Der junge Doktorand

Posse grenzenloser Selbstüberschätzung

Die Anklänge an Samuel Beckett sind unverkennbar in Jan Peter Bremers neuestem Roman «Der junge Doktorand», wie bei «Warten auf Godot» sind hier in einem kammerspielartigen Plot die Hoffnungen der beiden Protagonisten ebenfalls auf eine erwartete Erlöserfigur gerichtet. Um einen weiteren Vergleich zu bemühen, dieser absurde Roman erinnert mit seinen erbitterten Disputen auch an das Kammerspiel «Der Gott des Gemetzels» von Yasmina Reza, das Polanski so erfolgreich verfilmt hat, stilistisch sind Anklänge an Thomas Bernhard erkennbar, und manches scheint sogar kafkaesk.

Der ehemals berühmte, inzwischen aber wenig erfolgreiche Maler Günter Greilach wartet mit seiner Frau Natascha schon seit zwei Jahren auf einen jungen Doktoranden, der eine Dissertation über den Künstler schreiben will. Sie leben in einer abgelegenen Mühle, in die sie sich vor Jahrzehnten zurückgezogen haben, während seiner Recherche werden sie den Doktoranden bei sich beherbergen. Mehrmals hat der schon den vereinbarten Termin für seine Ankunft kurzfristig abgesagt, zu Beginn der Geschichte nun trifft er diesmal mit dem Auto nach langer Suche aber tatsächlich doch noch spätabends bei ihnen ein. Er wird im Gästezimmer einquartiert und bekommt Gulasch als verspätetes Abendessen, – ziemlich versalzen, wie Günter kritisch anmerkt. Danach wird der junge Doktorand noch in ein langes Gespräch mit dem Maler verwickelt, bei dem er nur stummer Zuhörer bleibt. Sein Atelier will ihm Günter Greilach erst am nächsten Nachmittag zeigen, nachdem er dort aufgeräumt hat. Für das ältere Paar verkörpert der Doktorand einerseits die Hoffnung auf mehr Anerkennung und Publicity für den introvertierten Künstler, andererseits aber auch eine hochwillkommene Abwechslung von der Alltagsroutine für Natascha. Sie mischt sich häufig in die Unterhaltungen ein, sehr zum Missvergnügen ihres Mannes, der sie ziemlich barsch zurückweist und am liebsten auf ihre Pflichten als Hausfrau zurückstutzen würde.

Ein «Gemetzel» sind die Dispute der Eheleute zwar nicht, aber es wird vehement debattiert und mit spitzer Zunge geredet. Beide bleiben sich nichts schuldig bei ihrem Dauergezänk, dessen stummer Zeuge der junge Doktorand ganz unfreiwillig werden muss. Natürlich redet das Ehepaar ständig aneinander vorbei, sie interpretieren die Situation völlig unterschiedlich und streiten über Geschehnisse der Vergangenheit. Günters selbstgefälliges Ego als verkannter Maler wird arg ramponiert dabei, der Sarkasmus seiner Frau scheint grenzenlos, aber auch das Absurde der Kunstwelt wird hier gnadenlos entlarvt. Das jahrelang selbstgefällig aufgebaute Image als Maler erweist sich als reine Fassade, Günters wortreich dargelegter künstlerischer Genius gründet auf seinem egozentrischen, pseudointellektuellen Geschwätz, nicht auf seinem Werk!

Diese durchaus komplexe Geschichte ist narrativ auffallend leichtgewichtig ohne dramatische Effekte angelegt und wird in einer wohltuend klaren, leicht lesbaren Sprache erzählt. Gleichwohl vermag es der Autor, die subtilen Hintergründe der Selbsttäuschungen offenzulegen und die erkennbaren Defizite im menschlichen Miteinander aufzuzeigen, die beiderseitig vorhandenen psychischen Abgründe also ebenfalls deutlich werden zu lassen. Bei all dem ist eine feine Komik nicht zu übersehen, die aber nie in Sarkasmus umschlägt. Der titelgebende Doktorand erweist sich als ausgesprochener Pechvogel, nicht nur in seiner Rolle als unfreiwilliger Zuhörer, sondern auch als «unfreiwilliger» Doktorand. Über den hier aber mehr nicht verraten werden soll, denn der Plot dieses gleichermaßen als Ehe- wie auch als Kunstsatire angelegten, absurden Romans lebt durchaus auch von einer gewissen Spannung. Man will ja schließlich wissen, wo denn all die funkelnden Wortgefechte des, – übrigens an Loriots archetypisch absurde Figuren erinnernden, heillos zerstrittenen Ehepaares letztendlich hinführen werden in dieser Posse grenzenloser Selbstüberschätzung!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Berlin Verlag Berlin

Die Römerin

Adrianas Kalamitäten

Der Roman «Die Römerin» von Alberto Moravia gehört zu jener für die damalige Zeit anstößigen Literatur, die konservative Kreise in Italien 1947 nach der Veröffentlichung am liebsten gleich verboten hätten. Im Interview hat der Autor erklärt: «Mein Werk kreist um das Problem des Menschen, um das Menschliche, das Allermenschlichste, wenn Sie wollen. Die katholische Kirche hat meine Bücher auf den Index gesetzt. Pornographisch? Stelle ich nicht eher nur auch das Sinnenleben an den Platz, an dem es bei jedem einzelnen von uns steht»? Unter dem Titel «Die freudlose Strasse» wurde der Roman 1954 von Luigi Zampa, einem der führenden Vertreter des Italienischen Neorealismus, mit Gina Lollobrigida in der Hauptrolle verfilmt. Und auch für den Roman, der seinen Autor international bekannt gemacht hat, gilt jenes neue moralische Prinzip, welches «genau das als Wirklichkeit darstellt, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen», wie Roland Barthes es formuliert hat.

«Mit sechzehn Jahren war ich wirklich eine Schönheit» lautet der erste Satz. Ich-Erzählerin Adriana lebt zur Zeit des Faschismus mit ihrer Mutter, die Hemden in Heimarbeit näht, in ärmlichsten Verhältnissen in einem üblen Viertel Roms. Ihre Mutter vermittelt sie zur Aufbesserung der Kasse als Aktmodell an verschiedene Maler, sie jedoch träumt von einem besseren Leben mit Mann und Kindern in einem schönen Haus. Ihre erste Liebe ist der Chauffeur Gino, er verspricht ihr die Ehe, sie verfällt ihm regelrecht. Ihre völlig abgestumpfte Mutter hofft insgeheim jedoch darauf, dass die Tochter endlich von selbst darauf kommt, ihre Anziehungskraft auf Männer deutlich nutzbringender, also für Geld, einzusetzen. Auch das Straßenmädchen Gisella, die beste Freundin Adrianas, redet ihr zu und lockt sie schließlich in eine Falle, wo Astarita, hoher Polizeioffizier und ihr glühendster Verehrer, die Ahnungslose mit Drohungen gefügig macht und ihr hinterher Geld dafür gibt. Nach diesem Schlüsselerlebnis, und auch weil der Polizist sie darüber aufgeklärt hat, dass ihr charmanter Gino verheiratet ist und Kinder hat, beschließt sie desillusioniert, künftig ebenfalls auf den Strich zu gehen. Sie glaubt, das sei ihre wahre Berufung, denn auch der bezahlte Sex macht ihr meistens sogar Spaß.

In den folgenden Jahren lebt sie in finanziell besseren Verhältnissen, ihre Mutter muss nicht mehr arbeiten und Adriana kann sich jetzt manches leisten. Außer den zufälligen Bekanntschaften gehört zu den Männern, die sie häufiger trifft, mit Sonzogno ein bärenstarker, gewalttätiger Verbrecher, der ihr als einziger Freier einen Lustschrei zu entlocken vermag beim Sex, dessen Grobheiten sie sogar masochistisch erregen. Mehr fürs Gemüt ist Giacomo, ein politisch aktiver Student aus bestem Hause, den sie abgöttisch liebt, obwohl er sich merkwürdig abweisend verhält, unverkennbar ein Psychopath, den sie aber demutsvoll anbetet. Und auch der unsterblich verliebte Polizist taucht immer wieder bei ihr auf und bettelt um Sex.

In diesem Geflecht von hochkomplizierten Beziehungen sind Konflikte geradezu vorgezeichnet. Alberto Moravia versteht es meisterhaft, seine Protagonistin darüber reflektieren zu lassen, sie kommt auch als einzige aus all diesen Kalamitäten heil heraus. Adriana erzählt ihre Geschichte ganz naiv in einem sprachlich anspruchslosen Stil, aber sie erzählt immer auch mit dem Herzen und zeigt bei aller Dummheit viel Mitgefühl für ihre Mitmenschen, die ihr allzu oft böse mitspielen. «Leider hat man ja beinahe immer recht, wenn man schlecht von jemandem denkt», sagt sie mal resigniert nach einer weiteren Enttäuschung. Sie ist einfach unfähig, aus ihrem fragwürdigen Beruf den maximalen finanziellen Nutzen zu ziehen oder gar Kurtisane eines reichen Freiers zu werden und in ihr Traumhaus einzuziehen, – bei ihr bleibt das Geld immer knapp. In einem spannenden Showdown mit drei Toten endet dieser Roman dramatisch, deutet ganz verschämt aber auch eine bessere Zukunft an.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Süddeutsche Zeitung München

80 Jahre Marvel

Der vorliegende Band der Reihe „80 Jahre Marvel: Die 2010er – Das Zeitalter der Legenden“ wird von folgenden Superhelden-Charakteren bestritten: Captain Marvel, Iron Man, Ms. Marvel Kamala Khan, Spider-Gwen, Spider-Man, Squirrel Girl, Thanos, u.v.a.m. Der vorliegende Band ist der finale Band der achtbändigen Reihe, der einen Überblick über 80 Jahre Marvel lieferte.

Superhelden alt und neu

Die legendären Marvel-Helden sind längst in den Kinos gelandet, aber längst ist auch eine neue Generation an jungen Heroen herangewachsen. In die Fußstopfen von Ikonen wie Iron Man, Spider-Man, Captain Marvel und Thanos traten etwa Neulinge wie Spider-Gwen, Squirrel Girl oder Ms. Marvel Kamala Khan. Der vorliegende Band zeigt, was sich in den letzten 80 (!) Jahren in der Comic-Welt alles getan hat. So verwundert es etwa wenig, dass es längst auch einen afroamerikanischen Spiderman gibt, der ähnliche Selbstzweifel hegt wie sein Vorbild Peter Parker. Auch sein Vater hasst ihn, meint er bei seinem ersten Auftritt und springt über die Häuserfassaden wie ein Spinne. Besonders modern mutet der Zeichenstil von Deconnick/Soy an, die in „Earth Mightiest Hero Captain Marvel #1“ eine weibliche Heldin präsentieren, die in einem Zweikampf mit Spiderman mehr als nur die Luftgrätsche beherrscht. „Und wir werden genau die, die wir immer sein wollten.“ Superhelden müsste man hier noch hinzufügen.

Sein Freund Harry

Auch Spider-Gwen ist ein Kind ihrer Seite. Als vermeintliches Rrriot-Girl spielt sie in einer Band an den Drums und versucht sich an den Takten zu „Face it tiger, this is your shot! It’s all you got!“ Latour/Rodriguez/Renzi kreieren ein modernes Abenteur, das durch seine Farbwahl und den Zeichenstil, sicherlich auch in 80 Jahren noch für Aufsehen sorgen wird. Mystischer – und weniger popkulturell – geht es dafür in „The World’s Greatest Super Hero!The Amazing Spider-Man“ von Slott/Camuncoli/Smith/Gracia zu. Ein paar ägyptische Heilige vergreifen sich im Ton und ausgerechnet Harry Osborn – der Goblin – heuert als Sekretär von Parker Industries an. Die Flamme der Fantastischen Vier kann die Veränderungen im ehemaligen Gebäude der F4 nur schwer fassen, aber er kriegt sein Feuer doch wieder unter Kontrolle. „Er glaubt an mich. Ich bin für ihn kein Osborn…Nur Harry.“

Zeichner: Chris Samnee, Mike Deodato Jr., Sara Pichelli
Autor: Brian Michael Bendis, Dan Slott, G. Willow Wilson, Jason Aaron, Kieron Gillen

80 Jahre Marvel: Die 2010er – Das Zeitalter der Legenden
Storys:Ultimate Comics Spider-Man (2011) 7; Captain Marvel (2012) 1; Iron Man (2012) 1; Guardians of the Galaxy (2013) 4; Edge of Spider-Verse (2014) 2; Ms. Marvel (2014) 12; Amazong Spider-Man (2015) 3; Mighty Thor (2015) 5; Black Panther (2016) 1;Unbeatable Sq
Thema:Superhelden
Weiterführende Links zu “80 Jahre Marvel: Die 2010er – Das Zeitalter der Legenden”
26,00 € *
2019, Hardcover, 252 Seitenzahl
ISBN: 9783741613487


Genre: Comics, Jubiläum
Illustrated by Panini Comics

Batman: Odyssee

Batman: Odyssee

Batman: Odyssee. Batman mit einer Schusswaffe in der Hand? Autor und Zeichner in Personalunion. Neal Adams hat mi „Odyssee“ ein Werk geschaffen, das Batman in eines seiner wildesten Abenteuer entführt. Und das alles komplett in einem Band. Die Odyssee lässt Batman auf Talia al Ghul, den Joker, Man-Bat, Aquaman, Deadman und den Batman einer vergessenen Welt treffen. Und natürlich kommt eines von Batmans weiteren düsteren Geheimnissen ans Tageslicht der Bathöhle. Wenn es dort welches Gäbe.

Batman Odyssee: Das Gesetz des Zufalls

Zum ersten Mal in einem Komplettband mit bisher unveröffentlichtem Skizzenmaterial wird dieser 364 Seiten starke Band von Panini veröffentlicht. Neil Adams hatte zwischen 2010 und 2012 das Leben von Batman für die Moderne und das neue Millenium neu definiert. Ra’s al Ghul ist ebenso seine Schöpfung, wie seine exotisch-erotische Tochter Talia, die zudem noch mit Batman in einer Beziehung steht. Auch wenn diese noch näher zu definieren wäre. Aber das übernimmt u.a. der vorliegende erstmals als Gesamtausgabe erschienene Band. Vor dem „Gesetz des Zufalls“ ist auch Batman nicht gefeit, denn gleich auf den ersten Seiten durchbohrt eine Kugel seinen rechten Arm. Ob das an seinen im weiteren geäußerten Selbstzweifeln liegt? „Meine Ausrede war, dass alles zu viel und –verwirrend geworden war. Tatsächlich hatte ich Selbstzweifel. (…)Ich hatte meine Hausaufgaben nicht gemacht und irgendwie alles zerstört.“

R.I.P. im Kampf gegen Clowns

„Du sagst, ich hätte mein ganzes Leben mit dem Kampf gegen Clowns verschwendet?“ Der Vater von Talia und Batmans Vater hatten gemeinsam Geschäfte gemacht. Und auch das will ans Licht. Denn Batmans Selbstzweifel beruhen eigentlich auf der Idealisierung seiner toten Eltern. Denn auch diese hatten Schuld auf sich geladen. Wie alle. Auch Batman: er wirkt auf alle Wahnsinnige, Psychos, Spinner wie ein Magnet. Wegen ihm kommen alle nach Gotham. Die ununterbrochenen Aufschläge von Kugeln auf seinen Körper lassen seinen Körper gyroskopisch herumtanzen und verhindern, dass er auf den Boden geht. Aber die eigentliche Verwundung sind nicht die Kugeln, die auf seinen Körper einprasseln, sondern seine Selbstzweifel. Denn auch Superhelden sind halt nur Menschen. „Was ist schlimmer als einen Wurm in einem Apfel zu finden?“ „Einen halben Wurm zu finden.“

Neal Adams
Batman: Odyssee

Storys: Batman Odyssey II 1-7, Batman Odyssey Vol. I 1-6

2019, Softcover, 364 Seiten

ISBN: 9783741615504
36,00 €
Panini Verlag


Genre: Comics
Illustrated by Panini Comics

Wittgenstein zum Basteln

Wittgenstein zum Basteln

Wittgenstein zum Basteln. „Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen.“ Wittgensteins Welt von Hanno Depner ist tatsächlich ein Bausatz, der das Verständnis des Hauptwerkes von Ludwig Wittgenstein, den „Tractatus logico-philosophicus“, leichter verständlich machen soll. Also Philosophie in 3D sozusagen: Wovon man nicht sprechen kann, das kann man eventuell erbasteln. Die Fliege wird’s einem danken.

Wittgenstein zum Basteln

Ein Gedankengebäude aus Karton, das mit Händen greifbar wird. Es reicht ein paar Stunden Nachdenk- und Bastelzeit und fertig ist ein Turm aus Wittgensteins Gedanken. Auch in den einführenden Gedanken des Autors und Bastelanleiters Depner wird die Philosophie Wittgensteins so unterhaltsam erklärt, dass man (fast) schon von einem Vergnügen sprechen könnte. Es reicht ein Pappkleber und ein wenig Geduld, denn die Pappteile im Anhang des Buches sind alle perforiert und so leicht herauszulösen. Denn wie sagte schon Ludwig selbst: „Wenn wir über den Ort sprechen, wo das Denken stattfindet, haben wir ein Recht zu sagen, dass dieser Ort das Papier ist“. In diesem Fall halt der Pappkarton. Die „Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache“ kann vielleicht durch die Erbauung dieses Wittgenstein-Turmes endlich aufgelöst werden.

Ein Turm aus Gedanken

Wittgenstein stammte aus einer reichen Großindustriellenfamilie in Wien. Seine Eltern waren beide Katholiken und hatten insgesamt acht Kinder. Drei von fünf Brüdern Wittgensteins wählten den Freitod, der Pianist Paul, der im Ersten Weltkrieg verwundet worden war, bekommt von Maurice Ravel ein Klavierstück „für die linke Hand“ zugeeignet. Genauso aufregend wie seine Philosophie war aber auch das Leben Ludwig Wittgensteins, der stets unter Keuschheit litt. Im Ersten Weltkriege meldete er sich als Freiwilliger: „Vielleicht bringt die Nähe des Todes das Licht des Lebens. Möge Gott mich erleuchten.“ Später verschenkte er sein ganzes Vermögen an seine Geschwister und arbeitete als einfacher Grundschullehrer, dann wieder an der renommierten Cambridge University. Das vorliegende Bastelbuch ist nach den 7 Hauptsätzen des „Tractatus logico-philosophicus“ aufgebaut. Der erste Satz lautet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mal sehen, ob der Turm stehen bleibt. Der letzte Satz lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Oder basteln. „Wittgensteins Welt – selbst hergestellt. Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen.
Mit Anleitung und Bausatz.“ – ein unvergessliches Vergnügen.

Hanno Depner
Wittgensteins Welt – selbst hergestellt
Der »Tractatus« als Turm zum Basteln und Begreifen
Mit Anleitung und Bausatz
Hardcover, Pappband, 82 Seiten, 21,0 x 27,0 cm
mit ca. 17 Seiten Bastelbögen
ISBN: 978-3-328-60075-6
2019, Penguin Verlag

€ 22,00 [D] inkl. MwSt.
€ 22,70 [A] | CHF 30,90 * (* empf. VK-Preis)


Genre: Basteln, Philosophie
Illustrated by Penguin

Teba – Arche oder Wort

Rudolf Krieger entwickelte eine neue Lyriksprache. Das ist bemerkenswert. Dass er sich zur Kommunikation eines individuelles Zeichen-Systems – bzw. Symbolsystems bedient, verweist dabei keineswegs auf die Gepflogenheiten der Moderne, die eigene Originalität und Kreativität in den Mittelpunkt zu stellen. Sondern vielmehr auf die Notwendigkeit, auf den Bedeutungs- und Sinnverlust in Folge der Zerstörung der klassischen verbindlichen Symbolsprachen (welche ja schon Josef Beuys beklagte), neue verbindliche Symbole und eine gültige Metaphernsprache zu finden. Die Schwierigkeit liegt natürlich in der Forderung nach Allgemeingültigkeit solch individuell kreierter Sprachen: In der Lyrik jedenfalls ist das Verständnis ohnehin nicht mit der kühlen Rationalität zu finden. Worte, Metaphern, Sprachbilder berühren den Leser – sagen einem etwas – oder eben nicht. Eine Absolut-Setzung der Symbole/Zeichen ist in der Dichtkunst nicht notwendig – wäre letztlich ja gar ein Rückschritt vor die Moderne, die vor Verabsolutierungen der einzelnen -ismen und Überbietungsorgien nur so strotzt. Verbindlichkeit ist eindeutig gegeben, weil Krieger auf eine leibhaftige Sprache setzt (statt auf das Zerreißen der Syntax und die Sinnzertrümmerung der modernen/postmodernen Sprachzerstörer). Inspiriert von Natur, Bewegung, Philosophie und Mystik (hebräischer Provenienz, tibetanisches Totenbuch und I-Ging) ist er imstande, Räume des Ewigen und Plätze der Offenbarungen miteinander zu verbinden. Dieser Offenbarungsplatz ist für ihn das Wort. Die Straßen von den Plätzen weg in das Leben hinein sind seine Sätze, in denen er eine transrationale – eine den reinen Intellekt und erst recht die Naturwissenschaften übersteigende – Wirklichkeit kündet.
Krieger ist tief vom Symbolwillen durchdrungen. Wasser ist Leben. In dem manch papierener Fisch schwimmt. Genaues erfahren wir ja in Kriegers Symbolerklärungen. Plattrationales Verstehen zu suchen, erschwert das Eintauchen in seine Sprache – man würde nur auf den Wellen hin- und hergeworfen werden. Am besten läse man wohl nicht mit den profanen Augen, sondern mit dem weit geöffneten dritten. Dann offenbart sich die Sinnschönheit Kriegers Sprache. Erkennt man, dass seine Elegien weniger Klage, als leises Rufen sind, auf dass er die Antwort des Windes, der Sterne, des Erdbodens, eines Tisches nicht überhört. Wenn wir selbst stille werden, um in diesem Rufen das allgemein Wesenhafte zu erlauschen, dann mögen wir ebenfalls in der Lage sein, die Antworten des Ewigen, sowie der Steine und der Lampen in uns zu vernehmen. Wir sollten sachte lesen, nicht mit den gewohnten eingeschalteten Verstandesscheinwerfern, die nur in Autobahnsackgassen zügig führen. Dann glimmt ein Schein auf, der uns Pfade ins Innere der Zeit weist. Zurück zu unserem edelsten Wesen. Zur Seele.
Oder: Das Schwarz des unendlichen, lebendigen, glitzernden Nichts – von Rudolf Krieger massiv und feurig komprimiert – funkelt als Diamanten auf.


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Erinnerungsbilder

Kindheitserinnerungen, Traumata, Berührendes, Schreckliches packt der heuer 8o gewordene Peter Paul Wiplinger in sein jüngstes Werk.
„Auf den Spuren der Erinnerung zurückgehen, zu den Menschen, zu sich selbst“, lautet das Motto der Erzählsammlung Wiplingers. Und das vollzieht er eindrücklich. Begegnungen mit Nazis, mit Russenobersten, dem ersten „Neger“, den er sah – viele Kriegserinnerungen blitzen auf. Zeigen auch Deutlich-Menschliches. Die Feigheit eines Nazischergen, dessen Großartigkeitsgetue und die schmierige Falschheit nach der „Niederlage“, die Sinnlosigkeit des Kriegs. Familiäre Bande. Die Geborgenheit, die bei aller Strenge dennoch besteht. Die Standpunkte verortet. Auch wenn sie sich nicht mit den Elterlichen decken. Die rigide Katholizität der Eltern ist anstrengend, die Brüder werden auf den Priesterberuf „vorbereitet“, übernehmen diese Aufgabe gar freiwillig im Spiel: später will keiner von ihnen Priester werden, aber moralische Werte bleiben. Wiplinger schildert die Schwierigkeiten der Bürgermeisterfamilie in einem konservativen Ort, als die Nazis die Macht übernehmen. Dann den Respekt der russischen Besatzer, die man allerdings auch nicht verärgern durfte. Die Schilderung der Köchin, die der Autor schon in andern Büchern liebevoll zeigte, berührt immer noch. Und die Wut auf das Kindermädchen, das sadistisch und vorsätzlich böse die Anvertrauten quälte. Vieles von Wiplingers Geradlinigkeit, von seinen Prägungen wird nachvollziehbar. Als Einblick in seine Biographie wieder ein wichtiges Buch. Aber auch als Zeitdokument, das helfen sollte, Zustände wie in jener schrecklichen Ära nie wieder heraufdämmern sehen zu müssen.
Manfred Stangl

P.P Wiplinger: „Erinnerungsbilder“, Löcker, edition pen; 2019; 174 Seiten, Paperback; ISBN: 978-3-85409-985-7


Genre: Biographien
Illustrated by edition sonne und mond

Der große Garten

Typische Gretchenfrage

Die Filmemacherin Lola Randl hat in ihrem Debütroman «Der große Garten» ein aktuelles Zeitphänomen thematisiert. Es geht um die Sehnsucht neurotischer Großstädter nach einem bodenständigen Landleben, ihrem Buch ging 2018 ihr themengleicher Dokumentarfilm «Von Bienen und Blumen» voraus. Sie berichtet von ihrer Flucht aus Berlin in ein kleines Dorf der Uckermark, wo sie eine alte Gärtnerei gekauft hat, mit der sie im Selbstversuch zum bäuerlichen Leben zurückfinden will. Ihr autofiktionaler Roman schildert dieses Experiment in einer enzyklopädischen Form mit mehr als 300 kurzen Kapiteln, in schneller Schnittfolge quasi, wie Filmleute das nennen.

Zunächst gibt es in dieser schwer einzuordnenden Prosa einen autobiografischen Erzählstrang, in dem die namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Projekt einer ruralen Selbstfindung berichtet, der Zeitrahmen ist dabei ein exemplarisches Gartenjahr. Ihrem neu begründeten häuslichen Umfeld gehören «die Mutter», «der Mann» und «der Liebhaber» an, ferner zwei Kinder, von denen nur Gustav die Ehre hat, als Figur einen Namen tragen zu dürfen. Zum Beziehungsgeflecht der Ich-Erzählerin gehören ferner «die Therapeutin», «die Nachbarin», «die Künstlerin», «der Analytiker», aber auch «die Japaner» bevölkern den Plot, und mit dem Rentnerpaar Irmi und Hermann gibt es zwei weitere Figuren mit Namensprivileg. Der titelgebende Garten bildet mit seinen Pflanzen und Tieren eine zweite Erzählebene, in der kenntnisreich viele auch für biologisch vorinformierte Städter unbekannte Naturphänomene und jahreszeitliche Entwicklungen detailliert und anschaulich beschrieben werden. Nicht zuletzt aber wird immer wieder auch die Chronik dieser ländlichen Region im Wandel der politischen Epochen beschrieben, beginnend in der Zeit der preußischen Junker. Ihnen folgen nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR die LPGs, bis schließlich nach der Wende die Aasgeier der industriellen Landwirtschaft die bäuerlichen Strukturen so gründlich zerschlagen, dass von der dörflichen Idylle kaum mehr übrig bleibt als die sentimentale Erinnerung daran.

Dieser in einer betont einfältigen, geradezu kindlichen Diktion erzählte Roman bietet deutlich mehr, als der einfallslose, an einen Gartenratgeber erinnernde Buchtitel erahnen lässt, wie ihn ja auch das naive Umschlagbild suggeriert. Lola Randl hat ihre Geschichte vom einfachen Landleben, von dessen gärtnerischen wie auch tierhalterischen Problemen und Anforderungen, mit vielen aphoristischen Einschüben angereichert. Deren durchaus bereichernde Lebensweisheiten und Erkenntnisse bieten jede Menge Überraschungen für den Leser, wobei dies insbesondere für die großen Themen gilt, also Lebenssinn, Religion und Tod. «Der große Vorteil am Totsein ist ja, dass man gar nicht merkt, dass man tot ist […] Dann stellt sich einem natürlich die Frage, wann und wie man wohl stirbt und was man am besten macht, solange man noch nicht gestorben ist». Und genau das ist letztendlich auch das Thema des gesamten Romans. Die 39jährige Autorin schreibt süffisant über den Lebensabschnitt, in dem sie sich selbst gerade befindet: «Die Midlife-Crisis wurde in den70er Jahre in Amerika erfunden, aber mittlerweile hat sie fast jeder, der es sich leisten kann, auch Frauen» [sic].

Mensch und Natur, wie geht das heutzutage noch zusammen, lautet hier also die Gretchenfrage. Es ist die naiv formulierte, satirische Beschreibung eines Zeitgeistes, der neurasthenische Großstädter auf die Flucht treibt vor dem Moloch, in dem sie leben, was diesem lehrreichen Roman von der Landlust sein unverwechselbares Flair verleiht. Nicht zynisch, aber mit deutlich erkennbarer Ironie hält die Autorin ihren euphorisierten Zeit- und Gesinnungs-Genossen, also erkennbar auch sich selbst, schonungslos den Spiegel vor. Über die fehlende narrative Stringenz trösten die vielen hinzugewonnenen Kenntnisse von komplexen Vorgängen in der Natur ebenso hinweg wie das aus Lola Randls lustvollem Spott resultierende Lesevergnügen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Matthes & Seitz

Es geht uns gut

Funkelnde Diskurse

Mit dem Familienepos «Es geht uns gut» hat der österreichische Schriftsteller Arno Geiger 2005 den Deutschen Buchpreis gewonnen, «… ein Roman, der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens spricht», wie die Jury ihre Wahl begründet hat. Aber auch die Rezensionen im Feuilleton waren überwiegend positiv. Der ironische Titel dieser drei Generationen umfassenden Geschichte deutet bereits darauf hin, dass hier mit einiger Distanz erzählt wird. Historischer Hintergrund ist die Geschichte Österreichs von 1938 bis 2001, überwiegender Handlungsort die stattliche Villa der Familie in Wien. In 21 tagebuchartigen Kapiteln wird aus jeweils einer Perspektive in klug gesetzten zeitlichen Voraus/Zurück-Sprüngen das wechselvolle Leben einer großbürgerlichen Familie gezeichnet, deren Patriarch es immerhin zum hochangesehenen Minister gebracht hat, während dessen schriftstellernder Enkel schlussendlich sich eher als lebensuntüchtiger Versager und lethargischer Träumer erweist, ein an die Buddenbrooks erinnernder, familiärer Abstieg.

Als Rahmen der Erzählung dient die Entrümpelungsaktion des erfolglosen Dichters Philipp, der von seiner Großmutter Alma die schon etwas heruntergekommene Wiener Familienvilla geerbt hat. Er hat ein Verhältnis mit der verheirateten Meteorologin Johanna, gelegentlich aber kommt es auch schon mal zu einem Quickie mit der Postbotin. Sein Großvater Richard, Sohn aus einer reichen, erzkonservativen Familie, macht als Jurist Karriere, bleibt auf Distanz zu den Nazis und wird nach dem Krieg Minister, der maßgeblichen Anteil hat an den Verhandlungen zum Staatsvertrag mit der Sowjetunion. Seine Frau Alma, die ihm zuliebe das Medizinstudium aufgegeben hat, widmet sich fortan dem Haushalt und den zwei Kindern Otto und Ingrid, sie liest gern und betreibt die Imkerei als Steckenpferd, im Garten der Villa steht ihr eigenes kleines Bienenhaus. Zwischen dem Paar kommt es zu intellektuell geradezu funkelnden ehelichen Diskursen, die aber nie eskalieren, weil Alma sich als die Klügere vorher meist zurücknimmt. Sohn Otto kommt bei Kämpfen kurz vor Kriegsende ums Leben, die Tochter Ingrid studiert Medizin und ist gegen den erbitterten Willen der Eltern mit dem erfolglosen Kleinunternehmer Peter liiert, das Verhältnis zu ihren Eltern nimmt dadurch irreparable Schäden. Trotzig heiratet sie ihn, als sie schwanger wird, und er geht denn auch prompt in Konkurs, findet später Arbeit als Verkehrsplaner und zieht nach Ingrids tragischem Unfalltod die beiden Kinder Sissi und Philipp alleine groß. Während Sissi später als Journalistin in New York lebt und kaum noch von sich hören lässt, versucht sich Philipp erfolglos als Schriftsteller. Er ist mit der ererbten Villa heillos überfordert, am Ende sitzt er hoch oben auf dem Dach: «Gleich wird Philipp auf dem Giebel seines Großelternhauses in die Welt hinausreiten», heißt es träumerisch.

Das Besondere an diesem Roman, dessen Thematik so neu ja nicht ist, sind die geistreichen und bissigen Diskussionen, die da schlagfertig ausgefochten werden. Besonders zwischen Ingrid und ihrem stockkonservativem Vater fliegen die Fetzen, sie ist trotz der finanziellen Abhängigkeit während des Studiums zu keinen Zugeständnissen bereit und kontert seine Vorhaltungen souverän. Gleiches gilt für Alma, die ihrem Mann auch keine Antwort schuldig bleibt, sich aber konzilianter verhält. Ihr grandioser innerer Monolog am Sterbebett ihres dementen Mannes ist eine geistreiche Aufarbeitung jahrzehntelanger Rücksichtnahme und Unterdrückung, – ein gelungenes Fazit des gesamten Romans.

Eheschlamassel, Alltagssorgen, die mühsame Emanzipation der eigentlichen Heldinnen Alma und Ingrid, geschickt verzahnt mit dem historischen Hintergrund, ist das wirklich Tragende bei diesem Roman. Die sympathischen Figuren und ein polyperspektivisch in Montagetechnik geradezu beiläufig erzählter, stimmiger Plot mit einer Fülle von Motiven machen diese Chronik zu einem äußerst bereichernden Lesevergnügen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Hunger

Weitab von der Spitzweg-Idylle

In seinem 1890 erschienenen Debütroman «Hunger» hat der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun eigene Erfahrungen als Arbeitsloser aus dem Jahre 1886 verarbeitet. «Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist…» heißt es im ersten Satz dieses berühmten Romans, den viele Kritiker für sein bestes Werk halten. Der 1920 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Autor gilt mit seinem ersten Roman als ein bedeutender Wegbereiter der neuen Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, er hat viele prominente Kollegen entscheidend beeinflusst damit.

Ich-Erzähler ist ein junger Schriftsteller, der hungernd und frierend durch Kristiania streunt, dem heutigen Oslo, das sich, im Zeitalter der industriellen Revolution, im Wandel befindet. Nur selten gelingt es ihm, einen Artikel in einer Zeitung unterzubringen für ein Salär, von dem er gerade mal einige wenige Tage sehr bescheiden leben kann. Es gelingt ihm auch nicht, irgendeine noch so gering bezahlte Arbeit zu finden, er scheitert immer wieder geradezu schicksalhaft. Außer dem, was er auf dem Leibe trägt, seiner abgerissenen, fadenscheinigen Kleidung, sowie Papier und Bleistift für seine Artikel, besitzt er nichts. Meist ist er obdachlos, weil er die Miete auch für die primitivsten Schlafplätze nicht aufbringen kann, die selbst mitzubringende Schlafdecke hat er von einem Freund geliehen. Er streift hungergequält durch die Stadt, um irgendwie Geld aufzutreiben. Sein Stolz lässt es aber nicht zu, betteln zu gehen, und auch vor der Polizei hat er große Angst, nachdem er einmal als zerlumpter Obdachloser aufgegriffen wurde und eine Nacht in der Zelle verbringen musste. Immer wieder begegnet er Leuten, die er kennt, die er anpumpen kann, aber ganz selten bekommt er dann mal ein paar Kronen. Als er eine junge Frau trifft, endet auch diese kurze Episode ohne Fortune.

Diese handlungsarme Geschichte vom äußersten Rand der Gesellschaft wird ohne Pathos oder soziale Anklage nüchtern und sachlich erzählt, überwiegend als nicht abreißender Gedankenstrom. Sie zeichnet das Zerrbild einer fremden, unmenschlichen Welt, die sich für den dahinvegetierenden Protagonisten als Labyrinth erweist, in dem er auf der Suche nach dem Ich orientierungslos herumirrt. In die Zuschauerrolle gedrängt, erscheint er aus der Zeit gefallen, ein hoffungsloser Phantast und ewiger Fabulierer, der den Anschluss verloren hat, ein menschlicher Typus, wie ihn nur die anbrechende moderne Zeit hervorzubringen vermag. Er ist ein Intellektueller am Rande des Wahnsinns, der von Ängsten geplagt körperlich und seelisch immer mehr verfällt, gefangen in einem Strudel aus Hoffnung, Zweifel und Scham. Aufmerksam und sensibel beobachtend kreisen seine Gedanken, gesteuert vom puren Selbsterhaltungstrieb, unablässig um die nackte Existenz, um Essen und Obdach.

Es ist die äußerst realistische, ans Kannibalische grenzende Darstellung des Hungers, die hier zutiefst beklemmend und mit bitterer Komik erzählt wird. So wenn der verzweifelte Held um Knochen für den Hund bittet, die er dann selber abnagt, oder wenn er aus lauter Verzweiflung Holzspäne kaut, um seinen leeren Magen zu täuschen, wenn er schließlich sogar einen Stein in den Mund nimmt, um mit Kaubewegungen dem malträtierten Körper etwas vorzutäuschen. Im ständigen inneren Dialog mit sich selbst ergeht er sich in Befürchtungen, Selbstzweifeln, Wahnvorstellungen und wilden Assoziationen, ein traumatisches Chaos an Gedanken, denen eine abweisende, kalte Stadt als brutale Realität gegenüber steht. Der Leser erfährt nichts von der Vorgeschichte dieses Mannes, es gibt keine Rückblenden, Knut Hamsun erzählt nur von dessen ausweglos scheinender Not weitab von jedweder Spitzweg-Idylle, beendet seine Geschichte aber immerhin mit einem Hoffnungsschimmer. Eine literarisch hochstehende, anspruchsvolle Lektüre mithin, die alles kann, – nur nicht angenehm unterhalten!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Nana

Lichtenberg bringts auf den Punkt

Der 1880 erschienene Roman «Nana» von Émile Zola gehört zu den erfolgreichsten des großen französischen Romanciers, er ist Teil des 20bändigen Zyklus ‹Rougon-Macquart›, einer breit angelegten Familiengeschichte aus dem Zweiten Kaiserreich, in deren Stammbaum auch eine gewisse «Anna Coupeau dite Nana» auftaucht. Als typischer Positivist hat der berühmte Autor seinen bekanntesten Roman als soziologische Milieustudie angelegt, in der eine Hundertschaft von Figuren aus der Pariser Halbwelt, von der Straßenhure bis zum Kammerherrn der Kaiserin, in ihren Lebensumständen und Beziehungen detailliert beschrieben werden. Er zeichnet eine promiskuitive großstädtische Gesellschaft, in die er die dekadente adelige Oberschicht ebenso mit einbezieht wie die Dirnen aus dem Rotlichtmilieu, weil sich deren Verhalten in nichts von dem der verheirateten, hochgestellten Damen unterscheide, wie er mehrfach betont. Der vorab im Tagesblatt ‹Le Voltaire› in Fortsetzungen veröffentliche Roman mit seiner anrüchigen Thematik wurde heftig umstritten und war, vielleicht gerade deswegen, ein Riesenerfolg, der für damalige Zeiten brisante Stoff wurde fürs Theater adaptiert und später auch mehrfach verfilmt, zuletzt im Jahre 2001.

Als blonde Venus bekommt die ehemalige Straßendirne Nana trotz völliger Talentlosigkeit eine kleine Rolle in einem Varietétheater. Ihr erster Auftritt bei der Premiere ist eine Schlüsselszene für den ganzen Roman: «Ein Schauer durchwogte den Zuschauerraum. Nana war nackt. Sie war völlig nackt und trug ihre Blöße mit ruhiger Kühnheit zur Schau, im sichern Selbstgefühl der Allmacht ihrer Fleischespracht. Einzig ein dünner Schleier hüllte sie ein.» Die Zuschauer waren wie berauscht, die Herren hatten rote Köpfe bekommen. «Unmerklich hatte Nana das Publikum erobert, hatte von ihm Besitz ergriffen, und jetzt waren ihr die Männer samt und sonders verfallen. Die geile Brunst, die von ihr ausging wie von einem läufigen Tier, hatte immer weiter um sich gegriffen». Fortan liegen ihr die Herren der Gesellschaft zu Füßen, sie genießt als Mätresse reicher Liebhaber einen nie gekannten Luxus und bekommt Zugang zur gehobenen Gesellschaft. Gleichwohl bleibt sie die strohdumme Dirne vom Land, verprasst völlig maßlos das viele Geld, das ihr zufließt, und ist immer pleite. Nachdem sie ihren wichtigsten Gönner, einen Bankier, in den Ruin getrieben hat, erleidet auch sie einen herben finanziellen Rückschlag und versucht mit einem ehemaligen Theaterkollegen in das einfache Leben zurückzufinden, was aber gründlich schiefgeht. Nach einem grandiosen Comeback hat sie im weiteren Verlauf des Romans schließlich etliche der ihr hörigen Männer bedenkenlos und selbstsüchtig ins Verderben gestürzt, ja sogar zum Selbstmord getrieben, muss am Ende aber völlig mittellos vor ihren Gläubigern aus Paris flüchten.

Das Besondere an «Nana» sind natürlich die Schilderungen der dekadenten Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, «Nach Berlin!» skandieren die Massen auf der Straße am Ende des Romans. Neben aufschlussreichen Einblicken in die halbseidene Operettenwelt mit ihrem Lebemänner-Publikum werden auch die mondänen ‹Salons› der besseren Pariser Gesellschaft ausführlich beschrieben, man erlebt zudem hautnah und mitreißend die Faszination der Galopprennen, aber auch den wüsten Pöbel in den verruchtesten Hinterhof-Kaschemmen. Für die erwünschte Wahrhaftigkeit in der Darstellung hat Émile Zola einen erheblichen Recherche-Aufwand betreiben müssen, wie er berichtet hat.

Diese in vierzehn Kapiteln erzählte, bitterböse Gesellschaftskritik ist genial konstruiert, glänzt mit anschaulichen szenischen Beschreibungen und entlarvt unerbittlich die Dekadenz der Oberschicht jener Zeit. Der für seine köstlichen Aphorismen bekannte Georg Christoph Lichtenberg hat einst geschrieben: «Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an», – das kann ich hier wirklich auch empfehlen!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Sommer meiner Mutter

Eine Art Rosetta-Mission

Mit einem narrativen Paukenschlag beginnt «Der Sommer meiner Mutter», der neueste Roman von Ulrich Woelk. «Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben» lautet der angeblich oft ja schon die ganze Geschichte enthaltende erste Satz. Der promovierte Astrophysiker hat recht listig durch diese scheinbare Vorwegnahme des narrativen Kulminationspunktes schlagartig Spannung beim Leser aufgebaut.

Ich-Erzähler dieser Coming-of Age-Geschichte ist der elfjährige Tobias, der als Einzelkind mit seinen Eltern in einem Dorf bei Köln lebt. Als für Raumfahrt begeisterter Junge fiebert er der ersten Mondlandung entgegen, die im Fernsehen übertragen werden soll. Im Nebenhaus zieht ein Ehepaar mit ihrer dreizehnjährigen Tochter ein, man freundet sich schnell an mit den neuen Nachbarn, obwohl sie in vielerlei Hinsicht anders sind. Während der konservative Vater von Tobias ein realitätsbezogener, nüchterner Ingenieur ist, ist Rosas Vater als Philosophie-Dozent ein intellektueller Freidenker und überzeugter Kommunist. Auch die Frauen unterscheiden sich deutlich, die unbekümmerte, emanzipierte Nachbarin weckt bei der in ihrer Hausfrauenrolle gefangenen Mutter den allzu lang unterdrückten Wunsch nach Selbstverwirklichung. Zwischen den beiden Kindern entwickelt sich eine innige, auch sexuell konnotierte Beziehung, der naive, ahnungslose Tobias erlebt, ohne es richtig einordnen zu können, durch Rosa, die ihm geistig und entwicklungsmäßig deutlich voraus ist, seine Initiation. Auch die kreuzweise Sympathie der Paare ist unübersehbar, ein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel findet aber nicht statt. Mehr sei hier fairerweise nicht verraten, nach dem Suizid der Mutter jedoch, an dem Tobias nicht ganz unschuldig ist, zerbricht auch die nachbarliche Idylle.

Raffiniert hat Ulrich Woelk diesen Plot einer sich anbahnenden Tragödie konzipiert und zu einem nachdenklich machenden Finale geführt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die kindliche Erzählperspektive, die geschickt, mit dem epochalen Raumfahrt-Ereignis als Hintergrund, die zu ahnende Entwicklung mit den sich ändernden Konstellationen sehr naiv schildert. Nach einem Zeitsprung von vierzig Jahren erzählt schließlich der als Astrophysiker bei der ESA tätige Tobias von seiner Mitarbeit bei der Rosetta-Mission, der erstmaligen weichen Landung einer Raumsonde auf einem Kometen. Ferner berichtet er von einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse, wo seine Jugendliebe Rosa, an die er über dreißig Jahre lang nicht mehr gedacht hat, ihren neuen Roman vorstellt. Sie erkennt ihn nicht, als er am Signiertisch mit ihr spricht, und er gibt sich auch nicht zu erkennen, obwohl es viele Fragen gäbe, die er ihr hätte stellen können, «… aber musste irgendeine davon nach all den Jahren noch zwingend beantwortet werden?» Und so ließ er in sein Buch als Widmung «Für Rosetta» schreiben. Später hat er dann aber die Geschichte jenes Sommers doch noch aufgeschrieben, eine schöne ‹Roman im Roman›-Fiktion. «Ich habe das Manuskript in einen Umschlag gesteckt und an Rosa adressiert. Ich nehme an, dass ihr Verlag den Brief an sie weiterleitet. Morgen werde ich ihn abschicken». Mit diesen Worten endet der Roman, – und lässt alles offen.

Völlig unartifiziell und mit viel Zeitkolorit erzählt Ulrich Woelk in einer nüchternen, schnörkellosen Sprache seine Geschichte der technischen, politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Um- und Aufbrüche. Er spiegelt die gescheiterte Emanzipation der Mutter an der erwachenden Sexualität des Sohnes, stellt dem rigiden Konservatismus in dessen Elternhaus die liberale, unkonventionelle Modernität im Nachbarhaus gegenüber. Über dem gesamten Plot schwebt als emotionale Grundlage ständig eine leise Melancholie, die sich dann in einer so vom Leser nicht voraussehbaren Eskalation entlädt, wobei insbesondere der geschickt aufgebaute Spannungsbogen und das ergreifende Finale diesen Roman auszeichnen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Die Habenichtse

Kein Wohlfühlroman

Mit dem Roman «Die Habenichtse» von 2006 hat Katharina Hacker eine ungewöhnlich konträre Rezeption ausgelöst, den fast durchweg positiven Buch-Besprechungen des Feuilletons stehen überwiegend negative, fast wütende Bewertungen der Leserschaft gegenüber. Nicht zuletzt hat dieser Roman ja den Frankfurter Buchpreis gewonnen, und die Jury hatte damals dazu ausgeführt: «In einer flirrenden, atmosphärisch dichten Sprache führt Katharina Hacker ihre Helden durch Geschichtsräume und in Problemfelder der unmittelbarsten Gegenwart, ihre Fragen sind unsere Fragen: Wie willst du leben? Was sind deine Werte? Wie sollst und wie kannst du handeln? Die Qualität des Romans besteht darin, diese Fragen in Geschichten aufzulösen, die sich mit den plakativen Antworten von Politik und Medien nicht zufriedengeben». Wer hat denn nun recht, die Profis oder die Laien?

Die in 39 Kapiteln mit wechselnden Handlungssträngen erzählte Geschichte vom Haben und Sein bildet soziologisch drei Gesellschaftsschichten ab, das verwahrloste Prekariat, die kleinkriminelle Unterwelt und den gutsituierten Mittelstand. Handlungsorte sind London und Berlin, der Zeitrahmen wird durch die Zäsur von 9/11 und den Beginn des Irakkrieges geprägt. Recht plakativ steht gleich zu Beginn des Plots der Angriff auf das World Trade Center, der 33jährige Berliner Jurist Jakob hätte just an diesem Tag einen Termin mit einem Kunden dort gehabt. Den hat aber auf seinen Wunsch ein Kollege kurzfristig für ihn wahrgenommen, der dann bei dem Anschlag umgekommen ist. Jakob wollte unbedingt eine gleichzeitig in Berlin stattfindende Party besuchen, auf der er seine frühere Freundin und große Liebe Isabelle wieder zu treffen hoffte. Er findet tatsächlich erneut mit ihr zusammen, sie heiraten bald darauf, der verhängnisvollen politischen Zäsur zeitgleich ist dies also ein ebensolcher Einschnitt in sein bisheriges Privatleben. Der in New York umgekommene Kollege war für einen Wechsel in eine Londoner Kanzlei vorgesehen, die sich auf komplizierte Restitutionsbegehren spezialisiert hat, die in die DDR und bis in die Nazizeit zurückgreifen. Nun bekommt Jakob den Posten und zieht mit seiner Frau nach London, Isabelle kann als Mitinhaberin einer Grafikagentur problemlos auch per Heim-Office kreativ in ihrer Firma mitarbeiten. Die neuen Nachbarn sind eine Proletarier-Familie mit zwei Kindern, der Vater ein brutaler Säufer, es geht oft laut zu nebenan. In der Nachbarschaft gibt es aber auch den Dealer und Kleinkriminellen Jim, der von einem Ausbruch aus seinem Milieu träumt, wenn er seine verschwundene Freundin Mae wiedergefunden hat.

Über die verschiedenen Figurengruppen wird in diversen Rückblicken aus Sicht der Handelnden berichtet, wobei die Vielzahl der Figuren die Leser vor ziemliche Probleme stellt. Einerseits, weil sie ohne Einführung quasi hineingeschubst werden in die Handlung, andererseits aber auch, weil sie kaum Empathie zu erzeugen vermögen, man weiß fast nichts von ihnen. Nach etwa einem Drittel des Romans beginnen die Handlungsstränge allmählich aufeinander zuzulaufen, es kommt zu ersten Begegnungen und auch Konfrontationen, man begreift allmählich, worauf das hinaus soll.

Der Reiz dieses raffiniert konstruierten, zeitkritischen Romans liegt in der Konfrontation dieser verschiedenen Lebensformen in stimmigen Szenen, mit dem verblüffenden Ergebnis, dass auch das junge Paar zu den «Habenichtsen» gehört, – nicht materiell, sondern seelisch. Denn sie sind menschlich verarmt, ihr Leben ist völlig aus den Fugen geraten, sie haben sich allzu schnell auseinandergelebt und scheitern an ihrer Gedankenlosigkeit. Jakob ist von seinem charismatischen, homosexuellen Chef fasziniert, Isabelle fühlt sich zu dem verwahrlosten Junkie hingezogen, wird von ihm aber verachtet und gedemütigt. Minutiös und hoch verdichtet wird hier lakonisch über Desillusionierung berichtet, kein Wohlfühlroman also, eher ein ambitioniertes Sprachkunstwerk, wie man es selten zu lesen bekommt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär

„Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger

„Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär“  ist der dokumentierte Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger, der in Buchform von Udo Bermbach herausgegeben wurde.

Da dieser Artikel immer mehr Raum, Seiten und Wörter einnahm, habe ich daraus nun eine Kurzrezension und einen längeren Artikel zum Buch geschrieben. Der längere Artikel unterscheidet sich insofern, dass er zusätzlich einen Überblick über die Lebensläufe von Hannah Arendt, Dolf Sternberger und Udo Bermbach beinhaltet, kurz auf die Essays eingeht und Zitate enthält.

„Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Das Buch ist in folgende Teile gegliedert.

Hannah Arendt und Dolf Sternberger: Eine Freundschaft
Briefwechsel 1946 – 1975
„Organisierte Schuld“ von Hannah Arendt
„Konzentrationsläger“ von Hannah Arendt
„Rede an die Freunde“ von Dolf Sternberger
Anhang (Personenregister, Lebenslauf Hannah Arendt und Dolf Sternberger, Bildnachweis)

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, möchte ich die Lebensläufe von Hannah Arendt, Dolf Sternberger und Udo Bermbach ein wenig näher betrachten und die Gemeinsamkeiten herausfiltern. Im Anschluß werde ich zwei oder drei wichtige Punkte des Briefwechsels versuchen, herauszuarbeiten.

Hannah Arendt (1906-1975)

Hannah Arendt gehört zu den wichtigsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Gerade in der heutigen Zeit werden ihre Werke zur Theorie der totalen Herrschaft viel gelesen.

Dolf Sternberger (1907-1989)

Dolf Sternberger wurde als Adolf Sternberger geboren, legte das A aber schon vor der Machtergreifung der Nazis ab.

Er lernte Hannah Arendt kennen, als er 1927 von der Universität Kiel, über Frankfurt zu Karl Jaspers nach Heidelberg wechselte.

Die „Die Wandlung“Die Zeitschrift Die Wandlung erschien von November 1945 bis Herbst 1949 monatlich. Sie wurde Karl Jaspers, Dolf Sternberger, Werner Krauss und Alfred Weber gegründet.

In „Die Wandlung“publizierten Berthold Brecht, Thomas Mann, Martin Buber, Carl Zuckmayer, T. S. Elliot, N. H. Anden, Jean Paul Sartre, Albert Camus und viele weitere.

Udo Bermbach (geb. 1938)

Udo Bermbach war Assistent bei Dolf Sternberger. Von 1971 bis 2001  war er Professor für Politische Theorie an der Universität Hamburg.

Zum Briefwechsel – oder –
Was verbindet Hannah Arendt mit Dolf Sternberger

Dolf Sternberger schrieb nach dem Krieg am 31.05.1946 den ersten dokumentierten Brief an Hannah Arendt.

In der Zeit von 1948 bis 1975 trafen sich die Beiden mehrfach, entweder in Deutschland oder in den USA.

In beider Werke spielen Aristoteles, Heinrich Heine, Niccolo Machiavelli und Augustinus eine große Rolle.

Keineswegs einig waren sich die beiden Freunde in der Beurteilung Heideggers und seiner Philosophie. Sicherlich lag das auch daran, dass Dolf Sternberger nicht darüber hinwegsehen mochte, dass sich Heidegger zum Nationalsozialismus bekannt hatte und Dolf Sternberger seine jüdische Frau nur mit großer Mühe, Glück und der Hilfe Alexander Mitscherlichs vor der Deportation retten konnte.

Hannah Arendt hatte die Größe die Person Heidegger und seine Philosophie getrennt betrachten und bewerten zu können.

Aus den Briefen ist auch zu entnehmen, dass das Ehepaar Sternberger einige Pakete mit begehrten Waren nicht nur für sich selbst, sondern auch für Freunde auf postalischem Weg überreicht bekam.

Sicherlich mag es zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger Freundschaft, aber doch ein wenig eine ungleiche Beziehung, gewesen sein. Beim Lesen der Briefe fällt auf, dass Dolf Sternberger, der Forderndere war. Er wollte, dass Hannah Arendt mehr Artikel für „Die Wandlung“ schriebe und eine redaktionelle Rolle bei „Der Wandlung“ einnähme. Hannah Arendt lehnt das ab.

Zu den Essays von Hannah Arendt und der Rede von Dolf Sternberger

Von Hannah Arendt wurden insgesamt sechs Essays in „Die Wandlung“ veröffentlicht, die 1948 vom Springer Verlag unter dem Titel „Sechs Essays“ veröffentlicht wurde.

In „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“ wurden die Essays „Organisierte Schuld“ und „Konzentrationsläger“ und eine Rede Dolf Sternbergers aufgenommen.

Ausführlicherer Beitrag zu „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Meine Schlussgedanken „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Die Herausgabe dieses Briefwechsels zwischen Hannah Arendt ist  eine Ergänzung des bisherigen Materials über die großartige Philosophin und ihre freundschaftlichen Beziehungen.

Für jeden, der an der Nachkriegszeit, Hannah Arendt, Dolf Sternberger oder an Philosophie überhaupt interessiert ist, ist dieser Briefwechsel lesenswert. Vor allem lässt sich aus diesen Briefen herauslesen, welch große Bedeutung Hannah Arendt schon damals hatte.

Bemerkenswert ist sicherlich auch, dass man in den Briefen vergeblich nach einem „Gespräch“ über die Zeit im dritten Reich sucht. Wahrscheinlich wollten beide dieser Zeit nicht noch mehr Raum zugestehen.

Udo Bermbach ist es gelungen, diesen Briefwechsel in Buchform mit ausführlichem Zusatzmaterial, wie den Essays, den Lebensläufen und einer lesenswerten Einleitung herauszugeben. Das Schönste sind die zahlreichen Bilder! Es handelt sich um ein bereicherndes Dokument der Zeitzeugen!

Vielen Dank!


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by Rowohlt