Endzeitfaschismus und der Kampf um unsere Welt

“Kein amerikanischer Bürger sollte nach Entrichtung seiner Steuern ein Nettoeinkommen von mehr als 25.000 Dollar pro Jahr haben“, schrieb kein Geringerer als Präsident Franklin Delano Roosevelt. Das wären heute (2026) 513.773 Dollar, ein Taschengeld für Schwerverdiener wie Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Elon Musk u.a. Wieso also keine Vermögenssteuer?

Wasser, Luft und Menschenleben

Dabei wäre die Rechnung doch ganz einfach: Die Technik-Konzerne, die “ihren Erfolg öffentlichen Innovationen verdanken und ihre Schulden begleichen, indem sie Wahlen kaufen und ebenjene Strukturen attackieren, denen sie ihre Unternehmen und Karrieren verdanken“, wie Klein/Taylor schreiben, sollten einfach einmal zur Kassa gebeten werden. Stattdessen verhalten sich die Technik-Barone völlig illoyal gegenüber ihren Städten, Staaten und Nationen, die ihre Umweltsünden erdulden. Sie bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit immer noch mehr und machen uns alle arbeitslos indem sie KI-Rechenzentren errichten, die unseren Strom und unser Wasser verbrauchen und zudem die Luft mit Stickoxiden verpesten, so Klein. Und das Schlimmste daran ist, dass sie sich aufgrund ihres Reichtums, der zumeist einfach nur vererbt ist, so weit von der Bevölkerung entfernen, dass sie glauben, auf einer Wolke zu leben und etwas Besseres zu sein. Ein konkretes Beispiel geben die beiden Autorinnen mit Boxtown nähe Memphis, Tennessee, wo Elon Musk seinen Supercomputer genau dort ansiedelte, wo die arme, schwarze Bevölkerung lebt, weil er glaubte, diese könnten sich ohnehin nicht wehren. Aber sie haben sich gewehrt.

“No Space for Bezos“

Genauso wie die Bevölkerung von Minneapolis, Minnesota, wo ICE dieses Frühjahr Migrant:innen schikanierte und zwei friedliche Demonstrant:innen tötete. Genauso wie die Bewohner:innen von New York, die einem Kandidaten die Chance gaben, der zu Beginn des Wahlkampfs nur 1% Zustimmung in den Umfragen hatte. Und genauso wie die Bevölkerung von Ungarn, die Putin’s Verbündeten in der EU mit einer klaren zwei Drittel Mehrheit abwählte. Oder die Anwohner:innen von Venedig, die Jeff Bezos gigantische Hochzeit in der ehrwürdigen Lagune zumindest minimieren konnten. All diese Beispiele, die Klein/Taylor geben, sollen Hoffnung machen, dass eine Veränderung immer noch möglich ist, obwohl genau diejenigen das Geld und die Waffen haben, die unseren Planeten nur als Profitmaximierung sehen. “They got the Guns, but we got the numbers”, sang schon Jim Morrison in “Five to One”. Inzwischen steht die Weltuntergangszeituhr übrigens auf 83 sec. vor Armageddon…

Millenarismus und religiöse Rechte

In ihren Definitionen von “Endzeitfaschismus” machen die beiden Autoren klar, dass es zwar Ähnlichkeiten zu den Zwanzigern/Dreißigern des 20. Jahrhunderts gibt, der Unterschied aber in der Subtilität liegt. Das Spiel mit der Apokalypse, die unmittelbar bevorstehe, wird von einer religiös verbrämten Rechten absichtlich lanciert, um genau das durchzusetzen, was ihnen politisch vorschwebt. Mit den Naturkatastrophen lässt sich nämlich auch sehr viel Geld verdienen. Das Johannes-Evangelium wird quasi zum Strategiepapier der Tech-Milliardäre mit dem sie ihre Interessen durchsetzen können, so die Autorinnen sarkastisch. Denn die Beschwörung des Armageddon und die damit verbundene Heilserwartung begünstigt ja gerade jene, die sich ihnen unterordnen. Wer also auf die Arche möchte, bemühe sich rechtzeitig Speichel zu lecken…

Apocalypse, New oder…

Das ambitionierte und engagierte Werk der beiden Autorinnen Naomi Klein/Astra Taylor lädt zu Diskussionen ein und gibt einen Einblick in Vorgänge, die von Außen gesehen vielleicht (noch) harmlos erscheinen mögen. Aber Kulissenschieber wie die im Buch Genannten, wissen längst, dass der eigentliche von der Rechten beschworene “Große Austausch” nicht die “weiße Rasse” ist, sondern die gesamte Menschheitsrasse, die durch die Rechenmaschinen ausgetauscht werden, so Klein/Taylor in Verballhornung einer der bekanntesten Verschwörungstheorien von Thiel und Konsorten. Die 500 reichsten Menschen der Welt erwirtschafteten laut Bloomberg 2025 einen Gewinn von 2,2 Billionen Dollar und ein Viertel dieser Gewinne floss auf die Konten von nur acht Milliardären, so Klein/Taylor. Wer so viel Geld und damit Macht und Einfluß hat, kann sich ganze Staaten kaufen oder die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzen. Denn genau diese Instabilität nützt wiederum der Profitmaximierung.

…Paradise, Now

Der Ruf nach dem starken Mann wird zwar immer lauter, aber die eingangs von den Autorinnen genannten Beispiele zeigen auch, dass es noch nicht zu spät ist, Widerstand möglich ist. “Ich entdeckte, dass die Schönheit nicht dort draußen liegt, sondern hier unten, bei uns allen“, soll der neunzigjährige William “Captain Kirk” Shatner bei einem von Bezos gesponserten Propaganda-Flug ins Weltall gesagt haben. Entgegen den Absichten seines Spenders, sprach er von der “Kälte des Weltalls” und der Einsicht, dass es keinen Planeten oder Plan B gäbe. Ein klare Abfuhr also an die Besiedlung des Weltraums, den Cyberspace oder “Seastanding” oder eben KI, den Brandstifter, der als Feuerwehrmann verkauft wird. Oder wie es die Navajo ausdrücken: “In diesem Moment befinden wir uns im Himmel. Wir sind hier, und solange wir hier sind, müssen wir auf alles um uns herum achtgeben.” Ein flammender Appell sich zu organisieren und nicht auf ein besseres Leben zu warten. “We want the world and we want it now!”

Naomi Klein/Astra Taylor
Endzeitfaschismus und der Kampf um unsere Welt
2026, Hardcover, 464 Seiten
ISBN: 978-3-10-397821-6
S. FISCHER
28,00 €


Genre: Faschismus, Krieg, Politik

Kalte Füße

Kalte Füße. “Dagegen gibt es nur eine Medizin: die Erinnerung.” Wer in den Nachkriegsjahren in Mitteleuropa geboren wurde oder aufwuchs, wusste, früher oder später, dass seine Eltern in den Faschismus oder Nationalsozialismus involviert waren. Diese Erkenntnis mag viele unbeantwortete oder unbeantwortbare Fragen ausgelöst haben, nicht nur bei der 1964 geborenen italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, deren Vater als “Alpini” in der Ukraine kämpfte. Im sog. Russlandfeldzug, der eigentlich eine Ukrainefeldzug war…

Kalte Füße oder: Nie wieder Krieg!

Ihr Vater hatte als Journalist für die Gazzetta del Popolo gearbeitet und sich sogar in einem namentlich gekennzeichneten Artikel gegen Ende des Krieges für den Faschismus ausgesprochen. Dieses Faktum wird für Francesca Melandri zum Ausgangspunkt ihres bereits vierten Romans, der sich nicht nur mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ihrer Vätergeneration beschäftigt, sondern auch mittels eines immer wieder wiederholten Mantras “der Krieg in Russland, der größtenteils in der Ukraine war” den Bezug zur Gegenwart herstellt. Ihre Schilderungen der Verbrechen – der Wehrmacht damals und der russischen Armee heute – lassen einen den Atem stocken, da sie so lebensnah erzählt und zeigt, dass die Vergangenheit noch lange nicht vergangen ist.

Das Ende aller Kriege

“Nie wieder Krieg!” hätten wir achtzig Jahre lang gerufen, dabei hätten wir nur gehofft, dass er nicht vor unserer Haustüre stattfinde. Aber als Melandri in einem YouTube einem Gespräch zwischen einer Ukrainerin und einem russischen Soldaten folgt, gibt ihr dies den Anstoß zu vorliegendem Buch. Die Ukrainerin gab ihm Sonnen-blumenkerne in die Hand und forderte ihn auf, diese in seine Taschen zu geben, damit dort, wo er falle, später Sonnenblumen wachsen würden. Die westlichen Verbündeten der Ukraine hätten eben solche “Kalte Füsse” (Titel!) bekommen, wie ihr Vater als Soldat in der Ukraine. Hätte er damals nicht die russischen Walenki-Stiefel erbeutet, wäre er wohl nicht heil davon gekommen. Aber “heil” kommt ohnehin niemand aus einem Krieg, höchstens körperlich unversehrt.

Die Vergangenheit in der Gegenwart

Bei einem Treffen mit Macron Anfang Februar 2022, also noch kurz vor dem Krieg, soll der russische Präsident den zweiten Satz eines Songtextes der Punkband Krasnaja Plesen (Roter Schimmel) aus den 80ern direkt in die Kamera gesagt haben: (“Die Schönheit lag still in dem Sarg, schnell schlich ich näher, um sie zu vögeln.) Jetzt bist du dran, meine Schöne, ob du willst oder nicht“. Die bizarre Situation will Melandri selbst auf YouTube mehrmals überprüft haben, weil sie so unfassbar ist. Die “öffentliche “Zurschaustellung von Dominanz und Unterwerfung, in ein Ritual, das auf den visuellen Codes von Feudalsgesellschaften der Mafiaclans basiert und in dem mit theatralischen Gesten und dreisten Lügen operiert wird“, schreibt Melandri, habe hier seine volle Perfidie entfaltet. “Wahr ist nur der Tod, der Verlust und der Schmerz. Wahr ist nur die Kälte.”

Flammendes Plädoyer zum Ende aller Kriege

Francesca Melandris Betrachtungen sind ein flammender Appell für die Souveränität der Ukraine. Sie greift auf die Bücher ihres Vaters zurück und zitiert diese in einem Absatz vor ihren jeweiligen Kapiteln, so stellt sie den Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart spielend her. Die Invasion der Faschisten und Nazis wurde damals aber nicht nur von Russen zurückgeworfen, sondern auch von Kasachen, Tscherkessen, Tataren, Bajaren und Soldaten vieler sibirischer und kaukasischer Ethnien. Gemessen an der Bevölkerung waren es vor allem Belarussen und Ukrainer, die gegen die Invasoren kämpften, schreibt Melandri. Der Holodomor zehn Jahre zuvor hatte aber vor allem die Ukrainer geschwächt und wird gerne auch als Vernichtungskrieg gegen die eigene Bevölkerung der Sowjetunion bezeichnet. Die Nachfahren dieser Bevölkerungsgruppen der Burjaten, Tuba, Tschuktschen, Akuten und Tungusen und Jukagiren werden im heutigen Krieg als “Kanonenfutter” in den ersten Schwung der ukrainischen Artillerie geworfen und sterben zu Tausenden.

Kalte Füße, heißer Krieg

Melandri klagt aber auch die westeuropäische Linke an, die jahrzehntelang nur die Verbrechen der USA, nicht aber den Kolonialismus und Imperialismus der UdSSR thematisierte und verurteilte und durch diese “Realitätsverweigerung”, “Flucht in die Abstraktion” und “Strategie der Mapuche” einfach ignorierte, was die Fakten waren. Ein aufrührerisches Plädoyer, das man einfach gelesen haben muss, da es viele unbeantwortete und unbeantwortbare Fragen aufwirft und versucht, sie zumindest ansatzweise zu beantworten. Eine Vergangenheitsbewältigung im intimen Du-Ton, einem Gespräch mit ihrem dementen Vater, der nicht mehr antworten kann. Selbst wenn er es wollte.

Francesca Melandri
Kalte Füße
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
2024, Quartbuch, gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN 978-3-8031-3367-0
Wagenbach Verlag
24,– €


Genre: Krieg, Politik und Gesellschaft, Politische Romane
Illustrated by Wagenbach

Schreib ohne Furcht und viel

Camus – Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Ein Briefwechsel

Schreib ohne Furcht und viel. Was für ein Imperativ! Was für eine Liebesgeschichte! Sagenhafte 1568 Seiten umfasst dieser Briefwechsel – bei Rowohlt erstmals in Buchform – zwischen Albert Camus (1913-1960) und der Schauspielerin Maria Casarès. Eineinhalb Jahrzehnte dauerte ihre Liebesgeschichte, die vielleicht nur durch Camus’ tragischem Unfalltod am 4. Januar 1960 für immer ihr Ende fand. Aber als Zeugnis der Intensität ihrer unvergleichlichen Liebe wird nun der Briefwechsel zwischen den beiden mehr als 60 Jahre später öffentlich zugänglich.

Schreib ohne Furcht und viel

In Frankreich erschien dieser Briefwechsel schon 2017 und wurde geradezu zu einer literarischen Sensation. Ein Vorwort des Schriftstellers Uwe Timm, der in den 1970er Jahren seine Doktorarbeit über Albert Camus schrieb, eröffnet die erstmalige deutschsprachige Ausgabe beim Rowohlt Verlag. Er schreibt auch von dem 1967 zu trauriger Berühmtheit gelangten Studenten Benno Ohnesorg, der ebenfalls ein Camus-Fan war und sogar nach Nordafrika getrampt war, um dort “genau die Landschaft zu erleben, die der Autor so hymnisch in Hochzeit des Lichts beschrieben hat“. Camus und Casarès hatten sich im Frühjahr 1944 im besetzten Paris kennen und lieben gelernt. Er war damals 30, sie immerhin 21. “Ich brauche dich, um mehr als ich selbst zu sein“, schreibt er ihr liebestoll. Er selbst war im Alter von ihr bitter enttäuscht worden, als ihn sein erste Frau betrogen hatte. Außerdem war er als Kind von seiner Großmutter mit einem Ochsenziemer gedemütigt worden.

Solitaire und solidaire

“Eine Zeit wird kommen, in der wir trotz aller Schmerzen leicht, fröhlich und aufrichtig sind“, schreibt Camus ihr hoffnungsvoll im Februar 1950. Tatsächlich hatten sich die beiden zwischen 1944 und 1948 wieder trennen müssen, da Camus’ Frau, Francine Faure, zu ihm stieß (sie waren durch den Krieg getrennt worden). Eigentlich begann die Beziehung erst richtig am 6. Juni 1948 als sie sich zufällig am Boulevard Saint-Germain wiedersahen. Wieder ein 6. Juni wie schon 1944 und wieder ein Zufall. Aber auch in den zwölf Jahren ihrer Beziehung waren sie oft getrennt, allerdings nur geographisch. Denn ihre Briefe schmiedeten ein unsichtbares Band, das Zeugnis gibt, wie intensiv eine Liebe auch in Abwesenheit des Geliebten empfunden werden kann. Vielleicht gerade in Abwesenheit des anderen. “Was jeder von uns in seiner Arbeit, seinem Leben etc. Tut, tut er nicht allein Eine Anwesenheit, die nur er spürt, begleitet ihn“, schreibt Camus ihr im selben Brief vom Februar 1950 aus dem auch seine Tochter, Catherine Camus, die ebenfalls ein Vorwort schrieb, zitiert.

“Aye!Que cara de tonta tienes hoy!”

“Wenn man sensibel ist, neigt man dazu, Hellsichtigkeit zu nennen, was einen enttäuscht, und Wahrheit alles, was einem schadet. Aber diese Hellsichtigkeit ist genauso blind wie anderes.“, schreibt er ihr 1944 und spricht darin von “dieser Welle, die mich seit gestern trägt” und beschreibt es mit “mein Herz ist voll von Dir“. Dennoch weiß Camus natürlich auch, dass er sich in Geduld üben muss. Schließlich herrscht Krieg und zudem ist er ja noch verheiratet. Sie antwortet ihm: “ich warte darauf, zu existieren, bin nur Verheißung”. Ihre Seligkeit beim Erhalten eines Briefes von Camus lässt ihren Vater ob ihres Anblickes ausrufen: “Aye!Que cara de tonta tienes hoy!” (Oh! Was machst du heute für ein dummes Gesicht!) Eine Seligkeit, die an Schwachsinn grenzt, meint sie. Aber wer kennt das nicht, wenn er/sie verliebt ist?

Liebe in kleinen Dosen

“Ich bin jedes Mal hingerissen, wenn Du mir Deine Liebe schreibst. Ich zittere, und zugleich bricht alles zusammen“, antwortet Camus ihr und zeigt damit, dass es ihm ähnlich geht. Über ihren letzten Brief meint er: “ich lebe, auf seinem Grund, wie ein glückliches Wrack“. Kann man das überhaupt “leben” nennen, ohne den Geliebten zu sein? Jeder, der schon einmal eine Fernbeziehung hatte, weiß, dass gerade durch die Trennung, die Gefühle sich intensivieren. Und vielleicht (er)lebt man sich gerade dadurch selbst mehr. Man wird kühner und dankbarer und wagt Dinge zu sagen, die ansonsten des Alkohols oder anderer Substanzen bedürfte. Hemingway (sie liest ihn gerade) nennt Camus einen Trickser und für die Liebe die sie ihm bereitet bedankt er sich aus tiefsten Herzen. Aber an manchen Tagen weint das Herz dann wieder stundenlang, “trotz den Hoffnungen und Freuden, die ihm versprochen” worden sein mögen. Und an solchen Tagen schreibt man seinem Geliebten oder seiner Geliebten am besten Briefe. Voller Sehnsucht und Leidenschaft. Keine E-Mails.

Albert Camus, Maria Casarès
Schreib ohne Furcht und viel.
Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959
Übersetzt von: Claudia Steinitz, Andrea Spingler, Tobias Scheffel
2021, Hardcover, 1568 Seiten
ISBN: 978-3-498-00131-5
Rowohlt


Genre: Biographie, Briefe, Exil, Fernbeziehung, Frankreich, Krieg, Liebesgeschichte
Illustrated by Rowohlt