Sand

herrndorf-1Sie dürfen Watson zu mir sagen

Titel wie Umschlagbild dieses Romans deuten zwar auf den Schauplatz der Handlung hin, Genaueres erfährt man aber nicht, man darf vermuten – Marokko, glauben viele. In seiner vielfach hoch gelobten und entsprechend prämierten Parodie eines Agententhrillers bleibt die Örtlichkeit nicht das Einzige, was nebulös ist. Und wenn der Klappentext den palästinensischen Terroranschlag bei der Olympiade erwähnt, ist damit zwar 1972 als Zeit bestimmt, der Leser so aber auch auf eine falsche Fährte geführt, die Untat der Gruppe «Schwarzer September» in München hat nämlich keinerlei Bezug zur Handlung.

Unglaublich einfallsreich schildert Herrndorf in diesem für den Leser mitunter psychedelischen Roman eine haarsträubende Geschichte, bei der man keinen festen Boden unter die Füße bekommt, sondern im Treibsand des Aberwitzigen versinkt. Man kann den Plot als abenteuerliches Verwirrspiel in der Wüste bezeichnen, findet dort ein wahrhaft irres Szenario vor und bekommt auch noch viel Sand in die Augen gestreut. Total skurrile Figuren geraten in völlig absurde Situationen, geschrieben ist dieser bilderreiche literarische Slapstick jedoch in einer knappen, kristallklaren, punktgenauen Sprache, die blitzgescheit und tiefgründig ist, aber Gott sei Dank nicht manieriert.

Wie so oft in anspruchsvolleren Büchern liegt das Besondere in den vielen kleinen, unscheinbaren Details, die ich passend zum Handlungsort als dichterische Arabesken bezeichnen möchte. Köstlich zum Beispiel die Mentalitätsbeschreibung der Araber oder der Lehrlingsschabernack mit Siemens Lufthaken und dem verlängerten Augenmaß. Erstaunt erfährt man sogar von einer zweiten Dreyfus-Affäre: Ein der künstlichen Intelligenz ablehnend gegenüberstehender Philosoph namens Dreyfus ist nach dem verlorenen Schachspiel mit einem frühen Computer der erste Mensch, «der dümmer war als ein paar Kupferdrähte»! Oder der falsche Psychiater, der seinen unter Amnesie leidenden Patienten wegen dessen Schlussfolgerungen erstaunt als Sherlock Holmes bezeichnet und nonchalant hinzufügt: «Sie dürfen Watson zu mir sagen»!

Ein sehr zu lobendes Stilmittel des Autors ist das häufige Rekapitulieren des bisher Geschehenen durch die Protagonisten, im Gespräch oder rein gedanklich. Man kann dem turbulenten Geschehen so leichter folgen, auch wenn man kein Detektivspiel aus der Lektüre machen, nicht alles genau analysieren will. Zartbesaitete müssen dann gegen Ende allerdings einiges aushalten, geradezu sadistisch wir da gefoltert, aber diese Brutalitäten sind natürlich ebenfalls satirisch überzeichnet. Und auch die Zitate am Anfang jedes der 68 Buchkapitel relativieren den nachfolgenden Text, bilden somit ein Gegengewicht zu manch Brutalem.

«Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen» schreibt Herrndorf gegen Ende und macht damit die Fiktion überdeutlich, auch für Diejenigen also, die immer alles ganz ernst nehmen. Folglich werden in den letzten zwei Kapiteln amüsant und locker, als Zugabe quasi, noch einige Fragen geklärt, die dem braven Leser auf der Seele brennen, und dazu gehört auch der Verbleib jener Minen, denen man auf 475 Seiten irritiert hinterher gehechelt ist, wobei man sich bestens unterhalten hat – die entsprechende Mentalität vorausgesetzt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Schall und Wahn

faulkner-3Read it four times

Nach eigenem Bekunden war «Schall und Wahn» für William Faulkner «das wichtigste, ihm liebste seiner Bücher», merkt Frank Heibert im lesenswerten Nachwort zu seiner jüngst erschienenen Neuübersetzung an. Als Südstaatler hat sich Faulkner in seinem Werk immer wieder der Tragik seiner Heimat gewidmet, eine «kraftvolle und künstlerisch selbstständige Leistung in Amerikas Romanliteratur», wie das Nobelkomitee 1949 befand.

Erzählt wird der Niedergang der Familie Compson, deren Wurzeln in der fiktiven Stadt Jefferson bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen. Der Roman ist vierteilig aufgebaut und überrascht seine Leser gleich im ersten Teil, welcher aus einer wahrhaft ungewöhnlichen Perspektive erzählt ist, der des 33jährigen, schwachsinnigen Benjamin Compson. Geistig auf dem Niveau eines Kleinkindes, kann er nicht sprechen, gleichwohl lässt der Autor ihn als Ich-Erzähler fungieren, was stilistisch durch eine ebenso chaotische wie surreale Erzählweise realisiert ist, die dem Leser von Beginn an viel Geduld abverlangt. In einem Zeitsprung von 18 Jahren, zurück auf das Jahr 1910, erleben wir im zweiten Teil dessen Bruder Quentin als Ich-Erzähler an seinem Todestage in Harvard, am Ende seines Studiums. Er erträgt die Beherrschung nicht mehr, sich der inzestuösen Liebe zu seiner Schwester Caddy zu enthalten, und ertränkt sich.

Der jüngste Bruder Jason ist Protagonist des dritten Teils, in dem, jetzt wiederum aus einer weiteren Ich-Perspektive, seine Rolle als Familienvorstand erzählt wird, eine Aufgabe, an der er scheitern muss. Er hat sich an der Börse verspekuliert, und seine Nichte stielt ihm auch noch alle seine Ersparnisse und brennt mit einem Schausteller durch. Abgeschlossen wird dieser Roman vom Untergang einer einst stolzen Familie im vierten Teil mit der auktorial erzählten Lebenswelt der gutmütigen schwarzen Hausangestellten Dilsey, die mit Mann und Kindern im Nebenhaus wohnt und bemüht ist, das desaströse Familiengefüge der Compsons wenigstens einigermaßen intakt zu halten. Aus dieser Außenperspektive heraus wollte der Autor seine Geschichte, wie er selbst sagte, noch ein viertes Mal erzählen, jetzt jedoch aus einer gewissen Distanz.

Sieben Jahre nach dem «Ulysses» von Joyce benutzt auch Faulkner in längeren Passagen, insbesondere in der ersten Hälfte seines vierten Romans, den Bewusstseinsstrom als modernes Stilmittel. Vom Verlag auf dem Buchumschlag als «eines der sieben stilistischen Weltwunder des 20.Jahrhunderts» gefeiert, brennt er ein literarisches Feuerwerk ab, wie man es selten findet, und führt damit unbeirrt alle Lesegewohnheiten ad absurdum. Ihm zu folgen ist Schwerstarbeit in vielerlei Hinsicht, das beginnt schon bei seinen Figuren, die nicht nur unter verschiedenen Namen auftreten, sondern ihren Namen zuweilen mit anderen Figuren teilen. Quentin ist einmal er, der Sohn, im gleichen Satz aber auch sie, die uneheliche Tochter der Schwester nämlich, und Faulkner lässt uns im Ungewissen, wen von den beiden er denn meint. Mit rigoroser Negierung aller Regeln von Satzbau und Grammatik, einem besonders in den ersten beiden Teilen häufigen Stilmittel, das sich gleitend bis hin zum interpunktionslosen Text in Kleinschreibung entwickelt, der seitenlange Passagen einnimmt, wird dem arglosen Leser viel Geduld abgefordert, detektivische Scharfsicht sowieso. Ganz abgesehen davon, dass dem Allen erwartungsgemäß keine stringente Handlung zugrunde liegt und auch kein hilfreicher roter Faden das Verständnis fördert, sind die vielen undurchschaubaren Zeitsprünge ebenfalls kontraproduktiv für den Leser. Darauf angesprochen, dass manche Leser selbst nach dreimaligem Lesen noch immer Verständnisprobleme hätten, war Faulkners lapidare Empfehlung: »Read it four times». Allerdings, das sei noch angemerkt, erleichtern sowohl Faulkners später hinzugefügter Appendix (sic!) sowie das ausführliche Nachwort des Übersetzers das Verständnis ungemein. Ich empfehle dringend, Beides vorab zu lesen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Schloß Gripsholm

tucholsky-1Ich dichte erst ab 12 %

Es gibt nur wenige Schriftsteller, die derart vielseitig geschrieben haben wie Kurt Tucholsky, der als kritischer und weitsichtiger politischer Journalist ebenso erfolgreich war wie als Publizist, Kritiker für Literatur, Film und Musik, als Kabarettautor, Lyriker und nicht zuletzt als Satiriker. Schloß Gripsholm, sein 1931 erstmals erschienener, berühmter «Sommerroman» wurde ein großer Publikumserfolg, er gehört zu den heiteren Erzählungen, die ihm hier nach anfänglichem Sträuben letztendlich doch locker und leicht aus der Feder geflossen ist. Der Erfolg beim Publikum war entsprechend, es folgten immer wieder neue Auflagen. Der notorische Schürzenjäger Tucholsky berichtet von einem Liebesurlaub mit seiner Freundin in Schweden, dessen immer nur ganz dezent angedeutete erotische Komponente der Geschichte eine gewisse Würze verleiht. In einer Art Vorspiel zum Roman ist ein fiktiver Briefwechsel des Autors mit seinem Verleger Ernst Rowohlt abgedruckt, der ihn auffordert, doch mal eine «kleine Liebesgeschichte» zu schreiben. Im Antwortbrief auf die Prozentzahl an Rezensionsexemplare angesprochen bietet ihm Rowohlt 14% an, was der Autor ablehnt: «Bei 14% fällt mir bestimmt nichts ein – ich dichte erst ab 12%.»

«Sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia» heißt es im ersten Satz von der Sekretärin, die mit dem Ich-Erzähler Peter ein unkonventionelles Liebespaar bildet, das für fünf Wochen nach Schweden reist, um dort die Seele baumeln zu lassen, sich gründlich zu erholen. Lydia ist gleichzeitig guter Kumpel und engelsgleiche Geliebte für Peter, der sie zumeist «Prinzessin» nennt und unsterblich verliebt ist in sie. Als er sie kennenlernte als balzender Mann, «beleuchtete ich alle Schaufenster meines Herzens. Und dann sprachen wir von der Liebe. Das ist wie bei einer bayerischen Rauferei – die raufen auch erst mit Worten.» Ihr Ferienquartier wird nun Schloß Gripsholm, wo sie in einem Anbau fern von den Touristen genau das finden, was sie suchen: Nichtstun, Faulsein, heiter verliebt die Natur genießen. Der Besuch von Karlchen, einem guten Freund von Peter, unterbricht ihre Idylle für einige Tage, danach taucht plötzlich auch Billy auf, Lydias beste Freundin, die sich von ihrem Liebhaber getrennt hat.

Bei einem ihrer Streifzüge durch die Gegend treffen die Prinzessin und Peter auf Ada, ein kleines, offensichtlich tief verstörtes Mädchen, das in einem Kinderheim lebt und dort von der tyrannischen Leiterin gequält wird. Es gelingt ihnen, die in der Schweiz lebende Mutter davon zu überzeugen, das Kind zu sich zurückzuholen. Dieser zweite Handlungsfaden rückt die Realität wieder etwas mehr in den Vordergrund, brutale Gewalt der Herrschenden den hilflos Unterdrückten gegenüber beschwört bei Peter den Albtraum eines Gladiatorenkampfes herauf, bei dem nichts als die nackte Gewalt regiert. Eine Idylle wie die im Schloß Gripsholm ist also nur auf Zeit vorstellbar, eine ernüchternde Erkenntnis für die beiden Turteltauben. Nach gemeinsamem Kreuzworträtselraten mit Billy kommt es am Ende zu einer Liebesnacht zu dritt, ganz unkonventionell genießen die Urlauber die Unbeschwertheit ihrer schönen Ferientage.

Tucholsky schreibt witzig, verschmitzt, lakonisch, geistreich, weitsichtig. Er benutzt, Gott sei Dank nur im kurzen Abschnitten, plattdeutsch und andere Idiome, was einerseits erheiternd ist, andererseits aber auch den Lesefluss erheblich stört. Sein kreativer Schreibstil ist durch überraschende Wortschöpfungen und verblüffende Gedankengänge geprägt, die satirische Komponente seiner Erzählung wird durch kluge Reflexionen ergänzt. Bei alldem schwingt unübersehbar im Hintergrund oft auch eine gewisse Melancholie mit, die vielbeschworene leichte Sommergeschichte ist jedenfalls nicht ganz so unbeschwert, wie sie vielen Lesern erscheint. Insoweit ist Schloß Gripsholm ein lesenswertes Buch, das oft unterschätzt wird und weit mehr Tiefgang bietet als eine typische Liebesgeschichte das jemals kann.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Bonita Avenue

buwalda-1Ein literarisches Enschede

Mit dem so gar nicht an Holland erinnernden Titel «Bonita Avenue» für seinen Debütroman hat Peter Buwalda auf Anhieb einen Bestseller geschrieben, der anderthalb Jahre die niederländische Bestsellerliste bevölkert hat und inzwischen auch in einigen Übersetzungen vorliegt. Nun gilt heutzutage, hier wie dort, für anspruchsvollere Leser die aus leidvoller Erfahrung aufgestellte Regel: Vorsicht vor Bestsellern! Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel, wie man weiß. Liegt hier eine solche Ausnahme vor?

Der dickleibige Band mit mehr als sechshundert Seiten ist eine Familiensaga der besondern Art, in dem die heutige Zeit mit ihren Patchwork-Idyllen ad absurdum geführt wird. Seine Geschichte ist singulär angelegt, die niederländische Gesellschaft spielt nur eine Nebenrolle, sie wird nicht widergespiegelt in dem turbulenten Geschehen um die Familie Sigerius. Ganz genüsslich demontiert der Autor seine wenigen Figuren, nachdem er sie zunächst als erfolgreiche Idealtypen aufgebaut hat. Und deren wichtigste ist Siem Sigerius, einst erfolgreicher Judoka, der nach einem Unfall die vielversprechende sportliche Karriere aufgegeben muss und auf dem Krankenbett zufällig sein mathematisches Talent entdeckt. Es folgt eine kometenhafte akademische Laufbahn, die ihren Höhepunkt in seiner Berufung als Wissenschaftsminister erreicht. Seine privaten Verhältnisse gestalten sich weniger glamourös, er trennt sich von seiner ersten Frau Margriet, mit der er einen missratenen Sohn namens Wilbert hat, und heiratet die Nachbarin, die aus erster Ehe zwei Töchter mitbringt, Joni und Janis. Als die alkoholkranke Margriet stirbt, nimmt Siem seinen Sohn bei sich auf, ein Fehler, wie er bald merkt. Als sich die Probleme mit Wilbert häufen, nutzt er einen Vorfall, um ihn durch eine Falschaussage von Joni hinter Gitter zu bringen. Kaum entlassen wird er zum Mörder und nun auf lange Zeit weggesperrt. Seine aufgestaute Rache entlädt sich schließlich nach seiner vorzeitigen Freilassung und führt zu einem aberwitzigen Schluss in bester Horrorfilm-Tradition.

Buwalda arbeitet mit brachialer Gewalt bei der Demaskierung seiner Hauptfiguren, zu denen neben Siem dessen ebenso intelligente wie attraktive Stieftochter Joni und deren Freund Aaron gehören. Die beiden betreiben heimlich eine erfolgreiche Pornoseite im Internet, bei der Joni als Akteurin fungiert und Aaron als Fotograf, was die beiden schnell zu Millionären macht. Auf Wirkung bedacht baut der Autor das Unglück von Enschede im Jahre 2000 in seine Geschichte mit ein, und analog der Explosion der dortigen Feuerwerksfabrik fliegt auch die geheime Pornoseite auf, und das fragile Familiengebäude wird ebenfalls zerstört. Die beiden trennen sich, Joni flüchtet vor dem Zorn des prominenten Vaters in die USA, der paranoide Aaron landet am Ende in der Psychiatrie.

Der turbulente Plot wird in verschiedenen Zeitebenen und aus wechselnden Perspektiven erzählt, in der dritten Person aus der von Siem und Aaron, Joni tritt als Ich-Erzählerin auf. Die manchmal abrupten Handlungssprünge erfordern erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers. Einen breiten Raum nimmt die Welt der Universität ein, der Judo-Sport wird ausgiebig beschrieben, das frühe Internet sowie die sich daraus entwickelnde Pornobranche. Glücklich war die Familie nur in den Jahren, als sie in der titelgebenden «Bonita Avenue» in den USA wohnte, die holländische Heimat hingegen führt für sie alle in die Katastrophe, «eine Tragödie ohne auch nur die Spur einer Katharsis», wie Siem beim Showdown im Roman betroffen feststellt. Die verstörende Geschichte, die an der Normalität so gar kein Interesse hat, erscheint in Vielem maßlos übertrieben und lässt, in toto erzählt wie sie ist, für eigene Interpretationen keinen Raum. Der Autor lässt es richtig krachen, Zwischentöne sind nicht zugelassen in seinem zerstörerischen Plot, eine geradezu pyrotechnische Prosa, ein literarisches Enschede sozusagen.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Das Attentat

mulisch-1Parabel vom Tyrannenmord

Es war ein Spielfilm, der mir den Schriftsteller Harry Mulisch nahegebracht hat und den ich damals so gut fand, dass ich den zugrunde liegenden, gleichnamigen Roman später dann auch noch gelesen habe, «Die Entdeckung des Himmels». Dieser Roman und der vorliegende, zehn Jahre früher 1982 erschienene mit dem Titel «Das Attentat», fanden im umfangreichen Werk dieses hochangesehenen holländischen Autors am meisten Beachtung. Was genau den Charme seiner Erzählungen ausmacht, wurde mir in «Siegfried» am deutlichsten, dem Roman über den Sohn Adolf Hitlers. Es sind seine genial konstruierten, phantasievollen Plots, kühn und kreativ erdacht und ohne schmückendes Beiwerk zielgerichtet erzählt. Ein erzählerisch logischer Ablauf, der frei bleibt von Ungereimtheiten und gleichermaßen faszinierend, unterhaltend und zuweilen sogar noch bereichernd wirkt. Derart unterschiedliche Sujets findet man eher selten bei zeitgenössischen Romanciers, die doch oft ein ganz spezifisches Herzensthema haben und es mehr oder weniger gekonnt variieren.

Während in den genannten anderen beiden Romanen religiös mystische und politisch historische Fiktionen thematisiert werden, handelt «Das Attentat» eher realitätsnah von den Hintergründen und Auswirkungen des Tyrannenmordes. Hier am Beispiel eines gegen Ende des Zweiten Weltkrieges im Januar 1945 in den besetzten Niederlanden durch Widerstandskämpfer erschossenen holländischen Polizisten, einer Tat, die vielfältige Folgen hat. In fünf mit Jahreszahlen versehenen Episoden von 1945 bis zur Gegenwart 1981 (der Roman wurde im ersten Halbjahr 1982 geschrieben) und mit einem Prolog über den Tatort schildert der auktoriale Erzähler das Attentat auf den verhassten Kollaborateur aus der Perspektive von Anton, einem zwölfjährigen Jungen. Die Handlung ist ebenso spannend wie komplex, sie hier detailliert zu erzählen würde den Spaß am Lesen deutlich mindern, denn sie ist literarisch das alles dominierende Kernelement des Romans, ich beschränke mich deshalb auf einige Eckpunkte.

Die Vergeltungsaktion der Nazis ist dramatisch und macht Anton zum Waisen. Er kommt bei Verwandten unter und wird Anästhesist. Obwohl er glaubt, das traumatische Geschehen vergessen zu können, die Schrecken seiner Jugend überwunden zu haben, holt ihn die Vergangenheit immer wieder ein. Ungewollt führen Ereignisse und zufällige Begegnungen für ihn zu neuen, weiteren Erkenntnissen, die sich puzzleartig ergänzen und den Widerstrebenden dann doch zur Auseinandersetzung zwingen, auch wenn dies bei ihm sogar psychosomatische Wirkungen hervorruft. Mulisch verarbeitet geschickt die Themen Schuld, Rache, Verantwortung, Moral, indem er These und Antithese gegenüberstellt, speziell die Wechselwirkungen zwischen Täter und Opfer beleuchtet, und indem er Gewalt und Gegengewalt zu begründen sucht in einem komplizierten Prozess der Vergangenheitsbewältigung, dessen Argumentationen durchweg plausibel erscheinen.

Erzählt wird diese Geschichte in einer klaren, leicht lesbaren Sprache, wobei der überkonstruiert wirkende Plot mit seinem Zuviel an Zufällen zum großen Teil mit realistischen, ungekünstelten Dialogen vorangetrieben wird. Die Figuren, allen voran der Protagonist Anton, erscheinen merkwürdig blutleer, und ganz ähnlich verhält es sich auch in ihren Beziehungen zueinander. Liebe und Freundschaft werden kaum überzeugend dargestellt, Persönliches bleibt weitgehend ausgeblendet, den Ehefrauen und Kindern des Helden sind bemerkenswerter Weise nur ein paar spärliche Zeilen gewidmet, emotionale Nähe fehlt weitgehend. So was wie Empathie kommt da nicht wirklich auf beim Lesen. Handlungsorientierte Leser jedoch dürften jubeln über eine spannende Story zu einem wichtigen Thema, die zum Nachdenken zwingt über eine nicht allzu ferne Vergangenheit. Die wird hier zwar literarisch nüchtern, aber recht intelligent in einer Parabel aufgearbeitet, die für ein uraltes philosophisches Schlüsselproblem steht, das des Tyrannenmordes.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Ein sanfter Tod

beauvoir-1Meistverdrängtes Menschheitstrauma

Das Werk der französischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir ist neben seiner explizit philosophischen Ausrichtung oft auch autobiografisch geprägt, dem 1964 erschienenen Roman «Ein sanfter Tod» liegt dieses für sie spezifische Sujet ebenfalls zugrunde. Es geht um den Tod ihrer Mutter, mit der die Autorin lebenslang ein gespanntes, distanziertes Verhältnis hatte, das sich nun im Sterbeprozess zu verändern beginnt. In den sechs Jahre vorher erschienenen «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause» hatte die Autorin die Vorgeschichte der Entfremdung mit ihrer Mutter sehr detailliert beschrieben. Im vorliegenden Roman nun greift de Beauvoir darauf zurück, sie erwähnt das der damaligen Veröffentlichung folgende Zerwürfnis. Die jüngere Schwester übernahm es dann, die erboste Mutter zu beschwichtigen. «Ich begnügte mich damit, ihr einen Blumenstrauß zu schicken und mich wegen eines Wortes zu entschuldigen; das rührte und verblüffte sie übrigens. Eines Tages sagte sie zu mir: Eltern verstehen ihre Kinder nicht, aber das gilt auch umgekehrt…»

Vor diesem Hintergrund erzählt de Beauvoir von einem häuslichen Unfall der 77jährigen Mutter. Bei den Untersuchungen in der Klinik wird neben einem Schenkelhalsbruch auch noch eine Bauchfellentzündung vermutet. Der Zustand der Patientin verschlechtert sich jedoch zusehends, es folgen weitere ärztliche Befunde, bis sich schließlich herausstellt, dass eine Krebsgeschwulst ihren Dünndarm verschließt. «Lassen Sie sie nicht operieren» raunt eine es gut meinende, ältere Krankenschwester den beiden Töchtern zu. Sie entscheiden anders, bei der Operation wird dann eine riesige Krebsgeschwulst gefunden, die kurzzeitig zum Tode führen würde. Was folgt ist ein vierwöchiger schmerzvoller Sterbeprozess, den die Autorin minutiös beschreibt, in dem sich auch das gespannte Verhältnis zur Mutter allmählich bessert, dessen unabwendbares Ende ihr jedoch rücksichtsvoll verschwiegen wird.

In dem Auf und Ab des körperlichen Verfalls wird deutlich, wie sehr doch die Mutter am Leben hängt. Sie will nicht sterben, lehnt sogar strikt allen behutsam angebotenen geistlichen Beistand ab. Was erstaunlich scheint, war doch gerade die unbeirrbare religiöse Bindung der Mutter einst Auslöser für die Differenzen, zu denen dann der damals fast skandalöse Lebenswandel der emanzipierten Tochter noch erschwerend hinzukam. Denn Simon de Beauvoir hatte eine völlig andere Auffassung von der Rolle der Frau, die sie in ihrem erfolgreichsten Werk «Das andere Geschlecht» niederschrieb. Ihre Erkenntnis, «man wird nicht zur Frau geboren, man wird dazu gemacht von der Gesellschaft» hat ihr für immer den Status einer Ikone der Frauenbewegung verliehen.

Der Roman ist insoweit ein Zeugnis der weiblichen Emanzipation, die sich innerhalb der einen Generation von Mutter zur Tochter entscheidend weiterentwickelt hatte. Die Geschichte, die auch eine Rückblende auf die familiären Verhältnisse beinhaltet, wird äußerst detailverliebt erzählt in einer nüchternen, uneitlen Sprache, die flüssig zu lesen ist. Zweifellos aber ist der Roman als Auslöser für philosophische Diskurse geeignet, wozu auch die Frage gehört, ob jede medizinisch mögliche Verlängerung des Lebens wirklich immer geboten ist. Aus atheistischer Sicht bleibt mir unverständlich, warum man denn verzweifelt den doch fest versprochenen Einzug der bußfertigen Glaubenden in den Himmel unbedingt hinausschieben will? Bedeutet das etwa Zweifel an den Grundfesten religiöser Verheißungen? Die Versöhnung zwischen Mutter und Tochter findet nur nonverbal statt, durch Gesten, Lächeln, ein sanfter Tod also zu guter Letzt, wenigstens auf emotionaler Ebene. In einer resümierenden Schlussbetrachtung beleuchtet die Autorin den Tod aus existentialistischer Sicht, er sei widernatürlich, «weil seine Gegenwart die Welt in Frage stellt», ein Unfall für den Menschen «und, selbst wenn er sich seiner bewusst ist und sich mit ihm abfindet, ein unverschuldeter Gewaltakt».

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

F

kehlmann-1How Fiction Works

Auf «signifikant insignifikante» Einzelheiten komme es an, war Daniel Kehlmann überzeugt, nachdem er im Herbst 2008 in New York «How Fiction Works» von James Wood entdeckt hatte, laut Klappentext der deutschem Ausgabe ein Buch, das die Frage klären will: «Was unterscheidet einen guten Roman von einem schlechten». Der Originaltitel hat eine unübersetzbare Doppelbedeutung, lässt Kehlmann uns in seinem kurzen Vorwort zu diesem empfehlenswerten Sachbuch wissen, er bedeute nämlich auch «was eine Geschichte mit uns anstellt». Mit mir, das sei vorweg gesagt, hat «F» nichts angestellt, da ist kein Funke übergesprungen, was mich im Nachhinein selbst am meisten überrascht.

All das nämlich, was Wood an Tipps und Tricks für Schriftsteller herausarbeitet in seinem Buch, hat der vielfach als Poetik-Dozent tätige Kehlmann geradezu exemplarisch umgesetzt in seinem neuen Roman. Und so krabbelt bei ihm denn auch prompt eine Ameise die Fuge des Straßenpflasters entlang, signifikant insignifikant eben, ein Detail, das mit der geschilderten Szene rein gar nichts zu tun hat, aber auf wundersame Weise für Atmosphäre sorgt. Sprachlich kann ihm kaum jemand das Wasser reichen von den deutschsprachigen Romanautoren unserer Tage, würde ich behaupten, er schreibt jedenfalls auf sehr hohem Niveau. Und kreativ ist er obendrein, in «F» finden sich diverse äußerst originelle Ideen, sowohl was seine Figuren anbelangt als auch den Plot und dessen dramaturgischen Aufbau.

Klerus, Kapital, Kunst – man hätte den Roman auch «K» nennen können statt «F», was sich übrigens von «Fatum» ableitet, wie gegen Ende erläutert wird, Schicksal also. Der an Thomas Manns «Mario und der Zauberer» erinnernden Einleitung folgen drei umfangreiche Kapitel, in denen jeweils einer von drei Brüdern als Protagonist im Mittelpunkt steht. Ein Pfarrer, welcher «der Vernunft nicht entkommen kann» und folgerichtig den Glauben verloren hat, ein betrügerischer Anlageberater unmittelbar vor dem Konkurs, den ausgerechnet die Finanzkrise dann vor dem Schlimmsten bewahrt, und ein schwuler Maler und Kunstkritiker, der mit Einverständnis seines Lebenspartners Bilder mit dessen Signatur malt und durch geschickte Manipulationen teuer verkauft. Alles Lug und Trug also, ein wahrlich pessimistisches Weltbild, vor dessen Hintergrund diese ungewöhnlich kunstvoll ineinander verschachtelten Geschichten erzählt werden. Die Klammer bildet dabei ein einziger Tag, dessen Geschehnisse aus den drei Perspektiven geschildert werden, es ist der 08.08.08. Bei solcherart Zahlenspielerei bleibt Kehlmanns Vorliebe für Effekte unübersehbar, es wimmelt übrigens geradezu von Derartigem in seinem Roman, so mancher begeisterter Leser hat das Buch deshalb mehrmals gelesen, um allen diesen Feinheiten und Anspielungen auf die Spur zu kommen. Lesespaß pur also, da hatte auch ich meine helle Freude dran.

Aber ist das alles nicht zuviel des Guten, frage ich mich trotzdem. «F» ist als Roman wie am Reißbrett konstruiert, perfekt durchdacht, sprachmächtig erzählt, mit witzigen Details angereichert, auch die Thematik ist interessant und hochaktuell obendrein. Bei aller literarischen Perfektion bleibt dieses Konstrukt aber seelenlos, es ist emotional tot, keinen Nachhall hinterlassend und schon gar keine Funken erzeugend. Ganz ähnlich ging es mir bei «Die Vermessung der Welt», auch dieser Bestseller war solch eine Kopfgeburt, aus der eigentlich genialen Idee hätte man deutlich mehr machen können. Und bei «F» nun wartet man nach den drei mitreißenden Hauptkapiteln gespannt auf das letzte – und wird wieder enttäuscht. Kein Unheil, kein gespenstischer Albtraum, wie der Klappentext ankündigt, die Geschichte läuft stiekum und ganz unspektakulär aus mit der Trauerfeier für den tot erklärten Kunstfälscher, dessen Schicksal im Dunkeln bleibt. Man hat den Eindruck, der Autor hatte einfach keine Zeit mehr oder keine Lust, einen adäquaten Schluss zu ersinnen für seinen ansonsten erfreulichen Roman.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die 27ste Stadt

franzen-2Die uninteressante Natur war uninteressant

«Es stürmt zum Obdachlosenverrecken» – und ich bin froh, ein Buch aus der Hand legen zu können, das solche hirnrissigen Sätze enthält. Für diesen und manchen anderen sprachlichen Lapsus mag der Übersetzer verantwortlich sein, für den miserablen, total misslungenen Roman ist Jonathan Franzen allein verantwortlich. Sein Erstling von 1988 ist das Schlechteste zwischen zwei Buchdeckeln, was mir seit vielen Jahren in die Hände gekommen ist, und das war nicht wenig!

Interessant ist genau genommen eigentlich nur die Frage, warum dieser Roman fast unisono so verrissen wird! Sind wir alle, die wir dieses Buch als grottenschlecht bezeichnen, dem Autor auf den Leim gegangen? Ist das Ganze einfach nur surrealistisch? Oder ist es etwa ironisch gemeint, eine Satire, und wir haben es nicht gemerkt, haben Hinweise darauf übersehen? – Natürlich nicht! Er meint es ernst, der Autor!

Für mich das größte Ärgernis ist der absolut unglaubwürdige Plot, eine wahrlich aberwitzige Konstruktion. Eine junge Inderin wird Polizeichefin in St. Louis (sic!) und zettelt eine Verschwörung an, deren letztendliches Ziel ebenso rätselhaft wie ominös bleibt. Ihren hartnäckigsten Widersacher bekämpft sie, indem sie sein Familienglück komplett zerstört und ihn damit zermürbt. Sie scheitert aber am Ende, weil das Referendum über die von ihr betriebene Fusion von Stadt und Landkreis grandios misslingt. Was soll das alles, fragt man sich erstaunt, denn man wird derartig mit erzählerischen Details zugemüllt, dass man schnell jeden Überblick und erst recht jedes Interesse verliert. Franzen spinnt in seiner naiven Gut-Böse-Sicht immer wieder neue Erzählfäden, die irrationale Handlung mäandert noch üppiger als das Mississippi-Delta, und als Krönung baut er auch noch unlogische und völlig überzogene Thrillerelemente mit ein. Seine in Regimentsstärke aufmarschierenden, meist unsympathischen Protagonisten sind widersprüchliche Figuren, deren Absichten undurchschaubar bleiben.

Auch sprachlich ist der mit 670 Seiten recht dickleibige, geschwätzige US-Roman ein einziges Fiasko. «Die uninteressante Natur war uninteressant» erfahren wir verdutzten Leser vom tiefsinnigen Autor, wie gut, dass fünf Seiten später Franzen endlich fertig war mit seiner unsäglichen Geschichte!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Der Fänger im Roggen

salinger-1Null Bock

Es gibt nicht viele Schriftsteller, deren Ruhm sich praktisch auf einen einzigen Roman gründet wie bei Jerome David Salinger mit seinem 1954 erschienenen Klassiker «Der Fänger im Roggen». Nicht nur dass unzählige Schüler und Studenten sich damals mit dem Buch als Pflichtlektüre befasst haben, das Jahrzehnt des Erscheinens seines einzigen Romans wurde in der US-amerikanischen Literaturgeschichte sogar häufig als «Ära Salinger» bezeichnet. Der ungemein erfolgreiche Roman hat die Leserschaft damals schon polarisiert, und er tut es heute immer noch. Was keineswegs gegen ihn spricht, wie ich meine.

Holden gehört nicht zu den Romanhelden, die man sympathisch finden oder mit denen man sich identifizieren könnte als Leser. Als 16-Jähriger hat er Probleme mit dem Erwachsenwerden, verweigert jegliche Leistung, die unabdingbar scheint auf dem Weg ins Leben. Und damit in eine Welt; die er zutiefst verachtet, weil er sie als verlogen durchschaut hat. Wegen seiner Null-Bock-Haltung fliegt er aus dem College und durchlebt eine traumatische Odyssee auf dem Weg nach Hause. Anders als Goethes Werther verzweifelt er an der Gesellschaft, sucht den alternativen Lebensentwurf. Erst spät wird ihm klar, dass er vom einfachen Leben träumt, in einer einsamen Blockhütte mit Frau und Kindern.

In diesem Szenario bewegt sich der nur drei Tage umfassende, einsträngig erzählte Plot, dessen Ich-Erzähler einerseits merkwürdig reif und altklug wirkt, der aber durchaus auch noch kindlich erscheint, insbesondere was seine Sprache anbelangt. An der scheiden sich nämlich die Geister, besser gesagt die Leser, es ist ein unflätiger Slang, der gleich mehrere Probleme aufwirft. Erstens ist so etwas immer schwer zu übersetzen, auch ist der Jugendjargon vor sechzig Jahren ein anderer gewesen als heute, und außerdem besteht generell eine Krux darin, dass die Generationen sich zuweilen auch sprachlich fremd sind. Eine im aktuellen Argot geschriebene Geschichte dürfte auf viele Leser genau so abstoßend wirken, mir fällt da als Beispiel spontan «Axolotl Roadkill» von Helene Hegemann ein. In vielen Rückblenden, oft als Bewusstseinsstrom erzählt, breitet Salinger das Leben seines Helden vor uns aus, er beginnt mit dem Satz: «Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr’s genau wissen wollt». Zu diesem sprachlichen Duktus gesellt sich ein köstlicher, unterschwelliger Humor, so wenn Holden zum Beispiel von seiner Großmutter schreibt: «… sie schickt mir ungefähr viermal im Jahr Geld zum Geburtstag». Oder er sinniert darüber, dass er sich eine Lungenentzündung holen könnte und daran stirbt. «Dann überlegte ich, wie diese ganze Blase mich in einen verfluchten Friedhof steckte und so, mit meinen Namen auf dem Grabstein und so. Um mich rum lauter tote Typen. […] Und dann kommen am Sonntag Leute und legen einem einen Strauß Blumen auf den Bauch und den ganzen Mist. Wer will schon Blumen, wenn er tot ist? Keiner». Er spricht häufig den Leser auch direkt an, so wenn er von seinem früh verstorbenen Bruder erzählt: «Ihr habt ihn ja nicht gekannt».

Die Gedichtzeile von Robert Burns «Wenn einer einen trifft, der durch den Roggen kommt» hat Holden falsch verstanden und «trifft» durch «fängt» ersetzt, in seiner Phantasie sieht er sich nämlich, wie er kleine Kinder fängt, die im Roggenfeld herumlaufen und eine Klippe hinunter zu stürzen drohen. Und auch er fällt letztendlich nicht, er ist geläutert durch seine kleine Schwester, die er innig liebt, die er beschützen will. Genau dies ist das Motiv, das im kryptischen Titel dieses berühmten, aber auch schwierigen Romans anklingt, der zu vielfältigen Interpretationen einlädt über Generationen- und Gesellschaftskonflikte wie auch über sexuelle, moralische und psychologische Aspekte.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Der Richter und sein Henker

duerrenmatt-1Böses mit Bösem bekämpfen

Als frühes Werk des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt ist «Der Richter und sein Henker» 1950 zunächst als Fortsetzungsroman in einer Wochenzeitschrift veröffentlich worden, er wurde später mehrfach verfilmt. Der Reiz dieses Krimis liegt hauptsächlich darin, dass hier ein Dramatiker am Werke war, der äußerst knapp und konzentriert so erzählt, wie es bei einer Bühnenfassung erforderlich wäre, verständlich also und einfach nachvollziehbar. Es wird wenig ausgeschmückt, der Text bleibt beim Wesentlichen, und es geht Schlag auf Schlag, nicht atemlos, aber zielstrebig. So ist denn auch nach gerade mal hundert Seiten der Fall gelöst und lässt einen verblüfften Leser zurück.

In zwanzig Kapiteln entwickelt Dürrenmatt seine Geschichte vom Kampf zweier Männer, die im Suff vierzig Jahre vorher in Istanbul eine makabre Wette geschlossen hatten: der Berufsverbrecher Gastmann hatte damals gewettet, vor den Augen seines Widerparts, des Kriminalkommissars Bärlach, einen Mord zu begehen, den dieser ihm nicht nachweisen könne. Und Gastmann hat diese Wette gewonnen, – seither hat Bärlach nur noch einen Wunsch, seinen Kontrahenten von damals zur Strecke zu bringen. Als sie nun bei den Ermittlungen des inzwischen in Bern tätigen «Kommissärs» im Mordfall an einem seiner Mitarbeiter erneut aufeinandertreffen, weil Gastmann verdächtigt wird, erklärt der lapidar, auf die Wette anspielend: «Ich rate dir, das Spiel aufzugeben. Es wäre Zeit, deine Niederlage einzusehen.» Es sieht auch ganz so aus, als würde Gastmann, durch höchste politische und wirtschaftliche Kreise gedeckt, sich den Ermittlungen auch diesmal wieder entziehen können, und das, obwohl er für den vehement gegen ihn ermittelnden Kriminalassistenten Tschanz dringend tatverdächtig ist. Der alte Bärlach gibt sich nicht geschlagen: «Es ist mir nicht gelungen, dich der Verbrechen zu überführen, die du begangen hast, nun werde ich dich eben dessen überführen, das du nicht begangen hast.» Als Gastmann ihm den Tod androht in diesem letzten Gespräch vor dem Showdown, entgegnet der Kommissar: «Du irrst dich. … Du wirst mich nicht töten. … Ich habe dich gerichtet, Gastmann, ich habe dich zum Tode verurteilt. Du wirst den heutigen Tag nicht mehr überleben. Der Henker, den ich ausersehen habe, wird heute zu dir kommen.»

Dieser Roman ist ein Krimi im klassischen Sinne mit einem Verbrechen und dem zugehörigen Detektiv, allerdings verschiebt sich hier die logische Abfolge, denn der Täter ist dem Kommissar längst bekannt, er ermittelt bewusst falsch, um eine Situation heraufzubeschwören, die seinem egoistischem Ziel der Selbstjustiz dient. Sich über alle moralischen Bedenken hinwegsetzend spielt Bärlach sich zum Richter auf und sorgt zudem dafür, dass sein Todesurteil auch sofort vollstreckt wird. Er löst damit gleichzeitig den aktuellen Fall, denn indem er den Mörder auf seinen ewigen Widersacher hetzt, treibt er letztendlich beide in den Tod, – Böses mit Bösem zu bekämpfen gerät hier also zur Katharsis.

In lakonisch knapper Sprache, mit kurzen, einfachen Sätzen, ironisch und zuweilen amüsant, schildert der Autor das turbulente Geschehen, lässt seine kühl und distanziert beschriebenen Protagonisten agieren. Der Plot weist logische Fehler auf, die mich sehr gestört haben: Kein Dorfpolizist, auch keiner aus der Schweiz, würde einen soeben aufgefundenen Ermordeten in dessen Wagen vom Tatort weg zur Wache fahren! Wer lässt sich schon von einer scharfen Dogge anfallen, damit der Kollege sie erschießt und er so zu einer Kugel aus dessen Dienstwaffe kommt? Welcher Kriminalpolizist schießt, selbst angeschossen, mit nur drei Schüssen gleich drei gefährliche Gangster tot? Wilhelm Tell lässt grüßen! Es gibt Dergleichen mehr zu beanstanden, -Fiktion hin, Fiktion her, etwas Realitätsnähe hätte der philosophisch ja interessanten Thematik gut getan. Was also soll der Hype um diesen Roman? Er ist weder ein überzeugender Krimi noch gar ein literarisch hochstehendes Werk!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Korrekturen

franzen-1Vom Scheitern der Familie

Mit seinem dritten Roman ist dem amerikanischen Gegenwartsautor seinerzeit der Durchbruch gelungen. Auch hier steht das scheinbar unaufhaltsame Auseinanderfallen der klassischen Familie im Mittelpunkt, wobei Jonathan Franzen geradezu sezierend deren einzelne Mitglieder als auch das soziale Gesamtgefüge bloßlegt, sie gekonnt vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen in ihre Grundelemente zerlegt.

Wir haben es mit fünf Protagonisten zu tun, die jeder für sich als Prototypen verschiedener Charaktere und konträrer Lebensentwürfe angesehen werden können. Enid, frömmelnde und einer überholten, geradezu kitschigen Vorstellung von Familie nachhängende Mutter, träumt vom letztmaligen gemeinschaftlichen Weihnachtsfest der gesamten Familie. Bei Alfred, ihrem herrschsüchtigen und altersstarrsinnigen Ehemann, sind erste Anzeichen von Demenz zu erkennen, und inkontinent ist er auch noch. Sohn Gary, scheinbar erfolgreicher Banker, entspricht am ehesten den Idealen seiner Eltern, ist aber depressiv und hat erhebliche Ehe- und Alkoholprobleme. Chip, honoriger Literaturprofessor, verliert wegen einer Affäre mit seiner Studentin die Stellung, scheitert als Autor und wird in äußerst dubiose Geschäfte in Litauen verwickelt. Denise schließlich, hochbegabte Gourmet-Köchin, verliert ihren Job, weil sie eine leidenschaftliche Affäre mit der Frau des Chefs hat und irgendwann dann auch noch mit dem Chef selbst im Bett landet.

Eindringlich und detailreich schildert Franzen in breit angelegten Rückblenden die Biografien seiner Figuren, durchleuchtet deren kompliziertes Beziehungsgeflecht. Wir erfahren von Ehekriegen, Krankheiten, Altersqualen, Depressionen, lesbischen Beziehungen, Trennungen, Niederlagen und Triumphen, von allen familiären Irrungen und Wirrungen einer Familie aus dem Mittleren Westen der USA. Vor dem interessierten Leser wird in einem simplen Plot, dessen Höhepunkt das missglückte Weihnachtsfest ist, pessimistisch der Niedergang der herkömmlichen Familie vorgeführt, dargestellt am Beispiel der verkorksten Vita sämtlicher Figuren.

All das ist so üppig angelegt und emotional überfrachtet, dass man unwillkürlich an alte Hollywoodfilme erinnert wird, bei denen man auch nicht viel nachdenken musste, weil einem alles so mundgerecht serviert wurde. Dieser monumentale, amerikanische Erzählstil erinnert an John Updike, Philip Roth oder John Irving, ohne allerdings deren literarische Qualität wirklich zu erreichen. Das Buch mit seinen 780 Seiten liest sich sehr flüssig, und es findet sich auch einiges Amüsante dabei, die Senioren-Kreuzfahrt gegen Ende der Story ist ein gutes Beispiel dafür. Wer sich unangestrengt und extensiv unterhalten lassen will als Leser ist hier bestens aufgehoben.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Fräulein Smillas Gespür für Schnee

hoeg-1Eiskalte Groteske

Dem dänischen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Peter Høeg gelang mit seinem Roman «Fräulein Smillas Gespür für Schnee» 1992 international der Durchbruch. Der mit einigen Preisen, unter anderem dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnete Roman erlangte schnell Bestsellerstatus und wurde schon bald auch verfilmt, wenig überzeugend allerdings. Nicht zuletzt unter diesem Eindruck hat der Autor eine Verfilmung seiner Werke künftig generell ausgeschlossen, er wolle nicht, dass der bildlichen Phantasie seiner Leser durch den Film Grenzen gesetzt werde. Eine wie ich meine durchaus honorige und nachahmenswerte Position, misslungene Verfilmungen gibt es ja zuhauf, wie Romanleser aus leidvoller Erfahrung wissen. Diametral steht dem allerdings der schnöde Mammon gegenüber, die kaum auszuschlagenden finanziellen Verlockungen für die Autoren.

Das Kopfkino des Lesers bekommt jedenfalls reichlich zu tun, um den rasanten Plot mit Smilla Jaspersen, der robusten und überaus zähen Ich-Erzählerin, in Bilder umzusetzen. Der in drei Teile gegliederte, vorwärtsdrängend im Präsenz erzählte Roman ist mehr als ein Krimi, er ist zugleich auch Großstadt-, Wissenschafts- und Grönland-Roman, widmet sich der entseelten Metropole ebenso wie der Gletscherkunde und der Unterdrückung der indigenen Eskimo-Bevölkerung Grönlands. Smilla, halb Inuk und halb Dänin, eine 37jährige arbeitslose Mathematikerin und Geologin, kommt nach dem rätselhaften Todessturz eines kleinen Eskimojungen vom Dach ihres Wohnblocks in Kopenhagen einem kriminellen Komplott von skrupellosen Naturforschern auf die Spur. Sie erkennt an einem winzigen Detail der Spur des Jungen in dem Schnee, der auf dem Dach liegt, dass es Mord war. Dessen Hintergründe will sie klären, die Polizei allerdings ist wenig interessiert, behindert sie eher, und wie besessen von ihrer Mission stürzt sie sich couragiert in ein ebenso turbulentes wie gefährliches Abenteuer, das im Grönland-Eis endet. Mehr zu erzählen verbietet sich bei einem von der Spannung lebenden Roman wie diesem natürlich.

Auch wer wie ich nicht gerade ein Krimifreund ist, wird von dem erzählerischen Sog des handlungsreichen Romans unweigerlich mitgerissen, es geht quasi Schlag auf Schlag. Aber nicht nur das ist Grund für den Spaß beim Lesen, weit mehr hat mich die flapsige, schlagfertige, immer wieder überraschende, ebenso kreative wie amüsante Erzählweise des Autors in ihren Bann gezogen, man kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. «Moritz verkehrt dort, weil die Küche gut ist, die Preise sein Selbstgefühl anregen und er es mag, dass man durch die fassadenhohen Spiegelscheiben einen guten Ausblick auf die Leute auf der Straße hat. Benja geht mit, weil sie weiß, dass die Leute auf der Straße durch dieselben Scheiben einen guten Ausblick auf sie haben. Sie haben einen festen Tisch am Fenster und einen festen Ober, und sie essen immer dasselbe. Moritz nimmt Lammniere, Benja eine Schale mit der Sorte Futter, die man Kaninchen gibt.»

Wie zu befürchten lässt der Schwung der Erzählung ab der Mitte spürbar nach, es schleichen sich Längen ein in den 500seitigen Roman, speziell was die wissenschaftliche Thematik anbelangt. Man hat oft Probleme, die Fülle von Details richtig einzuordnen, ihre Relevanz für die Geschichte zu erkennen, wobei die vielen Figuren, speziell was die skurrile Besatzung des Schiffes anbelangt, ebenfalls für einige Verwirrung sorgen. Auch das Ende hat mich nicht wirklich überzeugt, es bleibt zu vieles unplausibel, der Showdown ist absurd überzeichnet. Bei einem ansonsten konsequent dem Realismus verpflichteten Text ein ziemliches Manko, zumindest für die plot-orientierten Leser. Bereichend jedoch sind Grönland, Eis und Schnee als unwirtliche arktische Kulisse, auch die Verhältnisse auf einem Küstenmotorschiff sind für Landratten natürlich interessant, erheiternd aber ist die unbekümmert nassforsche Sprache, in der diese zuweilen fast groteske Geschichte erzählt wird.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Das Buch der Illusionen

auster-2Das Buch der Slapsticks

In seiner Heimat USA ist der Schriftsteller Paul Auster erstaunlicher Weise weniger erfolgreich, werden weniger seiner Bücher verkauft als in Deutschland und Frankreich, wo er eine große Fangemeinde hat. Das mag an seiner sehr speziellen Erzählweise liegen, für die der Roman «Das Buch der Illusionen» ein typisches Beispiel ist. Auch hier finden sich wieder Männer als kauzige Außenseiter in der Gesellschaft nicht zurecht, suchen nach Identität, auch hier schreibt der Protagonist wie ein Alter Ego des Autors Bücher, gibt es reichlich Intertextualität, bestimmt der pure Zufall das Geschehen in einem komplizierten Plot.

Bei einem Flugzeugabsturz verliert der Literaturprofessor David Zimmer seine Frau und beide Söhne, er versinkt in Depressionen, verfällt dem Alkohol. Zufällig sieht er im Fernsehen einen Stummfilm von Hector Mann, der ihn zum Lachen bringt, zum ersten Mal nach langer Zeit. Er beginnt mit Nachforschungen zu dem 1927/28 sehr erfolgreichen Stummfilmstar, der dann auf mysteriöse Weise plötzlich spurlos für immer verschwand, und schreibt schließlich sogar ein Buch über ihn, das 1987 herauskommt. Anschließend zieht er sich wieder in die Einsamkeit seines Hauses in Vermont zurück. Ein früherer Kommilitone bietet ihm einen Auftrag für die Übersetzung von François-René de Chateaubriands « Mémoires d’outre-tombe» an, der an seiner Autobiografie 35 Jahre gearbeitet und verfügt hatte, sie erst 50 Jahre nach seinem Tode zu veröffentlichen, er wolle aus dem Grabe sprechen. Zimmer macht sich an die Arbeit, kurz darauf erhält er einen Brief aus New Mexiko, Hector Mann lebe noch, habe sein Buch über ihn gelesen und würde ihn gerne sehen. Er zögert, glaubt an einen Schabernack, bis Wochen später plötzlich Alma, eine junge Frau mit einem entstellenden Muttermal im Gesicht, vor seiner Tür steht und den Zögernden auffordert, mitzukommen zu Hector Mann, der im Sterben läge. Sie zieht sogar eine Pistole, um ihn notfalls zu zwingen, die beiden landen aber schließlich noch in der gleichen Nacht zusammen im Bett. Er kann den Stummfilmstar dann tatsächlich noch für wenige Minuten in seinem Krankenzimmer sprechen, am anderen Morgen aber ist Hector tot, und seine Frau macht sich unbeirrbar daran, seine sämtlichen Filme zu verbrennen, wie er es verfügt hat. Bei einem Streit mit Alma, die zu David ziehen will, stürzt die Witwe unglücklich und stirbt, Alma nimmt sich daraufhin das Leben.

Der hier nur knapp umrissene Plot ist prall gefüllt mit Geschichten, Rückblenden zumeist, geschickt aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei mich insbesondere die Passagen über Filme angesprochen haben. Auster, der reichlich Filmerfahrung mitbringt, versteht es, einen Film derart plastisch zu schildern, sämtliche Einstellungen und Kameraschwenks so detailliert zu beschreiben, dass man ihn im Kopfkino wahrhaftig sieht, – und sich dabei natürlich auch sofort an den brillanten Spielfilm «The Artist» erinnert. Raffiniert verschachtelt der Autor seine zwei Erzählebenen, die turbulente, mitreißende Geschichte von Hector nach dessen spurlosem Verschwinden beispielsweise lässt er Alma während des Fluges nach New Mexiko erzählen.

Sind wir Menschen dem Zufall ausgeliefert, ist unsere Selbstbestimmtheit nur Illusion, wie der programmatische Titel suggeriert, in einem ziellosen Chaos? Ist immer Transzendenz im Spiel oder hilft womöglich das Schreiben, Ordnung ins unstrukturiert Immanente hinein zu bringen? Paul Auster variiert auch in diesem Roman wieder seine Themen: Männer in der Krise, Zufall, Schicksalsschläge, Einsamkeit, Schuld, Identität, kurz gesagt die Existenz des uns Verborgenen, und er stellt das alles vor einen dramatischen Hintergrund, die Unbedingtheit des Todes. Mit seiner überbordenden Themenfülle erscheint der gekonnt erzählte Roman ziemlich überfrachtet, der Plot wirkt geradezu slapstickartig mit seinen vielen Wendungen bis hin zum kitschigen Ende des Buches im Buch. Gut unterhalten aber wird man allemal!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Der Ekel

sartre-1Vom philosophischen Olymp

Wenn man von Intellektuellen spricht, drängt sich der Name des französischen Dichters und Denkers Jean-Paul Sartre unwillkürlich als erster auf, – weniger bekannt ist er als Romancier. Während seines für ihn unerfreulichen Aufenthalts als Lehrer in Le Havre entstand sein Debütroman «Melancholia», der vom Verlag Gallimard zunächst abgelehnt wurde und 1938 dann mit erheblichen Kürzungen und Änderungen unter dem Titel «Der Ekel» herauskam. Seine depressive Krise während dieser Zeit der Sinnsuche und Selbstfindung, die ihn für kurze Zeit sogar in eine Psychiatrische Anstalt brachte, bestimmt im Wesentlichen die Thematik in diesem belletristischen Erstling. Dessen Erfolg hat ihn dann darin bestärkt, Romancier zu werden, letztendlich hat er auch dazu beigetragen, ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte zu sichern. Als ihm dann 1964 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, hat er als bisher einziger Preisträger – freiwillig – die Annahme abgelehnt, um sich, wie er sagte, seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Auch Antoine Roquentin, Alter Ego des Autors im Roman, durchlebt eine quälende Daseinskrise. Er ist ein krasser Außenseiter, ständig auf der Suche nach dem Grund für den Ekel, den ihm seine Umgebung anfallartig beschert. Immer wieder sind es insbesondere die Menschen um ihn herum, aber auch die Dinge, tote und lebendige Materie, die in ihm Abscheu und Verzweiflung auslösen, ihn zum Kotzen bringen, ihn in eine tiefe Daseinskrise stürzen. Sartres hier in Romanform artikulierte existentialistische Philosophie läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass der durch puren Zufall auf die Welt gekommene Mensch den Sinn seiner Existenz selbst herausfinden, ihn ganz individuell für sich definieren muss. Der Protagonist ist in der fiktiven Hafenstadt Bouville, – was so viel bedeutet wie «Schlammstadt» -, mit der Arbeit an einem historischen Werk über den Diplomaten Rollebon beschäftigt, er sieht darin die einzige Rechtfertigung für seine Existenz. In der Sprache allein erkennt der Autor das Werkzeug, die Welt zu verstehen, hinter dem Existierenden das Sein zu entdecken. Hinter seiner Figur Roquentin als «Existenz» schimmert für ihn also als «Sein» dessen Studienobjekt Rollebon durch, was letztendlich bedeutet, dass wir es hier mit einer ersten Ausprägung eines Antihumanismus á la Sartre zu tun haben. «Die Existenz kommt vor dem Wesen» lautet seine Definition, anders gesagt: Der auf die Welt geworfenen menschlichen Existenz folgt als Essenz sein Tun.

Der dreißigjährige Ich-Erzähler Roquentin berichtet in einer tagbuchartigen Sammlung von Beobachtungen, Erlebnissen und Reflexionen über seinen Ekel an der Welt, der ihn oft in tiefe Depressionen stürzt. Dann vermag nur der Jazztitel «Some Of These Days» ihn aus seiner lethargischen Stimmung zu befreien, aus dem Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit. Sein ebenso freudloses wie einsames Dasein führt ihn in endlosen Streifzügen durch die Hafenstadt, in die immer gleichen Restaurants und Bars, in die Bibliothek vor allem. Dort trifft er den seltsamen Autodidakten, der seit vielen Jahren in alphabetischer Reihenfolge die komplette Buchsammlung liest und mit dem er zuweilen ins Gespräch kommt, ohne dass eine engere Beziehung zwischen ihnen entsteht. Die Wirtin seines Stammlokals geht ohne Bezahlung mit ihm ins Bett, die Beiden kommen sich aber nicht näher, sie bleiben unpersönlich beim Sie. Auch der Besuch seiner alten Freundin Anni endet im Frust, sie haben sich völlig entfremdet.

Sartre erweist sich als scharfer Beobachter, in einer ebenso präzisen wie eleganten Sprache erfasst er selbst kleinste Details, feinste Regungen seiner Figuren. Seine elegische Geschichte ist als Plot ereignisarm, der Lesegenuss liegt allein in der Gedankenwelt, die da vor dem Leser ausgebreitet wird, – die aber nicht immer leicht zu verstehen ist und viel Mitdenken erfordert.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Kunst des Erzählens

wood-1Ein Marketing-Trick des deutschen Verlegers

Wer hat da nicht drauf gewartet als eifriger Romanleser! Es gibt jetzt endlich ein Buch, das uns die schwierige Frage beantworten will, «was unterscheidet einen guten Roman von einem schlechten», wie es im Klappentext heißt. Geschrieben von dem englischen Kritikerpapst James Wood, bisweilen tatsächlich als berühmtester Literaturkritiker der Welt apostrophiert, zugleich Professor für Literaturkritik an der Harvard-University, was reichlich vorhandene Fachkompetenz erwarten lässt, aber selbstverständlich keine Unfehlbarkeit wie bei den echten Päpsten in Rom.

In einer präzisen Sprache ohne akademische Attitüde erfahren wir viel Wissenswertes zum Thema Erzählen in Schriftform, als Prosa natürlich. Bei seinem Bemühen, die verborgenen Geheimnisse der hohen Schreibkunst offenzulegen, führt uns Wood tief hinein in die Methoden der Textanalyse. Er erklärt kenntnisreich und an vielen Beispielen alle Aspekte der Erzähltechnik: Sprachstil und Ausdruck, erlebte Rede, Dialog, deskriptive Pause, Perspektive, runde und flache Figuren, Detailauswahl, Metaphern und Konventionen. Auffallend ist, dass dabei der Plot als essentieller Bestandteil einer Geschichte nahezu unbeachtet bleibt, was in ziemlichem Gegensatz zur Erwartungshaltung, ja zum Kennzeichen der persönlichen Lesebiografie der allermeisten Romanleser stehen dürfte. Stattdessen solle der Leser sein «drittes Ohr» sensibilisieren für subtile Anspielungen und historische Bezüge des Erzählten!

Was denn auch prompt einigermaßen schwerfällt angesichts Woods einseitiger Orientierung zum literarischen Realismus hauptsächlich des 19. Jahrhunderts, womit er sicherlich viele Leser ausgrenzt bei seinen klugen Erläuterungen, was «hohe» Literatur ist. Er beschäftigt sich besonders intensiv mit Flaubert, wenn er uns erklären will, worauf es sich zu achten lohnt. Zeitgenössische Autoren hingegen werden recht stiefmütterlich behandelt bei Wood, nur David Foster Wallace wird häufiger erwähnt. Der deutsche Leser gar wird sich verwundert die Augen reiben, Goethe, Fontane, Mann führen nur ein Schattendasein in Woods literarischem Kosmos, kaum der Rede wert. Warum das so ist, kann jeder leicht nachvollziehen, der in einer Londoner Buchhandlung mal nach Büchern dieser Autoren fragt, er wird nur erstaunte Rückfragen auslösen. Goethe what? Can you spell it out, please!

Womit das ewige Problem der Fremdsprachen deutlich wird, die unsere Literaturwelt in viele Sprachinseln aufteilen. Es werden also Übersetzungen erforderlich, bei denen dann manches, wie am Beispiel eines französischen Wortklangs demonstriert wird, einfach unübersetzbar ist. Die recht einseitig hauptsächlich Woods englischer Muttersprache zugewandte Buchauswahl hat jedenfalls zur Folge, dass vieles nicht nachvollziehbar ist, weil man die Konventionen nicht kennt, die dem Text zugrunde liegen. Aber auch, weil man die Autoren und ihre Romane nicht kennt, von manchen noch nie gehört hat, manches auch gar nicht in deutscher Übersetzung vorliegt. Damit fehlt, mir jedenfalls, häufiger mal die Verständnisgrundlage, ein ziemliches Manko für dieses ambitionierte Werk.

Das euphorische Vorwort von Daniel Kehlmann ist ein deutliches Indiz für die eigentliche Zielgruppe dieses Buches, für Leute die schreiben nämlich, die hier dann auch einen üppig bestückten literarischen Werkzeugkasten vorfinden samt detaillierter Gebrauchsanweisung. Reine Leser hingegen ziehen ihren Nutzen en passant, indem sie den Schriftstellern über die Schulter schauen quasi. Warum wir lesen und was das Lesen bewirkt, das findet man ziemlich versteckt in einer der vielen Anmerkungen im Anhang des Buches. Was aber gut ist als Roman, das müssen wir uns selbst zusammenreimen, das kann man nämlich nicht generell und für jeden passend definieren, da ändert auch dieses interessante Buch nichts dran. Insoweit ist die im Klappentext gleich mit dem ersten Satz versprochene Aufklärung für den erwartungsvollen Leser nichts weiter als ein Marketing-Trick des deutschen Verlegers.

Fazit: lesenswert

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Genre: Sachbuch
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