Es gehört zu den haltbarsten Versuchungen der Kulturgeschichte, das Genie dort zu suchen, wo der Mensch aus der Bahn gerät. Wer anders sieht, anders hört, anders empfindet, wer leidet, halluziniert, träumt, vergisst oder sich erinnert, gilt schnell als Berührter höherer Mächte – oder als Fall für die Klinik. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Mario de la Piedra Walters Buch „Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze“, das aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer übersetzt wurde.
Der Autor ist Mediziner und Neurologe, aber er schreibt nicht wie jemand, der Kunst auf Befunde reduzieren möchte. Gerade darin liegt der Reiz dieses Buches. De la Piedra Walter interessiert sich für die empfindlichen Übergänge: zwischen Wahrnehmung und Bild, Krankheit und Ausdruck, Erinnerung und Erfindung, wissenschaftlicher Erklärung und ästhetischem Geheimnis. Sein Buch ist weniger eine systematische Theorie der Kreativität als ein weit ausschwingender Essay über die Frage, was im Gehirn geschieht, wenn der Mensch mehr tut, als bloß zu funktionieren.
Der Auftakt ist bezeichnend. Das Buch beginnt mit Albert Einsteins Gehirn, jenem berühmten Organ, das nach dem Tod seines Besitzers zum Gegenstand wissenschaftlicher Neugier, aber auch beinahe reliquienhafter Verehrung wurde. Schon hier stellt sich die Grundfrage, ob sich Genialität anatomisch fassen lässt? Sitzt der Geistesblitz irgendwo zwischen Furchen, Windungen und Nervenzellen? Oder verrät diese Suche vor allem unsere eigene Sehnsucht, das Außerordentliche endlich dingfest zu machen?
Von dort aus führt de la Piedra Walter in zwölf Kapiteln durch eine erstaunlich breite Landschaft. Er spricht über Höhlenkunst und frühe Zeichen, über Erinnerung und Vergessen, über Borges, Dostojewski, Frida Kahlo, Kandinsky, Virginia Woolf, Andy Warhol, über Synästhesie, Epilepsie, Depression, Traum, Autismus, Art brut und schließlich auch über künstliche Intelligenz. Das ist viel, manchmal fast zu viel. Doch im besten Fall entsteht daraus ein funkelndes Panorama menschlicher Ausdrucksformen.
Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo es verbreitete Klischees aufnimmt, um sie anschließend zu verfeinern. Die alte Formel von „Genie und Wahnsinn“ wird nicht einfach bestätigt. De la Piedra Walter zeigt vielmehr, wie gefährlich diese Formel ist. Krankheit erklärt keine Kunst. Leiden macht niemanden eo ipse schöpferisch. Depression, Epilepsie, neurologische Ausfälle oder abweichende Wahrnehmungsformen sind keine romantischen Produktionsmittel des Genies. Sie können Erfahrungen prägen, Wahrnehmungen verschieben, biografische Wunden schlagen – aber aus ihnen entsteht erst dann Kunst, wenn ein Mensch ihnen Form, Sprache, Rhythmus, Bild oder Komposition abringt.
Dostojewskis Epilepsie wird deshalb nicht als simpler Ursprung seines literarischen Ranges behandelt. Frida Kahlos Schmerzen erklären nicht ihre Kunst, sondern bilden einen Erfahrungsraum, den sie mit unerhörter Bildkraft verwandelt. Kandinskys Nähe von Farbe und Klang öffnet den Blick auf die Frage, wie porös unsere Sinnesgrenzen tatsächlich sind. Und bei Warhol wird Wiederholung nicht nur als Pop-Geste verständlich, sondern als Wahrnehmungsprinzip einer Welt, die längst aus Oberflächen, Marken, Vervielfältigungen und medialen Echos besteht.
Der Autor betrachtet seine Figuren nicht wie Präparate unter Glas. Das unterscheidet sein Buch wohltuend von Sachbüchern, die Kunstwerke am liebsten in Hirnareale übersetzen und damit den Eindruck erwecken, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine Sonate sei im Grunde nur eine besonders hübsche Nebenwirkung neuronaler Aktivität. Hier bleibt die Kunst mehr als ihr biologischer Unterbau. Das Gehirn ist Bedingung, nicht Ersatz des Kunstwerks.
Zugleich liegt in der Anlage des Buches auch seine Schwäche. Die Fülle der Beispiele, Namen und Themen kann stressen. Der Bogen reicht von prähistorischer Kunst über indigene Rituale, psychedelische Erfahrung, Psychoanalyse, Neurowissenschaft, Psychiatriegeschichte bis zu KI-generierten Bildern. Nicht jede Verbindung ist gleich zwingend. Manchmal wirkt der Übergang von der Fallgeschichte zur großen kulturgeschichtlichen Deutung etwas rasch. Dann gleitet der Text vom Befund in die schöne Analogie, vom neurologischen Phänomen in die essayistische Erhellung. Das ist anregend, aber nicht immer beweisend.
Auch die wissenschaftliche Erklärungstiefe schwankt. Einige Passagen vermitteln neurologische Zusammenhänge sehr anschaulich, andere bleiben eher im Modus der gebildeten Annäherung. Wer eine streng systematische Theorie kreativen Denkens erwartet, wird hier nicht fündig. Wer sich hingegen auf einen gelehrten, erzählerisch beweglichen Streifzug einlässt, findet zahlreiche Anstöße. Das Buch liefert keine Formel der Kreativität. Es zeigt eher, warum jede solche Formel verdächtig klingt.
Bemerkenswert ist auch das Kapitel über künstliche Intelligenz. Es erweitert die Grundfrage des Buches: Wenn Maschinen Bilder erzeugen, Texte kombinieren und Stile imitieren können, was bleibt dann als genuin menschliche Kreativität? De la Piedra Walter sieht in der KI ein Werkzeug, vielleicht auch eine Herausforderung, aber keinen Beweis dafür, dass Maschinen bereits erleben, leiden, träumen oder verstehen. Gerade nach den Kapiteln über Schmerz, Erinnerung, Körper und Wahrnehmung wird deutlich: Kreativität ist nicht nur Produktion von Neuem. Sie ist auch Erfahrung von Welt.
„Unser kreatives Gehirn“ ist ein kluges, stellenweise glänzend erzähltes Sachbuch, dessen Reiz in der Verbindung von Kunstgeschichte, Medizin und Kulturessay liegt. De la Piedra Walter zerlegt die Kunst nicht in Synapsen. Er zeigt, dass jedes Kunstwerk durch ein Gehirn hindurch muss – aber nicht in ihm aufgeht. Am Ende bleibt weniger die Antwort auf die Frage, wo Kreativität sitzt, als die Einsicht, dass sie aus Beziehungen entsteht: zwischen Körper und Geist, Erinnerung und Verlust, Schmerz und Form, Wahrnehmung und Deutung, Mensch und Welt.






Blutorangen. Der Gastrosoph Peter Peter glänzte schon durch eine prämierte Kulturgeschichte der italienischen Küche sowie Literaturguides zu Sizilien und Neapel. In seinem neuen Werk, Blutorangen, widmet er sich ganz der wichtigsten Frucht des Südens: der Zitrone.
„Na? Wie würdest du die Mona Lisa stehlen?“ Eine Frage, die Vincenzo Peruggia, der Kunstdieb des Gemäldes, während seines Gefängnisaufenthalts 1913 einen Mitinsassen mit einem nicht minder verschmitzten Lächeln hätte stellen können. Wie wahrscheinlich wäre es außerdem, eine ‚Leihgabe‘ des Gemäldes genehmigt zu bekommen, wie im Falle des reichen Entrepreneurs Miles Bron im Film Glass Onion? Realistischer war da schon 2019 die Chance, im Rahmen eines Gewinnspiels mit Airbnb eine Nacht im Louvre zu verbringen. Eine Aktion, die sicherlich auch von Beyonces und Jay-Zs Video zu „Apeshit“ inspiriert wurde.
Let’s talk about sex, sang die Band Salt n Pepa im Jahre 1990. Ein Appell an die Offenheit, sich über die individuellen Wünsche und körperlichen Bedürfnisse auszutauschen, diese zu berücksichtigen, ohne sie dem Gegenüber aufzudrängen. Kurz: Sex in Absprache und Übereinstimmung miteinander, aus freier Wahl.




Melancholie. „Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae (Kein großes Genie ohne eine Mischung von Irrsinn)“, wie schon der griechische Philosoph Aristoteles wusste. Ein wohl ebenso gewaltiges wie „irrsinniges“ Werk hat der 1952 in Debrecen (Ungarn) geborene Kunsttheoretiker, Literaturwissenschaftler und Essayist in den Achtzigern des 20. Jahrhunderts zur Melancholie vorgelegt.



Banksy wurde unter den Graffiti Artists vor allem durch einen unverwechselbaren Blick auf ein gutes placement seiner urbanen Interventionen bekannt, aber natürlich auch durch die brisant politischen Inhalte und Bemerkungen zum aktuellen Zeitgeschehen, das zeigt auch “Banksy in New York“. Allerdings hat Banksy auch den Kunstmarkt durcheinander gebracht, denn plötzlich wurden seine Skulpturen, Interventionen und Stencils zu Objekten des Kunsthandels. Inzwischen soll es sogar schon Leute geben, die sich Banksy’s Werke tätowieren lassen, was – wie der Verfasser des Vorworts, Steven P. Harrington, lakonisch bemerkt – kein Wunder sei, würden sie doch den „Wert von Eigentum“ („since this is a vandal whose deeds actually raise the value of property“) erhöhen.
