Goldstrand

Narratives Chaos

Der Roman «Goldstrand» der Schriftstellerin Katerina Poladjan wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet. Leider gibt die veröffentlichte Begründung der Jury keinen Hinweis, aus welchen Gründen ihr Votum denn gerade auf diesen Roman gefallen ist. Neben einem Satz, der den Inhalt zusammenfasst, wird schriftlich erklärt: «Katerina Poladjans Roman ist ein Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker – und erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt». Demnach ist also der «Abgesang auf Europa» als Thematik das ausschlaggebend Preiswürdige an diesem Buch.

Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Frau steigt 1922 nachts auf einem Flüchtlings-Dampfer aus Odessa nach Konstantinopel über die Reling und verschwindet spurlos. Zusammen mit dem Sohn macht sich deren Bruder Lew von Rumänien aus auf die Suche nach seiner Schwester. Er will es nicht wahrhaben, dass sie tot ist. Nach jahrelanger Suche lässt er sich an einem leeren Strand nieder und baut mit seinem Sohn Felix eine Hütte, in der sie ein bescheidenes Leben fristen, er arbeitet als Tagelöhner. Felix studiert später in Sofia Architektur und hat die Idee, den idyllischen Strand als Feriendomizil zu erschließen. Unter seiner Ägide werden in den fünfziger Jahren um die ehemalige Hütte herum Hotels aus dem Boden gestampft. Felix trifft auf Francesca, Tochter faschistisch orientierter Eltern, die sie verstoßen, als sie von ihm schwanger wird. Ihr gemeinsamer Sohn Eli schließlich studiert und wird ein bekannter Filmemacher, der dann als 62jähriger Klient einer Dottoressa in den Therapie-Sitzungen von seinem Leben und dem der Eltern und Großeltern erzählt. Der Großteil des nichtlinear erzählten Plots besteht aus den Analyse-Gesprächen mit der italienischen Psycho-Therapeutin. Das Setting der sieben Kapitel des Romans wechselt erst im letzen Kapitel von deren Praxis in Rom mit der berühmten Analyse-Couch in seine Wohnung, als die Dottoressa ihn dort erstmals besuchen kommt. Später stößt auch noch Francesca hinzu, seine Mutter. Eli erklärt, dass er mit seinem alten Segelschiff nach Bulgarien reisen wolle, um dort seinen Vater zu treffen.

Der Roman strotzt nur so von literarischen Anspielungen und Zitaten, die von Calvino, Duchamp, Caspar David Friedrich und Goethe bis zu Heiner Müller und Wittgenstein reichen, zu denen noch berühmte Filmszenen von Pasolini und Kompositionen von Giorgio Moroder hinzu kommen, die alle von der Autorin am Ende in einem Hinweis explizit benannt werden. Die sieben Jahre, die Lew und Felix als Gärtner der Königin Marie von Edinburgh in Rumänien verbracht haben, lesen sich eher wie ein Märchen als ein Roman und sprengen deutlich den Rahmen dieses Genres. Weite Teile des Romans werden in Form von Dialogen vorgetragen, zu denen insbesondere die oft sehr ausschweifenden und unzuverlässigen Erzählungen von Eli gehören, der von seiner Therapeutin immer wieder ermahnt wird, nicht den Faden zu verlieren bei seinen Rückblenden in die Familien-Geschichte. Ob dort aber wirklich die Probleme für seine Schaffenskrise verborgen liegen, das bleibt eher fraglich. Die strenge Fixierung großer Teile des Plots auf die Psychoanalyse wird durchbrochen, als Eli am Ende einen ihm zugeflogenen Sittich zur Therapiestunde mitbringt. Dann stößt ein fremder Mann namens Paolo während einer Sitzung wie selbstverständlich hinzu, ohne dass die Dottoressa eine Erklärung dazu abgibt, und plötzlich wird auch noch ganz unprofessionell Kaffee und Kuchen serviert.

Trotz der stilistischen Raffinesse und den für die Autorin typischen, surrealen Einsprengseln führt das Spiel mit dem Uneindeutigen hier letztendlich in ein eher enttäuschendes narratives Chaos. Dazu tragen auch die cineastischen Szenen bei, die in den komplexen Plot mit eingeflochten sind. Dieser von der Leipziger Jury apostrophierte «Abgesang auf Europa», das lassen skeptische Leser-Kommentare erkennen, ist per se weder erkennbar noch gar preiswürdig!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

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