Wer möchte nicht im Leben bleiben

Wunderkind-Syndrom

Für ihren dritten Roman hat HeleneBukowski mit «Wer möchte nicht im Leben bleiben» den Titel eines schwülstigen Pionierliedes der FDJ gewählt. Schon der Klappentext verrät, dass es hier um Suizid geht, begangen von einem Wunderkind, dem als Pianistin eine große Karriere in der DDR prophezeit war. Die Autorin ist in einem Nachlass zufällig auf dieses Schicksal gestoßen, das dreißig Jahre zurück liegt und sie nun nicht mehr loslässt. Voller Eifer stürzt sie sich in die Recherche für einen neuen Roman, den sie zu dieser Thematik zu schreiben gedenkt.

Schon die selten anzutreffende Erzählperspektive in der zweiten Person zeigt auf, wie sehr sie sich dabei ihrer Protagonistin Christina in deren tragischer Geschichte verbunden fühlt. Die Autorin schreibt sich damit quasi selbst in ihren Roman hinein, daran muss man sich dann erst mal gewöhnen als Leser. «Du sitzt im Übungszimmer, stürzt dich in die Revolutionsetüde, hämmerst mit aller Gewalt auf den Flügel ein, zerlegst den Raum und explodierst wie Leuchtfeuer am Himmel. Später stehst du auf dem Gang, bist brav, still, lächelst. Deine Wut findet nur in den Noten Platz». Die Erzählerin sieht dem Geschehen zwar manchmal nur zu, öfter jedoch tritt sie mit ihrer Protagonistin gemeinsam auf, stellt sich Dinge vor, die passieren könnten. Sie wünscht sich auch manches für ihre Hauptfigur und spekuliert offen über den Fortgang ihres gegen Ende hin zunehmend fiktionalisierten Plots.

Christina wird 1961 in Leipzig geboren, kurz bevor die Eltern sich ein neues Klavier angeschafft haben. Ihr Vater, ein ehemaliger Tenor, kam traumatisiert aus dem Krieg zurück. Eine wichtige Quelle für diese phantasievoll ergänzte Biografie ist ein Notizbuch von ihm, dem zufolge die Eltern ihrer Tochter «Pianistenhände» attestiert haben. «Christina konnte singen bevor sie sprechen lernte», steht darin. An anderer Stelle ergänz die Autorin: «Einmal willst du nicht üben, schreibt dein Vater in der Chronik. ‹Dann gibt es wohl heute auch nichts zu essen›!». Es ist also nichts anderes als das altbekannte Wunderkind-Syndrom, von dem hier sehr feinfühlig erzählt wird. Erstaunliches Talent auf der einen Seite, rücksichtslose Überforderung durch ehrgeizige Eltern auf der anderen, – sie wollen letztendlich mit Hilfe ihrer Kinder nur ihre eigene Bedeutungslosigkeit kompensieren. Auf dem als Trouvaille empfundenen Nachlass mit Notizbuch, Briefen, eifrig geknipsten Fotos und Kompaktkassetten mit Klavier-Aufnahmen als Quellen fußend, ergibt sich in diesem Roman das behutsam und mitfühlend gezeichnete Bild eines Lebens voller Licht und Schatten. Nicht zufällig wird hier sicherlich auch auf die rigide Kunstförderung im ehemaligen «Arbeiter-und-Bauern-Paradies» DDR hingewiesen mit ihren Kaderschmieden, seien es die in Berlin oder in Moskau.

Es ist bewundernswert, wie Helene Bukowski Musik und Natur kunstvoll ineinander verflicht, der Musik Substanz und der Natur Klang verleiht. Ein Konzert gerät da erzählerisch schon fast zu klingender Lyrik: «Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hoch stehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus». Die alldem zugrunde liegende reale Biografie hat bei aller Beklemmung etwas extrem anziehendes bei der Lektüre, man kennt zwar das Ende, aber wie es letztendlich dazu kam ist trotzdem spannend zu lesen. Wobei diesem Ende dann leider ein Manko innewohnt, wenn da nämlich eine gynäkologische Diagnose plötzlich eine Rolle spielen soll, quasi als Auslöser für das mit Depressionen wegen Überforderung ja doch schon hinreichend erklärte Suizidmotiv. Man könnte also mit einiger Berechtigung einwenden, dass die Autorin übergriffig eine im Grunde reale und traurige Biografie für ihre Phantasien ausgebeutet hat, was im Endeffekt denn leider doch etwas ernüchternd wirkt. Gleichwohl, dieser so behutsam und feinsinnig geschriebene Roman ist eine lang nachwirkende, bereichernde Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
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