Oblomow

Schlafrock-Existenz als Allegorie

In der russischen Literatur verkörpert die Titelfigur in Ivan Gontscharows 1859 erschienenen Roman «Oblomow» archetypisch den ‹überflüssigen Menschen›, jener auch schon bei Puschkin und Lermontow thematisierten Leitfigur aus dem patriarchalischen Landadel. Mit diesem provozierenden zweiten Roman, dessen berühmtes neuntes Kapitel mit sensationellem Erfolg schon vorab veröffentlicht wurde und an dem er dann aber noch volle zehn Jahre lang gearbeitet hat, wurde der Schriftsteller schlagartig berühmt und sicherte sich seinen Platz im Olymp der Weltliteratur. Er wurde allein achtmal ist Deutsche übersetzt, zuletzt wahrhaft kongenial von Vera Bischitzky in der neuen Ausgabe von 2014. Als Oblomowerei bezeichnet man inzwischen eine infantile, phlegmatische Geisteshaltung des absoluten Nichtstuns, welche der introvertierten Weltsicht des saturierten russischen Adels jener Zeit zu entsprechen schien.

Von dienstbaren Geistern umschwirrt wächst Oblomow im weitab gelegenen Landgut seiner Eltern, zu dem auch das gleichnamige Dorf mit 300 Leibeigenen gehört, als total verhätscheltes Kind auf und wird privat bei einem deutschen Lehrer unterrichtet. Er besucht die Universität und nimmt in Sankt Petersburg eine Stelle als Beamter an, die er aber bald schon aufkündigt, weil ihm die ständige Arbeiterei zuviel wird. Künftig lebt er, betreut von seinem Diener, faul und genügsam von den Einkünften des ererbten Landgutes und versinkt rasch in eine lähmende, träumerische Lethargie. Deren Gipfelpunkt ist, neben opulentem Essen, der ausgedehnte, tägliche Mittagsschlaf. Alle Pflichten aber schiebt der Dreißigjährige ständig vor sich her, lässt sich naiv gutgläubig von sogenannten Freunden finanziell ausnehmen und gerät immer mehr in eine prekäre Lage. Andrej Stolz, sein bester Freund, erfolgreicher Sohn seines ehemaligen Privatlehrers, versucht ihn zwar unermüdlich aus seiner Passivität zu locken, er hilft ihm auch tatkräftig bei der Besorgung seiner unerledigter Angelegenheiten, kann aber letztendlich auch nichts ausrichten gegen sein unsägliches Phlegma. Seine erste Liebe zu der quirligen Olga scheitert schließlich ebenfalls an dieser ewigen Lethargie, er selbst erkennt sein unentschuldbares, antriebsloses Verhalten und schreibt ihr einen selbstkritischen Abschiedsbrief. Einige Jahre später heiratet er seine einfältige Haushälterin, die sich immer aufopfernd um ihn gekümmert hat und eine hervorragende Köchin ist (sic), bekommt einen Sohn und stirbt dann sehr früh.

Fressen und Faulenzen als Lebensinhalt wirft existenzielle Fragen auf, die Ivan Gontscharow in seinem Roman mit dem Gegenpart des strebsamen deutschen Freundes kontrastiert. Die Hamlet-Frage wird von Oblomow überdeutlich – durch konkludentes Nicht-Handeln – mit ‹Nichtsein› beantwortet, er will nur seine Ruhe und Bequemlichkeit und ist dafür zu fast jedem Verzicht bereit. Diese konservative Absage an jedwede Veränderung fußt allerdings auf den üppigen Privilegien des Adels, der die Leibeigenen schamlos ausbeutet und ein parasitäres Leben führt. Der Interpretation dieses grandiosen Romans sind kaum Grenzen gesetzt, man kann ihn als amüsante Allegorie auf die Schlafrock-Existenz eines notorisch passiven Tagträumers deuten, eines ewigen Zauderers, der dem Fatum durch Nichtstun zu entfliehen sucht, als Sonderform des Eskapismus also, aber auch als psychiatrische Anamnese im Teufelskreis zwanghaften Nichtstuns.

Die gedankliche Tiefe dieses Jahrhundertromans ist phänomenal, bis in die feinsten Verästelungen hinein wird hier der Sinn des Lebens skeptisch hinterfragt, und in diesem Kontext wird vor allem auch das Phänomen der Liebe in einer universellen Sichtweise thematisiert. Sprachlich überzeugend und konstruktiv genial angelegt bietet dieser Roman ungetrübten Lesegenuss. «Oblomowerei», was ist denn das, fragt ein beleibter, namenloser Literat (wer wohl?) seinen Freund Andrej Stolz ganz am Ende erstaunt: «Und er erzählte ihm, was hier geschrieben steht»!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Superheldin Harley Quinn

Birds of Prey: Harley Quinn

Die erste Comic-Verfilmung des Jahres startet im Kino und rückt die DC-Superheldinnen in die erste Reihe. Der Filmtitel „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ will zeigen, wie die (Ex-)Freundin des Jokers  sich freispielt und zu einer eigenen DC-Superheldin wird.

Solo einer Superheldin

Panini veröffentlicht zeitgleich zum Film eine ganze Reihe von Birds of Prey-Lesestoff. Aber auch andere Superheldinnen wie Black Canary und Huntress spielen dabei an der Seite der von Margot Robbie verkörperten Lieblingsfigur aller Cosplayer, Harley Quinn, eine wichtige Rolle. Die Ursprünge der Birds of Prey-Story reichen sogar bis ins Jahr 1996 zurück, als sie in der dritten Ausgabe der mit ständig wechselnden Inhalten aufwartenden Showcase-Reihe erschien. Danach erschien einer vierteilige Mini-Serie (Black Canary / Oracle: Birds of Prey). Zwei Jahre später, 1998, wurde eine fortlaufende Serie gestartet, die bis 2014 lief und sage und schreibe 170 Ausgaben erreichte. Die Serie wurde anfangs von Chuck Dixon gestaltet, dann ab Ausgabe 56 übernahm Gail Simone die Serie federführend. Zuletzt schrieben Duane Swierczynski und Christy Marx die Birds of Prey Geschichten. Die Zeichner der Serie waren verschiedene Künstler, darunter Ed Benes, Joe Bennett, Greg Land und Nicola Scott.

Birds of Prey: der Knaller

Neben der neuen (zweiten) Anthologie, die gerade bei Panini erschien und mit der ersten Birds of Prey-Story aus dem Jahr 1996 eröffnet wird, sind darin außerdem 13 weitere Geschichten bis zum Jahr 2017 enthalten. Darunter auch Storys, die die unterschiedlichen Team-Zusammensetzungen über die Zeit hinweg zeigen. So gibt es darin Harley Quinn Crossovers mit Anti-Heldinnen wie Catwoman und Poison Ivy aber auch das schwierige Verhältnis zu den männlichen Kollegen wie Batman, Nightwing und Robin wird darin thematisiert. Zwei Sonderbände, die sich besonders den beiden Hauptprotagonistinnen aus dem Film – Black Canary und Huntress – widmen nennen sich „Birds of Prey: Huntress“ und „Birds of Prey: Black Canary“. Andere Comic-Veröffentlichungen zum Film haben natürlich auch ausschließlich Harley Quinn im Fokus. Darunter Band 4 der Knaller-Kollektion und ein weiterer Greatest Hits-Band, sowie ein Birds of Prey: Harley Quinn Special und das erste Album des Dreiteilers Harleen, einer grandiosen Neuinterpretation der Figur von Ausnahmekünstler Stjepan Sejic.

Neuerscheinungen bei Panini

Speziell zum Erscheinen des Films „Harley Quinn: Birds of Prey“ bietet Panini auch ein Birds of Prey Bundle an, bei dem die Fans neben Comics zusätzlich auch noch eine Harley Quinn-Uhr erhalten. Einem verrückten Harley Quinn Frühling steht somit also nichts mehr im Wege.

Birds of Prey – Harley Quinn

Zeichner:Amanda Conner, Gary Frank, Greg Land, John Timms, Michael Lark
Autor:Amanda Conner, Chuck Dixon, Greg Rucka, Jimmy Palmiotti, Julie Benson, Shawna Benson
Charaktere:Black Canary, Harley Quinn, Huntress
Einsteigerfreundlich:Ja
Format: Hardcover
Kategorie: Comics
Marke:Birds of Prey, Harley Quinn
Seitenzahl: 372
Storys: Batgirl And The Birds Of Prey 8-10, Batgirl And The Birds Of Prey: Rebirth 1, Batman 567, Black Canary/Oracle: Birds Of Prey 1, Detective Comics (1937) 734, Gotham Central 1-2, Harley Quinn Annual (2014), Nightwing and Huntress (1998) 1-2, Secret Origins 4 + 11
Thema: Superheldinnen


Genre: Comics, Film, Graphic Novel

Kream Korner

Boheme vs. Dekadenz

Der zweite Roman von Anna Katharina Fröhlich mit dem kryptischen Titel «Kream Korner» überrascht in vielerlei Hinsicht, der schmale Band verweigert sich als ein literarisches Capriccio beharrlich allen narrativen Konventionen. Einem Triptychon ähnlich steht im Zentrum der Geschichte ein unwirtliches Landgut in der Provence, dem zwei in die bunte Exotik Indiens führende, äußere Romanteile als Hommage an eine erträumte Gegenwelt beigefügt sind, wie sie konträrer nicht sein könnte. Da muss doch Absicht hinter stecken, denkt man sich beim Lesen, was will die Autorin denn damit sagen?

Die seit ihrem siebten Lebensjahr verwaiste Ich-Erzählerin wurde von Onkel und Tante in Südfrankreich liebevoll großgezogen, nach einem abgebrochenen Theologie-Studium in Paris kehrte sie desillusioniert in die ländliche Abgeschiedenheit zurück. Ihr asketisches Leben in dem feuchten, kalten, «beharrlich verfallenden Anwesen» ist durch die gartennärrische Tante vorgezeichnet. Neben vielerlei gehaltenen Tieren bewirtschaftet sie liebevoll einen geradezu archaisch anmutenden Garten, für dessen botanische Geheimnisse und Wunder sie auch die Nichte zu begeistern versteht. Als der äußerst belesene Onkel stirbt, studieren die eigenbrötlerischen Frauen aufmerksam die Heiratsanzeigen, aber welcher Mann könnte denn ernsthaft ihr ebenso kontemplatives wie – auf ernährungsbezogene Autarkie ausgerichtetes -arbeitsreiches Landleben teilen? In diesem zwischen Garten und Bibliothek changierenden, völlig zurückgezogenen Alltagsleben werden die alljährlichen Reisen zu einem befreundeten, unermesslich reichen Sikh-Clan in Indien zur hochwillkommenen Flucht aus der selbst auferlegten Askese.

Vorangestellt ist diesem europäischen Mittelteil die Schilderung eines solchen Besuchs auf dem Subkontinent, bei dem die namenlose Erzählerin, die sich selbst als «intellektuelle Erotomanin» bezeichnet, erfolglos versucht, den ältesten Sohn der indischen Familie als Ehemann für sich zu gewinnen. Das Leben in Lucknow ist orientalisch bunt, es wimmelt von dienstbaren Geistern in diesem prunkvollen Palast, dessen apathische Bewohner, denen sie «Readers Digest-Dummheit» bescheinigt, mit «nilpferdhafter Grazie» träge, faul und völlig antriebslos vor sich hindämmern, während im wüsten Getümmel außerhalb der Gartenmauern ein unvorstellbares Elend herrscht. Ein Jahr später sind sie, im letzten Teil des Romans, als Gäste zur Hochzeit dieses Sohnes erneut eingeladen. Der geht, familiären Traditionen folgend, eine von den Eltern arrangierte Ehe ein mit einer – wie die Erzählerin hämisch feststellt – grotesk unattraktiven Frau. Hier wiederholt sich nun wieder, frei von jedwedem Ressentiment, auch die ausufernde Schilderung der dekadenten, elegischen Oberschicht im Kontrast zur elendigen Bevölkerung, die sich bettelnd auf den vermüllten Strassen der Millionenstadt herumtummelt. Besonderen Eindruck aber macht ein fröhlicher Rikschafahrer auf sie, er «lachte die Pferde und Kühe an, lachte die Süßspeisen hinter den gläsernen Vitrinen, lachte die Krähen auf den Müllhaufen an, lachte in das Gold und Silber, das allenthalben in Stoffe, in Süßspeisen gemischt ist, Tempel, Ohrlöcher, Fußknöchel, Zöpfe, Affenschaukeln, Pferderückendecken schmückt».

Der nahezu handlungslose Roman lebt von solcherart detailversessenem Erzählfuror, dessen Markenzeichen geradezu diese narrative Reihenbildung ist. In ihrer adjektiv-gesättigten, eigensinnigen Diktion schwärmt Anna Katharina Fröhlich auf humoristische Weise von ihrem östlichen Sehnsuchtsort, als Apologie des gelungenen Lebens gleichsam, als Triumph der Sprache über die Zumutungen des Erdendaseins. Eine letzte Zumutung ist dann auf der Rückreise ein Imbiss mit dem Namen «Kream Korner», provisorisch auf dem ungesicherten Dach eines maroden Hochhauses in Kalkutta eingerichtet. Dort sagt am Ende die Tante völlig resigniert: «… wir machen unser Glück in Indien nicht. Falls du jemals ein Buch schreiben solltest, nenne es Kream Korner».

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Berlin Verlag Berlin

Das Blutbuchenfest

Unselige Allianz von Schicksal und Zufall

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat 2014 mit seinem Roman «Das Blutbuchfest» das Scheitern thematisiert, im Privaten ebenso wie im Politischen. Schon bei der Verleihung des Büchnerpreises 2007 sprach sein Laudator Navid Kermani vom Geist des Cervantes, den sein Werk atme. Als Literat wurde Mosebach vom Feuilleton stilistisch teilweise herb kritisiert für seinen «gespreizten Schmuckstil», andere sprachen entzückt von einem «Geniestreich» oder vom «souveränen Meisterwerk», – also was denn nun?

Zeitlich zu Beginn der Balkankriege angesiedelt, wird die Geschichte einer in Frankfurt beheimateten Clique illustrer Figuren aus dem Mittelstand erzählt, deren charismatische Hauptakteure zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen planen, eine davon ist das titelgebende «Blutbuchenfest». Ein finanziell abgebrannter, zwielichtiger Werbe-Guru kommt auf die grandiose Idee, seine ausufernden Geldsorgen auf einen Schlag durch ein groß aufgezogenes Fest für die Schickimicki-Gesellschaft loszuwerden, mit raffinierter Promotion und aggressivem Vertrieb. Gastgeber soll Dr. Glück sein, ein dem Alkohol zugeneigter, alleinstehender Bankvorstand mit einer riesigen Altbauwohnung, zu der auch ein schöner Garten gehört, in dessen Mitte der mächtige, rotlaubige Baum steht. Ich-Erzähler dieser Geschichte ist in weiten Teilen ein promovierter, arbeitsloser Kunsthistoriker Mitte dreißig. Ein gut vernetzter, exaltierter Veranstalter, der einen Kongress zum Thema «Menschenwürde im Blick der Balkankultur» plant, beauftragt ihn, ein Exposé für die als Begleitprogramm vorgesehene Ausstellung mit Werken des bosnischen Bildhauers Ivan Mestrovic zu schreiben.

Zu diesen Figuren, die sich in wechselnder Besetzung fast täglich im Restaurant Merzinger einfinden, gesellt sich ein vom Konkurs wieder auferstandener Immobilienhai hinzu, ferner die umtriebige Managerin einer PR-Agentur, eine ehemalige Modeschöpferin, eine männermordende Traumfrau sowie eine flatterhafte, zerbrechliche Assistentin, in die sich der Ich-Erzähler verliebt. Die zentrale Verknüpfung dieses beruflichen und privaten Netzwerks bildet Ivana, eine für sie alle tätige, bosnische Putzfrau, deren Schicksal als weiterer Handlungsstrang auch ihre bäuerliche Familie in Bosnien mit einbezieht. Genüsslich beschreibt Martin Mosebach in diesem satirischen Gesellschaftsreigen seine Frankfurter Protagonisten als lebensgierige Wohlstandsbürger mit Ecken und Kanten, deren maßlose Egozentrik nicht über ihre charakterlichen und seelischen Defizite hinwegzutäuschen vermag. Dieser zügellosen Wohlstandsclique stellt er mit Ivana eine tatkräftige, grundehrliche junge Frau als Kontrast gegenüber, die dann, selbst vom Schicksal schwer gebeutelt, auch noch miterleben muss, wie am Ende ihre vom Balkankrieg überraschte Familie auf der überstürzten Flucht all ihr bescheidenes Hab und Gut verliert. Scheitern tun aber mangels Spender auch der großkotzig geplante Kongress sowie das als glamouröses Event angekündigte Blutbuchenfest, letzteres endet in einem unsäglichen Chaos.

In einem etwas altväterlichen Stil wird hier wortmächtig und eindringlich eine kunstvoll inszenierte Parabel des Scheiterns erzählt, ein Vanitas-Motiv mithin, dessen Figuren lebensprall ausgeformt sind. Dabei gerät der Autor oft ins Fabulieren, schmückt seinen komplexen Plot unbekümmert mit irrealen Details aus, so wenn zum Beispiel die Liebste des Ich-Erzählers am Laptop arbeitet oder Ivana per Handy telefoniert, – für 1991/92 ein bewusster Anachronismus, wie der Autor erklärte. Er lässt den umtriebigen Werbe-Fuzzi sogar zu sechs Raben sprechen, Unglücksboten also, die ihm unter der Blutbuche interessiert zuhören. Die unselige Allianz von Schicksal und Zufall wird hier äußerst wirkungsvoll am Kontrast zwischen saturierter Spaßgesellschaft und archaischem Balkanleben gespiegelt, üppig gespickt zudem mit vielerlei kontemplativen Einschüben, eine insgesamt ebenso bereichernde wie unterhaltende Lektüre!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Venezianische Affären 2

Venezianische Affären 2: Venedig steht unter Wasser und die Intrigen des internationalen Adels reichen bis in ferne Kontinente. Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Denn auch im Venedig des 18. Jahrhunderts war es nicht anders als heute. Nur dass es jetzt nicht mehr der Adel ist.

Venedig, die Kurtisane

Schon im 1. Band der auf drei Bände resp. 9 Stories angelegten Serie trieb ein Serienmörder sein Unwesen. Die Opfer waren zumeist Frauen. Orakel, abscheuliche Ritualverbrechen und Magie waren daran nicht unbeteiligt. Das Setting der Lagunenstadt Venedig eignete sich perfekt dafür, denn gerade im 18. Jahrhundert war die Serenissima die Hauptstadt der Adeligen und Vermögenden Europas, die sich hier trafen, um ihren Vergnügungen (und Verbrechen) hinter Masken nachzugehen. Denn damals dauerte der Karneval noch ein halbes Jahr. „Venedig ist wie eine Kurtisane, die man verführen muss, selbst wenn man sich längst einig ist“, meint einer der Protagonisten.

Europa und Afrika

Auch im 2. Band stehen wieder Tshano und Alessandro im Mittelpunkt der Handlung, die sich dieses Mal aber nicht nur in zwei Ländern sondern sogar bis auf zwei Kontinente erstreckt. Denn die Parallelhandlung spielt in Marokko und auch hier beweisen die beiden Autoren und Zeichner Eric Warnauts und Guy Raives wieder sehr viel Gespür für Lokalkolorit und düstere Stimmungen. Viele Details der Lagunenstadt wie etwa der denunziatorische Mund am Eingang des Rathauses und Parlaments der Stadt (dem Palazzo Ducale) werden benutzt, um noch einmal die versunkene Meeresrepublik aus den Fluten hervorstechen zu lassen. Aber auch Kajor und die Republik von Djéguéme bestechen durch eine präzise Pinselführung die eine authentische Atmosphäre erschafft.

Intrigen und Magie

Eine wichtige Rolle spielt hier Muhammad Moussa, ein zum Koran konvertierter Venezianer, der Alessandro ganz schön aus der Patsche hilft. Aber auch einige Rätsel wie die ausgesaugten Ziegen und der ausgesaugte Buchhalter sowie ein Duell erzeugen Spannung, die elegant zu Band 3 hinüberleitet, der demnächst – ebenfalls bei Panini – erscheint. Am Ende des Bandes ist noch ein Exkurs über den Welthandel mit Sklaven des 18./19. Jahrhunderts angehängt, der sicherlich ebenso zum Siegeszug des Kapitalismus beigetragen hat, wie die Industrialisierung. Auch darin liegt eine Erklärung der heutigen afrikanischen Unterentwicklung, die von den Autoren angesprochen wird. Denn bis zu 11 Millionen arbeitsfähige junge Männer wurden ihrer Heimat und deren Volkswirtschaft damals entrissen.

Eric Warnauts, Guy Raives
Venezianische Affären 2
(Originaltitel und Storys: Les Suites Venitiennes 4-6)
2019, Hardcover, Album, 160 Seiten
ISBN: 9783741615474
Panini Verlag
29,00 €


Genre: Comic, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Der letzte Grieche

Grieche trifft Schwedin

Mit dem 2011 erschienen Roman «Der letzte Grieche» hat der Schriftsteller Aris Fioretos nicht nur ein bemerkenswertes Buch über Migration vorgelegt, sondern auch das drei Generationen umfassende Familienepos einer griechischen Familie. Der in Schweden geborene Professor für Literatur-Wissenschaft mit griechischem und österreichischen Wurzeln schreibt auf Schwedisch, weil seine Kindersprache, wie er erklärt hat, ihn durch Erinnerungen und Erfahrungen sprachlich am nachhaltigsten geprägt hätte.

Flüchtlingskrisen, wie wir sie heute in Europa erleben mit ihren gravierenden politischen Verwerfungen, deren Schatten dieser Tage bis zum Wahlchaos im thüringischen Landtag reichen, ereigneten sich als Folge des türkisch-griechischen Krieges auch 1922. Aus Smyrna, dem heutigen Izmir, wurden damals alle griechischen Einwohner von den siegreichen Türken brutal vertrieben. Die Großmutter des Protagonisten Jannis flieht vor dem Massaker mit ihrer Rest-Familie in das armselige Bergdorf Áno Potamiá in Makedonien. Ihr Enkel muss dort als Kind die Ziegen hüten, findet später keine Arbeit und wandert, nachdem er sich beim Pokern total verzockt hat, 1967 als Gastarbeiter nach Schweden aus, wo er sehr freundlich von einem griechischen Arzt aufgenommen wird. Der gewährt ihm fürs erste Kost und Logis in seinem Haus und unterstützt ihn nach Kräften. Jannis verliebt sich prompt in das toughe Kindermädchen seiner Gastgeber und hilft später seinem sehnlichen Kinderwunsch etwas nach, indem er das unabdingbare Kondom mit einer Nadel aufsticht, – eine Missetat, die nicht folgenlos bleibt.

Der Autor etabliert einen fiktiven Herausgeber namens Aris Fioretos, dem aus einem Nachlass ein Holzkasten mit hunderten von Karteikarten zugefallen sei, aus der Sammlung sollte einmal ein Ergänzungsband für die «Enzyklopädie der Auslandsgriechen» entstehen. An dieser nach Stichworten geordneten Kartei arbeitete seit dem Jahre 1928 unermüdlich eine «Gehilfinnen Clios» genannte Gruppe älterer Damen, um der Nachwelt alles Wissenswerte dazu möglichst vollständig zu überliefern. Und aus diesem sachlich, nicht zeitlich geordneten Fundus wiederum sei nun eben dieser Roman entstanden, jeder seiner Abschnitte fuße inhaltlich quasi auf einer entsprechenden Karteikarte, heißt es, es geht also chronologisch und folglich auch inhaltlich alles kunterbunt durcheinander. Der Protagonist Jannis ist eine schwer zu fassende Figur, die in ihrer quirligen Unbekümmertheit an Alexis Sorbas erinnert. Er bezeichnet sich selbst als «Mückenschädel», weil seine Gedanken wie ein Mückenschwarm in seinem Kopf herumschwirren. Zu seinen irrwitzigen Einfällen trägt oft auch seine Affinität zum Wasser bei, schon als junger Bursche hatte er herumspintisiert, für sein Dorf eine Anlage zur Bewässerung bauen zu wollen. In Schweden ist er dann fasziniert von dem See, an dem das Haus seiner Gastgeber liegt, weil der jeden Winter dick zugefroren ist und dann wie ein Spiegel in der Sonne glitzert. Vor allem aber ist Jannis auch ein Alltagsphilosoph, der unentwegt meist sehr obskuren Gedanken nachhängt.

Die wichtigste Botschaft von Aris Fioretos, diesem weltläufigen, in Deutschland lebenden, auf Schwedisch schreibenden Schriftsteller mit griechisch-österreichischen Eltern, besteht in der Negierung der Nation als Quelle der Identität, – wer könnte das besser beurteilen als er? In seinem tragisch-komischen Roman mit existenzieller Grundierung ist die üppig sprießende Fantasie nur marginal mit Realität angereichert, zu der politisch das Massaker von Smyrna ebenso gehört wie das «Regime der Obristen», die griechische Militärdiktatur der Jahre 1967 bis 1974. Stilistisch kann der langatmige Roman mit seinem Pathos ebenso wenig überzeugen wie mit seiner stilblütenreichen Sprache. Hinter dem postmodernen Plot mit all den verqueren, pseudo-philosophischen Gedanken ist die Thematik «Grieche trifft Schwedin» kaum noch auszumachen, der narrative Überbau aber ist wenig überzeugend.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Rauklands Sohn

„Was hast du getan?“
Der Schrei trieb durch seine bleierne Müdigkeit. Ein Schatten wuchs über ihm, Hände krallten sich in sein Haar und rissen seinen Kopf zurück. Der Schatten war sein Vater.
Ronans Herz pochte so wild gegen seine Rippen, dass es schmerzte. Er konnte sich nicht rühren, es war, als läge eine tonnenschwere Felswand auf ihm. Nichts ergab einen Sinn.
Sein Vater schlug ihm ins Gesicht. „Du bist betrunken!“

Ronan ist der beste Schwertkämpfer rund um das ganze Nordmeer. Doch die Liebe zum Schwert ist die einzige Liebe, die er kennt. Dann legt ihn ein Mädchen mit vergiftetem Wein herein und seinetwegen verliert sein Vater, der König von Raukland, eine Schlacht. Der König ist nicht für seine Nachsicht bekannt, er lässt den Sohn auspeitschen und verbannt ihn auf eine einsame Insel im Nordmeer, die bisher noch ein unabhängiges Königreich ist. Das soll er für Raukland gewinnen, sonst verliert er Thron und Leben.

Doch diese Insel namens Lannoch hat strenge Vorschriften. Wer dort herrschen will, muss seine Tauglichkeit in mehreren Prüfungen beweisen. Die erste: Finde einen Freund. Ronans einziger Freund ist sein Schwert und das reicht nicht.

Da wird ein Schiffbrüchiger angespült. Ronan rettet ihn und glaubt, jetzt habe er seinen Freund gefunden. Doch so einfach ist das nicht …

Ich muss ehrlich sein. Ich bin nicht objektiv, was dieses Buch angeht. Denn ich habe es schon bei der Entstehung ein Stück weit begleitet und die Geschichte hat mich schon damals fasziniert. Spröde wie der Norden liest es sich und fasziniert gerade dadurch. Abenteuer, Schwertkämpfe und ein junger Mann, der seinen Weg finden und lernen muss, dass man mit dem Schwert allein keine Herzen erobert. Eine Coming of Age Geschichte der ganz eigenen Art, ein All-Ager und vor allem ein Buch, das auch Jungen jeden Alters wieder zu Lesen animieren könnte. Das man mit 16 ebenso verschlingt wie mit 60.

Leseprobe: http://www.jordis-lank.de/raukland-trilogie/1-rauklands-sohn/leseprobe/

 


Genre: Fantasy
Illustrated by Selbstverlag

Prag Stadtabenteuer

Prag Stadtabenteuer. Ein etwas anderer Reiseführer

Stadabenteuer Prag: Viele versteckte Stadtabenteuer zeigt die Autorin Renate Zöller in ihrem Reiseführer über Prag: die Barrandov-Studios, in denen die berühmten Märchenfilme, aber auch Casino Royale gedreht wurde, ein Saunaboot mit Blick auf die Skyline, oder den „Schwarzen Ochsen“. Aber natürlich kommen auch die klassischen Sights und Spots der tschechischen Hauptstadt nicht zu kurz.

Das Stadtabenteuer Prag

„Zlata Praha“ nennen die Bewohnerinnen und Bewohner selbst ihre Stadt, denn die „goldene Schwelle“ war immer schon der Mittelpunkt Europas und liegt sogar westlicher als Wien. Lange Zeit durch die politische Großwetterlange an den Rand Europas gedrängt, erlebt Prag seit der Wende eine neue Blütezeit, denn die seit dem 11. Jahrhundert bestehende Stadt zeigt wohl wie nirgends sonst in Mitteleuropa die verschiedensten Baustile und Epochen dicht nebeneinander: Renaissance, Jugendstil, Gotik, aber auch Moderne wie etwa Gehry u.a. Als Ausgangspunkt ihres Prag-Spaziergangs wählt die Autorin das kubistische Prag . Dieser endet im romantischen Innenhof an der Festungsmauer beim Café Cekarna unterhalb des Vysehrad. Sie zeigt dem Leser aber auch andere versteckte Plätze wie etwa die Ice Bar, die tatsächlich aus Eis besteht und 7 Grad minus auf der Skala anzeigt – selbst die Whiskygläser sind aus Eis. Der Prager Jazz ist ebenso legendär wie seine ihn improvisierenden Künstler und wer gerade in der Jazzrebublic zu Besuch ist, sollte einen Blick um die Ecke wagen. Dort „hängt“ nämlich ein gewisser Sigmund Freud vom Dach – oder zumindest eine Skulptur des enfant terrible Künstlers David Cerny, der in der Prager Stadtarchitektur schon an vielen anderen Orten seine Spuren hinterlassen hat.

Die Goldene Stadt Prag

Aber auch einige exotische Touren hat Prag anzubieten. Etwa die „Corrupt Tour“, die auf den Spuren der großen Korruptionsskandale durch die Prager Innenstadt führt. Hier wird die Geschichte vom einzigen korrupten Prager erzählt oder die von Mirek und Marek, die durchaus noch aktuell ist. Das komplett verwanzte Hotel Jalta sowie die in der Nähe befindliche Hauptpost sind ebenso einen Besuch wert wie die sogenannte „Aufschwemmstelle“ Naplavka. Die Partymeile Nummer eins findet zum Teil auf stillgelegten Booten in der Abendsonne statt und auch sonst ist hier immer was los: Flohmarkt, Farmermarkt, Wein-Tasting oder Open-Air-Konzert. Oder doch lieber ein Kaffee in Cernys Lieblingscafé Mlynska? Aber auch die neuen Trendzonen im ehemaligen Romaviertel Karlin kann man mit Renate Zöller entdecken. Hier gibt es etwa eine Kaserne, die mit Open Air Kino Gärten zum Verweilen einlädt, aber auch viel Kunst. Das legendäre Akropolis in Zizkov oder neuerdings auch Vinhhrady sind ebenfalls tolle Weggehviertel, in denen Renate Zöller einige weitere tolle Treffpunkte entdeckt hat. Weitere Hits sind ein Besuch bei den Barrandov-Filmstudios, die Kulturbrache Pragovka und der Riesenflohmarkt U Elektry. In Prag ist eben alles möglich.

Renate Zöller
Prag – Stadtabenteuer. Reiseführer.
Michael Müller Verlag, 240 Seiten, farbig, 33 Stadtabenteuer zum Selbsterleben,
ISBN 978-3-95654-827-7
14,90 EUR (D)/15,40 EUR (A)/22,90 CHF
1. Auflage 2020
14,90 EUR
Michael Müller Verlag

 

 


Genre: Reiseabenteuer, Reiseführer, Stadtabenteuer, Stadtführer
Illustrated by Michael Müller Verlag Erlangen

Hitchcock’s Blondes

Hitchcock’s Blondes: „Fake it!“, habe Hitchcock seiner Lieblingsschauspielerin Ingrid Bergman zugerufen, als diese sich einmal während der Dreharbeiten zu Notorious beklagt hatte, mit ihrem Kleid nicht durch die Türe zu passen. So legendär wie dieser Ausspruch sind auch Alfred Hitchcocks Vorlieben für blonde Frauen, die allesamt in vorliegender hochwertiger Publikation des Schirmer Mosel Verlages mit ihren Filmen vorgestellt werden: Joan Fontaine, Ingrid Bergman, Grace Kelly, Shirley MacLaine, Doris Day, Vera Miles, Kim Nowak, Eva Marie Saint, Janet Leigh, Tippi Hedren, Julie Andrews und Karin Dor.

Der Hitchcock-Touch

Grace Kelly ©courtesy Schirmer/Mosel

Wie Thilo Wydra im „Vorspann“ schlüssig erklärt sind Hitchcocks 53 Filme wesentlich an der Erfindung eines bestimmten Frauentyps beteiligt gewesen: Die Blondine. Aber auch seine Frau, Alma Reville, hatte einen großen Anteil daran, denn sie stand dem Regieass bei allen seiner 53 Filme als Ehefrau und Mitarbeiterin zur Seite. Sie stammt so wie Hitchcock ebenfalls aus England und arbeitete als Cutterin und Drehbuchautorin bis sie ihren nur einen Tag älteren Ehemann Alfred kennenlernte. 53 Ehejahre und 53 Kinofilme blieben sie zusammen. „Der Hitchcock-Touch hat vier Hände“, schrie die Los Angeles in einem Nachruf einmal, „- zwei davon gehören Alma. Aber Hitchcock liebte seine Schauspielerinnen wohl ebenso wie seine Ehefrau indem er ihnen ein Celluloid-Denkmal setzte, ihnen Close Ups widmete oder sie einfach berühmte Schauspieler küssen ließ. So auch in „Notorious“ (1946): Laut dem damaligen Production Code durften Filmküsse nicht länger als drei Sekunden sein, aber Hitchcock machte daraus drei Minuten. Er verstand es einfach, die Zensur geschickt zu umgehen, indem er Cary Grant und Ingrid Bergman immer wieder reden oder das Telefon klingeln ließ. So machte er aus drei Sekunden drei Minuten voller Intensität, die damals das Kinopublikum so fesselte, dass der Film schon allein deswegen in die Geschichte einging.

Zehn Porträts von Hitchcock’s Blondes

Ingrid Bergman ©courtesy Schirmer/Mosel

Aber auch diese „seine“ Blondine, Ingrid Bergman, wird er bald an einen anderen Mann verlieren, nämlich an Regisseur Roberto Rosselini mit dem die Bergman fortan in Italien drehte. Zuvor hatte er schon Grace Kelly an den Fürsten von Monaco verloren, aber das schmerzte „Hitch“ – wie seine Freunde ihn nennen durften – weit weniger. Dennoch kommt es nach „Spellbound“ und „Notorious“ noch zu einem dritten gemeinsamen Film: „Under Capricorn“ (Hitchcocks zweiter Farbfilm, der 38. von 53), eine Literaturverfilmung, die er nur in Angriff nahm, weil die Rolle der Protagonistin, Lady Henrietta, darin – seiner Ansicht nach – perfekt zu seiner Lieblingsschauspielerin Ingrid Bergman passte. Wie so oft geht es auch in diesem bei Publikum und Kritikern leider durchgefallenen Film um eine Dreierkonstellation, um Liebe, das Sich- Erkennen, emotionale Wahrhaftigkeit, schreibt Thilo Wydra. Alle Psychothriller Hitchcocks seien im Kern tief romantisierte Liebesfilme. Romanzen. Melodramen. „Under Capricorn“ sei aber vor allem ein Film über ein Gesicht. Ingrids Gesicht. So Thilo Wydra. Hitchcock resümierte über die zehnjährige Zusammenarbeit mit der Bergman: „Ich trauere immer noch um die Filme, die ich mit Ingrid Bergman hätte machen können, die Filme, die es nie gegeben hat. Als sie nach Italien ging und dort blieb, war das ein Verlust für mich, für die Welt und für sie.

Für Cineasten und Filmfreaks

Alle zehn Essays im vorliegenden Fotoband widmen sich einer der zehn Schauspielerinnen Hitchcocks und ihren Filmen mit Standfotos, Szenenfotos, Porträts und geben Hinweise und Informationen zu den Dreharbeiten, Originalzitaten und Hintergründen wieder. Eine wunderschöne Publikation für Filmfreaks und Liebhaber schöner Frauen. Im Anhang befindet sich auch ein Nachwort mit „Abspann“ betitelt, eine Biblio- und eine Filmografie.

Thilo Wydra

Hitchcock’s Blondes

232 Seiten, 83 Abb. in Farbe und Duotone. Format: 21,5 x 24 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe.

ISBN: 9783829608350

Schirmer/Mosel

39,80.-


Genre: Bildband, Film, Psychothriller
Illustrated by schirmer/mosel

Wir sehen uns dort oben

Makabre Schwejkiade

Mit dem 2013 erschienenen historischen Roman «Wir sehen uns dort oben» hat der bis dato nur für seine Krimis bekannte französische Schriftsteller Pierre Lemaitre erstmals dieses Genre verlassen und den Ersten Weltkrieg und dessen unmittelbare Folgen thematisiert. Dieser erste «literarische» Roman aus seiner Feder ist gleichwohl mit typischen Krimi-Elementen angereichert, die für Spannung sorgen sollen in seiner gesellschaftskritischen Geschichte. Strammer Patriotismus und verlogenes Heldengedenken werden hier mit satirischen Mitteln als reine Farce entlarvt. Der in Frankreich überaus erfolgreiche Roman wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, in viele Sprachen übersetzt, vier Jahre später ebenso erfolgreich verfilmt und gleich mehrfach mit dem César-Filmpreis prämiert.

In einem absolut sinnlos gewordenen Stellungskrieg mehren sich Anfang November 1918 die Gerüchte, ein Waffenstillstand stehe unmittelbar bevor. Der skrupellose Leutnant Pradelle will sich vorher unbedingt noch durch eine Heldentat hervortun, um Hauptmann zu werden und damit dann auch seinen sozialen Aufstieg nach dem Krieg zu befördern. Er befiehlt deshalb einen riskanten Vorstoß in seinem Frontabschnitt an der Maas, der mit hohen Verlusten endet. Albert wird in einem Granattrichter verschüttet, Édouard wird am Kopf schwer verletzt, es gelingt ihm aber, den verschütteten Kameraden vor dem Ersticken zu retten. Beide werden enge Freunde, Albert kümmert sich rührend um den im Gesicht grauenhaft entstellten Édouard, der ihm im schlimmsten Kriegsgetümmel so selbstlos das Leben gerettet hat. In der Nachkriegszeit steigt Pradelle mit hanebüchenen Methoden ins lukrative Geschäft mit dem Umbetten von nur provisorisch in Frontnähe bestatteten Kriegsopfern ein, deren Angehörige sie zurückholen und in der Heimat würdig beerdigen wollen. Der künstlerisch begabte Édouard entwickelt die kühne Idee, mit einer Scheinfirma ganz groß ins Geschäft mit Kriegsdenkmälern einzusteigen, die er allerdings niemals zu bauen gedenkt. In einer Hauruck-Aktion, mit hohen Rabatten bis zu einem bestimmten Stichtag, wollen die Freunde nämlich alle bis dato eingegangenen Anzahlungen kassieren und dann unter falschem Namen ins Ausland fliehen. Tatsächlich kassieren die ins Kriminelle abgerutschten Freunde auf diese Art mehr als eine Million Franc von vielen arglosen, unbedarften Kunden, bevor sie abtauchen, während Pradelle mit seinen skrupellosen Geschäftsmethoden auffliegt, sein ganzes Vermögen verliert und im Gefängnis landet.

Mit seinem Roman decouvriert Pierre Lemaitre die patriotische Heldenverehrung für die gefallenen französischen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg als verlogene Ablenkung von den tatsächlichen Gräueln des unsäglichen Gemetzels auf den Schlachtfeldern mit seinen Millionen von Toten. Unter der wirtschaftlichen Misere als Folge des Krieges leiden aber vor allem die vielen Kriegsversehrten, die sich nur schwer wieder eingliedern können in die Zivilgesellschaft, während die Wohlhabenden sowie gerissene Profiteure gute Geschäfte machen auch in diesen schweren Zeiten.

In zwei Handlungssträngen werden abwechselnd die Geschichten der beiden vom Krieg gezeichneten Landser sowie die ihres brutalen Offiziers erzählt, sie sind lose miteinander verflochten und laufen ganz am Schluss erst zusammen. Über weite Strecken ist diese stilistisch anspruchslose Erzählung ziemlich langweilig zu lesen, sie steigert sich erst zum leider vorhersehbaren Finale hin. Ein Showdown allerdings, der, sogar noch im ergänzenden Epilog, an Kitsch kaum zu überbieten ist. Die Figuren sind maßlos übertrieben gezeichnet, es gibt kein Klischee, das da nicht bedient wird, trotzdem erzeugen sie alle kaum Empathie, ihr Inneres bleibt verborgen. Der krimiartig mit vielen Abschweifungen konstruierte Plot weist zudem auch etliche Ungereimtheiten auf, er ist als sarkastisches Sittenbild bestenfalls eine, vergleichsweise allerdings deutlich weniger amüsante, makabre Schwejkiade.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by btb Verlag

Möbius oder die Kunst des Betrügens

Vieles an diesem Buch fasziniert, als Erstes das kostenlose Angebot des Autoren: Der emeritierte Juraprofessor Daniel Zinner lädt uns ein, es kostenlos herunterzuladen.

Und das, was dann kommt, ist zur Überraschung sehr wertvoll und regt zum Nachdenken an: Ist es ein Krimi, gibt es einen Mord? Oder geht es nur um einen alten weißen Mann in der Midlife crisis, den seine Frau nicht versteht und die Geliebte, eine seiner Studentinnen, auch nicht?

Die Konstante durch alle Phasen ist die Kunst des Betrügens. Als Erstes geht es natürlich um sich selbst, den man betrügen kann, aber es wird durchdekliniert: Wie betrügen Wissenschaftler, die Gutachten erstellen, wie verlaufen Verhandlungen zwischen Gutachtern und deren Auftraggeber, wie beteiligt der Gutachter seine Mitarbeiter, die eigentlich die Arbeit machen. Natürlich wird auch mit Hilfe des Netzes betrogen, etwa, in dem eine Lokalpolitikerin in ihrem Zuhause der Sodomie überführt wird. Wir gehen mit zu langen universitären Gremiensitzungen und führen Telefongespräche mit dem Senator über die Finanzen.

Ein Juwel ist ein Angebot des Protagonisten, Juraprofessor an einer Berliner Hauptstadtuniversität, der eine Lehrveranstaltung über das Betrügen in der klassischen Literatur durchzieht, wir erfahren dann die Einsichten der Jurastudenten dazu.

Die Sache wird heikel, als die Studentin schwanger wird und er beschließt, sie zu ermorden. Dann ändert sich alles, es geht weiter in der Ichform, und mit Betrug auf höherem Niveau. Aber sehen Sie selbst, am besten sofort, und das kostenlos frei Haus: einfach herunterladen!

 

 

 


Genre: Romane
Illustrated by Selbstverlag

Canto

„Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“

 

Suhrkamp veröffentlicht 56 Jahre nach der Erstausgabe eine Neuausgabe von „Canto“, anlässlich des 90. Geburtstages von Paul Nizon. Dieses Werk steht schon lange auf meiner Leseliste.

Ich hörte schon einiges über „Canto“, wusste nichts Konkretes, aber der Kommentar auf Seiten des Verlags, „Paul Nizon nennt für sich zwei Geburtsdaten: das Jahr, in dem er in Bern zur Welt gekommen ist, und das Jahr, in dem er sich mit dem Canto selber zur Welt gebracht habe. 1929 und 1963″ machte mich neugierig. Warum hat es dem Autor dieses Gefühl gegeben? Und ich begann zu lesen.

Schon nach wenigen Seiten geriet ich in einen Strudel der Emotionen und konnte nicht glauben, dass dieses Werk tatsächlich Anfang der sechziger Jahre entstanden ist.

„Canto“ verstehe ich als Teil von Paul Nizon. „Canto“ kommt man nur dann nahe, wenn man sich auch mit seinem Autor beschäftigt.

Also beginnen wir erst einmal mit Paul Nizon.

Wer ist Paul Nizon?

1959 veröffentlicht der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon bei Scherz in Bern seinen Erstling, den Prosaband, „Die gleitenden Plätze“. Einige Persönlichkeiten des Literaturbetriebs, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Carl Seelig und weitere, werden auf ihn aufmerksam. Er wird mit einem Stipendium des Schweizer Instituts nach Rom eingeladen.

Diese „römischen“ Erlebnisse verändern sein Leben. Er kehrt zurück in die Schweiz, wird leitender Kunstkritiker bei der Neuen Zürcher Zeitung. Aber er kann die Enge des Berufs- und Ehelebens nicht dauerhaft ertragen. Seine Frau verlässt ihn, er kündigt bei der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt „Canto“ – über sein römisches Jahr. 1962 gibt er das Manuskript dieser Auftragsarbeit bei Suhrkamp ab. Siegfried Unseld (Verleger / Suhrkamp) hält ihn für ein Genie.

Doch entgegen der Voraussage bleibt Paul Nizon in Deutschland ein Geheimtipp. Die Franzosen lieben ihn.

Zu einer ausführlicheren Zeittafel über Paul Nizons Vita verweise ich auf die Suhrkamp Verlagsseite.

Jan Küveler („Welt“ Feuilleton) schrieb über ihn:

„Es wäre ein Irrtum, Nizon für eitel zu halten. Nizon pflegt stattdessen ein erotisches Verhältnis zum eigenen ich, eins von der unstillbaren Art, er spürt in sich hinein, tastet sich ab und wird mit der Skulptur doch nie fertig.“

Zum Inhalt „Canto“ von Paul Nizon

Dieser Prosaband erzählt das Jahr in Rom, das Paul Nizon so beeindruckte. Es ist keine Geschichte, es hat keinen Plot – und doch bin ich beim Lesen unglaublich nah beim Autor. Ich glaubte, selbst zu spüren, was Paul Nizon beschreibt.

Worum geht es dann?

Es geht um Paul Nizon. Er durchlebt Rom, mit allen seinen Sinnen. Es ist ein manisches Aufsaugen sämtlicher Gefühlswallungen und Empfindungen, erzeugt von einer sich immer schneller drehender Helix mit Namen Paul Nizon. Wirklich außergewöhnlich dabei ist, dass er den Leser nicht nur beim Lesen auf diese Reise mitnimmt, sondern auch beim Fühlen. Man könnte versucht sein zu sagen, die Spiegelneuronen springen umgehend auf Paul Nizons Worte an und lassen dich die Emotionen umgehend spüren.

„Den wir als Ich leben ließen, den lassen wir laufen, uns zu suchen. Zusammenzusuchen aus den Plätzen für Lebensminuten, den Minutenplätzchen in Rom. Der ist Stipendiat in Rom. Der liegt auf dem Bauch unter dem Baum mit dem Ding. Der möchte hinaus aus dem Bann, der ihn auf Bauch warf und hinein in das Ding. Das hier Rom heißt.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

Der Autor schlendert durch Rom. Wie ein Minnesänger betet er die Geliebte an. Wer aber ist die Geliebte? Die Stadt Rom? Oder sind es die (geliebten) Gefühle, Empfindungen, Reize und Begegnungen, ihm die diese Stadt beschert?

Die sprachliche Gewalt in „Canto“ von Paul Nizon – oder Literarisches Action Painting

Paul Nizon spricht eine bildgewaltige Sprache. Er bereichert und formt die Sprache in einer Art Rausch zu überwältigenden Bildern, denen man nicht fliehen kann.

Dieser Text ist für jeden Sprachwissenschaftler ein Füllhorn an literarischen Stilmitteln. Der Autor erzählt uns von „zirpender Milch“ und „fauchender Maschine“. Und er beschreibt Rom, wie er die Stadt empfindet. Er erzählt auch von Frauen, Huren, Gabriella.

„Lacht. Mit Schluchzern in der Stimme. Über sich, über Mauro, über die Rosen, über dies verrückte, heiße, schöne Tier Rom, dessen Glieder von dunkel gekleideten Menschen wimmeln, dessen Kadaver von losgelassenen Wagen juckt, dessen Leib dampft, kocht, blendet. Und sie muß nun wirklich zurück. Um die Koffer zu holen. Mit dem Rosenstrauß in durchsichtigem Zellophan. Wie eine Gefeierte. Allein nach dem Applaus.“
Auszug aus: Nizon, Paul. „Canto.“

Warum bezeichnet sich Paul Nizon in „Canto“ als „Der Hurenhirt oder Hirt der Huren“?

Er selbst sagt, es sei „ein vorübergehendes Amt ehrenhalber“. Der Hurenhirt „kennt die Stunden des Schichtwechsels“. Er kennt die Mädchen und sieht keine Huren, sondern Frauen, Menschen.

Ja, wie man sehen kann, ist der Text so aussagekräftig, dass ich eigentlich gar nicht zum Ende kommen kann. Ich höre jetzt damit auf und sage nur noch: „Canto“ ist der erste Teil der siebenbändigen Ausgabe der „Gesammelten Werke“.

„Ich klammerte mich an fühlbare, greifbare Dinge, weil ich durch mein Fehlen von Handlung und Einfall nichts anderes besaß. Ich hatte nicht den geringsten Plan, und ich ersetzte diesen Mangel durch eine mu-sikalische Struktur, die an eine Sonate in drei Sätzen denken läßt.“
Auszug aus „Die Republik Nizon“

„Canto“ – Warum dieser Titel?

Der Titel bedeutet: Ich singe. Was hat das mit dem Inhalt zu tun? Es ist mir unbegreiflich, dass es kein Hörbuch zu „Canto“ gibt. Wenn man den Text laut liest, hört man, dass sich der Text in eine Art Ballade verwandelt. Aus dem rein visuellen Text, wird eine hörbare Botschaft. Ich stelle es mir als Hörbuch, gelesen von einem Sprecher, wie z. B. Burghart Klaußner, großartig vor.

Kritik „Canto“ von Paul Nizon

Eine Buchbewertung finde ich immer schwierig. Habe ich wirklich alle Fakten objektiv gesehen und bewerte ich angemessen? Aber dieses Buch ist so außergewöhnlich, dass man es nur lieben oder schrecklich finden kann. Ich liebe es, wenn ein Autor mit der Sprache spielt. Ich liebe es, wenn der Autor mit Worten malt, und sich vor meinem inneren Auge, andere nennen es Kopfkino, ein Film entwickelt, der einzigartig ist. Aber hier entwickelt sich noch dazu eine Filmmusik! Also halten wir fest: Es ist ein einzigartiges Buch. Paul Nizon steht in dem Ruf, ein Egomane, ein Erotomane zu sein, der sich um die „Nizon-Republik“ dreht.

Ich würde es ein klein wenig anders sehen. Paul Nizon liebt die Abgründe und Höhen, die Gefühle, Begegnungen, das Leben überhaupt und vor allem, wie der „Mensch Paul Nizon“, darauf reagiert, und das möchte Paul Nizon „in einer Sonate ähnliche Struktur“ dem Leser darreichen. Und er liebt die Freiheit, die für ihn über Allem steht.

Du, als Leser, musst entscheiden, ob du dieser Form eine Chance geben möchtest. Ich empfehle es, du triffst einen sehr offenen empathischen Autor, dem es sehr wichtig erscheint, im Hier und Jetzt des Augenblicks zu leben und alles aus diesem Wimpernschlag herauszusaugen und für die Ewigkeit festzuhalten und zu verschriften.

Ein Leseerlebnis, der etwas anderen Art, eine Lautmalerei der Gefühle.


Genre: Antiroman, Belletristik, Literarisches Action Painting
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Ein Held unserer Zeit

Eine multiple Persönlichkeit

Der einzige vollendete und zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des russischen Schriftstellers Michail Lermontow trägt den ironischen Titel «Ein Held unserer Zeit», sein Erscheinen 1840 markiert deutlich das Ende der russischen Romantik, er ist zudem der erste psychologische Roman in dieser Sprache. Mit Puschkin, dem unangefochtenen Nationaldichter jener Zeit, der großen Einfluss auf ihn ausgeübt hat, teilt der nur 27 Jahre alt gewordene Literat neben der Vorliebe für den Kaukasus als Handlungsort auch die Todesart, beide starben mit wenigen Jahren Abstand in einem Duell. Im Vorwort begegnet Lermontow der aufkommenden Kritik, sein Roman beruhe im Kern auf der Schmähung einer Persönlichkeit: «Der Held unserer Zeit, meine Herrschaften, ist in der Tat ein Porträt, aber nicht das eines einzelnen Menschen: es ist ein Porträt, zusammengesetzt aus den Lastern unserer ganzen Generation, in ihrer vollen Entfaltung». Das war starker Tobak für die damalige Leserschaft, aber seine schreibenden Kollegen wussten es besser. «Niemand in Russland hat je solch eine Prosa geschrieben, so genau, so schön, so köstlich» hat Nikolai Gogol geschwärmt.

Dieser relativ kurze Roman ist im Prinzip aus fünf Novellen zusammengesetzt, er spielt an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Stabshauptmann Maxim erzählt von gemeinsamen Abenteuern mit dem Offizier Petschorin, den er als rätselhaften Sonderling beschreibt. Während der Kur in Pjatigorsk beginnt dieser Draufgänger eine Liaison mit Prinzessin Mary, von der er sich aber nach einiger Zeit wieder trennt, er habe nur mit ihr gespielt, erklärt er ihr. Auch sein kurzes Verhältnis mit der verheirateten Vera geht nicht gut aus, sie schickt dem Hallodri einen Abschiedsbrief. Gruschnitzkij, sein eifersüchtiger Nebenbuhler, der allerlei Gerüchte verbreitet, wird im Duell von Petschorin erschossen. Der wird später zum Dienst auf ein Fort versetzt, verliebt sich dort in die tscherkessische Fürstentochter Bela, die auch der Bandit Kasbitsch begehrt, aber Petschorin entführt sie kurzerhand. Bald jedoch verliert er wieder jedes Interesse an dem Mädchen und sagt es auch ihr ganz unverblümt. Der Ich-Erzähler erhält von Petschorin dessen Tagebuch, in dem eine Episode geschildert ist, bei der in nächtlicher Kartenrunde die Frage der Vorherbestimmung debattiert wird. Petschorin wettet, es gäbe sie nicht, Leutnant Vulic hält dagegen und will das auch gleich an Ort und Stelle klären. Er nimmt im Zimmer des Majors aufs Geratewohl eine von dessen Pistolen vom Nagel und hält sie sich an die Stirn, die Frage, ob sie geladen ist, kann der Major in seiner Verwirrung nicht sicher beantworten. Trotzdem drückt Vulic ab, – es löst sich kein Schuss! «Sie war nicht geladen», rufen alle erleichtert. «Das werden wir sehen» sagt Vulic, spannt den Hahn erneut und schießt auf seine am Haken hängende Schirmmütze, – es knallt, die Mütze ist durchlöchert, die Kugel steckt tief in der Wand.

Der hier nur kurz skizzierte Plot wird von verschiedenen Erzählern aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und in diversen zeitlichen Voraus- und Rückblenden erzählt. Sein hedonistischer Held ist ein desillusionierter Fatalist mit charismatischer Ausstrahlung, als intelligenter, bösartiger Unglücksbringer ein Archetyp, der alle Laster der Zeit gleichzeitig zu verkörpern scheint.

Diese ebenso spannende wie bereichernde Geschichte taucht tief hinein in die Abgründe der menschlichen Seele, ihr Held verkörpert zudem erstmals eine multiple Persönlichkeit. Zu seiner Entstehungszeit war der Roman eine ausgemachte Provokation, eine beißende Kritik nämlich an den rückständigen sozialen Verhältnissen unter Zar Nikolaus I. Mit schnörkelloser Diktion, in einer allerdings ziemlich verwirrenden fragmentarischen Erzählweise, liest sich dieser damals avantgardistische Roman mit seinem zynischen Helden heute vor allem als eine interessante psychologische Studie, – ohne irgendwelche moralischen Intentionen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Insel Taschenbuch

Der Tokio-Montana-Express

In seinem 1979 erschienenen »Tokio-Montana-Express« bietet Richard Brautigan ein buntes Potpourri: Tagebucheinträge über Personen, die er beobachtet hat. Kleine Geschehnisse, die ihm widerfuhren. Gedanken, die sich spontan vordrängten, aber keine Durchsetzungskraft besaßen. Gesamt: 131 heterogene Prosabissen formen eine phantasievolle Textcollage mit deutlichen biographischen Bezügen. Schon der Buchtitel deutet auf das häufige Hin und Her zwischen seiner Wohnung in Tokio und seiner Ranch nahe Livingstone, Montana. Weiterlesen


Genre: Kurzprosa, Underground
Illustrated by Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Kirio

Ein narratives Verwirrspiel

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat mit «Kirio» einen quecksilbrigen Schelmenroman geschrieben, der für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert war. Wie bei vielen ihrer Werke steht auch hier der experimentelle Charakter ihrer Prosa im Fokus, hinter den eine erzählenswerte Geschichte völlig in den Hintergrund tritt. Ihre Titelfigur ist schwer greifbar, sie erinnert an Jesus ebenso wie an Till Eulenspiegel, Don Quichotte oder den Rattenfänger von Hameln. Hinzu kommt ein virtuoses, verwirrendes Spiel mit vielerlei Erzählperspektiven, welches die Lektüre dieses postmodernen Roman-Märchens zu einem Leseabenteuer mit fraglichem Ausgang werden lässt.

Erzählt wird die Geschichte eines rätselhaften Kauzes namens «Kirio». Sein Geburtsort ist die Nothaltebucht in einem Autobahntunnel, wo er vorzeitig das Licht der Welt erblickt. Schon während der Schwangerschaft redete die Mutter mit ihm, als Ich-Erzählerin berichtet sie: «… tun das nicht alle angehenden Mütter? Und das Kind antwortete. Damals dachte ich, das täten alle ungeborenen Kinder. Natürlich sagte es keine langen, verschachtelten Sätze, auch gebrauchte es fast nur die Gegenwartsform, und den Konjunktiv II habe ich es nie verwenden hören». Schon als Schüler fällt er als seltsamer Vogel auf, weil er gerne und oft auf Händen geht, das entsprechend gestaltete Buchcover weist auf diese Marotte hin. Typisch für ihn, der nur sporadisch immer wieder irgendwo auftaucht, sind auch die weitaufgerissenen, staunenden Augen, mit denen er neugierig und unerschrocken die Welt betrachtet. Außerdem spielt er gerne Flöte, die bei vielen Gelegenheiten zu hören ist, auch wenn er ihr nur disharmonische Töne zu entlocken vermag. Streitereien schlichtet er mühelos, indem er den Kontrahenten Reis auf die Köpfe rieseln lässt. Er redet mit Tieren, Pflanzen und unbelebter Materie ebenso wie mit Menschen, nimmt alles wörtlich und glaubt auch alles. Und manchmal vollbringt er sogar Wunder, ohne es zu merken, ohne es zu wollen, einfach so, indem er da ist. Als Mitfahrer gelangt Kirio am Ende nach Hanau, in die Geburtsstadt der Gebrüder Grimm, die Anne Weber dann im Futur erzählen lässt: «Es wird einmal ein wunderlicher Flötenspieler sein». Dort aber verliert sich dann seine Spur.

Die Autorin benutzt diese märchenartige Geschichte als Vehikel für ihre phantasievollen Gedankenblitze, mit denen sie, darin ihrer Titelfigur folgend, die Welt auf den Kopf stellt. Sie bewirkt mit dieser irrwitzigen, grotesken Sichtweise beim Leser ungeahnte Inspirationen, löst ganze Assoziations-Ketten aus. Diese lustvolle Umkehrung aller Dinge und Erscheinungen ist das Leitmotiv eines umstürzlerischen Schelmenromans, dessen grundguter Held wie ein Irrwisch durch die Welt geistert und immer wieder überraschend an den verschiedensten Ort auftaucht, um dort meist Unerwartetes zu bewirken. Er ist als Person ebenso wenig zu fassen wie die diversen Erzähler, die hier zu Wort kommen, sich gegenseitig ablösen, spurlos verschwinden, deren Perspektiven, schwer durchschaubar, oft bunt durcheinander gewirbelt sind.

Dieses kreative, für den Leser aber auch verwirrende Spiel mit den Erzählformen erzeugt zusammen mit der wunderlichen Titelfigur, die ohne jede Intention einfach da ist, einen narrativen Zauber, der zunächst unmerklich die Gewissheiten des Lebens in Frage stellt und dann meist ins Gute weist – oder ins Unabänderliche. Eine derart federleichte, ebenso unbeirrte wie unkonventionelle Erzählweise ist – nicht nur im deutschen Sprachraum – eher selten anzutreffen. Leider fehlt dieser Geschichte voller unmotivierter Hirngespinste jedwede Spannung, zudem setzt das übermütige Erzähler-Verwirrspiel der Autorin einen detektivisch veranlagten Leser voraus. Im Verein mit der schlichten, oft bemüht lustigen Diktion, zu der auch die eher störenden, weil unmotiviert eingestreuten, fremdsprachigen Floskeln beitragen, konnte sich bei mir partout kein Lesevergnügen einstellen.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag