Johnny Ohneland

Ein Narrativ als Selbstgespräch

Nach zehn Jahren hat Judith Zander mit «Johnny Ohneland» kürzlich ihren zweiten Roman veröffentlicht, ein Werk, das in vielerlei Hinsicht überrascht. Da ist zunächst der Vorname im Titel, der sich als angenommener Name eines Mädchens mit dem schönen Namen Joana erweist, der Nachname Ohneland spielt auf den unglücklichen Bruder von Richard Löwenherz an. Das Mädel hat schon früh ihre Weiblichkeit durch diesen Vornamen zu verdrängen versucht, für alle ist sie nur noch Johnny, es geht folglich um die Gender-Problematik als zentralem Thema. Ungewöhnlich ist neben dem, ‹was› erzählt wird, aber auch, ‹wie› erzählt wird, denn die Geschichte ist bis auf wenige Seiten am Schluss komplett in Du-Form erzählt. Johnny spricht also im Präteritum zu sich selbst, in einem endlosen inneren Monolog. An diesen zunächst irritierenden Erzählstil gewöhnt man sich allmählich als Leser, was aber nicht darüber hinweghilft, dass die auf diese Art entstehenden, komplizierten und zuweilen stilblütenverdächtigen Satzgebilde den Lesefluss oft erheblich stören. Weiter im Du-Ton:

Von früh an, schon im Kindergarten, führst du ein Außenseiter-Dasein. Du bist extrem introvertiert, zudem äußerst kontaktscheu und folglich immer allein, sieht man mal von deinem zwei Jahre jüngeren Bruder Charlie ab, mit dem du dich meistens gut verstehst. Ihr werdet oft für Zwillinge gehalten, so sehr gleicht ihr euch äußerlich, besonders seit du deine Haare jungenhaft kurz geschnitten hast und dir nur noch knabenhafte Klamotten anziehst. In diesem typischen Entwicklungsroman bist du ein unangepasstes Mädchen auf der Suche nach deinem wahren Ich, deine Lieblingsbeschäftigung ist Nachdenken, hast du erkannt. Du kommst aus einer namenlosen Kleinstadt in MeckPom, dein Vater ist Bäcker, deine Mutter arbeitet in einem Blumenladen, eine bildungsferne Herkunft mithin. Orte der Handlung sind neben der pommerschen Provinz auch Finnland, wo du in Helsinki studiert hast, außerdem Australien, dort hast du nach dem Studium deinen ersten Arbeitsplatz am Goethe-Institut von Sydney gefunden. Vom Kindergarten angefangen über Grundschule, Gymnasium und Studium ist dein Leben von den Schwierigkeiten deiner Selbstfindung bestimmt gewesen, geradezu analytisch schilderst du als Protagonistin dein Seelenleben in allen Details. Eine Zäsur stellte dabei das plötzliche Verschwinden deiner Mutter dar, die der Familie in einen Zettel auf dem Küchentisch lapidar mitgeteilt hat, dass sie ein neues Leben ohne euch begonnen habe, sie würde nie mehr zurückkommen, und ihr sollt nicht nachforschen.

Nach deiner Entjungferung, durch ein maskulines Wesen immerhin, wirst du geradezu magisch zum eigenen Geschlecht hingezogen, mehr als Herumknutschen findet dabei aber nie statt. Zwischendurch hast du dann sogar noch den einen oder anderen Lover, als One-Night-Stand, nie für länger. Bis du am Ende deines Australien-Aufenthalts schließlich doch noch mit einer Frau intim wirst, – was dich dann aber auch nicht recht überzeugen kann. Jedenfalls, wird dir da endlich klar, bist du ja tatsächlich bisexuell, du sitzt quasi zwischen den Stühlen!

Diese Geschichte, die eher einer Meditation gleicht, ist mit Intertextualität üppig angereichert, im Anhang sind fast hundert Quellen benannt. Außerdem finden sich unzählige Redensarten, Sprüche, Zitate und Songtexte, viele auf Englisch. In klugen Selbstreflexionen werden metaphernreich Johnnys Seelenleben, ihre genderspezifischen Probleme und manch anderes Ungemach in der Welt beleuchtet. Beste, aber leider einzige amüsante Episode ist ein Discobesuch, bei dem der DJ gnadenlos die Tanzfläche leer fegt, indem er plötzlich, zur Ankurbelung des Getränkekonsums, nur noch öde Schnulzen auflegt. Zweifellos ist die Sprache das erfreulichste Merkmal dieses Narrativs, ein wortmächtiger, sehr spezifischer Stil. Dabei wird allerdings selbstverliebt oft weit über das Ziel hinausgeschossen, was den Text gewaltig aufbläht, weniger wäre hier mehr gewesen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Léon und Louise

Ein Glücksfall der Gegenwartsliteratur

Man ist bei «Léon und Louise» von Alex Capus an den berühmten Liebesroman von Garcia-Marquez erinnert. In beiden Geschichten finden die Paare erst im Alter zu ihrem späten Glück, dem sie in den beiden jeweils grandiosen Schlussszenen, von der Welt abgeschottet, auf einem Schiff entgegenfahren. Als Handlungsgerüst dienen dem Schweizer Schriftsteller einige Details aus dem Leben seines Großvaters, um die herum er einen klug konstruierten Plot aufbaut, den man treffend auch mit «Die Liebe in den Zeiten der Weltkriege» betiteln könnte, beide politischen Katastrophen lauern als Menetekel über dem schicksalhaften Romangeschehen.

«Wir saßen in der Kathedrale von Notre-Dame und warteten auf den Pfarrer», lautet der erste Satz. Im offenen Sarg liegt Léon Le Galle, der Großvater des Ich-Erzählers, der in einem epilogartigen ersten Kapitel berichtet, wie plötzlich eine kleine graue Gestalt durch eine Seitentür eintritt, zum Sarg eilt, den Toten küsst, eine Fahrradklingel aus ihrer Handtasche nimmt, zweimal damit klingelt, sie in den Sarg legt, sich zur Trauerfamilie umwendet und jedem kurz in die Augen schaut, ehe sie genau so schnell verschwindet wie sie gekommen ist. Es ist der 16. April 1986, die zierliche alte Dame war Louise, die langjährige Geliebte von Léon, die keiner der Hinterbliebenen je gesehen hatte, – er hat ihr genau diese Klingel kurz nach ihrer ersten Begegnung ans Fahrrad montiert.

Im Frühling 1918 lernt der damals 17jährige Léon in der Normandie Louise kennen, ihre kurze Romanze wird jäh beendet, als sie bei einem Fahrradausflug ans Meer von Tieffliegern angegriffen werden. Beide werden schwer verletzt in verschiedene Lazarette gebracht und halten den jeweils anderen für tot, wobei ein eifersüchtiger Bürgermeister seine Hand im Spiel hatte. Zehn Jahre später sieht der inzwischen verheiratete Léon in der Pariser Metro Louise in einem Zug davonfahren. Es gelingt ihm, sie zu finden, nach einer Liebesnacht beschließen sie aber, sich mit Rücksicht auf Léons Ehe nie mehr wiederzusehen. Der Zweite Weltkrieg verschlägt Louise dienstlich nach Afrika. Léon wird noch mehrmals Vater und schlägt sich als Polizei-Chemiker mit den Besatzern herum. Ein schmuckes Hausboot, das eigentlich ungewollt plötzlich sein Eigentum ist, wird nach Kriegsende das behagliche Refugium des sympathischen Mannes.

Aus der Perspektive seiner Figuren wird in diesem ebenso unsentimentalen wie originellen Roman vor allem eine äußerst unruhige politische Epoche geschildert, die sich sehr anschaulich in den Begebenheiten und Schicksalen spiegelt, von denen die kleinen Leute in Frankreich betroffen waren. Besonders die Figurenzeichnung des eher gegensätzlichen Liebespaares mit dem gutmütigen, in sich gekehrten und phlegmatischen Léon und der burschikosen, selbstbewussten, lebenslustigen Louise ist überzeugend gelungen. Ihre Beziehung ist völlig frei vom schnulzigen Herz-Schmerz-Chaos gängiger Genre-Romane, wobei man trotzdem deutlich spürt, wie tief die Beiden über Jahrzehnte hinweg emotional verbunden bleiben, allen Widrigkeiten zum Trotz. Es sind nicht so sehr ihre individuellen Charaktere, die den Leser beeindrucken, es ist vielmehr die Unbedingtheit, mit der sie scheinbar gottgewollt zueinander gehören. Sogar Léons Frau, der er bis zu ihrem Tod unverbrüchlich verbunden bleibt als verlässlicher Ehemann, erkennt diese adhäsiven Kräfte und entscheidet sich nach anfänglichen Protesten schließlich lebensklug, sie zu akzeptieren. Beeindruckend ist die klare Haltung des Ehepaares, das nach so langer Gemeinsamkeit am Sakrament der Ehe festhält. Aber Léon kann nun mal seiner Vergangenheit nicht entfliehen, die Liebe zu Louise ist sein Schicksal und bestimmt auch ganz entscheidend ihr Leben. Mit großem Einfühlungsvermögen in einer angenehm lesbaren Sprache geschrieben, gewürzt mit einer wohldosierten Portion Humor, ist dieser Roman einer der seltenen Glücksfälle unserer höhepunktarmen Gegenwartsliteratur.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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100 Jahre Bukowski: Short Stories

100 Jahre Bukowski

100 Jahre Bukowski. Der Meister der Kurzgeschichte wäre dieses Jahr, am 16. August, 100 Jahre alt geworden. Warum er es nicht schaffte, erzählen u.a. seine hier vorliegenden Short Stories, die in den Siebziger Jahren auch in Deutschland veröffentlicht wurden. Die beiden hier vorliegenden Bukowski Short Story Sammlungen „Pittsburgh Phil & Co. Stories vom verschütteten Leben“ und „Ein Profi. Stories vom verschütteten Leben“ erschienen 1973 erstmals im amerikanischen Original unter dem Titel „South of North“ bei Black Sparrow Press. 1977 wurden sie auf Deutsch bei Zweitausendeins als „Das ausbruchsichere Paradies. Stories vom verschütteten Leben“ veröffentlicht. Der Deutsche Taschenbuchverlag dtv hat 1983 die Zweiteilung vorgenommen, die bis zur 18. Auflage 2016 beibehalten wurde.

Bukowski und die Frau des Lebens

Finanziell gesehen war man mit einer Möse eindeutig besser dran als mit einem Schwanz. Um das zu verdienen, was sie ihn zehn Minuten anschaffte, mußte ich einen ganzen Tag arbeiten und noch einige Überstunden dranhängen.“ (In. Zwei Trinker) Schon in der ersten Story, „Die Stripperinnen von Burbank“, macht Bukowski klar wo der Hammer hängt. Acht Stunden lang schlägt er auf einen Konkurrenten ein, bis auch er begreift, dass „wenn man acht oder neun Stunden lang aufeinander eingeschlagen hat“, sich ein ganz „eigenartiges Gefühl der Verbundenheit“ entwickelt. Zumal es eigentlich um gar nichts geht, denn wer verliebt sich schon in eine Stripperin, die Rosalie heißt? Bukowski macht sich Gedanken über das Zusammeleben mit Frauen oder beschreibt den Größenwahnsinn des Halbschwergewichtlers Jack, der nach seinen Kämpfen trinkt und raucht, obwohl seine Ann ihn belehrt, es nicht zu tun. Zumeist hat sich ohnehin alles gegen seine Protagonisten verschworen: „Frauen, Jobs, keine Jobs, das Wetter, die Hunde“. In „Das ausbruchsichere Paradies“ hält eine Frau, Dawn, sich vier Homuncoli, die sie auf einem Bartresen kopulieren lässt, wovon sie selbst so angetörnt wird, dass sie mit der Barbekanntschaft, dem Erzähler, mit nach Hause nimmt. In „Liebe für 17,50“ wendet sich Robert von seiner Flamme Brenda ab und verliebt sich in eine Schaufensterpuppe, Stella, die er einem alten Juden abluchst und in seine Bude mitnimmt. „Eine gute Frau, das ist das Größte auf der Welt“, lässte er einen seiner Protagonisten sagen. Aber wo soll Henry Chinaski so eine finden?

Im Ring mit Hemingway

100 Jahre Bukowski

Egal in welche Rolle Charles Bukowski schlüpft, es sind immer sympathische Verlierer, die er beschreibt und die sein Herz erwärmen, denn er hält nichts von dem „gutrasierten Boy mit der Krawatte und dem guten Job“, wie er in „Mumm“ freimütig bekennt. In dem zweiten Band „Ein Profi. Stories vom verschütteten Leben“ befreit er den leibhaftigen Teufel aus einem Käfig, bis er merkt, dass dieser ihm seine Frau ausspannt. Aber Chinaski schlägt selbst dem Teufel ein Schnippchen. „Ich interessiere mich mehr für Perverse als für Heilige“, schreibt er, „Ich kann relaxen in Gesellschaft von Pennern, denn ich bin selber einer. Ich habe nichts übrig für Gesetze, Moral, Religion, Vorschriften. Ich mag mich nicht von der Gesellschaft trimmen lassen.“ Mit Worten wie diesen machte Charles Bukowski sich in den Siebzigern zum Anti-Helden einer ganzen Generation. Er erzählt von seinen Lesereisen und was Dylan Thomas umgebracht hat. Oder steigt mit Ernest Hemingway in den Ring. Innerhalb eines Absatzes schreibt er sich vom Grashüpfer zum unbestrittenen King, um dann wieder in Selbstmordgedanken zu versinken. Oft geht er mit dem Gefühl ins Bett, das alle Säufer kennen, schreibt er an einer Stelle: „Ich hatte mich lächerlich gemacht, aber zum Teufel damit.

Charles Bukowski
Pittsburgh Phil und Co. Stories vom verschütteten Leben
Zusammengestellt und ins Deutsche übertragen von Carl Weissner
ISBN: 978-3-423-12391-4
dtv
7,90 EURO

Charles Bukowski, Carl Weissner (Hrsg.)
Ein Profi. Stories vom verschütteten Leben
Zusammengestellt und ins Deutsche übertragen von Carl Weissner
ISBN: 978-3-423-10188-2
dtv
8,90 EURO


Genre: Feminismus, Kapitalismus, Literatur, Short Stories, Siebziger, USA
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Da sind wir

Rhetorische Floskel

Eigentlich sollte der Bestseller «Ein Festtag» sein letzter Roman bleiben, drei Jahre später nun ist vom britischen Erfolgsautor Graham Swift mit «Da sind wir» erneut ein Kurzroman erschienen, in dem er sein Zentralthema des Erinnerns aus anderen Blickwinkeln und in einem anderen Milieu nochmals aufgreift. Wie beim Vorgänger handelt es sich hier eher um eine Novelle, es ist nämlich eine ‹unerhörte Begebenheit› im Sinne Goethes, auf die diese neue Geschichte hinsteuert, was im Milieu des Varietés mit einem Zauberer als Held schon fast vorgezeichnet scheint. Ein weiteres literarisches Highlight?

Jack und Ronnie gelingt nach ihrer gemeinsamen Militärzeit der Sprung ins Showbusiness, sie bekommen 1959 im mondänen Seebad Brighton ein Engagement in einer berühmten Bühnenshow auf den Piers. Jack, der dort als Entertainer arbeitet, holt seinen Freund Ronnie erstmals als Zauberer auf die Bühne, und der verpflichtet als publikumswirksame Ergänzung für seine Show eine attraktive Assistentin. Die Drei haben großen Erfolg, sie ergänzen sich optimal, Ronnie und Evie rücken als ‹Pablo und Eve› immer mehr ins Rampenlicht, sie reüssieren als Zugnummer ihres Theaters, werden schon bald ein Paar und verloben sich. Bis passiert, was passieren muss in solcherart Konstellation, der berüchtigte Womanizer Jack bekommt Evie schließlich doch ins Bett, und völlig überraschend ist es für Beide die große Liebe. Sie heiraten, und ihre Ehe hält schließlich bis zu Jacks Tod fünfzig Jahre später. Ronnie aber ist damals, während seines letzten Auftritts, wie von Zauberhand spurlos von der Bühne verschwunden und blieb trotz intensiver polizeilicher Nachforschungen für immer unauffindbar.

Geschickt verknüpft Graham Swift in diesem neuen Roman das Schicksal seines Helden mit dem historischen Geschehen des Zweiten Weltkriegs. Wegen der ständigen Bombardierungen Londons musste der achtjährige Junge von seiner Mutter zu Pflegeeltern aufs Land evakuiert werden und wurde bei einem wohlhabenden, kinderlosen Ehepaar liebevoll großgezogen. Sein Pflegevater war vor dem Krieg ein erfolgreicher Zauberer gewesen, hat auch ihn für seine Kunst begeistern können und dem Pflegesohn bei seinem frühen Tod eine größere Summe hinterlassen. Die konnte Ronnie schließlich als unbedingt erforderliches Startkapital für seine eigene Bühnenshow mit Evie einsetzen. Mit einem melancholischen Grundton erzählt der Autor vom Leben im Varieté, das damals seinen beginnenden Niedergang erlebte, von Ronnies freudloser Kindheit und den glücklichen Jahren bei den Pflegeeltern.

Dabei springt er in diversen Rückblenden in die Vorgeschichte seiner Figuren zurück, erzählt seinen Plot zudem in stark fragmentierter Form und benutzt zuweilen das Stilmittel des unzuverlässigen Erzählers, was im Zusammenspiel mit Zauberei und Magie nicht wenig zur Verunsicherung des Lesers beiträgt. Seine Figuren wirken wenig empathisch und entsprechen diversen gängigen Klischees, vom draufgängerischen Frauenschwarm Jack über die kühl berechnende und leicht zu erobernde Evie in ihrem Glitzerkostüm bis zum hochsensiblen Zauberkünstler Ronnie, der sich seine treulose Verlobte kommentarlos ausspannen lässt. Zu den häufig verwendeten Metaphern im Roman zählt der Spiegel als trügerisches Symbol oder der bunte Papagei als krasser Gegenpol zur weißen Taube als dem typischen Überraschungstier beim Zaubern. Wenig erhellend sind auch die Erinnerungen der fünfundsiebzigjährigen Evie, die ein Jahr nach dem Tod von Jack, der mit ihr als seiner Managerin erfolgreich Karriere im Showbusiness gemacht hatte, immer wieder von Ronnie phantasiert. Der könne jeden Moment zur Tür hereinkommen, als Wiedergänger quasi. Gleiches denkt sie auch von ihrem toten Mann, derartige Illusionen begleiten sie also noch auf ihre alten Tage. «Hier sind wir» mag als rhetorische Floskel beim selbstbewussten Auftritt auf der Bühne funktionieren, dieser Roman jedoch kann mit dem Niveau seines Vorgängers nicht annähernd mithalten!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Bukowskis Jugendjahre

Bukowskis Jugendjahre. „Für alle Väter“ lautet die Widmung, die Charles Bukowski, der im August dieses Jahres 100 Jahre alt werden würde, seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen voranstellt. Denn Bukowski ist nicht nur der Autor zahlreicher Gedichte und Short Stories, sondern auch von einigen Romanen.

Bukowski: Class of `39

„Post Office“, sein Romandebüt widmete sich seiner einzigen festen Anstellung bei der amerikanischen Post. In „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“ geht Charles Bukowskis aber noch weiter in seinen Erinnerungen zurück, nämlich bis in seine Jugend im Amerika der 20er und 30er Jahre. Sein Vater, der jeden Morgen pünktlich das Haus verlässt, damit die Nachbarn nicht merken, daß er arbeitslos ist, war von der oben angeführten Zueignung und Widmung wohl ausgeschlossen. „Die rohe Gewalt, die in ihm rumorte, verscheuchte alles andere.“ Denn er züchtigte seinen Sohn Charles mit dem Lederriemen und verursachte damit wohl genau jene Entzündungen, die später als eitrige Akne ausbrachen und Bukowski damit sein Leben (oder zumindest seinen Körper) versauten. Aber so schlecht war dieses Leben nicht mehr, zumindest ab dem Zeitpunkt als er sein Elternhaus verließ. Genau über die Zeit davor handelt der vorliegende autobiographische Roman.

„Fump, fump, fump,fump …“

Bukowski nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Er spricht über Tabus, damit auch andere sich trauen, darüber zu reden. Seine Worte machen Mut und lösen eigene Erinnerungen aus, die vielleicht ebensolche Traumata auslösten. In der Schule war er noch ein Sportass, aber bald verlässt ihn der Ehrgeiz, da er schon früh anfängt zu trinken. „Das hier machte das Leben zu einer reinen Freude. Es machte einen Mann unerschütterlich und unangreifbar“, schreibt er über seinen ersten Rausch, bei dem er sich an Weinfässern des Vaters eines Mitschülers bediente. „So wohl war mir noch nie gewesen. Es war besser als Onanieren.“ Bukowski war noch keine 14. Bei der Beschreibung einer Tätigkeit eines anderen Mitschülers während des Unterrichts, bedient sich Bukowski auch der Lautsprache: „Fump, fump, fump,fump …“ lautet sein Kommentar zu den Beinen von Mrs. Gredis. Eine Parallelmontage der ganz anderen Art. Aber Bukowski zeigt auch viel Gefühl, etwa wenn er seine Beziehung zu der Krankenschwester beschreibt, die ihm seine Pusteln ausbrannte, Miss Ackermann. Aus seinem ersten McJob wird er wegen einer Schlägerei rausgeschmissen, aber mit der Pünktlichkeit hatte er es damals schon nicht so genau genommen. Seine ersten Tage als Student werden ebenso angeschnitten, wie seine Entscheidung nicht in den Krieg zu ziehen. Die Class of `39 war nämlich trotz Pearl Harbor schon pazifistisch gesinnt, obwohl `68 noch weit entfernt war.

Charles Bukowski wusste wohl damals schon, dass er sich ein Leben lang als Außenseiter durchschlagen muss. Nach weiteren McJobs als Tankwart, Schlachthof- und Hafenarbeiter (und natürlich als Postmann) starb Bukowski am 9. März 1994 in San Pedro/LA.

Charles Bukowski

Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend

Roman

dtv Allgemeine Belletristik
Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Weissner
2007, 352 Seiten, Softcover

ISBN 978-3-423-20963-2
10,95 EURO

dtv


Genre: Autobiografie, Roman
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Die toten Seelen

Originelle Grundidee

Nicolai Gogol steht in vorderster Reihe jener Schriftsteller, die in der nach-napoleonischen Zeit eine eigenständige russische Literatur geschaffen haben. Sein Hauptwerk «Die toten Seelen» blieb unvollendet, von den ursprünglich geplanten drei Teilen des Romans ist nur der erste fertig geworden, der zweite ist fragmentarisch erhalten. Gogol gilt als bedeutendster Vertreter der literarischen Groteske, er wurde darin besonders von Puschkin gefördert, der ihn auch zu diesem Werk angeregt hat, das 1842 erstmals erschienen ist und seither zu den Klassikern der Weltliteratur zählt.

Sein Protagonist ist Pawel Tschitschikow, ehemals ein kleiner Beamter, der sich durch Fleiß und Umsicht nach oben gearbeitet hat. In seiner letzten Position beim Zoll hatte er sich als unbestechlicher Kämpfer gegen die weitverbreitete Korruption im Zarenreich profiliert. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst reist er zu Beginn des Romans mit seinen zwei Leibeigenen, dem treuen Diener und dem Kutscher, von Gutshof zu Gutshof, um seine geniale Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. Die auf den Gutshöfen arbeitenden Bauern und Handwerker waren allesamt Leibeigene, die quasi als lebendes Inventar ebenso zum Besitz dazugehörten wie die Ländereien und Gebäude. Sie stellten einen Wert an sich dar, konnten also je nach Bedarf hinzugekauft oder verkauft werden. Jeder Gutsherr musste entsprechend einer alle fünf Jahre neu erfolgenden Zählung eine Kopfsteuer für diese sogenannten ‹Revisionsseelen› entrichten. Tschitschikow nun will den Gutsherren alle ihre inzwischen verstorbenen Leibeigenen abkaufen, nur tote Seelen also, was überall großes Erstaunen auslöst. Aber weil mit dem notariellen Kaufvertrag die jährlichen Abgaben des Gutsherrn für die verkauften Leibeigenen wegfallen, sind sie letztendlich doch oft bereit zu diesem ebenso ominösen wie vertraulichen Geschäft, dessen Hintergründe niemand wirklich durchschaut. Am Ende schließlich kauft sich Tschitschikow dann auch noch spottbillig einen maroden, weit abgelegenen Gutshof. Durch seine inzwischen mehrere hundert nur auf dem Papier existierenden Leibeigenen aber, die er vorgeblich dort ansiedeln wird, ist das Gut inklusive Gesinde plötzlich sehr viel wert. Dementsprechend könnte es nun auch sehr hoch beliehen werden, – so sein erst im Verlauf der Geschichte allmählich deutlicher werdendes Kalkül!

Schamlos übertreibend schildert Gogol in seinem Erfolgsroman die groteske Geschichte eines ebenso gerissenen wie lebenshungrigen Mannes, der durch sein konziliantes Auftreten bei den allesamt vertrottelten, geltungssüchtigen Honoratioren der Stadt schnell hohes Ansehen gewinnt und viele nützliche Kontakte knüpft. Nacheinander werden dann in weiteren Kapiteln ebenso verschiedene Gutsherren vorgestellt, die jeder für sich einen skurrilen Typen aus der dekadenten gesellschaftlichen Mittelklasse verkörpern. Bis auf wenige Ausnahmen werden sie als arbeitsscheu beschrieben, sie kümmern sich nicht um ihr Landgut, sondern frönen gelangweilt dem Müßiggang. Insoweit ist dieser Roman eine Anklage, aber auch eine karikaturartige Verhöhnung der erstarrten, maroden Gesellschaft im zaristischen Russland, die aber seinerzeit dennoch, erstaunlicherweise auch bei den betreffenden sozialen Schichten, literarisch viel Anklang fand.

Der Roman glänzt, neben mitreißenden Naturbeschreibungen, insbesondere durch sein anschaulich beschriebenes, vielköpfiges Figurenensemble, bei dem die Beamten nur Randfiguren darstellen. Die Gutsbesitzer hingegen werden in breit angelegten, detaillierten Lebensbeschreibungen als Müßiggänger geschildert, unter denen sämtliche Laster vertreten sind, Fresssucht, Alkoholismus, Geltungssucht und ausgeprägter Despotismus. Sie wirken allesamt statisch, als dynamisch sich entwickelnde Figur ist lediglich Tschitschikow dargestellt. Mit gewissen Längen altväterlich erzählt ist dieser amüsante satirische Roman mit seiner originellen Grundidee gleichwohl eine unterhaltsame Lektüre.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Elixiere des Teufels

Klösterliche Identitätssuche

Der erste Roman des vielseitig begabten E.T.A. Hoffmann, der erfolgreich als Jurist, Schriftsteller, Kapellmeister, Komponist und Zeichner tätig war, gilt als eines der bedeutendsten literarischen Werke der Schwarzen Romantik. In zwei Teilen 1815/16 erschienen, hat diese fiktive Autobiografie eines Kapuzinermönches zunächst eine sehr zwiespältige Aufnahme gefunden. Goethe nannte, als Sprachrohr quasi für die breite Ablehnung in der Wissenschaft, den Autor einen «krankhaft Verirrten» und warnte ausdrücklich vor der Wirkung seiner verderblichen Phantasie. Hebbel hingegen lobte in seinem Tagebuch den Roman als «ein höchst bedeutendes Buch», das eine eigene Gattung begründe. Wie auch immer, sein Status als Klassiker der Weltliteratur wird auch nach zweihundert Jahre eindeutig bestätigt durch regelmäßige Neuauflagen, die das anhaltende Interesse der Leser widerspiegeln, meines eingeschlossen!

Franz findet nach einer glücklichen Kindheit Aufnahme in einem Kapuzinerkloster, nimmt dort den Namen Medardus an und wird wegen seiner beispielhaften Frömmigkeit mit der Verwaltung der Reliquien betraut, unter denen sich auch ein Elixier befindet, das vom heiligen Antonius stammen soll. Er wird zudem weithin berühmt für seine aufwühlenden Predigten, was ihn bald hochmütig werden lässt. Als nun eines Tages die schöne Aurelie, die dem Bildnis der heiligen Rosalia in der Kapelle zum Verwechseln ähnlich sieht, ihm im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht, stürzt der fromme Mann in einen verheerenden Strudel von leiblicher Begierde und quälenden Schuldgefühlen. In seiner Verzweiflung trinkt er von dem Teufelselixier, er will Aurelie unbedingt wiederfinden. Als der Abt aber seinen inneren Zwiespalt bemerkt, schickt er ihn kurzerhand mit einem Auftrag nach Rom.

Was folgt ist eine verwirrende Geschichte mit vielen Figuren, von denen sich nach und nach herausstellt, dass die meisten entfernt verwandt sind mit Bruder Medardus. Wobei sein Ururgroßvater Francesco der Maler, der auch öfter mal als Untoter im violetten Mantel erscheint, durch eine teuflische Buhlschaft schwere Schuld auf sich geladen hat, ein in der väterlichen Linie weitervererbtes Verhängnis, das auch auf ihn selbst fällt. In einem nebulös zwischen Traum und Wirklichkeit wechselnden Geschehen begegnen ihm auf seinen Wanderungen die wundersamsten Menschen. Zu denen gehört auch sein wahnsinniger Doppelgänger, der fortan, in buntem Wechsel mit ihm, kaum unterscheidbar als Protagonist des Romans fungiert. Als Tochter eines Schlossherrn findet er auch Aurelie wieder, schließlich aber verführt ihn deren lüsterne Stiefmutter. Sein teuflischer Doppelgänger schlüpft in die Rolle des Grafen Viktorin, vormals Liebhaber der Schlossherrin, und ermordet sie.

Wir lesen als Buch die Aufzeichnungen des Bruders Medardus, E.T.A. Hoffmann versteckt sich in seinem virtuosen Plot hinter der Rolle des Herausgebers, ein typisches Merkmal dieses Romans. Denn auch der Mönch erfährt vieles aus seiner eigenen Lebensgeschichte nur durch Berichte anderer, zu denen vor allem aufgefundene Schriften des Malers gehören, die seine Triebhaftigkeit als Erbschuld aufzeigen. In einer barock ausgeschmückten Sprache wird hier von Wiedergängern und Nebelgestalten berichtet, von wundersamen und grausigen Erscheinungen, von tiefster Frömmigkeit und Selbstgeißelung. Die zum Teil lustigen Figuren sind allesamt sehr anschaulich beschrieben, ihre Dialoge werden in einer überhöhten Kunstsprache geführt, die blumenreich, aber mit gedanklicher Tiefe, das irrlichternde Geschehen vorantreiben. Natürlich ist all das nicht nur sprachlich abgehoben von der schnöden Lebensrealität, alles scheint sich total durchgeistigt in höheren Sphären abzuspielen. Selbst der Kampf des Protagonisten mit seinem teuflischen Doppelgänger findet zumeist rein gedanklich im tiefsten Inneren statt. Die verzweifelte Suche des Kapuziners nach seiner wahren Identität ist auch stilistisch als bereichernde Lektüre durchaus zu empfehlen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Erzählungen

Augenzwinkern inklusive

In Russland gilt Alexander Puschkin als der Nationaldichter par excellence, mit seinem Œuvre war er stilbildend als Wegbereiter der nach 1812 statt in französisch zunehmend in Landessprache geschriebenen Literatur, zugleich aber auch Vorbild für viele andere berühmte Dichter des Landes. Als Lyriker, dessen bedeutendste Werke als Versepen geschrieben sind, wandte er sich erst sieben Jahre vor seinem frühen Tod beim Duell der Prosa zu und leitete damit die Wende von der Romantik zum Realismus ein. Er hat nur drei Romane geschrieben, davon sind zwei unvollendet geblieben, wesentlich bekannter aber sind seine Erzählungen. In der vorliegenden dtv-Ausgabe «Erzählungen» von 2017 sind alle enthalten, die er selbst vollendet hat, ferner auch die drei Romane, von denen zwei nur Fragmente sind.

Puschkins Urgroßvater Ibrahim, ein Kriegsgefangener aus dem äthiopischen Adel, der vom Zaren adoptiert worden war und am Hof Karriere machte, hat ihn zu dem unvollendeten Roman «Der Mohr Peters des Großen» inspiriert. Als Peter I. für ihn die Ehe mit einem adligen Fräulein arrangiert, bricht für das Mädchen eine Welt zusammen, obwohl an dem klugen, sympathischen, blendend aussehenden Bräutigam alles stimmte, – nur eben die Hautfarbe nicht. Der Ausbruch einer Cholera-Epidemie zwang Puschkin Ende 1830 zu einer dreimonatigen Quarantäne auf seinem Landgut, er nutzte die Zeit dort unter anderem, um «Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin» zu schreiben. Er selbst schlüpft bei diesen fünf Erzählungen ironisch in die Herausgeber-Rolle und berichtet in «Der Schuss» von einem äußerst seltsamen Duell zweier Offiziere. «Der Schneesturm» handelt von einer tragisch-komischen Eheschließung, an deren kuriosem Ausgang das Wetter schicksalhaft beteiligt ist. Zur Einweihung seines neuen Hauses lädt «Der Sargschreiner» im Suff alle von ihm Beerdigte ein. In «Der Postmeister» brennt dessen schöne Tochter mit einem durchreisenden Husaren durch. «Fräulein Bäuerin» wiederum handelt von der Liebe zwischen der Tochter eines Gutsbesitzers und dem Sohn aus einem verfeindeten Nachbarngut, gegenüber dem sie sich als Magd ausgibt. Landesverrat und eine politisch unmögliche Liebe sind Thema des Prosa-Fragments «Roslawlew», im unvollendeten Räuberroman «Dubrowskij» eskaliert der Streit zwischen benachbarten Gutsbesitzern zu einer Katastrophe. Ein Ich-Erzähler berichtet in dem spannenden historischen Roman «Die Hauptmannstochter» vom Pugatschow-Aufstand, in «Pique Dame» ist die Spielsucht das Thema, in «Kirdshali» wird die Geschichte eines berüchtigten Räubers während des Russisch-Osmanischen Krieges erzählt. Kleopatra schließlich bietet sich in «Ägyptische Nächte» jedem Manne für eine heiße Liebesnacht an und verlangt dafür nicht weniger als seinen Tod am nächsten Morgen!

Stilistisch ist Puschkins Prosa durch eine straffe, dialogarme, zielgerichtete Erzählweise gekennzeichnet, die völlig unprätentiös und mit einer fein durchscheinenden Ironie das Milieu schildert, aus dem er selbst stammte, Adel und Gutsherren also. Seine durchweg sympathischen Figuren sind anschaulich beschrieben, die Männer meistens als ehemalige Offiziere, die Damen als gelangweilte Hausherrin oder Tochter in heiratsfähigem Alter. Ehen werden von den Eltern standeskonform arrangiert, was oft zu Dramen führt, wegen meist unüberwindbarer Standesgrenzen aber letztendlich doch folgsam hingenommen wird.

«Der gebildete Leser weiß, dass Shakespeare und Walter Scott ihre Totengräber als fidele Possenreißer geschildert haben», heißt es in Puschkin Geschichte zu diesem Thema, an anderer Stelle lesen wir: «Sie dachte… aber lässt sich denn mit Sicherheit sagen, woran ein siebzehnjähriges Mädchen denkt, das am frühen Morgen um sechs im Walde mit sich allein ist?» Es ist dieses Augenzwinkern, das seine Figuren zuweilen sogar real zeigen, welches diese vom Plot her überaus kunstvoll angelegten Erzählungen zu einer ebenso unterhaltsamen wie bereichernden Lektüre machen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
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Wolfsblut

Jack London (1876-1916) hat sich vor allem in der älteren Generation einen Namen gemacht. Aber auch unter  jüngeren Lesern ist er bekannt, da sein Werk regelmäßig neu übersetzt oder verfilmt wird. London ist der Abenteuerschriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts, dessen Romane stets eine psychologische wie philosophische Dimension beinhalten (zu denen insbesondere Marx, Darwin und Nietzsche ihn inspirierten). Leider verkannten ihn die deutschen Verlage, da ihn hierzulande ein ähnliches Schicksal ereilte wie beispielsweise Mark Twain, der zum Jugendbuchautor degradiert wurde. Weiterlesen


Genre: Abenteuerroman
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Väter und Söhne

Wo er recht hat, hat er recht

Iwan Turgenjew, wichtigster Vertreter des russischen Realismus, hat sechs Romane geschrieben, «Väter und Söhne» von 1861 ist sein bekanntester. Im gleichen Jahr endete in Russland die mehr als zweihundertjährige Periode der Leibeigenschaft, deren Auswirkungen in diesen Klassiker thematisch bereits ebenso hineinspielen wie die zeitlosen Motive ‹Generationenkonflikt› und ‹Irrungen und Wirrungen der Liebe›. Wie bereits der Buchtitel verdeutlicht, greift der Autor ein ewiges Thema der Menschheit auf, wobei die gesellschaftlichen Konflikte hier zwischen den Vätern als unbeirrt Slawophile und den Söhnen als westlich beeinflusste Nihilisten ausgetragen werden. Von beiden, den hartnäckigen Bewahrern der patriarchalischen Ordnung als auch von den demokratisch orientierten Neuerern wurde Turgenjew damals so heftig kritisiert, dass er sein Vaterland verlassen hat, er ist fast dreißig Jahre später in seinem Haus nahe Paris gestorben.

Arkadi, Sohn des Gutsherrn Kirsanow, und Jewgeni, Sohn des ehemaligen Militärarztes Basarow, besuchen erstmals nach langen Jahren des Studiums in Sankt Petersburg das Gut von Arkadis Vater auf einem abgelegenen Landstrich. Der charismatische, hoch talentierte Jewgeni, der später mal ganz bescheiden Landarzt werden will, wird von Arkadi wegen seiner außergewöhnlichen Intelligenz grenzenlos bewundert. Als radikaler Nihilist und Menschenfeind lehnt Jewgeni sämtliche tradierten Werte, zu denen er Gehorsam, Pflichterfüllung, Moral, Sitte, aber auch die Liebe rechnet, prinzipiell als total unwissenschaftlich ab. Mit seinen revolutionären Ideen stößt der renitente Gast natürlich auf heftigen Widerspruch der konservativen Vätergeneration. «Ein ordentlicher Chemiker ist zwanzigmal wertvoller als der beste Poet» ist eine von seinen provokanten Thesen. Damit ruft er insbesondere auch den Widerspruch von Arkadis Onkel Pawel hervor, ein aristokratischer Bonvivant alter Schule und ehedem erfolgreicher Frauenheld, der ebenfalls auf dem Landgut seines Bruders lebt. Die Streitereien zwischen Gast und Onkel eskalieren letztendlich sogar in einem Duell, für das eine missverstandene Szene mit der Magd Fenetschka ursächlich ist, die von Arkadis verwitwetem Vater ein Baby hat. Der schüchterne Arkadi bandelt schließlich mit Katia an, der jüngeren Schwester von Anna, einer früh verwitweten Gutsbesitzerin aus der Nachbarschaft. Jewgeni wiederum hat sich in eben diese kluge, lebenserfahrene Anna verliebt, ganz gegen seine erklärten Prinzipien, zu denen die Ablehnung jeder Form von Romantik gehört. Sie aber stürzt ihn, weil sie ihn kühl zurückweist, in verheerende innere Konflikte, an denen er seelisch zerbricht.

Dieser dramatische Generationen-Konflikt ist ein faszinierendes Epochengemälde aus der Mitte des 19ten Jahrhunderts, dessen lebensprall gezeichnete Figuren die damalige russische Gesellschaft anschaulich widerspiegeln, sie agieren zudem in absolut logischen Verhaltensmustern. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei der überhebliche, oft ausgesprochen unfreundliche, aber eben auch äußerst intelligente Jewgeni Basarow ein, der archetypische Exponent einer neu angebrochenen Zeit. Die Liebe als zweite Ebene der Geschichte wird von den für Turgenjew so charakteristischen schönen und klugen Frauengestalten beherrscht, die mit viel Charme und List manche kühnen Ideen und hehre Gedanken ad absurdum führen und hier auch die angemaßte Überlegenheit der jungen Männer als solche entlarven.

Mit der vorliegenden Neuübersetzung von 2017 ging nicht nur eine überzeugende sprachliche Auffrischung des Textes einher. Dieser dtv-Band ist auch im Layout geradezu mustergültig gestaltet, sein kompetentes Nachwort und der äußerst hilfreiche Anmerkungsapparat tragen zudem entscheidend mit bei zum Verständnis und damit zum ungetrübten Lesegenuss. Nicht von ungefähr gehörte dieser Roman ja zu jenen unverzichtbaren Büchern, die Thomas Mann auf eine einsame Insel mitgenommen hätte, – wo er recht hat, hat er recht!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Oblomow

Schlafrock-Existenz als Allegorie

In der russischen Literatur verkörpert die Titelfigur in Ivan Gontscharows 1859 erschienenen Roman «Oblomow» archetypisch den ‹überflüssigen Menschen›, jener auch schon bei Puschkin und Lermontow thematisierten Leitfigur aus dem patriarchalischen Landadel. Mit diesem provozierenden zweiten Roman, dessen berühmtes neuntes Kapitel mit sensationellem Erfolg schon vorab veröffentlicht wurde und an dem er dann aber noch volle zehn Jahre lang gearbeitet hat, wurde der Schriftsteller schlagartig berühmt und sicherte sich seinen Platz im Olymp der Weltliteratur. Er wurde allein achtmal ist Deutsche übersetzt, zuletzt wahrhaft kongenial von Vera Bischitzky in der neuen Ausgabe von 2014. Als Oblomowerei bezeichnet man inzwischen eine infantile, phlegmatische Geisteshaltung des absoluten Nichtstuns, welche der introvertierten Weltsicht des saturierten russischen Adels jener Zeit zu entsprechen schien.

Von dienstbaren Geistern umschwirrt wächst Oblomow im weitab gelegenen Landgut seiner Eltern, zu dem auch das gleichnamige Dorf mit 300 Leibeigenen gehört, als total verhätscheltes Kind auf und wird privat bei einem deutschen Lehrer unterrichtet. Er besucht die Universität und nimmt in Sankt Petersburg eine Stelle als Beamter an, die er aber bald schon aufkündigt, weil ihm die ständige Arbeiterei zuviel wird. Künftig lebt er, betreut von seinem Diener, faul und genügsam von den Einkünften des ererbten Landgutes und versinkt rasch in eine lähmende, träumerische Lethargie. Deren Gipfelpunkt ist, neben opulentem Essen, der ausgedehnte, tägliche Mittagsschlaf. Alle Pflichten aber schiebt der Dreißigjährige ständig vor sich her, lässt sich naiv gutgläubig von sogenannten Freunden finanziell ausnehmen und gerät immer mehr in eine prekäre Lage. Andrej Stolz, sein bester Freund, erfolgreicher Sohn seines ehemaligen Privatlehrers, versucht ihn zwar unermüdlich aus seiner Passivität zu locken, er hilft ihm auch tatkräftig bei der Besorgung seiner unerledigter Angelegenheiten, kann aber letztendlich auch nichts ausrichten gegen sein unsägliches Phlegma. Seine erste Liebe zu der quirligen Olga scheitert schließlich ebenfalls an dieser ewigen Lethargie, er selbst erkennt sein unentschuldbares, antriebsloses Verhalten und schreibt ihr einen selbstkritischen Abschiedsbrief. Einige Jahre später heiratet er seine einfältige Haushälterin, die sich immer aufopfernd um ihn gekümmert hat und eine hervorragende Köchin ist (sic), bekommt einen Sohn und stirbt dann sehr früh.

Fressen und Faulenzen als Lebensinhalt wirft existenzielle Fragen auf, die Ivan Gontscharow in seinem Roman mit dem Gegenpart des strebsamen deutschen Freundes kontrastiert. Die Hamlet-Frage wird von Oblomow überdeutlich – durch konkludentes Nicht-Handeln – mit ‹Nichtsein› beantwortet, er will nur seine Ruhe und Bequemlichkeit und ist dafür zu fast jedem Verzicht bereit. Diese konservative Absage an jedwede Veränderung fußt allerdings auf den üppigen Privilegien des Adels, der die Leibeigenen schamlos ausbeutet und ein parasitäres Leben führt. Der Interpretation dieses grandiosen Romans sind kaum Grenzen gesetzt, man kann ihn als amüsante Allegorie auf die Schlafrock-Existenz eines notorisch passiven Tagträumers deuten, eines ewigen Zauderers, der dem Fatum durch Nichtstun zu entfliehen sucht, als Sonderform des Eskapismus also, aber auch als psychiatrische Anamnese im Teufelskreis zwanghaften Nichtstuns.

Die gedankliche Tiefe dieses Jahrhundertromans ist phänomenal, bis in die feinsten Verästelungen hinein wird hier der Sinn des Lebens skeptisch hinterfragt, und in diesem Kontext wird vor allem auch das Phänomen der Liebe in einer universellen Sichtweise thematisiert. Sprachlich überzeugend und konstruktiv genial angelegt bietet dieser Roman ungetrübten Lesegenuss. «Oblomowerei», was ist denn das, fragt ein beleibter, namenloser Literat (wer wohl?) seinen Freund Andrej Stolz ganz am Ende erstaunt: «Und er erzählte ihm, was hier geschrieben steht»!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Das Blutbuchenfest

Unselige Allianz von Schicksal und Zufall

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat 2014 mit seinem Roman «Das Blutbuchfest» das Scheitern thematisiert, im Privaten ebenso wie im Politischen. Schon bei der Verleihung des Büchnerpreises 2007 sprach sein Laudator Navid Kermani vom Geist des Cervantes, den sein Werk atme. Als Literat wurde Mosebach vom Feuilleton stilistisch teilweise herb kritisiert für seinen «gespreizten Schmuckstil», andere sprachen entzückt von einem «Geniestreich» oder vom «souveränen Meisterwerk», – also was denn nun?

Zeitlich zu Beginn der Balkankriege angesiedelt, wird die Geschichte einer in Frankfurt beheimateten Clique illustrer Figuren aus dem Mittelstand erzählt, deren charismatische Hauptakteure zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen planen, eine davon ist das titelgebende «Blutbuchenfest». Ein finanziell abgebrannter, zwielichtiger Werbe-Guru kommt auf die grandiose Idee, seine ausufernden Geldsorgen auf einen Schlag durch ein groß aufgezogenes Fest für die Schickimicki-Gesellschaft loszuwerden, mit raffinierter Promotion und aggressivem Vertrieb. Gastgeber soll Dr. Glück sein, ein dem Alkohol zugeneigter, alleinstehender Bankvorstand mit einer riesigen Altbauwohnung, zu der auch ein schöner Garten gehört, in dessen Mitte der mächtige, rotlaubige Baum steht. Ich-Erzähler dieser Geschichte ist in weiten Teilen ein promovierter, arbeitsloser Kunsthistoriker Mitte dreißig. Ein gut vernetzter, exaltierter Veranstalter, der einen Kongress zum Thema «Menschenwürde im Blick der Balkankultur» plant, beauftragt ihn, ein Exposé für die als Begleitprogramm vorgesehene Ausstellung mit Werken des bosnischen Bildhauers Ivan Mestrovic zu schreiben.

Zu diesen Figuren, die sich in wechselnder Besetzung fast täglich im Restaurant Merzinger einfinden, gesellt sich ein vom Konkurs wieder auferstandener Immobilienhai hinzu, ferner die umtriebige Managerin einer PR-Agentur, eine ehemalige Modeschöpferin, eine männermordende Traumfrau sowie eine flatterhafte, zerbrechliche Assistentin, in die sich der Ich-Erzähler verliebt. Die zentrale Verknüpfung dieses beruflichen und privaten Netzwerks bildet Ivana, eine für sie alle tätige, bosnische Putzfrau, deren Schicksal als weiterer Handlungsstrang auch ihre bäuerliche Familie in Bosnien mit einbezieht. Genüsslich beschreibt Martin Mosebach in diesem satirischen Gesellschaftsreigen seine Frankfurter Protagonisten als lebensgierige Wohlstandsbürger mit Ecken und Kanten, deren maßlose Egozentrik nicht über ihre charakterlichen und seelischen Defizite hinwegzutäuschen vermag. Dieser zügellosen Wohlstandsclique stellt er mit Ivana eine tatkräftige, grundehrliche junge Frau als Kontrast gegenüber, die dann, selbst vom Schicksal schwer gebeutelt, auch noch miterleben muss, wie am Ende ihre vom Balkankrieg überraschte Familie auf der überstürzten Flucht all ihr bescheidenes Hab und Gut verliert. Scheitern tun aber mangels Spender auch der großkotzig geplante Kongress sowie das als glamouröses Event angekündigte Blutbuchenfest, letzteres endet in einem unsäglichen Chaos.

In einem etwas altväterlichen Stil wird hier wortmächtig und eindringlich eine kunstvoll inszenierte Parabel des Scheiterns erzählt, ein Vanitas-Motiv mithin, dessen Figuren lebensprall ausgeformt sind. Dabei gerät der Autor oft ins Fabulieren, schmückt seinen komplexen Plot unbekümmert mit irrealen Details aus, so wenn zum Beispiel die Liebste des Ich-Erzählers am Laptop arbeitet oder Ivana per Handy telefoniert, – für 1991/92 ein bewusster Anachronismus, wie der Autor erklärte. Er lässt den umtriebigen Werbe-Fuzzi sogar zu sechs Raben sprechen, Unglücksboten also, die ihm unter der Blutbuche interessiert zuhören. Die unselige Allianz von Schicksal und Zufall wird hier äußerst wirkungsvoll am Kontrast zwischen saturierter Spaßgesellschaft und archaischem Balkanleben gespiegelt, üppig gespickt zudem mit vielerlei kontemplativen Einschüben, eine insgesamt ebenso bereichernde wie unterhaltende Lektüre!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Der letzte Grieche

Grieche trifft Schwedin

Mit dem 2011 erschienen Roman «Der letzte Grieche» hat der Schriftsteller Aris Fioretos nicht nur ein bemerkenswertes Buch über Migration vorgelegt, sondern auch das drei Generationen umfassende Familienepos einer griechischen Familie. Der in Schweden geborene Professor für Literatur-Wissenschaft mit griechischem und österreichischen Wurzeln schreibt auf Schwedisch, weil seine Kindersprache, wie er erklärt hat, ihn durch Erinnerungen und Erfahrungen sprachlich am nachhaltigsten geprägt hätte.

Flüchtlingskrisen, wie wir sie heute in Europa erleben mit ihren gravierenden politischen Verwerfungen, deren Schatten dieser Tage bis zum Wahlchaos im thüringischen Landtag reichen, ereigneten sich als Folge des türkisch-griechischen Krieges auch 1922. Aus Smyrna, dem heutigen Izmir, wurden damals alle griechischen Einwohner von den siegreichen Türken brutal vertrieben. Die Großmutter des Protagonisten Jannis flieht vor dem Massaker mit ihrer Rest-Familie in das armselige Bergdorf Áno Potamiá in Makedonien. Ihr Enkel muss dort als Kind die Ziegen hüten, findet später keine Arbeit und wandert, nachdem er sich beim Pokern total verzockt hat, 1967 als Gastarbeiter nach Schweden aus, wo er sehr freundlich von einem griechischen Arzt aufgenommen wird. Der gewährt ihm fürs erste Kost und Logis in seinem Haus und unterstützt ihn nach Kräften. Jannis verliebt sich prompt in das toughe Kindermädchen seiner Gastgeber und hilft später seinem sehnlichen Kinderwunsch etwas nach, indem er das unabdingbare Kondom mit einer Nadel aufsticht, – eine Missetat, die nicht folgenlos bleibt.

Der Autor etabliert einen fiktiven Herausgeber namens Aris Fioretos, dem aus einem Nachlass ein Holzkasten mit hunderten von Karteikarten zugefallen sei, aus der Sammlung sollte einmal ein Ergänzungsband für die «Enzyklopädie der Auslandsgriechen» entstehen. An dieser nach Stichworten geordneten Kartei arbeitete seit dem Jahre 1928 unermüdlich eine «Gehilfinnen Clios» genannte Gruppe älterer Damen, um der Nachwelt alles Wissenswerte dazu möglichst vollständig zu überliefern. Und aus diesem sachlich, nicht zeitlich geordneten Fundus wiederum sei nun eben dieser Roman entstanden, jeder seiner Abschnitte fuße inhaltlich quasi auf einer entsprechenden Karteikarte, heißt es, es geht also chronologisch und folglich auch inhaltlich alles kunterbunt durcheinander. Der Protagonist Jannis ist eine schwer zu fassende Figur, die in ihrer quirligen Unbekümmertheit an Alexis Sorbas erinnert. Er bezeichnet sich selbst als «Mückenschädel», weil seine Gedanken wie ein Mückenschwarm in seinem Kopf herumschwirren. Zu seinen irrwitzigen Einfällen trägt oft auch seine Affinität zum Wasser bei, schon als junger Bursche hatte er herumspintisiert, für sein Dorf eine Anlage zur Bewässerung bauen zu wollen. In Schweden ist er dann fasziniert von dem See, an dem das Haus seiner Gastgeber liegt, weil der jeden Winter dick zugefroren ist und dann wie ein Spiegel in der Sonne glitzert. Vor allem aber ist Jannis auch ein Alltagsphilosoph, der unentwegt meist sehr obskuren Gedanken nachhängt.

Die wichtigste Botschaft von Aris Fioretos, diesem weltläufigen, in Deutschland lebenden, auf Schwedisch schreibenden Schriftsteller mit griechisch-österreichischen Eltern, besteht in der Negierung der Nation als Quelle der Identität, – wer könnte das besser beurteilen als er? In seinem tragisch-komischen Roman mit existenzieller Grundierung ist die üppig sprießende Fantasie nur marginal mit Realität angereichert, zu der politisch das Massaker von Smyrna ebenso gehört wie das «Regime der Obristen», die griechische Militärdiktatur der Jahre 1967 bis 1974. Stilistisch kann der langatmige Roman mit seinem Pathos ebenso wenig überzeugen wie mit seiner stilblütenreichen Sprache. Hinter dem postmodernen Plot mit all den verqueren, pseudo-philosophischen Gedanken ist die Thematik «Grieche trifft Schwedin» kaum noch auszumachen, der narrative Überbau aber ist wenig überzeugend.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Nana

Lichtenberg bringts auf den Punkt

Der 1880 erschienene Roman «Nana» von Émile Zola gehört zu den erfolgreichsten des großen französischen Romanciers, er ist Teil des 20bändigen Zyklus ‹Rougon-Macquart›, einer breit angelegten Familiengeschichte aus dem Zweiten Kaiserreich, in deren Stammbaum auch eine gewisse «Anna Coupeau dite Nana» auftaucht. Als typischer Positivist hat der berühmte Autor seinen bekanntesten Roman als soziologische Milieustudie angelegt, in der eine Hundertschaft von Figuren aus der Pariser Halbwelt, von der Straßenhure bis zum Kammerherrn der Kaiserin, in ihren Lebensumständen und Beziehungen detailliert beschrieben werden. Er zeichnet eine promiskuitive großstädtische Gesellschaft, in die er die dekadente adelige Oberschicht ebenso mit einbezieht wie die Dirnen aus dem Rotlichtmilieu, weil sich deren Verhalten in nichts von dem der verheirateten, hochgestellten Damen unterscheide, wie er mehrfach betont. Der vorab im Tagesblatt ‹Le Voltaire› in Fortsetzungen veröffentliche Roman mit seiner anrüchigen Thematik wurde heftig umstritten und war, vielleicht gerade deswegen, ein Riesenerfolg, der für damalige Zeiten brisante Stoff wurde fürs Theater adaptiert und später auch mehrfach verfilmt, zuletzt im Jahre 2001.

Als blonde Venus bekommt die ehemalige Straßendirne Nana trotz völliger Talentlosigkeit eine kleine Rolle in einem Varietétheater. Ihr erster Auftritt bei der Premiere ist eine Schlüsselszene für den ganzen Roman: «Ein Schauer durchwogte den Zuschauerraum. Nana war nackt. Sie war völlig nackt und trug ihre Blöße mit ruhiger Kühnheit zur Schau, im sichern Selbstgefühl der Allmacht ihrer Fleischespracht. Einzig ein dünner Schleier hüllte sie ein.» Die Zuschauer waren wie berauscht, die Herren hatten rote Köpfe bekommen. «Unmerklich hatte Nana das Publikum erobert, hatte von ihm Besitz ergriffen, und jetzt waren ihr die Männer samt und sonders verfallen. Die geile Brunst, die von ihr ausging wie von einem läufigen Tier, hatte immer weiter um sich gegriffen». Fortan liegen ihr die Herren der Gesellschaft zu Füßen, sie genießt als Mätresse reicher Liebhaber einen nie gekannten Luxus und bekommt Zugang zur gehobenen Gesellschaft. Gleichwohl bleibt sie die strohdumme Dirne vom Land, verprasst völlig maßlos das viele Geld, das ihr zufließt, und ist immer pleite. Nachdem sie ihren wichtigsten Gönner, einen Bankier, in den Ruin getrieben hat, erleidet auch sie einen herben finanziellen Rückschlag und versucht mit einem ehemaligen Theaterkollegen in das einfache Leben zurückzufinden, was aber gründlich schiefgeht. Nach einem grandiosen Comeback hat sie im weiteren Verlauf des Romans schließlich etliche der ihr hörigen Männer bedenkenlos und selbstsüchtig ins Verderben gestürzt, ja sogar zum Selbstmord getrieben, muss am Ende aber völlig mittellos vor ihren Gläubigern aus Paris flüchten.

Das Besondere an «Nana» sind natürlich die Schilderungen der dekadenten Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, «Nach Berlin!» skandieren die Massen auf der Straße am Ende des Romans. Neben aufschlussreichen Einblicken in die halbseidene Operettenwelt mit ihrem Lebemänner-Publikum werden auch die mondänen ‹Salons› der besseren Pariser Gesellschaft ausführlich beschrieben, man erlebt zudem hautnah und mitreißend die Faszination der Galopprennen, aber auch den wüsten Pöbel in den verruchtesten Hinterhof-Kaschemmen. Für die erwünschte Wahrhaftigkeit in der Darstellung hat Émile Zola einen erheblichen Recherche-Aufwand betreiben müssen, wie er berichtet hat.

Diese in vierzehn Kapiteln erzählte, bitterböse Gesellschaftskritik ist genial konstruiert, glänzt mit anschaulichen szenischen Beschreibungen und entlarvt unerbittlich die Dekadenz der Oberschicht jener Zeit. Der für seine köstlichen Aphorismen bekannte Georg Christoph Lichtenberg hat einst geschrieben: «Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an», – das kann ich hier wirklich auch empfehlen!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Dubliner

Debüt eines literarischen Olympiers

Zu den drei bedeutendsten Werken des irischen Jahrhundert-Schriftstellers James Joyce, der als ein Wegbereiter der literarischen Moderne gilt, zählt «Dubliner». Die im Gegensatz zu den späteren Prosawerken noch konventionell erzählte Sammlung von fünfzehn Erzählungen fand erst 1914, nach Dutzenden von Ablehnungen und sieben Jahre nach ihrer Fertigstellung, schließlich doch einen Verleger. «Meine Absicht war es, ein Kapitel der Sittengeschichte meines Landes zu schreiben, und ich habe Dublin als Schauplatz gewählt, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien», hat er über seine Motive geschrieben. Die autobiografisch geprägte Hassliebe zu seiner Geburtsstadt, deren Mutlosigkeit er darin beklagt und deren Beengtheit er anprangert, spiegelt sich auch in dem später geschriebenen «Ulysses» wider, einige von dessen Romanfiguren tauchen hier schon auf.

Diese Schilderungen des Lebens in Irlands Hauptstadt seien in die Themenkomplexe «Kindheit, Jugend, Reife und öffentliches Leben» gegliedert, hat der Autor erklärt, soziologisch sind sie im Milieu des unteren und mittleren Bürgertums angesiedelt. Kaum eines der Probleme und Sorgen des Großstadt-Menschen fehlt in diesem psychologischen Panoptikum: Allzu strenge Erziehung, freche Lausbubenstreiche, unerfüllte Liebe, maßlose Prahlerei, verlorene Jungfräulichkeit, unstillbares Fernweh, ausbleibender Berufserfolg, späte Eheprobleme, zerstörerische Alkoholsucht, brutale Kindsmisshandlung, selbstlose Aufopferung, beengende Konventionen, politische Intrigen, überfürsorgliche Mütter, verlogener Klerus, die unehrliche Konversation auf dem Ball dreier Jungfern schließlich, und am Ende der Tod als Resümee des Lebens in der letzten und mit Abstand längsten Erzählung. Sie ist eine Art Epilog, der Motive der vorangehenden Geschichten erneut aufnimmt. Der Tod ist es auch, der kontrapunktisch als Klammer dient in der ersten und letzten Geschichte, beim Sterben eines alten Mannes und eines Jünglings.

Als «Karikaturen» hat James Joyce die «Dubliner» bezeichnet, sein Prosadebüt sei «von einer mit Bosheit gelenkten Feder geschrieben». Auffallend ist, dass die dominante letzte dieser Erzählungen ebenso wie im «Ulysses» und in «Finnegans Wake» mit einem Ausklang endet, bei dem ein Ehepartner über den neben ihm schlafenden anderen nachdenkt, was im vorliegenden Erzählband als durchaus versöhnlich interpretierbar ist. Man könnte die chronologische Anordnung der Geschichten inhaltlich auch als theologisch determiniert deuten: Als Verfall der Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe, als Exempel der sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Wollust, Neid, Zorn, Völlerei und Trägheit, oder als Verstöße gegen Kardinaltugenden wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Weisheit.

Heute mag man sich wundern über die Skepsis des Autors seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern gegenüber, die brutale Unterdrückung durch die Engländer und der erbitterte Kampf um die irische Unabhängigkeit als historischer Hintergrund machen diese Haltung jedoch verständlich. Die äußerlich handlungsarmen Geschichten mit ihren eher banalen Plots werden mit feiner Ironie aus einer skeptischen Distanz und aus wechselnden Perspektiven erzählt, oft in Form der erlebten Rede. Alle Erzählungen enden abrupt, vieles wird dabei offen gelassen, manches bleibt auch völlig unverständlich, – was dann natürlich reichlich Freiraum für die verschiedensten Interpretationen lässt. Narrativ prägend ist die detaillierte Zeichnung der vielen Figuren, deren physische Eigenschaften ebenso schonungslos – geradezu sezierend – beschrieben werden wie die jeweiligen psychischen Befindlichkeiten. Wobei sich James Joyce jedweder Moralisierung enthält, er ist der Chronist, mehr nicht. Neben der Paralyse als zentralem Thema erlebt jeder Protagonist seine ureigene Epiphanie in diesen Geschichten, – die dann seine Jämmerlichkeit offenbart. «Dubliner» ist ein idealer Einstieg in das Werk eines literarischen Olympiers!

Fazit: erstklassig

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Genre: Erzählungen
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