In Sanditz, einem kleinen Ort im Osten Sachsens findet ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte statt, auf fast 5 hundert Seiten, es geht vor allem um die Männer.
Nach einem Prolog beginnt es vor Weihnachten 2021, zur Coronazeit und es geht bis zum Ukrainekrieg. Tom ist Coronaleugner, seine Zwillingsschwester Maria besucht ihn, weil Infos über einen Anschlag auf die Bismarckstatue im Ort für sie als Lokalreporterin nützlich wären—ob er aus seinen Verschwörer Kreisen was darüber wüsste? Weiß er nicht, ist schon lange nicht mehr dabei. Dass er Weihnachten nicht zur Familienfeier mit Oma, Onkel und Mutter kommen wird (wegen der Maske!), ist klar.
Danach versucht Maria noch Roland, den Vater, zu besuchen. Er lebt allein und scheint Menschen zu meiden; in diesen ersten Kapiteln wird Familie Wenzel vorgestellt, wie sie wohnen, wie ihre Beziehungen untereinander sind, offenbar nicht gut. Auf beiden Buchdeckeln gibt es hilfreiche Personenlisten und Zeichnungen von den Orten des Geschehens.
Wendels sind eng verbunden mit ihrer evangelischen Kirchengemeinde, ja tragen sie mit, alle sehr musikalisch, früher spielte jeder ein Instrument, vor allem zu Weihnachten. In diesem Jahr hört Tom aber nur von außen zu, wenn Oma Klavierspielt. Sonst hat er für Weihnachten nichts vor, außer zu rauchen und über den Corona Unsinn im Netz zu lesen.
Näheres erfährt man durch die Rückblenden, die in den siebziger Jahren beginnen und von der Wendezeit berichten, Die Gemeinde koordinierte die Friedensbewegung, es gibt eine Bibliothek, wo es eine Art Samisdat Literatur gibt, manchmal bringt Opa Wenzel, der Reisekader, weil er ein international anerkannter Orgelbauer war, verbotene Literatur mit, die dann abgeschrieben und verteilt wird.
Dirk, Wenzels Sohn, erinnert sich daran, wie er damals während eines Gottesdienstes vor Allen von der Pfarrerin auf das Gespräch bei der NVA vorbereitet wurde—manchen Gemeindemitgliedern war es zu heikel. An die Zeit beim Militär denkt mann oft zurück…
Die Zeit der Wende wird in drei Kapiteln beschrieben, betitelt mit Rauch I, II und III. Der Rauch kommt vom Verbrennen der Stasiakten, die Gemeinde wird anonym von der Mülldeponie angerufen (es sind Heftzwecken in der Asche!) und immer mehr Menschen sind auf den Straßen, bis ein Lastwagen vor das Tor der Stasi fährt und es blockiert.
Auch hier ist das Geschehen durch Dialoge strukturiert, die sehr treffend und oft mit untergründigem Humor gestaltet wird, etwa, wenn der Orgelbauer Literatur auf dem Westen in seinem Werkzeugkasten versteckt, weiß, dass der Grepo es weiß und sich erkenntlich zeigt.
Den Frauen bekommt das Leben in der BRD besser, Maria, Toms Schwester hatte sogar in der BRD studiert, kommt aber als Journalistin zurück nach Sandlitz. Und der Anschlag auf die Bismarck Statue vom Prolog war wohl Fantasy.
Zwischen den Zeilen wird die Liebe Rolands für Achim erst verschämt versteckt. Dass er Männer liebt, wird erst deutlich als Roland, als „Zoni“, in Frankfurt arbeitet —dort hält er einmal mit einen Arbeitskollegen Händchen, sie werden verprügelt und verletzt. Achim hat er immer geliebt und vermisst, Jahrzehnte später findet er ihn, nun sterbenskrank, wieder und kann ihn in Frieden sterben lassen.
Tom wird Freiwilliger in der Ukraine, Frieden kann er da nicht finden, vielleicht gelingt es Dirk, seinem Onkel, der sich auf Rügen verliebt…