Fiasko der Selbstüberforderung
Der Roman «Neujahr» von Juli Zeh beginnt mit einem Neujahrsmorgen auf Lanzarote, als der Protagonist Henning früh zu einer Radtour aufbricht, um den Steilanstieg auf den nahe gelegenen Atalaya-Vulkan zu bewältigen. Die Tour endet mit einem Dèjá-vu, ihm wird bewusst, dass er schon einmal in seinem Leben dort gewesen ist. Als moderner, total überforderter Familienvater aus dem akademischen Milieu leidet er an Panikattacken, obwohl doch in seinem Leben eigentlich alles OK ist. Ein unpopuläres, wenig bearbeitetes Thema, das die vielseitig tätige Autorin sich da für ihren Roman ausgesucht hat. Die Meinungen zu ihrem Buch sind in den Feuilletons überwiegend negativ bis hin zum Verriss, in den Leserkommentaren bleiben sie aber ziemlich ambivalent. Skeptisch ist man dort allenfalls, was die Nähe zur Realität anbelangt, die denn doch sehr bezweifelt wird.
Henning hat einen sicheren Job in Verlagswesen, die Ehe mit der gut verdienenden Theresa läuft problemlos, er liebt seine beiden Kinder, aber er findet sich in keiner dieser Rollen wieder, ist nicht wirklich zufrieden mit dem, wie es läuft. Gerade weil er das Rollenklischee als vorbildlicher Ehemann bestens und auch widerspruchslos erfüllt, wird er im Roman zur tragischen Figur. Denn er will heraus aus der Tretmühle, die sein Alltagsleben in Wahrheit bedeutet. Und so hat er sich für den Urlaub auf der kanarischen Insel ein Fahrrad gemietet, um sich mit dem strapaziösen Berganstieg vom Feriendomizil aus gleich zum Jahresbeginn zu fordern, um ein Erfolgserlebnis zu haben, wenn er den Berg dann bezwungen hat. Was sich als schwierig erweist, das Leihrad ist zu schwer, er hat kein Proviant mitgenommen, nicht mal Wasser, und er kommt schon bald an die Grenzen seiner körperlichen Möglichkeiten. Aber er gibt nicht auf, will partout hinauf radeln und nicht schieben, er schindet er sich unerbittlich. In einem permanenten Gedankenstrom rekapituliert er dabei schwer strampelnd und schwitzend seine Lebenssituation. Er will den Grund für ES finden, wie er seine seelische Störung psychologisch verklausuliert bezeichnet, will seine lästigen Dämonen vertreiben. Als er nach 90 von 190 Buchseiten das Ziel erreicht, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Er war schon mal da, er kennt diesen Vulkan!
In einem neuen Handlungsstrang schließt sich im zweiten Teil des Romans eine dystopisch anmutende Rückblende aus Hennings früher Kindheit an, als der damals Vierjährige mit den Eltern und seiner zweijährigen Schwester Luna dort schon mal in Ferien war. Zurückblickend sieht er sich plötzlich in einer schon leicht verfallenen Ferienvilla, wie er mit seiner Schwester im Garten herumtobt, wie die Eltern mit ihnen spielen oder Ausflüge machen. Eines Tages sieht er seine Mutter, die unter dem Gärtner liegt, sieht dessen behaarten Rücken und weiß sich keinen Reim darauf zu machen. Als Luna und er schon im Bett sind, kommt es zu einem lautstarken Streit zwischen Vater und Mutter. Am nächsten Morgen wacht der Vierjährige auf und merkt, dass seine Eltern weg sind. Es gibt kein Frühstück, und so sehr er auch sucht, sie sind nirgends zu finden. Aber das Auto ist weg, er vermutet sie beim Einkauf in der nächsten Ortschaft am Strand. Notgedrungen muss er sich um Luna kümmern, ihr die Windel wechseln, und der Hunger wird immer stärker und auch der Durst, denn das Wasser aus der Leitung darf man hier nicht trinken, wie ihnen die Eltern eingeschärft haben.
So erweist sich der Roman letztendlich als literarische Versuchsanordnung von Helikopter-Eltern, denen eine perfide anmutende Horror-Phantasie herzlos verlassener Kleinkinder gegenüber gestellt wird. Im weiteren Sinne geht es hier um die Bewältigung durchaus vorhandener, gesellschaftlicher Probleme, um multiple Dynamiken der menschlichen Psyche. Insbesondere die unglaubwürdigen Figuren, der unterkühlte Schreibstil und der überzogen quälerisch anmutende Horrorteil lassen die Lektüre zu einem ärgerlichen Fiasko werden!
Fazit: miserabel
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2019 gewann der scheue, österreichische Dichter und Schriftsteller de Literaturnobelpreis. Einige Berichte zeigten den sprachlosen verstörten Dichter in seinem neuen Heim in Chaville bei Paris, wo er mehr oder weniger seit den 1990er Jahren lebt.
Italienische Paläste. Der 1953 in Florenz geborene Fotograf Massimo Listri weiß, was Schönheit heißt. Er hat bereits über (!) 70 Fotobände veröffentlicht und stellt seine Werke weltweit aus. In “Palazzi italiani”, das in einer mehrsprachigen Ausgabe bei TASCHEN erschienen ist entführt er die Kulturbegeisterten in die schönsten Bibliotheken der Welt. Und das in XXL.
Der Geschäftsmann Cosimo de Medici (1389-1446), dessen Familie die Geschicke Florenzs für 300 Jahre lenkte, versammelte eine Künstlergruppe, die die Idee der “Rinascità”, der Wiedergeburt der Antike, propagierte. Als Humanist wollte Cosimo die Kunst in all ihren Erscheinungsformen – auch Architektur – fördern. Neben Venedig war auch Genua eine der vier mächtigsten Seerepubliken, die vor allem durch die 1407 gegründete Banca di San Giorgio den anderen drei den Rang ablief. Wie Niccolò Macchiavelli (1469-1527) es ausdrückte sah er in der Bank die dominierende politische Institution Genuas, mit der die Stadt “sogar Venedig überlegen sei”, so Roberto Stalla in seiner Einführung.
Eigene Exkurse zu einzelnen Palazzi in Venedig oder Mantova et al ergänzen die Ausführungen Stallas im Vorwort und gehen auf weitere Details des jeweiligen Bauwerks ein. So erfahren wir etwa über den Palazzo Ducale, den Dogenpalast, dass er auf einer Grundfläche von 75×100 Metern steht und an San Marco angrenzt und somit das politische und das religiöse Zentrum der Stadt eine Einheit bildeten. Beim Brand 1577 gingen sämtliche Gemälde von Giovanni Bellini, Vittore Carpaccio und Tizian verloren und Tintoretto und Veronese ersetzten die vorangegangenen Meisterwerke. Massimo Listri hat bei TASCHEN auch “The World’s Most Beautiful Libraries” publiziert. Listris Fotografien in “Palazzi” zeigen die schönsten architektonischen Details und vermitteln die einzigartige Atmosphäre der italienischen Paläste.
Coming-of-Age-Geschichte voller Rätsel
Weder bereichernd noch unterhaltend
Eine Dystopie mit Wumms
Kafkaeske, ich-bezogene Unbehaustheit
Auf der Suche nach Identität
Hier erscheint die deutsche Übersetzung einer Neuauflage, die 2021 erschien. Geschrieben hatte die Autorin das Buch 1953, mit siebzehn Jahren. Sie legte die Handlung in die letzten Jahre des 2. Weltkrieges. Es erschien dann 1962 und wurde ein Erfolg. Im Vorwort von 1998 schreibt die dann über Fünfzigjährige, dass sie es nun wie ein Jugend Foto betrachte.



Gruselige Täter-Opfer-Umkehr
Magerer Plot und stilistisches Können
Max Goldt begleitet mein Leben seit Jahrzehnten: Die kurzen Erzählungen mit ihren Wortschöpfungen, die menschliche Begegnungen beschreiben, in ihrer Kürze Spannung erzeugen, die dann durch eine kurze Pointe aufgelöst wird. Davon gibt es im Band Aber? Einiges, was zum Lachen bringt.
Parodie auf den Literaturbetrieb