Joyland

Wer – wie der Rezensent – im Laufe der letzten drei Jahrzehnte einige Dutzend Bücher von Stephen King gelesen hat, der fragt sich bei jedem neuen Roman, den der Meister des subtilen Grauens vorlegt: Wie schafft der King of Horror es diesmal, den Leser zu binden und in den Mahlstrom seiner Erzählung hineinzuziehen?

»Joyland« ist auf der einen Seite eine subtile Geschichte aus dem Amerika der frühen siebziger Jahre, in welcher der Ich-Erzähler Devin Jones aus heute abgeklärter Sicht schildert, wie er als 21-jähriger Student über den Verlust seiner ersten großen Liebe hinwegkam und dennoch seine Unschuld verlor.

In Liebesdingen gänzlich unerfahren, hatte er sich in eine Kommilitonin verknallt, mit der er zwar heiße Liebesschwüre tauschte, doch nie so weit kam, »es« zu tun. Sie hingegen war hinter seinem Rücken längst mit anderen Typen aktiv und wühlte sich als Partygirl durch Kissen und Decken.

Hilfreich war dem jungen Mann bei der Bewältigung seines Schmerzes, das Studium auszusetzen und sich für ein Jahr als Helfer in einem Vergnügungspark zu verdingen. In diesem »Joyland« darf er als Mädchen für alles den Dreck der »Tölpel«, wie die Besucher heimlich im Mitarbeiterjargon genannt werden, wegwischen. Er muss die Attraktionen warten und bedienen: das Riesenrad, die Schießbude, die Whirly Cups, und das Horrorhaus. Seine besten Auftritte aber hat er im Fellkostüm des Parkmaskottchens Howie, eines Hundes mit großen Schlappohren und langem Schwanz, der die jüngsten Besucher mit lustigen Tänzen begeistert.

Doch da gibt es noch eine geheimnisvolle Geisterbahn, die ein Gespenst beherbergen soll. Der Geist einer ermordeten jungen Frau spukt angeblich im stockdunklen Kabinett. Deren Kehle wurde von einem unentdeckt gebliebenen Mörder während der Fahrt mit einem Rasiermesser durchgeschnitten, anschließend wurde das Opfer brutal aus dem Wagen geworfen.

Menschen mit seherischen Kräften können die unheimliche Erscheinung wahrnehmen und reagieren verstört, andere meiden die Geisterbahn und halten sie für verflucht. Devin jedoch will an keinen Spuk glauben. Er ist neugierig und versucht, die wahre Geschichte des Verbrechens zu recherchieren. Mithilfe von Freunden erfährt er, dass auch in anderen Vergnügungsparks junge Frauen auf ähnlich bestialische Weise umgekommen sind. Es agiert offenbar ein Serientäter, auf den es allerdings kaum Hinweise gibt. Der junge Mann fühlt sich diesem geheimnisvollen Kirmesmörder nahe, er möchte das Rätsel gern lösen.

An jedem Morgen, den Devin den Strand entlang zu seiner Arbeitsstätte geht, sieht er in der Ferne einen behinderten Jungen, der dort Sauerstoff tankt, mit seiner Mutter sitzen. Er freundet sich mit dem Sterbenskranken an und versucht, ihm seinen größten Traum zu verwirklichen, einen Tag in dem Vergnügungspark verbringen zu dürfen. Zwischen den beiden wächst eine Freundschaft. Das Kind, das von einem baldigen Tod weiß, ist dankbar für die Zuwendung, die ihm der Ältere schenkt. Der Junge sieht Dinge, die Devin nicht wahrnehmen kann, er scheint über mediale Fähigkeiten zu verfügen. So übermittelt er seinem neuen Freund Informationen, die dieser aber nicht zu deuten versteht. Nach einer kleinen Romanze, bei der Devin endlich seine Unschuld verliert, läuft damit alles auf den großen Showdown im Joyland hinaus, wo Spaß sich blitzschnell in Horror verwandeln kann.

Erstaunlich ist bei diesem Buch, dass Stephen King die unendlich vielen Möglichkeiten, die ein solcher Vergnügungspark der Phantasie bietet, nicht nur nicht ausspielt, sondern sie nahezu ignoriert. Er beschränkt sich vielmehr auf die Schilderung des Studenten, der durch seine Neugierde eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen auslöst. Wer eine blanke Horrorstory erwartet, die den Leser über hunderte Seiten in Atem hält und ihn mit fieberhaften Augen Seite um Seite verschlingen lässt, wird mit diesem Werk weniger gut bedient. Geliefert wird vielmehr eine mit 352 Seiten für Stephen Kings Verhältnisse kurze, aber umso geschmeidigere Erzählung, die sowohl in der Personenführung wie der Dialogregie glänzend gebaut ist und in eine leicht überschaubare Kriminalhandlung mit übersinnlichen Momenten mündet.

Mit »Joyland« beweist der 1947 in Portland, Maine, geborene King die Bandbreite seines Könnens und erweist sich erneut als fantastischer Erzähler. Das eigentliche Thema des Buches ist indes fast philosophisch: Es ist die Konfrontation mit dem uns umgebenden Tod, der als Sensenmann jeden mitnimmt, ob er nun in Geld schwimmt, schreiend komisch oder auffallend gut bestückt ist. So muss sich auch der an Multipler Sklerose erkrankte kleine Junge in sein unvermeidliches Schicksal fügen, und das ist vielleicht sogar grausamer als das, was die Mordopfer erleiden.


Genre: Horror, Kriminalliteratur
Illustrated by Heyne München

Ein Jahr voller Wunder

Thompson_Walker_Ein_Jahr_voller__130144Was, wenn die Erde plötzlich aufhören würde, sich zu drehen? Was, wenn Tage nicht mehr länger Tage, Nächte nicht mehr länger Nächte sind? Wie lebt es sich in einer Welt, in der die Vergangenheit lang und die Zukunft kurz ist?

Julia ist ein ganz gewöhnliches kalifornisches Sonnenschein-Mädchen aus einer ganz gewöhnlichen Familie. Ein Mädchen an der Schwelle zum Teenager, im Übergang von der Middle- zur High-School, die Zeit, die in den USA Age of Miracles (so auch der Originaltitel) – ein Jahr voller Wunder genannt wird. Die größte vorstellbare Katastrophe für sie sind bis dato die Streitereien ihrer Eltern, ihre größte Verunsicherung die Irrungen und Wirrungen ihrer ersten Verliebtheit. Eines Morgens wachen Julia und ihre Eltern auf und werden jäh aus ihrem bisherigen gewöhnlichen Leben ausgebremst. Gemeinsam mit dem Rest der Welt hören sie eine globale Fernsehmeldung: Es hat eine “Verlangsamung” stattgefunden. Die Erde dreht sich langsamer, Tag und Nacht stimmen nicht länger mit dem 24-Stunden-Rhythmus überein. “Eine Zeit lang fühlten sich die Tage immer noch wie Tage an. Doch mit jedem neuen Morgen kamen wir weiter aus dem Tritt.”

Die Gesetze der Schwerkraft verschieben sich. Vögel fallen vom Himmel, Pflanzen verkümmern, Sonnenstürme gefährden die Nahrungsmittel- und Stromversorgung. Die über Nacht gewonnenen Minuten dehnen sich im Laufe der Zeit aus zu langen Licht und Nachtabschnitten. Es ist die Stunde der Weltuntergangspropheten, der Astrologen – Sternzeichen haben sich ebenfalls verschoben. “Neue Minuten tauchten überall auf. In jenen Tagen war die Zeit schwerer zu vergeuden. Die Sterbenden brauchten länger zum Sterben, die Kinder länger zum Geborenwerden. Wie hatten wir an solche viel zu einfachen Dinge wie die 24 Stunden Uhr glauben können?”

Weltweit beschließen die Regierungen in seltener Einmut, die sogenannte Uhrenzeit einzuführen. Die Menschen leben wieder nach dem gewohnten 24 Stunden Rhythmus, ungeachtet der Sonnenauf-und Untergänge. Nicht alle – manche verweigern sich der Direktive und gründen Kolonien, die nach der Echtzeit und im Konflikt mit den Uhrenzeitlern leben. Die Verlangsamung und die mit ihr einhergehende bei immer mehr Menschen auftretende Schwerkraftkrankheit zerstören das fragile Gleichgewicht zwischen Impuls und Kontrolle. Und “wir verloren mit diesem klaren Rhythmus […] ein gemeinsames Grundvertrauen.”Die Risse in Familien, in Freundschaften werden immer deutlicher, doch wären sie auch ohne die Verlangsamung je zu sehen gewesen?

Schließlich wird Nahrung rationiert, das Knacken einer Traube im Mund ist nur noch eine ferne Erinnerng. Überhaupt – Erinnerungen! Sie werden bewahrt wie verblasste Fotos aus einer fernen Zeit und bekommen eine völlig neue, nie gekannte Wertigkeit. Es ist einer der ergreifendsten Momente im Buch, wenn Julia und Seth, ihre erste zarte Liebe ihre Namen in noch nassen Zement ritzen, damit wenigstens etwas von ihnen überdauert Eines Tages werden die Server abgestellt, das Ende des Internet ist der Vorbote des Weltendes. Ein goldener Datenträger wird mit einer Super-Rakete ins All geschossen, er bewahrt und trägt die kostbarsten Erinnerungen der Menschheit. Gerüche, Erzählungen, Geräusche wie das Rauschen der Wellen

Julias Tagebuch erzählt dem staunenden Leser von diesem Jahr. Julia ist ein stilles, abwartendes, genau beobachtendes Mädchen. Das macht sie zur perfekten Erzählerin. Als Einzelkind ist sie besonders empfänglich für die Zerbrechlichkeit von Familie, Freundschaft und der ersten Liebe. Eine solche Geschichte mit der Wucht des drohendes Untergangs aus der Sicht der Unschuld und der Naivität zu schreiben ist ein bewährtes Stilmittel in der Science-Fiction und es bewährt sich auch hier, wo der Spagat zwischen einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte und einer Endzeitfiktion gewagt wird. Die Katastrophe wirkt jederzeit nachvollziehbar und realistisch, doch sie bezieht einen Großteil ihres Schreckens aus der Unsicherheit einer Jugend, von der man nicht weiß, ob ihre Protagonistin je die Chance bekommen wird, erwachsen zu werden.

Die in Brooklyn lebende Autorin Karen Thompson Walker arbeitet als Lektorin, ein Jahr voller Wunder schrieb sie in den Morgenstunden vor Arbeitsbeginn. Ihre Sprache ist wohltuend zeitlos und auffallend melodisch, ganz sanft bringt sie damit die Geschichte nach vorne. Wenn es um das Verrinnen der Zeit geht, um das Bedauern über Vergänglich- und Endlichkeit wird ihre Sprache fast schon elegisch. Manchmal merkt man den Sätzen allerdings an, dass sie – wie von der Autorin in der Danksagung selber angemerkt – wieder und wieder umgeschrieben wurden. Dann werden die Sätze hölzern und es  hat eindeutig die Lektorin über die phantasiebegabte Autorin gesiegt. Etwas mehr “schreiben aus dem Bauch heraus” hätte dem Erzählfluß sicher nicht geschadet. So geht Empathie und Emotionalität – eigentlich Kernbegabungen der Autorin – gelegentlich zu Gunsten der Präzision verloren.  

Dennoch – ein Jahr voller Wunder ist ein Buch, welches man schon nach dem sehr kurzen, aber eindringlichen ersten Kapitel kaum mehr aus der Hand legen mag. Zumal in Zeiten, in denen einem die Klima- und sonstige Katastrophen beinahe stündlich um die Ohren gehauen wurden. Auch Julia und ihre Eltern sind es als Kalifornier gewohnt, mit den Verschiebungen der Natur und der Erde zu leben, doch mit der Verlangsamung haben auch sie nicht gerechnet. Mühsam navigieren Julia und ihre Familie sich durch völlig veränderte Landschaften, völlig veränderte Tag-und Nacht-Rhythmen. “Während die Erde sich immer langsamer dreht, müssen die Menschen sich immer schneller anpassen.” Der Konflikt zwischen den Echtzeitlern und den Uhrenzeitlern ist unvermeidlich und im Übertragenen der Konflikt zwischen dem Natürlichen und dem von Menschen gemachten.

Phantasievoll, aber mit einem tiefen Verständnis der Gegenwart ist ein Jahr voller Wunder eine zugleich originelle und provozierende Geschichte, ob ihrer Plausibilität zudem erschreckend. Wird es so sein? Wird all das, worüber wir uns derzeit Sorgen machen, irgendwann völlig belanglos ob der viel größeren Katastrophe, die unserer harrt? Zum Ende hin komprimiert Karen Thompson Walker die Zeit und die Geschehnisse, doch das tut dem lange nachwirkenden Ende keinen Abbruch. Denn – Manchmal benötigen die traurigsten Geschichten die wenigsten Worte Es ist immer mutig, wenn Genres wild durcheinander gewürfelt werden, in der Regel kommt dabei ein guter Wurf heraus. So auch hier – ein Jahr voller Wunder ist nicht nur aber auch eine großartige Liebeserklärung an die Welt, wie wir sie kennen.

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Genre: Romane
Illustrated by btb München

Abschied für Anfänger

Was treibt uns an, wenn wir ein Buch aufschlagen? Mit welcher Intention begeben wir uns in die Gedankenwelt eines Autors? Nun, wir möchten unterhalten werden, neue Welten kennen lernen und andere Blickwinkel erforschen. Manchmal erhoffen wir uns auch Trost und Zuspruch. Möchten erfahren, dass wir nicht alleine sind mit unserer Sicht auf die Dinge. Eine zuverlässige Garantin für die Erfüllung all dieser Wünsche ist mir seit vielen Jahren die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler.

Ganz offiziell stehe ich nicht alleine mit meiner Meinung, dass Anne Tyler zu den wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen gehört. Schon 1989 wurde sie für ihr Buch Atemübungen mit dem Pulitzer-Preis geadelt, noch im letzten Jahr wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Sunday Times Award for Literary Excellence geehrt. Der ebenfalls erfolgreiche britische Schriftsteller Nick Hornby sagte einmal, er wünsche sich, nur einmal in seinem Leben so schreiben zu können wie Anne Tyler. Tatsächlich ist jedes einzelne ihrer bisher 19 erschienenen Bücher ein ganz besonderes Kunstwerk.

Ihr Talent wird oft als stilisierter Realismus bezeichnet, aber das trifft es meiner Meinung nach nicht ganz. Für mich ist Anne Tyler das weibliche Pendant zu John Irving. Sie braucht keine raffinierten Handlungen, das Alltägliche ist ihr bedeutsam genug und so macht sie scheinbare Banalitäten des Lebens zu lesenswerten und fesselnden Geschichten. Sie erzählt unprätentiös und undramatisch, humorvoll und sorgfältig beobachtend. Poetisch und weise vermittelt sie in all ihren Büchern Lebensklugheit und schafft es so, dem Alltag seinen Zauber wiederzugeben.

Abschied für Anfänger Ein Musterbeispiel für die tylersche Welt ist der junge Witwer Aaron in Anne Tylers neuestem Roman Abschied für Anfänger. Aaron ist keineswegs perfekt, er lebt mit einer leichten Körperbehinderung, entstanden durch eine Kinderkrankheit. und er stottert oder wie er selbst es ausdrückt: “Er hört sich an wie ein Handy mit Wackelempfang”. Als größte Behinderung empfindet er jedoch nicht seine körperlichen Gebrechen, sondern die fortgesetzten Versuche seines Umfeldes, ihn mit übertriebener Vorsicht über zu behüten. Bei allem Unabhängigkeitsstreben ist Aaron dennoch in den familiären Betrieb eingestiegen, einem Zuschussverlag und empfindet sich mehr als druckender Dienstleister denn als Lektor.

In der älteren Ärztin Dorothy lernt er eine unabhängige Frau kennen, die sich wenig um seine Behinderung schert, was Aaron als ausgesprochen erleichternde Bereicherung seines Lebens empfindet. Sie bemühen sich eine Ehe zu führen und nehmen sich als mal mehr, mal weniger talentiert dazu wahr. Ausgerechnet nach einem belanglosen Streit stürzt ein Baum in ihr Haus, schickt Dorothy in den Tod und Aaron in einen Zustand der trauernden Agonie. Nur in kleinen Momenten, in denen die tote Dorothy “einfach so neben ihm auftaucht,in denen er ein Bewusstsein für ihre Gegenwart entwickelt”, helfen ihm, kurzzeitig zur Ruhe zu kommen.

Neben “dem Sammelsurium von Kriegs- und Lebenserinnerungen, die kein althergebrachter Verlag auch nur eines Blickes würdigen würde “ist Aaron auch Herausgeber einer Serie von Handbüchern für Anfänger. Witwer für Anfänger war leider nicht dabei, also muss Aaron selbst herausfinden, wie das geht: Weiterleben und auch für Anfänger eine Möglichkeit finden, sich zu verabschieden.

Wie viele ihrer Bücher spielt auch dieses in Baltimore, wo die Autorin ihren geerdeten Lebensmittelpunkt hat. Behutsam führt Anne Tyler den Leser in die Gefühlswelt eines ganz normalen Menschen. Eines Menschen mit ganz normalen Gedanken, Gefühlen und Wünschen. Anne Tylers Helden sind selten Genies, manchmal sind sie exzentrisch, aber immer liebenswert. Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt und mit denen man sich über den Moment freut, an dem sie ihr Glück finden. John Irving hat erst kürzlich in einem Interview bestätigt, dass seine Helden durchaus im Laufe der Jahre wiederkehren und sich in  seinen Romanen weiter entwickeln, wenn auch unter anderen Namen Dieses Gefühl hat man im Laufe der Romane auch bei Anne Tyler. Ich kannte die überfürsorgliche Schwester Nandina, ich kannte den Bauunternehmer Gil und auch von der Sekretärin Peggy habe ich nicht zum ersten Male etwas gelesen.

Aaron kannte ich nicht, aber ich habe ihn gerne kennengelernt. Seine heraufbeschworenen Visionen, seine Schuldgefühle, seinen Mut zur Wahrheit, seine Selbstgespräche und Dialoge, die gewonnene Einsichten offenbaren: “Früher war ich davon ausgegangen, dass wir beim Sterben herausfinden, worauf das Leben letztendlich hinausgelaufen ist. Ich hatte nicht geahnt, dass man das auch feststellen kann, wenn jemand anders stirbt.” und die ihn schlussendlich zu der einfachen, aber doch so schwer zu erfüllenden Weisheit bringen: “Wichtig ist also im Leben, gut achtzugeben”.. Anne Tyler ist ein emotionales, sehr bewegendes und befriedigendes Buch über Trauer, Verlust und die Wiederherstellung einer kleinen Welt, über Intimität und den Trost von Freundschaft und Familie gelungen.

Abschied für Anfänger ist das zweite Anne-Tyler Buch, dessen deutschsprachige Fassung im ambitionierten Kein & Aber Verlag erschien. Eine ihrer bewährten Übersetzerinnen hat sie dorthin mitgenommen, der Roman wurde von Christine Frick-Gercke sehr sorgsam übersetzt. Es kann nicht einfach sein, in einer Übersetzung den ganz speziellen Anne-Tyler-Tonfall zu treffen, von daher an dieser Stelle ein aufrichtiges Danke dafür.

Fazit: Abschied für Anfänger entwickelt sich zu einem tröstlichen “Weiterleben für Fortgeschrittene” .Uneingeschränkt empfohlen für alle, die Anne Tyler sowieso lieben und ob der Kürze und Prägnanz des Buches auch eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die gerne ein Anne-Tyler-für-Anfänger Buch lesen mögen.

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Genre: Romane
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Bettler und Hase

BettlerundHaseKapitalismus, internationale Kriminalität, Menschenhandel sind im Allgemeinen nicht gerade die Zutaten, aus denen Märchen gestrickt sind. Sie sind aber der Nährboden, aus dem die Sehnsucht nach ihnen erwächst. Die Sehnsucht nach wundersamen Begebenheiten, nach einer klaren Trennung von Gut und Böse, nach aufrechten, gerne auf den ersten Blick schwachen Helden, die Auseinandersetzungen mit heimtückischen Kräften überstehen und zum Schluß den Triumph über das Böse feiern. Solch ein Märchen hat Tuomas Kyrö, ein in seiner Heimat Finnland renommierter und preisgekrönter Autor der jüngeren Generation, mit Bettler und Hase geschrieben.

Sein Held, der rumänische Bettler Vatanescu möchte eigentlich nichts als ein arbeitsames, auskömmliches Leben führen und einmal in seinem Leben so weit kommen, dass er seinem Sohn die ersehnten Stollenschuhe kaufen kann. Gar nicht so leicht in einer Zeit, “in der Gott die ganze Welt verlassen hat und in die nächste Galaxie umgezogen ist.” Naiv und mutig zugleich vertraut Vatanescu dem Menschenhändler Jegor und lässt sich von ihm nach Finnland schleusen. Dort muss er die durch den Transfer entstandenen Schulden bei Jegor durch organisierte Bettelei abarbeiten. Hunger und Ungerechtigkeit lassen ihn aufbegehren und er macht sich alleine auf zu einer abenteuerlichen Odyssee durch Finnland. Lange bleibt er nicht alleine. Er rettet einen Hasen, der eigentlich ein Kaninchen ist und tut in der Folge gut daran, sich von diesem leiten zu lassen. Denn Vatanescu weiß nicht immer, “was er vom Tag bekommen wird. Oder was er ihm abnehmen darf.” Dafür weiß es aber das Hasen-Kaninchen und tut in kritischen Momenten immer genau das Richtige.

Auf ihrer gemeinsamen Suche nach dem Glück begegnen sie fleißigen Vietnamesen, kriminellen Ukrainern, trinkfesten Nudisten, verlieben sich in eine Zauberkünstlerin und baden die Folgen des guten Willens überambitionierter Polit-Aktivisten aus. Immer aber begegnen sie auch Menschen, die ihnen helfen, die es gut mit ihnen meinen und so wird Vatanescu zu einer Art finnischem Forrest Gump. Einem Forrest Gump 2.0. noch dazu, denn das Internet und seine sozialen Medienwege spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei seinem Aufstieg. Ohne sich dessen bewusst zu sein, durchlebt Vatanescu auf seinem Weg den klassischen Karriereweg des kapitalistischen Way of dream. Vom Bettler über Tellerwäscher zum Beerensammler zum Bauarbeiter zum ….. das wird hier nicht verraten. Nur soviel: den weißen Ritter gibt der finnische Ministerpräsident, der in einer eigenwilligen Mischung aus Karrieregeilheit, Berechnung und wahrhaft empfundener Menschenfreundlichkeit die Rolle des Pragmatikers im Märchen besetzt. Ein Mann, der weiß, dass man “Rückenschmerzen nicht vom Arbeiten, sondern vom Buckeln bekommt” und danach lebt.

Es ist ein modernes Märchen, ein Schelmenstück aus einem fernen Land, welches Tuomas Kyrö vorlegt. Bettler und Hase wird in der Kritik oft mit dem “Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg” verglichen. Diesen Vergleich kann man ziehen, doch er stimmt nur bedingt. Bettler und Hase reiht sich zwar ein in die mit einem Augenzwinkern geschriebenen Road-Movies von Menschen am Rande der Gesellschaft. Aber Vatanescu ist wesentlich einsamer, fatalistischer, anspruchsloser, forrest-gumpiger als der Hundertjährige. Kyrös Buch setzt weniger auf Humor denn auf satirische Gesellschaftskritik und spürbaren Sarkasmus. Den Hundertjährigen las man mit einem wohlwollenden Schmunzeln, bei Kyrö weiß man trotz des utopisch visionären Happy Ends nicht, ob man lachen oder weinen soll. Dazu trägt sicher bei, dass die Geschichte nicht durchgängig aus Vatanescus Sicht erzählt wird, sondern auch Menschenhändler Jegor eine Stimme bekommt. Für Jegor beginnt mit dem Aufstieg Vatanescus der Abstieg in seiner kriminellen Organisation und er endet schließlich im Gefängnis, wo er mit seinen Memoiren beginnt und seinem Schicksal hadert, denn “Unsereiner hat auch erfolgreich Häschen in ganz Europa verkauft – wo ist da der Unterschied?” Schließlich ist seinereiner kein Opfer, er macht welche.

Trotzdem ist das Buch angenehm zu lesen, Kyrös Schreibstil ist ein entspannter. Gelegentlich überspitzt er, in Summe bleibt er aber charmant, was den Kontrast zu den geschilderten Mißständen nur umso deutlicher hervorhebt. Seine Sicht auf die Menschen bleibt warm und humorvoll. Ab und an schießt er damit übers Ziel hinaus, vor allem, wenn er auf sich selbst als den “allwissenden Erzähler” verweist. Das hätte er sich ruhig sparen können, an diesen Stellen entsteht der Eindruck eines eher halbherzigen Versuchs, das Ganze zusätzlich noch auf die derzeit so beliebte Meta-Ebene zu hieven. Hätte Kyrö, hätte das Buch nicht nötig gehabt. Unterm Strich ist Bettler und Hase ein ebenso scharfsinniges wie schräges Buch, eben ein modernes Märchen, welches seinen Auftrag durchaus erfüllt. Denn wie sagt es der weiße Ritter im Buch: “Die Verbindung von Weinen und Lachen gibt den Menschen Glauben und Hoffnung. Daraus besteht das Leben. Aus Träumen, Glauben, Hoffen.”

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Genre: Romane
Illustrated by Hoffmann und Campe

Rein GOLD

jelinek rein goldOh, Ihr Schauspieler, die Ihr eines nahen Tages dieses auf Anregung der Bayerischen Staatsoper ausdrücklich für die Bühne geschriebene Zweipersonenstück auswendig lernen müsst, Ihr habt mein tiefstes Mitgefühl, denn schon Brünhilde, die widerborstige Lieblingstochter von Götterpapa Wotan, ergießt sich gleich mit 48 Seiten Text, mit einem Redeschwall in 1.189 Zeilen, in 71.340 Zeichen, bis der gekündigten Walküre erst einmal die Puste ausgeht und der gebrochene Gott, Wotan Wanderer, auf der Suche nach sich selbst und dem eigenen Untergang, zu Wort kommt. Und was antwortet ihr der Olympier, dem eigentlich keiner mehr so recht glauben oder gar folgen mag, da er Verträge nach eigenem Gutdünken interpretiert, sie mit Raubgold erfüllt, und dessen Rechtfertigungen deshalb kaum jemanden wirklich interessieren? »Kind. Soviel hast du ja noch nie gesagt! Ich hör dir jetzt seit Stunden zu, aber was hast du gesagt? Ich weiß es nicht mehr.«

Welch weise Worte, wilder Wotan. Oder ist es die Selbsterkenntnis der Autorin, die denjenigen, der sich an ihren Text wagt, vorwarnen möchte? Denn wer die ersten zwei Stunden des Monologschaums überstanden hat, der hat nur noch gute vier Stunden Wortwahn zu durchschwimmen. Wer Jelinek liest, ahnt wohl, was ihn erwartet, sonst sei er gewarnt. Er wird sich nicht beklagen, sondern vielmehr die philosophische Tiefe in den Texten suchen wie weiland Alberich das tückische Gold im schlammigen Rhein. Er wird vielleicht verstehen, was den rosaroten Panther, das Rheingold und das Jelineksche Verständnis des Marxschen »Kapital« verbindet und daraus ein intellektuelles Rahmenprogramm bestreiten können, das mäandert wie weiland Vater Rhein vor seiner zwanghaften Begradigung, die es den vielen Schatzsuchern unserer Tage so unendlich erschwert, das in den Auenlandschaften wartende Rheingold zu bergen.

Der Text, Elfriede J. mag es mir nachsehen, wirkt wie der innere Monolog einer inmitten des Feuerrings auf ihrem Walkürenfelsen gelangweilt auf die Erlösung durch den einen Helden harrenden Brünhilde mit ihrem Vater, der sie verstieß, nicht mehr mit ihr redet, dem sie jedoch alles nahezu zwanghaft erklären will, ihr Denken, ihr Handeln, ihr Aufbegehren, ihren Verrat. Gemischt mit einem guten Schuss Antikapitalismus macht die Autorin aus Wotan einen Bundespräsident a.D., der einer entwerteten Gesellschaft vorsteht, die sich als Exportweltmeister geriert und glaubt, alle Probleme mit dem Anwerfen der Geldpresse lösen zu können, um auf diesem Wege Erlösung zu spenden. Dies geschieht in einer Kunstsprache, die immer wieder Geld als Meta-Tag einsetzt und als Spiegel der intellektuellen Leere unserer Zeit verstanden werden möchte. Wie Brünhilde schreibt sie fleißig, tippt wütend »Bits und Bytes«, brennt ein Feuerwerk wilder Worte ab und sinniert. Wie heißt es an einer Stelle: »Da regt sich was und vermehrt sich! Wir könnens nicht sein, aber da bewegt sich noch was.»

Jelineks »Rein GOLD« ist, kurz gefasst, eine Suada, die sich über den Leser ergießt und in ihrer Monotonie, von ein paar Kalauern (»Der Wurm, \”ein großer und nicht im Rechner\”, bewacht« … den Nibelungenschatz) abgesehen, wenig Neues oder Erfrischendes zum Thema Wagner bringt. Das »reine Gold«, das die Autorin verspricht, entpuppt sich dabei recht schnell als literarisches Talmi.

Elfriede Jelinek
rein GOLD. Ein Bühnenessay
Rowohlt 2013
ISBN 978-3-498-03339-2



Genre: Oper, Theater
Illustrated by Rowohlt

Es ist ein hartes Leben in der Provinz

Der Ich-Erzähler siedelt mit Frau und Kind von Düsseldorf nach Oberammergau um; völlig klar, dass bei einem derart gewagten Unterfangen der Kulturschock im Preis inbegriffen ist. Doch damit nicht genug: Als selbst auferlegte Strafverschärfung wird im Reich der Herrgottsschnitzer und Passionsspieler auch noch ein Eigenheim errichtet, das langsam aber sicher immer teurer zu werden droht. Kann dieses Doppel-Projekt wirklich gelingen?

Holger Schaeben setzt einen pointierten Kontrapunkt zu der in weiten Teilen der Mittelschicht verbreiteten Sehnsucht nach dem Landleben, das gerne romantisiert und verklärt zur allein selig machenden Daseinsform erhoben wird. Am Beispiel des vermeintlichen Paradieses Oberammergau liefert er jede Menge guter Argumente für die, die das Treiben im urbanen Dschungel der Eintönigkeit der trägen Provinz vorziehen. Denn die ländliche bayerische Idylle besteht eben nicht nur aus Bergen, sondern auch aus Schneebergen (die durchschnittlich sechs Monate im Jahr abgetragen werden wollen) und aus Eingeborenen, die nach der Tourismussaison regelmäßig in den Winterschlaf fallen.

Keineswegs jedoch erliegt der Autor der Versuchung, zwischen Stadt- und Landleben scharf zu polarisieren, er wird nie polemisch oder verletzend, sondern schildert mit humorvoller Selbstironie seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen und zieht daraus für sich die Schlüsse, ohne den Anspruch doktrinärer Allgemeingültigkeit zu erheben. Die geschliffene Sprache und die mit Bedacht gewählten klugen Formulierungen machen dieses Buch zu einem formidablen Lesevergnügen.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Monsenstein und Vannerdat

Zehn Minuten und ein ganzes Leben

Zehn MinutenEine Frau liegt auf dem Sterbebett. Die Stimmen um sie herum blendet sie aus. Sie mag ihre eigenen Stimmen hören, ihre eigenen Bilder sehen. Die Bilder ihres Lebens. Sie braucht zehn Minuten, um siebzig fragmentarische Szenen ihres Lebens vor ihrem geistigen Auge ablaufen zu sehen. Es werden die letzten zehn Minuten ihres Lebens sein. Die Zeit der Möglichkeiten ist endgültig vorbei. Die Szenen, die sie sieht, sind flüchtige Bestandsaufnahmen von der Kindheit bis ins Alter. Die Autorin Manuela Reichart schreibt in “Zehn Minuten und ein ganzes Leben” die Rückschau eines erschreckend banalen Frauen-lebens. Vielleicht kein Zufall, dass auch der Titel an den eher banalen, aber wirkungsvollen Slogan fürs Blutspenden erinnert.

Es ist kein außergewöhnliches Leben gewesen, an das die namenlose Protagonistin sich erinnert. Es gab Höhen und Tiefen, aber zumeist nur Höhen und Tiefen, die sie selbst in die Banalität der Ereignisse hinein interpretiert hat. Hauptsächlich erinnert sie sich an Männergeschichten, so gut wie alle gescheitert. Gelegentlich blitzen zwar Erinnerungen aus ihrem frühen Familienleben auf, auch aus der Kindheit ihrer eigenen Kinder, aber in der Relation sind sie selten. Selbst eine der allerersten Szenen aus ihrer Kindergartenzeit ist der Frau nur deshalb erinnerlich, weil eine vierjährige Rivalin ihr den Kindergartenfreund abspenstig machte. Ihre eigenen Kinder haben sie wohl enttäuscht, haben der Mutter nicht die erwartete Anerkennung, den erwarteten Dank erwiesen.

Sie erinnert sich an den Mann, der einstmals sogar mit Selbstmord drohte, wenn sie ihn nicht erhöre. Doch auch dessen Verehrung währte nicht ewig. Er schloß eine Ehe, die nicht auf ihren Stöckelschuhen daherkam, sondern “fest in den Gesundheitsschuhen” einer bodenständigeren Frau stand. So war auch “er ihr zum Verräter geworden”. Der Mann, den wiederum sie einst bis zum Wahnsinn verehrte, er erzählt beim Wiedersehen von seiner letzten Darmspiegelung. So geht es mit den Männergeschichten munter weiter und gipfelt schließlich in der Erinnerung an unbefriedigende Masturbationsversuche.

Ist es wirklich das, woran man sich am Ende eines Lebens erinnern will? Sind dies wirklich die Ereignisse, die bleiben? Im Klappentext steht “Es ging ihr immer nur um die Liebe”. War das wirklich so oder ging es ihr nicht vielmehr doch um die verzweifelte Suche nach Anerkennung? “Einen gescheiten Satz sollte jeder zurücklassen”. Das ist ihr dringendster Wunsch. Doch “hat sie ihn gesagt, hat man ihn gehört?” Manuela Reichart hat mit dieser kurzen Prosa kein Rührstück geschrieben, auch keines, welches an die viel beschworenen wirklich wichtigen Dinge im Leben gemahnt. Vielmehr zeigen ihre kurzen Fragmente, wie erschütternd wenig bleiben kann, wenn man am Ende seines Lebensweges angelangt ist. Als Leser empfindet man es bitter, dass diese Lebensrückschau sich in erster Linie mit der unbefriedigt gebliebenen Suche nach Anerkennung und Respekt beschäftigt. Es scheint wenig Gutes gegeben zu haben, an das die namenlose Frau sich erinnern kann.

Gleichwohl macht dieses Buch nicht traurig. Melancholie ist das äußerste Gefühl, welches die kühl und komprimiert geschriebene Prosa hervorruft. Die Autorin lässt den Szenen selten einen freien erzählerischen Lauf. Sie traut sich durchaus was mit diesem Buch, doch sie traut den Lesern zu wenig zu. Rasch und unbeteiligt analysiert Manuela Reichart lieber selbst. Gerade bei den Erinnerungen an Szenen aus dem Familienleben lässt sie kein Klischee gelten, sie entlarvt und verurteilt unerbittlich.

Am Ende jedes Fragments steht eine lakonische Zusammenfassung, die den Kern drastisch vor Augen führt. Die kurzen, komprimierten Texte bringen dem Leser jedoch nur wenige Einsichten. Vor allem die Männerfixiertheit als Priorität irritiert. Andere Geschichten werden nur angedeutet, obwohl sie eine wohltuende Abwechslung gewesen wären. So erfährt man nur an Rande, dass die Schwester, mit der sie den Anfang teilte, in der Mitte des Lebens unwichtig wurde und jetzt am Sterbebett die wichtigste Bezugsperson ist. Wieso und warum, das erfährt man nicht.

Aber nun – einen wichtigen Satz hinterlässt jeder. Die namenlose Sterbende hinterlässt eine Erkenntnis, die den Leser mit der im Unterton der Unzufriedenheit geschriebenen Rückschau versöhnt: “Klar ist am Ende nur eins. Man hat in all den Jahren viel zuwenig getanzt.” Dem werden wohl viele Frauen zustimmen.

(Die Autorin: Manuela Reichart lebt als Radio-Moderatorin und Autorin in Berlin. Den Lesern in NRW dürfte sie auch als langjährige Moderatorin von “Gutenbergs Welt” auf WDR3 bekannt sein).

Erstveröffentlichung dieser Rezension am 16.07.2012 in den Revierpassagen.de


Genre: Romane
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Great Apes

Der Künstler Simon Dykes ist im Londoner Nachtleben mit seinen Freunden unterwegs und konsumiert reichlich Drogen und Alkohol. Soweit also alles ganz normal, doch als er am nächsten Morgen erwacht, muss er entsetzt feststellen, dass sich seine Gefährtin Sarah in eine Schimpansin verwandelt hat. Damit nicht genug: Die ganze Welt ist von Affen bevölkert und Menschen gibt es (außerhalb afrikanischer Reservate) nur in Zoos zu bestaunen.

Simon wird nach längerem Aufenthalt in der Psychiatrie schließlich in die Obhut des erfahrenen Wissenschaftlers Dr. Zack Busner entlassen, der die Ursachen dieser offenkundigen Geisteskrankheit erforschen und den Patienten auf den rechten Pfad der Schimpansenheit zurückführen soll. Dank der hingebungsvollen Geduld des ambitionierten Doktors stellen sich alsbald erste vielversprechende Fortschritte ein; gleichwohl wird Simon aber immer wieder von verstörenden Erinnerungen an ein vermeintliches Menschendasein geplagt…

“Great Apes” ist ein großartiger Roman, wenn der Leser bereit ist, dem Autor zu folgen und vorbehaltlos in eine fremde Welt einzutauchen, die sich nach den Regeln der Schimpansen dreht, in der Rangkämpfe und pausenlose Paarungen im Vordergrund stehen. Mit viel Liebe zum Detail und ausgefeilter Sprache erschafft Will Self nicht nur konsequent neue Begriffe (Ersetzen von “Mensch” durch “Schimpanse”), sondern ein eigenes Universum mit elegantem Wortwitz, was die Lektüre im Original allerdings nicht gerade erleichtert. Natürlich erinnert das Buch an die “Planet der Affen”-Filme, die übrigens auch vorkommen, selbstredend mit vertauschten Rollen.

Fazit: Ein intelligentes Lesevergnügen, bei dem bisweilen das Lachen im Halse steckenbleibt.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Bloomsbury Paperbacks

Soap

SoapMichaelMeisheitEigentlich ist Lukas noch Student an der Film-Akademie, aber wie so oft liegt der Fehler im Eigentlich. Glückliche oder je nach Sichtweise unglückliche Umstände führen dazu, dass Lukas zum Drehbuchautor bei Deutschlands beliebtester und ältester Seifenoper Schöneberg avanciert. Dies setzt eine Ereigniskette in Gang, die Lukas bisheriges von Träumen rund um Hollywood und Sex geprägtes WG-Leben von links nach rechts dreht. Nun bestimmt das Räderwerk wöchentlich ausgestrahlter Serienfolgen seinen Alltag, Intrigen nehmen ihren Lauf und wo soviel erdichtete Liebe im Raume steht, ist auch die echte, wahre, einzige Liebe nicht weit. Aber bis diese zusammenfindet… ja, bis dahin muss Lukas so einige Schaumbäder nehmen und Seifenblasen hinterherjagen.

Lukas’ Schöpfer, Michael Meisheit ist eigentlich Drehbuchautor bei Deutschlands ältester Seifenoper, der Lindenstrasse. Aber wie so oft, liegt es am eigentlich. Denn uneigentlich strebt er eine zweite Karriere als Schriftsteller an, wohl auch um ab und an das enge Korsett wöchentlich zu sendender Folgen abzustreifen. Für seinen Erstling greift er auf seine gesammelte Erfahrungs-Schatzkiste zurück und liefert einen geschmeidigen Roman from the Inside of a Soap Opera. Einen Verlag hat er sich dafür nicht gesucht, Michael Meisheit ging den Weg des Self-Publishing und das gründlich. In sozialen Netzwerken kennt er sich aus, ist im Gesichtsbuch und im Zwitscherland präsent und freundlich kommunikativ unterwegs. Dazu gibt es seinen Blog, der schon lange viele, natürlich auch Lindenstrassen-affine Leser hat und mit all diesen Werkzeugen begab Meisheit sich an die Vermarktung seines ersten Romans. Die ersten Kapitel wurden vorab veröffentlicht, die Prinzipien des Crowd-Sourcing – sagen wir es vorsichtig – ausgetestet. Aufgeregte Blogleser und Lindenstraßenfans rissen sich um die Ehre, vorablesen und lektorieren zu dürfen, über die Namen der Hauptfiguren, sogar über den Preis konnte abgestimmt werden.

Soweit gut. Nicht gut hingegen, dass das Buch meine geweckten Erwartungen nicht erfüllt und mich streckenweise enttäuscht hat. Schon nach wenigen Kapiteln wusste ich wieder, warum ich Lindenstrasse schaue und nicht GZSZ oder was es sonst noch so gibt. Das Buch macht seinem Titel alle Ehre, gelegentlich meint man, die Seife aus dem Kindle rausquellen zu sehen. Dafür sind die Einblicke, die Soap in das Innere einer Seifenoper bietet, nur mäßig interessant. Da leisten die Einblicke im Lindenstrassen-Almanach bessere Dienste. Ähnlichkeiten mit Serienfiguren oder deren Darstellern sind – um allen Neugiernasen auch direkt diesen Zahn zu ziehen – nicht nur rein zufällig, sondern auch definitiv nicht vorhanden. (was ich persönlich allerdings positiv werte). Die Handlung empfand ich als banal, gefesselt hat es mich selten. Zeitweilig glaubt man, die wichtigsten Anliegen des Autors waren es, seinen Tagesablauf vor einem breiteren Publikum auszubreiten und endlich einmal das zwar originelle, aber moralisch fragwürdige Ende publizieren zu können. Wenn man sich bis zu diesem vorgekämpft hat, meint man auch die Antwort auf die Frage gefunden zu haben, die mich seit Anfang des Projekts interessierte. Warum hat er sich keinen Verlag dafür gesucht, er hat doch einen Namen, das wäre doch bestimmt nicht so schwer gewesen? Ich bin sicher, das Ende -welches ich hier nicht spoilern werde- hätte ihm jeder Verlag um die Ohren gehauen. Jeder Redakteur einer Soap Opera wohl auch.(Zum Glück. Bleibt mir das wenigstens visuell erspart.) Ist man also bis zum Ende vorgedrungen, stellt man fest, dass man die handelnden Personen leichten Herzens verabschiedet und ihnen keine Träne nachweint. Wenn überhaupt noch einer der Protagonisten interessiert, dann ist das Walter, der Produzent der Serie Schöneberg und zugleich der Einzige mit einem erkennbaren alter Ego.

Ich habe den Weg vom Projekt bis zum erschienenen Buch verfolgt und kann mich nur schwer des Gedankens erwehren, dass Meisheit in sein Self-Publishing und Marketing mehr Energie gesteckt hat als in das Schreiben des Romans selbst. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun – schreiben kann er, leichtfüßig und gewandt. Das ist nicht der Kritikpunkt. Aber – nicht nur die flache Handlung, auch kleine Ungereimtheiten irritieren im Lesefluss. So bringt Meisheit ständig die Zeitebene seines Helden Lukas mit seiner eigenen durcheinander. Lukas im Buch startet z.B. gerade mal zur zweiten Storyline-Sitzung und berichtet schon wie ein alter Hase.”Vor einiger Zeit hatten wir” “noch nie hatten wir” sind ständige Formulierungen, die doch verwirrend klingen, wenn einer berichtet, der erst so kurz dabei ist. Dann erzählt Lukas aka Meisheit davon, wie sehr ihn die Cliffhanger nerven, die ein Markenzeichen der Serie sind. Nicht wegen der Cliffhanger an sich, sondern weil sie durch das Konzept der Handlung am immer gleichen Wochentag nur indirekt aufgelöst werden können Und was macht er? Knallt an die meisten Kapitelenden einen Cliffhanger a la Lindenstrasse und löst diese mit Vorliebe indirekt auf. Das dafür dann aber sehr routiniert, so routiniert, dass die vorstehend geäußerten Vermutungen naheliegend sind.

Aber nun, Soap ist ein Debütroman und macht zwischendrin auch Spaß, so ist es nicht. Meisheit war damit bisher leidlich erfolgreich und hat direkt E-Book-Nummer Zwei hinterher geschoben, diesmal in der Tat eine Anthologie gesammelter Beobachtungen aus seinem Alltag. Jan Weiler lässt grüßen? Ganz sicher hat er aus diesem Wagnis mächtig Erfahrungen mitnehmen können. Erfahrungen, die wir demnächst Sonntags-Abends um 18:50 nachvollziehen dürfen? Ich wage mal eine freihändige Prognose: Klausi Beimer ist das Hartz-IV Dasein schnell leid und geht demnächst unter die Self Publisher, um sein bisher unveröffentlichtes Buch nach Methode Meisheit zu pushen. Und Momo wird sein betroffenes Gutmenschengesicht aufsetzen und als oberster Bedenkenträger der Lindenstrasse Klausi mahnen, dass man doch seine Leser nicht so unverfroren einbinden könne. Darüber wiederum würde dann ich mich allerdings großartig amüsieren.

Zum Blog des Autors (u.a. auch mit weiteren Bezugsquellen) HIER entlang

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift

 


Genre: Romane
Illustrated by Unbekannter Verlag

Zehntelbrüder

Zehntelbrüder- Ruth Cerha Mischa, ein junger Wiener DJ und Radiomoderator hadert mit seiner  verworrenen Kindheit. In seinen ersten acht Jahren lebte er noch mit und bei seiner Mutter, doch diese verabschiedete sich öfter für ungewisse Zeit an einen ungewissen Ort und irgendwann vergaß sie das Zurückkommen ganz. In Folge lebte Mischa bei Exmännern seiner Mutter und Exfrauen seines Stiefvaters mit den unterschiedlichsten Geschwisterkonstellationen und so kam es, dass er für alle zum liebevollen, großen Bruder wurde. Er hat zwei Stiefbrüder, einen Halbbruder, etliche Nennbrüder und dann noch Lilli und Mila, seine Achtelschwestern, die Töchter der ersten Frau des Stiefvaters aus zweiter Ehe, anders ausgedrückt die Halbschwestern der Halbbrüder seines Halbbruders. Die Frage, ob man Verwandschaft wirklich in Brüchen definieren kann, stellt sich ihm früh.

Deswegen ist das mit der Liebe und erst recht mit einer möglichen Bindung auch nicht so einfach für ihn. Eigentlich ist er glücklich mit Hannah, doch als die Beziehung ernster wird und Hannah ihn ihrer Familie vorstellen mag, weigert er sich. Seine Familie ist ihm schließlich kompliziert genug. Hannah legt ihn und ihre Liebe daraufhin zunächst auf Eis und Mischa wird klar, dass für ihn die Zeit gekommen ist, sich seiner Vergangenheit und seinen Gefühlen zu stellen.

In Rückblenden erzählt Mischa von seiner chaotischen, aber nicht lieblosen Kindheit. Vom leiblichen Vater, der ein Träumer war, welcher keine Beschränkung seiner Träume duldete. Vom Stiefvater Janek, ein Mann wie aus einem Dostojewski Roman, der Mann, an dem sich alle in der weit verzweigten Familie abarbeiten. Er ist ein Mann, der sich nie ändert, allerdings ändert sich langsam der Blick, den Mischa auf ihn hat. Von Jenny, der seelenvollen Drittfrau des Stiefvaters, von Toni, der letzten großen Liebe des Stiefvaters, der Frau, die schließlich die ganze verworrene Familie zusammen hält.

Während er sich erinnert, schreitet die Geschichte in der Gegenwart voran. Jul, der blutverwandteste Bruder von allen, wird zum Problemkind, Hannah schwanger von einer Zufallsbekanntschaft und Mischas Leben auch dadurch nicht leichter, dass er sich während dieser Sendepause in Nella verliebt, die ihrerseits große Probleme mit einem Viertelbruder hat. Normalerweise ist Familie ein jahrhundertealtes Rezept, gar gekocht durch Jahre des Zusammenlebens, die Soße gebunden mit Blut. Doch Mischas Familie ähnelte eher einem Wok-Gericht. man schmniss einfach alles hinein, was man gerade zuhause hatte und von dem , was man nicht zuhause hatte, behauptete man, es gehöre gar nicht hinein.

Die Wiener Autorin Ruth Cerha hat die Zutaten für ein abgerundetes Rezept einer gut erzählten Geschichte gefunden. Sie lässt ihren Mischa die Geschichte klar, uneitel und ohne Sentimentalität erzählen. Sie findet eine leichte, fast schon musikalische Sprache, die den Leser die zugrunde Melancholie erahnen lässt, ihn damit aber nicht belastet. Geschickt bindet sie das Flair der Wiener Schausplätze in ihre Erzählung ein und entlässt ihre Leser mit der durchaus tröstlichen Gewissheit, dass Familie nicht immer etwas mit Blutsverwanschft zu tun hat und Verwandschaft eben nicht in Brüchen aufzurechnen ist. Am Ende ist Verwandschaft doch eher eine Primzahl. Unteilbar, undefinierbar und die Antwort, die man auf die Frage “Bist Du verwandt?” des jüngsten Zehntelbruders Max findet.

Eine wichtige Rolle im Buch spielt nicht nur der Wiener Schmäh, sondern auch die Musik. Der leibliche Vater ist ein erfolgloser Musiker, der seiner Musik trotzdem alles unterordnet. Die Schallplattensammlung des Stiefvaters gibt dem Buch seinen roten Faden und natürlich ist da Mischa, der leidenschaftliche DJ. Leider ist gerade hier einer von zwei Kritikpunkten. Die Bedeutung der Musik für den leidenschaftlichen DJ, dass er gerade dies und nichts anderes werden konnte, dass Musik das Medium war, welches ihn aufnahm und ihm Geborgenheit schenkte – da wäre mehr drin gewesen. Es ist, als ob ausgerechnet dort die Autorin, die auch ausgebildete Musikerin ist, sich bewusst zurückgenommen hat. Möglicherweise trug sie Bedenken, zu überschäumend zu wirken. Dabei trifft sie so oft gerade durch das Musikalische in ihrer Sprache mitten ins Herz. Etwas mehr Mut zur Euphorie wäre bei diesem Thema bestimmt belohnt worden.

Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf die dem Roman angehängten Gesprächsprotokolle. Lilli und Mischa sprechen im Laufe der Geschichte mit einigen Mitgliedern der weitverzweigten Wahlfamilien, um mehr Klarheit zu bekommen. Das wird thematisiert, aber die Protokolle der Gesprächen sind dem Roman hinten angefügt, noch nach dem Epilog. Für den Lese-Fluss der Geschichte wäre es sicher leichter gewesen, man hätte diese sukzessive in die Geschichte integriert. Erlauben diese Protokolle doch noch einmal einen anderen Blick auf so manche Charaktere, den man gerne auch schon im Laufe der Geschichte gehabt hätte. Außerdem hätte der Leser dann die Chance gehabt, den wirklich schönen, versöhnlichen Epilog länger für sich stehen und auf sich wirken zu lassen. Dennoch: Der Leser fühlt sich wohl in dieser Familien-Gemengelage und Mischa ist ein sehr liebenswerter Held. Die Geschichte von den Zehntelbrüdern ist eine ganz und gar nicht ausweglose Erzählung, ein Buch getragen von tröstlicher Melancholie.

Fazit: Lesenswert. Absolut. Für mich eins der Bücher, welches zunächst keinen Platz im Regal findet. Sondern auf dem Stapel der Bücher, die ich unbedingt noch ein zweites Mal lesen mag.


Genre: Romane

Back to Blood

Back to Blood von Tom Wolfe

Die Religion stirbt, aber an irgendetwas muss der Mensch glauben, der sich als Atom in einem Superteilchenbeschleuniger namens Universum erkennt. Darum gibt es nur eins: Zurück zum Blut, zurück zum Glauben an die Blutlinien, die durch unsere Körper strömen, meint Tom Wolfe in seinem letzten großen Roman, der den nahezu programmatischen Titel »Back to Blood – Zurück zum Blut« trägt.

Wolfe beweist seine These am Beispiel der Stadt Miami: Die Metropole in Florida besteht zu mehr als 50 Prozent aus Neueinwanderern, von denen angeblich jeder jeden hasst. Hier reiben sich die White-Anglo-Saxon-Protestants (WASP), Mitglieder eines schrumpfenden und bedrohten Stammes, der aber immer noch die wirtschaftlichen Fäden der Macht in Händen hält, mit eingewanderten Latinos – vor allem Kubanern, die gut aussehen, viel Geld haben, die Mehrheit der Bevölkerung stellen und die Stadt politisch kontrollieren.

Den Konflikt zwischen den weißen americanos und den anderen Bewohnern der Stadt illustriert der Autor in dem ihm typisch spitzzüngigen und eloquenten Stil am Beispiel des aus Kuba stammenden Polizeibeamten Nestor Camacho. Dieser »Gibraltar aus Trapez- und Deltamuskeln« ist bei der Harbour Patrol tätig und rettet einem kubanischen Flüchtling in Ausübung seines Dienstes mit einem halsbrecherischen Einsatz das Leben. Er klettert auf einen 20 Meter hohen Vormast eines Freizeitseglers, auf den sich der Asylant kurz vor Erreichen des rettenden Ufers geflüchtet hat, seilt den Mann unter Lebensgefahr ab, um ihn dann festzunehmen und »durch seine Abschiebung ins Verderben zu stürzen«, wie viele seiner Landsleute später sagen.

Durch seinen Einsatz zieht Camacho sich den Zorn seiner Familie und Landsleute zu, die ihn künftig ignorieren, und auch seine heiße Freundin Magdalena verlässt ihn. Lediglich der junge Reporter einer »weißen« Tageszeitung stellt seine mutige Tat objektiv heraus, und so wundert es nicht, dass sich zwischen dem von allen verlassenen Officer und dem WASP eine Freundschaft entwickelt. Gemeinsam gehen sie auf die Jagd nach einem Kunstfälscher, der möglicherweise in Beziehung zu einem russischen Oligarchien steht, in dessen Seidenbett eines Morgens auch die schöne Magdalena erwacht.

Nun ist bei einem Roman von Tom Wolfe eigentlich weniger die Handlung interessant als der Einsatz seiner stilistischen Mittel und die Zeichnung der Figuren. Wer »Fegefeuer der Eitelkeiten« oder andere Bestseller des 1931 geborenen Autors kennt, der weiß, dass der Autor gern in die Haut seiner unterschiedlichen Figuren schlüpft und aus ihrer Perspektive denkt, spricht und erzählt. Dies gelingt dem Mitbegründer des »New Journalism« mit dem vorliegenden Werk großartig. Wolf schildert dabei nicht nur die Gedanken und die materielle Welt seines Personals; er brilliert auch mit der Darstellung des unterschiedlichen, oft unterschwelligen Rassismus der unterschiedlichen Kulturen, die im täglichen Miteinander deutlich werden und sich auch sprachlich ausformen. Besonders reizvoll wird dies, wenn er die (oft schlüpfrigen) Gedanken seiner Akteure in Paranthese mit einblendet, um diese darauf meist wesentlich abgemildert oder diplomatischer aussprechen zu lassen.

Schon der kurze Prolog »Wir sind jetzt in Mii-ah-mii« des mit 765 Seiten durchaus umfangreichen Werkes macht die Meisterschaft des Autors deutlich. Am Beispiel einer dramatischen Parkplatzsuche vor Miamis Jahrhundertnachtclub des Monats schildert er so ziemlich alle Konflikte, die sich zwischen den unterschiedlichen Blutlinien auftürmen, und ich kann nur jedem empfehlen, wenigstens dieses Kapitel des Buches zu lesen, um einen Eindruck von der Sprachgewalt des Ausnahmeautors zu gewinnen.

Tom Wolfe schreibt milieudicht. Er schreckt auch vor drastischen Formulierungen und möglicherweise sexuell anstößig wirkenden Beschreibungen nicht zurück, wenn er den Sex auf goldenen Plexiglasstelzen durch Miami stöckeln lässt. Sein Roman ist eine opulente Gesellschaftssatire, die den so genannten amerikanischen Traum genüsslich seziert. Dabei schreibt der Kultautor derart spritzig, dass man den fast ein Kilo schweren Wälzer (ich beziehe mich auf die Hardcover-Ausgabe), der allein mit dem allerletzten kurzen Aussagesatz der Entwicklung der Geschichte einen unerwarteten und vollkommen neuen Kurs verleiht, keine Minute lang aus der Hand legen mag.

»Back to Blood« ist das sprachliche und stilistische Vermächtnis des am 14. Mai 2018 verstorbenen Wortartisten Tom Wolfe.

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Genre: Romane
Illustrated by Heyne München

Die besten Wochen meines Lebens

begannen damit, dass eine Frau mich verließ, die ich gar nicht kannte.

die besten Wochen meines Lebens..... Den Rekord für den längsten Buchtitel dürfte der französische Autor Martin Page damit wohl halten. Zum Glück braucht sich aber auch trotz etlicher Kritikpunkte der eher schmale Band, hinter diesem Mammut-Titel nicht zu verstecken. Mit diesem Roman ist dem Autor eine bittersüße und subtile Komödie gelungen.

Im Mittelpunkt steht Virgile, ein durch und durch neurotischer, hypochondrischer junger Mann aus der Pariser Werbebranche. Ein Stadtneurotiker, wie er im Buche steht. Virgile ist es gewohnt, von den Frauen, die er liebt, sitzen gelassen zu werden. Das kriegt er stets aufs Neue ganz wunderbar hin. Aber dieses Mal ist es irritierend anders. Auf seinem Anrufbeantworter findet er eine Nachricht von Clara, die ihm ihre gemeinsame Zeit aufkündigt und ihn verlässt. Dumm nur, dass Virgile sich überhaupt an keine Clara und schon gar nicht an eine Beziehung mit ihr erinnern kann. Zunächst sucht er -der erfahrene Hypochonder- die Erklärung in einer unheilbaren Krankheit, die ihn gewiss alsbald hinwegraffen wird. Er kündigt Strom, Gas, Telefon und wo er schon mal dabei ist, direkt die ganze Wohnung und geht auf Abschiedstournee bei seinen Freunden. Nachdem ihm aber alle Ärzte einwandfreie Gesundheit bescheinigen, erkennt er, dass ein Heilungsprozeß viel zufriedenstellender verläuft, wenn man gar nicht wirklich krank ist. So trifft er eine unerwartete Entscheidung: Er will diese Frau finden, für sich gewinnen und erobern, er ist sich sicher, er verpasst sonst die wahre Liebe. Abermals dumm nur, dass er darüber die ganzen voreilig ausgesprochenen Kündigungen vergisst und das Unheil seinen Lauf nehmen muss. So wird Virgile schliesslich zum abgedrehten Hauptdarsteller in einer noch abgedrehteren Geschichte.

Martin Page erzählt diese Geschichte sehr elegant und ohne jede Sentimentalität. Was er dabei aber nicht abstreifen konnte, ist der leicht prätentiös elitäre, dünkelhafte Hauch des Pariser Oberschichten-Intellektuellen. Die durchschimmernde Arroganz alleine schon daran erkennbar, dass er sich jedwede Beschreibung der Umgebung spart. Wer Paris nicht kennt, Pech gehabt. Braucht erst gar nicht hier mit Lesen anfangen. Aber – Paris ist die Stadt aller Städte, die wird ja wohl jeder kennen. Ebenso blasiert, dazu aber auch noch banal kommt Virgile daher. Es grenzt fast an ein Wunder, dass einem dieser sich hinter seinem Zynismus versteckende Charakter schon nach wenigen Seiten so ans Herz gewachsen ist, dass man ihn nur allzu gerne den Höhlenforscherhelm überstreifen sieht und ihn auf seinen solchermaßen ausgestatteten Streifzügen durch den Monoprix begleitet. Selbst die ewig zitierten Weisheiten von Marc Aurel nimmt man in Kauf, um ja bloß zu erfahren, ob es mit so einem wie Virgile noch ein gutes Ende nehmen kann. Denn bei aller Egozentrik ist Virgile kein Menschenfeind. Das zeigt schon sein chronisch schlechtes Gewissen, weil er meint, sich mit der Werbung maßgeblich an der Zerstörung der Welt durch Konsum zu beteiligen und seine ehrliche Sorge um das Wohlergehen seiner engsten Freunde.

Es ist ein eigenartiges Buch. Ich könnte ohne Ende rumkritteln. An der Geschichte, die sich manchmal überschlägt, manchmal aber seitenlang als höchste Abwechslung nur die Wahl der Getränke bietet. Rumkritteln an reichlichst aufgestoßenen Türen, die nicht wieder geschlossen werden, wenn sie überhaupt zeigen, was sich dahinter verbirgt. An dem Geheimnis, welches so unendlich trivial aufgelöst wird. Und am Ende bleibt dieselbe Erkenntnis wie bei einem Woody Allen Film: Man findet tausend Dinge, die einem nicht passen, die nerven und doch bleibt man gebannt sitzen, liest oder schaut weiter und muss zugeben, bestens unterhalten worden zu sein und sich ungerne von Virgile und seinen Freunden verabschieden zu wollen. Denn bei allen Kritikpunkten ist der Roman weit mehr als eine Stilübung. Mit Charme, trockenem Humor und dem Sinn für das Nicht-Erwartbare schafft es der Autor, den Leser in Virgiles Bann zu ziehen.


Genre: Romane
Illustrated by Piper München, Zürich

Ich bin ein Geschichtenzerstörer

Eins ist klar: Thomas Bernhard ist alles andere als ein Geschichtenzerstörer, mag er sich selbst auch mal in einem seiner gern provozierenden Interviews als ein solcher bezeichnet haben. Der schreibende Sonderling aus Oberösterreich ist vielmehr einer der größten Erzähler, die der deutsche Sprachraum aufzuweisen hat, und das beweist der vorliegende kleine Auswahlband mit dem provozierenden Titel anschaulich.

Bernhard hasste die idyllische Prosa, er schauderte vor belanglosen Erzählungen und wollte, »wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe«, diese gleich »abschießen«. Dabei erzählte er selbst gern in dem ihm eigenen giftig-monologisierenden, mit atemlosen Bandwurmsätzen gefüllten Stil Geschichten, die er geschickt in seine Romane einbaute. Einige dieser Geschichten wurden für diesen Band aus ihrem bisherigen Umfeld ausgelöst, sie wurden quasi entbeint und funkeln nun wie Edelsteine im literarischen Raum.

Bernhards Geschichten verstören den Leser, wenn er mit ihm auf Pfaden der Kindheit zur Forchlermühle wandert, wo die Müllersöhne einem halben Hundert exotischer Singvögel, die zuvor Jahrzehnte lang in einer weitläufigen Voliere gehegt und gepflegt wurden, den Hals umgedreht haben, um sie auszustopfen und dann in das Zimmer ihres einstigen Herrn auszustellen. Das Geschrei der Exoten sei ihnen nach dem Tod des Onkels, der die Tiere betreut habe, auf die Nerven gegangen, wird dem Besucher beschieden, jetzt kehre wieder Ruhe ein in das Tal am Ende der düsteren Schlucht. Dem macht es der Geruch der Vogelleichen unmöglich, länger zu bleiben, er geht hinaus.

Großartig ist Bernhards Beschreibung einer Autofahrt, um ein Exemplar der Neuen Zürcher Zeitung mit einem ihn interessierenden Aufsatz zu erwerben. Rund 350 Kilometer fährt er mit zwei Freunden zuerst in die »sogenannte weltberühmte Festspielstadt« Salzburg, wo sie die Zeitung jedoch nicht bekommen, dann in den »weltberühmten Kurort Bad Reichenhall« sowie weitere kulturell hoch notierte Orte, um feststellen zu müssen, dass es dieses von ihm hochgeschätzte Blatt nirgendwo gibt. In einer meisterhaften Suada entzündet sich aufgrund der Nichterhältlichkeit der Zeitung sein Zorn gegen Österreich, »dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land«. Er wolle sich nur noch dort aufhalten, wo er wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekomme, tobt der Dichter, und dann bleibe in Österreich in Wirklichkeit nur Wien, denn in allen anderen Städten die vorgeben, das Blatt zu haben, bekomme man sie gerade dann nicht, wenn man sie unbedingt brauche.

Ein erzählerisches Kabinettstückchen liefert der Gmundener Autor, wenn er »Im Aufmachen der Kommode« eine gelbe Papierrose entdeckt und schwallartig erzählt, wie er mit einem Studienfreund ein Musikfest in Altensam besucht habe, wo sie sich »durch rasches Austrinken mehrerer Gläser Bier und Schnaps gleich in die für ein solches Musikfest notwendige gehobene Stimmung gebracht« hätten, dann jedoch von diversen bekannten Gesichtern endlos ausgefragt wurden, warum sie nicht in ihrem Heimatort geblieben, ja, ob sie überhaupt noch Österreicher seien, um sich dann schließlich, als sie es nicht mehr aushielten, einen Weg durch hunderte betrunkene Leute zu einem Schießstand zu bahnen, an dem der Freund, der doch ebenso wie Bernhard den Schießsport ebenso wie die Jagd verachtete, im Grund sogar hasste, eine Reihe Papierrosen abschoss, worauf er von den Umstehenden als der beste Papierrosenschütze, den sie jemals auf einem Musikfest getroffen hätten, bezeichnet wird.

Wer sich dem Bernhardschen Duktus vorsichtig annähern möchte und keine Angst vor meisterhaft gemachten, oft seitenlangen Satzungetümen hat, der wird mit dieser klitzekleinen Auswahl bestens bedient.


Genre: Kurzprosa
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Sämtliche 118 SF-Geschichten

Philip K. Dick war ein Maniac. Sein Werk umfasst 108 Geschichten und 43 Romane, von denen diverse verfilmt worden sind. In dieser fünfbändigen Werkausgabe sind sämtliche Geschichten in chronologischer Reihenfolge enthalten. Dies erlaubt es, die Entwicklung des legendären Science-ficition-Autors zu verfolgen. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Science-fiction
Illustrated by Haffmans bei Zweitausendeins

Mein letzter Mord

Cover Download, zur Verfügung gestellt von Dumont Buchverlag, Köln Es ist sein letzter Mord, die letzte Ermittlung, die ein alter niederländischer Polizist vor seiner Pensionierung noch durchführt. Einen ganz alten Fall hat man aus den Akten gekramt. Einen alten, ungelösten Fall, den der alte Polizist noch einmal neu aufrollen soll. Vielleicht ein letzter Versuch, diesen Fall noch zu klären, wahrscheinlicher aber der Versuch, den Polizisten auf seine letzten Tage vor dem Altenteil zu beschäftigen.

Der alte Polizist wählt einen ungewöhnlichen Weg, um den Fall zu lösen. Er versetzt sich in den Mörder hinein, geht dessen Wege gedanklich und real nach, besorgt sich eine Waffe, schläft mit dessen Witwe und schreibt darüber einen außergewöhnlich langen Ermittlungsbericht an seinen Vorgesetzten. Der Bericht ist nicht nur ein Bericht über die Ermittlungen, sondern vielmehr eine Lebensbilanz, die der Polizist zieht. Viel zu bilanzieren gibt es allerdings nicht, weder auf der Haben-, noch auf der Sollseite. Er war halt Polizist – “alles andere hat er vergessen zu tun”.

“Mein letzter Mord” ist das erste auf Deutsch erschiene Buch des Niederländers Marc Boog, ein im Nachbarland erfolgreicher und anerkannter Schriftsteller. Das Buch ist eher ein Essay als ein Roman oder gar ein Thriller. Eine Studie über den Versuch einer späten Selbstbefreiung. Es geschieht wenig in diesem Buch, dafür wird viel resümiert, erkannt, geschlussfolgert. Im niederländischen Literaturbetrieb hat man für diese Art Roman ein eigenes Genre erdacht, den “literaire thriller” und in der niederländischen Presse mutmaßt man nicht ganz zu Unrecht, dass es für dieses Genre schwer sein dürfte, über die Landesgrenzen hinaus Verständnis zu wecken. So verwundert es nicht, dass auch der niederländische Originaltitel den Leser schneller auf die richtige Fährte führt: “Ik begrijp de mordenaar” (ich verstehe den Mörder). Dem Autor geht es nicht darum, einen Fall zu lösen, sondern er möchte einen Mörder verstehen und erkunden, ob sich ein gewöhnlicher, ja langweiliger Mensch in diesen hineinversetzen kann.

In der Tat fällt es schwer, einen Zugang zu diesem Buch zu finden. Ik begrijp de mordenaar – man ist versucht zu sagen: “schön für ihn”. Aber wer begreift den Schriftsteller und das, was er uns damit sagen will? Der Mörder bleibt nebulös, spät kann man ein Motiv erahnen, seine Gedankengänge hingegen kann wohl nur der halbherzig ermittelnde Detektiv nachvollziehen. Aber auch das weiß man nicht sicher. Zu sehr vermischt sich dessen Lebenssicht, seine Wut auf verschenkte Lebenszeit mit dem, was er herausfindet. Zu keiner Zeit kommt der Leser diesem Polizisten nahe. Mehr noch, dieser Polizist – er interessiert einfach nicht. Zuviel Gejammer. Wie auch die anderen maßgeblichen Protagonisten bleibt er ohne Namen. Namen- und konturlos blickt er zurück auf ein Leben voller verpasster Chancen und er ergreift auch diese letzte Gelegenheit, aus seinem eigenen Schatten herauszutreten, eher zögerlich.

Auch Marc Boogs Sprache bleibt fremd und ist schwer zugänglich. Er formuliert wunderschön, aber konstruiert. Man hat den Eindruck, er betrachtet jedes Wort, dreht es um, stellt es mal hierhin, dann dorthin, solange, bis er zufrieden ist. So entstehen zwar Sätze, die für sich genommen gefallen und sicher auch nachdenkenswerte Wahrheiten beinhalten, doch als wahrhaftiger empfindet man den Roman dadurch nicht.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de, Cover zur Verfügung gestellt vom DuMontVerlag

 


Genre: Romane
Illustrated by dumont Köln