Melody

Cover Suter MelodyMartin Suter ist ein Autor, der meisterhaft erzählen kann. Sein Roman »Melody« steht für dieses handwerkliche Vermögen. Mit geschickt belegten Häppchen fördert er den Appetit des Lesers und lockt ihn vordergründig in die Geschichte einer großen Liebe. Seine auf den ersten Blick melodramatische Schilderung der unerfüllten Liebe eines alten Mannes zu einer bildschönen jungen Frau aus einem anderen Kulturkreis entwickelt er mit vielen geschickt eingebauten Cliffhangern und Wendungen durchaus spannend bis zur letzten Seite und beleuchtet dabei sein Thema immer wieder neu.

Ein millionenschwerer Schweizer Nationalrat liegt im Sterben und beauftragt einen jungen Rechtsanwalt, seine Unterlagen und Aufzeichnungen zu ordnen, um auch seinen Nachruf mitbestimmen zu können. Obwohl er als Militär, Geschäftsmann und mächtiger Strippenzieher hinter den Kulissen enorm erfolgreich war, scheint ihm zum Lebensausklang nur noch wichtig, sich selbst als einen Mann darzustellen, der zeitlebens einer großen Liebe nachhing.

Gegenstand seiner Hingabe ist eine junge Buchhändlerin namens Melody, in die er sich unsterblich verliebt. Er nähert sich ihr, sie verloben sich heimlich und erleben eine böse Konfrontation mit ihren Eltern, die als strenggläubige Muslimen keine Heirat mit einem Ungläubigen akzeptieren wollen.

Nun scheint der weitere Verlauf der Handlung klar: Sie bricht mit ihrer Familie, die beiden planen die Hochzeit, ein sündhaft teures Brautkleid hängt schon bereit. Da verschwindet Melody wenige Tage vor dem Standesamtstermin aus dem Gesichtskreis des Herrn Nationalrats. Wurde sie von ihrem Bruder in ihre marokkanische Heimat verschleppt oder zur Wiederherstellung der Familienehre ermordet? Oder hatte die junge Frau einfach keinen Bock auf einen älteren Gemahl? Der steinreiche Alte macht sich auf die Suche, und erzählt all dies seinem jungen Nachlassverwalter, der in jedem Winkel der Villa seines Auftraggebers auf Altäre für Melody stößt.

Der wiederum schließt sich der nahezu fanatischen Suche nach dem Verbleib der schönen Marokkanerin an und wird schlussendlich nach dem Ableben seines Klienten fündig. Zug um Zug stößt er bei seinen Recherchen auf Ungereimtheiten mit dem ihm geschilderten Lebenslauf seines Auftraggebers und kommt der wahren Geschichte auf die Spur.

Suter versteht es, den Gedanken seines Landsmannes Max Frisch zu thematisieren, der in »Gestatten, mein Name ist Gantenbein« schrieb: »Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält So wird die Geschichte um die geheimnisvolle Melody auch zu einer Auseinandersetzung um subjektive Wahrheiten und den Umgang damit.

Das in jeder Hinsicht lesenswerte Buch beschert auch in feinsprachlicher Hinsicht Freude. Sätze wie »Ariadne brachte die Okras. Eine späte Möwe schrie, und der aufgeregte Motor eines Mopeds war zu hören« zeigen, wie Suter mit Bildern und Begriffen formt und gestaltet. Der geschmeidig geschriebene Roman der gehobenen Unterhaltungsklasse zeichnet sich durch elegante und flüssige Sprache aus, die den Leser tief in die Handlung und Charakterentwicklung seiner Figuren tauchen lässt.


Genre: Liebesgeschichte, Roman
Illustrated by Diogenes

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