Ehebruch ist der Kracher
Viel Autobiografisches hat die US-amerikanische Schriftstellerin Jill Alexander Essbaum in ihrem Debütroman von 2015 verarbeitet, nicht nur den Handlungsort Dietlikon in der Nähe von Zürich, wo sie mit ihrem Mann selbst zwei Jahre gelebt hat, sondern auch die eigenen Erfahrungen als unglücklicher Expat in der Schweiz. Angesprochen auf Gemeinsamkeiten mit ihrer neurotischen Protagonistin Anna erklärte sie im Interview: «Ich war ebenso ständig traurig und depressiv». Anders als ihre Romanfigur aber habe sie erkannt: «Nicht die Schweiz hat mich unglücklich gemacht, sondern ich mich selbst». Vom amerikanischen Feuilleton zum Erotik-Bestseller hochgejubelt, ist die Rezeption hierzulande deutlich distanzierter, zu Recht?
Die 37jährige Amerikanerin Anna ist mit Bruno verheiratet, einem Banker bei der Credit Suisse. Sie hat drei Kinder und lebt als Hausfrau seit zehn Jahren komfortabel in der beneidenswerten Postkarten-Idylle des Züricher Umlandes, in Dietlikon, wo ihr Mann geboren ist, – alles scheint bestens zu sein. Aber sie ist innerlich zerrissen, fühlt sich einsam in einem Land, dessen Bewohner mental so völlig anders sind als ihre Landsleute. Sie bekommt keinen Kontakt zu den Schweizern, bleibt Außenseiter, nicht zuletzt der deutschen Sprache wegen, die sie nur rudimentär beherrscht. In einer depressiven Abwärtsspirale gefangen, aus der sie weder die Sitzungen mit ihrer Psychotherapeutin noch ein Deutschkurs zur besseren gesellschaftlichen Integration zu befreien vermögen, verfällt sie in eine ungehemmte Sexsucht. «Sie begehrte, begehrt zu werden», heißt es dazu, Sex wirkt wie ein Ventil für ihre innere Einsamkeit. Bedenkenlos fremdgehend, hat sie immer wieder einen neuen Liebhaber, ohne dass jemand etwas bemerkt. «Ob man einen Liebhaber hat oder zwanzig, ist auch egal» denkt sie, «Sie sind wie Chips. Man kann nicht nach dem ersten aufhören». Ihre von alldem nichts ahnende Freundin animiert sie einmal beim Plaudern auf einer Party, sich doch ruhig auch mal einen Liebhaber zu gönnen. Und weiter heißt es dann: «Ja, dachte Anna, Ehebruch ist der Kracher». – Man ahnt als Leser, das kann nicht lange gut gehen!
Der Roman ist flott geschrieben und leicht lesbar, er vermittelt manch Wissenswertes über unser Nachbarland und seine Bevölkerung, das Lokalkolorit ist bewundernswert stimmig eingefangen. Auch die Sprache wird im Deutschkurs thematisiert, die Meditationen über Wortbedeutungen dort wirken aber eher albern, und auch die Methoden der Psychotherapie erscheinen mir nicht gerade stimmig. Letzterem war sich wohl auch die Autorin bewusst, sie weist im Nachwort explizit darauf hin, dass es sich um reine Fiktion handelt dabei. Die parallelen Handlungsstränge und diverse Rückblenden treiben, in kleinste Textfragmente zerlegt, den Plot abwechselnd voran, er zieht den Leser allmählich immer tiefer in seinen Bann. Für literarische Voyeure, um auch das nicht unerwähnt zu lassen, bietet die Autorin reichlich Verbalerotik, geradezu klinisch orgasmusorientiert allerdings, ohne jede Sinnlichkeit, ohne lustvolle Raffinesse, – die typische Prüderie Amerikas ist unverkennbar.
Wer sich – wie ich – ohne jede Vorinformation an diese Lektüre macht, merkt womöglich am Ende erst, dass die Heldin ihren Namen nicht zufällig trägt. Auf die russische Anna wird schon auf Seite zwei dezent hingewiesen, wenn es um die verblüffende Pünktlichkeit Schweizer Bahnen geht, der letzten Satz des Romans lautet dann ebenso beziehungsreich: «Für den restlichen Nachmittag und bis tief in die Nacht verspäteten sich alle Züge». Mehr sei hier nicht verraten, – die Klassikleser wissen ja ohnehin Bescheid. Der spürbar dem Creative Writing verpflichtete Roman wirkt lehrbuchartig konstruiert, seine Protagonistin ist als Figur überzeichnet, sie nervt irgendwann regelrecht. Stark aber ist das Ende herausgearbeitet, man ist betroffen von der Zwanghaftigkeit des Abwärtsstrudels und der erschreckenden Einsamkeit der unglücksseligen Anna.
Fazit: mäßig
Meine Website: http://ortaia.de
Lucy Finkbeiner lässt grüßen
Zweckfreier Ästhetizismus
Geniales Marketing
Die Vierte im Bunde
Schwarze Komödie
Zulassung plus Couch
West-östlicher Divan
Skeptische Gelehrtensatire
»Wolfsland – erlebe das Abenteuer deines Lebens«, steht auf dem Werbeprospekt des Schullandheims, in das die 14-jährige Lou mit ihrer Klasse fährt. Der Slogan verspricht nicht zu viel, wie sich bald erweist. Im Grenzland zu Polen wird aus einer harmlosen Exkursion zu Bildungszwecken unversehens ein Kampf gegen gewissenlose Machenschaften. Und Lou ist mittendrin. Die Ereignisse überstürzen sich, als die Waise sich gegen Mobbing zur Wehr setzt und vorzeitig nach Hause geschickt werden soll. Lou reißt aus. In den einsamen Wäldern trifft sie nicht nur auf Wölfe, sondern auch auf den rätselhaften Lupo, der sich hier versteckt hält. Plötzlich befinden sie sich beide auf der Flucht – vor den Suchtrupps auf der Spur der vermissten Schülerin und vor den Wilderern, die hinter den Wölfen her sind. Wenige Tage und Nächte stellen Lous Leben auf den Kopf. Am Ende erkennt sie: Ich bin nicht allein.
2049. Die Erde ist unbewohnbar. Nur wenige haben überlebt. Ihre letzte Hoffnung liegt tief unter der Oberfläche. Im einzigen Ort, an dem sie noch sicher sind. Im Silo. Doch ihre Sicherheit hat einen hohen Preis: In den Silos wird das Leben autoritär organisiert und streng reglementiert. Und es fordert Opfer. Als ein Aufstand ausbricht, muss der Wärter Troy alle Bewohner in den sicheren Tod schicken. Doch Troy weiß mehr über die Silos, als alle vermuten …
Sam war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch »Szlamek« hieß, war mittendrin. Er überlebte, auch den Todesmarsch nach Auschwitz, die Selektion durch Mengele, die Zwangsarbeit, den Schiffbruch auf der Cap Arcona. All das erlebte Sam in den kurzen Jahren seiner Kindheit und Jugend. Vierzehn Mal entging er dem Tod. Der Krieg ließ keine Möglichkeit, an ein Morgen zu denken. Und wen interessierte nach dem Krieg das Gestern? Am Ende seines unglaublichen Lebens gelingt es Sam Pivnik, einem der letzten Überlebenden von Auschwitz, darüber zu sprechen.
Laurent Binet gelingt mit diesem abgedrehten Wissenschaftskrimi über die siebte Sprachfunktion etwas Einzigartiges: Er führt seinen Leser mit vergnüglicher Leichtigkeit durch die hoch intellektualisierte Welt philosophischer und semantischer Theorien und entfaltet gleichzeitig einen faszinierenden Kriminalroman, in dem er raffiniert Fiktion, berühmte Zeitgenossen, Wissenschaftstheorie und Wirklichkeit vermengt. Wer glaubt, aus diesen Komponenten ließe sich kein schmackhaftes Gericht komponieren, darf sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen: Der Autor beschert mit seinem witzig-satirischen Krimi ein farbenfrohes Lesevergnügen.
»Man darf als Kulturwissenschaftler nicht vor scheinbar niederen Themen und Phänomenen zurückschrecken, weil sich ein Müllmann auch nicht vor dem Müll fürchten darf.«
In einer feindlichen, zerstörten Umwelt gibt es nicht mehr viele Menschen. Sie haben sich in ein riesiges Silo unter der Erde geflüchtet. Um zu überleben, müssen sie die strengen Regeln des Silos befolgen. Aber einige Wenige tun das nicht. Sie sind gefährlich. Sie wagen es zu hoffen und zu träumen und stecken andere mit ihrer Hoffnung an. Ihre Strafe ist einfach und tödlich. Sie müssen nach draußen. Raus aus dem Silo. Juliette ist eine von ihnen. Vielleicht ist sie die Letzte.