Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. “Iowa” – Sargnagels drittes Buch – ist derzeit in aller Munde. Nach “Statusmeldungen” (2018, bei Rowohlt) schrieb sie die ebenfalls sehr autobiographischen “Aufzeichnungen einer Tagediebin”, kurz: Dicht. Aber “dicht” ist nicht nur ein durch Drogen oder Alkohol beeinflusster Zustand der Selbstaufgabe oder -erkenntnis, sondern auch der Stil der Neu-Autorin.
“Dicht”: Vom Feinsten
Gute Beobachtungsgabe, treffende Beschreibungen und herrlich absurde Dialoge im Wiener Regiolekt oder Soziolekt beschreiben ihren ersten Roman, der ganz dem (zu kurzen) Leben eines Freundes gewidmet ist: Michi. Seine Einzimmerwohnung im an und für sich gutbürgerlichen 18. Wiener Gemeindebezirk ist der Zufluchtsort für allerlei Gestalten aus dem Wiener Dranklermilieu, Drugs inklusive. Auch die junge Stefanie findet dort Schutz vor den Zumutungen der Welt, wie der etwas faden Schule oder dem zielorientierten Elternhaus. Ihre Eltern leben zwar in Trennung, aber natürlich haben sie klare Vorstellungen, was ihre Tochter einmal machen soll. Erstmal Matura, dann studieren. Schließlich sollte sie es einmal besser haben, das wünschen sich ja alle Eltern. Und dazu gehört nun einmal vor allem Bildung.
“Nie wieder Faschiertes”!
Aber die junge Stefanie hatte erstmal gar keine Lust auf Schule und Autoritäten und vertrieb sich ihre Zeit lieber im nahegelegenen Votivpark und hing dort mit jenen Leuten ab, die andere in ihrem Alter wohl eher mieden. Mit ihrer Freundin Sarah zieht sie wie schon andere Flaneure durch das Wiener Nachtleben der morgendlichen Tagediebe und entflieht so vor der Verantwortung. Derweil kocht ihnen Michi etwas Geklautes aus dem Supermarkt, “vom Feinsten”, wie er nicht müde wird zu betonen. Mit “Wir motivierten einander dazu, uns nicht leicht beeindrucken zu lassen, und bestätigten uns darin, einfach alles kapiert zu haben” erklärt sie ihre gegenseitige Freundschaft. Von Michi und seinen Freunden lernt sie, dass unterschiedliche Lebensentwürfe auch ihre Berechtigung haben, solange sie auch freiwillig gewählt werden, was natürlich nicht immer der Fall ist. Viele der Dropouts, die sie auf den Streifzügen durch das Wien der Nullerjahre kennenlernt, sind entweder psychisch krank oder drogensüchtig oder beides. Ein atmosphärisch schlecht gewählter LSD-Trip rettet ihr vielleicht das Leben.
Aufzeichnungen aus dem (Wiener) Untergrund
Denn durch ihn hört sie auf zu kiffen und beginnt zu saufen. Das lässt sich dann besser mit schreiben und zeichnen vereinbaren und so wird sie die, die sie heute ist: Stefanie Sargnagel. In einer beeindruckend lässigen und unaufgeregten Sprache erzählt sie vom Erwachsenwerden, der sog. Adoleszenz, und ihrer eigenen Bewusstseinserweiterung: Zeichnen, das war das, was sie eigentlich machen wollte. “Alles was ich wollte, war zeichnen. Das Zeichen hielt mich während des Unterrichts am Leben, neben der Aussicht auf die Nachmittage.” Nach einem Einbruch auf der heute in die Schlagzeilen gekommene Baustelle des Lamarr-Kaufhauses in Wien beginnt für Stefanie eine gelungene Resozialisierung, die plötzlich einen Plan für ihr Leben hat. An der renommierten und gutbürgerlichen Akademie der Bildenden Künsten wird sie auch ohne Matura aufgenommen und ein neues Leben beginnt.
Heute lebt sie als Kartoonistin und Autorin immer noch in Wien und wird von einer Talkshow zur anderen gereicht, dreht einen Doku-Spielfilm, schreibt weiter Statusmeldungen, etc. Ein geradezu dichtes Programm, wie sie sich schon bei Stegmann/Grissemann live beschwerte. Stefanie Sargnagel hat ihr Phlegma erfolgreich kultiviert und liebevoll literarisiert. Sie hat sich selbst als eine “authentische Kunstfigur erschaffen, in die man sich nur verlieben kann“.
Stefanie Sargnagel
Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin
2021, Softcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-499-27483-1
Rowohlt Taschenbuch




Merkwürdig fand ich den Autor, als er sich bei der Verleihung des deutschen Buchpreises 2022 als Zeichen der Solidarität mit den iranischen Frauen seine kinnlangen Haare kürzte—wie empfanden das wohl die iranischen Frauen?
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Christian Kracht ist Schweizer mit deutschen Wurzeln. Er sieht sich selbst als Kosmopolit. Nach eigener Aussage begreift er seine Romane eher „humoristisch“, löst mit seinem Werk und Leben allerdings häufig heftige Kontroversen aus. Ein Mensch und Autor, der nicht einzuordnen ist, und der in Eurotrash offensichtlich immer noch nach seinem eigenen Platz und Stellenwert in einem Leben sucht, dessen materielle Rahmenbedingungen andere bei einem flüchtigen Blick neidvoll als beste Voraussetzungen für unbeschwertes Glück ansehen würden.





