Ist es Liebe

Vom Zufall der Geburt

Der zweite Roman der Schriftstellerin und Schauspielerin Valery Tscheplanova weist mit seinem fragenden Titel deutlich auf seine Thematik hin, dem in der Belletristik scheinbar unerschöpflichen Genre der Liebe. Aber welche Facetten kann die in Russland geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Autorin denn diesem ewigen Thema noch abgewinnen? Im Interview hat sie zu ihrem neuen Roman erklärt: «Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen». Gemeint hat sie jene Altlasten, die ja in der Regel spätestens nach drei Monaten Liebestaumel erkennbar würden. «Dieses Mitgebrachte wollte ich porträtieren und sagen: Das ist erstmal kein Hindernis». Stimmt das, fragt man sich!

Anne hat ein Studium als Schauspielerin absolviert und sich am Deutschen Theater in Berlin beworben. Sie liebt ihre Freiheit über alles, was dazu geführt hat, dass sie auch in ihren Beziehungen zu Männern immer ungebunden geblieben ist. Ihrem letzten Lover, als Informatiker ein Nerd durch und durch, hat sie gerade den Laufpass gegeben. Als sie bei einer Fahrt mit der U-Bahn auf einen bunt gekleideten Farbigen aufmerksam wird, der in seiner selbstbewussten Präsenz alle Blicke auf sich zieht, setzt sie sich in seine Nähe. Dann steigt ein Typ mit einer Gitarre zu und beginnt zu spielen, Anne lauscht ihm fasziniert und wirft fünfzig Cent in den herum gereichten Pappbecher. Nachdem sie ausgestiegen ist, ruft ihr jemand nach: «Excuse me, Miss». Der Farbige erklärt ihr auf Englisch, dass ihm gefallen habe, wie sie gerade eben der Musik zugehört hat. Sie kommen ins Gespräch, beim Trennen schreibt er eine Nummer auf seine Hand, sie soll sie fotografieren, wenn sie möchte. Natürlich ruft sie Richard dann auch an, und sie werden sehr schnell ein Paar. Er arbeitet in einer Bäckerei und verwöhnt sie gleich beim ersten Treff mit leckeren Backwaren, sie ziehen dann auch schon bald zusammen. Als Anne bald darauf schwanger wird, entschließt sie sich erst in der Abtreibungs-Klinik, unmittelbar vor dem Eingriff, dass sie das Kind doch lieber austragen will, – Karriere hin oder her!

In Rückblenden wird erzählt, wie Anne als Teenager unter massiven Essstörungen gelitten hat. Zuerst an Bulimie, bei der sie bis auf die Knochen abgemagert ist, dann aber auch an unstillbarer Fresssucht, die sie immer fetter werden lies und immer unattraktiver. Richard erzählt ihr nur sehr ungern aus seinem Leben. Erst nach und nach kann sie ihm entlocken, dass er aus einem riesigen Slumviertel in Nairobi stammt und unter desaströsen familiären Verhältnissen groß geworden ist. Durch einen glücklichen Zufall gelangte er in die italienische Botschaft, wo man ihm bei der illegalen Einreise nach Deutschland geholfen habe. Er lebte nur mit Duldungsstatus in Berlin und rechnete jederzeit mit seiner Abschiebung, ein Trauma, unter dem er sehr gelitten hat, – das nun aber durch seine Vaterschaft beseitigt ist. Mit der Geburt des Kindes ändert sich auch fast alles für Anne, sie allein ist es, die nun das Geld verdient. Richard tut so gut wie nichts mehr, kauft sich teure Klamotten und ist oft tagelang weg, er feiert in Nachtclubs ab und betrügt Anne nach Strich und Faden. Auslöser für seine Hemmungslosigkeit ist seine traumatische Jugend, die er nun geradezu zwanghaft zu kompensieren sucht. Es ist sein «Päckchen», das er als Altlast mit in die Beziehung gebracht hat, was Anne, zum Schrecken aller, letztendlich akzeptiert.

Durchaus bereichernd sind die Passagen des Romans, wo vom Theater erzählt wird, vor allem als Anne die Hauptrolle in «Alice im Wunderland» spielt. Was da aber zum eigentlichen Thema erzählt wird, das hat psychologisch leider wenig Tiefgang. Die beiden Protagonisten bleiben nämlich im Verhältnis zueinander in ihrem schwierigen Alltag stecken, daran ändert auch das Kind nichts. «Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren» redet Annes Schwester ihr ins Gewissen. «Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus». Von wegen «erstmal kein Hindernis», wie die Autorin erklärt hat, eine Katharsis fehlt nämlich in ihrem überkonstruierten Roman vom Zufall der Geburt!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Sehnsucht – eine Meditation über Zeit

Wenn ich die Lächerlichkeit fürchten würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden.” Gleich dreimal Erwin Piontek lässt Szczepan Twardoch in seinem neuen Roman “Sagen wir, Piontek” (Originaltitel) auferstehen. Oder ist es ein Mensch mit drei Leben? Die Wahrnehmung der Zeit und die Rolle des Individuums sowie dessen Sehnsucht im Fokus.

Die Zeit und ihre Manifestationen

Der Piontek der Gegenwart, ein Bergmann im Ruhestand, kauft sich eine Segeljolle und kreist auf dem etwa zwölf Kilometer südlich von Plichowice gelegenen Stausee Rybnik. Durch die Wiederholung der Kreisbewegung fällt er in eine zeitliche Elipse 100 Jahre zurück und findet sich plötzlich in der Wüste Deutsch-Südwestafrikas inmitten eines Völkermords an den dortigen Hereros. Aber auch in eine düstere Zukunft lässt Twardoch blicken, wenn er das Leben des dritten Erwin Piontek in der heutigen Zukunft schildert. Als Doppelgänger ähnlich “Der Gefangene von Zenda” wird Erwin Piontek Präsident eines aus der NATO ausgetretenen von Russland besetzten Volksstaates Polen. Mit diesem tritt der Autor selbst, Szczepan Twardoch, in einen Dialog und sie einigen sich darauf, dass ersterer seine Geschichte selbst erzählen soll und der Autor ihn nicht mehr – in kursiv – unterbrechen solle. So wird aus dem Gespräch eine muntere Unterhaltung über die Fantasie eines Autors und der Freiheit gegenüber den von ihm erschaffenen Figuren. Ganz nebenbei will Szczepan Twardoch auch die historischen Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts erzählen und entwirft eine Dystopie, die wohl Europa auch als Warnung dienen soll. Aber noch ist Polen nicht verloren…

Die Vierte Wand

Du bist es jetzt, der sich selbst erzählt, Erwin, durch mich. Ich mache dich nicht mehr. Du selbst machst dich. Du selbst bist für dich verantwortlich.” Das Stilmittel “Sagen wir, …“, das Twardoch im Originaltitel des Romans verwendet, wird auch des öfteren im Roman selbst verwendet. Damit will er wohl andeuten, dass alles auch erfunden sein könnte, was es ja auch ist. Ein paar vulgäre Einsprengsel über das, was Matrosen auf hoher See sich gegenseitig für Gefallen tun erläutert Twardoch anhand der Erlebnisse des ersten Piontek. Dieser segelte mit Kapitän Schumacher auf der Ex Silesia Lux und musste dem Kapitän selbst diesen Gefallen des öfteren tun. Teilweise handelt es sich ja auch um Twardochs Familiengeschichte, wie er in einem Interview bekennt, aber wohl nicht in diesem pikanten Detail. Piontek (*1868), Piontek (*1946) und Piontek (*1979) dienen Twardoch also auch zur Darstellung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Twardoch scheut auch nicht davor zurück die Bibel und die Bhagavadita zu zitieren oder sich selbst als Schriftsteller durch Piontek III als “Schweinhund” beschimpfen zu lassen. Aber am Ende versammeln sich alle drei Pionteks, ihre Angehörigen und der Autor friedlich um ein Lagerfeuer und Festmahl. Und so kommt zu Heidegger, “Moby Dick”, “Der Gefangene von Zenda” auch noch “Asterix” als Inspiration dieses wohl ersten humoristischen Romans Twardochs hinzu.

Szczepan Twardoch
Sehnsucht
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
2026, Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0232-2
Rowohlt
24,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Opernball

Da sitzt sie, in der Loge der Wiener Oper, neben sich zwei Bierdosen (natürlich Wiener Lager) und eine Schnitzelsemmel in der Hand. Stefanie Sargnagel, die Poetin aus dem Gemeindebau hätte sich das wohl so nie träumen lassen. Aber andererseits ist es vielleicht auch ein Verrat? Hat sie gar die Seiten gewechselt?

Klassenkampf in der Kantine

Übertreibungen und Superlative zieren gleich die erste Seite: Bussi, Bussi, Bussi (+10), eine Verballhornung der dazugehörigen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die sich alljährlich am Opernball trifft, die “Hautevolee”, wie es im Untertitel schon angedeutet wird. Ob es bei einem Besuch bleiben wird? Tatsächlich trifft sie sogar einige Leute am Opernball, die sie kennt und sie in ihre jeweiligen Logen einladen. Sie sind ganz inklusiv, die Opernballbesucher:innen, ganz anders als die Mitarbeiter der Mitarbeiter:innenkantine. Diese reagieren eher schroff als Stefanie dort mit ihrer Freundin, der Kellnerin, und dem Museumswärter auftaucht. Hier haben nur Mitarbeiter zutritt baut sich ein “Mitarbeiter” vor den dreien auf. “Ihr, ihr gehört’s zu den Gespritztn!” Aber genau das gibt Stefanie zu denken, denn sie ist ja doch nur zu Besuch hier, als Schriftstellerin, als Beobachterin, als Kommentatorin. Die drei ärgern sich vor allem aber auch deswegen, weil in der Mitarbeiter:innenkantine der Weiße Spritzer nur 3,90€ statt den ortsüblichen 20€ kostet. Der “Ball der Künstler:innen” ist nämlich sauteuer, rund 400€ Eintritt kostet die billigste Karte und die Preise der Verköstigungen am Ball sind legendär. Da bleibt man leicht am Trockenen, wenn man nicht ein paar Sponsoren findet. Aber hier, am Wiener Opernball, trifft alles aufeinander: Kultur, Kapital und Klassenkampf in der Kantine.

Alles Wiener Blut

“Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf”, schreibt die Besucherin Sargnagel und es könne sehr schnell gehen, dass man “für die Elite vom unangenehmen Schmarotzer zum bewunderten Kultkünstler wird. Schneller als einem recht ist”. Sie spricht wohl aus Erfahrung, denn Beispiele dafür gibt es genüge. Frau Sargnagel wird da sicher nicht zum Präzedenzfall werden. Das erste Mal sei sie ja schon vor zehn Jahren am Opernball gewesen. Damals wären die Kartenabreisser und sie noch “gleich” gewesen, schreibt sie, wohl nicht ganz unstolz, einen solchen Aufstieg in so kurzer Zeit auf’s Tanzparkett hingelegt zu haben. Im Johann Strauss Jahr resümiert sie auch darüber, ob nicht auch er ein Roma gewesen sei, ob seines dunklen Teints. “Wisst ihr, wie schwer sie es damals Johann Strauss gemacht haben, an die Oper zu gelangen? Obwohl er ein Weltstar war, haben sie ihn lange nicht an die Oper gelassen. Es war sein großer Traum. Und jetzt sind wir hier. Ihm zu ehren”, ergänzt ihr Freund der Museumswärter. Und auch ihm wächst dabei etwas der Hals, wie die Autorin ein paar Seiten weiter so treffend bemerkt: “So zieht sich der Hals über die Jahrhunderte weiter in die Länge wie eine Raupe”. 

Je länger nämlich der Hals, desto tiefer kann man auf andere runtersehen. Auf die Eleven, der Hauptact des Abendprogramms beim Opernball, können dann alle runtersehen. Sie sind noch so jung und klein und voller Enthusiasmus. Ob das wohl am “berühmten Stock in den Arsch” liegt, wie die Sargnagel schreibt? Weitere amüsante literarische Höhepunkte hat die Sargnagel dann noch im Ärmel und am Ende wird ganz viel Wiener Blut verspritzt. Aber nicht beim Walzer. Das gleichnamige Theaterstück wurde im Wiener Rabenhof im Februar 2025 auf die Bühne gebracht.

Stefanie Sargnagel
Opernball.
Zu Besuch bei der Hautevolee
2026, Hardcover, 80 Seiten
ISBN: 978-3-498-00882-6
Rowohlt Hundert Augen
18,00 €


Genre: Novelle
Illustrated by Rowohlt

Der Fremde

Ein Jahrhundert-Roman

Mit dem Roman «Der Fremde» hat Albert Camus nach Ansicht von Jean Paul Sartre das wichtigste Werk des Existentialismus geschrieben. Anders als bei Sartre aber steht für Camus das Absurde im Zentrum, wie es aus der Gegenüberstellung der menschlichen Sinnsuche und der absoluten Sinnlosigkeit der Existenz entsteht. «L’Etranger», wie der vorliegende, 1942 erschienene kurze Roman im Original heißt, entstand parallel zu Camus philosophischer Abhandlung «Der Mythos des Sisyphos», hier aber wird der Absurdismus erstmals beispielhaft in literarischer Form vorgestellt. Nicht nur in Frankreich gilt dieser gefeierte Roman des späteren Nobelpreisträgers als erfolgreichster den 20. Jahrhunderts.

Die in einer Stadt am Meer in Algerien der 1930er Jahre angesiedelte Geschichte eines Mannes namens Meursault beginnt im ersten Teil damit, dass der introvertierte junge Mann vom Tod seiner im Pflegeheim lebenden Mutter erfährt. «Heute ist Mama gestorben», lautet der erste Satz. «Oder war es gestern, ich weiß es nicht». Aus der Ich-Perspektive wird berichtet, dass er bei der Beerdigung der Mutter keinerlei Reaktionen gezeigt hat. Am nächsten Tag hat er zufällig Marie, eine ehemalige Arbeitskollegin, getroffen, die er lange nicht gesehen hat. Spontan ist er mit ihr zum Schwimmen ans Meer gegangen und hinterher ins Kino, sie wollte unbedingt einen Film mit Fernandel sehen. Im Kino hat er sie dann erstmals geküsst und ihre Brüste gestreichelt, «Nach dem Kino ist sie mit zu mir gekommen». Bezeichnend für den Nihilismus dieses Mannes ist seine Reaktion, als Marie ihm später einen Heiratsantrag macht. Er erwidert, das könne man machen, auf ihre Frage aber, ob er sie denn liebe, sagt er nein, aber das bedeute ja nichts. Der Protagonist wird als antriebsloser Gewohnheits-Mensch geschildert, der völlig zufrieden ist, wenn sein Alltag routinemäßig verläuft, der in den Tag hinein lebt und wirklich alles ungerührt hinnimmt, nicht nur den Tod der Mutter. Als er seinem Nachbarn Raymond hilft, der seine untreue Freundin bestrafen will, gerät er mit ins Visier von deren Brüdern, die sich an Raymond  rächen wollen. Am Stand kommt es zu einer Schlägerei, bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Als Meursault später einen der Brüder am Meer im Sand liegend trifft und der sein Messer zieht, schießt er auf ihn und feuert nach kurzer Pause vier weitere Schüsse auf ihn ab.

Im zweiten Teil des Romans wird der Prozess geschildert, in dem der Angeklagte sich nicht verteidigt und seinen Pflichtverteidiger durch sein absolut gleichgültiges Verhalten zu Verzweiflung bringt. Bei Meursault ist seine Indolenz nämlich nichts anderes als sei originärer Charakter. Der Roman schildert einen interessanten Verfahrensverlauf, der die unbeirrbare, existentialistische Lebens-Philosophie des Angeklagten offen legt, die hier schon beinahe als Unzurechnungsfähigkeit gedeutet werden könnte. Ganz am Ende der Geschichte zeigt er sich dann aber doch empfänglich für «die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt».

Stilistisch ist dieses Buch durch eine einfache, knappe Diktion gekennzeichnet, die mit kurzen Sätzen und in einfachen Worten stimmig die Absurdität dieser Geschichte unterstreicht. Lakonisch wird damit auch ein Gefühl der Unmittelbarkeit des Geschehens und sogar die Illusion einer Präsenz des Lesers erzeugt. Oft werden im Roman die Hitze und der Sonnenschein thematisiert als Symbole der absoluten Indifferenz der realen Welt dem menschlichen Schicksal gegenüber, – genau so, wie sie sein apathischer Protagonist ja empfindet. Camus wirft in diesem Roman wichtige philosophische Fragen auf, zu denen vor allem der Sinn des Lebens und der Tod als Schicksal gehören, aber auch die Rolle sozialer Normen oder fehlender Emotionen. Er fragt auch nach dem so genannten ‹freien Willen› und erläutert, dass Meursault für die Gesellschaft «Der Fremde» ist, weil er sich beharrlich weigert, sich zu verstellen oder gar zu lügen. Ohne Zweifel ist dieses bereichernde Werk ein Jahrhundert-Roman, wie es kaum einen zweiten gibt, wobei diese komplexe Erzählung bis zum Schluss auch noch spannend bleibt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
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Gleißendes Licht

Recherche ohne Ergebnis

Marc Sinan, der Musiker und Komponist mit türkisch-armenischen Wurzeln, hat mit «Gleißendes Licht» einen Debütroman vorgelegt, der den Völkermord an den Armeniern thematisiert. Als Thema ein Tabu in der Türkei, hartnäckig geleugnet bis zum heutigen Tage auch vom derzeitigen Präsidenten Erdoğan, ist dieser erste Genozid des Zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vielfach belegte Tatsache, die bis heute nachwirkt. Mit diesem autobiografisch inspirierten Roman liegt nun erneut ein Werk vor, das dieses mehr als hundertjährige Trauma literarisch aufgreift. «Die Wahrheit ist kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hinein fällt», lautet denn auch ein vorangestelltes Zitat von Robert Musil.

Gleich am Anfang wird berichtet, wie im Jahre 1915 der kräftige türkische Hilfssoldat Hüseyin allein ein Boot mit einigen Soldaten und vierzehn armenischen Kindern von Ordu aus auf das Schwarze Meer hinausrudert. Irgendwann soll er stoppen, und dann hört er einen tiefen Schlag und das Aufklatschen eines Körpers auf das Wasser, – das wiederholt sich vierzehn Mal hintereinander, eine kaltblütige Exekution. Hüseyin verdrängt dieses alptraumartige Erlebnis, heiratet später eine armenische Waise und lebt recht gut vom Export von Haselnusskernen, bis ihm kriegsbedingte Import-Beschränkungen das Geschäft verdorben haben. Er verlegte sich auf die Herstellung von Tran, den er aus dem Fang von Delphinen und Schweinswalen gewinnt. Aber auch darauf lag ein Fluch, seine Frau Anneanne wollte ihn davon abbringen, es sei eine Sünde, diese Tiere zu jagen. Und auch hier ging es bald bergab, schon nach zwei Jahren war er wieder ruiniert.

In einem weiteren Handlungsstrang wird unter der Überschrift «München 1986 bis 1992» von Kaan erzählt, zweiter Protagonist des Romans und in vielem Alter Ego des Autors, der Enkel von Hüseyin. Er hat als Gitarist ein Stipendium bekommen und reist nun zu ersten Mal in seinem Leben nach Istanbul. Bis dato war Kaans Münchner Leben in einem Reihenhaus völlig unspektakulär gewesen, sei Vater war Ingenieur bei Siemens, seine Mutter technische Zeichnerin in der gleichen Abteilung. Nur, Kaans Mutter, hatte binnen eines Jahres fließend Deutsch sprechen gelernt und ihren eher unspektakulären, aber gut aussehenden Mann geheiratet, weil sie wusste, dass er kein Macho ist und immer loyal zu ihr stehen würde. Das Leben von Opa Hüseyin und seinem Enkel Kaan könnte unterschiedlicher nicht sein, gleichwohl aber wurden die traumatischen Erlebnisse von 1915 auf rätselhafte Weise über Jahrzehnte und zwei Generationen hinweg bis in die Jetztzeit weitergereicht. Der inzwischen vierzigjährige Kaan trägt unermüdlich Indizien dafür zusammen, wobei die Handlung in weiten Sprüngen die Zeit vom Bosporus bis nach New York, vom Schwarzen Meer bis nach dem München der 1980er Jahre durcheilt. «Schreib endlich die Geschichte auf«, sagt der Großvater, «Schreibe, damit du sie vergessen kannst. Denn nur im Vergessen besteht die Chance zu überleben».

Es ist eine latent in Kaan schlummernde Aggressivität, die ihn letztendlich zum Schreiben veranlasst, außerdem seine ständige Selbstüberforderung als Musiker, aber auch eine geradezu toxische Liebesunfähigkeit. Der Leser wird Zeuge eines Schreibprozesses, bei dem der Autor mit der detektivischen Kleinarbeit seines Protagonisten wirkungsvoll einen Spannungsbogen aufbaut. Leider bleibt sein Held aber bis zum Schluss als Figur unsympathisch, die in vielen Zeit- und Orts-Sprüngen fraktionell erzählte Geschichte ist zudem schwer durchschaubar und wirft mancherlei Fragen auf, die sie nicht beantwortet. Wie andere, thematisch vergleichbare Romane (Alex Schulman – Verbrenn all meine Briefe) bleibt auch dieser hier die Antwort schuldig, wie sich ein kühn behauptetes, generationen-übergreifendes Weiterreichen von Schuld denn psychologisch erklären lasse, – Marc Sinans wortreiche Recherche bleibt jedenfalls ohne Ergebnis!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Erzählte Welt

Ohne Skandal geht es nicht

Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.

Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung  erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.

Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.

Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Sachbuch
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Du hättest gehen sollen

Autofiktionale Schreibkrise

Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von Stanley Kubrick erinnert. Dem Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, das Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist gescheitert, – oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.

Mit Frau und vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript, die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem 92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder. Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes. Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief gebaut, er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor zu stehen.

Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder anfassen», -Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er sich.

Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau, einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer, die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind. Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen mysteriösen Vorkommnisse, denen rein gar nichts folgt!

Fazit:   miserabel

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Genre: Erzählung
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Lázár

Historisch verbrämter «Kitsch-Porno»?

Der Schweizer Schriftsteller Nelio Biedermann hat mit seinem Roman «Lázár» ein Familienepos geschrieben, in dem er, über mehr als 50 Jahre hinweg und drei Generationen umfassend, die wechselvolle Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie erzählt. Sie beginnt mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, dem später das verbrecherische Nazi-Regime folgt. Die Erzählung endet mit den kommunistischen Zwangsenteignungen, der Niederschlagung der Ungarischen Revolution und der Flucht der Familie nach Zürich. Gleich sieben deutschsprachige und zwanzig fausländische Verlage waren an der Veröffentlichung des autobiografisch inspirierten Manuskripts interessiert, das dann auch sehr schnell zum Bestseller avancierte. Ein wenig hat zu diesem Hype sicherlich auch das jugendliche Alter dieses literarischen Shootingstars beigetragen, war er doch beim Erscheinen seines bereits zweiten Romans erst 22 Jahre alt. Die Rezensionen der Feuilletons hingegen waren konträr wie selten. Während einerseits euphorisch von «Große Literatur» und «Pageturner» die Rede ist, stößt beispielsweise ausgerechnet bei der NZZ übel auf, dass hier eine historische «Schauerkulisse» unbekümmert für einen «Kitsch-Porno» genutzt würde. Was stimmt denn nun?

Maria, die schöne Baronin, hadert mit ihrem langweiligen Leben im abgelegenen Waldschloss der Familie Lázár, frustriert ritzt sich immer wieder mal mit der Rasierklinge ihres Mannes die Unterarme blutig. Als der fesche blonde Stallbursche ihr einmal für einen Ausritt in den Sattel hilft, bemerkt er die Verletzungen, «Warum tun Sie das, Frau Baronin» fragt er irritiert. «Um zu wissen, dass ich lebe» ist ihre Antwort. Als sie drei Stunden später vom Ausritt zurück kommt und er den Sattel in den Pferdestall trägt, folgt sie ihm lächelnd, und bald schon liegen beide nackt im Stroh. Neun Monate später kommt am 6. Januar 1900 Lajos auf die Welt, ein blondes Kind mit wasserblauen Augen, von Anfang an argwöhnisch betrachtet vom Baron. Als das Kind zwei Jahre alt ist, stellt er endlich die Frage, die Maria schon lange befürchtet hat, warum Lajos ihm denn so gar nicht ähnlich sieht. Auf eines der vielen Ahnenporträts an den Wänden deutend macht Maria ihren Mann darauf aufmerksam, dass dieser männliche Vorfahr dem Kind doch wie aus dem Gesicht geschnitten sei, – und damit ist dieses Thema denn auch für immer vom Tisch.

Zwanzig Jahre später berührt der Untergang der Habsburger Dynastie zunächst nur die Traditionen der Familie, und es scheint sogar, als ob der inzwischen erwachsene Lajos mit dem Antritt des Erbes den alten Glanz wieder herstellen kann. Aber seine Kinder müssen später dann doch miterleben, wie die politischen Umbrüche, insbesondere das Erstarken des Kommunismus, zunehmend ihr privilegiertes Leben verändern und völlig neue Anforderungen an sie gestellt werden. Nelio Biedermann erzählt teilweise aus eigenem Erleben und aus Gesprächen mit Zeitzeugen, seine Chronik eines Niedergangs mit ihren unübersehbaren Anklängen an Thomas Mann wirkt dadurch recht authentisch. Wobei sie stilistisch aus einer absolut heutigen Sicht geschildert ist, diese moderne Perspektive sei ihm wichtig gewesen, hat der Autor im Interview erklärt.

Sein Familienepos wird von vielen lebensecht geschilderten Figuren getragen, deren unterschiedliche Schicksale man gebannt verfolgt als Leser, wobei Dekadenz und Standesdünkel des Adels wie auch die ungehemmten Triebe der schillernden Figuren als Leitmotive fungieren. Es gibt etliche Ungereimtheiten in der Erzählung, die man teilweise als mystische Einsprengsel deuten könnte. Überwiegend kurze, fahrig wirkende Abschnitte wechseln sich ab mit breit ausgewalzten Beschreibungen, ein unausgewogener Stil, der den Lesefluss erheblich stört. «Sex sells» scheint die peinliche Devise dieses Romans zu sein, die denn auch prompt in der Neuen Züricher Zeitung zu Recht als «Porno-Kitsch» gebrandmarkt wird. Bildet etwa genau das den wahren Grund für den völlig unverständlichen Hype um diesen weitgehend missratenen, aber von Teilen des Lesepublikums euphorisch gefeierten Familien-Roman?

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
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Auf den Gleisen

Radikaler Underdog-Roman

Das Romandebüt der Schriftstellerin Inga Machel unter dem Titel «Auf den Gleisen» wurde 2024 auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis gewählt. Angesichts seiner Thematik eine kühne Entscheidung der unkonventionellen Jury, die hier trotz einer zweifellos vorhandenen langen Reihe von literarischen Mängeln offensichtlich die rigorose Abkehr der Autorin von narrativen Konventionen und insbesondere wohl auch die beklemmende Thematik dieses Romans hervorheben wollte. So sind denn auch die Kritiken der Feuilletons dahingehend unisono positiv, dass nämlich gerade diese Radikalität den Roman in letzter Konsequenz literarisch auszeichne, auch wenn die Mängelliste lang sei! Ein zulässiger Kompromiss?

«Ich dachte, ich müsste jemand umbringen. Als würde der Tod meines Vaters einen Gegentod erfordern», heißt es zu Beginn. Lange ist es nicht sicher, ob da vielleicht eine Frau erzählt, bis irgendwann dann endlich der Name Mario genannt wird, der Mitte zwanzig war, als sein depressiver Vater sich vor den ICE geworfen hat. Das ist inzwischen zehn Jahre her. Aber der Ich-Erzähler, der als Abiturient in der mündlichen Abiturprüfung das Thema Suizid hatte und dafür 15 Punkte bekam, ist seit fünf Jahren total aus der Bahn geworfen, er ist also alles andere als «auf den Gleisen». Bei seinen ständigen, ruhelosen Streifzügen durch Berlin begegnet er einem Mann, in dem er seinen Vater zu erkennen glaubt und dem er von nun an geradezu zwanghaft folgt, ohne ihn jedoch anzusprechen. Es handelt sich um einen heroinsüchtigen Obdachlosen, den er in seiner Erzählung nur P. nennt und dem er sich wie ein lästiger Stalker ohne Sinn und Zweck an die Fersen heftet. So kennt er bald auch dessen Wohnung und klettert sogar, als P. sie einmal kurz verlässt, neugierig durch das offen gelassene Fenster, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos voller Schmutz empfängt. Offensichtlich ist P. für ihn eine Ersatz-Vaterfigur, deren absehbaren Niedergang er neugierig miterlebt, um damit wohl seine eigenen Traumata verarbeiten zu können.

In ständigem Wechsel erzählt Mario immer wieder auch aus seiner glücklosen Kindheit in prekären Verhältnissen. Er musste unter der gefühlskalten Mutter ebenso leiden wie unter dem depressiven, oft ausrastendem Vater, der dann meist um sich schrie: «Ich bin nur von Idioten umgeben». Und damit meinte er ausnahmslos alle, Familie, Nachbarn, Freunde, Kollegen und seine vielen Zechkumpane, aber auch Mario. Und der trägt nun die gescheiterte Beziehung zum Vater sowie das Fehlen jedweder Sicherheit und bedingungsloser Liebe als seelisches Handicap mit sich herum.

Der eigenwillige Stil, in dem das alles erzählt wird, ist allein schon dadurch geprägt, das allzu vieles einfach offen gelassen, also nichts wirklich auserzählt wird. Angesiedelt in Berlin, stellt die dort lebende Autorin diese Metropole in ihrem Roman als völlig verdeckten, dysfunktionalen Moloch dar, als ein idealer Nährboden also für Kleinkriminelle, Junkies und Lebensmüde. Insoweit ist dies ein völlig untypischer Berlin-Roman. Denn die meist euphorisch beschriebene Großstadt-Stimmung wird hier stilistisch gekonnt auf eine äußerst subtile Art demaskiert: «Es war noch nicht Nacht, aber fühlte sich schon eine Weile lang so an. Der Himmel lag abgenutzt über dem See, an dessen Ufer, direkt gegenüber, ein betrunkener Mann eine betrunkene Frau schlug». Neben der chaotisch wechselnden, oft intermittierenden Chronologie der Handlung, die man allerdings nicht wirklich als Plot bezeichnen kann, stört insbesondere die allzu dick aufgetragene Melodramatik dieser Geschichte. Die Autorin suhlt sich schreibend geradezu in dem Elend, das sie da unbeirrt heraufbeschwört. Es gibt zudem wahrhaft schiefe Bilder und irrwitzige Szenen voller Selbstmitleid, an denen man sich prompt stößt als irritierter Leser. Verblüfft wird man resümieren, dass Inga Machel suizidale Depression und Drogen-Missbrauch als etwas völlig Normales beschreibt. Wer das wirklich nachvollziehen kann, wird wohl auf seine Kosten kommen bei diesem radikalen Underdog-Roman!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Pseudonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Vaim

Eine Stimme für das Unsagbare

Der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Jon Fosse mit dem Titel «Vaim» reiht sich ein in sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre mit zumeist melancholischer Prägung. In der Begründung des Stockholmer Komitees heißt es, der Preis werde ihm verliehen «für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen». Mit diesem aktuellen Roman, der als erster einer Trilogie angekündigt wurde, hat der Autor seinem Schreiben eine bisher ungewohnte Leichtigkeit beigemischt, die neugierig macht auf die Folgebände.

Die dreiteilig aufgebaute Geschichte beginnt mit einer Bootsfahrt von Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der in dem kleinen Ort Vaim lebt. Er fährt in die Stadt Bjørgvin, hauptsächlich um dort Nadel und Faden zu kaufen, mit denen er lose gewordnen Knöpfe seiner Kleidung annähen will, denn hier auf dem Land ist so etwas nirgends aufzutreiben. Aber auch in der Stadt muss er lange suchen, bis er endlich auf einen Laden stößt, in dem die Verkäuferin dem unbeholfen wirkenden Mann eine halbleere Garnrolle und eine Nähnadel anbietet. Sie will dafür 250 Kronen haben, ein unverschämt hoher, völlig überzogener Preis, den er aber notgedrungen zahlt, weil er nicht mit leeren Händen heimfahren will. Auf dem Rückweg macht er einen spontanen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Sartor und hört nachts verdutzt in seiner Kabine, wie eine Frau vom Anleger aus seinen Namen ruft. Es ist Eline die er flüchtig aus der Jugend kennt, mit der er aber nie ein Wort gesprochen hat. Jatgeir hat sie immer nur aus der Ferne bewundert und vor Jahren dann sein Boot nach ihr benannt. «Ich hatte ja gehört, dass Eline irgendwo auf Sartor wohnen solle, aber jetzt hatte ich wohl geradezu Halluzinationen, es konnte doch nicht meine alte heimliche Liebe da stehen und zu meiner Schnigge runterschauen, an deren Steuerhaus auf beiden Seiten so stolz Eline stand, jetzt stand Eline da, denn es war tatsächlich sie, die ohne ihr Wissen meiner Schnigge den Namen gegeben hatte, denn ich hatte ja nie, natürlich nie, Eline etwas von meinen Gefühlen für sie verraten, nie, niemals im Leben hätte ich es gewagt, so etwas zu einer Frau zu sagen, nein so war ich nicht gemacht, ich nicht». Sie war weggezogen und hatte dann einen Fischer geheiratet. Nun steht sie vor ihm. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, erklärt sie, und nur einen einzigen Koffer mitgenommen. Und sie bringt den völlig verdutzten Jatgeir schließlich auch noch dazu, jetzt sofort, noch in der Nacht, mit ihr nach Vaim aufzubrechen, in ihre alte Heimat, – und ihm dämmert es, dass sie dort bei ihm wohnen wird!

Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu dem frömmelnden Elias, dem einzigen Freund von Jatgeir, der ebenso verhaltensgestört ist wie er, was soziale Bindungen anbelangt. Elias ist zutiefst verunsichert durch diese Frau, die da plötzlich bei seinem besten Freund wohnt, und steigert sich in Phantasiewelten hinein in seiner Angst, Jatgeir auf Dauer zu verlieren als Freund. Im dritten Teil berichtet Olav ganz unchronologisch von der Vorgeschichte der beiden Erzählungen. Wie er im Gasthof auf Sartor mit zwei Fischern einen ertragreichen Fang feiert und plötzlich eine Frau vor ihm steht, die sich als Eline vorstellt und ihn Frank nennt trotz seiner Proteste, weil er in Wahrheit ja Olav heißt. Sie ist es auch, die ihn zum Tanz auffordert, ihm nicht mehr von der Seite weicht und es schließlich so weit bringt, dass der eingefleischte Junggeselle sie heiratet.

In einem entfernt an Thomas Bernhard erinnernden, hypnotischen Stil wird hier extrem repetitiv, in kreisenden Schritten quasi, eine Dreiecksgeschichte erzählt, die tief in die Psyche der drei männlichen Ich-Erzähler verweist, mit der dominanten Eline als motivisches Zentrum, als eine Art klassischer Schicksalsengel. All das wird in einem einzigen Satz erzählt, als ein meditativer Gedankenstrom der Figuren, durch den man zu kontemplativem Mitdenken angeregt wird. «Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss» hat der Autor zu seinem sehr speziellen, poetischen Erzählstil erklärt, der aber auch amüsante Züge aufweist. Wer sich darauf einlässt, wird von einem Lesesog mitgerissen, der inhaltliche Irritationen schnell vergessen lässt.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Tar Baby

Auf der Suche nach Identität

Der vierte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison mit dem Titel «Tar Baby» ist in der aktuellen deutschen Ausgabe mit einem Vorwort der Autorin ergänzt worden. Darin schildert die erste farbige Nobelpreisträgerin die familiären Umstände, die sie dazu gebracht hätten, dieses Buch zu schreiben. Auslöser war demnach eine uralte Geschichte aus Afrika von einer Puppe aus Teer, die den Gruß eines Kaninchens nicht erwidert hat. Als das Kaninchen die Puppe wütend tritt, bleibt es an dem klebrigen Teer hängen und kann sich nicht mehr davon befreien. Dieses Teerbaby ist für die Autorin das Sinnbild einer toughen, schwarzen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, wie sie im Interview erklärt hat.

Im ersten von zehn Kapiteln wird die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht erzählt, die einen farbigen Seemann auf eine abgelegene Karibikinsel verschlägt. Son ist von einem vorbeifahrenden Schiff gesprungen und wäre beim Schwimmen an Land beinahe ertrunken. Unterschlupf findet er in einem einsam gelegenen Haus, in das er sich nachts einschleicht. Wobei er beinahe erwischt worden wäre, er konnte sich gerade noch in die Kleiderkammer der Hausherrin retten. Der mehr als siebzigjährige Valerian Street hat vor Jahren seine Bonbonfabrik in Amerika verkauft und sich mit Margaret, seiner deutlich jüngeren Frau, in ein großes, feudales Landhaus zurückgezogen, sein karibisches Refugium. Betreut wird das weiße Ehepaar von dem farbigen Butler Sydney und dessen Frau, die als Köchin fungiert. Als die Hausherrin überraschend auf Son stößt und schreiend um Hilfe ruft, will Sydney den Eindringling auf der Stelle erschießen, wird in letzter Sekunde aber vom Hausherrn daran gehindert. Der lädt den Farbigen vielmehr zu einem Drink ein und bietet ihm schließlich sogar großzügig auch noch Unterkunft an.

Im Haus wohnt besuchsweise seit einigen Monaten auch Jadine, die 25jährige, ebenfalls farbige Nichte des Butler-Ehepaares. Sie wurde nach der Schule vom Hausherrn gefördert, er hat ihr ein Studium als Kunsthistorikerin in Paris finanziert, das sie inzwischen erfolgreich abgeschlossen hat. In Paris wurde die äußerst attraktive junge Frau als farbiges Model entdeckt und hat sich deshalb entschlossen, zunächst nicht als Dozentin an der Universität zu bleiben. Sie ist stattdessen nach New York gegangen, um dort als gut bezahltes Model zu arbeiten. Nach anfänglichem Streit kommen sie und der Eindringling Son sich schnell näher und haben bald schon rauschhaften Sex miteinander. Er erzählt ihr schließlich sogar den kriminell bedingten Grund für seine Flucht aus den USA. Es ist kurz vor Weinachten, der erwachsene Sohn der Streets wird sehnsüchtig erwartet. Wegen widriger Wetterverhältnisse sind aber kurzfristig alle Flüge gestrichen worden, und auch andere Gäste müssen absagen. So sitzen schließlich nur die Streets, das Butlerehepaar sowie Jadine und Son beim Festschmaus am Esstisch zusammen, wo der traditionelle Truthahn aber ausnahmsweise diesmal durch eine Gans ersetzt ist. Es kommt zum Eklat, als gesprächsweise durch die Köchin, die für den einzigen Sohn wie eine zweite Mutter war, angedeutet wird, dass Mrs. Street ihn als Baby und Kleinkind mit Nadeln gestochen und ihm sogar Brandwunden zugefügt hat. Überstürzt reisen Jadine und Son nach New York ab.

In Person der auf einem derart speziellen Gebiet wie der Mode erfolgreichen, schwarzen Protagonistin  kumulieren die unterschwellig vorhandenen, rassistischen Töne, die der Plot thematisiert und der Buchtitel symbolisiert. Sie fühlt sich von den konventionellen Vorstellungen und sozialen Bedingtheiten anderer farbiger Frauen bedrängt. Und auch die heiße Affäre mit Son scheitert schließlich an derartigen rassisch geprägten, konträren Lebens-Einstellungen und -Bedingungen. Nicht nur die Farbigen in diesem Roman befinden sich auf der Suche nach ihrer Identität, alle müssen sich letztendlich fragen, ob sie denn wirklich authentisch handeln. Stilistisch überzeugend ist die poetische Sprache der Autorin, mit der sie – auch in kontemplativen Dialogen – starke Bilder erzeugt beim Lesen ihrer extrem breit angelegten, interessanten Rassismus-Story.

Fazit:  erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Cabo de Gata

Magerer Plot und stilistisches Können

Mit dem Roman «Cabo de Gata», der eher als eine zielgerichtete Novelle anzusehen ist, hat Eugen Ruge ein autobiografisches Buch geschrieben, in dessen Widmung geschrieben steht: «Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war». Und so beginnen denn auch beinahe alle Sätze der Novelle mit den Worte «Ich erinnere mich». Ein angehender Schriftsteller (sic) mit Schreib-Blockade berichtet darin von seinem Selbstfindungstrip. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, der nach der Scheidung von seiner Frau in einer tiefen Sinnkrise steckt, schildert darin eine spontane Reise in den Süden, die ein Ausbruch aus seinem bisherigen Leben darstellt. Er will in der Einsamkeit eines fremden Ortes völlig ungestört einen Roman schreiben.

In dem Wahn, sich von allen Fesseln zu befreien, geht der Vierzigjährige so weit, seine bescheidene Wohnung zu kündigen, alle Möbel zu verkaufen oder zu verschenken, alle Zahlungen zu stoppen und dann sein schmales Konto vollends leer zu räumen. Er reist mit kleinem Gepäck, alles hinter sich lassend, mit einigen kurzen Zwischenstopps und ohne konkretes Ziel Richtung Mittelmeer. Erst unterwegs wird er mit Hilfe eines Reiseführers auf den Naturpark im Süden Spaniens aufmerksam und landet kurz entschlossen, nach beschwerlicher Anreise mit einem klapperigen Bus, von Almeria kommend, im titelgebenden Naturpark «Cabo de Gata». Dort sucht er in einem kleinen Fischerdorf ein bescheidenes Quartier, was sich als ziemlich schwierig erweist, weil diese Gegend touristisch noch völlig unerschlossen ist. Das merkt er daran, dass der kleine Ort und auch sein Strand total vermüllt sind, was allerdings dort niemanden zu stören scheint. Schließlich kommt er als einsamer Gast in der Pension einer alten Witwe unter, deren Mann Fischer war. Die Tochter, deren gewaltiges Hinterteil immer wieder seinen Blick anzieht, ist ebenfalls mit einem Fischer verheiratet und arbeitet bei der Mutter als Bedienung. Die Wirtin, aber auch die anderen Dorfbewohner, sind äußerst wortkarg, sogar die Tochter spricht kein Wort mit ihm und knallt ihm mittags nur wortlos sein Essen auf den Tisch.

Die Landschaft ist öde, es weht ein kalter Wind, die Bewohner sind ausgesprochen unfreundlich, gleichwohl beschließt der Ich-Erzähler, dort zu bleiben. Er kämpft mit seinen Notizen, die er vormittags aufschreibt und meist am Nachmittag schon wieder verwirft, sein Romanprojekt kommt nicht von der Stelle. Dabei geht es ihm wie den drei Fischern, Söhne seiner Wirtin, die er oft beobachtet bei seinen Spaziergängen am Strand. Die rufen ihm dann immer zu: «Mucho trabajo, poco pescado», – viel Arbeit, wenig Fisch! Zu den auffallend wenigen Figuren der Erzählung gehören auch zwei Kurzzeit-Touristen, ein Engländer und ein Amerikaner. Außerdem einige Sonderlinge aus dem Ort, die er beobachtet: Zwei Männer in Schlafanzügen, die jeden Morgen vor ihre Haustür treten, eine Frau mit Gipsbein, die dann irgendwann keines mehr hat, sowie ein wortkarger Barmann. Zuletzt freundet er sich dann mit einer rot getigerten, scheuen Katze an, die er langsam an sich gewöhnt, indem er sie füttert. Er sieht in ihr die Inkarnation seiner Mutter, die ihm mit ihrer Anwesenheit etwas sagen will, davon ist er überzeugt. Dass er vergebens hier sei, der Erfolg mit seinem Buch würde sich nämlich von selbst einstellen, «sobald die Welt aufgehört hat, mich durch Wandel zu stören». Er bleibt 123 Tage in Gabo de Gata, bis er schließlich einen im flachen Wasser sterbenden Rochen beobachtet und spontan abreist.

Mit dem Vorhaben, für sein Buch aus nichts als aus Erinnerungen zu schöpfen, nutzt Eugen Ruge bewusst die Schwächen des Gedächtnisses und gibt absonderlichen Assoziationen und irrealen Zusammenhängen einen breiten Raum. Damit bezweckt er, zu einer anderen, zu einer ‹poetischen› Wahrheit zu gelangen. Das mag über den langweiligen, äußerst mageren Plot hinweg täuschen, was hier allein durch stilistisches Können ein wenig kompensiert wird. Ob das denn reicht, muss letztendlich jeder Leser für sich allein beantworten!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Sister Europe

Parodie auf den Literaturbetrieb

Mit «Sister Europe» hat die US-amerikanische Schriftstellerin Nell Zink einen literarisch unkonventionellen Roman vorgelegt, in dem sie grundverschiedene, skurrile Figuren in einer einzigen regnerischen und kalten Nacht ungebremst aufeinander treffen lässt. Die  am 21. Februar 2013 spielende, originelle Geschichte einer ominösen, zufällig entstandenen Gemeinschaft «schräger Vögel» stellt eine auf hohem intellektuellem Niveau angesiedelte, subtile Gesellschafts-Kritik dar, die äußerst gewitzt vorgetragen wird. Als seit dem Jahr 2000 in Deutschland lebende Autorin hat Nell Zink ihrem in Berlin angesiedelten Roman viel Lokalkolorit beigegeben. Seine Handlung spielt sich im renommierten Hotel Intercontinental ab, Anlass ist die feierliche Verleihung eines Literaturpreises mit anschließendem Galadiner. Teilweise ist auch der nahe gelegene Tiergarten als großer Stadtpark Schauplatz des Geschehens.

Das illustre, zu Selbstinszenierungen neigende Figuren-Ensemble besteht aus dem Kunstkritiker Demian und seinem transsexuellen, 15jährigen Sohn Kilian. Der ist gerade dabei, eine «Nicole» zu werden, – oder vielleicht doch lieber nicht? Während der Vater Kilians Pläne ablehnt, was er sich aber nicht anmerken lässt, weil es «uncool» wäre, ist der Mutter die geplante Geschlechts-Umwandlung ihres Sohnes ziemlich egal. Ferner gehört Demians Freund Toto zum Personal des Romans, ein alternder Lebemann, und außerdem auch dessen deutlich jüngere Internet-Bekanntschaft Avancia, sie treffen sich dort zum ersten Mal. Mit von der Partie ist als Grande Dame auch noch die attraktive Livia, eine alte Freundin von Demian. Und auch deren imposanter Großpudel und verlässlicher Beschützer, der auf den Namen Mephisto hört, spielt nicht nur eine Nebenrolle in dem turbulenten Plot, denn sein Name deutet ja unverkennbar auf den Pudel in Goethes «Faust» hin. Geehrt wird an dem als Veranstaltung quälend langweiligen Abend der arabische Schriftsteller Masud, den kaum einer kennt.

Der Literaturpreis ist von der Witwe eines Emirs gestiftet, die sich bei der Feierstunde von ihrem Neffen Prinz Radi vertreten lässt. Sie hat auf ihre Einladungen enttäuschend wenige Rückmeldungen bekommen. Denn in ihren Kreisen jetten die Leute in der kalten Jahreszeit rund um die Welt, bloß ab ins Warme ist die Devise, – Umweltschutz und Klimawandel hin oder her! Sie bittet Demian deshalb, so viel wie möglich Leute aus seinem Bekanntenkreis mitzubringen, damit das offensichtliche Desinteresse an dem Preisträger nicht gar zu peinlich wird. Prinz Radi versucht dann prompt, mit der attraktiven Nicole anzubandeln, die schon vor dem geplanten medizinischen Eingriff äußerlich als junge Frau auftritt, geschminkt und aufreizend gekleidet. Sie will unbedingt ihre erste sexuelle Erfahrung als Frau machen. Prinz Radi jedoch zögert, – so weit will er denn doch nicht gehen!

Ein wesentliches Stilmittel der Autorin sind die glänzend formulierten, treffsicheren und  mitreißenden Dialoge, die vor allem durch kontemplative Einschübe und philosophische Erörterungen gekennzeichnet sind. Schwach dagegen sind die zu Selbstinszenierungen neigenden Figuren gezeichnet, verkrachte Existenzen allesamt, deren Wesensart weitgehend verborgen bleibt, man bekommt kaum einen Zugang zu ihnen. Gleichwohl tragen sie mit ihrem ausufernden Geplauder den ansonsten weitgehend ereignislosen Plot, der ziellos vor sich hintreibt. All das gibt dem üppig mäandernden Roman etwas zutiefst Trostloses! Aus den Kritiken der Feuilletons wie auch aus Leser-Kommentaren ergibt sich ein auffallend zwiespältiges Bild dieses ironisch erzählten Romans, der letztendlich nichts anderes ist als eine gelungene Parodie auf den aktuellen Literaturbetrieb.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Alles über Heather

Eine unerhörte Begebenheit

Das Debüt des bisher nur als Drehbuchautor bekannten, amerikanischen Autors Matthew Weiner unter dem Titel «Alles über Heather» wird als Roman verkauft. Es handelt sich bei dem vom Verlag mit allerlei Seiten schindenden Layout-Tricks auf gerade mal 131 Seiten gebrachten, schmalen Band aber eher um eine typische Novelle, nach Goethe also «eine sich ereignende, unerhörte Begebenheit». In einem kammerspielartigen Setting steuern eine dreiköpfige New Yorker Familie und ein Bauarbeiter auf eine Katastrophe hin, die in diesem 2017 erschienenen Buch ohne Umwege und Ausschmückungen äußerst zielstrebig erzählt wird.

Die fast vierzigjährige, in der PR-Branche tätige Karen lässt sich von ihren Freundinnen, nach einer geplatzten, siebenjährigen Liaison mit ihrem Kunstdozenten, zu einem Date mit Mark überreden, einem eher unscheinbaren Mann, der als Finanzanalyst beruflich sehr erfolgreich ist. Obwohl sie von einer Liebesheirat träumt, heiratet sie ihn aber in einer Art Torschluss-Panik, weil er ihr wenigstens ein finanziell abgesichertes Leben bieten kann. Mit der Geburt der Tochter Heather füllt sich durch die sofort spürbare, schiere Präsenz des Babys sehr schnell die emotionale Leere zwischen den Ehepartnern. Sie ist später auch im Kindesalter ein hübsches, bezauberndes Wesen voller Empathie, das alle unwiderstehlich in Bann zieht, die ihr begegnen. Für ihre Eltern ist sie ihr Ein und Alles, als typische Helikopter-Eltern behüten und umschwirren sie pausenlos ihre ebenso kluge wie liebenswerte Tochter. Karen geht ganz in ihrer Mutterrolle auf, sie ist fast schon symbiotisch mit ihr verbunden. Das ändert sich mit der Pubertät, als Heather auf die unterschwelligen Spannungen in der Ehe ihrer Eltern reagiert, sich aus der Umklammerung der Mutter löst und darauf besteht, wenigstens einmal in der Woche mit ihrem Vater allein etwas unternehmen zu können, – eine Zeit, die beide sehr genießen. Und Mark beobachtet dann immer eifersüchtig, wie die jungen Männer seiner schönen Tochter nachblicken, er will die inzwischen 14jährige Tochter unbedingt von allen Nachstellungen schützen.

In einer zweiten Handlungsebene erzählt der Autor von Bobby, dem verwahrlosten Sohn einer drogen-abhängigen, allein erziehenden Mutter, der als Heranwachsender versucht, ein Mädchen aus der Nachbarschaft zu vergewaltigen und sie dabei schwer verletzt. Hätte er sie umgebracht, lernt er im Gefängnis, hätte er ohne Spuren zu hinterlassen unerkannt entkommen können. Jahre später aus dem Gefängnis entlassen, zündet der Skinhead wütend das Haus seiner mal wieder sinnlos mit Rauschgift zugedröhnten Mutter an. Ein unerkannt bleibender Mord, dem weitere Mordphantasien folgen. Bobby arbeitet fortan als Hilfsarbeiter auf dem Bau, wo er auf Heather aufmerksam wird, die in dem Haus wohnt, dessen Penthaus von seiner Firma saniert wird Wütend beobachtet Mark, dass der junge Bauarbeiter immer wieder seiner attraktiven, halbwüchsigen Tochter nachstiert und sie offensichtlich taxiert, wenn sie an ihm vorbeiläuft. Als er eines Tages beobachtet, dass Heather sogar mal kurz mit ihm spricht, rastet er völlig aus und beschließt in seinen paranoid übersteigerten Befürchtungen, ihn umzubringen.

In einem furiosen Schluss kommt Karen ihrem Mann, dem sie zeitweise sogar inzestuöse Absichten unterstellt hat, wieder näher, – auch sexuell, wo seit langem eigentlich absolute ‹Funkstille› herrschte. Ausgangspunkt für den Autor, der schon immer davon geträumt habe, Romancier zu werden, war seine Beobachtung auf einer Baustelle, wie er im Interview erklärt hat. Dort habe ein Bauarbeiter ein Mädchen ungeniert angestarrt, und er habe sich gefragt, was wohl dessen Vater dazu sagen würde, wenn er das beobachtet hätte. Genau diese Beobachtung hat er in seiner Novelle ja dann auch thematisch umgesetzt. In einer flüssig lesbaren Sprache, zielgerichtet und ohne psychologische Tiefenbohrungen erzählt, gehört dieses spannende Buch zu der Sorte von Page Turnern, die man nicht mehr aus der Hand legt bis zum Ende, welches hier, soviel sei immerhin verraten, dann auch noch ziemlich überraschend ausfällt!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt