Raumfahrt für Träumer
Der 2024 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnete Roman der englischen Schriftstellerin Samantha Harvey hat eine ungewöhnliche Thematik. Er beschreibt einen Tag in der ISS, der internationalen Raumstation, die seit 1996 die Erde in etwa 400 Kilometer Höhe umkreist. Dem Buch ist eine Grafik vorangestellt, auf der die sechzehn ca. 90 Minuten langen Erdumkreisungen dargestellt sind, denen die sechzehn Kapitel des Buches entsprechen. Auslöser für ihren Roman war, wie die studierte Philosophin bekundet hat, eine spezielle Form des Eskapismus gewesen, ihre Sehnsucht nach dem Gefühl des Schwebens, im Übrigen aber war die reine Schönheit ihr Antrieb.
Die sechsköpfige Crew der Station besteht aus zwei Frauen und vier Männern, die mit unterschiedlichen Aufgaben betreut, im ständigen Kontakt mit der Bodenstation verschiedene wissenschaftliche Experimente durchführen. Sechzehn Mal am Tag geht für sie die Sonne auf und wieder unter, was ebenso Auswirkungen auf ihren Körper hat wie die permanente Schwerelosigkeit, der sie ausgesetzt sind. Täglich kontrollieren sie deshalb alle Körperfunktionen, analysieren permanent ihre Laborwerte, machen Aufzeichnungen über ihr seelisches Befinden. Neben diesen alltäglichen Tätigkeiten beobachten sie immer wieder die Erde, was sich im Roman zu gefühlt hundertfach wiederholten Schilderungen der Kontinente und Meere niederschlägt, über die sie hinweg fliegen. Wobei die «reine Schönheit» in immer neuen Formulierungen wiederkehrender Gegenstand dieser poetischen Beschreibungen ist. «Natural Writing» in einer fürwahr extremen Form, weil ja der Planet Erde nur immer aus dem gleichen Blickwinkel, aus 400 Kilometern Höhe beschrieben wird.
Das wird mit der Zeit ähnlich langweilig wie die Aktivitäten in der Raumstation selbst. Dem begegnet die Autorin, indem sie in vielen Rückblicken von der familiären Vorgeschichte der Crewmitglieder erzählt. Sie schildert den schwierigen Weg ihrer Figuren als künftige Astronauten und Kosmonaten, einen Traum, der sich ja nur für eine verschwindend kleine Anzahl von Bewerbern erfüllt. Die Rivalitäten zwischen den amerikanischen Astronauten und den russischen Kosmonauten an Bord manifestieren sich schon allein in der abweichenden Bezeichnung. Vor Beginn an hatten die Russen ganz unbescheiden ihre Ambitionen für die Raumfahrt mit «Kosmos» deutlich weiter gesteckt als die USA. Die aber waren seit dem 20. Juli 1969 schon sechs Mal auf dem Mond, ein Russe bis heute nicht. Da wundert man sich dann auch nicht als Leser, wenn es auf der Raumstation eine Toilette nur für Amerikaner gibt und eine separate für Russen. Natürlich wird auch die Geschichte der bemannten Raumfahrt behandelt, von der Explosion der Raumfähre Challenger im Jahre 1986 bis zu den verschiedenen Missionen zum Mond. Der Tod ist ständiger Begleiter dabei.
Es sind im Übrigen die großen Fragen der Menschheit, die von der Autorin angesichts der bestaunten Kulisse von Mutter Erde behandelt werden. Dabei bezieht sie die Kunst mit ein in ihre philosophischen Betrachtungen, zum Beispiel den Roman «Die Wellen» von Virginia Woolf mit einem ähnlichen Setting. Immer wieder wird auch das berühmte Gemälde «Las Meninas» von Velázquez herangezogen zur Verdeutlichung der Perspektive auf das Dargestellte. Der Kontrast zwischen der Winzigkeit der menschlichen Existenz angesichts der Großartigkeit des blauen Planeten und der Unendlichkeit des Weltalls ist Thema dieses Romans, der weder eine Handlung noch so etwas wie einen Spannungsbogen aufzuweisen hat. Was man als Leser der Lektüre dieses Romans zu verdanken hat, das ist das Weiten der Perspektive über den begrenzten Radius hinaus, an den das Erdendasein uns unerbittlich fesselt. Ganz unwillkürlich löst dieser Roman zwar auch viele rationale Fragen aus zum Thema Raumfahrt, aber eigentlich ist er ja wohl doch eher zum Träumen gedacht!
Fazit: mäßig
Meine Website: https://ortaia-forum.de
Eher verstörend als unterhaltend
Ohne den genre-typischen Horror
Wie Grischa. “Frühling kann sich sehr kalt anfühlen.” Psychiater und SPIEGEL-Bestsellerautor Jakob Hein hat zuletzt gemeinsam mit Kat Menschik auch das illustrierte
Bonjour Tristesse
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Die Verdorbenen. Eine klassische Ménage-à-trois ist die Beziehung zwischen Johann, dem Protagonisten und dem Paar Tommi und Christiane. Eigentlich beginnt alles ganz harmlos, doch dann gesellt sich zu Liebe, Lust und Spiel auch das Böse.
Nur Unterhaltung
Vom Clash of Civilizations
Dieses Buch lohnt sich für Anfänger, aber auch fortgeschrittene Hobbygärtner lernen dazu: Grundlegende Begriffe werden geklärt zu Standort, zu Bodenbeschaffenheit, aber auch zum Unterschied, den es macht, wenn dieser Boden zu ersten Mal gärtnerisch genutzt wird: Dann gilt es, das Unkraut, vor allem im ersten Jahr sorgfältig zu bekämpfen, denn im Boden sind oft viele Samen.
Unterhaltsam schon gar nicht
Anfangs dachte ich, das Vorgängerbuch Sapiens, das 25 millionenfach verkauft wurde, müsste ich vor diesem gelesen haben; der Autor bezieht sich gerne darauf. Dann aber überzeugte die Fülle der Beispiele dieses Buches. Diese „kurze Geschichte“ des Historikers hat mehr als sechs hundert Seiten, einhundert davon sind Quellenangaben.
Vom Risiko profaner Abschweifung
Der Pinguin. Der wohl kleinste und scheinbar niedlichste Antagonist aus der Batman-Schurken Galerie bekommt endlich was er verdient: eine eigene Serie. Oswald Cobblepot alias der Pinguin soll im Auftrag der US-Regierung sein altes Imperium zurückerobern. Aber ratet mal, wer da etwas dagegen hat! Eine Comic-Soloserie für den Schurken, der 2024 auch eine TV-Serie bekommen hat.