Die Glasglocke

Feministischer Klassiker

Der im Original 1963 in Großbritannien unter dem Pseudonym ‹Victoria Lucas› erschienene Roman «Die Glasglocke», geschrieben von der bis dato nur als Lyrikerin bekannten US-amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath, ist vor allem wegen seiner beklemmenden Thematik bekannt geworden, aber natürlich auch wegen seiner unzweifelhaft vorhandenen Authentizität. Denn die Ich-Erzählerin leidet wie auch die Autorin, die sich wenige Wochen später das Leben nahm, an schweren Depressionen, die zur Einweisung in die Psychiatrie führen und als Odyssee durch verschiedene Kliniken die zweite Hälfte der Erzählung ausfüllen. Sie habe den Roman als reine «Brotarbeit» geschrieben, hat die Autorin ihrer Familie erklärt, und einem Kritiker gegenüber hat sie ihren ungewöhnlichen Bildungsroman eine «autobiografische Lehrlingsarbeit» genannt, mit deren Hilfe sie sich von ihrer Vergangenheit zu befreien versucht habe. Im Überschwang des erst acht Jahre später auch in den USA äußerst erfolgreich herausgebrachten Romans wurde sie dann dort als Ikone der Frauenbewegung hochstilisiert, in deren persönlicher Lebensgeschichte sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft widerspiegle. Ihr erster und einziger Roman wurde als Dekonstruktion des scheinbar unausrottbaren amerikanischen Mythos gedeutet, er traf jedenfalls die Stimmungslage vieler Frauen jener Zeit und avancierte schnell zu einem echten Kultbuch.

Die neunzehnjährige Esther Greenwood aus Boston hat, beneidet von fast allen Studentinnen Amerikas, in einem Schreibwettbewerb einen einmonatigen Aufenthalt im Volontariat einer großen New Yorker Modezeitschrift gewonnen. Sie wird zusammen mit elf andern Frauen dort in einem Hotel einquartiert und mit Geschenken und gesellschaftlichen Einladungen überhäuft. Die erste Hälfte des Romans schildert die turbulenten Erlebnisse der Hospitantinnen in Big Apple, unglücklich begonnen mit einer Lebensmittel-Vergiftung, ausgelöst bei einem Bankett durch verdorbenes Krabbenfleisch. Esthers College-Ruhm verblasst dort aber schnell, weil ihre Strebsamkeit in der ungewohnten, neuen Umgebung deutlich leidet. Sie ist andererseits aber auch nicht in der Lage, sich den vielen lockenden Vergnügungen hinzugeben. Insbesondere die Männer enttäuschen die unerfahrene Esther, deren ästhetische Ansprüche sie nicht erfüllen oder die an ihr nicht interessiert sind. Und selbst den Heiratsantrag von ihrem Jugendfreund lehnt sie strikt ab, weil er ihr seine bereits vorhandenen sexuellen Vorerfahrungen verheimlicht hat.

Zurück in Boston scheitert sie bei ihrer Abschlussarbeit über «Finnegans Wake» kläglich an den kreativen Wortgebilden des berühmten irischen Autors. Auch ihren Versuch, selbst einen Roman zu schreiben, bricht sie schon nach wenigen Zeilen mutlos ab. Und als sie für ein Schriftsteller-Seminar in einem angesehenen College wider Erwarten doch nicht angenommen wird, bricht für sie eine Welt zusammen. Versuche ihrer Mutter, sie zu Sprachkursen zu animieren oder in Hinblick auf den Arbeitsmarkt Stenografie zu lernen, lehnt die ehemalige Musterschülerin vehement ab. Nach einem Selbstmordversuch landet sie schließlich in der Psychiatrie, wo sie von einer Klinik zur anderen weitergereicht wird und den Eindruck gewinnt, nun wie in einer «Glasglocke» endgültig von der Welt abgeschottet zu sein. Erst als dann endlich eine fähige Psychiaterin ihr Vertrauen gewinnt und die scheinbar sexuell bedingten Ängste von Esther offen legt, beginnt eine allmähliche Erlösung von ihren wahnhaften Zwangs-Vorstellungen, – und sie lässt sich nun sogar, ganz bewusst, endlich auch entjungfern.

Es sind die längst überholten, weiblichen Rollenbilder, die sich hier überdeutlich auch in einer verklemmten Sexualität ausdrücken, an denen nicht nur Esther tragisch zu scheitern droht. «Die Glasglocke» als titelgebende Metapher verdeutlich gekonnt die Intention der Autorin, das soziale Ausgeschlossensein anders denkender und anders empfindender Frauen kritisch zu hinterfragen. Als feministischer Klassiker ist dieses Buch ein echter Solitär, den man gelesen haben sollte!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

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