Und das war gut so
Hoch geehrt, mit Preisen überhäuft geradezu, gehört Edgar Lawrence Doctorow zu den Maßstab setzenden Autoren Amerikas, ihm gelang 1975 der Durchbruch mit «Ragtime», dem besten seiner zwölf Romane, der Charly Chaplin zum Weinen brachte und vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama als sein Lieblingsbuch genannt wurde. Doctorow wurde von seinen Eltern dezidiert nach einem anderen literarischen Giganten benannt, Edgar Allen Poe nämlich, – nomen est omen! Zu seinen deutschen Fans zählt insbesondere Daniel Kehlmann, – auch kein literarisches Leichtgewicht übrigens -, der E. L. Doctorow in einem FAZ-Artikel so überschwänglich gelobt hatte, dass ich mich, neugierig geworden, spontan an die Lektüre von «Ragtime» machte. Und das war gut so!
Den Gattungsbegriff «Historischer Roman» hat der Autor abgelehnt für sein Buch, gleichwohl ist es mit seinen vielen realen Figuren eine ebenso informative wie amüsante Zeitreise durch das Amerika der Epoche zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg. Zu den prominenten Protagonisten zählen der Autopionier Henry Ford und der Banker J. P. Morgan ebenso wie die Anarchistin Emma Goldman und der Entfesselungskünstler Harry Houdini, aber auch der Polarforscher Robert Edwin Peary und der Pionier der Psychoanalyse Siegmund Freud. Ein nicht in die Handlung einbezogener, namenloser Ich-Erzähler berichtet in der Rahmenhandlung vom stereotypen Leben seiner Familie in der Kleinstadt New Rochelle unweit von New York, sein Vater ist Fabrikant von Fahnen und Feuerwerkskörpern. Held des Romans ist ein farbiger Jazzpianist, den der Autor, – offensichtlich nach erfolgter Kleist-Lektüre -, Coalhouse Walker jr. nennt, ein amerikanischer Michael Kohlhaas. Dessen Furor wird ausgelöst durch eine demütigende Begegnung mit einem rassistischen weißen Pöbel, den Männern der Feuerwehr, die seinen funkelnagelneuen Ford Model T in purer Bosheit übel zurichten. Und auch hier findet der gnadenlos Gedemütigte, wie sein deutsches Vorbild, keine Unterstützung, wird sein Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Bestrafung der Täter und Wiedergutmachung des Schadens, höhnisch abgewiesen. «Ein Mann sieht rot» lautet der Titel eines Spielfilms mit ähnlicher Thematik, und auch Coalhouse rächt sich auf unglaublich raffinierte und ebenso fürchterliche Weise.
Die leider heute noch bestehende Rassenproblematik und die skandalösen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», – welche ja auch im Negativen unbegrenzt sind -, stehen thematisch im Mittelpunkt des Romans. Sprachlich dem Titel folgend wird die Geschichte in einfachen Sätzen rhythmisch vorangetrieben, den Synkopen eines Scott Joplin vergleichbar, stakkatoartig eng aufeinander folgend. Die Charaktere sind stimmig beschrieben, sie stehen plastisch vor dem Auge des Lesers in parallelen Erzählsträngen, die klug ineinander verwoben den Plot voranbringen, wobei sich die Spannung, dramaturgisch geradezu mustergültig, ständig steigert bis hin zum letzten Kapitel. Dem bis dorthin geradezu zwingend vorgezeichneten und Amerika-typischen Showdown folgt ein kurzer, versöhnlicher Ausblick auf das weitere Schicksal der Figuren.
Die raffinierte Verknüpfung von historischen Fakten, die als Versatzstücke in den Roman eingebaut sind, mit den fiktionalen Erzählmotiven des Romans ist wahrhaft meisterlich, die deutlich durchscheinende Ironie gibt häufig Anlass zum Schmunzeln. Mit seiner in Episoden erzählte Geschichte ist der Roman eine kluge Abrechnung mit dem «American Dream», jenem laut Sigmund Freud «gigantischen Irrtum», dem die vielen Figuren gleichwohl unbeirrt nachjagen. Dieses breit angelegte Panorama mit New York als zentraler Bühne ist nicht nur beste Unterhaltung, ein Stimmungsbild dieser Epoche, es bietet auch einiges Wissenswerte. «Das Leben eines Schriftstellers ist so riskant, dass alles, was er tut, schlecht für ihn ist», soll Doctorow gesagt haben. Wie auch immer, «Ragtime» zu schreiben war jedenfalls gut für den Leser.
Fazit: erstklassig
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Ein verkannter Poet
Die 19-jährige Studienanfängerin Celine ist hypersensibel und verfügt über eine Gabe, die sie zunehmend als Last empfindet: Ab und an erscheinen ihr Visionen, die sich als tatsächliche Ereignisse in naher Zukunft herausstellen. Ihre Eltern, die in einem Zugunglück umkamen, das das Mädchen voraussah, schenkten den verzweifelten Warnungen ihrer Tochter keinen Glauben und zahlten mit ihrem Leben. Ein Studienfreund, den sie vor einem Unfall mit dem Fahrrad warnt, kommt zwar mit dem Schrecken davon, aber er meidet daraufhin Celine, weil sie ihm nicht ganz geheuer ist.
Der junge Held in Meyerhoffs zweitem Roman wächst zwischen Hunderten von Verrückten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie auf – und mag es sogar sehr. Mit zwei Brüdern und einer Mutter, die den Alltag stemmt – und einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen?
Aphorismen zu schreiben, ist der Versuch, eine An- oder Einsicht in wenige Worte zu fassen – und glaubhaft zu machen, dass es dem nichts hinzuzufügen gibt. Mit diesem Satz definiert Markus Mirwald das literarische Genre, mit dem er sich bevorzugt beschäftigt.
Codierte Verlusterfahrung
Ironisches Psychogewäsch
Die Bohrinsel als Metapher
Nika Lubitsch hat mit »… und aus bist du«, dem Erstling einer neuen Reihe von Berlin-Krimis, ein spannendes Feld betreten: Gemeinsam mit Michael Hellmann, einem langjährigen Ermittler bei einer Berliner Mordkommission, schreibt sie Polizei-Krimis mit dem Anspruch, die Realität ohne Sozialromantik abzubilden und die Möglichkeiten der Zukunft aufzuzeigen. Der Leser wartet nun gespannt darauf, ob diese Besonderheit das Buch einzigartig und unverwechselbar macht.
Leider nur absurdes Palaver
Schon bevor er spielt, ahnt der Organist die Farben der Orgel: Wind bläst die Bälge auf, Atem weht durch die Kanäle. Sie warten auf die Berührung eines Fingers, um die Sanftheit des Gedackts, die strahlende Klarheit der Mixturen, das ausdrucksvolle Schweben der Voix céleste, die Wildheit der Spanischen Trompeten, die Majestät des Plenums zu erwecken.
Ordinär originell
Ein weites Feld
