Turbulenzen

Mutter Kanadierin, Vater Ungar, geboren in Montreal, aufgewachsen in London, Literaturstudium in Oxford, viele Jahre wohnhaft in Budapest – das sind die passenden kosmopolitischen Voraussetzungen, die der 49jährige Schriftsteller David Szalay mitbringt, um einen global vernetzten Roman wie „Turbulenzen“ zu schreiben.

Das Grundprinzip unterschiedlichster Schauplätze rund um die Welt hat Szalay bereits in seinem Werk „Was ein Mann ist“ sehr erfolgreich umgesetzt, was ihm für jenes Buch 2016 zurecht eine Nominierung auf der Shortlist des „Man Booker Prize“ einbrachte.

In „Turbulenzen“ nimmt Szalay diesen Modus noch konsequenter wieder auf. Man erwirbt mit dem Buch sozusagen ein Round-the-world-Ticket. Die einzelnen Kapitel bestehen aus ineinandergreifenden Flugstrecken, die zugehörigen Titel bestehen einzig und allein aus den internationalen IATA-Codes der Airports, eine Herausforderung für alle Vielreisenden. Oder hätten Sie spontan gewusst, von wo nach wo es bei GRU – YYZ geht?

Doch das sind nur die formalen Rahmenbedingungen. Eigentlich stellt jedes Kapitel eine eigene Kurzgeschichte dar, allerdings hat Szalay diese genial ineinander verwoben, indem sich immer neue menschliche Schicksale entlang dieser Flugetappen rund um die Welt aus der vorhergehenden Geschichte ergeben. Eine Randfigur in dem einen Kapitel wird plötzlich zur Hauptprotagonistin im nächsten.

Mit präziser, adäquater Sprache, eindrucksvollen, aber nie schwülstigen Bildern gewährt der Autor Einblicke in unterschiedlichste Leben und Kulturen rund um den Globus. Durch den kontinuierlichen Wechsel der Hauptfiguren vollzieht sich immer wieder ein für den Leser erstaunlicher Perspektivenwechsel. Eine literarische Technik, durch die es Szalay gelingt, die Ambivalenz einer Figur messerscharf und lebensecht herauszuarbeiten. Da ist der indische Ehemann gerade noch der gewalttätige Tyrann seiner Familie, erscheint dann aber im Folgekapitel plötzlich in einem ganz neuen Licht, wenn man plötzlich erfährt, dass auch er Opfer gesellschaftlicher Konventionen ist.

Obwohl sein Schreibstil sehr eingängig und leicht ist, macht es der Autor seinen Lesern inhaltlich nicht einfach. Er stellt Themen unserer Zeit in den Fokus und fasst dabei zuverlässig in offene Zeitgeist-Wunden. Wie reagiert die Familie auf ein behindertes Neugeborenes? Wie geht man offen mit einer neuentdeckten Liebe um, die die Ehe im höheren Alter gefährdet? Was ist, wenn man bei der Heimkehr spürt, dass in der heilen Familienwelt etwas Furchtbares passiert sein muss, aber die Gewissheit sich erst ganz langsam ins Bewusstsein schleicht? Da wirkt eine leichte Episode wie das Tinder-Date eines Piloten zwischen zwei Flügen trotz der durchaus psychoanalytisch interessanten zwischenmenschlichen Interaktion fast schon lapidar.

Durch sein literarisch innovatives Konzept nimmt David Szalay einen mit auf eine Reise um die Welt, die in London beginnt und dort auch wieder endet. Szalay schreibt sehr fliessend, ist angenehm zu lesen, baut aber nach kurzer Zeit diese verheissungsvolle Spannung auf, weil er in seinen Stories unberechenbar ist. So wie das echte Leben auch. Eben voller Turbulenzen.


Genre: Gesellschaftsroman, Kurzgeschichten und Erzählungen, Reisen, Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Euphoria

„Spannend… intensiv, verführerisch, erotisch…“, so überschlagen sich Literaturkritiker diverser renommierter Medien bei ihren Rezensionen zu Euphoria. Kombiniert mit dem Wortklang des Titels und dem nach einem fiktiven Pseudonym klingenden Namen der Autorin verführen spätestens Keywords aus der Inhaltsangabe wie „Dreiecksbeziehung in exotischem Setting“ zu völlig unzutreffender Kategorisierung. Also Vorsicht vor voreiligen Schnellschlüssen, denn das Buch bietet aus diesem Genre relativ wenig, aber dafür viel mehr Höherkarätiges. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Reisen
Illustrated by C.H. Beck München

Die Heldin reist

Doris Dörrie reist und berichtet gerne davon, meist erzählt sie von den Ländern, in denen sie besonders Wichtiges erlebt hatte: den USA und Japan. Hier geht es um drei Reisen, die sie 2019 in diese beiden Länder geführt haben, und auch nach Marokko.

Danach, in den Corona Jahren, gibt sie diesen Erfahrungen den Rahmen eines Heldenfilmes, etwa den eines Western, was macht einen Helden aus, was eine Heldin? Sogar einen Begriff gibt es: „Monomythos des Helden“, so wie bei „Jesus und Buddha, minus Haus, Auto und Frau.“

Wenn sie in die USA einreist, gibt sie allerdings als Beruf immer „Hausfrau“ an, der traut kein immigration officer etwas Böses zu. In Kalifornien liegt sie dann mit gleichaltrigen Freundinnen am Strand und sie freuen sich, dass sie das können, als Frauen finanziell unabhängig sein und frei das Leben und auch das Älterwerden genießen.

So plätschert die Erzählung dahin, so kenne ich Doris Dörrie und mag sie. Aber dann kommen Widersprüche, in Japan trifft sie Tatsu, die in Deutschland Gesang studiert hatte (in Hannover, wo Frau Dörrie herkommt!) und von ihrem Schicksal berichtet, sie ist stark übergewichtig, verdrückt während des Gespräches zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte, und das in Japan, wo das body shaming viel wichtiger ist als in Deutschland. Frau Dörrie kennt das, sie ist ‚mal in München mit einem Fat-suit ausgegangen und hat es selbst erlebt, Tatsu weiß, als Dicke kannst Du Dich in der Wohnung verstecken, denn jeder Gang nach draußen ist heldinnenhaft. Sind das also die Heldentaten der Frauen? Bei der Leserin, die glaubt, in einem postheroischen Zeitalter zu leben, wächst das Interesse.

Es geht um die Freundinnen, die ihr Frauenschicksal nicht immer nur ertragen, mal auch genießen können, zu denen Doris Dörrie eine vertrauensvolle Beziehung hat, und die nun ihr Älterwerden reflektieren.

Zwei Dinge fand ich besonders: Als sie eine junge Studentin in den USA war, schreibt sie ihren Eltern ausführlich von ihrem Liebesleben, auch, als sie vor Liebeskummer todtraurig war. Und dann geht diese mutige, so offene und so coole Frau über Jahre eine toxische Beziehung ein. Was sie wohl beim nächsten Buch offenbaren wird?


Genre: Abenteuer, Reisen
Illustrated by Diogenes

Die Alpen. Ein Porträt.

Erfrischung gefällig? Die Alpen. Ein Porträt.

Die Alpen. Ein Porträt. Herren in Lederhosen und Damen in langen Röcken, das sieht man heute nur mehr auf Zunftbällen oder…richtig, in den Bergen! Um 1900 wurden die Alpen von eben so gekleideten Touristen, teilweise sogar auf Maultierrücken, besucht. Im ebenso bärigen wie riesigen Format (29 x 39,5 cm, 6,40 kg, 600 Seiten) zeigt der TASCHEN Verlag, wie es sich vor rund 100 Jahren bergstieg.

Die Alpen. Ein Porträt.

Die so hinreißend altmodische Zeit, in der die ersten Berg- und Zahnradbahnen Wanderer und solche die es werden wollten an den Rand der Gletscher brachten und Bergsteiger als Verrückte galten oder Skifahrer noch eine Kuriosität darstellten, handelt die vorliegende Erzählung, die anhand von bisher unveröffentlichten Fotografien dargestellt und dramatisiert ist. Die Photochrome aus der Zeit um 1900 zeigen aufregende Gletscher und Naturschönheiten, den Montblanc, die Jungfrau, das Matterhorn. “Nichts lässt sich mit den Alpen vergleichen“, wusste schon der berühmte französische Historiker Jules Michelet 1868. Gerade um diese Zeit wird das riesige Alpenmassiv im Herzen Europas vermehrt besucht. Der Tourismus, der schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte, nimmt an Fahrt auf, insbesondere natürlich durch den unaufhaltsamen Aufschwung des Wintersports.

Eine Reise auf den Gipfeln durch Europa

© PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Mittels Photochromen, Fotografien, kolorierten Postkarten, Plakaten und Reiseprospekten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert lassen die beiden Autorinnen eine beinah verschwundene Welt wieder auferstehen. Denn längst gehören Pässe und Berge wie der Mont Cenis, Simplon, Brenner und St. Gotthard, der Montblanc, der Eiger, das Wetterhorn und die Dolomiten zum Standardprogramm des kultivierten Europäers. Damals, vor mehr als 100 Jahren, waren es nur wenige, die den Blick auf kristallklare Seen in der Schweiz, Italien, Bayern und Slowenien wagten oder Tirol, die Via Mala oder das Engadin erkundeten. In den damals noch sehr exklusiven Wintersportorten stieg die betuchte Kundschaft in einem Grandhotel in Gstaad, Grindelwald, Davos, St. Moritz oder Cortina ab. Heute gibt es an den selben Orten auch Pensionen und Jugendherbergen.

Die Alpen im bärigen Riesenformat

© PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Die wunderbare Reise in die Berge, als Schnee und Berge noch unberührt waren, wird von Zitaten von Reise-schriftstellern begleitet und zeigt, wie gut die beiden Herausgeberinnen recherchierten und über wie viel Erfahrung sie auf diesem Gebiet schon verfügen. Ein prächtiges Buch für Kenner und Erlebnishungrige, die die Alpen noch so unberührt sehen wollen, wie sie es jahrtausendelang auch waren.

Sabine Arqué, Agnès Couzy
The Alps 1900. A Portrait in Color
Hardcover, 29 x 39,5 cm, 6,40 kg, 600 Seiten
Deutsch, Englisch, Französisch
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
€ 150 | CHF 200
ISBN 978-3-8365-7355-9
TASCHEN Verlag
€ 150


Genre: Bildband, Reisen, Wandern
Illustrated by Taschen Köln

Der Traum vom Fremden

Der Traum vom Fremden. „Laufe Gefahr, mein Wort zu brechen und mich selbst zu verraten. Hatte ich nicht geschworen: Keine leeren Worte mehr! Überhaupt keine Worte mehr! Am besten verstummen; Taubstummensprache für die notwendigen Mitteilungen, Gesten, Gebärden – wie jeder Laut Übelkeit in mir hervorruft, ein ganzer Satz mich zum Erbrechen bringt und ein Gedicht – ein Gedicht ist der Tod!“ So hätten die Gedanken von Arthur Rimbaud in Ostafrika 1883 wohl lauten können, denn er hatte der Poesie und Europa abgeschworen und sich als Sklaven- und Waffenhändler bis in den Ogaden durchgeschlagen. Michael Roes nimmt einen ein authentischen Bericht (Rapport nur l’ogadine par M. Arthur Rimbaud), den Rimbaud 1883 über den Ogaden verfasste, als Grundlage für sein Rimbaud-Reflexion: ein fiktives Tagebuch, das durch die letzten Tage des französischen Dichterfürsten führt.

Der Traum vom Fremden

Ist das nicht die Freiheit, die Hölle, die ich gesucht habe? Jeder und niemand, ohne Familie, ohne Heimat oder Herkunft, ein Vagabund, Brisant, eine Wegelagerer, Halsabschneider, Meuchelmördder.” Der Plot handelt von seinem verschwundenen Geschäftspartner Sotiro, den Rimbaud durch eine Mission in den Ogaden retten will. Mit einer kleinen Mannschaft vertrauter Einheimischer dringt er in die noch unerforschte Wildnis vor und versucht, das Unternehmen möglichst nüchtern und wissenschaftlich zu protokollieren. Aber immer Gedanken und Gespenster aus der Vergangenheit drängen sich ihm auf: fiebrige Erinnerungen an die Amour fou mit Paul Verlaine, seine kaum erforschte Zeit bei der Fremdenlegion und seinen Neuanfang in Afrika. Aber auch die neu entdeckte Welt gemahnt ihn an seine Berufung: Die Ogadeni “verfassen über alles und jeden Lieder: sie unterscheiden nicht zwischen einer poetischen und einer nüchtern-sachlichen Sprache. Ihnen gilt Poesie als höchste Erkenntnis“.

Fiktives Tagebuch Arthur Rimbauds in Afrika

Vom 3.Oktober bis zum 11. November 1883 reichen die Eintragungen in das fiktive Tagebuch, das Michael Roes mit viel Einfühlsamkeit und Recherche geschrieben hat. Während sich Arthur Rimbaud in den Jahren 1875-1886 auf seine persönliche Odyssee begab und neben Europa auch Sumatra, Ägypten und Aden bereiste gibt sein verlorener Freund Verlaine eine Sammlung literarischer Studien unter dem Titel “Die verfemten Dichter” heraus. Dadurch erlangt Rimbaud noch zu Lebzeiten eine größere Bekanntheit. Der Handlungsreisende, Kaffeehändler, Teppichhändler und Freiwilliger der niederländischen Armee stirbt schließlich an Knochenkrebs. 1891 führt ihn die Heimreise nach Marseille wo er am 10. November im Alter von nur 37 Jahren stirbt. Der Autor Michael Roes, geboren 1960 in Rhede / Westfalen, ist Autor und Filmemacher, vor allem Dialoge mit nicht-europäischen Kulturen. Seine eigenen Reisen in den Jemen, nach Israel, Algerien, Afghanistan und Mali bilden den Hintergrund für viele seiner Werke.

 

Michael Roes
Der Traum vom Fremden
2021, Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86300-323-4
Albino Verlag
€22.00


Genre: Biographie, Reisen, Tagebuch
Illustrated by Albino

Auf Schiene

Auf Schiene. 33 Bahntouren durch Mitteleuropa

Auto-, stau- und abgasfrei reisen. Das kann man, wenn man will. Mit dem Zug! Trend-Journalist Othmar Pruckner hat Bahnverbindungen ausfindig gemacht, die es schon mehr als 100 Jahre gibt, aber durch das Fliegen verdrängt wurden. Dank Pandemie wurden sie nun von ihm wiederentdeckt und einem neuen, jüngeren Publikum auf charmante Weise zugänglich gemacht: als Reise-Buch!

Bahn fahren neu entdecken

Einige der Highlights gleich vorneweg: ans Schwäbische Meer, ins liebenswerte Kamptal, auf die Spitze der Zugspitze, für ein Budweiser nach Budweis, mit dem Reblausexpress von Retz ins kleine Drosendorf sowie mit der Wachaubahn nach Spitz. Hallstatt wird sogar per Zug und Schiff bereist. Dazu gibt es literarische Vorbilder wie Fritz von Herzmanovsky-Orlando auf einer Waldbahn-Radtour im Hintergebirge, mit Thomas Bernhard zum Schloss Wolfsegg oder auf den Spuren von Ferdinand Raimund nach Gutenstein und natürlich mit Gustav Klimt an den Attersee. Die Taurachbahn im Lungau, die Zahnradbahn auf den Schneeberg und schließlich eine Pilgerreise nach Mariazell sowie eine Begehung der Semmeringstrecke gehören zu den weiteren unvergesslichen Stationen dieses lesenswerten Reise-Führers. Darüber hinaus werden aber auch Anschlusstouren an die Zugfahrten und Ausflugsziele vorgeschlagen: Stadt- und Landbesichtigungen, Spaziergänge, Wanderungen, Radtouren quer durch Österreich, vom Neusiedler- bis zum Bodensee, von Südkärnten bis zum nördlichen Waldviertel, vom hohen Schneeberg bis zum fröhlichen Zillertal.

Vom Meer ins Gebirge

Mit der Bahn kann man sogar ans Meer fahren, ohne Österreich je zu verlassen. Das “Schwäbische Meer” ist selbstverständlich nichts anderes als der Bodensee und teilt sich auf Deutschland, Schweiz und Österreich auf. Wer einen Ausflug über die Landesgrenze nach Lindau wagt, kann – als ganz besondere Attraktion – Österreich sogar auf dem Seeweg erreichen. Das gibt es sonst nirgends mehr. Wer der Eisenbahn lieber treu bleibt, nimmt das “Wälderbähle” in Bezau und schafft es damit bis auf die Bergstation Baumgarten auf 1650 Meter Seehöhe. Aber auch das Montafon hat seine eigene Bahnlinie, das “Muntafunar Bähnle”, das inzwischen als S4 sogar von Bregenz aus bis nach Schruns fährt. Vom äußersten Westen des Landes bringt uns das 3. Kapitel dann an den Schneeberg (2076m), des Wiener liebsten Hausberges. Von Wien aus fährt man nach Puchberg am Schneeberg und passiert dabei auch das weltberühmte Bad Fischau. Beeindruckt wird man schon während der Zugfahrt, die 300 Höhenmeter bewältigt, von der Hohen Wand. Die Schneebergbahn ist eine der letzten drei Zahnradbahnen Österreichs, die Station Hochschneeberg auf 1796 Metern der höchstgelegene Bahnhof Österreichs.

Zu Nachbarn und Freunden

Aber auch für Kurzausflügler ist in vorliegendem reich bebilderten und mit Karten ausgestatteten Zugführer einiges dabei. Vielleicht begnügt sich der eine oder andere sogar mit einem Bier in Budweis? Ob man über die Franz-Josefs-Bahn und Ceske Velenice oder mit der sog. Summerauer Bahn durchs Mühlviertel via Linz anreist, so oder so, schafft man es von Wien aus an einem Tage hin und retour. Weitere Stationen führen den werten Leser ins Marchfeld, auf einen Spaziergang von Mödling nach Baden oder auch nach Wien, Bratislava, Neusiedl am See – Um den See – Esterházy-Stadt Eisenstadt – Sopron und ein Abstecher nach Győr und viele andere Ort mehr. Und das alles ohne CO2 Abdruck!

 

Othmar Pruckner
Auf Schiene. 33 Bahnreisen durch Österreich und darüber hinaus. Ein Reisebuch. Reihe Kultur für Genießer Falter Verlag
2022, 320 Seiten
ISBN: 9783854397076
Falter Verlag
€ 29,90


Genre: Reiseabenteuer, Reisen
Illustrated by Falter

Mandalay Moon

Schauplätze einerseits in Thailand, vor allem in seiner Hauptstadt Bangkok, andererseits in Myanmar, dem früheren Burma, da läuft jedem Reise- und Asien-affinen Leser schon vor der ersten Seite das Wasser im Mund zusammen. Dann hat der Autor nicht nur diesen Roman, sondern ganz nebenbei auch noch als Reisebücher „Gebrauchsanweisung für Thailand“ und „Gebrauchsanweisung für Burma/Myanmar“ publiziert. Das schraubt die Erwartungen an die Kulisse schon ganz schön nach oben.

So viel sei verraten – Martin Schacht wird ihnen gerecht. Zumindest was das Atmosphärische, das Lokalkolorit, die Stimmungsbilder, die Detailbeschreibungen und die gelungenen Bilder über Land und Leute anbelangt. Schacht lebt und arbeitet heute als Journalist immer noch teilweise in Bangkok. Neben Südostasien sind Mode, Kunst und Design seine Leidenschaften.

Und auch das ist an unzähligen Stellen im Buch spürbar und sehr wohltuend. Wenn er „Klebreis im gefalteten Bananenblatt mit einer süß-scharfen Chili-Kokos-Mischung“ oder einen „Blumenstand mit Opferketten aus aufgezogenen Jasmin- und Tagetes-Blüten“ beschreibt, dann ist der Kopf sofort in Asien, mitten in der Szene. Film ab.

Wenn man das in einem Roman sucht, bekommt man mehr als genug davon.

Aber Martin Schacht kann auch der nachdenkliche, der philosophische Autor sein. „Hobbys sind etwas für Rentner oder pickelige Nerds, aber ich bin so lange dabei, dass ich gar nicht anders kann, als damit weiterzumachen. Aufhören wäre das Eingeständnis, einen guten Teil meiner Lebenszeit unnütz vergeudet zu haben“ oder „Wenn man einmal mit dem Reisen angefangen hat, hört man nicht wieder damit auf….Alles wird gewöhnlich, sobald man sich daran gewöhnt hat. Und dann muss man eben weiterziehen.“

Ach ja. Dann gibt es da auch noch eine Story. Vom Alltagsleben gefrusteter Journalist erhofft sich in Bangkok eine Inspiration und Neuorientierung (der autobiographische Anteil an der Geschichte ist nicht bekannt) und trifft auf ein vom Leben verwöhntes Paar. Glück, Liebe, gutes Aussehen und finanzielle Unabhängigkeit. Er ist ein eher wenig engagierter Filmemacher, möchte aber einen Dokumentarfilm über das Leben seiner Großmutter im damaligen Burma zu Zeiten des Militärputsches drehen. Anfangs etwas verwirrend, später aber als Parallel-Handlung spannungssteigernd, springt Schacht immer wieder zurück in die Zeiten, als das Opium-Geschäft im Goldenen Dreieck florierte, beherrscht von der Opium-Königin Olive Yang.

Belletristisch sehr unterhaltsam gleitet die Handlung beider Erzählungen dahin und muss natürlich fast zwangsläufig irgendwann fusionieren, da Olive Yang auch zum Zeitpunkt der gegenwärtigen Handlungsstranges noch zu leben scheint. Eher überraschend wird erst sehr spät aus der Erzählung mit ästhetischem, kulturellem und historischen Schwerpunkt plötzlich ein Krimi mit dem für dieses Genre typischen Finale furioso.

Alles in allem ein wirklich gelungener Roman eines feinsinnigen und feingeistigen Autors mit leicht melancholischer Note.


Genre: Kriminalliteratur, Reisen, Roman
Illustrated by Rowohlt

The Travel Episodes – Band 5: Von Abenteuern in der Ferne und vor der Haustür

Nach dem Reisen ist vor dem Reisen. Und die Zeit dazwischen kann unendlich lang werden. Nicht nur während einer Pandemie, sondern vielleicht sogar schon zwischen zwei Wochenenden. Das trifft natürlich nicht auf alle Menschen zu, aber auf jeden Fall auf all die mit dem Reise-Gen, die Horizont-Süchtigen, die Fernweh-Kranken. Diese Krankheiten heilt Johannes Klaus mit seinen Travel Episodes nicht, er bietet allenfalls das Methadon, die Ersatzdroge. Genau genommen befeuert er die Symptome sogar, wenn er verschiedene Autoren bittet, ihre jeweiligen Erlebnisse, Abenteuer, Erfahrungen, Bilder und Gedanken in Worte zu fassen. Frauen und Männer, die an irgendeinem Ort rund um den Globus waren oder sich vielleicht sogar noch dort befinden und mit ihren Berichten und Erzählungen bei der gesamten Leserschaft Kopfkino vom Feinsten über die mentale Leinwand flimmern lassen. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Reisen
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Traumpfade

Wenn man sich mit den Klassikern der Reiseliteratur beschäftigt, landet man zwangsläufig früher oder später bei Bruce Chatwin, dem Autor der beiden Weltbestseller „Traumpfade“ und „Patagonien“.

Manche Leser weigern sich aus Prinzip, sich mit den Hintergründen eines Autors zu beschäftigen, um sich vom Werk selbst nicht ablenken zu lassen. Aber das Leben Chatwins ist durchaus bemerkenswert und schlägt sich zudem in seinen Büchern mit stark autobiografischer Note immer wieder nieder.

1940 in England geboren, hören sich die weiteren Meilensteine des Bruce Chatwin an, wie die Biografie eines Ernest Hemingway für Arme: permanente Ortswechsel während des Krieges, abgebrochene Studien in Architektur und Archäologie, Botenjunge bei Sotheby’s, dort aber nach vier Jahren Direktor der Abteilung für impressionistische Kunst, Anstellung bei der Sunday Times, zuerst als Kunstberater, dann als Reisejournalist (eine Position zu der er sich selbst ernannte, indem vor einer Sudan-Reise einfach ein Telegramm zur Info an die Redaktion schickte).

1983 und 1984 unternahm Chatwin zwei Reisen in das Innere Australiens, die als Grundlage des Romans „Traumpfade“ dienten, der in weiten Teilen faktisch eine modifizierte Reportage in Ich-Form ist.

Über etwa zwei Drittel des Buches schildert Chatwin das Leben und die Situation der Aborigines in der Zeit seiner Reise. Dieser Teil macht sicherlich den Ruhm des Bruce Chatwin aus, da er ein ganz hervorragendes Stimmungsbild erschafft – wer schon einmal in Australien und vor allem im Outback war, wird dies umgehend bestätigen. Der Leser sieht sofort die Kulisse mit der roten Erde, der ausgetrockneten Landschaft und den träge vor ihren Hütten und blechernen Wohnmobilen im dürftigen Schatten vor sich hindösenden Ureinwohnern. Dazu verwendet er keine farbintensiven Adjektive oder blumige Attribute, sondern er ist eher der Graphiker, der mit wenigen Kohle-Strichen treffsichere Skizzen erstellt.

In dieses Bühnenbild baut Chatwin das zentrale Thema ein – die Gründungs- und Abstammungsmythen der Aborigines, die er aus der Urbevölkerung trotz deren Verschlossenheit und Wortkargheit herauslocken und erfahren konnte, nicht zuletzt durch seine eigene Ruhe, Introvertiertheit und durch Verzicht auf bedrängende Invasivität. Einfach durch Geduld, Abwarten, Einfühlen und anscheinend unendlich viel Zeit.

Die Schöpfungsgeschichte der australischen Aborigines ist eine totemistische. In ihrer Genesis erschufen sich die Ahnen selbst aus Lehm und begannen durch das Land zu wandern. Ihren Weg erschufen sie sich durch Töne. Indem sie sangen und dadurch Schritt für Schritt und Ton bei Ton Dinge am Weg benannten, entstand ihre Welt und gleichzeitig eine Landkarte, die für jeden Clan über Jahrtausende spezifisch war und ihre eigene Identifikation erschuf. Dabei waren sie immer Teil der gesamten Natur um sie herum und diese wiederum Teil ihrer Familie, ihres Clans. Ein „Ding“ diente aber immer als Leitmarker, als Spezifikum. Das konnte ein Stein, eine Pflanze oder ein Tier sein, wie zum Beispiel das Wallaby beim Wallaby-Clan.

Diese Traumpfade oder besser „Songlines“ sind auch heute noch fester Bestandteil der Aborigines-Kultur. Und zudem Gegenstand anhaltender Dispute zwischen der australischen Regierung und der Urbevölkerung, da die Administration sich die längste Zeit weigerte, bei ihren Bau- und Umsiedelungsplänen auf die Songlines in irgendeiner Form (wie auch auf so vieles andere) Rücksicht zu nehmen. Sehr gut sind auch die Passagen in diesen ersten beiden Teilen des Buches, in den Chatwin die Parallelen zur Genesis anderer, auch westlicher Kulturen aufzeigt.

Das letzte Drittel des Romans besteht fast ausschließlich aus kurzen Notizen, Zitaten und Beobachtungen, was das Lesen eher schwierig, manchmal sogar fast unverständlich macht, da die Botschaften mitunter eher kryptisch sind. Durchgehend erkennbar ist einzig das Bekenntnis Charwins zum Nomadentum, das er als seine einzig akzeptable Lebensform definiert und bei sich auch fast schon genetisch verankert sieht, da mindestens die Hälfte der Männer in seiner Familie „horizontsüchtige Wanderer“ waren, „deren Gebeine in allen Winkeln der Welt verstreut“ liegen. Diese „Unruhe der Seele“ trieb ihn sein restliches Leben an, welches sicher extrem intensiv, aber durch den Tod an AIDS mit 49 Jahren genauso sicher viel zu kurz war.

Gerne werden Bücher über die Kulturen von Ureinwohnern zu flammenden Plädoyers für deren Interessen hochstilisiert. Manche versuchen dies auch bei Chatwins Buch Traumpfade. Wenn man jedoch seine Biographie vor Augen hat und den Tenor des Buches auf sich wirken lässt, spürt man, dass dies Mitte der 80er Jahre nur ein partielles Anliegen des Autors war. Ganz in Hemingway´scher Tradition schimmert da eher ganz oft der Reisereporter und Abenteurer durch, der in seiner ganz eigenen Gelassenheit und Wahrnehmung vor allem einem frönt – dem Entdecken neuer Kulturen durch ein bekennendes Nomaden-Leben. Aber das muss ja auch nicht schlecht sein.


Genre: Gegenwartsliteratur, Reisen
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Die Insel Capri. Ein Portrait

Autor Dieter Richter ist ein glänzender Essayist, der die Neugier beim Leser nicht nur anregt, sondern auch befriedigt. Detailreich und voller Verve und wertvoller Informationen und intellektueller Anregungen widmet er sich in dieser Monographie der Insel im Golf von Neapel, die schon unter Kaiser Tiberius eine Luxus-Destination und ein Traumziel, eine Marke und ein Mythos verkörperte.

Utopia Capri

Einst einmal das Regierungszentrum des Imperium Romanum, dann verarmt und vergessen wurde Capri im 19. Jahrhundert mit der Entdeckung der Blauen Grotte zur ersten klassischen europäischen Tourismus-Insel-Destination. Seither verkörpert die Insel Capri den Zauber einer Insel schlechthin: Robinson-Eiland und Insel Utopia, Toteninsel, Liebesinsel und Neue Welt. Bevor Capri aber zur Destination des Massentourismus wurde, besuchten Abenteurer und Revolutionäre, Künstler, Schriftsteller und Philosophen, Geflüchtete und Emigranten aus den Diktaturen der Welt das Eiland. Der Autor bearbeitete zahlreiche unbekannte und ungewöhnliche Quellen, darunter Grabsteine und Gästebücher, Polizeiakten, Urkunden, Briefe und Tagebücher, und hat hiermit die facettenreichste Biographie einer Insel verfasst und Capri selbst damit ein Denkmal gesetzt.

Isola Futurista

Der Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen und Verfasser zahlreicher kulturwissenschaftlicher Bücher, die ebenfalls im Wagenbach-Verlag erschienen sind, widmet sich der „Ziegeninsel“ (capra, ital. für Ziege) voller Liebe und Leidenschaft. Denn gerade im Kopf lässt sich das ländliche Arkadien errichten von dem viele Aussteiger, die nach Capri reisten, einst träumten. Es ist faszinierend mit viel Kenntnis und Detailreichtum der Autor das Eiland zu einem Platz der schönsten Theorien und Anekdoten macht. So weiß er etwa von Lenins Aufenthalt auf der Insel ebenso wie vom cimitero acattolico auf dem sich Tote von 21 Nationen aus verschiedensten konfessionellen Spektren wiederfinden, was gleichzeitig auch den Kosmopolitismus der Insel wiederspiegelt. Aber auch Künstler haben sich in die Geschichte und Landschaft der Insel eingegraben. Etwa der „Einsamkeitswürfel“ des Berliners Willy Kluck oder das Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte werden angeführt, aber auch die Futuristen, die Capri als „isola futurista“ feierten.

Kenntnis- und aufschlussreich liest sich diese Monographie einer Insel wie ein Roman aus mehreren Essays. „Oggi siamo/Domani fummo/Percio fumo“ (heute sind wir/Morgen waren wir/ Daher rauche ich) dichtete einst August Weber und brachte damit das Lebensgefühl von Capri deutlich auf den Punkt: „Jetzt“!.

Dieter Richter
Die Insel Capri. Ein Portrait
WAT [795]. 2018
224 Seiten. 12 x 19 cm. Mit vielen Abbildungen
ISBN 978-3-8031-2795-2
Wagenbach Verlag


Genre: Monographie, Reisen
Illustrated by Wagenbach

La cucina veneziana

La cucina veneziana: Diese ist kein Kochbuch, sondern eine Lesebuch mit Geschichten, welche sich hinter den Küchengeheimnissen Venedigs verbergen, wie der Autor gleich im Vorwort betont. Aber natürlich finden sich neben den Geschichten auch Kochrezepte und viele ansprechende Fotos der Gerichte und Venedigs in diesem Prachtband über die venezianische Küche. Weiterlesen


Genre: Lesebuch, Reisen, Rezepte
Illustrated by Braumüller

Labyrinth Tokio

Wer Japans Hauptstadt Tokio bereits im Titel seines Führers ein »Labyrinth« nennt, weiß, wovon er spricht. Tatsächlich gilt es immer noch als Abenteuer, sich individuell und ohne Sprachkenntnisse in der 13-Millionen-Metropole zu bewegen. Häufig fehlen Straßennamen, das Hausnummern-System gleicht höherer Mathematik und ist oft in der Reihenfolge der Bauanträge geordnet. Taxifahrer kennen sich nur grob aus, und zu allem Überfluss ist Englisch für viele Japaner ein Buch mit sieben Siegeln.

Dennoch wagt es Axel Schwab, seinen Leser in das Tokio zwischen Mythos und Moderne zu locken. Er liefert dazu keinen Reiseführer im klassischen Gewand. Der Autor schlägt vielmehr 29 Touren im Zentrum und weitere neun in der näheren Umgebung vor, die auch die Sehenswürdigkeiten umfassen.

Besonderer Pfiff des Buches sind zweisprachig gehaltene Kartenausschnitte von den jeweiligen Routen. Einige davon sind mit QR-Codes ausgestattet. Mit einem Smartphone lassen sich diese Pixelkästchen entschlüsseln und führen zu detaillierten Online-Straßenkarten.

Axel Schwab hat jahrelang in Tokio gelebt und als Ingenieur für einen Automobilhersteller gearbeitet. Er arbeitet ständig an der Weiterentwicklung seines sorgfältig erstellten Vademecums, das mit 90 Fotos, 42 Karten, 260 Internet-Links und 20 Online-Karten lockt. Darüber hinaus ist der Verfasser für interessierte Leser per E-Mail erreichbar.

Derart gut ausgerüstet verfügt der Leser mit dem Buch über einen Ariadnefaden, mit der er das Layrinth Tokio betreten und sicher wieder herausfinden kann.


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Japan in Berlin

Einen nützlichen Reiseführer für Japan-Fans in Berlin liefert Axel Schwab mit diesem 88-seitigen Vademecum. Von den zahlreichen Japan-Restaurants an der Spree wählte er 36 Restaurants aus, die er zusammen mit Empfehlungen für 35 Geschäfte und anderen nützlichen Adressen kombinierte.

Mich freut, dass Schwab viele der Adressen, die ich selbst zu meinen Favoriten zähle, mit Bestnoten versieht. Dazu zählen das »Udagawa« mit feinsten Tempura-Spezialitäten (und einer leider schnell überforderten Bedienung, was Schwab indes gnädig verschweigt), das »Ishin« an der Steglitzer Schlossstraße mit einer sensationell günstigen Happy Hour und das »Daitokai« als wohl ältestes Japan-Lokal in Westberlin.

Toll ist auch, dass es in Berlin mittlerweile Zugang zum japanischen Tee und dem mit seiner Darreichung verbundenen Zen-buddhistischen Zeremoniell gibt. Auch hier weist Axel Schwab den Weg.

Neu entdeckt bei der Lektüre habe ich das »Sake Kontor«. in Berlin-Friedrichshain. Ich muss diese kurze Besprechung deshalb jetzt leider beenden, damit ich dort noch vor Ladenschluss eintreffe..


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Die Erbseninseln

Erbseninseln, Doris Brockmann Da sind wir. Plötzlich und unerwartet mitten im Herbst. Grau ist es, trübe. Ewig scheint es her, dass wir das Licht des Nordens sahen. Da liegt doch nichts näher, als eine Passage oder zehn zu buchen, die uns zurück entführen in den nordischen Sommer. Genauer gesagt zu den Erbseninseln, gelegen mittenmang in der dänischen Ostsee. 9 Erbsen blieben einst bei einem göttlichen Mahl über und wurden vom gut gesättigten Schöpfer ins Meer geschüttet. Glücklicherweise sind sie nicht untergegangen und sind bis heute nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für glückliche Dänemark-Urlauber, sondern auch phantasieanregende Kost für Autoren und ihre Leser.

Die Autorin Doris Brockmann nimmt uns mit auf diese Reise. Raus aus dem grauen Alltag, glücklicherweise auch raus aus dem grauen Reiseführer-Einheitsbrei. Qua Ferndiagnose, gewickelt mit einer guten Portion Seemannsgarn, aber mit gesundem Respekt vor den Fakten gestaltet sie zehn Passagen. Mal als Münchhausiade, mal als Reportage, auch vor Kriminalgeschichten und exclusiver Hofberichterstattung (Höhö, Frau Königin) schreckt sie nicht zurück.

Das dänische Archipel Ertholmene liegt weit im Osten, näher an Stettin als an Kopenhagen. Die Inseln verfügen nicht nur über ein mediterranes Klima, welches Feigen, Weintrauben und sehr entspannte Insulaner hervorbringt, sondern auch über Geschichte, Kultur, Flora und Fauna satt, das spektakuläre Dreiseiten-Fußballspiel nicht zu vergessen. Die beiden größten Inseln Christiansø und Frederiksø sind durch eine äußerst fragile Brücke verbunden, die maximal 10 Leute gleichzeitig betreten dürfen. Stabiler sind da schon die Strecken, die Doris Brockmann ihren Passagieren bietet. Charmant, mit einem kleinen, feinen Lächeln im Augenwinkel, dabei der feinen Ironie nicht abgeneigt, meistert Doris Brockmann die Passagen über die Erbseninseln.

Sorgfältig recherchiert, sich nicht in den Fallstricken gelegentlichen Seemannsgarns verheddernd, verleiht sie dem Inselalltag einen poetischen Zauber und nimmt uns mit auf den Weg von den Festungsmauern bis zum Ende der Welt, welches auf den Ertholmene zum Glück nur ein kleiner begehbarer Aussichtspunkt ist. Wenn man nicht wüsste, dass es die Erbseninseln tatsächlich gibt, könnte man sich in einem modernen Märchen wähnen.

Dieses Buch ist eine kleine Kostbarkeit, nicht nur wegen der zauberhaften Texte, sondern auch wegen seiner kunstvollen Gestaltung. Kostbar gewandet und banderoliert, wunderbar illustriert durch Wolfgang Gosch präsentiert die kleine Wiener Edition Krill die Passagen, denen jeweils eine Einleitung in Form eines erklärenden Dialogs zwischen einem (fiktiven) Redakteur und einer (weniger fiktiven) Kolumnistin vorangestellt ist. Und nach den Anstrengungen absolvierter Passagen mag sich der ein oder andere geneigte Leser sicher gerne mit einer kräftigen Portion Ærtesuppe, rezeptiert im Buch, stärken.

Fazit: Sehr geehrte Frau Brockmann, Sie haben mir auf’s Feinste über erste trübe Herbsttage hinweg geholfen. Ich verleihe Ihnen hiermit den Titel einer Prinzessin auf der Erbse(ninsel) und widerspreche vehement all jenen, die je gewagt haben sollten, Sie als Erbsenzählerin zu bezeichnen.

Die studierte Germanistin Doris Brockmann lebt in Dorsten, eine kleinen Stadt an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Westfalen, der nicht nur für ihre Sterneköche, sondern auch für ihre phantasiebegabten Schriftstellerinnen weltweit Aufmerksamkeit zuteil wurde. Doris Brockmann schreibt vorzugsweise in Form angewandter Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung, wovon man sich auf Ihrer Homepage walk-the-lines auf’s Trefflichste überzeugen kann. Ihr Debüt “Das Schreiben dieses Romans war insofern ein Glücksfall” ist als Kindle-E-Book verfügbar, wurde von der Literaturkritik gewürdigt und hat leider (noch) nicht die Aufmerksamkeit, die auch dieses Werk zweifelsohne verdient.

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Reisen
Illustrated by Edition Krill Wien