Alternative Medizin

Standen sich noch vor wenigen Jahren Schul- und Alternativmediziner wie feindliche Lager unversöhnlich gegenüber, so sind die Grenzen mittlerweile in Fluss gekommen. Es ist nicht mehr ungewöhnlich, wenn niedergelassene Ärzte Akupunktur anbieten und statt »harter Hämmer« ebenso wirksame sanfte Präparate aus der Natur verordnen. Dieser Entwicklung folgend, mit der im Alltag für eine wachsende Zahl von Menschen alternative Medizin einen immer größer werdenden Stellenwert einnimmt, hat sich Brockhaus entschieden, ein Lexikon über Heilsysteme, Diagnose- und Therapieformen sowie Arzneimittel zum Stichwort »Alternative Medizin« aufzulegen.

Im deutschsprachigen Raum verwenden viele Menschen die Begriffe Naturheilkunde bzw. –verfahren, wenn sie generell die »andere Medizin« meinen. Dabei sind bereits viele dieser Methoden in die konventionelle therapeutische, präventive und rehabilitative Medizin integriert. Hydro-, Thermo-, Phyto-, Bewegungs- Ernährungs- und Ordnungstherapie haben längst einen festen Platz in der Schulmedizin. Die Sammelbezeichnung »Alternativmedizin« umfasst diagnostische und therapeutische Verfahren, deren grundlegende Konzepte naturwissenschaftlich nicht oder nur in Ansätzen erklärt werden können.

Mit 3.500 Stichwörtern von ABC-Pflaster bis zytosplasmatische Therapie fasst Brockhaus das spezifische Vokabular kompetent und allgemeinverständlich zusammen. Damit liegt eine gebündelte Information zu einem expandierenden Gesundheitsbereich vor, die dem Patienten helfen kann, sich vor Scharlatanen zu schützen und Maßnahmen zu finden, deren Risiken, Nebenwirkungen und Chancen überschaubar sind und den gewünschten Erfolg bewirken.

Was sind Globuli, und wozu dienen sie? Um was handelt es sich bei Therapieformen wie Ayurveda oder Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)? Was leisten Heilmittel wie Bachblüten, und was verspricht die Edelsteintherapie? Brockhaus liefert Antworten.

Dabei geht es den Verfassern nicht nur um die Erläuterung relevanter Stichworte. Es werden auch Anleitungen zur Eigenbehandlung bei leichten Störungen gegeben, Wirkungen von Heilkräutern erläutert sowie die verschiedenen Diagnose- und Therapieformen dargestellt.

Wer sich ganzheitlich und wirksam behandeln lassen will und dazu objektive Informationen braucht, der findet in dem umfangreichen Lexikon einen verlässlichen Begleiter.


Genre: Gesundheit
Illustrated by Brockhaus Leipzig und Mannheim

Mein Leben als Suchmaschine

Freitag früh. Sitze in der Küche und schaue aus dem Fenster. Schalte das Radio an. Spricht ein Mann drin. Redet über Lemgo. Klingt ziemlich monoton. Laut Ansager ist er »der lustigste Mann der Welt«. Na ja.

Fahre meinen Rechner hoch. Aktualisiere meine Podcasts. Da spricht der Typ schon wieder. Nennt sich »Horst Evers«.

Jetzt klingelt es zum Überfluss auch noch an der Tür. Der Postbote bringt ein Buch. Is ne Neuerscheinung. Mit Sperrvermerk. Stammt auch von diesem Evers. Muss ich lesen. Mist. Jetzt soll ich also auch noch arbeiten!

Schalte das Radio wieder aus.

Horst Evers, Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2008 und anderer Würden, hat es nach jahrelangem Tingeln durch Dorfschenken und Lesebühnen geschafft, sich an die Spitze der deutschsprachigen Geschichtenerzähler zu lesen. Seinen Stil beschreibt er in einer seiner Kurztexte selbst: »Kaum mehr Lust auf ganze Sätze. Für Verben zu müde. Objekt? Selten.«

Evers erzählt Geschichten. Sie sind kurz, vielleicht drei Minuten lang, und sie entfalten ihren Charme besonders, wenn der Verfasser sie selbst vorträgt. Dann betritt ein blasser, nahezu kahlköpfiger, tendenziell übergewichtiger Mann im roten Hemd die Bühne. Sein bloßes Erscheinen löst bereits Gelächter bei Stammhörern aus. Er spricht in bedächtiger Art und wirkt dabei so, als schaue er dem eigenen Gedanken bei dessen träger Entwicklung zu. Ihn kennzeichnet Lethargie und Schluffigkeit, und wüsste man es nicht besser, man würde ihn eventuell sogar für einen Trottel halten.

Horst Evers beschreibt sich in seinen Geschichten gern als naive Figur mit Sinn für alltägliche Schicksalsschläge. Häufig kommt sein Fahrrad abhanden, weil er vergisst, wo er es zuvor angekettet hat. Geschieht ihm derartiges bei einem seiner geliebten Kneipenbesuche, kehrt er zur Theke zurück und säuft weiter, da sich bekanntlich die meisten Probleme von selbst lösen. Gern verlegt er auch Kleidungsstücke, die er dann verzweifelt sucht. Im Ergebnis empfindet er sein gesamtes Leben als Suchmaschine und findet so auch den Titel seiner inzwischen dritten Geschichtensammlung in Buchform.

Wer allerdings hinter dem Buchtitel eine Sammlung von Storys rund um die EDV vermutet, der irrt. Evers ist vielmehr Spezialist für das Alltägliche. Er schildert die kleinen Irrungen und Wirrungen des Lebens und dehnt diese gern bis in die letzte Gehirnwindung aus. Im Schneckentempo seiner gedanklichen Entwicklung liegen der Reiz und auch der Witz des Everschen Humors. Er versteht es, kleine absurde Begebenheiten und Beobachtungen aus dem Alltag geschickt zu pointieren und zu humorvollen Anekdoten oder Liedtexten zu verarbeiten. Dabei gelingt es ihm, im Alltäglichen das Phantastische zu entdecken und dem Leser ein Schmunzeln zu entlocken, weil er sich wieder erkennt. Das ist die unnachahmliche Stärke des Autors und Kabarettisten aus Berlin.

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Genre: Humor und Satire
Illustrated by Eichborn Verlag

Schmutz

Eugen Egner ist ein Multitalent. Er hat sich als Zeichner einen Namen gemacht, er tritt als Gitarrist auf und schreibt Romane und Geschichten. Bislang war es der Lesergemeinde des Medienkaufhauses Zweitausendeins vorbehalten, seine Werke zu goutieren. Jetzt meldet sich Egner in der Edition Phantasia mit Erzählungen unter dem Titel »Schmutz« zu Wort. Wie beim letzten Band sind es neun Geschichten, die der Autor versammelt. Es sind Erzählungen, die im Alltag meist männlicher Protagonisten spielen und sich plötzlich und unerwartet ins Absurde und Grausige bewegen.

Da fühlt sich Martin, der mit seiner neuen Flamme Nora die erste Nacht verbringt, von rätselhaften Gegenständen verfolgt, die »Gemütsbrand« verursachen. In »Schnee« glaubt sich ein älterer Herr von seinem Nachbarn bedroht, den er für einen Yeti, einen abscheulichen Schneemenschen, hält. Sein Sohn will helfen und hört in der Nacht, als leise Schnee fällt, seltsame Geräusche vor dem Haus. Er tritt ins Freie, und sein Leben verändert sich schlagartig. In »Sichtbarmachung« versucht ein Zeichner, Bilder zu Papier zu bringen, die sein Auftraggeber in einer Art Privatvorführung in einem alten Fernsehgerät gesehen haben will. Dieser seltsame Auftraggeber landet im Zuge der Arbeit, seines Verstandes restlos beraubt, auf einer Müllkippe.

Es sind Elemente von Verfall, Untergang und Dreck, die Egner zu eigenem Leben erwachen lässt. In seiner Titelstory »Schmutz« versinkt ein junger Mann in Abwesenheit seiner Frau im Unrat. Plötzlich pocht eine Gestalt aus seiner Vergangenheit an seine Tür, und er trifft seinen längst verstorbenen Vater, der in einer seltsamen Halbwelt haust. Traum und Wirklichkeit beginnen, sich zu mischen.

Der umfangreichste und mit Abstand literarisch stärkste Text der Sammlung heißt »Schulfest«. Ein Buchillustrator, dessen Leben sich nach einer Trennung aufzulösen beginnt, besucht einen Bahnhof, der ebenfalls im Verfall begriffen ist. Ein Junge lockt ihn zu einem auf einem Abstellgleis stehenden Geisterzug, der sich darauf in Bewegung setzt. Dort lernt er den einzigen Fahrgast kennen, der ihn erwartet zu haben scheint und ihn auf der Stelle als Zeichenlehrer für seine Schule einstellt. Diese Bildungseinrichtung entpuppt sich als Geisterhaus. Lediglich eine Handvoll Schüler wird unterrichtet, und es gibt außer dem Schulleiter, seiner schrecklichen Sekretärin und dem neu eingestellten Lehrer nur einen einzigen Pädagogen, der aber völlig verwirrt ist. Immer tiefer gerät der Zeichenlehrer in den Sog der geheimnisvollen Schule, die sich angeblich auf ein großes Schulfest vorbereitet. Bald ahnt der frisch gebackene Lehrer, dass auch hier sich alles um ihn herum aufzulösen beginnt … »Schulfest« ist der heimliche Höhepunkt der Sammlung und hat kafkaeske Dimensionen.

Bereits mit seinem letzten Buch »Nach Hause« vollzog Egner eine Wendung ins Makaber-Phantastische, die er jetzt mit »Schmutz« konsequent fortsetzt. Seine Geschichten sind zwar durchaus ähnlich gebaut, doch es gelingt ihm stets, seinem Helden, und damit dem Leser, den Boden unter den Füßen zu entziehen und ihn zu verwirren.

Egners Texte verstören den Leser. Er stürzt ihn in eine gewisse Ratlosigkeit über die Hintergründigkeit einer Welt, in der vieles nicht so ist wie es scheint. Wie in einem Albtraum bewegen sich seine Protagonisten durch ein Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse und sind anonymen Mächten ausgeliefert. Verflucht doppelbödige Texte!


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Edition Phantasia Bellheim

Vergebung

„Vergebung“ ist ein Buch, dass man nicht so schnell aus der Hand legen kann oder es klingelt an der Tür und der Geldbriefträger will den Hauptgewinn abgeben und man öffnet nicht, da das Buch bis zur letzten Seite derart spannend ist, dass man das Klingeln einfach überhören muß. Ehrlich!

Worum geht’s?

Die Ermittlerin Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht. Ihr Partner Mikael Blomkvist schwört, ihre Unschuld zu beweisen. Er weiß, dass es um Salanders Leben geht. Als seine Ermittlungen die schwedische Regierung in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen, setzt er alles auf eine Karte. Nach “Verblendung” und “Verdammnis” der grandiose Höhepunkt der Trilogie um das Ermittlerduo Blomkvist und Salander.

Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hochdruck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Heyne München

Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phantasie

Der Autor, begeisterter Leser und Büchersammler, stand von 1975 bis 1992 an der Spitze großer ostdeutscher Verlagshäuser. Als Verleger des Berliner Aufbau-Verlags begleitete er den Umbruch von der sozialistischen Plan- zur freien Marktwirtschaft. 1990 gründete er zwei neue Unternehmen: den Aufbau-Taschenbuchverlag in Berlin und den Verlag Faber & Faber in Leipzig. Als Verleger, der Traditionen überblickt, als praktizierender Idealist und Akteur in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen liefert er uns in seinem neuen Essayband engagierte Betrachtungen zur Bücherwelt, die als fällige Einwürfe in die fatalen Bewegungsspiele einer weithin gestreßten Buchbranche angesehen werden dürfen. Er meditiert über Lieblingsautoren, Bestseller und Flops der Bücherwelt, das Taschenbuch von gestern, heute und morgen, über Büchersammeln und Buchgeschmack und über das Beziehungsge?echt zwischen Autoren und Verlegern, das wunderlichste Wechselverhältnis des literarischen Marktes von Luther bis Grass. In zwei umfangreichen Interviews »Was von den Träumen blieb – Als Verleger in der DDR« und »Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phansasie – Als Verleger in der deutschen Bundesrepublik« zieht er Bilanz über ein bewegtes Verlegerleben. Leider merkt man dem alten Haudegen der DDR-Verlagsliteratur an, dass er doch dem DDR-Literaturgeschehen hinterhertrauert, aber es ist trotzdem interessant, wie er sich freut, dass er alte DDR-Titel z.B. Morgner, Amanda, wieder auflegen kann, um sie dem eiligen heutigen Literaturgeschehen wieder einzufügen, damit sie ihren literarischen Bestand behalten.


Genre: Erfahrungen
Illustrated by Verlag Faber&Faber Leipzig

Wortstoffhof

Kaum ein Land dürfte es auf der Welt geben, meint Axel Hacke in der Vorrede zu seinen alphabetisch aufgereihten Sprachgeschichten, in dem der Wiederverwertungsgedanke ausgeprägter ist als in unserem lieben Deutschland. Ergo legte er in seinem Büro ein Eckchen für sprachlichen Abfall an, den er jetzt in Buchform wiederverwertet.

Schlecht übersetzte Speisekarten, rätselhafte Schild-Texte, kryptische Gebrauchsanweisungen, falsch getrennte Wörter, vollkommen unverständliche Tourismus-Prospekte und anderes mehr sammelte der Autor. Unter dem Titel »Der Sprach-Wertstoffhof« richtete er im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« eigens eine Kolumne ein, um nachzuweisen, dass sich aus fast allem etwas machen lässt. Es geht ihm dabei um nichts anders »als um den Spaß am Valschen, die Poesie des Irrthums, die Freude an der Fehlleistunck« – um einen Reichtum also, der erst durch menschliche Schwäche entsteht.

Hacke beginnt seine Betrachtungen mit »Äh« und »Ähm« und der Frage, ob es sich bei diesen Lauten um Geräusch- bzw. Sprech-Abfall oder um normale Wörter handelt. Unter diesem Aspekt analysiert er den König des »Äh«, Edmund Stoiber. Er kommt zum Ergebnis, dass Stoiber ein ganz Großer ist: »Ein Rhythmiker. Ein Sprachmusiker. Ein Virtuose des Äh«.

Er wandert weiter über das »Autorenerwachen«, den »Betäubungslärm« zum »Biermörder«, bestellt ein »Drahthuhn«, erfreut sich am musikalischen Spiel einer «Fötengruppe«, erfreut sich einer »hyänischen Kauflaune«, kommt vom »Mischdünger« auf den »Mpfplan«, behandelt den »No-Nonsense«, besucht das »Öktöbärfäst« enträtselt das Geheimnis des »Poppencorken« und springt schließlich durch ein »Zeitfenster«.

Wer Freude an lebendiger Sprache hat und gern lacht über Wortschöpfungen, die uns der Alltag schenkt, dem sei dieser Band von Axel Hacke dringend empfohlen.


Genre: Sprache
Illustrated by Kunstmann München

Wahn

Für ein Jahr mietet Edgar Freemantle ein Haus auf Duma Key, Florida. Das auf Stelzen errichtete Gebäude ragt wie ein Schiff in den blauen Golf von Mexiko. »Big Pink« nennt der ehemalige Unternehmer das einsame Strandhaus, das rosa gestrichen ist.

Freemantle hat sich an diesen Zufluchtsort der frisch Verheirateten und fast schon Toten zurückgezogen, um sich von einem schweren Verkehrsunfall zu erholen. Dieser Unfall kostete ihn einen Arm und brachte ihm schwere Bein- und Schädelverletzungen ein.

Sein Broca-Zentrum, eine Region der Großhirnrinde, ist beschädigt. Dadurch hat er Wortfindungsschwierigkeiten und kann sich teilweise nur schwer erinnern. Sein Arzt rät ihm, spazieren zu gehen und »gegen die Hecke der Nacht« zu malen.

Edgar ist durch die Beschädigung seines Gehirns ungewöhnlich sensibel geworden und beginnt wie unter Zwang zu zeichnen. Auf seinen Bildern entstehen Situationen, die Vorhersagen gleichen. Er hat offensichtlich das zweite Gesicht, und seine Darstellungen beschreiben Vergangenes und künden Zukünftiges. Telepatische Schübe und eine unheimliche Hellsichtigkeit lassen ihn Zeichnungen und Gemälde fertigen, die düsteren Prophezeiungen gleichen.

Bei ausgedehnten Strandspaziergängen trifft er auf Wireman, einen Anwalt, der die Erbin einer ausgestorbenen Dynastie betreut und freundet sich mit ihm an. Der von Alzheimer verwirrten, uralten Elizabeth Eastlake gehört der gesamte Strandabschnitt. Freemantle bemerkt, dass Wireman ebenso wie die Hausherrin Kopfverletzungen haben. Sie fiel im zarten Alter von zwei Jahren von einem Ponywagen, der Anwalt überlebte einen Selbstmordversuch mit Pistole. Beide scheinen ebenso wie der Maler über überdeutliche Begabungen zu verfügen, Dinge und Ereignisse wahrzunehmen. Alle drei Personen sitzen damit in einem Boot und stellen sich die Frage, ob ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten mit den Verletzungen bestimmter Hirnregionen oder mit der Gegend zu tun haben, in der sie wohnen. Schon bald werden sie von den Ereignissen aufgeklärt.

Freemantles Bilder schlagen fundamental ein und begeistern Fachwelt wie Publikum. Doch die Bilder, auf denen gelegentlich ein gespenstisches Schiff auftaucht, üben eine gefährliche Sogwirkung auf ihre Betrachter aus. Sie ziehen sie wie eine tückische Unterströmung an. Es ist, als ergreife etwas von ihnen Besitz, das über die Gemälde hinaus wirkt. Bald erkennt das neu entdeckte Malgenie, welche Grauen erregende Macht von seinen Bildern ausgeht. Mit seiner Kunst kann er zwar positiv wirken und sogar heilen. Er kann damit aber auch Leben vernichten, und viele Motive, die er wie im Fieber auf Leinwand schleudert, entfalten erst langsam ihre wahre Bedeutung.

Stephen King erweist sich mit »Wahn« erneut als exzellenter Erzähler und scheint kein Formtief zu kennen. Gemächlich entspinnt sich die Handlung, um bald eine eigene Dynamik zu gewinnen und zum Schluss für atemberaubendes Tempo zu sorgen. Ähnlich wie in seinem Psychothriller »Love«, die Biographie einer dreißigjährigen Ehe, die durch Höhen und Tiefen geht, spielt auch in »Wahn« die Liebe eines Mannes zu seiner Familie eine wesentliche Rolle. Außerdem verarbeitet King ein weiteres Mal die Schrecknisse eines schweren Verkehrsunfalls, der ihn vor einigen Jahren beinahe aus der Bahn warf.

Kings »Wahn« richtet ausnahmsweise kein Blutbad an, das Leser des Horrorkönigs beispielsweise von seinem Thriller »Puls« kennen. Der Leser wird dennoch oder gerade deshalb in Atem gehalten. Er erlebt das Grauen der Protagonisten, als diese versuchen, das Übel an der Wurzel zu packen, und er erfährt immer neue Überraschungen und unvorhersehbare Wendungen.

In seinen Grundzügen erschließt sich die Handlung des Werkes und sein voraussichtlicher Schluss recht früh aus vielen Details. King arbeitet beispielsweise mit einem Textversatz namens »Wie man ein Bild malt«, der die Kapitel einleitet. Dies erschließt dem Leser recht früh Details und Zusammenhänge. Das aber ist der Spannung eher förderlich, und so jagt der Leser knapp neunhundert Seiten lang atemlos dem enthemmt kreativen Erzähler nach.


Genre: Horror
Illustrated by Heyne München

Shadowmarch 2 • Das Spiel

Mit dem Vormarsch einer Riesenstreitmacht der elbischen Qar unter Führung von Fürstin Yassamez gegen Südmark scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Im Reiche König Olin Eddons, der selbst gefangen in Hierosol sitzt und gegen ein hohes Lösegeld ausgetauscht werden soll, findet ein heimlicher Umsturz statt, der die Tolly-Brüder an die Macht bringt. Weiterlesen


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Mein Lied geht weiter

Eine Schwalbe macht noch keinen – wie bitte?

Der kahle Lindenbaum vor det Museum,
Is -haste Worte- wieda jrien belaubt.
Die Amseln üben wieda ihr „Te deum“,
Der Friehling kommt. Wer hätte det jejlaubt!
Ick laß mia von´ Aprilwind nicht vaschrecken
– Von wejen „Volksmund“, ick bleib fest dabei:

Eene Schwalbe macht eenen Sommer!
Eene Rose macht eenen Mai!

In meinem Blumentopp blieht schon een Krokus
– Na, und mein Emil is so jut wie neu!
Nachts im Park jibts wieda Hokuspokus.
Aus eins und eins wird zwei. Und späta drei!
Det een Mal keen mal sein soll, is een Märchen.
Man hat oft Pech, doch bleib ick fest dabei:

Eene Schwalbe macht eenen Sommer,
eene Rose macht eenen Mai.
Ei wei!

Wenn die ersten Schneeglöckchen blühen und die letzten Schneeflocken fallen, draußen die Sonne scheint, es aber noch a…kalt ist, kann man drinnen noch getrost seinen Leidenschaften frönen, z.B. ein Gedichtbuch zur Hand nehmen…
Dies tuen wahrscheinlich nur wenige Menschen, denn man musste in der bereits verflossenen Schulzeit andauernd Gedichte auswendig lernen und interpretieren…
Aber es gibt auch eine stets wachsende Fangemeinde, die in Gedichten etwas ganz anderes findet, z.B. Humor…
Und den feinen Humor, trotz aller ernsthaften Lebensangelegenheiten, atmen die meisten Gedichte von Mascha Kaleko ein und aus…

Der vorliegende kleine Band ist eine Auswahl von einhundert Gedichten aus Mascha Kalekos Nachlass, der sich in sieben „Kapitel“ gliedert…
Das Gute daran ist, dass man die Kapitel nicht, wie in einem Roman, nacheinander lesen muß, sondern man einfach irgendeine Seite aufschlagen und loslesen kann…
Aber Vorsicht, alles in Maßen und nicht in Massen! Auch für Mascha Kalekos Kleinode gilt: Weniger ist mehr!
Man kann den kleinen Band schon jetzt „durchkämpfen“, aber er liest sich bestimmt auch genauso schön unter einem sommerlichen Apfelbaum…

Zum Schluss noch etwas in Hochdeutsch für alle Fans dieser Internetseite, natürlich von Mascha Kaleko (1907-1975):

Ansprache eines Bücherwurms

Der Kakerlak nährt sich vom Mist,
Die Motte frißt gern Tücher,
Ja selbst der Wurm ist, was er ißt.
Und ich, ich fresse Bücher.

Ob Prosa oder Poesie,
Ob Mord – ob Heldentaten –
Ich schmause und genieße sie
Wie einen Gänsebraten.

Ich bin ein belesner Herr,
Nicht wie die andern Viecher!
Daß Bücher bilden, wißt auch ihr,
Und ich – ich fresse Bücher.

Die Nahrung, sie behagt mir wohl,
Verleiht mir Grips und Stärke.
Was andern Wurst mit Sauerkohl,
Das sind mir Goethes Werke.

Ich fraß mich durch die Literatur
So mancher Bibliotheken;
Doch warn das meiste, glaub es nur,
Bloß elende Scharteken.

Das Bücherfressen macht gescheit.
So denken sich´s die Schlauen.
Doch wer zuviel frißt, hat nicht Zeit,
Es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug,
Dann wird´s euch wohl ergehen.
Bloß Bücher fressen macht nicht klug!
Man muß sie auch verstehen.


Genre: Lyrik
Illustrated by dtv München

Ein Regenschirm für diesen Tag

Wilhelm Genazinos durch Frankfurt latschender Protagonist ist gut zu Fuß. Der Flaneur, der häufig das Gefühl empfindet, ohne seine innere Genehmigung auf der Welt zu sein, ist Meistertester der Schuhmanufaktur Weisshuhn. Im Auftrag des expandierenden Unternehmens prüft er handgearbeitetes Schuhwerk, schreibt darüber umfangreiche Gutachten und hält sich mit diesem Minijob mehr schlecht als recht über Wasser.

Seine langjährige Gefährtin und Geldgeberin Lisa hat den Schuhtester inzwischen verlassen, um ihn zu zwingen, sich endlich um einen besseren finanziellen Hintergrund zu bemühen. Die früh pensionierte Grundschullehrerin, »die sich für den Staat, für die Kinder oder für ihre Illusionen ruiniert hat«, meint damit seine »mangelhafte finanzielle Verwurzelung in der Welt«.

In ständigem Gedankenfluss wandert der namenlose Ich-Erzähler durch die Stadt. Er erlebt die Zerbröckelung, Zerfaserung und Ausfransung seines Lebens als Prozess, den er »Verflusung« nennt. Er stört sich an Kindern, die Schokolade essen ebenso wie an Autos, die am Straßenrand parken. Während er ziellos durch die Landschaft schlendert und sich vom Leben abzulenken versucht, beobachtet er unterschiedlichste Gestalten und notiert in Gedanken ihre Bewegungen, Eigentümlichkeiten und Eigenschaften. Es scheint ihm dabei so, dass der Auftritt einer Person, der es offenkundig noch schlechter geht als ihm, in ihm das Verhalten eines guten Menschen hervorruft.

Gelegentlich trifft er weibliche Bekannte, die ihn an seine Kindheit und Jugend erinnern. »Man wird die Leute nicht mehr los, denen man einmal von seiner Kindheit erzählt hat«, klagt er und kehrt in einen Frisiersalon ein, mit deren Inhaberin ihn ein gelangweiltes Gelegenheitsverhältnis verbindet. Auch eine Freundin aus der Jugendzeit rührt ihn nicht wirklich an, wenn er zum wiederholten Mal ihrem verpatzten Traum von einer Schauspielerkarriere lauscht.

Seine »Tagesverdammnis« will es, dass die Schuhmanufaktur sein Honorar für die Berichte auf ein Viertel kürzt. Er beschließt, den Job aus Verachtung aufgeben, doch er ist zu matt und erfindet künftig lieber aus Rache die Gutachten. Sein Dünkel besteht aus einem fast permanenten Zusammenstoß von Demut und Ekel. Die Demut gemahnt ihn, auch die dümmsten Geschichten seiner Mitmenschen anzuhören. Der Ekel stachelt ihn an, zu fliehen, um nicht in den Ausdünstungen seiner Mitmenschen unterzugehen.

Beiläufig stößt er auf den Redakteur des Generalanzeigers, für den er einstmals bereits tätig war. Obwohl er es eigentlich ablehnen möchte, nimmt er dann doch dessen Angebot an, für das Blatt lokale Berichte zu schreiben. Zudem erklärt er Leuten, die ihm ein Gespräch aufdrängen, er leite ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst. Zu ihm kämen Menschen, die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein lang gezogener Regentag geworden sei. Sein Institut versuche, Klienten zu Erlebnissen zu verhelfen, die wieder etwas mit ihnen selber zu tun haben, jenseits von Fernsehen, Urlaub, Autobahn und Supermarkt. Verstört reagiert er, als sich Menschen von seiner Notlüge angesprochen fühlen und sich ihm als Kunden aufdrängen.

Genazinos Roman besteht aus dem endlosen Monolog eines intellektuellen Stadtstreichers, der sich und seine Umwelt ständig beobachtet. Der Autor beschreibt haargenau Menschen, die sich im Alltag bewegen und lässt sich, genau wie im richtigen Leben, federleicht ablenken von Figuren, die wie Treibgut in sein Blickfeld schwimmen. Dabei fällt die ungeheure Kraft des Erzählers auf, den Leser nur durch Beobachtungen am Geschehen teilhaben zu lassen. Genazino verzichtet nahezu vollständig auf den Einsatz anderer Sinne, wie es den Teilnehmern jedes »Kreativ-Schreiben«-Kurs bereits in den ersten Lektionen ins Hirn gehämmert wird. Höchst selten findet ein Riechen, Schmecken, Hören oder Tasten statt, ein Geruch »fällt ihm auf«, aber dabei lässt er es auch schon bewenden.

Die lakonische Erzählweise Genazinos und das dabei entstehende Gemälde einer Persönlichkeit am Rande des Scheiterns sind eindrücklich. Der Autor arbeitet photographisch exakt, er belichtet ausgewählte Details und vergrößert sie für seine Prosacollage im »Gestrüpp, Geröll, Geraschel, Geschluppe, Geschlappe« des Lebens. Sein Roman über ein im Gleichmass verlaufendes «Ablenkungsleben» ist ein Buch für Leser, die zuweilen auch das Gefühl haben, dass ihr bisheriges Leben lediglich ein lang gezogener Regentag ist und «ihr Körper der Regenschirm für diesen Tag».

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Genre: Romane
Illustrated by dtv München

Die Menschenleserin

Der wegen Mordes verurteilte Sektenführer Daniel Pell ist ein Manipulator ersten Ranges und auch in Gefangenschaft noch höchst gefährlich. Er hatte vor seiner Festnahme eine Gruppe von jungen AnhängerInnen um sich geschart und seine Taten (das Auslöschen einer fast kompletten Familie) erinnern fatal an die Morde von Charles Manson. Nun soll Pell im Zusammenhang mit einer weiteren Straftat von der Bundesagentin und Expertin für Verhörtechniken Kathryn Dance vernommen werden; ein Umstand, den der Bösewicht zu einer blutigen Flucht nützt. Schnell wird klar, dass der Ausbruch nur mit Unterstützung von außen gelingen konnte und so installiert man ein Team unter der Leitung der „Menschenleserin“, um den Entflohenen gleich wieder dingfest zu machen. Kathryn gräbt sich tief in Pells Vergangenheit ein, hofft sie doch, mit Hilfe der ehemaligen Sektenmitglieder Zugang zur Denkweise des Soziopathen zu erlangen. Der Plan ist zunächst erfolgreich, man kommt ihm rasch auf die Spur, aber der erfolgreiche Zugriff mag dennoch nicht gelingen. Etwas ist immer anders als es zu sein scheint und das gilt nicht nur für die Gegenwart…

Mit „Die Menschenleserin“ legt der Autor den ersten Roman mit Kathryn Dance in der Hauptrolle (sie hatte bereits einen Gastauftritt in „Der gehetzte Uhrmacher“) vor und es ist ein exzellentes Debüt. Die Protagonistin fasziniert mit ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit als menschlicher Lügendetektor, sie erkennt an Haltung, Körpersprache und Stimme, wann jemand die Unwahrheit sagt.Allerdins ist das keine übernatürliche Wahrnehmung, sondern durchaus wissenschaftlich fundiert; der Fachausdruck dafür lautet Kinesik.

Das Buch ist mitreißend und spannend, intelligent geschrieben und – wie stets bei diesem Autor – voller unerwarteter Wendungen, die den Leser zwar staunend, aber nicht ratlos zurücklassen. Die Figuren sind komplex gezeichnet und damit ist der Grundstein gelegt für ihre künftige Entwicklung in weiteren Werken dieser Reihe, ähnlich wie bei den Lincoln-Rhyme-Romanen. Freunde ansprechender Kriminalliteratur dürfen sich also freuen, denn in einem Brief an die Leser hat Deaver versprochen, nach einem neuen Abenteuer mit dem gelähmten Forensikexperten ein zweites Buch mit Kathryn Dance folgen zu lassen. Bis dahin wäre es allerdings erst einmal angebracht, dass sich ein Verlag dazu entschließt, endlich „Garden of Beasts“ auch auf Deutsch zu veröffentlichen, ein packender Thriller, der in Berlin während der Nazi-Diktatur spielt.

Interessierten Lesern sei auch die offizielle Website des Schriftstellers empfohlen: http://www.jefferydeaver.com

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Genre: Thriller
Illustrated by Blanvalet

Mittelmäßiges Heimweh

Der Controller Dieter Rotmund wohnt allein in einer großen Stadt. Er lebt getrennt von seiner Frau, die im Schwarzwaldidyll siedelt und sich dort auf seine Kosten selbst verwirklicht. Doch da ist noch Susanna, die geliebte Tochter. Beide besucht er jeweils zum Wochenende. Edith weicht ihm ständig aus. Sie stürzt sich in eine Affäre und zieht sich und das gemeinsame Kind schließlich ganz von ihm zurück.

Rotmund fällt im Gefühl des Zerfalls seiner Ehe immer stärker in ein gleichförmiges, langweiliges Leben. Seine Sehnsucht nach Frau und Kind verkümmert zur Gleichgültigkeit. Obwohl ihm der Schwarzwald inzwischen ganz gut gefällt, empfindet er für den Ort, an dem seine Lieben sind, bald nur noch mittelmäßiges Heimweh. Darauf bezieht sich der Titel des Romans.

Mittelmaß und Gleichgültigkeit machen das Leben Rotmunds aus. Selbst als er in einer Kneipe plötzlich ein Ohr verliert, irritiert ihn das nur leicht. Später kommt ihm sogar noch eine Zehe abhanden. Er scheint sich damit allmählich im Mittelmaß aufzulösen. Sein unscheinbares Leben wird ungenau. Eine kleine Qual hat ihr Zelt in ihm aufgeschlagen und drangsaliert ihn von innen. Da hilft auch keine sexuelle Beziehung mit einer Frau, die zufällig in sein Leben tritt.

Deutlich merkt er, dass sein Gefühlsleben stehen geblieben ist und sich nicht bewegen will, obwohl er es manchmal anzuschieben versucht. In diesem Stillstand fällt ihm auf, dass er Sehnsucht nicht mehr von Heimweh unterscheiden kann. Früher war ihm klar, dass Sehnsucht dem Heimweh vorausgeht: »Du liebst eine Frau, dadurch entsteht Sehnsucht. Indem sich die Sehnsucht zeigt, bildet sich nebenbei auch Heimweh nach der Landschaft oder der Stadt, in der die geliebte Frau zu Hause ist. Indem du die Frau liebst, wird die Sehnsucht gestillt, und das Heimweh verschwindet. So einfach war das einmal. Zuerst wurde die Sehnsucht mittelmäßig, jetzt auch das Heimweh«. Rotmunds Leben verdichtet immer mehr zum inneren Monolog eines Menschen, der den Glauben an erfüllende Partnerschaften ebenso wie das Gefühl inneren Glücks verloren hat.

Wilhelm Genazino zeichnet in dem ihm eigenen resignativen Stil das Bildnis eines Mannes, der die Fremdheit überwinden will und doch von Fremdheit zugewuchert wird. Er konzentriert sich mit seinem Roman auf den merkwürdigsten Punkt im Leben: auf den Punkt, da sich ein zuvor heftiges Interesse plötzlich aufzulösen beginnt. Lakonisch und gleichzeitig haarscharf in der Beobachtung schildert er den Wärmetod des Gefühls, die Abflachung aller Emotionen und ihr Verlöschen in Mittelmäßigkeit.

Ausgeprägt ist seine enorme Beobachtungsgabe von Personen und Ereignissen. Detaillierte Beschreibungen alltäglicher Banalitäten münden durchaus in eigenwillige, skurrile Erkenntnisse. »Es ist diese Wahrnehmung, die meine Melancholie über den vielleicht ausbleibenden Sinn vertreibt und mich wieder ins Leben zurückholt«, lässt er seinen Helden sagen. Genazinos Verfremdungstechnik hilft, die eigene Verzweiflung durch die Situationskomik des Alltags zu betäuben. Aufgelöst wird sie dadurch nicht.

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Genre: Romane
Illustrated by Carl Hanser München

Die Tochter

„Jetzt müßt ihr leben, leben, so sehr ihr könnt“, fordert Max Lipschitz‘ Vater nach der Beerdigung seiner Schwester auf dem Ölberg in Jerusalem. Und dann schenkt Max zum ersten Mal im Leben einem fremden Menschen sein Vertrauen: Sabine, der jungen Frau aus dem Amsterdamer Anne-Frank-Haus, die ihm nach Jerusalem gefolgt ist und deren Vater so wie der von Max ein Überlebender des Holocaust ist.

Eine rauschhafte, glückliche Zeit bricht an, die eines Tages jäh zu Ende geht. Sabine verschwindet spurlos, ohne jede Vorwarnung. Ein Brief verkündet lapidar: „Mit Dir und mir kann es einfach nie etwas werden … Mach Dir keine Hoffnungen, such nicht.“ Natürlich macht sich Max dennoch auf die Suche, doch er findet die Geliebte nicht. Sein mit Sabines Hilfe freigelegtes Urvertrauen schwindet rasant. Die alte Unsicherheit macht sich wieder breit, die ihn über Kindheit und Jugend begleitet hat angesichts der alten, düsteren Geschichten von Krieg und Judenvernichtung, die den Familienalltag prägten und unbeschwertes Miteinander kaum zuließen.

Max organisiert sich sein Leben mehr schlecht als recht, wird Verleger statt Schriftsteller und trifft fünfzehn Jahre später auf der Frankfurter Buchmesse Sabine wieder. Sofort brechen die nie verheilten Wunden wieder auf, aber auch die wunderbare Vertrautheit, die er so vermißt hat. Sabine ist inzwischen eine vielgefragte Fotografin und in Begleitung eines berühmten amerikanischen Filmproduzenten. Sie lebt in Los Angeles. Ein zweites Mal lassen sich die beiden mit Haut und Haaren aufeinander ein, und doch steht ein unausgesprochenes, unfaßbares Geheimnis zwischen ihnen …

Die niederländische Autorin Jessica Durlacher offeriert einen Liebesroman von gewaltiger Kraft und Eindringlichkeit. Ruhig und leidenschaftlich zugleich entfaltet sich eine mitreißende Geschichte voller Überraschungen. Durlacher schafft es, das heikle, unbequeme Thema Holocaust zu thematisieren und dennoch die Liebe in den Mittelpunkt zu stellen und sich bei allem Tiefgang eine feine Leichtigkeit zu bewahren.


Genre: Romane
Illustrated by Diogenes Zürich

Der Wolkenatlas

Am Anfang war die Verwirrung: Das sollte ein Roman sein? Kaum hatte man sich in die Geschichte eingelesen, begann schon eine neue und noch eine und noch eine … Ein fesselnder Roman war versprochen worden, und nun dieses: ein Band abrupt abbrechender Erzählungen ohne inneren Zusammenhang!? Immerhin war die Sprache brillant und die Handlung durchaus spannend … wenn sie nur nicht dauernd abbrechen würde!

Es beginnt mit dem Pazifiktagebuch eines amerikanischen Notars, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Erbschaftsangelegenheit auf Reisen ist und dabei an die Grenzen seiner moralischen und körperlichen Kraft stößt.

Sodann findet ein junger englischer Komponist auf der Flucht vor seinen Gläubigern Unterschlupf und Inspiration bei einem einstmals genialen Berufskollegen in Belgien, der durch Alter und Syphillis alle Lebens- und Schaffenslust verloren hat und nach anfänglicher Wiederbelebung mitansehen muss, wie der hilfsbedürftige Assistent sich selbst zum Meister mausert.

Eine junge amerikanische Journalistin ist einem Atomskandal auf der Spur, ein abgehalfterter Verleger landet irrtümlich in einem geschlossenen Altenheim, eine geklonte Koreanerin der Zukunft will ein richtiger Mensch werden, und ein vom Schicksal gebeutelter alter Mann erzählt in hinterwäldlerischstem Jargon aus seiner dramatischen Kindheit, die in ferner Zukunft „nach dem Untergang“ verlief, als man die letzten Reste von Zivilisation zu bewahren suchte.

Erst lange nach der Hälfte des Buches bekommen die Geschichten des Anfangs ihre Fortsetzung und ihr Ende, und immer deutlicher verknüpfen sich die einzelnen Handlungsstränge. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt, der Mensch in seinem zu allen Zeiten egoistischen Streben nach Macht, Geld und Einfluss im Großen wie im Kleinen. Dieses Streben bringt ihn vorwärts und richtet dabei grässliches Unheil an. Jene Menschen, die andere Ideale verfolgen und / oder aufs Gemeinwohl bedacht sind, müssen aus dem Weg geräumt werden – Wurzel fast allen Übels dieser Welt und genug Stoff für Romane von gestern, heute und morgen. Stoff auch für einen so vielschichtigen und bei aller Dramatik witzigen Roman wie den „Wolkenatlas“, den der anfangs skeptische Leser am Ende doch gefesselt und daher höchst ungern aus der Hand legt. Wie gern würde er zum Finale das so plastisch beschriebene Wolkenatlas-Sextett hören, das der junge Assistent des alten Künstlergenies komponiert hat und das fast verlorengegangen wäre …

David Mitchell präsentiert einen aus verschiedenartigsten Materialien gewebten, eigenwilligen und raffinierten Roman, der bei rororo unlängst als Taschenbuch erschienen ist, sodass sich experimentierfreudige Leser kostengünstig auf ihn einlassen können. Bibliophile werden sich an solchen Bonmots wie dem folgenden erfreuen: „Bücher bieten keine wirkliche Rettung an, aber sie können den Geist davon abhalten, sich wund zu kratzen.“

Ebenfalls bei rororo zu haben und unbedingt empfehlenswert ist ein weiterer Roman des britischen Autors: „Der dreizehnte Monat“, ein literarisches und psychologisches Meisterwerk, das von den Gemeinheiten und Wonnen des Erwachsenwerdens und Menschseins berichtet.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt