Der Roman beschreibt die Geschichte einer Schwarzen Familie in einer kleinen neu-englischen Stadt am Meer, Salt Point, in den fünfziger Jahren. Cinthy, zu Beginn 13 Jahre alt, erzählt in Ich-Form.
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Was Ihr uns versprochen habt
Underground Railroad
Magisch-realistischer Sklavenroman
Mit seinem Roman «Underground Railroad» hat der farbige US-amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead 2017 den Pulitzerpreis gewonnen und einen riesigen medialen Wirbel ausgelöst. «Ich mag es, mir seltsame Dinge auszudenken» hat er im FAZ-Interview erklärt, und dazu gehörte für ihn dann auch die Frage: «Was, wenn es die Underground Railroad wirklich gegeben hätte»? Er habe dann fünfzehn Jahre gebraucht, um endlich dieses Buch zu schreiben. Der Titel steht metaphorisch für die Bewegung des Abolitionismus, einem Netzwerk zur Abschaffung der Sklaverei mit schwarzen und weißen Aktivisten, die im frühen 19ten Jahrhundert unter Lebensgefahr als Fluchhelfer und Schleuser entlaufenen Sklaven zur Freiheit verholfen haben. Ähnlich wie die Ausrottung der indigenen Bevölkerung ist auch der Begriff «Underground Railroad» eine jedem Schulkind geläufige ‹Great American Story› des Unrechts.
Protagonistin dieses Romans ist die junge Sklavin Cora, die auf einer Baumwoll-Plantage in Georgia arbeitet, deren sadistischer Eigentümer seine Sklaven wie Tiere behandelt. Als ein Mann ihr anbietet, mit ihm zusammen zu fliehen, zögert sie zunächst, weil bisher alle Fluchtversuche gescheitert sind. Die aufgegriffenen Sklaven werden zu Abschreckung in einer Zeremonie vor den versammelten Arbeitern unsäglich grausam bestraft und halbtot dann an einem Baum erhängt. Zum Anfang des Romans wird ausführlich von all der Pein berichtet, denen die afrikanischen Sklaven ausgesetzt sind. Sie werden völlig hilflos als vom Staat sanktionierter, rechtloser Besitz behandelt, als Arbeitstiere gehalten, nach Belieben weiterverkauft und eben auch willkürlich getötet, wenn der Plantagen-Besitzer es als Strafe anordnet. Cora wagt das Undenkbare, sie entschließt sich doch, trotz der drohenden fürchterlichen Strafe, zur Flucht.
Die anfangs realistische Erzählung dreht sich nach einem Viertel des Romans mit Coras Flucht ins Fantastische, indem der Autor die nur als Metapher gedachte «Underground Railroad» als tatsächlich existierende Untergrund-Eisenbahn in seine Geschichte einfügt. Und so steigt Cora in einem geheimen, unter einer Scheune versteckten Bahnhof dann auch in den offenen Wagon eines Zugs mit einer Dampflock, der sie eine Etappe weit in Sicherheit bringen soll. Ihre Flucht erweist sich als wahrer Albtraum, immer wieder steht sie vor gefährlichen Situationen und neuen Hindernissen. In South Carolina ist sie vermeintlich frei, doch sie erkennt, dass Schwarze anders behandelt werden und man Frauen dazu bringen will, sich sterilisieren zu lassen. In North Carolina, ihrer nächsten Etappe, gibt es keine Sklaverei mehr, aber es soll dort auch keine Schwarzen mehr geben. Man macht Jagd auf sie und erhängt sie jeden Freitag vor Publikum auf dem Marktplatz, was Cora aus ihren Versteck auf einem Dachboden beobachten kann. Ein Sklavenjäger ist ihr hartnäckig auf den Fersen, sie ist nirgendwo sicher und ständig auf der Flucht. Als er sie schließlich entdeckt, wird das Ehepaar, das ihr Unterschlupf gewährt hat, sofort gehängt. Die realistische, aktionsreiche Geschichte von Coras Flucht mit den immer wieder überraschenden Wendungen wird durch die fantastischen Momente konterkariert, historisch Verbürgtes wird unbekümmert mit imaginierten Albträumen vermischt.
Gleichwohl ermöglicht der magische Realismus dieses Romans mit seiner Schonungslosigkeit, die Unbesaitete ziemlich verschrecken dürfte, tiefe Einblicke in historische Strömungen und hilft, die politische Gemengelage in jenen turbulenten Zeiten der Vereinigten Staaten von Amerika zu begreifen. Colson Whitehead hat sich wohlweislich aller Anspielungen auf Gegenwart und jüngste Vergangenheit enthalten. Obwohl ja, wie er in dem zitierten Interview gesagt hat, «Diskriminierung gegenwärtig» sei in den USA und «ihr Wesen heimtückisch». Ein magisch angereicherter Sklavenroman also, dessen Lektüre niemanden unverändert lassen dürfte.
Fazit: erfreulich
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Vom Ende der Einsamkeit
Die Macht des Schicksals
Der Roman «Vom Ende der Einsamkeit» des Schriftstellers Benedict Wells widmet sich dem Thema Verlusterfahrungen und der daraus resultierenden Einsamkeit am Beispiel dreier Geschwister, die durch den frühen Unfalltod ihrer Eltern zu Waisenkindern werden. Der ursprünglich wohl als Opus magnum gedachte, mit 800 Seiten sehr üppige Roman wurde schließlich auf knapp 360 Seiten gekürzt, was ihm zweifellos gut getan hat. Über einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren hinweg schildert der deutsch/schweizerische Autor, wie die plötzlich aus ihrer familiären Mitte heraus gerissenen, ungleichen Geschwister, weitgehend allein gestellt bis auf eine Tante als einzigem familiären Anker, von Verlust und Einsamkeit geformt werden.
Der anfangs zehnjährige Ich-Erzähler Jules, sein älterer Bruder Marty und Liz, die Älteste, kommen in ein staatliches Waisenhaus, wo sie getrennt nach Alter und Geschlecht untergebracht werden. Die Familie als gemeinsamer Rückzugsort existiert plötzlich nicht mehr. Die Drei könnten im Charakter nicht unterschiedlicher sein. Jules ist der eher realitätsferne, melancholische Träumer, der sein Jurastudium abbricht und mit Hilfe von Liz glücklich einen Job bei einem Musikverlag findet, wo er für die Vertragsabschlüsse mit den Musikern verantwortlich ist. Mit seiner geheimnisvollen Schulfreundin Alva verbindet ihn eine kumpelhafte Freundschaft weit über die Schulzeit hinaus. Die Beiden verstehen sich bestens, lieben die gleiche Musik, führen intensive Gespräche und unternehmen viel miteinander, – mehr ist da nicht! Als Jules sie eines Tages zu einer Feier pünktlich zu Hause abholen kommt, steht sie nicht, wie sonst immer, schon vor der Haustüre. Die Mutter lässt ihn herein, und als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnet, liegt sie nackt mit einem fremden Mann im Bett und starrt ihn provozierend an. Er flüchtet entsetzt! Als sie sich vor dem mündlichen Abitur noch einmal kurz sehen, reden sie kein Wort über Alvas unglaublichen Affront, und sie sehen sich dann auch über als ein Jahrzehnt lang nicht mehr wieder. Marty ist ein introvertierter Eigenbrödler, der später zum Nerd mutiert und als Internet-Pionier derart erfolgreich ist, dass er seine Firma für einen hohen siebenstelligen Betrag verkaufen kann. Die quirlige Liz, die Älteste, ist eine äußerst attraktive Frau, die immer von Männern umschwärmt wird, denen sie dann nach kurzer Zeit den Laufpass gibt. Sie taucht schon früh in die Drogenszene ein, ist extrem lebenshungrig und stürzt sich immer wieder in neue Affären.
Als Jules nach langer Zeit im Internet nach Alva sucht, sie findet und ihr eine E-Mail schickt, kommen sie wieder ins Gespräch. Sie ist jetzt mit einem bekannten, mehr als zwanzig Jahre älteren Schriftsteller verheiratet und lebt in der Schweiz. Aber Jules und Alva finden nun tatsächlich doch zueinander, diesmal sogar als Liebespaar, denn sie erkennen beide ihre enge Seelen-Verwandtschaft. Marty ist Professor geworden und ist glücklich verheiratet. Und Liz erkennt als fast 42Jährige, dass es ein Fehler war, keine Kinder zu haben. Ein Versäumnis, dass sie nun umgehend nachholen will, an Männern mangelt es ihr ja nicht.
In chronologisch aufeinander folgenden Rückblenden entwickelt der Autor über drei Jahrzehnte hinweg seine Geschichte vom auseinander Driften und wieder zusammen Finden, von Vereinsamung und dem Segen von Freundschaft und Liebe. Es ist die buchstäbliche Macht des Schicksals, die in diesem klug konstruierten Roman stets unvermittelt einwirkt und das bestehende Beziehungsgefüge grausam zerstört. Der sorgfältig aufgebaute Spannungsbogen des Romans wird durch die vielen überraschenden Wendungen des Geschehens immer wieder eindrucksvoll verstärkt. Mit psychologischem Einfühlungs-Vermögen werden die glaubhaften Charaktere präzise geschildert. Man kann verstehen, dass sie sind wie sie sind, und wie sie aus ihren Traumata allmählich zurückfinden zu selbstbewusster Lebensbewältigung.
Fazit: erfreulich
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Stolz und Vorurteil

Auch heute noch
Zum Olymp belletristischer Literatur gehört unangefochten der 1813 erschienene Roman «Stolz und Vorurteil» der britischen Schriftstellerin Jane Austen, und das, obwohl inzwischen mehr als 200 Jahre vergangen sind. Lohnt es sich denn, den immer wieder neu aufgelegten und vielfach neu verfilmten Roman heute noch zu lesen? Unbedingt, und zwar weil er sowohl von seiner Thematik her als auch stilistisch ein Klassiker par excellence ist, als Gesellschafts- wie auch als Liebesroman literarisch unerreicht! Und er wirkt erstaunlicher Weise in den modernen deutschen Übersetzungen auch kein wenig altbacken, er liest sich flüssig, folgt einem Plot mit klug konstruiertem Spannungsbogen und strotzt nur so von kontemplativen Anregungen philosophischer Art. Ähnlich wie bei Fontane liefert er zudem historisch präzise Einblicke in Bourgeoisie und Adel jener Zeit, denn er wurde ja Anfang des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben. Er berichtet also authentisch als zeitgenössisches Werk in «damaliger Jetztzeit», und eben nicht in einem geschichtlichen Rückblick aus neueren Zeiten.
Erzählt wird über etwa ein Jahr im Leben einer Familie der gehobenen Gesellschaft auf dem Lande, in der Nähe Londons, deren fünf altersmäßig dicht beieinander liegende Töchter noch unverheiratet sind. Das Landgut des Vaters musste nach damaligem Erbrecht auf ewig ‹ungeteilt› erhalten bleiben, und die finanzielle Nutzung stand auch nur einem ‹männlichen› Erben zu. Die fünf Mädchen und die Mutter würden also, wenn der Vater stirbt, mittellos sein. Eine Ehe jeder der Töchter war deshalb zwingend geboten! Die ziemlich einfältige Mutter lässt in ihrer Panik über dieses drohende Schicksal nichts unversucht, ihre Töchter mit allen infrage kommenden Männern bekannt zu machen. Jane, die Älteste, ist inzwischen – für damalige Begriffe «schon» – einundzwanzig Jahre alt.
Beste Gelegenheit für derlei Eheanbahnungen bieten Dinner-Einladungen und vor allem Bälle, bei denen dann auch eifrig getanzt wird. Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht die ebenso kluge wie schöne Elisabeth Bennet, die zweitälteste der Schwestern, und der verschlossene, hochnäsig wirkende, steinreiche Fitzwilliam Darcy. Als sie auf einem Ball zufällig mit anhört, wie er seinem Freund erklärt, sie sei nicht attraktiv genug, um sie zum Tanz aufzufordern, ist sie zutiefst gekränkt. Ihr Groll wächst weiter, als das Gerücht umgeht, Darcy wäre für die finanzielle Notlage des Offiziers verantwortlich, der ihr schon länger den Hof macht. Überraschend aber hält Darcy später doch um ihre Hand an, was Elisabeth in beleidigender Form strikt zurückweist. Die cholerisch veranlagte Mutter droht, sie rede künftig kein Wort mehr mit ihr, sie lasse das nicht gelten, und läuft mit ihr ins Arbeitszimmer, dem Rückzugsort des immer humorvollen Vaters. «Jetzt hast du ein Problem», sagt er zu Elisabeth, «wenn du ihn ‹nicht› heiratest, redet deine ‹Mutter› kein Wort mehr mit dir, und wenn du ihn ‹doch› heiratest, dann rede ‹ich› kein Wort mehr mit dir!»
Elisabeth und Darcy sind an ihrem «Stolz» gescheitert, aber auch an so manchem «Vorurteil». Er erkennt später nämlich selbstkritisch, dass er entschieden zu dünkelhaft war, und sie erfährt irgendwann, dass an den Gerüchten über ihn nichts Wahres dran war. Der gesellschaftliche Stand, das Geld und die Liebe sind die entscheidenden Parameter für eine Heirat in jenen Zeiten. Der Plot des Romans lebt in erster Linie von den wortwitzigen, brillant vorgetragenen Dialogen des stimmig dargestellten Figuren-Ensembles. Das Kontemplative wird vorgezeichnet durch die Figur der Elisabeth, die sich oft zum Nachdenken zurückzieht und erzählerisch häufig in der indirekten Rede zitiert wird. Psychologisch tiefgründig, immer hart am Thema bleibend ohne langatmige Umwege, führt die schon mit 41 Jahren allzu früh verstorbene, ledig gebliebene Jane Austen durch ihren klug konstruierten, gesellschaftlichen Kosmos. Auf den Leser wartet also ein ebenso erfreuliches wie bereicherndes Lesevergnügen, – auch heute noch!
Fazit: erstklassig
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Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne
Das Geleitwort sagt auf Englisch, dass es die Zeit ist, die verhindert, dass alles auf einmal geschieht, und danach kommt die Bitte von Herrn Stanisic, man möge der „Reihe nach lesen“.
In der ersten Geschichte sind die Kumpels von der Schulzeit, die vom Buch Herkunft, wie damals, im Juni 1994, im Weinberg zusammen.
Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Love-Scammer vs. Performerin
Die Gewinnerin des diesjährigen Deutschen Buchpreises, die Schriftstellerin und Performerin Martina Hefter, hat mit ihrem Roman «Hey guten Morgen, wie geht es dir» einen zeitgemäßen Text vorgelegt, über den es in der Begründung der Jury heißt: «Auf faszinierende Weise verbindet der Roman zermürbenden Alltag mit mythologischen Figuren und kosmischen Dimensionen, er navigiert zwischen Melancholie und Euphorie, reflektiert über Vertrauen und Täuschung.» Dieser autobiografisch inspirierte Roman ist nicht an einem roten Faden entlang erzählt, er folgt vielmehr einer Choreografie, in der seine vielfältigen Themen wie Tanzfiguren kreativ miteinander verbunden sind in einer mitreißenden Performance. Dabei fungiert die Problematik des Scammer-Unwesens als narratives Gerüst für Motive wie Würde, Nähe, Bedürfnisse, Anerkennung, Identität, Sehnsüchte, Alter und Krankheit, aber auch der Kolonialismus wird thematisiert am Beispiel Nigerias.
Juno Isabella Flock, Freelancerin Mitte fünfzig, lebt in prekären Verhältnissen mit ihrem kranken Mann Jupiter, einem Schriftsteller, in einer kleinen Altbauwohnung in Leipzig. Sie pflegt Jupiter zwar liebevoll, geht dieser Aufgabe aber mit wachsender Unlust nach. Weil sie unter Schlaflosigkeit leidet, hat sie auf ihren Streifzügen durch das Internet die Szene der Love-Scammer entdeckt, die virtuelle Form der Heiratsschwindler. Denen es erstaunlich oft gelingt, ihre unbedarften Opfer finanziell auszubeuten, wie eine Doku in «Spiegel-online» belegt, aus der im Roman berichtet wird. Aus Langeweile, Neugier und zum Trotz hat sie sich auch ein anonymes Profil angelegt, unter dem sie als vermeintlich lohnendes Opfer auftritt. Sie macht sich einen Spaß daraus, die schamlosen Betrüger anzulocken und ihnen dann irgendwann knallhart auf den Kopf zuzusagen, dass sie Scammer sind, und dass sie selbst eine Frau ist mit viel Zeit und wenig Geld. Bis sie auf Benu trifft, den sie zwar ebenso durchschaut, bei dem sie aber zögert, ihn bloßzustellen, weil er nicht so großspurig auftritt und irgendwie immer die richtigen Worte findet. Und der dann auch nicht den Kontakt abbricht, als sie ihm die Wahrheit sagt. Gleichwohl aber bleiben seine Absichten nebulös.
Ihr Chat zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung, immer wieder unterbrochen von Anmerkungen und Rückblenden auf das Leben der Protagonistin. Jupiter weiß natürlich nichts von ihrem nächtlichen Internet-Doppelleben, sie haben wegen Junos Schlaflosigkeit schon lange getrennte Schlafzimmer. Die virtuelle Beziehung zwischen Juno und Benu weist exemplarisch auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Europa und Afrika hin, verdeutlicht aber auch die Diskrepanzen zwischen den individuellen Erwartungen und Hoffnungen der Beiden. Die ebenso poetische wie humorvolle Schilderung der Alltagsrealität von Juno wird durch allerlei mythisch gedeutete Begebenheiten ergänzt. Dazu gehört auch das von Jupiter gebastelte Bienen-Hotel auf dem Fensterbrett, wo denn auch prompt zur Freude des Paares eine Wildbiene einzieht. Schon die Namen Juno und Jupiter weisen ja auf die Götterwelt hin, und auch dem Stand der Gestirne gilt immer wieder Junos ungeteilte Aufmerksamkeit. Als Zeichen ihrer Suche nach Identität beginnt sie, sich Tattoos stechen zu lassen, auf die sie sehr stolz ist. Ihr Internet-Spiel mit Benu, diese Täter-Opfer-Umkehrung, hilft ihr beim Aggressionsabbau. Es hilft ihr aber auch, sich ihrer Würde bewusst zu werden, auch wenn die menschliche Existenz hier als permanenter Hindernislauf dargestellt wird in einem unsteten Leben, oft am Existenzminimum.
Ein trotziger Optimismus, frei von Pathos, kennzeichnet die einfach gehaltene Sprache des Romans, mit der die alltägliche Monotonie im Leben von Juno stilistisch gekonnt verdeutlicht wird. Die Charaktere von Benu, aber auch von Jupiter bleiben im Ungefähren, sie sind quasi Nebenfiguren in diesem Roman der Selbstfindung einer Künstlerin in Zeiten von Ukrainekrieg und anderem Ungemach. Mehr ‹heutig› kann ein Roman kaum sein!
Fazit: erfreulich
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Südtirol. Eine literarische Einladung
Südtirol. Eine literarische Einladung. Die Marmolada, die Brenta-Gruppe, der Rosengarten sowie die eiszeitliche Bletterbachschlucht sind längst UNESCO-Weltnaturerbe und ohne sie könnte man sich wohl kein Südtirol denken. Denn die Berge sind es, die auch die Mentalität der Bewohner:innen beeinflussen.
Haut-Adige, Alto Adige oder doch Südtirol?
“Wer über den Tourismus in den Alpen schreibt, muss daher bei ihnen beginnen, den Bergen“, fordert Selma Mahlknecht im Eingangsessay dieser literarischen Einladung, die in unser Nachbarland Italien führt. Und auch wenn es vielleicht als unpopulär gilt, in einer globalisierten Welt, Wurzeln haben wir doch alle und das Fremdsein in der Fremde ist doch auch nichts anderes als die Fremdheit der Spiegelung des Ichs in einem Bergsee. Oder dem eigenen Badezimmerspiegel. “Doch die Flucht aus der Welt“, schreibt Mahlknecht so treffend, “endet immer in der Welt – und das Ausbrechen aus dem Ich wirft das Ich auf sich selbst zurück.” Für die Berge bedeutet dies vor allem, dass wir immer wieder zu ihnen zurück kommen werden, denn sie waren einfach schon vorher da. Oder wie der Name Alto Adige (für Südtirol) schon verrät: die Berge, die sind weiter oben. Alessandro Bando verrät in seinem Beitrag, dass der Begriff Alto Adige aber in Wirklichkeit ein Gallizismus sei und durch ein Dekret Napoleons eingeführt worden wäre, also “Haut-Adige“, um genau zu sein. Andererseits bezieht sich der Begriff Südtirol aber auch auf das Trentino. Nur einen Ort gäbe es, der kein dreisprachiges Verkehrsschild habe: Lana. Lana für Italienisch-, Deutsch-, Ladinischsprachige, für Südtiroler und Altoatesini.
Ohne Knödel hosch ned gess’n
Magdalena Fingere erzählt in “Bozen” von ihrem aphasischem Vater und ihrem eigenen Asthma. Gianni Bianco von einem Haus am Damm. Und sogar ein Stefan Zweig Gedicht über die “Bozner Berge” hat sich in diese Publikation geschlichen: Viele fromme Worte fallen dir ein/Doch du mußt sie Gott nicht erst sagen;/Du brauchst nur dein rauschendes Herz hinein/In den lauschenden Morgen zu tragen. “Weil i’s nimmer derpock“, weint das Luzele in Helene Flöss’ “Löwen in Holz”, sie schafft es am Allerheiligentag nicht mehr, die Krapfen zu verdrücken. Denn der Allerheiligentag ist ein Festtag geworden, weil der ganze November ein so traurig-grauer Monat ist. “Ohne Knödel hosch ned gess’n” könnte man da auf gut Südtirolerisch antworten. Denn Schulter, Krapfen, Planten, mezzelune und Schmarrn gehören zur klassischen “weißen” Küche. Die Tomaten hätten erst nach dem Weltkrieg Einzug gehalten. “Hinaus in die Welt, nichts als hinaus in die Welt“, hatte der Vater in “Die Walsche” von Joseph Zoderer immer gerufen. Aber jetzt war er tot und sie musste im Gasthaus in dem er sich zu Tode gesoffen hatte die Beileidswünsche bei einem Glas Wein oder Schnaps entgegennehmen. “Dem Naz (Besitzer des Gasthofs) hätte sie mal liebsten grazie! mille grazie! ins Gesicht gezischelt aber sie fragte nur: Schnaps oder Wein”. Er hatte sie als erster “Die Walsche” genannt, nur weil sie Hausaufgaben in Italienisch gemacht hätte.
Schöne Welt, böse Leut
Andersherum war es beizeiten sogar lustig, wie Claus Gatterer, Begründer der transnationalen Geschichtsschreibung, in “Schöne Welt, böse Leut” erzählt. “Mamma mia, che nome ostrogotico! Va a farti frigere“, rief seine Italienisch-Lehrerin einem Klassenkameraden nach, dessen (deutschen) Nachnamen sie als Welsche nicht aussprechen konnte. Besonders schwierig waren nämlich Namen mit “h” für sie. “Als hätte sie einen Igel verschluckt“, beschreibt Gatterer ihre Weigerung deutsche Namen auszusprechen oder derlei Versuche. Aber natürlich gab es auch dabei Ausnahmen, denn die Namen der besseren Leute konnte sie durchaus aussprechen. Im Anhang befinden sich auch Kurzbiographien und Quellen der Texte aus denen die Auszüge stammen. Gedichte in lateinischer Sprache plus Übersetzung sind ebenfalls lesenswert in dieser literarischen Einladung nach Südtirol. Mit weiteren Texten und Übersetzungen aus dem Italienischen wie Ladinischen von Marco Balzano, Roberta Dapunt, Oswald Egger, Maddalena Fingerle, Claus Gatterer, Lilli Gruber, Francesca Melandri, Maxi Obexer, Joseph Zoderer und vielen anderen. Von Gaby Wurster sind bei Wagenbach auch literarische Einladungen nach Genua und Ligurien, Triest und Lissabon erschienen.
Gaby Wurster (Hrsg.)
Südtirol. Eine literarische Einladung
SALTO [284].
2024, 144 Seiten. Rotes Leinen. Fadengeheftet
ISBN 978-3-8031-1383-2
Wagenbach Verlag
22,– €
Juli, August, September
Juli, August, September. “Der Russe ist einer, der Birken liebt” war ihr Debüt, 2012, seither sind auch andere Bücher von dieser Autorin erschienen, die derzeit als Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet. Die in Baku, Aserbaidschan Geborene lebt abwechselnd auch in Polen, Russland, der Türkei, den USA und Israel. Ihre Werke, ein Essay und vier Romane, wurden in 15 Sprachen übersetzt, fürs Radio und die Bühne adaptiert und verfilmt. In ihrem neuen Werk geht es um die liebe Familie und die Protagonistin Lou macht sich auf die Suche nach deren Geheimnissen. Zwischen Berlin, Gran Canaria und Israel.
Die Vergangenheit der Gegenwart
Tante Maya feiert ihren 90. Geburtstag. Sie lädt ausgerechnet auf die touristische Urlauberinsel Gran Canaria ein, weil sie dorthin ein Preisausschreiben gewonnen hat. Alle Familienangehörigen – oder zumindest jene die sich noch dazu zählen – müssen sich nun dort um sie versammeln und ihrer letzten Erzählung lauschen. Denn natürlich will sie sich in ihrem betagten Alter auch verabschieden. Und einiges zurechtrücken. Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben und auch bei Familiengeschichten ist dies nicht anders. Dort schreiben die Überlebenden die Geschichte. Bald kommt Lou nämlich einem Familiengeheimnis auf die Schliche, die ihre andere Tante Rosa, nach der sie auch ihre Tochter benannt hat, betrifft.
Juli, August, September
Die beiden Schwestern Maya und Rosa durchlebten gemeinsam den Krieg und den Holocaust und ihre Nachkommen sollen nun endlich die Wahrheit erfahren, so, wie es wirklich war. Aber die Mutter von Lou ist damit gar nicht einverstanden. Lou selbst durchlebt auf Gran Canaria ihre erste Ehekrise, von der sie selbst nicht sicher ist, ob es sie nun wirklich gibt oder nicht. Denn Sergej ist einfach nur viel unterwegs, als Konzertpianist hat er keine andere Chance. Die Telefongespräche zwischen Salzburg und Gran Canaria verlaufen unbefriedigend. Und bald fragen sie alle, ob sie sich scheiden lassen wolle. Als dann noch ein Interview von Sergej erscheint, scheint das Fass überzulaufen. Lou fliegt nach Israel und begegnet dort ihrer Vergangenheit.
Ehe, Familie und Partnerschaft im 21. Jahrhundert
Es geht viel um die russisch-jüdische Identität, denn ihre Familie stammt eigentlich von Wolgadeutschen der Sowjetunion ab. Im Ausland werden sie dann abwechselnd als Russen oder Juden wahrgenommen, beides führt zu Komplikationen. An einer Stelle spricht sie auch über die “heritazniza”. Sie spreche die russische Sprache zwar nicht perfekt, aber sie löse sehr viel mehr Emotionen bei ihr aus als das Deutsche, so Lou. Besonders für die Kinder ist das Aufwachsen durch solche Zuschreibenden nicht gerade einfach. “In meiner Familie herrschte ein rigider Wettbewerb, wer die erfolgreichsten Kinder hatte. Denn der Erfolg der nächsten Generation war der Gradmesser gelungener Elternschaft.” Aber bald wird Lou konstatieren, dass sie alle versagt hatten. Und über allem liegt dieser feine Staub von Ironie.
Judentum als “kulturelle Performance”
Nicht nur weil sie ihr erstes Kind verloren hatte, sondern auch ihre erste Ehe, fühlt Lou, dass sie keineswegs zu den “Siegern” gehört. Ihr Judentum wäre ohnehin nur mehr eine “kulturelle Performance”, die nicht mal besonders gut sei. Als Lou schließlich entdeckt, dass Hannah, ihre Großmutter, ihre beiden Kinder Maya und Rosa während des Krieges im Stich gelassen hatte und ihr Ehemann als vermeintlicher Deserteur in ein sowjetisches Gefängnis gekommen war, spitzt sich die Handlung zu: “Als ich so alte geworden war, dass mein Erinnerungsvermögen einsetzte, hatte mein Großvater seines verloren“. Olga Grjasnowa erzählt in einer sympathischen, jugendlichen Sprache vom Schicksal aller jener, die durch den Krieg in alle Welt zerstreut wurden und seither versuchen, die verlorenen Teile wieder zusammenzufügen. “Juli, August, September” ist dafür ein guter Anfang.
Olga Grjasnowa
Juli, August, September
Roman
2024, Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-446-28169-1
Hanser Berlin
Deutschland: 24,00 €
Österreich: 24,70 €
Antichristie
Wirres Roman-Konstrukt
Der zweite Roman «Antichristie» von Mithu Sanyal ist für den Deutsche Buchpreis 2024 nominiert worden, hat es also wie ihr Debüt «Identitti» ebenfalls auf die Longlist geschafft. Dabei ist es aber, wie auch schon 2021, dann geblieben. Thema des neuen Romans dieser Autorin mit indischen Wurzeln ist der britische Kolonialismus und die Gewalt, die er hervorgerufen hat. Die der Autorin in manchem ähnelnde Protagonistin ist im Jahre 2022 in London als Drehbuchschreiberin an den Arbeiten zu einer antirassistischen Agatha-Christie-Verfilmung beteiligt. Gerade erst ist die den Umschlag zierende, britische Königin gestorben, und der dort ebenfalls abgebildete Tiger deutet auf den Namen der Protagonistin hin. Sie trägt den Namen der auf dem Tiger reitenden, hinduistischen Göttin Durga, was im Sanskrit «Die Schwer zu Begreifende» bedeutet. Wie treffend genau dieser Name gewählt ist, erschließt sich dem Leser schon nach wenigen Romanseiten!
Die Ich-Erzählerin Durga ist als Drehbuchschreiberin zu einem zehntägigen «Writers’ Room» der Firma Florin Court Films in London eingeladen, weil sie eine Doppelfolge von «Doctor WHO» geschrieben hat. Bei einer traumatischen Flucht landet sie in dem Garten einer Gärtnerin, wie sie wegen der dort aufgehängten Wäsche vermutet, sie steht jedoch plötzlich einem Mann gegenüber. Und sie stellt fest, dass sie einen Penis hat, der erigiert ist. Aus Durga ist Sanjeev geworden, ein neuer, zweiter Ich-Erzähler, der parallel das weibliche Bewusstsein von Durga beibehält. Er findet sich im Jahre 1906 im Londoner «India House» als Zaungast einer gerade entstehenden indischen Freiheitsbewegung wieder. Und er erinnert sich dort sogar an etwas, das Durga mal gegoogelt hat! Chronologische Kontinuität wird in diesem Roman also ganz unbeirrt ad absurdum geführt, Zeit und Geschlecht problemlos gewechselt wie das Hemd. In den Personen um sich herum erkennt Sanjeev Helden des Freiheitskampfes, von denen Durgas Eltern ihr oft erzählt haben, ihr bengalischer Vater und Lila, ihre Mutter, eine Duisburgerin, die sich dem kolonialen Freiheitskampf Indiens stark verbunden gefühlt hat. Der Tod der Monarchin ruft antirassistische Demonstrationen hervor, auch vor dem Büro der Filmfirma. So dass mit der Königin in deren Motto, «Keep calm and hands off our Queen», auch Agatha Christie gemeint sein könnte, deren Krimis im antirassistischen Überschwang mit einem farbigen Hercule Poirot motivisch geradezu entstellt werden sollen.
Der/die Protagonist/in ist in diesem Roman voller Paratext, Verweisen, Symbolen, Phantasien und Träumen die alleinige Erzähl-Instanz, an die all diese verschiedenartigen Elemente mangels erkennbaren Plots gewissermaßen ‹andocken›, um eine narrative Struktur zu bilden. Eine eigensinnig gewählte Erzählhaltung der Postmoderne, die zu bezwecken scheint, dem erwartungsvollen Lesepublikum literarisch etwas sensationell Neues, total Unkonventionelles anzubieten. Folglich werden in dem «Abspann» genannten, üppigen Nachwort nicht nur die Intentionen der Autorin sehr ausführlich dargelegt, sondern auch die im Textwirrwarr kaum erkennbare Handlung erläutert Und das wird ergänzt um ein mit «Cast & Crew» betiteltes, ebenso üppiges Personenregister, ohne das man hoffnungslos verloren wäre.
Wie notwendig all das ist, beweisen die durchweg zweifelnden Stimmen aus den Feuilletons ebenso wie die aus den Leser-Kommentaren. Hauptkritikpunkt an diesem Roman ist die spannungslose, kaum nachvollziehbare Handlung, die zum Verständnis auch deutlich zu viel historisches Spezialwissen voraussetzt. «Antichristie» ist zudem hoffnungslos überfrachtet und wird durch die abrupten Zeitsprünge zunehmend nervig, man ärgert sich aber auch über die dozierende Erzählweise. Ein wirres Roman-Konstrukt also, dem zu folgen kaum möglich ist. Es ist der scheinbar zwanghafte literarische Versuch, unbedingt unkonventionell zu schreiben, um dann im Ergebnis genau daran grandios zu scheitern!
Fazit: miserabel
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Der Klimaatlas- 80 Karten für die Welt von morgen
Luisa Neubauer ist das Gesicht von Fridays for Future, der „unideologischen Bewegung“, leiteten sie doch ihre Aktivitäten von Studienergebnissen ab. „Wissenschaftliche Bekenntnisse sind das stärkste Argument gegen Klimazerstörung,“ dachten sie.
Aber, warum ist FFF verschwunden?
An der Wissenschaft liegt es nicht, und so werden von den Autoren andere Wege gesucht, und gefunden, diese Erkenntnisse bekannter zu machen.
Dazu kommt ein Buch im DIN A4 ähnlichen Format, knapp zweihundert Seiten, mit großflächigen Abbildungen. Die Kapitel werden durch Texte eingeleitet, die in sehr hellem Grau gehalten und für Ältere nicht gut lesbar sind. Umso farbiger sind die Abbildungen.
Die ersten beiden Kapitel beschreiben die Lage, dass weltweit Frühlinge früher beginnen, die Temperaturen ansteigen.
Dass der ökologische Wandel ein komplexeres Geschehen ist, wird im dritten Kapitel eingeleitet: Es ist mehr als der CO2 Anstieg. Lebensräume sind bedroht. Arten sterben. Wie schützen wir unsere Ressourcen, die Böden und das Trinkwasser?
Im Kapitel Gesundheitlicher Wandel wird die Tatsache angesprochen, die sich durch das Werk zieht: Es trifft die Ärmeren stärker. Länder, die am Äquator liegen, sind schon bei einem Anstieg von 1,5° C nicht mehr bewohnbar, andere in deren Nähe werden es bei über 2°C nicht mehr sein. Alle Länder, die deutlich oberhalb des Äquators liegen, ob in Amerika, Europa oder Asien, also die reicheren, bleiben auch dann bewohnbar.
Und wen trifft es hier? Die Ärmeren, die kürzer leben, schlechtere Luft atmen, weniger Parks haben, keine Gärten. Eine Abbildung dazu: Dein Lamborghini schadet meiner Lunge.
Ein gesellschaftlicher Wandel ist gefragt. Dazu ist zu reflektieren, was wir anstreben und was Fortschritt ist. Und: was wer verlieren wird.
Ist unsere Welt die von Hollywood, mit breiten Autospuren, auf denen ein „PS-gestählter Superheld“ dahinbraust? Gerade diejenigen Menschen, die ohne lebensgefährdende Einschränkungen etwas für den Bestand des Planeten tun könnten, genießen diesen Lebensstil und glauben, sie hätten ihn sich verdient.
Gibt es andere Leitbilder? Es geht auch anders. In einer Abbildung werden Popheld:innen bewertet: Batman gehört der Vergangenheit an, Asterix setzt auf Technologien mit geringem Ressourcenaufwand, Lucky Luke hat einen Hauch toxischer Männlichkeit, gepaart mit einer Liebe für Eisenbahn und Empathie. Besser wird es mit Bibi Blocksberg, sie ist klimaneutral und setzt auf Frauen und Pipi sieht Kinder an der Macht, mit PS, aber ohne Auto.
Dann gibt es Vorschläge, wie die Leser: innen sich einbringen können. Die Auswahl ist groß, auf allen Ebenen können Aktivitäten entwickelt werden. Senior: innen können auf Klappstühlen den Eingang einer Bank blockieren. Und neben diesen gut hundert Vorschlägen gibt es nochmal so viele fürs Internet.
Mein Lieblingskapitel folgt: Politischer Wandel. Auf der einen Seite sind das Grundgesetz und das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Klimakrise abgedruckt, auf der anderen die Aussagen aktueller Politiker, schon Bekanntes von Lindner zum Freisein im Auto und Söder zur Bratwurst. Neu war mir das Beste: „Autobahnen sind in Beton gegossene Freiheit“ von Christoph Meyer, FDP von 2024!
Die nächsten Kapitel behandeln den wirtschaftlichen und den technologischen
Wandel mit globalen Beispielen.
In der Einleitung steht: „Wir möchten den Blick weiten, für all das, was sich kulturell, technologisch, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich gerade verändert. Von der Energiegewinnung über die Gesetzgebung hin zu unserer Sprache und unseren Zukunftsträumen. Die Welt ist im Wandel, und das ist eine gute Nachricht.“
Das ist den Autor:innen gelungen.
Super einsam
Super einsam. “SO36”, die ehemalige Berliner Postleitzahl für einen ganz bestimmten Teil Kreuzbergs, wird in den Achtzigern zu einem Chiffre für politischen Widerstand und linksradikale Aktivitäten. “Mariannenplatz rot verschrien“, sangen damals Ideal. Für Vito, den Protagonisten von Anton Weils Roman, ist es vor allem seine Heimat. Denn in SO36 befindet sich die Wohnung seines Vaters, die er von ihm übernommen hat. Aber eigentlich will er nur raus hier, raus nach Südfrankreich. Oder wohin auch immer.
SO36 Heimat der Heimatlosen
“Der Moment schien eben golden wie unser Bier“, meint Vito tröstend zu sich selbst, um ihn herum peitschen sich die Leute auf dem Klo Zeugs in die Nase oder konsumieren ganz offen, was es an legalen und illegalen Substanzen zu konsumieren gibt. Aber Vito ist nicht so, er besucht lieber einen IKEA Laden mit seinem Vater, denn dort gibt es eine “vorgegeben Route durch den Laden. Endlich etwas das Halt verspricht. Endlich Guidance“. Die Erkenntnis, dass er ob seiner Altersweitsicht eigentlich “Goethe-Augen” hätte, erfreut sein darbendes Gemüt, sein Vater jedenfalls ist sogar stolz darauf. Aber egal, denn jede Eskalation kann ja auch ein Bonding-Moment sein, gerade zwischen Vater und Sohn. Vielleicht sogar ein James-Bonding Moment. Solche Momente haben die beiden bitter nötig, denn Vito’s Mutter ist an Krebs gestorben und so sind beide Männer einsam. Super einsam. Aber Vitos Mutter hat ihm einen Koffer vererbt, den er erst an seinem 25. Geburtstag öffnen darf. Aber er ist noch nicht 25. Erschwerend hinzu kommt noch die Trennung von seiner Freundin Mia, was ihn noch viel super einsamer macht als seinen Vater. Aufgrund der Krisensituation lässt er sich auf einen Schwulenflirt ein, “seine Homophobie war durchwegs gay“, scherzt er vor sich hin, denn das tete a tete endet bei einem Sicherheitsbeamten.
Super einsam Retro-topie
“Fuck, is das hell.” Anton Weil schreibt in kurzen, meist englisch übermittelten Kapiteln witzige Szenen aus dem Alltag seines Protagonisten und meist stellt man fest, dass man selbst noch in diesem Karussell hängt, von dem er hier schreibt. Denn die ganzen gesellschaftsverändernden Utopien der Achtziger oder Sechziger habe längst ausgedient und sind höchstens noch als Retro-topie denkbar. Wer würde denn schon freiwillig auf die 80m2 Wohnung des Vaters verzichten, wenn sie sich noch dazu in Kreuzberg SO36 befindet? Vito jedenfalls nicht. “Vielleicht ist es ein Hoffnungsschimmer, dann könnte ich hier wohnen bleiben. Halt frierend, aber immerhin habe ich eine Heimat.” Der Verlust seiner Mutter, die erst 49 war, traf den damals 17-jährigen wie eine Atombombe: “Ich wollte sehen, wie viel übrig bleibt von einem Menschen, der für mich die Welt, aber für die Welt nur ein Mensch war“, erklärt sich Vitolino sein Verhalten im Krematorium. Am Ende sieht er sie dann doch noch in 4K-Ultra-HD. Und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu bedanken. Denn sie war die ganze Zeit über da.
Ein Roman über einen schmerzlichen Verlust, der sich verdoppelt. Schön, dass Vito uns daran teilhaben lässt und so vielleicht auch jenen hilft, die ähnliches durchmachen. Nur den Kopf nicht hängen lassen, irgendwann kommt von irgendwoher wieder ein Lichtlein daher. Meistens wenn man es am wenigsten erwartet…
Anton Weil
Super einsam. Roman
2024, gebunden, 240 Seiten, 12.5 x 19 cm
ISBN: 978-3-0369-5042-6
Kein&Aber Verlag
EUR 22.70
Wien. Architektur und Kunst
Wien. Architektur und Kunst. Wien wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt wiedergewählt. Gerade im Herbst lohnt sich ein Besuch der Mitteleuropametropole, da ein Festival das andere abwechselt, sei es Musik, Kunst oder Mode. Der vorliegende Reclam Städteführer für Kunst- und Architekturliebhaber wirft sein Augenmerk aber auf die wichtigsten Profan- und Sakralbauten und den bedeutendsten Museen, also dem “Vienna Gloriosa”. Ein Stadtporträt, das die Stadtgeschichte in Daten und Besichtigungsvorschlägen für ein- und mehrtägige Aufenthalte in sich versammelt.
Vienna Gloriosa: barocke Moderne
Farbige Innenstadtpläne in den Umschlagklappen, zahlreichen Abbildungen, Stadtteilpläne, Grundrisse, ein Register sowie weiterführenden Literatur- und Internethinweisen zeichnen die neuen Reclam Städteführer aus. So auch dieser, der sich ganz Österreichs Hauptstadt widmet und sogar noch mit einem praktischen Farbleitsystem im Innenteil ausgestattet ist und so eine schnelle Übersicht ermöglicht. Die Autorin Hildegard Kretschmer, stammt zwar aus Salzburg, worüber sie bei Reclam auch einen Städteführer veröffentlichte, kennt sich aber in Wien genauso gut aus. Die Stadt, die einst nach ihrem Wienflussgerinnsel, der dieses Jahr während des Hochwassers erstmals zu einem reißenden Fluß wurde, benannt wurde, war einst ein römisches Militärlager, Vindobona, das eigentlich erst Bedeutung erhielt, als das Lösegeld für Richard Löwenherz in die Schatzkammer eintrudelte.
Stadterweiterung durch Lösegeld
Mit diesem Geld wurde die Stadt erweitert und ein Mauerring errichtet. Die Habsburger folgten auf ein kurzes Zwischenspiel der Böhmen und 1365 stiftete Rudolf IV. endlich eine Universität. Zu Vienna Gloriosa wurde Wien vor allem während des Barock. Eine Schrift von P. Ignatius Reiffenstuel SJ wurde so betitelt und zeigte das ruhmreiche Dörfl als Trutzburg des Katholizismus und der Gegenreformation. Selbst von der Französischen Revolution und Napoleon blieb die Wiener Bürgerschaft unbeeindruckt. Erst nach der Revolution von 1848 wandelte sich Wien schließlich endlich zur Großstadt, wie wir sie heute kennen.
Wien. Architektur und Kunst
Neben der Innenstadt zeigt Kretschmer aber auch die noblen Villenbezirke Hietzing, Währing, Döbling oder die Weindörfer Grinzing, Nussdorf und Heiligenstadt, die seit Ende des 19. Jahrhunderts zum Stadtgebiet gehören, da sie eingemeindet wurden. Seither hat Wien 23 Bezirke, die allesamt in vorliegendem Städteführer vorgestellt werden. Die Stadtgeschichte in Daten, dann ein Spaziergang durch die sog. Innere Stadt, die als einzige der 23 Bezirke keinen anderen Namen hat, wird gefolgt von einem Ausflug über die Ringstraße in den Dritten Bezirk, “Landstrasse”. Im Anhang befindet sich ein eigenes Kapitel zu den unzähligen Museen sowie praktische weiterführende Informationen mit Telefonnummern und Internetadressen. Der Reclam Städteführer hat in jeder Jackentasche platt und ist ideal für unterwegs und unentbehrlich für Architektur- und Kunstaficionados.
Von Hildegard Kretschmer
Reclams Städteführer Wien. Architektur und Kunst
4. durchges. und aktual. Auflage von Maximilian Hartmuth
2024, 220 S., 18 Farbabb., 10 Karten, Klappenbroschur. Format 9,6 × 14,8 cm
ISBN: 978-3-15-014632-3
Reclam Verlag
15,00 €
Von Norden rollt ein Donner
Schäferidylle kontra Wolf
Es sind ganz verschiedene Motive, die den Schriftsteller Markus Thielemann dazu bewogen haben, seinen zweiten Roman «Von Norden rollt ein Donner» zu schreiben, wie er in einem Interview mit den NDR erklärt hat. «Ich schreibe gerne über Landschaften» hat er über sein Grundthema gesagt. Und in zweiter Linie sei der Wolf für ihn eine Inspiration zum Schreiben gewesen, «die Idee von Idylle und Gewalt», die hier räumlich so nahe beieinander seien. Ein düsteres Bild deutet ihm zufolge auch der Titel des Buches an, denn es gehe eben nicht um einen Gewitter-Donner, sondern um den Donner von Granaten aus der naheliegenden Munitionsfabrik von Rheinmetall. «Das fand ich ein unheimliches Bild».
Mit einem Heide-Gedicht von Theodor Storm als Vorwort wird aus der Perspektive des 19jährigen Jannes eine Geschichte erzählt, die zeitlich 2015 im Milieu einer Schäferfamilie auf der Lüneburger Heide angesiedelt ist. Der formal noch dem Opa gehörende Hof der Familie besitzt 42 Ziegen und lebt im Wesentlichen von der Schafzucht, die Herde besteht aus 357 Heidschnucken. Durch Einwanderung und Wiederansiedlung ist in der Heide mit der Zeit eine Population von Wölfen heran gewachsen, die immer bedrohlicher wird für die Schäfer. Der Opa von Jannes kann kaum noch mitarbeiten und verbringt seine Zeit vor dem Fernsehgerät. Der Vater, immer häufiger von Demenz-Ausfällen geplagt, ist deshalb öfter am Schreibtisch als auf der Heide anzutreffen. Die Arbeit mit den Schafen lastet damit also weitgehend auf den Schultern von Jannes, manchmal unterstützt von seiner Mutter, die sich ansonsten um den Hof kümmert und den Haushalt führt. Jannes ist gerne Schäfer, er ist in diese Arbeit hineingewachsen seit frühester Kindheit und kann sich gar nicht vorstellen, etwas anderes zu tun oder gar in die Stadt zu gehen und einen Beruf zu erlernen wie seine beiden Freunde.
In sehr ausführlichen und anschaulichen Beschreibungen schildert der Autor die einmalige Natur, in der Jannes einsam und bei oft unwirtlichem Wetter arbeiten muss. Mit Hilfe seiner beiden Hütehunde treibt er seine Herde manchmal kilometerweit zu den Weideplätzen. Er beobachtet aufmerksam die Tiere, die er alle kennt, und unwillkürlich auch die weitere Umgebung, wo er den Wolf vermutet. Es gab nicht nur Spuren von ihm, sondern auch schon Risse. Die Emotionen prallen heftig aufeinander in den Dörfern, befeuert von den einseitig ökologisch orientierten Umweltschützern, für die der Wolf ganz selbstverständlich zu dieser archaischen Naturidylle gehört. Logisch denkende Realisten halten dem entgegen, dass die Zeiten, in denen der Wolf hier heimisch war, längst vorbei sind, es gibt keinen Platz mehr für ihn in der dicht besiedelten, modernen Industrielandschaft. Und die Schäferei wiederum ist erforderlich, um die Heide zu erhalten, die einzig und allein durch den Verbiss der Schafe baumfrei mit ihrem typischen Bewuchs erhalten bleibt. Natürlich nutzt die politische Rechte diese Thesen gegen den Wolf propagandistisch weidlich aus, und es bildet sich bald auch schon eine dörfliche Interessen-Gemeinschaft.
Die Schäferidylle nimmt einen weiten Raum ein in diesem Roman, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2024 steht. Man bewundert die fast schon intelligent wirkenden Hütehunde und erschrickt über die tagelange Einsamkeit des jungen Schäfers bei seiner Arbeit. Gegen den Wolf wird vom Vater ein extra hoher Wolfzaun aufgestellt, und versuchsweise wird auch ein spezieller Schutzhund eingesetzt. Leider passiert aber sonst nur wenig, außer dass Jannes von Trugbildern und mythischen Visionen geplagt wird, die bis zum Schluss andauern. Es wird dazu aber nur vage angedeutet, dass von den Nazis dort früher Fremdarbeiter eingesetzt wurden. Deutlich zu Vieles aber bleibt unerzählt und der eigenen Fantasie überlassen. Und es werden immer wieder weitschweifig die eintönigen Tage des Schäfers geschildert, so dass man sich leider bald auch ziemlich langweilt mit diesem Roman!
Fazit: lesenswert
Meine Website: https://ortaia-forum.de
Fucking Famous
Ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt die Lektüre des Romans »Fucking Famous«, der im Klappentext als »Deutschlands abgründigste Roman-Satire über Instagram & Co., schamlose Selbstdarstellung im Zeitalter der Algorithmen, Hyper-Narzismus und das allgegenwärtige Mantra der Influencer: Mach dich zur Marke!« klassifiziert wird. Weiterlesen
Die Netanjahus
Persiflage über unausrottbare Aversionen
Der amerikanische Schriftsteller Joshua Cohen hat für seinen Campusroman «Die Netanjahus» mit dem Untertitel «oder vielmehr der Bericht über ein nebensächliches und letztendlich sogar unbedeutendes Ereignis in der Geschichte einer sehr berühmten Familie» den Pulitzerpreis für das Jahr 2022 erhalten. Erzählt wird eine groteske Geschichte, die literarisch auf der Höhe des vergleichbaren Romans «Pnin» von Wladimir Nabokov angesiedelt ist. Anders als im Pnin ist hier aber der Held ein realitätsverhafteter jüdischer Geschichtsprofessor, der intelligente Chaot aber ein israelischer Bewerber um eine Professur. Ernste Thematik hinter dem erzählerischen Witz in diesem Roman sind die antisemitischen Ressentiments in den USA, der jüdische Selbsthass und die Israelkritik. In einem langen, mit «Abspann & Gastauftritte» betitelten Nachwort erläutert der Autor die realen Hintergründe seiner auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte. Denn tatsächlich hat der Vater des heutigen, heftig umstrittenen israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu sich einst vergeblich an einer amerikanischen Uni beworben, – der Rest aber ist Fiktion!
Der Historiker Professor Ruben Blum ist der einzige Jude am Corbin College nördlich von New York, in einer öden, ländlichen Gegend. Er ist ein gutmütiger Mensch und lebt mit seiner Frau und der zum Studium angemeldeten, klugen und sehr selbstbewussten Tochter in der Diaspora. Er hat sich nicht geweigert, auf Wunsch seines Dekans, der das als ironischen Gag sieht, bei der jährlichen Feier ausgerechnet als Jude die Rolle des christlichen Weihnachtsmanns zu übernehmen. Und so kann er es im Winter 1959-1960 auch nicht ablehnen, einen jüdischen Bewerber bei seinem Besuch zu einer Probe-Vorlesung zu empfangen und zu betreuen. Zu seiner Überraschung steigt Netanjahu bei heftigem Schneefall nicht allein aus seinem klapprigen Auto, es sind gleich fünf Personen, mit ihm seine Frau und drei Söhne im Teenager-Alter.
Und damit ist die häusliche Idylle bei den Blums mit dem zum Empfang liebevoll angerichteten Büffet dahin. Die Netanjahus schleppen mit ihren Schuhen und Mänteln Schnee herein, der das Parkett ruiniert, fallen wie die Wilden über das Büffet her, lümmeln sich in den Postersesseln herum und glotzen staunend auf den neuen Fernseher, der einer der ersten ist mit Farbe. Die Uni hat nur ein Einzelzimmer reserviert, und als Netanjahus Frau mit dem ausgebuchten Hotel telefoniert, beschimpft sie die Frau von der Rezeption und verzichtet schließlich wütend auf das Einzelzimmer. Die Blums müssen sich auf das Schlimmste vorbereiten, den fünf Netanjahus nun auch noch Logis anzubieten. Als Blum und Netanjahu mit ihren Frauen spätabends von der Probe-Vorlesung und dem nachfolgenden Empfang zurückkommen, ist der neue Fernseher zertrümmert und das Zimmer total verwüstet. Auf der Treppe kommt ihnen der älteste Sohn nackt und mit erigiertem Penis entgegen, und die sonst so brave Tochter tritt ungeniert ebenfalls nackt aus ihrem Zimmer heraus, – das Chaos ist perfekt.
Der Roman lebt einerseits von seinem ironischen, satirischen Ton, der das Lesen zum reinen Vergnügen macht, auch wenn es zuweilen slapstickartig zugeht. Und dabei werden bewusst keine Klischees ausgespart, mit denen jüdisches Leben ja so reichlich gesegnet ist, sie werden vielmehr ins Groteske hinein gesteigert. Andererseits, und das macht diesen Campus-Roman auch zum intellektuellen Vergnügen, werden das Judentum, jüdische Diaspora und der Zionismus in erregten Disputen und kritischen Betrachtungen geistvoll hinterfragt. Stilistisch brillant und gekonnt Witz und Intellekt miteinander verknüpfend prallen die radikalen politischen Thesen Netanjahus auf die betont zurückhaltenden, eher versöhnlichen Positionen von Ruben Blum. Eine ironische, oft sogar zynische Persiflage über unausrottbare Aversionen biblischen Ausmaßes, die oft schon an der Frage scheitern, was genau einen Menschen denn zum Juden macht.
Fazit: erstklassig
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