Das Japan-Buch

Lafcadio Hearn war einer jener seltenen Schriftsteller, die nicht nur über ein Land schrieben, sondern allmählich in dessen Vorstellungswelt einzuwandern versuchten. Als er 1890 nach Japan kam, war er kein Tourist im heutigen Sinn, sondern ein Suchender: ein heimatloser, durch viele Brüche gegangener Autor, der in Japan offenbar jenes Gegenbild zur rastlosen westlichen Moderne fand, das er zeitlebens ersehnt hatte. Das Japan-Buch versammelt berühmte Japan-Texte Hearns, begleitet von Stefan Zweigs hymnischem Vorwort und in der historischen Übersetzung von Berta Franzos.

Schon Zweigs Einführung macht klar, in welcher Tradition dieses Buch steht. Hearn erscheint darin als Mittler zwischen Abendland und Japan, als jemand, der das „alte Nippon“ noch einmal festhält, bevor es unter dem Druck der Moderne verschwindet. Diese Deutung ist pathetisch, manchmal überhöht, aber nicht wirkungslos. Zweig sieht in Hearn keinen Reporter statistischer Tatsachen, sondern einen Künstler der Wahrnehmung: einen, der Düfte, Gesten, Schatten, Glockenklänge und Volksglauben bewahrt. Genau darin liegt die Faszination dieses Buches.

Der Text „Mein erster Tag in Japan“ zeigt Hearn auf der Höhe seiner Kunst. Eine Fahrt durch Yokohama wird bei ihm zum Staunenserlebnis. Straßen, Läden, Schriftzeichen, Tempel, Kirschblüten, Priester, Kinder, Klang und Licht treten nicht als touristische Sehenswürdigkeiten auf, sondern als flüchtige Erscheinungen, die der Erzähler vorsichtig berührt. Hearn beschreibt Japan nicht von oben herab, sondern mit einer fast kindlichen Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen. Er sieht in Kleinigkeiten ganze Welten: in Papierschirmen, in Votivlaternen, in Tempeltoren, im Klang einer Glocke.

Besonders eindrucksvoll ist „Kusa-Hibari“, die Geschichte eines winzigen Heimchens, dessen Gesang den Erzähler Nacht für Nacht begleitet. Aus der Beobachtung eines kaum sichtbaren Insekts entwickelt Hearn eine Meditation über Liebe, Erinnerung, Abhängigkeit und Schuld. Als das Tier stirbt, weil seine Versorgung vernachlässigt wurde, kippt die Miniatur ins Ethische: Plötzlich steht nicht mehr die exotische Schönheit Japans im Vordergrund, sondern die Verantwortung des Menschen gegenüber dem kleinsten Leben. Das ist große Literatur, weil sie ohne große Geste auskommt.

Auch „Die Macht des Karma“ verbindet erzählerische Spannung mit religiöser und philosophischer Betrachtung. Hearn erzählt von einem schönen jungen Priester, der sich den Anfechtungen der Liebe entziehen will und den Tod sucht. Die Geschichte wird nicht westlich-romantisch verklärt, sondern im Gespräch mit buddhistischem Denken gedeutet. Gerade hier wird sichtbar, wie sehr Hearn an Grenzfragen interessiert ist: an Schuld, Wiederkehr, Begehren, Selbstüberwindung und den unsichtbaren Bindungen zwischen Lebenden und Toten.

Gleichzeitig verlangt dieses Buch eine historisch wache Lektüre. Hearn und erst recht Zweig schreiben aus einer Zeit, in der Japan im Westen häufig als Sehnsuchtsbild, als Kunstlandschaft, als Gegenwelt zur europäischen Moderne betrachtet wurde. Manche Begriffe und Bilder wirken heute überholt, teils exotisierend, gelegentlich paternalistisch. Moderne Hearn-Lektüren weisen genau auf diese Ambivalenz hin: Man kann ihn als empfindsamen Anwalt nichtwestlicher Kulturen lesen, aber auch als Autor des 19. Jahrhunderts, der sich fremde Welten aneignet und ästhetisch formt.

Doch gerade diese Spannung macht Das Japan-Buch interessant. Es ist kein aktueller Japanführer und keine kulturwissenschaftlich neutrale Studie. Es ist ein literarisches Dokument der Meiji-Zeit, ein Werk der europäischen Japanbegeisterung um 1900 und zugleich ein erstaunlich feines Buch der Wahrnehmung. Hearn sieht mehr, als viele Reisende sehen, weil er nicht nur wissen, sondern lauschen will. Seine besten Seiten besitzen die Zartheit einer Tuschezeichnung und die Unruhe eines Menschen, der weiß, dass jede Schönheit vergeht.

Berta Franzos’ Übersetzung trägt den Ton einer anderen Epoche. Sie ist blumig, gelegentlich schwer, aber auch von einer Musikalität, die zu Hearn passt. Wer eine knappe, moderne Reportagesprache erwartet, wird sich einlesen müssen. Wer jedoch bereit ist, dem Rhythmus dieser Prosa zu folgen, entdeckt ein Buch voller atmosphärischer Genauigkeit.

Das Japan-Buch ist damit eine lohnende Wiederbegegnung mit einem Autor, der in Deutschland einmal große Resonanz hatte und heute neu gelesen werden kann: nicht naiv bewundernd, nicht vorschnell verwerfend, sondern mit Sinn für seine Schönheit und seine historischen Begrenzungen. Hearn schenkt uns kein „wahres Japan“ im objektiven Sinn. Er schenkt uns den literarischen Traum eines Menschen, der in Japan eine geistige Heimat fand — und der aus diesem Traum Bilder geschaffen hat, die noch immer leuchten.

Fazit: Ein poetisches, stellenweise altmodisches, aber eindrucksvolles Lesebuch über Japan. Am stärksten ist Hearn dort, wo er nicht erklärt, sondern betrachtet: ein Tempeltor, ein Lächeln, eine Glocke, ein Insekt. Gerade in diesen kleinen Dingen wird seine Prosa groß.


Genre: Reisen, Reportagen
Illustrated by Anaconda

Wendepunkte

Gleich zu Beginn stellt sich die Frage: Kann eine Stadt ein Gegenüber sein? Ein Sehnsuchtsort, ein Spiegel der eigenen Brüche? M. Kruppe beantwortet sie mit seinem autofiktionalen Erfahrungsbericht Wendepunkte ohne Zögern mit Ja. Tampere, die drittgrößte Stadt Finnlands, wird nicht nur zum geografischen Ziel, sondern zum seelischen Resonanzraum eines Autors, der sich auf der Flucht vor den Trümmern seines deutschen Alltags in eine fremde Kultur begibt – und dabei in erster Linie sich selbst begegnet. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Reisen
Illustrated by Edition Outbird

Südtirol. Eine literarische Einladung

Südtirol oder auch Alto Adige und Trentino ist ein ganzjähriges Paradies. Schifahren in den Dolomiten, Baden im Kälterer See. Die Region zwischen Italien und Österreich, die auf eine konfliktreiche Geschichte zurückblickt, stellt sich in vorliegender Sammlung einheimischer Schriftsteller:innen vor. So genießen auch Leser:innen Schlutzkrapfen und Canederli, tauchen nach dem Kirchturm im Reschensee, treffen auf eine schöne Welt und böse Leut’, erleben Berg und Breakfast, singen launige Oden auf Bruneck oder erinnern sich an die erzwungene Italianità im Faschismus.

Die Felsen, die die Welt bedeuten

Das “schönste Bauwerk der Welt”, die Dolomiten, so nannte immerhin Le Corbusier die “elfenbeinweiß, graugrün, mitunter rötlich-gelb leuchtenden Kalkfelsen”. Aber es geht auch anders: als “kolossale Raumverschwendung” verunglimpfte Eve Gräfin Baudissin die Steinkolosse. Die Marmolada, die Brenta-Gruppe, der Rosengarten sowie die Bletterbachschlucht, die Drei Zinnen bilden die nach Déodat de Dolomieu benannten Dolomiten, die wesentlich die Region Südtirol mitgestalten. In “Berg und Breakfast” apeliert die Autorin Selma Mahlknecht an unsere archaische Seele, die das Wandern als Unruhe im Herzen und Sehnsucht nach dem Anderswo definiert. Ihr Heimweh richtet sich demnach nicht nach Südtirol, sondern nach den Bergen an sich aus. Dem Bild des starrsinnigen Hutzelmännchens widerspricht sie, denn gerade wer in den Bergen lebe, müsse sich bewegen. So ist jedes Heimweh auch gleichzeitig ein Fernweh.”Manchmal bedeutet Freiheit bereits einfach nur das Weglassen des Unnötigen”, schreibt Maxi Obexer in “Der rote Kontrapunkt”. Denn der Berg rufe nicht, er wolle nicht erobert werden, wie manche immer wieder behaupten. Er sei auch nicht römisch-katholisch wie die hineinbetonierten Gipfelkreuze weismachen wollen. Obexer wehrt sich gegen die völkische Vereinnahmung der Berge durch die Dirndl- und Lederhosenträger:innen. Ganz dem Begriff Südtirol widmet sich hingegen Alessandro Banda, er bezeichnet Alto Adige als pirandellische Provinz, als pessoanische sogar. Das Tirolo meridionale sei zwar Italienisch für Südtirol, Alto Adige aber in Wirklichkeit ein Gallizismus. “Haut-Adige” stammt aus den napoleonischen Kriegen und bezeichnete 1810 ein Gebiet das bald zum Königreich Italien gehörte, aber Meran noch beim Königreich Bayern verortete. Südtirol an sich bezog sich wiederum auf das was heute Trentino genannt wurde.

Italiansierung: politisch und kulinarisch

Ein dunkles Kapitel ist auch die von Ettore Tolomei durchgeführte Italiansierung der Region, die während Mussolini für das gesamte Südtirol durchgeführt wurde. Die Italianità wurde einfach behauptet, Orts-, Familien- und Vornamen italianisiert und sogar Grabsteine “umbenannt”. Aus Maier wurde etwa Massari, aus Raffeiner Rovina oder Dallarovina. Aus Pixner Armaroli, aus Tappeiner Depino, aus Urthaler Giudici usw. usf. Maddalena Fingerle erzählt in “Bozen” von ihrem Vater, der Aphasie hat oder ist es Mutismus? Die Tochter, die Erzählerin, hat Asthma und vermutet hinter den Worten dreckig und sauber etwas ganz anderes als die Erwachsenen. Auch der große Schriftsteller Stefan Zweig widmet sich in einem Gedicht dem so betitelten “Bozner Berg”. Ein Gedicht an einen herrlichen Morgen in den Bergen, der ihm “im Herzen klingt”. Aberauch kulinarische Aspekte werden in dieser literarischen Einladung berücksichtigt. “Ohne Knedl hosch nie gessn”, heißt es in Südtirol, wo Mehl, Milch, Butter, Topfen und Käse eben zu dem gehörten was man als Selbstversorger hauptsächlich hatte und daraus ließen sich vortrefflich Knödel rollen. Canederli, Ravioli, Mezzelune, Schmarren oder Schulter, eine weiße Küche, in der die Tomate keine Rolle spielte. Aber die alpine und die mediterrane Küche verbanden sich alsbald zu einer köstlichen Mischung.

Schöne Welt, böse Leut

Joseph Zauderer erzählt von der “Walschen”, wie man die Italiener in deutschen Kreisen nannte und ihr Vater, der stets für Toleranz plädiert hatte, musste schließlich doch an die Front um eine deutsche Heimat zu verteidigen, die es gar nicht mehr gab. “Schöne Welt, böse Leut” ist der Titel von Claus Gatterers Beitrag, in dem er uns in die Schulzeit entführt. Die Lehrerin tut sich mit den deutschen Namen schwer, “als hätte sie einen Igel verschluckt”, aber nicht mit allen. Denn wie überall zählte auch hier der Klassenunterschied. Die Kinder der besseren Familien hatten aussprechbare Namen, die der Bauerntölpel lohnte sich nicht zu lernen. Marco Balzano legt in “ich bleibe hier” einen erschütternden Bericht über die Enteignung vor: “Weiter bleibt nichts von dem was wir waren. (…)Niemand kann verstehen was sich unter den Dingen verbirgt. Niemand hat Zeit, stehen zu bleiben und um das zu trauern, was gewesen ist, als wir nicht da waren. Vorwärts gehen, wie Mutter zu sagen pflegte, das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.”

Im Anhang befinden sich Biographien der Autor:innen und Quellenverzeichnisse der zitierten Ausschnitte. Mit deutschsprachigen Texten und Übersetzungen aus dem Italienischen wie Ladinischen von Marco Balzano, Roberta Dapunt, Oswald Egger, Maddalena Fingerle, Claus Gatterer, Lilli Gruber, Francesca Melandri, Maxi Obexer, Joseph Zoderer und vielen anderen. Gaby Wurster ist auch die Herausgeberin der ebenfalls bei Wagenbach erschienen literarischen Einladungen nach Genua und Ligurien, Triest und Lissabon.

Gaby Wurster (Hrsg.)
Südtirol
Eine literarische Einladung
SALTO [284]. 15.8.2024
144 Seiten. Rotes Leinen. Fadengeheftet
ISBN 978-3-8031-1383-2
Wagenbach Verlag
22,– €


Genre: Literatur, Reisen
Illustrated by Wagenbach

Im Schnellzug nach Haifa

Gabriele Tergit ist eine anerkannte Journalistin von Gerichtsreportagen und Bestsellerautorin (Käsebier erobert den Kurfürstendamm) im Berlin der zwanziger Jahre, verheiratet mit einem Architekten; nie wären sie auf die Idee gekommen, nach Palästina auszuwandern.

Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Politik und Gesellschaft, Reisen
Illustrated by Schöffling & Co Frankfurt am Main

Great Escapes Germany. The Hotel Book

Eine Flucht aus dem Alltag verspricht diese neue Publikation des TASCHEN Verlages zu Germany. Von der Nordsee bis zu den Alpen bietet Deutschland hat Angelika Taschen wieder stimmungsvolle Unterkünfte besucht und ausgewählt. Die erfolgreiche und beliebte Reihe des TASCHEN Verlages “Great Escapes.The Hotel Book” ist u.a. schon zu Italien, The Mediterranean, USA und The Alps erschienen.

Flucht aus dem Alltag: Great Escapes Germany

“Great Escapes Germany. The Hotel Book” lässt einen teilhaben an der großen landschaftlichen und kulturellen Vielfalt Deutschlands, darunter auch Grandhotels, Bed & Breakfasts, Schlösser, ein Kloster, Glamping-Zelte und mehr. Anhand von einladenden und ästhetischen Fotos und informativen Texten werden neue Reiseziele in Deutschland vorgestellt und ansprechend aufbereitet. Entdecken auch Sie ihre zukünftigen Lieblingsunterkünfte für eine Entdeckungsreise durch Deutschland, ein Land, dessen Städte, einst von Römern gegründet wurden. Ein Land, das seinen Gästen mit mittelalterlichen Handelsstraßen, atemberaubenden Küsten sowie Flüssen und Bergen, die schon große Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts inspirierten, aufwarten kann. Städte, Burgen und Kirchen mit spannender Geschichte, das Moseltal, den Schwarzwald und das Allgäu sind allesamt zu Recht weltberühmt für ihre Schönheit und ihren ganz besonderen Charme.

Bauhaus, Bach und Lifestyle

Herausgeberin und Autorin Angelika Taschen, die schon zahlreiche Titel zu den Themen Kunst, Architektur, Fotografie, Design, Reise und Lifestyle veröffentlicht hat, bereiste auch für diesen Band wieder unvergessliche Unterkünfte. Zum Beispiel die elegante Reederin, ehemaliger Hauptsitz einer Reederei in der Hansestadt Lübeck, oder das Grand Hotel Heiligendamm, benannt nach Deutschlands ältesten Seebad, ebenso wie das idyllisch gelegene St. Oberholz Retreat in Mecklenburg-Vorpommern. Das Bauhaus Dessau Atelierhaus beherbergte früher Studenten der Bauhaus-Schule und das charmante Hotel Stadthaus Arnstadt in Thüringen und ist ein Muss für Bach-Liebhaber und solche die es werden wollen.

Lichtblick einer Arbeitspause: der Urlaub

Die Architektur von Max Dudler im Gut Cantzheim an der Saar kann in “Germany” ebenso bewundert werden wie die Kunstsammlung sowie der köstliche Riesling des Gutes. Oder man erkundet den legendären Schwarzwald vom familiengeführten Hotel Spielweg aus oder erlebt eine Romanze in Konstanz im Bed & Breakfast “Zum Egle”, das sich in einem 700 Jahre alten Gebäude befindet. Das Romantik Hotel Markusturm in Rothenburg ob der Tauber gesellt sich zu den anderen 46 mittelalterlichen Türme der Altstadt. In Ulm kann man sich im Schiefen Haus buchstäblich an den Fluss lehnen und im Kloster Beuerberg in Bayern absolute Ruhe genießen. Deutschland bietet vielleicht sogar mehr als man vermuten würde und lässt sich in vorliegendem Prachtband auch kurz in einer Arbeitspause bewundern.

Erholung garantiert: The Hotel Book

Schmökern in diesem “Great Escapes Germany. The Hotel Book” lohnt sich allemal. Also Flucht aus dem Alltag, aber auch als Inspiration dafür, wofür es sich zu leben lohnt. Und zu arbeiten. Unterstützt wurde Angelika Taschen, die ihren Schwerpunkt bei Kunstgeschichte und Germanistik hat von Christiane Reiter. Letztere lebt nicht in Heidelberg wie Taschen, sondern in Brüssel als freie Autorin und studierte Journalismus an der Universität von Eichstätt. Sie arbeitete u.a. als Reiseredakteurin für Ringier Publishing in München sowie Zürich, ehe sie den Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aufbaute.

Great Escapes Germany. The Hotel Book
Angelika Taschen, Christiane Reiter
Ausgabe: Mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Französisch)
2024, Hardcover, 360 Seiten
ISBN 978-3-7544-0067-8
TASCHEN
€ 50


Genre: Reisen
Illustrated by Taschen Köln

Geständnisse eines Touristen: Ein Verhör

Wer „Atlas eines ängstlichen Mannes“ gelesen hat, ist unweigerlich verloren. Verloren im Universum der Literatur-Droge namens Christoph Ransmayr. Wie es in Selbsthilfegruppen üblich ist, nennt man seinen Namen und gesteht: „Ich bin süchtig“. Weiterlesen


Genre: Erinnerungen, Erzählung, Gesellschaftsroman, Kurzgeschichten und Erzählungen, Politik und Gesellschaft, Reisen
Illustrated by Fischer Verlag

Nur noch kurz die Welt sehen

Heinz Stücke – 51 Jahre nonstop mit dem Fahrrad unterwegs, 648.000 Kilometer, 196 Länder. – Es kann kaum jemanden geben, der bei diesem Titel und vor allem dem Untertitel nicht kurz innehält. Falsch gelesen? Kann das sein?

Und ja, das gibt es in der Tat. Heinz Stücke aus Hövelhof in Ostwestfalen heißt der die Welt umrundende Radfahrer in dieser unglaublichen, aber doch wahren Geschichte. Er ist der unstrittige und alleinige Held des Buches. Oder ist er vielleicht eher der Anti-Held? Wie sagt ein Fahrradhändler aus Hongkong über ihn: „Heinz ist kein außergewöhnlicher Mensch, aber er hat Außergewöhnliches geleistet“. Er ist offensichtlich ein eher einfacher Mensch und ist das auch bis ins hohe Alter geblieben, vielleicht ein Held wider Willen. Natürlich muss er sich unterwegs vermarkten, muss in allen Herren Ländern Dia-Vorträge halten, um zu überleben und natürlich liebt er es mit Menschen bei einem Bier (oder mehreren) Smalltalk zu halten. Aber dann ist er im „Dazwischen“, zwischen Aufregungen, Highlights und Abenteuern, wieder sehr oft und sehr gerne alleine („aber nie einsam“).

Die lebensphilosophischen Kernsätze des Heinz Stücke aus Westfalen sind an einer Hand abzuzählen.

„Man muss ohne Komfort leben können und auch ohne Familie. Man muss früh anfangen, bevor man Verantwortung hat und bevor man ein Sklave seiner Umgebung geworden ist.“

Er hat den rechtzeitigen Absprung geschafft. Mit 23 Jahren ist er Ende 1962 gestartet (mit 300 US-Dollar Startkapital in der Tasche), mit 74 Jahren ist er 2014 wieder in die alte Heimat zurückgekehrt.

Wie kann man sich über diese lange Zeit motivieren? „Links, rechts, links. Treten, treten, treten“. Aber da ist auch eine stete Sehnsucht nach weiteren Reisen, nach dem Neuen, noch mehr oder besser sogar alles zu sehen. Und eine Abneigung ins heimische Umfeld als Werkzeugmacher zurückzukehren. Die Aversion ist so groß, dass er eine Art von Familientreffen in den Niederlanden stattfinden lässt, nur 200 Kilometer vom Heimatort entfernt. Die Fremde ist zur Heimat geworden.

Wie er sich über all die Jahre finanziert hat? „Möglichst wenig ausgeben!“ Logischerweise reicht dies nicht aus, auch wenn man 51 Jahre ohne festen Wohnsitz überwiegend im Zelt lebt, aber zum Glück gibt es unterwegs immer wieder Einladungen zum Essen und Übernachten, Spenden und Sponsoren und Einnahmen aus Vorträgen und dem Verkauf seiner Fotografien. Heinz Stücke scheint nicht der Mann der tiefschürfenden Worte zu sein. Dafür hat er seine Kamera, mit der er die Welt wahrnimmt und seine Eindrücke mit beeindruckendem Geschick und bewegenden Blickwinkeln und Arrangements für die Ewigkeit festhält. Diese Fotografien sind die absoluten Höhepunkte im Buch.

Festgehalten werden muss, dass es nicht das Buch, nicht die Autobiografie des Abenteurers Heinz Stücke ist, sondern das Buch der Journalistin Carina Wolfram über Heinz Stücke. Carina Wolfram schreibt überwiegend für ein Radmagazin übers Radfahren.

Zu Beginn betont sie, dass die Arbeit an einem Buch über Heinz Stücke genauso wenig gradlinig verlaufen kann, wie die 51-jährige Radreise des Protagonisten. Ohne Zweifel richtig. Sie konnte der Fülle an Material leider bis zum Schluss nicht wirklich Herr/Frau werden. Phasenweise blitze etwas von einer Chronologie auf, dann wechselte sie in Schwerpunktthemen, die aber mehr als willkürlich aneinandergereiht wurden und den Logik-Test „Was passt nicht in die Reihe?“ fast alle nicht bestehen würden.

Gewünscht hätte man sich als Leser, dass es zumindest am Anfang einen kurzen zeitlichen Abriss in Stichworten oder als Grafik gegeben hätte, um sich im weiteren Verlauf des Buches an dieser Chronologie zu orientieren, einzelne Episoden besser einordnen zu können. Da liest man überrascht, dass der Welt-Radler etliche Male in London und Hongkong war, dass er mit dem Round-the-World-Ticket um die Welt geflogen ist und denkt hoppla, wie integriere ich denn nun diesen „Stilbruch“ in mein 51-Jahre-Nonstop-Radeln-Bild?

Schaue ich als Globetrotter und Nomade auf dieses Leben, so bin ich davon überzeugt, dass im Weltbürger Heinz Stücke eine solch unglaubliche Eindrucksfülle bestehen muss, dass es ihm die Brust zerreißen und den Kopf zum Bersten bringen könnte. Vielleicht ist Heinz Stücke aber gar nicht in der Lage, all die spannenden Aspekte und Dimensionen zu artikulieren. Dann ist es um so betrüblicher, dass es der Autorin trotz allem Respekt für die Herkulesaufgabe nicht gelang, all das herauszulocken und es zu verbalisieren. Gewünscht hätte man sich mehr Makro-Szenen, mehr Tiefgang, mehr Emotionen, mehr Einblicke in die Psyche dieses ungewöhnlichen Exemplars aus der Gattung Mensch. Nur seine gelegentliche „Wut“ war einer Erwähnung wert. Gab es auch die sensible, nachdenkliche Seite des Radfahrers jenseits des stumpfsinnigen Tretens? Das Zitat „Sich-Verlieben ist eine Dummheit“ und der kurze Verweis auf eine Beziehung zu einer Frau in Belarus sind leider recht blutleere Andeutungen. Da wäre mehr spannend gewesen. Dafür hätte man gerne auf ein relativ sinnloses und die Oberflächlichkeit akzentuierendes Interview mit einem jüngeren Weltumradler verzichten können.

Am Ende des Buches bleibt das, was alleine schon durch Titel und Untertitel im Leser ausgelöst wurde – Faszination für diesen horizontsüchtigen Mann, sein Eintauchen in fremde Länder und Kulturen und sein Leben abseits der Norm. Ein Individuum, ein Unikum, ein Gegenpol zu Tradition, Konvention, Bausparvertrag, Reihenhaus und Unfallversicherung. Nichts für jeden, aber tief drinnen schlummert es öfter als man denkt.


Genre: Biographie, Biographien, Briefe, Kurzgeschichten und Erzählungen, Memoiren, Reisen
Illustrated by Delius Klasing

Atlas eines ängstlichen Mannes

Schicken Sie Ihre Phantasie auf Reisen oder testen Sie einfach nur Ihre Geografiekenntnisse, indem Sie Nadeln in eine imaginäre Weltkarte stecken. Osterinsel, China, Brasilien, Kalifornien, Marokko, Andalusien, Island, Griechenland, Wien, Neuseeland, Neu Delhi, Nepal, Bolivien, Mexiko, Juan Fernandez Archipel, Irland, Laos, Nordpol, Ontario, Kambodscha, Yokohama, Valparaiso, Pitcairn, Jemen, Sydney, Irland. Stopp! Das sind nur etwa die Hälfte der Orte und Ziele, die Christoph Ransmayr in seinem Atlas eines ängstlichen Mannes wie auf einer geografischen Perlenkette auffädelt. Weiterlesen


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Memoiren, Reisen
Illustrated by Fischer Verlag

Turbulenzen

Mutter Kanadierin, Vater Ungar, geboren in Montreal, aufgewachsen in London, Literaturstudium in Oxford, viele Jahre wohnhaft in Budapest – das sind die passenden kosmopolitischen Voraussetzungen, die der 49jährige Schriftsteller David Szalay mitbringt, um einen global vernetzten Roman wie „Turbulenzen“ zu schreiben.

Das Grundprinzip unterschiedlichster Schauplätze rund um die Welt hat Szalay bereits in seinem Werk „Was ein Mann ist“ sehr erfolgreich umgesetzt, was ihm für jenes Buch 2016 zurecht eine Nominierung auf der Shortlist des „Man Booker Prize“ einbrachte.

In „Turbulenzen“ nimmt Szalay diesen Modus noch konsequenter wieder auf. Man erwirbt mit dem Buch sozusagen ein Round-the-world-Ticket. Die einzelnen Kapitel bestehen aus ineinandergreifenden Flugstrecken, die zugehörigen Titel bestehen einzig und allein aus den internationalen IATA-Codes der Airports, eine Herausforderung für alle Vielreisenden. Oder hätten Sie spontan gewusst, von wo nach wo es bei GRU – YYZ geht?

Doch das sind nur die formalen Rahmenbedingungen. Eigentlich stellt jedes Kapitel eine eigene Kurzgeschichte dar, allerdings hat Szalay diese genial ineinander verwoben, indem sich immer neue menschliche Schicksale entlang dieser Flugetappen rund um die Welt aus der vorhergehenden Geschichte ergeben. Eine Randfigur in dem einen Kapitel wird plötzlich zur Hauptprotagonistin im nächsten.

Mit präziser, adäquater Sprache, eindrucksvollen, aber nie schwülstigen Bildern gewährt der Autor Einblicke in unterschiedlichste Leben und Kulturen rund um den Globus. Durch den kontinuierlichen Wechsel der Hauptfiguren vollzieht sich immer wieder ein für den Leser erstaunlicher Perspektivenwechsel. Eine literarische Technik, durch die es Szalay gelingt, die Ambivalenz einer Figur messerscharf und lebensecht herauszuarbeiten. Da ist der indische Ehemann gerade noch der gewalttätige Tyrann seiner Familie, erscheint dann aber im Folgekapitel plötzlich in einem ganz neuen Licht, wenn man plötzlich erfährt, dass auch er Opfer gesellschaftlicher Konventionen ist.

Obwohl sein Schreibstil sehr eingängig und leicht ist, macht es der Autor seinen Lesern inhaltlich nicht einfach. Er stellt Themen unserer Zeit in den Fokus und fasst dabei zuverlässig in offene Zeitgeist-Wunden. Wie reagiert die Familie auf ein behindertes Neugeborenes? Wie geht man offen mit einer neuentdeckten Liebe um, die die Ehe im höheren Alter gefährdet? Was ist, wenn man bei der Heimkehr spürt, dass in der heilen Familienwelt etwas Furchtbares passiert sein muss, aber die Gewissheit sich erst ganz langsam ins Bewusstsein schleicht? Da wirkt eine leichte Episode wie das Tinder-Date eines Piloten zwischen zwei Flügen trotz der durchaus psychoanalytisch interessanten zwischenmenschlichen Interaktion fast schon lapidar.

Durch sein literarisch innovatives Konzept nimmt David Szalay einen mit auf eine Reise um die Welt, die in London beginnt und dort auch wieder endet. Szalay schreibt sehr fliessend, ist angenehm zu lesen, baut aber nach kurzer Zeit diese verheissungsvolle Spannung auf, weil er in seinen Stories unberechenbar ist. So wie das echte Leben auch. Eben voller Turbulenzen.


Genre: Gesellschaftsroman, Kurzgeschichten und Erzählungen, Reisen, Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Euphoria

„Spannend… intensiv, verführerisch, erotisch…“, so überschlagen sich Literaturkritiker diverser renommierter Medien bei ihren Rezensionen zu Euphoria. Kombiniert mit dem Wortklang des Titels und dem nach einem fiktiven Pseudonym klingenden Namen der Autorin verführen spätestens Keywords aus der Inhaltsangabe wie „Dreiecksbeziehung in exotischem Setting“ zu völlig unzutreffender Kategorisierung. Also Vorsicht vor voreiligen Schnellschlüssen, denn das Buch bietet aus diesem Genre relativ wenig, aber dafür viel mehr Höherkarätiges. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Reisen
Illustrated by C.H. Beck München

Die Heldin reist

Doris Dörrie reist und berichtet gerne davon, meist erzählt sie von den Ländern, in denen sie besonders Wichtiges erlebt hatte: den USA und Japan. Hier geht es um drei Reisen, die sie 2019 in diese beiden Länder geführt haben, und auch nach Marokko.

Danach, in den Corona Jahren, gibt sie diesen Erfahrungen den Rahmen eines Heldenfilmes, etwa den eines Western, was macht einen Helden aus, was eine Heldin? Sogar einen Begriff gibt es: „Monomythos des Helden“, so wie bei „Jesus und Buddha, minus Haus, Auto und Frau.“

Wenn sie in die USA einreist, gibt sie allerdings als Beruf immer „Hausfrau“ an, der traut kein immigration officer etwas Böses zu. In Kalifornien liegt sie dann mit gleichaltrigen Freundinnen am Strand und sie freuen sich, dass sie das können, als Frauen finanziell unabhängig sein und frei das Leben und auch das Älterwerden genießen.

So plätschert die Erzählung dahin, so kenne ich Doris Dörrie und mag sie. Aber dann kommen Widersprüche, in Japan trifft sie Tatsu, die in Deutschland Gesang studiert hatte (in Hannover, wo Frau Dörrie herkommt!) und von ihrem Schicksal berichtet, sie ist stark übergewichtig, verdrückt während des Gespräches zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte, und das in Japan, wo das body shaming viel wichtiger ist als in Deutschland. Frau Dörrie kennt das, sie ist ‚mal in München mit einem Fat-suit ausgegangen und hat es selbst erlebt, Tatsu weiß, als Dicke kannst Du Dich in der Wohnung verstecken, denn jeder Gang nach draußen ist heldinnenhaft. Sind das also die Heldentaten der Frauen? Bei der Leserin, die glaubt, in einem postheroischen Zeitalter zu leben, wächst das Interesse.

Es geht um die Freundinnen, die ihr Frauenschicksal nicht immer nur ertragen, mal auch genießen können, zu denen Doris Dörrie eine vertrauensvolle Beziehung hat, und die nun ihr Älterwerden reflektieren.

Zwei Dinge fand ich besonders: Als sie eine junge Studentin in den USA war, schreibt sie ihren Eltern ausführlich von ihrem Liebesleben, auch, als sie vor Liebeskummer todtraurig war. Und dann geht diese mutige, so offene und so coole Frau über Jahre eine toxische Beziehung ein. Was sie wohl beim nächsten Buch offenbaren wird?


Genre: Abenteuer, Reisen
Illustrated by Diogenes

Die Alpen. Ein Porträt.

Erfrischung gefällig? Die Alpen. Ein Porträt.

Die Alpen. Ein Porträt. Herren in Lederhosen und Damen in langen Röcken, das sieht man heute nur mehr auf Zunftbällen oder…richtig, in den Bergen! Um 1900 wurden die Alpen von eben so gekleideten Touristen, teilweise sogar auf Maultierrücken, besucht. Im ebenso bärigen wie riesigen Format (29 x 39,5 cm, 6,40 kg, 600 Seiten) zeigt der TASCHEN Verlag, wie es sich vor rund 100 Jahren bergstieg.

Die Alpen. Ein Porträt.

Die so hinreißend altmodische Zeit, in der die ersten Berg- und Zahnradbahnen Wanderer und solche die es werden wollten an den Rand der Gletscher brachten und Bergsteiger als Verrückte galten oder Skifahrer noch eine Kuriosität darstellten, handelt die vorliegende Erzählung, die anhand von bisher unveröffentlichten Fotografien dargestellt und dramatisiert ist. Die Photochrome aus der Zeit um 1900 zeigen aufregende Gletscher und Naturschönheiten, den Montblanc, die Jungfrau, das Matterhorn. “Nichts lässt sich mit den Alpen vergleichen“, wusste schon der berühmte französische Historiker Jules Michelet 1868. Gerade um diese Zeit wird das riesige Alpenmassiv im Herzen Europas vermehrt besucht. Der Tourismus, der schon im späten 18. Jahrhundert einsetzte, nimmt an Fahrt auf, insbesondere natürlich durch den unaufhaltsamen Aufschwung des Wintersports.

Eine Reise auf den Gipfeln durch Europa

© PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Mittels Photochromen, Fotografien, kolorierten Postkarten, Plakaten und Reiseprospekten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert lassen die beiden Autorinnen eine beinah verschwundene Welt wieder auferstehen. Denn längst gehören Pässe und Berge wie der Mont Cenis, Simplon, Brenner und St. Gotthard, der Montblanc, der Eiger, das Wetterhorn und die Dolomiten zum Standardprogramm des kultivierten Europäers. Damals, vor mehr als 100 Jahren, waren es nur wenige, die den Blick auf kristallklare Seen in der Schweiz, Italien, Bayern und Slowenien wagten oder Tirol, die Via Mala oder das Engadin erkundeten. In den damals noch sehr exklusiven Wintersportorten stieg die betuchte Kundschaft in einem Grandhotel in Gstaad, Grindelwald, Davos, St. Moritz oder Cortina ab. Heute gibt es an den selben Orten auch Pensionen und Jugendherbergen.

Die Alpen im bärigen Riesenformat

© PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Die wunderbare Reise in die Berge, als Schnee und Berge noch unberührt waren, wird von Zitaten von Reise-schriftstellern begleitet und zeigt, wie gut die beiden Herausgeberinnen recherchierten und über wie viel Erfahrung sie auf diesem Gebiet schon verfügen. Ein prächtiges Buch für Kenner und Erlebnishungrige, die die Alpen noch so unberührt sehen wollen, wie sie es jahrtausendelang auch waren.

Sabine Arqué, Agnès Couzy
The Alps 1900. A Portrait in Color
Hardcover, 29 x 39,5 cm, 6,40 kg, 600 Seiten
Deutsch, Englisch, Französisch
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
€ 150 | CHF 200
ISBN 978-3-8365-7355-9
TASCHEN Verlag
€ 150


Genre: Bildband, Reisen, Wandern
Illustrated by Taschen Köln

Der Traum vom Fremden

Der Traum vom Fremden. „Laufe Gefahr, mein Wort zu brechen und mich selbst zu verraten. Hatte ich nicht geschworen: Keine leeren Worte mehr! Überhaupt keine Worte mehr! Am besten verstummen; Taubstummensprache für die notwendigen Mitteilungen, Gesten, Gebärden – wie jeder Laut Übelkeit in mir hervorruft, ein ganzer Satz mich zum Erbrechen bringt und ein Gedicht – ein Gedicht ist der Tod!“ So hätten die Gedanken von Arthur Rimbaud in Ostafrika 1883 wohl lauten können, denn er hatte der Poesie und Europa abgeschworen und sich als Sklaven- und Waffenhändler bis in den Ogaden durchgeschlagen. Michael Roes nimmt einen ein authentischen Bericht (Rapport nur l’ogadine par M. Arthur Rimbaud), den Rimbaud 1883 über den Ogaden verfasste, als Grundlage für sein Rimbaud-Reflexion: ein fiktives Tagebuch, das durch die letzten Tage des französischen Dichterfürsten führt.

Der Traum vom Fremden

Ist das nicht die Freiheit, die Hölle, die ich gesucht habe? Jeder und niemand, ohne Familie, ohne Heimat oder Herkunft, ein Vagabund, Brisant, eine Wegelagerer, Halsabschneider, Meuchelmördder.” Der Plot handelt von seinem verschwundenen Geschäftspartner Sotiro, den Rimbaud durch eine Mission in den Ogaden retten will. Mit einer kleinen Mannschaft vertrauter Einheimischer dringt er in die noch unerforschte Wildnis vor und versucht, das Unternehmen möglichst nüchtern und wissenschaftlich zu protokollieren. Aber immer Gedanken und Gespenster aus der Vergangenheit drängen sich ihm auf: fiebrige Erinnerungen an die Amour fou mit Paul Verlaine, seine kaum erforschte Zeit bei der Fremdenlegion und seinen Neuanfang in Afrika. Aber auch die neu entdeckte Welt gemahnt ihn an seine Berufung: Die Ogadeni “verfassen über alles und jeden Lieder: sie unterscheiden nicht zwischen einer poetischen und einer nüchtern-sachlichen Sprache. Ihnen gilt Poesie als höchste Erkenntnis“.

Fiktives Tagebuch Arthur Rimbauds in Afrika

Vom 3.Oktober bis zum 11. November 1883 reichen die Eintragungen in das fiktive Tagebuch, das Michael Roes mit viel Einfühlsamkeit und Recherche geschrieben hat. Während sich Arthur Rimbaud in den Jahren 1875-1886 auf seine persönliche Odyssee begab und neben Europa auch Sumatra, Ägypten und Aden bereiste gibt sein verlorener Freund Verlaine eine Sammlung literarischer Studien unter dem Titel “Die verfemten Dichter” heraus. Dadurch erlangt Rimbaud noch zu Lebzeiten eine größere Bekanntheit. Der Handlungsreisende, Kaffeehändler, Teppichhändler und Freiwilliger der niederländischen Armee stirbt schließlich an Knochenkrebs. 1891 führt ihn die Heimreise nach Marseille wo er am 10. November im Alter von nur 37 Jahren stirbt. Der Autor Michael Roes, geboren 1960 in Rhede / Westfalen, ist Autor und Filmemacher, vor allem Dialoge mit nicht-europäischen Kulturen. Seine eigenen Reisen in den Jemen, nach Israel, Algerien, Afghanistan und Mali bilden den Hintergrund für viele seiner Werke.

 

Michael Roes
Der Traum vom Fremden
2021, Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86300-323-4
Albino Verlag
€22.00


Genre: Biographie, Reisen, Tagebuch
Illustrated by Albino

Auf Schiene

Auf Schiene. 33 Bahntouren durch Mitteleuropa

Auto-, stau- und abgasfrei reisen. Das kann man, wenn man will. Mit dem Zug! Trend-Journalist Othmar Pruckner hat Bahnverbindungen ausfindig gemacht, die es schon mehr als 100 Jahre gibt, aber durch das Fliegen verdrängt wurden. Dank Pandemie wurden sie nun von ihm wiederentdeckt und einem neuen, jüngeren Publikum auf charmante Weise zugänglich gemacht: als Reise-Buch!

Bahn fahren neu entdecken

Einige der Highlights gleich vorneweg: ans Schwäbische Meer, ins liebenswerte Kamptal, auf die Spitze der Zugspitze, für ein Budweiser nach Budweis, mit dem Reblausexpress von Retz ins kleine Drosendorf sowie mit der Wachaubahn nach Spitz. Hallstatt wird sogar per Zug und Schiff bereist. Dazu gibt es literarische Vorbilder wie Fritz von Herzmanovsky-Orlando auf einer Waldbahn-Radtour im Hintergebirge, mit Thomas Bernhard zum Schloss Wolfsegg oder auf den Spuren von Ferdinand Raimund nach Gutenstein und natürlich mit Gustav Klimt an den Attersee. Die Taurachbahn im Lungau, die Zahnradbahn auf den Schneeberg und schließlich eine Pilgerreise nach Mariazell sowie eine Begehung der Semmeringstrecke gehören zu den weiteren unvergesslichen Stationen dieses lesenswerten Reise-Führers. Darüber hinaus werden aber auch Anschlusstouren an die Zugfahrten und Ausflugsziele vorgeschlagen: Stadt- und Landbesichtigungen, Spaziergänge, Wanderungen, Radtouren quer durch Österreich, vom Neusiedler- bis zum Bodensee, von Südkärnten bis zum nördlichen Waldviertel, vom hohen Schneeberg bis zum fröhlichen Zillertal.

Vom Meer ins Gebirge

Mit der Bahn kann man sogar ans Meer fahren, ohne Österreich je zu verlassen. Das “Schwäbische Meer” ist selbstverständlich nichts anderes als der Bodensee und teilt sich auf Deutschland, Schweiz und Österreich auf. Wer einen Ausflug über die Landesgrenze nach Lindau wagt, kann – als ganz besondere Attraktion – Österreich sogar auf dem Seeweg erreichen. Das gibt es sonst nirgends mehr. Wer der Eisenbahn lieber treu bleibt, nimmt das “Wälderbähle” in Bezau und schafft es damit bis auf die Bergstation Baumgarten auf 1650 Meter Seehöhe. Aber auch das Montafon hat seine eigene Bahnlinie, das “Muntafunar Bähnle”, das inzwischen als S4 sogar von Bregenz aus bis nach Schruns fährt. Vom äußersten Westen des Landes bringt uns das 3. Kapitel dann an den Schneeberg (2076m), des Wiener liebsten Hausberges. Von Wien aus fährt man nach Puchberg am Schneeberg und passiert dabei auch das weltberühmte Bad Fischau. Beeindruckt wird man schon während der Zugfahrt, die 300 Höhenmeter bewältigt, von der Hohen Wand. Die Schneebergbahn ist eine der letzten drei Zahnradbahnen Österreichs, die Station Hochschneeberg auf 1796 Metern der höchstgelegene Bahnhof Österreichs.

Zu Nachbarn und Freunden

Aber auch für Kurzausflügler ist in vorliegendem reich bebilderten und mit Karten ausgestatteten Zugführer einiges dabei. Vielleicht begnügt sich der eine oder andere sogar mit einem Bier in Budweis? Ob man über die Franz-Josefs-Bahn und Ceske Velenice oder mit der sog. Summerauer Bahn durchs Mühlviertel via Linz anreist, so oder so, schafft man es von Wien aus an einem Tage hin und retour. Weitere Stationen führen den werten Leser ins Marchfeld, auf einen Spaziergang von Mödling nach Baden oder auch nach Wien, Bratislava, Neusiedl am See – Um den See – Esterházy-Stadt Eisenstadt – Sopron und ein Abstecher nach Győr und viele andere Ort mehr. Und das alles ohne CO2 Abdruck!

 

Othmar Pruckner
Auf Schiene. 33 Bahnreisen durch Österreich und darüber hinaus. Ein Reisebuch. Reihe Kultur für Genießer Falter Verlag
2022, 320 Seiten
ISBN: 9783854397076
Falter Verlag
€ 29,90


Genre: Reiseabenteuer, Reisen
Illustrated by Falter