersee, Sonne scheint, gleich gibts Artischocken, und ich trinke Helvetia-Bier”, schreibt Jägersberg, wohl überglücklich. Im Vergleich zu Freud, der im selben Alter vom vielen Zigarrenrauchen Gaumenkrebs hatte und aus Wien flüchten musste. Natürlich ist jeder Vergleich unzulässig, aber Jägersberg sei sein Glück gegönnt: “Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.” (Eintrag 160) Wollen wir’s alle hoffen!

 

Otto Jägersberg
Kegeljunge
2026, Hardcover Leinen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-257-07376-8
diogenes
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70


Genre: Anekdoten
Illustrated by Diogenes

Ganz zu schweigen von: Offene Rechnung

Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.

Arbeitslos, impotent, voyeuristisch

Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…

Ganz zu schweigen von…

“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…

Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze

Es gehört zu den haltbarsten Versuchungen der Kulturgeschichte, das Genie dort zu suchen, wo der Mensch aus der Bahn gerät. Wer anders sieht, anders hört, anders empfindet, wer leidet, halluziniert, träumt, vergisst oder sich erinnert, gilt schnell als Berührter höherer Mächte – oder als Fall für die Klinik. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Mario de la Piedra Walters Buch „Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze“, das aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer übersetzt wurde.

Der Autor ist Mediziner und Neurologe, aber er schreibt nicht wie jemand, der Kunst auf Befunde reduzieren möchte. Gerade darin liegt der Reiz dieses Buches. De la Piedra Walter interessiert sich für die empfindlichen Übergänge: zwischen Wahrnehmung und Bild, Krankheit und Ausdruck, Erinnerung und Erfindung, wissenschaftlicher Erklärung und ästhetischem Geheimnis. Sein Buch ist weniger eine systematische Theorie der Kreativität als ein weit ausschwingender Essay über die Frage, was im Gehirn geschieht, wenn der Mensch mehr tut, als bloß zu funktionieren.

Der Auftakt ist bezeichnend. Das Buch beginnt mit Albert Einsteins Gehirn, jenem berühmten Organ, das nach dem Tod seines Besitzers zum Gegenstand wissenschaftlicher Neugier, aber auch beinahe reliquienhafter Verehrung wurde. Schon hier stellt sich die Grundfrage, ob sich Genialität anatomisch fassen lässt? Sitzt der Geistesblitz irgendwo zwischen Furchen, Windungen und Nervenzellen? Oder verrät diese Suche vor allem unsere eigene Sehnsucht, das Außerordentliche endlich dingfest zu machen?

Von dort aus führt de la Piedra Walter in zwölf Kapiteln durch eine erstaunlich breite Landschaft. Er spricht über Höhlenkunst und frühe Zeichen, über Erinnerung und Vergessen, über Borges, Dostojewski, Frida Kahlo, Kandinsky, Virginia Woolf, Andy Warhol, über Synästhesie, Epilepsie, Depression, Traum, Autismus, Art brut und schließlich auch über künstliche Intelligenz. Das ist viel, manchmal fast zu viel. Doch im besten Fall entsteht daraus ein funkelndes Panorama menschlicher Ausdrucksformen.

Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo es verbreitete Klischees aufnimmt, um sie anschließend zu verfeinern. Die alte Formel von „Genie und Wahnsinn“ wird nicht einfach bestätigt. De la Piedra Walter zeigt vielmehr, wie gefährlich diese Formel ist. Krankheit erklärt keine Kunst. Leiden macht niemanden eo ipse schöpferisch. Depression, Epilepsie, neurologische Ausfälle oder abweichende Wahrnehmungsformen sind keine romantischen Produktionsmittel des Genies. Sie können Erfahrungen prägen, Wahrnehmungen verschieben, biografische Wunden schlagen – aber aus ihnen entsteht erst dann Kunst, wenn ein Mensch ihnen Form, Sprache, Rhythmus, Bild oder Komposition abringt.

Dostojewskis Epilepsie wird deshalb nicht als simpler Ursprung seines literarischen Ranges behandelt. Frida Kahlos Schmerzen erklären nicht ihre Kunst, sondern bilden einen Erfahrungsraum, den sie mit unerhörter Bildkraft verwandelt. Kandinskys Nähe von Farbe und Klang öffnet den Blick auf die Frage, wie porös unsere Sinnesgrenzen tatsächlich sind. Und bei Warhol wird Wiederholung nicht nur als Pop-Geste verständlich, sondern als Wahrnehmungsprinzip einer Welt, die längst aus Oberflächen, Marken, Vervielfältigungen und medialen Echos besteht.

Der Autor betrachtet seine Figuren nicht wie Präparate unter Glas. Das unterscheidet sein Buch wohltuend von Sachbüchern, die Kunstwerke am liebsten in Hirnareale übersetzen und damit den Eindruck erwecken, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine Sonate sei im Grunde nur eine besonders hübsche Nebenwirkung neuronaler Aktivität. Hier bleibt die Kunst mehr als ihr biologischer Unterbau. Das Gehirn ist Bedingung, nicht Ersatz des Kunstwerks.

Zugleich liegt in der Anlage des Buches auch seine Schwäche. Die Fülle der Beispiele, Namen und Themen kann stressen. Der Bogen reicht von prähistorischer Kunst über indigene Rituale, psychedelische Erfahrung, Psychoanalyse, Neurowissenschaft, Psychiatriegeschichte bis zu KI-generierten Bildern. Nicht jede Verbindung ist gleich zwingend. Manchmal wirkt der Übergang von der Fallgeschichte zur großen kulturgeschichtlichen Deutung etwas rasch. Dann gleitet der Text vom Befund in die schöne Analogie, vom neurologischen Phänomen in die essayistische Erhellung. Das ist anregend, aber nicht immer beweisend.

Auch die wissenschaftliche Erklärungstiefe schwankt. Einige Passagen vermitteln neurologische Zusammenhänge sehr anschaulich, andere bleiben eher im Modus der gebildeten Annäherung. Wer eine streng systematische Theorie kreativen Denkens erwartet, wird hier nicht fündig. Wer sich hingegen auf einen gelehrten, erzählerisch beweglichen Streifzug einlässt, findet zahlreiche Anstöße. Das Buch liefert keine Formel der Kreativität. Es zeigt eher, warum jede solche Formel verdächtig klingt.

Bemerkenswert ist auch das Kapitel über künstliche Intelligenz. Es erweitert die Grundfrage des Buches: Wenn Maschinen Bilder erzeugen, Texte kombinieren und Stile imitieren können, was bleibt dann als genuin menschliche Kreativität? De la Piedra Walter sieht in der KI ein Werkzeug, vielleicht auch eine Herausforderung, aber keinen Beweis dafür, dass Maschinen bereits erleben, leiden, träumen oder verstehen. Gerade nach den Kapiteln über Schmerz, Erinnerung, Körper und Wahrnehmung wird deutlich: Kreativität ist nicht nur Produktion von Neuem. Sie ist auch Erfahrung von Welt.

„Unser kreatives Gehirn“ ist ein kluges, stellenweise glänzend erzähltes Sachbuch, dessen Reiz in der Verbindung von Kunstgeschichte, Medizin und Kulturessay liegt. De la Piedra Walter zerlegt die Kunst nicht in Synapsen. Er zeigt, dass jedes Kunstwerk durch ein Gehirn hindurch muss – aber nicht in ihm aufgeht. Am Ende bleibt weniger die Antwort auf die Frage, wo Kreativität sitzt, als die Einsicht, dass sie aus Beziehungen entsteht: zwischen Körper und Geist, Erinnerung und Verlust, Schmerz und Form, Wahrnehmung und Deutung, Mensch und Welt.


Genre: Kulturgeschichte, Neurologie
Illustrated by Diogenes

Können Sie mich sehen?

Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“ möchte an jene Disziplin anschließen, in der sein Autor lange nahezu konkurrenzlos war: die kunstvolle Kleinform der satirischen Büroprosa. Wieder geht es um das Personal der gehobenen Arbeitswelt — um CEOs, Bereichsleiter, Aufsteiger, Statusgläubige und jene mittlere Managementkaste, die sich mit bewundernswerter Verbissenheit für unentbehrlich hält. Das Milieu ist Suter nach wie vor vertraut. Nur: Vertrautheit allein ist noch keine literarische Frische.

Der Band versammelt Miniaturen aus der Welt der Arbeitsrituale, Hierarchiegesten und sprachlichen Selbstveredelungen. Homeoffice, Maskenzeit, Selbstoptimierung, Anglizismen, Karrierepose und soziale Verkrampfung bilden das Material. Man erkennt sofort den alten Suter: den genauen Beobachter jener Menschen, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Rollen eingerichtet haben, deren Lächerlichkeit sie selbst nicht bemerken. Auch diesmal verfügt er über das feine Ohr für das Idiom des Managements, für die hohle Eleganz seiner Floskeln, für den Hochglanzton einer Welt, die jeden simplen Vorgang mit Wichtigkeit auflädt.

Und doch bleibt die Lektüre merkwürdig unerquicklich. Denn was früher leicht, präzise und böse wirkte, erscheint hier oft wie die routinierte Wiederholung einer bewährten Methode. Viele Texte folgen demselben Bewegungsmuster: Ein Funktionsträger nimmt eine neue Verhaltensregel, ein modernes Führungsritual oder eine sprachliche Mode todernst; daraus entsteht eine kleine Schieflage, am Ende eine kalkulierte Bloßstellung. Das ist handwerklich sauber, aber selten überraschend. Die Pointen kommen zuverlässig, nur treffen sie zu oft ins Leere.

Gerade dort, wo das Buch besonders gegenwartsnah sein will, zeigt sich seine Schwäche. Die Texte über Homeoffice, Distanzregeln, Masken, digitale Sichtbarkeit und neue Coolness-Gebote besitzen zwar Wiedererkennungswert, aber nur selten Verwandlungskraft. Suter registriert Verhaltensformen; er hebt sie jedoch nicht immer auf jene Ebene, auf der aus Beobachtung Literatur wird. Vieles bleibt Skizze, manches bloß Einfall. Das Komische erschöpft sich dann im Achselzucken über bekannte Büroabsurditäten, wo man sich eigentlich Schärfe, Fallhöhe oder wenigstens einen wirklich treffsicheren Stich wünschen würde.

Hinzu kommt, dass die Figuren oft nicht mehr als Träger einer Pointe sind. Sie haben Namen, Statussymbole, Marotten und sorgfältig lackierte Oberflächen, aber nur selten innere Kontur. Dadurch verflüchtigt sich auch die Satire: Was nicht mehr als Figur glaubhaft wird, kann schwerlich als gesellschaftlicher Typus nachhallen. Die Welt der Business Class erscheint hier weniger als scharf gezeichnetes System denn als Ansammlung von Schablonen, die in immer neuen Variationen dasselbe Personal vorführen.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Suter sein Handwerk unverkennbar beherrscht. Seine Sätze sind geschmeidig, sein Timing ist intakt, sein Blick für die Eitelkeiten des gehobenen Erwerbslebens keineswegs erloschen. Man spürt immer wieder, dass er Witz, Rhythmus und Beobachtungsgabe nach wie vor besitzt. Aber gerade deshalb enttäuscht dieses Buch: Nicht weil es völlig misslungen wäre, sondern weil es so deutlich unter dem Niveau seiner Möglichkeiten bleibt.

„Können Sie mich sehen?“ hinterlässt am Ende den Eindruck eines Buches, das auf den Glanz einer alten Form vertraut, ohne ihr noch einmal neue Spannung zu geben. Es ist elegant geschrieben, gewandt gebaut und in Momenten durchaus amüsant — aber zu oft auch mechanisch, vorhersehbar und seltsam aus der Zeit gefallen. Die Welt, die es verspottet, ist voller Aufsteigerphantasien; literarisch jedoch steigt dieser Band nicht auf, sondern sinkt eher eine Klasse tiefer.


Genre: Erzählungen, Kolumnen, Miniaturen
Illustrated by Diogenes

100 Jahre The Great Gatsby

In der Reihe Modern Classics erschien dieses Jahr, 2025, die vorliegende Neuausgabe des großen Romans des Jazz Age. Tatsächlich sind es genau 100 Jahre her, dass The Great Gatsby erstmals erschien. Die Handlung spielt im New York des Jahres 1922.

Glitz and Glamour der 20er

James/Jay/Jimmy Gatsby (eigentlich: James Gatz residiert in seinem Anwesen auf Long Island und gibt sagenhafte Feste. Damit hofft er seine Jugendliebe Daisy heranzulocken, um ihr mit seinem neuerworbenen Reichtum, mit Swing und Champagner seine verlorene Liebe zu gestehen. Aber Daisy ist längst selbst liiert und kann ihm nur auf neutralem Territorium begegnen. Dieses bietet sich durch den Nachbarn Gatsbys, dem Junggesellen Nick Carraway. Tom Buchanan ist der Name des Glücklichen, der Gatsbys Jugendliebe Daisy geheiratet hat. Aber er behandelt sie alles andere als gut, wie der Leser:in bald feststellt. Denn Tom hat selbst eine weitere Freundin, Myrtle Wilson, die wiederum selbst mit George Wilson verheiratet ist. Ob das in den Zwanzigern gang und gebe war, verheiratet und dennoch eine/n Liebhaber:in zu haben, bleibt offen. Was aber ganz deutlich und klar feststellbar ist, ist, dass zwischen 17. Januar 1920 und 5. Dezember 1933 in den USA die Prohibition bestand. Dennoch wird im Roman ausgiebig gefeiert und es fließt dementsprechend viel Alkohol. Bei einer dieser “Spritztouren” nach downtown New York, wo ebenfalls nicht nur die Automobile ordentlich getankt werden, kommt es im Verlauf des Romans zu einer großen Katastrophe, einem tragischen Unfall. Myrtle Wilson gerät in einem Streit mit ihrem Ehemann George auf die Autostraße und wird dort von einem Auto erfasst: dem Auto von Gatsby. Aber nicht Gatsby hat das Automobil gelenkt, sondern Daisy und so hat sie – unwissentlich – ihre Rivalin bei Tom getötet.

Crime Fiction oder Autofiction?

Denn Ennui der Reichen und Gutgestellten hat F. Scott Fitzgerald – wohl auch aus eigener Erfahrung – treffend wie kein anderer geschildert. Dennoch war seinem großen Roman, heute ein “modern classic” bei Erscheinen gar kein Erfolg beschieden. Während Fitzgerald mit seinen Kurzgeschichten im selben Zeitraum für acht Erzählungen 30.000 Dollar von der Saturday Evening Post bezahlt bekam, schlug sich der Große Gatsby mit gerade einmal 5,10 Dollar zu Buche. Beim Verfassen seines posthum größten Erfolges war Fitzgerald gerade einmal 27 Jahre alt und hatte noch gute 13 Jahre schriftstellerisches Schaffen vor sich. 160 Kurzgeschichten hat Fitzgerald insgesamt verfasst, bis er 1940 das Zeitliche segnete. Er starb 1940 in Hollywood an seinem dritten Herzinfarkt – gerade einmal 44 Jahre alt. Als “world’s most misunderstood novel” bezeichnete unlängst die BBC den größten Erfolg Fitzgeralds. Dass Gatsby ein bootlegger war, der bis zum Hals in kriminellen Machenschaften steckte, sowie ein Stalker, wie man es ihn heute in PC-Zeiten nennen würde. Nix mit Romantik und so. Denn Gatsby hat sich sogar seine Villa vis a vis von Tom und Daisy bauen lassen. Freier Blick auf’s Mittelmeer oder die Manhasset Bay besser gesagt. Dass Fitzgerald’s Frau, Zelda, während F. Scott an seinem Roman arbeitete, einen Selbstmordversuch unternahm und nach einer Affäre mit einem Franzosen Schlaftabletten genommen hatte, zeigt wie lebensnah die Crime Fiction am Alltag des Autors war und dass das Jazz Age vielleicht sogar noch wilder war, als wir es in unseren Vorstellungen ausmalen wollen.

F.Scott Fitzgerald
Der große Gatsby
Mit einem Nachwort von Min Jin Lee. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
2025, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07337-9
Diogenes Verlag
€ (D) 19.00 / sFr 26.00* / € (A) 19.60


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

Heute kein Abschied

“Und jetzt ist er nirgendwo mehr. Jetzt ist er überall.” Der niederländische Autor, Journalist und Historiker legt mit “Heute kein Abschied” einen persönlichen Roman vor, der alle angeht. Denn jeder muss eines Tages von seinen Eltern Abschied nehmen: “Das gehört zum Älterwerden”.

Booze, Beans, Blow and Bad Decisions

Im Falle der der Geschwister Tessel, Moor und Cat ist es der Vater. Ihre Eltern, Elise und Oskar, haben sich vor langer Zeit getrennt. Die langen (beruflichen) Abwesenheiten Oskars in Hollywood, die Sprachlosigkeit und Stille wurden ihr langsam zu viel und so suchte sie Trost in den Armen eines langzeitigen Freundes, Cas. Aber für Oskar brach wohl eine Welt zusammen, denn er hätte sich nie vorstellen, können, dass eine Familie sich so einfach auflösen kann. Immerhin bekam er die Katze, das einzige, was Elise nicht bekam. “Alles würde er geben für eine Brücke, einen Blick, ein Winken, eine Einladung. Warum macht keiner von ihnen den ersten Schritt? Die Jüngste, Cat, wohnte zwar noch eine Weile bei ihm, aber er unterstützte sie dabei, sich bei der NYU zu bewerben. Dort lebt sie als die traurige Nachricht sie erreicht. Aber etwas ist seltsam: Warum hat ihr Vater gerade ihr, der Jüngsten, die Testamentsvollmacht erteilt? Gibt es etwa ein Familiengeheimnis, von dem alle nichts wissen? Und was meinte der Hollywood-Freund ihres Vaters, Gene Grift, mit den 4Bs eigentlich? “Er wollte wirklich wieder nach Amerika. Er hatte das Recht, hinzufliegen, darum ging es, um das Recht zu fliehen, nicht vor ihnen, sondern vor sich selbst.” Ihr Name war: Lucy.

Der Knick in der Kurve

“Die Sixties, der Zeit in der die Luft sauber und der Sex schmutzig war.” War es dieses Jahrzehnt, das die Ehe von Elise und Oskar zerstörte? Die Umwertung aller Werte? Mit einfühlsamen Worten und detailreichen Schilderungen taucht man ein in die Welt der Familie der Van Bohemens und ihres Oberhauptes, des Fotografen Oskar van Bohemen. “Fotografie war für ihn mehr als Journalismus und möglicherweise sogar mehr als Kunst. Sie war eine Methode, die absolute Wahrheit zu zeigen, womit sie sagen wollten: das, was nicht mehr geleugnet werden konnte”. In Rückblenden erfährt man vom Doppelleben der beiden Elternteile, Elise und Oskar, auch von der strengen Kindheit Oskars, dessen Vater ihn den “Knick in der Kurve” nannte und dafür oft bestrafte. In den Sechzigern wurde es dann besser, Oskar hoffte sogar, dass sein leben so bleiben würde wie es war: “Doch das sollte sich als Illusion erweisen, so wie jede Hoffnung, die auf Stillstand beruht”. Auch von den drei Geschwistern erfährt man viele persönliche Dinge und lernt die drei kennen, als ob sie eigene Bekannte wären.

Ein Leben wie im Film in Fotos

Auch eine literaturwissenschaftliche Ebene ergibt sich: der allmächtige Erzähler wird in Cats Studium zum zentralen Angelpunkt. “Nichts macht so einsam wie eine Begegnung”, “Nie Kinder bekommen, bedeutet niemals zu altern”, sind Stehsätze mit Hilfe derer sie ihr Privatleben ad acta legt. “Es ist nicht das Schneiden, das so schmerzt, sondern das Abgeschnittensein”, zitiert Tessel die Dichterin Vasalis. “Die Eltern sterben und man landet in einer elternlosen Welt. Diese Welt scheint identisch zu sein mit der, die man kennt.(…) Das Theaterstück ist dasselbe, aber die Rollenverteilung anders.(…) Man dürfe froh sein, dass das Stück noch eine Weile weitergeht.” Ein Roman wie ein Familienalbum, voller nützlicher Einsichten und vieler zärtlicher Momente. Wie wenig man über Menschen weiß, die man kennt, begreift man oft erst nach ihrem Ableben. “Nicht alles, was endet, ist ein Misserfolg. Nicht alles, was verloren ist, war ein Paradies.” Die drei Geschwister streifen durch ihr Elternhaus, um den Hausrat aufzuteilen und da entdecken sie auch die Kiste, die zu dem kleinen Schlüssel aus Cats Brief passt. Manche sagen das Leben sei ein Film, aber vielleicht hatte doch Oskar recht: “Das Leben besteht aus Fotos“.

Daan Heerma van Voss
Heute kein Abschied
Roman
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
2025/2023, Hardcover, Leinen, 496 Seiten
ISBN: 978-3-257-07325-6
Diogenes Verlag
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Familiengeschichte, Roman
Illustrated by Diogenes

Wut und Liebe

Martin Suter ist ein Vielschreiber mit Hang zur stilistischen Experimentierfreude. Er bewegt sich souverän zwischen Romanform, Drehbuch und publizistischem Diskurs. Während ich seinen letzten Roman Melody als eine gelungene Mischung aus Eleganz und Melancholie empfand, blieb mir das darauf folgende, seitenstarke Gesprächsbuch mit Benjamin von Stuckrad-Barre fremd. Nun legt Suter mit Wut und Liebe ein neues Werk vor – sprachlich geschliffen, dramaturgisch ambitioniert, inhaltlich jedoch von ambivalenter Tiefe. Weiterlesen


Genre: Kriminalromane, Roman
Illustrated by Diogenes

Lektionen

Es gibt Bücher, die Ausschnitte aus dem Leben eines Menschen zum Thema haben oder gar den gesamten Lebenslauf. Letztere nennt man dann am ehesten Biographien. Es gibt Bücher, die verschiedene Epochen der Weltgeschichte beleuchten. Das sind dann meist Sach- oder Geschichtsbücher. Ian McEwan kam irgendwann auf die Idee, in Lektionen beides über eine lange Zeitachse zu fusionieren. Es wäre nicht Ian McEwan, der britische Schriftsteller, der am Fließband Preise und Ehrentitel einheimst wie einst Walt Disney die Oscars (22!) oder Bayern München deutsche Meisterschaften (33!) und dem nur eine Kleinigkeit fehlt, nämlich der Literatur-Nobelpreis (aber jener hat – wie schon in früheren Rezensionen unschwer erkennbar – mit Literatur schon immer weniger zu tun als mit Politik), also es wäre nicht Ian McEwan, wenn er diese Hercules-Aufgabe nicht mit bekannter Bravour meistern würde. Es ist zusammengefasst ein Highlight der Weltliteratur entstanden, ein Werk mit einer fesselnden, autobiografisch angehauchten Story, aber gleichzeitig auch ein Werk, das fast keine heißen gesellschaftlichen Eisen der letzten sieben oder acht Dekaden und der Neuzeit auslässt und damit jede Menge philosophische Denk-Impulse setzt. An dieser Stelle können die Eiligen also bereits aussteigen.

Die Leserschaft begleitet Roland Baines von seiner Geburt Anfang der 50er Jahre bis ins hohe Alter. Auf 720 Taschenbuchseiten oder in 1,9 MB eBook schlagen einen unendlich viele Erfahrungen in den Bann (von McEwan’s exzellentem Schreibstil ganz zu schweigen).

Nur zwei Beispiele.

Beispiel eins. Im Vordergrund steht die sexuelle Beziehung von Roland zu seiner Klavierlehrerin, welche sich im Alter von 11 Jahren anbahnt und mit 14 Jahren körperlich wird. Diese Erfahrung hat Nachwirkungen bis in seine Sechziger/Siebziger. Ist all das eine strafbare Handlung durch die selbst psychisch auffällige, erst knapp über zwanzig Jahre alte Lehrerin? Spontan würden viele einem gesellschaftlich normierten Reflex folgend sofort ja sagen, aber so einfach macht es einem McEwan nicht.

Beispiel zwei. Nach einem Leben des Sich-treiben-Lassens erhofft sich Baines von der Ehe mit Alissa die ersehnte Stabilisierung. Kleines Häuschen und Vorgarten-Idylle eingeschlossen. Doch vier Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes verschwindet Alissa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, um sich ihre Träume als Schriftstellerin zu erfüllen. Sie möchte dem Schicksal ihrer Mutter entgehen, die als verheißungsvolle Schriftstellerin nach Deutschland kam, aber durch eine Heirat alle hochfliegenden Pläne ad acta legen musste. Und welche für den Rest ihres Lebens unglücklich war („Ich habe das falsche Leben gelebt“).

Was alles steckt alleine in diesem meisterlichen Konstrukt? Von „Regretting Motherhood“ als einem ganz aktuellen Aspekt unserer gesellschaftlichen Gegenwart bis zur ewig gültigen und zeitlosen Frage „Was ist ein glückliches Leben?” und wie erreiche ich dieses.

Sind das die Erfahrungen und „Lektionen“ dieses Buches, die uns den Weg aufzeigen wollen? Mit großer Sicherheit nicht. Niemand kann sich am Ende der Lektüre erdreisten und beurteilen, wessen Leben denn nun glücklicher war – das des fatalistischen Roland Baines, dem das Leben einfach irgendwie passiert, der aus seiner gesellschaftskonformen Passivität, seiner lebenslangen Lethargie fast unmerklich in die senile Depression driftet. Oder das Leben von Alissa, die durch ihre fast schon immense psychische Kraftanstrengung und vielleicht auch durch den Ausbruch aus ihren Mutterpflichten zur weltberühmten Schriftstellerin wird, aber eine Vielzahl anderer Probleme kompensieren muss.

Das gesellschaftliche Denken der jeweiligen Zeit und die jeweiligen historischen Ereignisse bilden für all das das Bühnenbild, das sich mit der Handlung verwebt. Die Kuba-Krise, der Reaktorunfall von Tschernobyl, der Fall der Mauer, die Pandemie und viele andere Ereignisse der Weltgeschichte jener Zeit haben teilweise unmittelbaren Einfluss auf die Geschichte und das Leben und Agieren der Romanfiguren.

Als Leser stellt man sich bei der Lektüre immer wieder zwei Fragen:

Das Buch ist – das gibt Ian McEwan unumwunden zu – stark autobiografisch. Da wird man schon neugierig, was von alledem seinem Leben entspricht und was nicht, ohne dass dies letztendlich wichtig wäre. Ja, es gab den Major als strengen Vater, den verlorenen Bruder und das Klavierzimmer im Internat, aber sonst…?

Und zum anderen: Was sind denn nun die Lektionen oder neudeutsch die Lessons to take home, die Lifehacks? Natürlich kann und will er darauf keine allgemein gültigen Antworten liefern. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Ian McEwan in der „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens (SFR Mediathek oder YouTube), in dem McEwan sich im Gespräch mit Barbara Bleisch am ehesten dahingehend äußert, dass die Lektionen des Lebens die Summe der singulären Erfahrungen sind und dass Glück die Summe der bewusst wahrgenommenen glücklichen Momente ist.
Das ist doch schon eine ganze Menge.


Genre: Biographie, Gesellschaftsroman, Roman
Illustrated by Diogenes

Ein seltsamer Ort

Mimis Reise zu sich selbst und ihrer Familie

Den Vater bei einem Unfall verloren, die Mutter seit Jahren im Koma – die beiden Schwestern Mimi und Kodachi haben es nicht leicht. Als junge Frauen ziehen beide von der Pflegefamilie weg nach Tokio, um Abstand zu ihrer Vergangenheit zu gewinnen und zusammen ein neues Leben aufzubauen. Aber eines Tages wird dieser vorübergehende Frieden zerstört, denn Kodachi verschwindet spurlos, als sie ihre Mutter in ihrem Heimatdorf besucht. Mimi, die nun ganz allein dasteht, beschließt, wieder in ihre Heimat zurückzukehren und Kodachi zu suchen. Dabei begibt sie sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit, taucht tiefer in die Geschichte des Dorfes ein, sucht den Rat von Wahrsagerinnen und führt überfällige Gespräche mit ihrer Pflegefamilie. All das bringt sie nicht nur Kodachi und ihrer Mutter näher, sondern sie macht sich so auch auf den Weg zur eigenen inneren Heilung.

Altbekanntes und eine Neuerung

Der vorliegende in sich abgeschlossene Roman ist wohl laut Yoshimotos Ankündigung im Buch ihr letzter, da sie sich in den Ruhestand begeben will. Dabei wagt sie sich hier zum Abschluss ihrer Schreibtätigkeit auf Neuland: Sie betritt die Welt der Phantastik. Das macht sie zusammen mit den Leser*innen, indem sie Mimi auf die Suche nach ihrer Familie und zu sich selbst schickt und die Protagonistin nach und nach von den phantastischen Geschichten erfährt (und diese auch hautnah erlebt), die sich um ihr Heimatdorf ranken. Die Autorin verbindet hier wie selbstverständlich Spirituelles, Zombies und Außerirdische mit dem japanischen Alltag und den Mythen.

Leichtigkeit im oft schwierigen Alltag

Wie immer in Yoshimotos Romanen haben es die Charaktere nicht einfach – trotzdem ist den Romanen/dem Schreibstil eine Leichtigkeit zu eigen, die die Leser*innen mühelos durch schwerere Passagen trägt, ohne diese zu verleugnen oder zu verharmlosen. Das habe ich in dieser Art nur bei Banana Yoshimoto jemals gelesen und erlebt, und ich bewundere diese Schreibkunst sehr, v.a. da wir momentan mit Jugend- und Young-Adult-Romanen überschwemmt werden, die sich anscheinend darin überbieten, wie schwer es die Figuren haben und mit wie vielen Traumata belastet sie sind. So liest es sich dann leider oft auch. Das ist und war bei der japanischen Autorin glücklicherweise anders, denn eine gewisse Geborgenheit und ein realistischer Optimismus schwingen immer mit und nehmen sowohl die Figuren als auch die Leser*innen selbst bei schwererer Kost an die Hand und lassen sie damit nicht im Stich. Damit werden Triggerwarnungen wie in o.g. Büchern unnötig.

Entwicklungsroman

Dabei machen alle ihre Figuren, auch in diesem Roman, eine Entwicklung (s. Entwicklungsroman) durch und entdecken ihre eigene Stärke, meist durch eine innere und/oder äußere Reise. Yoshimoto wählt als Hauptfiguren immer Frauen, weshalb ich mich auch gut in die Charaktere hineinversetzen kann. Ganz nebenbei wird auch auf das Thema Integration eingegangen, wenn Yoshimoto z.B. erzählt, wie die taiwanesische Küche in das japanische Dorf Eingang gefunden hat. Oder wie man sich mit freundlicher Offenheit und Neugierde an Leute herantastet, die anders sind. Mischwesen, in diesem Fall Mischlinge hervorgegangen aus Menschen und Außerirdischen, haben einen Platz in der Gesellschaft – sie können Brücken bauen, wenn man sie denn nur ließe. Damit spielt die Autorin natürlich auch auf menschliche Mischlinge an, die Brücken bauen könnten zwischen Völkern. Der Tod wird mit stiller Würde und Respekt behandelt (Grabwächter), aber auch auf die Zombies mit Mitgefühl eingegangen und wie falsch es ist, Tote nicht ruhen zu lassen. Dabei wird nie der pädagogische Zeigefinger erhoben, alles fügt sich ganz natürlich in die Geschichte ein.

Natürlich kommen auch Frauenthemen zum Zug: Mimi z.B. interessiert, ob ihre schwangere Schwester ein übergroßes Baby zur Welt bringen wird – davon hängt schließlich die Gesundheit oder gar das Leben einer Frau ab. Also natürliche Geburt oder Kaiserschnitt? Auch die Schwesternschaft unter Frauen, die vor dem Einbruch des Patriarchats so natürlich war, ist Thema: Die drei Frauen – die beiden Töchter und die Mutter – stehen füreinander ein.

Das Außergewöhnliche im Alltag

Das Außergewöhnliche im Alltag, das bringt Yoshimoto auf den Punkt. Hier ein treffendes Zitat aus dem Buch: „Das ist mal ein seltsames Abenteuer – so ohne jeden Höhepunkt, dachte ich. Keine gerechte Sache, um die es geht, kaum Mysteriöses, nur reichlich Absonderliches, irgendwie banal unspektakulär – normal eigentlich. Vielleicht ist das die Realität: weil es nämlich auch Abenteuer im Alltag gibt.“ (S. 268) Die Phantastik bricht in den Alltag ein, der Alltag in die Phantastik. Das Paranormale ist eigentlich normal und natürlich, auch wenn man es in einer vermeintlich naturwissenschaftlichen Welt verleugnet, da die Naturwissenschaften (noch) nicht in der Lage sind, alles in der Natur Vorkommende zu erfassen.

„Und wie gut wäre es doch, wenn sich die Menschen immer auf solche Weise zwischen dieser und anderen Welten hin- und herbewegen könnten, denn so ließe sich die Traurigkeit auf Erden doch beträchtlich vermindern.“ (S. 268) Yoshimoto spricht hier die Spiritualität im Alltag an, die v.a. eine weibliche Spiritualität war, bevor andere Religionen diese zerschlagen haben. Nicht nur in Japan, auch in Europa finden sich noch Reste dieser weiblichen Spiritualität in Form u.a. von Frau Holle im deutschsprachigen Raum („Frau“ als ehrerbietiger Begriff für eine Göttin): Holle (ihr Baum ist der umfassend heilende Hollunder) als Göttin der Ungeborenen, der Verstorbenen, der den Toten Geborgenheit Gebenden, der Anführerin der Wilden Jagd in den Raunächten, der Heilenden usw. Die Frau u.a. als weise und unabhängige Alte, im Patriarchat als „Hexe“ verteufelt, die Magie im Alltag webt durch ihren reinigenden Besen und ihren transformativen Kessel. All das sieht man übrigens auch in den Animes von Studio Ghibli, aktuell im neuesten in den Kinos laufenden Werk „Der Junge und der Reiher“.

„Wir essen, schlafen und erträumen uns das Leben. Doch müssen wir uns davor hüten, den Traum eines anderen zu träumen. Jeder lebt seinen eigenen Traum, und den respektieren die anderen. So, wie man selbst deren Träume respektiert, ohne sie mit eigenen Vorstellungen auszuschmücken. Die Träume überschneiden sich und stimmen sich allmählich aufeinander ab. Das müssen sie, sie können nicht anders.“ (S. 291) Ganz klar hier der Appell, jede Person so leben und sein zu lassen, wie sie ist und leben möchte. „Jeder einzelne Fehler wurde mir verziehen, jede Marotte toleriert und eins nach dem anderen in Pluspunkte umgewandelt. Langsam, aber sicher löste sich alles in Wohlgefallen auf.“ (S. 301) Aus Fehlern kann man lernen und so mancher Umweg hält einen bunten Strauß an Erfahrungsblumen bereit. Yoshimoto lässt ihre Figuren ihre Erfahrungen machen und Schlüsse daraus ziehen, die sie weiter durch das Leben tragen.

Weitere Werke

Banana Yoshimoto hat u.a. an Büchern geschrieben: Kitchen (ihr bekanntester Roman), Erinnerungen aus der Sackgasse, Tsugumi, Federkleid, Eidechse, Moshi Moshi, N.P., Amrita, Sly, Dornröschenschlaf, Hard Boiled Hard Luck.

Fazit

Banana Yoshimoto hinterlässt als Abschiedsgeschenk an ihre Leser*innen ein Buch, das in bekannter Leichtigkeit trotz Schicksalsschlägen der Figuren daherkommt – und das eine Neuerung bietet: Sie wagt sich mit Erfolg und in ihrer ganz eigenen Interpretation an das Genre der Phantastik heran.


Genre: Entwicklungsroman, Mystery, Phantastik
Illustrated by Diogenes

Melody

Cover Suter MelodyMartin Suter ist ein Autor, der meisterhaft erzählen kann. Sein Roman »Melody« steht für dieses handwerkliche Vermögen. Mit geschickt belegten Häppchen fördert er den Appetit des Lesers und lockt ihn vordergründig in die Geschichte einer großen Liebe. Seine auf den ersten Blick melodramatische Schilderung der unerfüllten Liebe eines alten Mannes zu einer bildschönen jungen Frau aus einem anderen Kulturkreis entwickelt er mit vielen geschickt eingebauten Cliffhangern und Wendungen durchaus spannend bis zur letzten Seite und beleuchtet dabei sein Thema immer wieder neu. Weiterlesen


Genre: Liebesgeschichte, Roman
Illustrated by Diogenes

Als wir Vögel waren

Als wir Vögel waren – neu bei Diogenes

Als wir Vögel waren. Trinidad ist für Calypso, Chutney, Limbo, Rapso und Soca und den nach dem in Rio de Janeiro zweitbedeutendsten Karneval der Welt bekannt. Aber nun wird die Karibikinsel auch für “Als wir Vögel waren” bekannt werden, die Heimat der 1980 dort geborenen und heute in London lebenden Autorin Ayanna Lloyd Banwo. Bisher erschienen zwar erst Kurzgeschichten in verschiedenen Publikationen, aber mit ihrem Romanerstling wird dies wohl bald anders werden.

Fidelis oder ein neuer Anfang

Dabei ist die Geschichte, die sie erzählt, so gar nicht ins Klischee des karibischen Flairs der Lebenslust und bunten Freude passend. Banwo erzählt darin zwar eine Liebesgeschichte, die zwischen dem jungen Rastafari Darwin und Yejide, einer Seherin, die sich auf höchst ungewöhnliche Weise kennen und lieben lernen, aber eine, die völlig frei von herkömmlicher Romantik und Hollywood-Schmafu ist. Emmanuel Darwin, der bei seiner Mutter ohne Vater aufwächst, findet nach langer Suche endlich einen Job, allerdings ein Job, den ihm seine Religion verbietet. Auch seine Mutter hat einiges dagegen einzuwenden, und so muss er sich von ihr, die außerhalb der Stadt lebt, trennen und in die Stadt (“Babylon”) ziehen, in die Nähe des Friedhofs Fidelis. Er hat dort als Totengräber angeheuert und seine neuen Kollegen und sein Chef sind abgebrühte Jungs, die gerne mal einen trinken, auch das etwas, was ein Rastafari niemals tun würde.

Darwin und Yejide

Darwin raucht lieber ab und zu von dem heiligen Kraut, aber auch das in Maßen, schließlich ist die Arbeit, die er annimmt, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch schwer zu verarbeiten. Eines Tages lernt er in der Verwaltung dieses Friedhofs eine Frau kennen, die darauf besteht, dass ihre Mutter auf demselben Grab wie ihre Tante begraben wird. Allerdings gibt es dabei die Schwierigkeit, dass ihre Tante damals nicht tief genug gelegt wurde und sich zwei Särge übereinander nicht ausgehen könnten. Darwin nimmt sich – trotz des Gespötts seiner Kollegen – dem Anliegen der jungen Frau, Yejide, an. Vielleicht auch deswegen weil er sich sofort in sie verliebt. Aber das darf natürlich niemand wissen.

Karibische Melancholie und Hoffnung

Die kriminellen Machenschaften seiner Kumpane und die Suche nach seinem verschwundenen Vater sind nur zwei von vielen Schwierigkeiten gegen die die junge und neu erwachte Liebe der beiden ankommen muss, aber sie können es schaffen, wenn sie zusammenhalten und mutig genug sind. Ayanna Lloyd Banwo holt in ihrem ersten Roman weit aus, erzählt von einer Zeit als wir Vögel waren und die Corbeaux (Raben) alles überwachten. Ganz so wie in der Erzählung von Yejides Großmutter, aus einer Zeit vor der Zeit. Sie erzählt auch von der Trennung des Sohnes von der Mutter, der trotz seiner Trennungsschmerzen weiß, dass er nicht ewig bei ihr bleiben kann und gehen muss. Nicht nur um seinen Vater zu finden, sondern vor allem um sich selbst zu finden. Der Abschied des Sohnes von der Mutter ist ein Aufbruch in eine Welt, in der niemand sich um seine Seele kümmern wird, ruft sie ihm nach. Aber Darwin selbst wird nun zum Herr seines Schicksals und dem Kapitän seiner Seele. Das wird auch für seine Mutter Früchte tragen, wie wir am Ende des Romans erfahren.

Als wir Vögel waren

Trauer hat keine Ende – sie ist kein Seil“, aber dennoch gelingt es Darwin, draußen in der Welt zu bestehen und seinen Weg zu gehen, der ihn auch zu seinem Vater führt, ein Mann, der ihm gar nicht so unähnlich ist. Ayanna Lloyd Banwo erzählt ihre Geschichte in einer wunderbaren Sprache, frei von Schnörkeln und voller Hoffnung für die Zukunft. “Weißt du, ich glaub an das Leben, und das Leben ist ziemlich einfach – gut leben, hart arbeiten, Leuten helfen, wenn man kann, sich ein reines Herz bewahren, positiv denken, aber die letzte Zeit… Irgendwie hab ich mich auf die Weg verirrt und weißt nicht mal warum.” Aber mit der Liebe als Kompass wird Emmanuel Darwin auch dieses Problem lösen. Er ist nun ein Mann und Yejide seine Frau.

Ayanna Lloyd Banwo
Als wir Vögel waren. Roman
Aus dem trinidad-kreolischen Englisch von Michaela Grabinger
2023, Hardcover Leinen, 352 Seiten
ISBN: 978-3-257-07224-2
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
diogenes


Genre: Gesellschaftsroman
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Die Kakerlake

Zuallererst: Nicht überall, wo Ian McEwan drauf steht, ist auch Ian McEwan drin. Wer als Leser also das übliche, flüssig-harmonische Gleiten einer bisweilen pointierten, aber immer eingängigen Handlung wie in „Honig“ oder „Solar“ erwartet, sei vorgewarnt. Surrealistische Trends wie in „Der Tagträumer“ haben bereits aufblitzen lassen, dass der Autor auch anders kann, wenn er will. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Humor und Satire, Politik und Gesellschaft, Roman
Illustrated by Diogenes

Die Heldin reist

Doris Dörrie reist und berichtet gerne davon, meist erzählt sie von den Ländern, in denen sie besonders Wichtiges erlebt hatte: den USA und Japan. Hier geht es um drei Reisen, die sie 2019 in diese beiden Länder geführt haben, und auch nach Marokko.

Danach, in den Corona Jahren, gibt sie diesen Erfahrungen den Rahmen eines Heldenfilmes, etwa den eines Western, was macht einen Helden aus, was eine Heldin? Sogar einen Begriff gibt es: „Monomythos des Helden“, so wie bei „Jesus und Buddha, minus Haus, Auto und Frau.“

Wenn sie in die USA einreist, gibt sie allerdings als Beruf immer „Hausfrau“ an, der traut kein immigration officer etwas Böses zu. In Kalifornien liegt sie dann mit gleichaltrigen Freundinnen am Strand und sie freuen sich, dass sie das können, als Frauen finanziell unabhängig sein und frei das Leben und auch das Älterwerden genießen.

So plätschert die Erzählung dahin, so kenne ich Doris Dörrie und mag sie. Aber dann kommen Widersprüche, in Japan trifft sie Tatsu, die in Deutschland Gesang studiert hatte (in Hannover, wo Frau Dörrie herkommt!) und von ihrem Schicksal berichtet, sie ist stark übergewichtig, verdrückt während des Gespräches zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte, und das in Japan, wo das body shaming viel wichtiger ist als in Deutschland. Frau Dörrie kennt das, sie ist ‚mal in München mit einem Fat-suit ausgegangen und hat es selbst erlebt, Tatsu weiß, als Dicke kannst Du Dich in der Wohnung verstecken, denn jeder Gang nach draußen ist heldinnenhaft. Sind das also die Heldentaten der Frauen? Bei der Leserin, die glaubt, in einem postheroischen Zeitalter zu leben, wächst das Interesse.

Es geht um die Freundinnen, die ihr Frauenschicksal nicht immer nur ertragen, mal auch genießen können, zu denen Doris Dörrie eine vertrauensvolle Beziehung hat, und die nun ihr Älterwerden reflektieren.

Zwei Dinge fand ich besonders: Als sie eine junge Studentin in den USA war, schreibt sie ihren Eltern ausführlich von ihrem Liebesleben, auch, als sie vor Liebeskummer todtraurig war. Und dann geht diese mutige, so offene und so coole Frau über Jahre eine toxische Beziehung ein. Was sie wohl beim nächsten Buch offenbaren wird?


Genre: Abenteuer, Reisen
Illustrated by Diogenes

Solar

Nicht, dass ich ein Anhänger irgendwelcher Kategorisierungen wäre. Nein, im Gegenteil. Schon immer empfinde ich diese zwanghafte Penetranz der Verlage, jedem Buch einen Genre-Stempel aufzudrücken, eher als Ausdruck ihrer eigenen anachronistischen Rigidität. Aber bei Ian McEwans „Solar“ fragt man sich dann doch schon mal, was ist das eigentlich?

Obwohl der Autor sich profunde Kenntnisse in Wind- und Solarenergie erworben hat und diese auch zielsicher und kompetent einfliessen lässt, ist es sicher kein Sachbuch. Es geht um ein (Liebes)Paar, eine Schwangerschaft und um fünf gescheiterte Ehen, aber es ist sicher kein Liebesroman. Es geht um einen Frauenheld mit einigen amourösen Eskapaden, aber ein erotischer Roman ist es auch nicht. Obwohl das Ableben eines Protagonisten durch stumpfe Gewalteinwirkung mit Todesfolge eine zentrale Rolle spielt, ist es sicher kein Kriminalroman. Ich verzichte auf weitere Analogien.

Eigentlich geht es in erster Linie um Michael Beard. Er ist die zentrale Romanfigur, um die sich die gesamte Handlung rankt und die McEwan mit erzählerischer Leichtigkeit und viel Humor aufbaut. Aber dennoch reisst der Autor diesem hochgelobten Physiker Beard als stereotypem Inbegriff eines karrieresüchtigen Akademikers – stellvertretend für alle (vor allem männliche) Vertreter seiner Gattung – die schnöde Maske der Ehrenhaftigkeit vom Gesicht. Einmal in seinem Leben hat er eine wissenschaftlich herausragende Leistung vollbracht und zehrt den Rest seines Lebens vom Beard-Einstein-Theorem. Weil das Nobelpreis-Komitee in Schweden sich nicht zwischen zwei anderen Kandidaten entscheiden konnte, wurde Beard der Preis sozusagen als Notlösung verliehen, was als unaufhaltsamer Karriere-Impuls für den Rest des Lebens genügte. Einladungen zu Kongressen aller Art waren garantiert, hoch dotierte Vorträge waren willkommen, die Zugehörigkeiten zu Expertengremien schier unüberschaubar. Wie so viele reale promovierte und habilitierte Akademiker nutzt die Romanfigur Beard das Prestige, um als evolutionäres Alpha-Tier in rascher Folge wahllose und flüchtige Bekanntschaften in seinem weiblichen Umfeld zu erobern, scheinbar als Zeichen seiner maskulinen Größe, aber de facto eigentlich zur immer wiederkehrenden Therapie seines schwachen Selbstwertgefühls. Und als sich die Chance ergibt, schmückt man sich skrupellos mit fremden Lorbeeren. Willkommen im Sumpf der Krokodile.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Literaturwissenschaftler Ian McEwan dank seines universitären Lebenslaufs und ganz viel literarischem Talent nicht nur einen absolut lesenswerten Schreibstil hat, sondern – wie auch der Rezensent – mit den soziologischen Verhaltensweisen in akademischen Kreisen bestens vertraut ist.

Somit ist „Solar“ am ehesten zeitgenössische Literatur mit einem ganz hervorragendem Stil und mit vielen gesellschaftlichen Einblicken, präsentiert am Prototyp Michel Beard, einem Wissenschaftler, Menschen und Mann.


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Roman
Illustrated by Diogenes