Villa Sternbald

Zuviel des Guten

Erst elf Jahre nach ihrem erfolgreichen Debütroman ist im Jahre 2024 ein zweiter Roman von Monika Zeiner unter dem Titel «Villa Sternbald» erschienen. Unter 600 Seiten tut es die Autorin nicht, denn auch dieses Buch ist mit seinen 669 Seiten wieder ein physisches Schwergewicht in der aktuellen Romanliteratur. Anders als bei ihrem ersten, thematisch eher beschwingten Debüt hat man es hier jedoch mit einem äußerst vielschichtigen, melancholischen Familien-Epos zu tun, das gleich zweimal an Thomas Mann erinnert: Als Familienroman an die Buddenbrooks, aber gleichermaßen auch an den Zauberberg, nicht nur was die Zeitdauer des geschilderten Besuchs betrifft, sondern auch was die philosophischen Diskurse und gedanklichen Höhenflüge anbelangt.

Protagonist des Romans ist der ziemlich erfolglose TV-Drehbuchautor Nikolaus Finck aus Berlin, der als schwarzes Schaf der Familie nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder in das fränkische Dorf seiner Kindheit nahe Nürnberg zurückkehrt, in die titelgebende «Villa Sternbald», um an der Geburtstagsfeier seines Großvaters teilzunehmen. Man bereitet dort gerade auch eine Ausstellung «Das Klassenzimmer im Wandel der Zeit» vor, um das 125jährige Firmenjubiläum ihrer Schulmöbelfabrik zu feiern, deren Columba-Schulbank einst den Wohlstand der Familie begründet hat. Aus dem geplanten Wochenende bei der Familie wird für Niki ein ganzes Jahr. Er, der sich selbst spaßeshalber als «Aerophonautiker» und «Schnurologe» bezeichnet, beginnt – angeregt durch den feierlichen Anlass – sich nun plötzlich für die Familiengeschichte zu interessieren. Beginnend mit seiner Kindheit taucht der Ich-Erzähler dabei immer tiefer in die Vergangenheit hinein, vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Er will den im Dunkeln liegenden Teil der über vier Generationen zurück reichenden Familiengeschichte aufklären. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Ur-Ur-Großvater aus seiner kleinen, aber immerhin schon dampfbetriebenen Schreinerei ideenreich eine Fabrik für Schulmöbel aufgebaut, die aber nach dem Ende der Wirtschaftskrise 1933 vor dem Konkurs stand. Durch die Arisierungs-Maßnamen der Nazis konnte der Großvater später für einen Spottpreis die erfolgreiche Möbelfabrik eines jüdischen Freundes kaufen. Damit begann der steile Aufstieg der Firma, die danach in eine exportstarke Aktiengesellschaft umgewandelt wurde.

In der Familie aber wird diese Geschichte anders erzählt! Erst der Kauf der Fabrik habe dem jüdischen Eigentümer überhaupt die Geldmittel verschafft, um mit seiner Familie zu emigrieren. «Leider sind sie alle gestorben» erzählt Nikis Mutter beschönigend. In Wahrheit aber wurden sie aus dem Exil in Frankreich in ein Konzentrationslager deportiert, das sie bis auf einen alle nicht überlebt haben, findet Niki heraus. Nach und nach entfaltet sich für ihn die wahre Geschichte seiner Familie, die von unternehmerischem Erfolgsdruck ebenso geprägt ist wie von innerer Kälte. Allein von seinem Großvater erfährt er die nötige Wärme und Zuneigung, die für ein Kind seelisch prägend ist. Ein scheinbar typisches Erbe, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Familiengeschichte zieht. «Ich kann nicht behaupten, dass meine Familie geschwiegen hätte. Es wurde, im Gegenteil, ununterbrochen geredet, und vielleicht reden sie so viel, damit sie keine Fragen beantworten müssen.»

Der dickleibige Roman wird in epischer Breite erzählt, anekdotisch hin und her springend und in häufig wechselnden Zeitebenen, die immer wieder ineinander verschwimmen, dem Untertitel «Die Unschärfe der Jahre» entsprechend. Dieses Schwebende der zuweilen unrealistischen Erzählung über Pädagogik und Opportunismus macht den Reiz aus beim Lesen, obwohl das Ganze thematisch doch ziemlich überfrachtet erscheint. Und auch die vielen Zitate, literarischen und philosophischen Verweise sind einfach zu viel des Guten. Ein störendes Manko ist auch die oberflächliche Figurenzeichnung, die keinerlei Emotionen entstehen lässt beim Leser. Wen wundert’s also, dass der von den Feuilletons erwartete Publikumserfolg ausgeblieben ist, – und auch die entscheidenden Buchpreise!

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert