Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands

Manchmal braucht es leider erst die Gier der Macht, damit der Blick auf eine ferne Kultur fällt. Seit US-Präsident Donald Trump seine Besitzphantasien gegenüber Grönland wiederholt öffentlich erneuert hat und die Insel dabei wie ein strategisches Objekt, einen Rohstoffspeicher oder eine arktische Trophäe behandelt, ist Grönland in den europäischen Feuilletons und Nachrichtenspalten plötzlich wieder präsent. Die grönländische Politik reagierte mit deutlicher Zurückweisung: Nicht Washington, sondern die Grönländer selbst hätten über ihre Zukunft zu entscheiden.

In einem solchen Moment erscheint im Inuit Verlag ein Buch, das wohltuend das Gegenteil jener geostrategischen Gier verkörpert: Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands. Das ist nicht die kartographische Aneignung einer riesigen Eisinsel von oben herab, sondern eine Annäherung von innen — über Geschichten, Ängste, Naturbilder, Volksglauben und die schöpferische Erinnerung eines Landes, das mehr ist als seine militärische Lage oder seine Bodenschätze. Die deutsche Ausgabe versammelt auf 160 Seiten mehr als 65 mythische Wesen; sie basiert auf einem grönländischen Original. Wir begegnen dem Riesenwurm Aassik, dem Riesenwalross Aaverpak, dem Landbär Allaq, dem Riesenwolf Amaroq, dem Mondmann Aningaaq, dem Fuchswesen Pissaap Inua und dem Bergläufer Qivittut. In alphabetischer Reihenfolge versammelt sind Hilfsgeister, Geisterschreck, Steintroll, Wind- und Wettergötter, Fischgeister, Gedärmfresserin, Topfwesen, Halbmenschen, Gestaltwandler, Eisschildriesen, Tollpatsche, Kratzwesen, Riesen und Hexen. Die Unwirtlichkeit des Landes scheint einen optimalen Nährboden für die Entstehung von Kreaturen, Geistern und fremdartigen Erscheinungen zu bilden.

Schon der verlegerische Entschluss verdient Beachtung. Kleine, mutige Editionen sind es oft, die dorthin gehen, wo die großen Programme sich nicht hinwagen: an die Ränder der Wahrnehmung, in sprachliche und kulturelle Zonen, die im deutschen Buchmarkt allzu leicht exotisiert oder übergangen werden. Der Inuit Verlag hebt mit diesem Band nicht nur ein Nischenthema ins Sichtbare; er zeigt auch, dass Vermittlung mehr sein kann als wohlmeinende Folklore. Das Buch will Grönlands mythische Überlieferung nicht verniedlichen, sondern in ihrer Rauheit, Dunkelheit und Fremdheit ernst nehmen. Schon der Verlag weist auf Darstellungen von Nacktheit und Gewalt hin, die den ursprünglichen Erzähltraditionen entsprechen.

Wer nach einer linearen Erzählung sucht, wird freilich umdenken müssen. Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Bestiarium im besten Sinne: eine Sammlung von Kreaturen, Geistern und Zwischenwesen, deren Einzelporträts zusammen ein kulturelles Weltbild ergeben. Das Prinzip ist alt, die Wirkung überraschend frisch. Da ist etwa der Kiliffak, jenes riesenhafte, langhaarige Wesen mit sechs, manchmal gar zehn Beinen, größer als ein Eisbär, schnell, gefährlich und von bedrängender Körperlichkeit. Und da ist der Qivittoq, ein Mensch, der sich aus der Gemeinschaft löst, in die Wildnis flieht und dort zum übermenschlichen Wesen wird — eine tragische Figur der Einsamkeit, der Verwandlung und der Selbstentäußerung. Solche Gestalten werden hier nicht als pittoreske Kuriositäten abgeheftet, sondern als Ausdruck einer Erfahrungswelt, in der Natur, Gefahr, Schamane, Tier und Mensch ineinander übergehen.

Wenn man Trump nun, mit einem Anflug von Bosheit, in eines dieser Wesen verwandeln wollte, käme wohl am ehesten der Kiliffak in Betracht: ein raumgreifendes Geschöpf aus der Eiswelt, das jagt, scharrt, verschlingt und sich nimmt, was ihm nicht gehört. Doch das ist nur die feuilletonistische Pointe. Der eigentliche Triumph dieses Buches liegt darin, dass es Grönland gerade nicht durch die Fratze des amerikanischen Begehrens betrachtet, sondern durch die Eigenmacht seiner Imagination. Das Land erscheint hier nicht als Objekt, sondern als Erzählraum — bevölkert von Mächten, die älter sind als jede Präsidentschaft und langlebiger als jeder außenpolitische Größenwahn.

Besonders eindrucksvoll ist die ästhetische Umsetzung. Hinter dem Band steht nicht bloß eine Herausgeberin, sondern ein ganzes Recherche- und Künstlerteam. Maria Bach Kreutzmann arbeitete mit weiteren Rechercheuren und acht Illustratoren zusammen; die visuelle Gestaltung setzt ausdrücklich auf zeitgenössische nordische und grönländische Positionen. Der Verlag spricht zu Recht von einer Übertragung der Mythenfiguren ins 21. Jahrhundert. Das klingt schnell nach Werbesprache, trifft hier aber einen Kern: Diese Bilder illustrieren nicht bloß, sie aktualisieren. Sie machen aus dem Stoff kein Museum, sondern Gegenwart.

Dass ein solches Projekt im Deutschen erscheint, ist kulturell alles andere als selbstverständlich. Es verlangt Recherche, Übersetzungsarbeit, editorisches Augenmaß und den Mut, einer wenig vertrauten Mythologie Raum zu geben, ohne sie zu trivialisieren. Gerade deshalb verdient diese Edition Lob. Sie öffnet ein Fenster in eine Überlieferung, die im deutschsprachigen Raum kaum präsent ist, und tut dies mit Respekt vor der Herkunft und mit Sinn für künstlerische Form. Selbst die bislang wenigen öffentlichen Leserreaktionen betonen vor allem diese Sorgfalt: die Kraft der Illustrationen, die Nähe zu den Geschichten, die besondere Stimmung des Bandes.

Natürlich liegt in der Anlage des Buches auch eine Grenze. Wer zu jedem Wesen eine ausführliche ethnologische Abhandlung erwartet oder sich eine stärker systematische Kommentierung wünscht, könnte die Form als zu knapp empfinden. Doch wäre es verfehlt, daraus einen Mangel zu machen. Dieses Buch will kein universitärer Apparat sein. Es will erschließen, verlocken, sichtbar machen. Und genau das gelingt ihm.

Bestiarium Groenlandicum ist mehr als ein schön gemachtes Sonderbuch. Es ist ein verlegerisches Statement: gegen die gedankenlose Vereinnahmung einer Kultur, gegen das kartographische Denken der Macht, gegen die Arroganz des bloßen Zugriffs. Während anderswo über Grönland gesprochen wird, als sei es eine zu erwerbende Fläche, erinnert dieses Buch daran, dass ein Land zuerst aus Geschichten besteht. Aus Bildern. Aus Stimmen. Aus Wesen, die nur dem etwas verraten, der nicht kommen will, um zu besitzen, sondern um zu lernen.


Genre: Bildband, Kulturgeschichte, Mythologie
Illustrated by Inuit

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