Wer die Nachtigall stört

lee-1Neues von der Spottdrossel

Mit dem 1960 unter dem Titel «To Kill a Mockingbird» veröffentlichten Roman ist die US-amerikanische Schriftstellerin Harper Lee weltberühmt geworden, sie bekam im Jahr darauf den Pulitzerpreis. Nach «Wer die Nachtigall stört» wurde von ihr 55 Jahre lang nichts mehr veröffentlicht, laut eigener Aussage, weil sie den Vergleich eines neuen Buches mit ihrem so überaus erfolgreichen Debüt fürchtete. Die Spottdrossel, Wappenvogel etlicher Südstaaten der USA, wurde in der deutschen Ausgabe zur «Nachtigall», aus dem «Töten» wurde weniger martialisch ein «Stören», Beides ist eine treffende Metapher dafür, wie durch menschliche Vorurteile, durch stupiden Rassenhass nämlich, schreiendes Unrecht entsteht, die Idylle zerstört wird. Der weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkaufte Roman, schon 1962 kongenial verfilmt mit Gregory Peck, hat inzwischen den Status eines zeitlosen Klassikers. Auf Deutsch liegt er, in einer nach mehr als fünfzig Jahren erstmals überarbeiteten Übersetzung, jetzt neu vor, versehen mit einem informativen Nachwort von Felicitas von Lovenberg.

Harper Lee wird mit Truman Capote, William Faulkner, Carson McCullers, Tennessee Williams und vielen anderen Autoren der Southern Gothic zugerechnet, eine von Gewalt und Armut geprägte, kritische Südstaatenliteratur, zu der neben skurrilen Figuren und makabren Geschehnissen als integrales Element der Aberglaube und die Angst vor Geistern gehört. Auch hier im Roman überspannt die panische Angst der Kinder vor einem menschenscheuen Nachbarn, über den allerlei gruselige Geschichten kursieren, klammerartig den Plot.

Der Roman ist zeitlich in den Jahren 1933 bis 1935 angesiedelt, also in der als «Great Depression» bezeichneten Wirtschaftskrise, Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Maycomb in Alabama. Erzählt wird aus der Perspektive der ungewöhnlich selbstbewussten, aufgeweckten achtjährigen Jean-Louise, die von allen nur Scout genannt wird und einen nicht minder cleveren, vier Jahre älteren Bruder namens Jem hat. Ihr alleinerziehender Vater ist der von allen geachteter Anwalt Atticus Finch, ein äußerst geradliniger, integrer Mann, der für sie nicht nur Autorität verkörpert, sondern auch ihr um Antworten nie verlegener Lehrer und kumpelhafter Freund ist, die Kinder nennen ihn wie selbstverständlich immer nur beim Vornamen. Der zweiteilige, in 31 Kapitel gegliederte Entwicklungsroman behandelt im ersten Teil die Kindheit von Scout und Jem, deren Erziehung zu einem nicht unwesentlichen Teil in den Händen der resoluten, aber stets wohlmeinenden farbigen Haushälterin Calpurnia liegt. Im zweiten Teil wendet sich der Plot dem beherrschenden Thema des Romans zu, der angeblichen Vergewaltigung einer jungen Weißen durch einen Neger. In dem Prozess vertritt Atticus den farbigen Angeklagten, was ihm – und damit auch seinen Kindern – von fast allen Einwohnern der Stadt sehr übel genommen wird in ihrem dumpfen, blinden Rassenhass.

Besonders erfreulich war für mich neben der klug durchdachten Handlung mit ihren vielen lebensecht beschriebenen, markanten Figuren die stilsichere, lebendige Sprache von Harper Lee, leicht lesbar mit stimmigen Dialogen. Ihre warmherzige Story ist tiefsinnig und ethisch belehrend, sie behandelt Gewissen und Gerechtigkeit, ohne didaktisch moralisieren zu wollen, aber immer messerscharf zwischen gut und böse unterscheidend. Was die Lektüre jedoch vollends zum Hochgenuss werden lässt ist der unterschwellige Humor der Autorin, im Roman realisiert durch die kindliche Erzählperspektive der burschikosen Ich-Erzählerin und ihre ebenso naiven wie verschmitzten Gedankengänge, die den Leser immer wieder schmunzeln und oft auch laut auflachen lassen. Obwohl ruhig und unaufgeregt erzählt, enthält die Story durchaus Spannung und wartet mit überraschenden Wendungen auf. Letztendlich aber ist es die phänomenale Leichtigkeit, mit der das alles erzählt wird, die uns staunen macht bei dieser überaus erfreulichen Lektüre.

Fazit: erstklassig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt
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4 Gedanken zu „Wer die Nachtigall stört

  1. Warum Sie in Ihrer Rezension das Wort „Neger“ verwenden, und zwar keinesfalls als Zitat kenntlich gemacht, ist mir unverständlich. Ist das ein 50 Jahre alter Text?

  2. In dem Roman «Lucia Binar und die russische Seele», den ich vor wenigen Tagen rezensiert habe, soll in Wien die Große Mohrengasse in Große Möhrengasse umbenannt werden, schöner kann man ja political correctness gar nicht persiflieren!

    Ich habe ganz bewusst, nachdem ich an anderen Stellen mit ‹farbig› umschrieben habe, vom Prozess wegen Vergewaltigung einer Weißen durch einen Neger geschrieben, weil das in den USA, und zwar nur dort, vor 60 Jahren das spätere Urteil schon fast vorweggenommen hat.

    Wenn Sie ernstlich glauben, dass man Hass gegen Juden, Zigeuner oder auch Neger durch eine andere Benennung aus der Welt schaffen kann, dann irren Sie sich gewaltig! Und ich lasse mir den Negerkuss oder Mohrenkopf, nennen Sie ihn meinetwegen Schaumkuss, weiterhin schmecken, – nichts für ungut!

    • Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen: Es ist Teil von Rassismus, das Problem zu ignorieren. Sie fühlen sich pudelwohl und arglos beim Gebrauch des N-Wortes, weil es schon immer da war und Sie sich offenbar nichts vorschreiben lassen wollen. Das sehen schwarze Menschen aus guten Gründen völlig anders. Dass Sie als Weißer, nicht Betroffener, darüber befinden, dass der Gebrauch trotzdem okay ist, das IST Rassismus, auch wenn Sie das nicht beabsichtigen mögen.
      Das N-Wort trägt auch nichts zu Ihrer Rezension bei, da nicht kenntlich gemacht ist, dass Sie nur wiedergeben, was im Buch steht und es damals leider noch Sprachgebrauch war.

      Ich bin auch sehr verwundert, dass Jemand, der sich mit Sprache und Literatur beschäftigt, nicht weiß, dass Sprache das Denken formt. Achtsamer Sprachgebrauch wäre also zumindest ein Anfang.

      • Eine Kontroverse im Parlament von Mecklenburg-Vorpommern um das Wort Neger wurde vom Verfassungsgericht des Landes am 19. Dezember 2019 dahingehend entschieden, «die bloße Verwendung des Wortes dürfe nicht pauschal als Verletzung der Würde des Hauses geahndet werden. Ob es abwertend gemeint sei, könne „nur aus dem Zusammenhang beurteilt werden“. Dies sei etwa nicht der Fall, wenn es ironisch oder zitierend verwendet würde».

        Nicht erst seit dem Film «Jud Süß» ist das Wort Jude negativ konnotiert, es wird als Schimpfwort für raffgierige und hintertriebene Menschen benutzt. Steht das jetzt auch auf dem Index selbsternannter Sprachwächter wie Sie, darf ich nicht mehr schreiben, jemand sei Jude? Eine wahrhaft absurde Diskussion! In meinen derzeit 584 an dieser Stelle veröffentlichten Rezensionen kommt das Wort Neger genau dreimal vor, – jeweils sprachlich geboten, ohne jede abwertende Bedeutung. Mir Rassismus zu unterstellen ist schon mehr als dreist! Aber Sie haben Recht, ich bin einer, der sich sprachlich rein gar nichts vorschreiben lässt.

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