Was nicht gesagt werden kann

Sprachlose Männlichkeit

Der mit dem Booker-Prize 2025 prämierte Roman «Was nicht gesagt werden kann» von David Szalay «konzentriert sich auf einen Mann aus der Arbeiterklasse, der normalerweise nicht viel Beachtung findet», hat die Jury erklärt, und hinzugefügt, er «lädt uns ein, hinter die Fassade zu blicken». Das durchweg positive Echo in den Feuilletons bestätigt denn auch eindrucksvoll die einstimmig erfolgte Preisvergabe, sie hätten «noch nie etwas Vergleichbares gelesen», so die britischen Juroren. Und das, obwohl es auch einige wenige Einwände gibt zu diesem eigenwilligen Entwicklungs-Roman, der quer durch alle sozialen Schichten führt und in mancherlei Hinsicht sogar als machohaftes Aufstiegs-Märchen bezeichnet werden muss.

Als Protagonist der auktorial und durchweg im Präsens erzählten Geschichte verkörpert István einen innerlich verarmten Mann, der mit seiner Mutter im typischen Plattenbau-Viertel einer ungarischen Stadt lebt. Dort ist der schüchterne 15Jährige völlig isoliert, bis ihn eine ältere Frau aus dem Hause bittet, ihm beim Hochtragen ihrer Einkäufe in den vierten Stock zu helfen. Als sie ihn irgendwann fragt, ob sie ihn küssen darf, stimmt er perplex zu, und bald darauf landet er, auf ihre Initiative hin, im Bett mit der verheirateten Mitbewohnerin. Bei einem Gerangel mit ihrem Mann stößt István ihn die Treppe herunter und wird wegen Todschlag zu drei Jahren Jugend-Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung meldet er sich für fünf Jahre zum Militär und kommt im Irakkrieg zum Einsatz. Danach geht er nach London und findet eine Stellung als Türsteher in einem Club. Dort wird er von einem Mann angesprochen, der ihm eine Ausbildung als Personenschützer anbietet. Später engagiert ihn dann ein älterer Milliardär als Bodyguard und Chauffeur. Dessen selbstbewusste, junge Frau Helen macht ihm schon bald Avancen, und prompt wird sie seine Geliebte. Nach dem Tod ihres Mannes stellt sich dann heraus, dass er Thomas, ihren gemeinsamen Sohn, als Alleinerben eingesetzt hat. Bis zu seinem 25ten Lebensjahr soll das Erbe aber noch treuhändlerisch von der Mutter verwaltet werden. Helen heiratet István und bekommt ein Kind von ihm. Beide leben in Saus und Braus, weil er finanzielle Transaktionen mit dem von Helen verwalteten Geldvermögen tätigen kann und dabei üppig verdient. Bei einer Feier kommt es zu Eklat mit Thomas, weil der von diesen finanziellen Aktivitäten mit seinem Geld erfahren hat und sich von seiner Mutter und István bestohlen fühlt.

Die auch in dramatischen Szenen nüchterne und unverkennbar machoartige Erzählweise von David Szalay ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er sehr detailliert schildert, wie sich das äußere Leben seines Protagonisten entwickelt. Gleichzeitig aber schweigt er sich beharrlich darüber aus, was denn innerlich in seinen Figuren vorgeht. István lässt immer alles ambitionslos auf sich zukommen, er lässt alles nur geschehen, ohne je wirklich die Initiative zu ergreifen. Und auch was den Sex angeht, so sind es immer die Frauen, die ihm Avancen machen, die den ersten Schritt tun. Er ist dann oft total erstaunt und im Übrigen auch nicht wählerisch. Jugend und Schönheit sind keine entscheidenden Kriterien für ihn, er lässt sich gerne ins Bett ziehen, aber um eine Frau zu werben käme ihm nicht in den Sinn. Seine eigenen Gefühle bleiben ihm fremd, selbst die zu Helen, die er ja geheiratet hat, – oder wurde er etwa geheiratet?

Obwohl emotionale Nähe zu dem verstockten Protagonisten nicht aufkommen will, bleibt man als Leser doch sehr nah dran an der Figur. Zu dieser Nähe tragen insbesondere die das Geschehen prägenden, köstlichen Dialoge bei. Sie werden oft stakkatoartig geführt, wobei «Okay» das von ihm meistverwendete Wort ist, und auf Fragen folgt fast immer erstmal eine wörtliche Wiederholung der Frage, so als hätte er sie nicht verstanden. Dieser auf das Nötigste reduzierte Erzählstil macht keinerlei Unterschied zwischen Banalem und Dramatischem, alles ist gleichermaßen wert, erzählt zu werden. Nach tragischem Niedergang und Rückkehr nach Ungarn beerdigt István dort seine Mutter, und der letzte Satz lautet lapidar: «Danach lebt er allein»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

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