Sweetest Fruits

Heimatloser Literat

In ihrer literarischen Biografie «Sweetest Fruits» erzählt die in den USA lebende Schriftstellerin Monique Truong vom wechselvollen Leben des irisch-griechischen Reiseschriftstellers Lafcadio Hearn. Die erste Biografie über ihn erschien schon 1906, zwei Jahre nach dem Tod des 54jährigen Journalisten, geschrieben von Elisabeth Bisland, die damals insbesondere durch ihr spektakuläres Wettrennen auf den Spuren von Jules Vernes rund um die Welt bekannt war. Aus dem zweibändigen Werk dieser amerikanischen Journalistin über ihren Freund und Kollegen Hearn werden, als Zwischenberichte quasi, den drei fiktionalen Teilen des Romans jeweils einige Seiten mit Zitaten beigefügt, wodurch ein authentisches Erzählgerüst entsteht.

Monique Truong erzählt aus den Perspektiven dreier Frauen vom Leben ihres Helden, beginnend auf einer griechischen Insel, wo Rosa ihrem bedrückenden Leben durch die Ehe mit einem dort stationierten irischen Stabsarzt zu entkommen sucht und mit ihm nach Dublin geht. Als die Ehe scheitert, lässt sie notgedrungen ihren kleinen Sohn Patricio in der Obhut der Familie und kehrt mittellos auf ihre Insel zurück. Im zweiten Teil erzählt Alethea, eine ehemalige Sklavin, die in einer billigen Pension als Köchin arbeitet, wie sie Patricio Hearn als Gast kennenlernt. Er war nach seiner Schulzeit in Irland von den Verwandten, die ihn großgezogen hatten, mittellos nach New York geschickt worden, hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und später in Cincinnati eine schlechtbezahlte Stelle als Journalist gefunden, der Anfang seiner literarischen Karriere. Alethea heiratet Pat, wie sie ihn nennt, aber die Ehe hält nur drei Jahre, ehe Hearn sich schließlich in Richtung New Orleans absetzt und sich scheiden lässt. Das Paar hat nur noch sporadisch Briefkontakt, zuletzt kommt ein Brief aus Martinique, wo der Weltenbummler inzwischen wohnt. Setsu, die Tochter eines Samurai, erzählt im dritten Teil schließlich, wie sie in der japanischen Hafenstadt Matsue den Englischlehrer Patrick Hearn kennenlernt, der sie heiratet, japanischer Staatsbürger wird und den Namen Yakumo annimmt. Sie haben vier Kinder miteinander, Hearn schreibt mehrere Bücher und wird Professor an der Universität von Tokio.

Es sind ganz unterschiedlichen Frauen, die diesen Globetrotter und Literaten porträtieren, wobei Monique Truong ihnen eine stilistisch jeweils ganz eigene Stimme verleiht. Rosa, die Mutter Hearns, diktiert auf dem Schiff einer Mitreisenden ihre Geschichte von der frühen Kindheit ihres Sohnes. Alethea, die gutgläubige Analphabetin, erzählt im Interview der Biografin naiv von ihrer Ehe, die letztlich scheiterte, als ihr Mann seine Stellung verlor, weil er mit einer Farbigen verheiratet war. Setsu schließlich rekapituliert nach dem Tod ihres Mannes sprachlich blumig in Du-Form das unstete Leben mit Hearn. Die auf drei Kontinenten lebenden Frauen offenbaren dabei mehr über sich selbst als über den Romanhelden. Sie hatten in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts mit vielerlei Anfeindungen zu kämpfen, die nicht nur sexistischer Art waren, auch gesellschaftliche Unterdrückung, Standesdünkel und Rassenhass trübten ihr Leben. Hearn selbst bleibt als Figur seltsam farblos, er war nach einem Unfall als Kind auf einem Auge fast blind, liebte die Natur über alles und verabscheute das hektische, moderne Leben, dessen dunkle Seiten er als Journalist bestens kannte, über das er immer wieder seine Reportagen schrieb.

Die fraktionelle Erzählweise des Romans eröffnet einerseits interessante Perspektiven, erfordert aber auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Der sieht sich zudem vielen fremdsprachigen Begriffen gegenüber, mit denen er mangels Register allein zurechtkommen muss. Es sind drei liebende Frauen, die diesen Roman prägen, die Kinder aber sind es letztendlich, die als «Süßeste Früchte» den Lebensbaum veredeln. Sie stehen auch für Beständigkeit als Gegenpol zum unsteten Leben eines heimatlosen Literaten.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Der Sommer meiner Mutter

Eine Art Rosetta-Mission

Mit einem narrativen Paukenschlag beginnt «Der Sommer meiner Mutter», der neueste Roman von Ulrich Woelk. «Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben» lautet der angeblich oft ja schon die ganze Geschichte enthaltende erste Satz. Der promovierte Astrophysiker hat recht listig durch diese scheinbare Vorwegnahme des narrativen Kulminationspunktes schlagartig Spannung beim Leser aufgebaut.

Ich-Erzähler dieser Coming-of Age-Geschichte ist der elfjährige Tobias, der als Einzelkind mit seinen Eltern in einem Dorf bei Köln lebt. Als für Raumfahrt begeisterter Junge fiebert er der ersten Mondlandung entgegen, die im Fernsehen übertragen werden soll. Im Nebenhaus zieht ein Ehepaar mit ihrer dreizehnjährigen Tochter ein, man freundet sich schnell an mit den neuen Nachbarn, obwohl sie in vielerlei Hinsicht anders sind. Während der konservative Vater von Tobias ein realitätsbezogener, nüchterner Ingenieur ist, ist Rosas Vater als Philosophie-Dozent ein intellektueller Freidenker und überzeugter Kommunist. Auch die Frauen unterscheiden sich deutlich, die unbekümmerte, emanzipierte Nachbarin weckt bei der in ihrer Hausfrauenrolle gefangenen Mutter den allzu lang unterdrückten Wunsch nach Selbstverwirklichung. Zwischen den beiden Kindern entwickelt sich eine innige, auch sexuell konnotierte Beziehung, der naive, ahnungslose Tobias erlebt, ohne es richtig einordnen zu können, durch Rosa, die ihm geistig und entwicklungsmäßig deutlich voraus ist, seine Initiation. Auch die kreuzweise Sympathie der Paare ist unübersehbar, ein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel findet aber nicht statt. Mehr sei hier fairerweise nicht verraten, nach dem Suizid der Mutter jedoch, an dem Tobias nicht ganz unschuldig ist, zerbricht auch die nachbarliche Idylle.

Raffiniert hat Ulrich Woelk diesen Plot einer sich anbahnenden Tragödie konzipiert und zu einem nachdenklich machenden Finale geführt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die kindliche Erzählperspektive, die geschickt, mit dem epochalen Raumfahrt-Ereignis als Hintergrund, die zu ahnende Entwicklung mit den sich ändernden Konstellationen sehr naiv schildert. Nach einem Zeitsprung von vierzig Jahren erzählt schließlich der als Astrophysiker bei der ESA tätige Tobias von seiner Mitarbeit bei der Rosetta-Mission, der erstmaligen weichen Landung einer Raumsonde auf einem Kometen. Ferner berichtet er von einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse, wo seine Jugendliebe Rosa, an die er über dreißig Jahre lang nicht mehr gedacht hat, ihren neuen Roman vorstellt. Sie erkennt ihn nicht, als er am Signiertisch mit ihr spricht, und er gibt sich auch nicht zu erkennen, obwohl es viele Fragen gäbe, die er ihr hätte stellen können, «… aber musste irgendeine davon nach all den Jahren noch zwingend beantwortet werden?» Und so ließ er in sein Buch als Widmung «Für Rosetta» schreiben. Später hat er dann aber die Geschichte jenes Sommers doch noch aufgeschrieben, eine schöne ‹Roman im Roman›-Fiktion. «Ich habe das Manuskript in einen Umschlag gesteckt und an Rosa adressiert. Ich nehme an, dass ihr Verlag den Brief an sie weiterleitet. Morgen werde ich ihn abschicken». Mit diesen Worten endet der Roman, – und lässt alles offen.

Völlig unartifiziell und mit viel Zeitkolorit erzählt Ulrich Woelk in einer nüchternen, schnörkellosen Sprache seine Geschichte der technischen, politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Um- und Aufbrüche. Er spiegelt die gescheiterte Emanzipation der Mutter an der erwachenden Sexualität des Sohnes, stellt dem rigiden Konservatismus in dessen Elternhaus die liberale, unkonventionelle Modernität im Nachbarhaus gegenüber. Über dem gesamten Plot schwebt als emotionale Grundlage ständig eine leise Melancholie, die sich dann in einer so vom Leser nicht voraussehbaren Eskalation entlädt, wobei insbesondere der geschickt aufgebaute Spannungsbogen und das ergreifende Finale diesen Roman auszeichnen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Winterbienen

Danksagung als raffinierte Ergänzung

In «Winterbienen», dem neuen Roman des als Eifeldichter apostrophierten Schriftstellers Norbert Scheuer, ist erneut jenes nützliche Insekt titelgebend, das vor zwei Jahren schon mal für Aufsehen gesorgt hat. Der in die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises gewählte Roman hat also womöglich Chancen, an den Riesenerfolg des Erstlings «Die Geschichte der Bienen» von Maja Lunde anzuknüpfen, dem 2017 in Deutschland meistverkauften Roman. Gemeinsam ist beiden Romanen, dass in den ineinander verschachtelten Handlungsebenen jeweils Bienen die Thematik bestimmen, an ihnen spiegelt sich das eigentliche Geschehen.

Der vorliegende Roman ist das Tagebuch eines frühpensionierten Gymnasial-Lehrers aus der kleinen Eifelgemeinde Kall, dessen Aufzeichnungen am 3. Januar 1944 mit dem Absturz eines amerikanischen Kampfbombers beginnen. Egidius Arimond ist wegen seiner Epilepsie vom Kriegsdienst befreit und widmet sich als passionierter Imker intensiv der Erforschung dieser Insekten. Er lebt bescheiden von seiner Bienenzucht, zusätzlich benötigt er viel Geld für Medikamente, die er bei seinen epileptischen Anfällen dringend braucht. Der Nazistaat kommt nach dem Verdikt vom «lebensunwerten Leben» nämlich nicht mehr dafür auf, er wurde nach den absurden Vorstellungen der «Rassenhygiene» sogar zwangssterilisiert und fürchtet, irgendwann auch noch der Euthanasie zum Opfer zu fallen. In ganz konkreter Lebensgefahr befindet er sich aber, weil er mit Hilfe seiner Bienenstöcke Flüchtlinge gegen Bezahlung über die Grenze nach Belgien schleust. Nicht ganz uneigennützig also, denn die Preise für die rezeptpflichtigen Medikamente, für die er ja kein Rezept bekommt, werden vom erpresserischen Apotheker des Ortes ständig angehoben, irgendwann gibt es sie dann kriegsbedingt gar nicht mehr.

Der Tagbuchschreiber hat einige Liebschaften mit Frauen aus der Gemeinde, deren Männer im Krieg sind, und er begibt sich schließlich sogar in Lebensgefahr, als er sich ausgerechnet in die Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP verkuckt. Ein Goldfasan also, wie der Volksmund diese Parteibonzen wegen ihrer Uniformen nannte, und dessen Frau wiederum beginnt tatsächlich ein Verhältnis mit ihm. Unter der Überschrift «Fragment» werden abwechselnd acht Notizen von Ambrosius Arimond, einem frühen Vorfahren des Tagebuchschreibers aus dem Jahre 1489, in diese Erzählung eingeschoben. Sie stammen aus einer nachgelassenen Klosterbibliothek, die Egidius im Archiv des Ortes entdeckt und mühsam übersetzt hat. Der Benediktiner-Mönch berichtet darin von einer desaströsen Alpenüberquerung, die er in jungen Jahren miterlebt hat. Später war er ebenfalls als Bienenforscher aktiv und hat eine widerstandsfähigere südliche Bienenart in der Eifel angesiedelt.

Bemerkenswert ist, wie souverän der Autor in Tagebuchform seine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive einer abgeschiedenen Ortschaft schildert. Dabei verknüpft er geschickt das wohlgeordnete Leben seiner Bienenvölker mit dem chaotischen Kriegsgeschehen, er beobachtet ebenso kenntnisreich die Flüge seiner Bienen wie das Getümmel der Bomber und Jäger am Himmel. Es gibt keinen wirklichen Helden in diesem Roman, die eher ambivalente Hauptfigur wirkt gerade durch das nicht Heldenhafte aber sehr glaubwürdig. Erzählt wird ganz unreflektiert, eher beiläufig, nüchtern und unaufgeregt. Der Krieg ist vorbei, als Egidius beim Einfangen eines Bienenschwarms plötzlich merkt, dass er mitten in einem Mienenfeld steht, lapidar lautet der letzte Satz: «Erstarrt blieb er stehen». In einer längeren Danksagung versteckt berichtet der Autor, wie ihm die vor Jahrzehnten in einem Bienenstock aufgefundenen Tagebücher und Dokumente eines gewissen Egidius Arimond übergeben wurden, aus denen sein Roman im Wesentlichen bestehe. Eine raffinierte Herausgeber-Fiktion also, durch die man dann auch noch erfährt, was nach dem letzten Satz des Romans passiert ist. So spannend kann eine Danksagung sein!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Heimkehr nach Fukushima

Glücksinsel

Unwillkürlich ist man irritiert, wenn der Name Fukushima statt in einem Sachbuch im Titel eines Romans erscheint. «Heimkehr nach Fukushima» des Schriftstellers Adolf Muschg ist definitiv Belletristik, jüngst erst erschienen, an seinen Erstling «Im Sommer des Hasen» erinnernd, dem Reich-Ranicki unter dem Titel «Gruppe 47 im Kimono» einst eine kritische Rezension gewidmet hat. Schon vor 52 Jahren also ist Japan der Schauplatz eines Romans von ihm gewesen, wen wundert’s, ist der Schweizer doch mit einer Japanerin verheiratet. Nun also widmet er sich thematisch dem starken Erdbeben vom 11. März 2011, dem dadurch ausgelösten Tsunami und dem anschließenden Super-GAU in diesem japanischen Atomkraftwerk.

Der 62jährige Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus erhält von dem ehemaligen Stipendiaten Ken Temna und dessen Frau Mitsuko die Einladung zu einem Besuch in Fukushima, er soll nahe dem Unglücksmeiler eine Künstlerkolonie ins Leben rufen. Der dortige Bürgermeister erhofft sich davon eine mentale Unterstützung für die von der Regierung gewünschte Rückbesiedlung der kontaminierten Gebiete. Ken kann ihn wegen eines wichtigen Termins nicht auf seiner Reise in die verstrahlten Gebiete begleiten, und so reist er mit dessen Frau als Übersetzerin dorthin. Während ihrer mehrtägigen Besichtigungstour mit permanent bedrohlich tickendem Geigerzähler kommt es plötzlich und unvermittelt zu wildem Sex der Beiden, – die sich gleichwohl weiter siezen, eine Referenz an die japanische Schamhaftigkeit. Am Tage vor ihrer Rückreise taucht unerwartet plötzlich Ken auf, der gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Ohne Abschied trennen sich am nächsten Tag die Wege von Paul und Mitsu, wie er sie nach dem phonetisch gleichlautenden Roman von Colette nennt. Er aber verbringt vor seinem Rückflug noch einen Erholungsurlaub in einem ruhigen Hotel in Hankone mit Blick auf den Fuji, er will an seinem Buch weiterschreiben. Der sehnlichst erwartete Anruf von Mitsu bleibt aus, doch kurz vor seinem Abflug erscheint sie doch noch im Frühstücksraum des Flughafenhotels. Als Abschiedsgeschenk hat sie die beiden frisch gereinigten Strahlenschutzanzüge bei sich, die sie sich gegenseitig vom Leibe gerissen hatten beim ersten Sex. Sie begleitet ihn noch zum Check-in, dort trennen sie sich dann mit einem rätselhaft wortkargen Abschied, der fast alles offen lässt.

Für das Gegenüber der westlichen und östlichen Kultur, für die tödliche Reaktorkatastrophe und ihre verheerenden Folgen sowie für die wenig emotionale Liebesgeschichte hat Muschg als literarischen Begleiter Adalbert Stifter auserkoren, dessen « Nachkommenschaften» Paul im Handgepäck hat. Daraus streut der Autor dann sehr häufig mehr oder weniger passende Zitate in seinen Text ein. «Adalbert der Langeweiler» hatte Susanne, Pauls auf Trennungskurs befindliche Lebensgefährtin, den ständigen Begleiter genannt, eine wie ich finde zutreffende Beschreibung dessen, was auch so manchen Leser befremden dürfte, zu abseitig sind doch diese altbackenen, biedermeierlichen Ergüsse. Informativ aber sind die Passagen, in denen detailliert die mit scharfem Blick aufgedeckte, hoffnungslose Situation der dauerhaften Unbewohnbarkeit beschrieben wird, ohne ins Fatalistische abzugleiten, während der unsichtbar lauernde Tod von den Japanern mit ihrer rigiden Schamkultur geradezu stoisch ignoriert wird.

Mit klugen Reflexionen über den Menschen und seinen unvernünftigen Umgang mit der Technik wird hier eine Katastrophe thematisiert, wie sie die Menschheit in ihrer unerbittlichen Zeitdimension noch nicht erlebt hat, die sie letztendlich auch weit überdauern wird mit in Jahrtausende berechneten, radioaktiven Zerfallszeiten. Auch wenn nicht alles schlüssig ist in diesem hoch ambitionierten Roman, so ist er doch bereichernd und vor allem so gut erzählt, dass sich die Lektüre lohnt, auch wenn man sich dabei literarisch nicht unbedingt auf einer Glücksinsel befindet, – das nämlich bedeutet «Fukushima» auf Japanisch.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation

Die Geheimnisse Italiens

Die Geheimnisse Italiens

Die Geheimnisse Italiens, der Roman einer Nation: Wenn man Frankreich Paris wegnähme oder Großbritannien London bliebe nicht allzu viel übrig. „Wenn man Italien dagegen Rom wegnimmt, bleibt noch ziemlich voll“, schreibt Augias in seinem Vorwort über den Unterschied seines Heimatlandes zu dem anderer. Kein zweites Volk habe sich in solchen Extremen bewegt und das sei auch das eigentliche Geheimnis, das alle übrigen Geheimnisse einschließe. Provokante Ansagen macht Corrado Augias aber nicht nur in seinem Vorwort, denn er will sein (Lese-)Publikum ganz in seine Erzählung Italiens einbeziehen, auch wenn es eben nur ein weiteres Narrativ von vielen ist.

Norden gegen Süden

Eine der brennendsten Fragen ist natürlich die Spaltung zwischen dem entwickelten Norden und dem unterentwickelten Süden des Landes. Der sog. „Mezzogiorno“ entwickelte sich aus dem Königreich beider Sizilien heraus und wurde erst durch das Risorgimento 1861 in den italienischen Nationalstaat eingegliedert. Laut den sog. Sudisti hätten damals die Piemonteser den Mezzogiorno kolonisiert und damit zur Unterentwicklung verdammt und außerdem den Staatsschatz geraubt und in den Norden verbracht, so zitiert Augias ein hartnäckiges Gerücht. Mit dem „Handschlag von Teano“ zwischen König Vittor Emanuele II. und Giuseppe Garibaldi am 26. Oktober 1860 sie die Annektion besiegelt worden und damit auch das Schicksal des Südens. Farini, ein Politiker, der damals dabei war, schrieb über damals über den Süden: „Was für eine Barbarei! Das ist nicht Italien! Das ist Afrika: Im Vergleich zu diesen Primitivlingen sind die Beduinen die Blüte der zivilisatorischen Jugend“. Tatsächlich war „Italienisch“ damals nur bei acht Tausendstel der Bevölkerung der Halbinsel übel, erst der Nationalstaat schuf eine einheitliche Staatssprache für Nord und Süd.

Die Parthenopäische Republik

Corrado Augias erzählt wie der Vatikan Unternehmungen finanzierte, um die Einheitsbewegung zu schwächen und auf subersive Aktionen setzte, womit er sogar die Briganten unterstützte. Aber auch die wichtigsten Schriftsteller und Städte Italiens werden von ihm auf ihre Geheimnisse hin untersucht und Zeile für Zeile erschlossen. So zum Beispiel Neapel, deren Lazzaroni auf die Jakobiner der Parthenopäischen Republik mit folgenden Worten reagierte: „La libertà ve la tenite pe’vvuie! Sai addo’ l’avit’a mettere? Dinto allo mazzo de màmmeta!“ Eine Übersetzung dieser Worte findet sich bei Augias im Kapitel VI. Der White Trash Neapels hätte eben am liebsten Partei für die Rückkehr der bourbonischen Monarchie ergriffen. Aber auch Ruhmreiches gibt es von den Parthenopäern zu berichten: während der Besetzung Neapels durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg gelang es den dortigen Aufständischen, sich selbst davon zu befreien. Weitere Kapitel beschäftigen sich u.a. mit: das venezianische Ghetto und La Serenissima, das Jüngste Gericht, Mailand, Rom, Franziskus, la duchessa di Parma, de Amicis’ „Cuore“, Palermo und D’Annunzio’s „Lust“.

Ursache der Rückständigkeit: „Amoreler Familiarismus“

Der Autor der Geheimnisse Italiens, Corrado Augias, versucht sich auf vielfältige Weise dem Phänomen seines Landes anzunähern. So zitiert er etwa auch den Soziologen Edward C. Banfield, der Italien 1958 einen „amoral familism“ attestierte. Die Maximierung der materiellen und unmittelbaren Vorteile der eigenen Familie stehen im Mittelpunkt der Italiener, ganz egal welcher Klasse, Schichte oder welchem Milieu sie angehören. Und genau das ist es auch, was den Fortschritt des Landes bisher verhindert hat: die Familie. Denn die Loyalität gilt in Italien nicht einem Staat oder einer Gesellschaft, die nie etwas für einen getan hat, sondern der Familie und damit ist jetzt nicht ausschließlich die Mafia gemeint. „Das gesamte Verhalten ist zu Lasten der Gemeinschaftsinteressen auf die Intereesen und den Vorteil der eigenen Familie ausgerichtet.“

Corrado Augias
Die Geheimnisse Italiens
Roman einer Nation
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-65898-3
272 S.
Gebunden


Genre: Biographien, Dokumentation, Kulturgeschichte, Sachbuch
Illustrated by C.H. Beck München

Robinsons blaues Haus

augustin-1… und alle Fragen offen

Schon im Titel des Romans ist ein Widerspruch angelegt, Robinson und Haus, wie passt das zusammen? Und ein Robinson, der in der Welt umherzieht ist auch nicht gerade typisch für Abenteurer dieser Art! Der Roman ist das als Schlusspunkt seines Oeuvres deklarierte Alterswerk des Autors, der als eigenwilliger Vertreter der phantastischen Literatur gilt. Es geht recht bunt zu in diesem Buch, was die Farbe blau anzudeuten scheint, die symbolisch ja für Ferne, Sehnsucht und Klarheit steht, als Hausanstrich aber eher selten vorkommt. Hier deutet blau auch auf die Südseelagune hin, die sich dem Blick bietet im letzten Haus des Protagonisten, das Paradies auf Erden für Robinson. Der immer auf der Flucht ist und immer auf der Suche nach einer Bleibe, die ihn verbirgt und schützt, die ihm vertraut ist, in der sein Glenfiddich auf ihn wartet, sein unverzichtbarer Single Malt Whisky als Symbol für Geborgenheit und Behaglichkeit.

Ernst Augustin ist ein literarischer Zauberer, der uns Vieles, Großartiges zeigt, uns damit verblüfft und dann ratlos zurücklässt. So ist denn das bloße Zeigen, wie er selbst erklärt hat, seine typische Arbeitsweise, der Rest ist Aufgabe des Lesers. So wie beim Stummfilm, wo man nur Bilder sieht und der Ton als Ergänzung fehlt. Wer den wunderbaren, vielfach prämierten Stummfilm „The Artist“ gesehen hat, wird zugeben müssen, dass Minimalismus dieser Art bestens funktionieren kann. Der Autor war als Neurologe und Psychiater tätig und hat die Welt bereist, seine Sehnsucht nach der Ferne ist deutlich zu spüren in diesem Roman, und auch Häuser und Architektur gehören ganz offensichtlich zu seinen Lieblingsthemen. Es ist eine völlig irreale Szenerie, ein Geisterreich der Fantasie, in das uns sein Buch entführt, eine Welt der totalen Imagination. Nichts ist, wie es scheint, alles erweist sich als Trugbild, schön und geheimnisvoll zugleich.

Robinson, der Ich-Erzähler dieser poetischen Erzählung, ist ein eigenartiger, geheimnisvoller Außenseiter, der mit seinem Freitag chattet, ihn aber nie zu Gesicht bekommt. Er lebt unter wechselnden Identitäten, wird ständig verfolgt, entgeht seinen Verfolgern aber immer wieder. Schon als Kind hat er sich verstecken müssen, hat einen zur Taucherglocke umfunktionierten alten Badeofen in den Fluss versenkt und darin Zuflucht gefunden. Sein Maybach fahrender Vater hat ihm unerschöpflich scheinende Finanzmittel hinterlassen, unredlich erworbenes, rein virtuelles Geld, der Zugriff darauf durch einen Code geschützt, den nur er kennt. So virtuell zudem, dass es sich per Tastendruck auf Erase löschen ließe und damit für immer verschwunden wäre. Die Geschichte ist spleenig, versponnen, verquer sogar, von der gefluteten Kirche bis hin zu den als Behausung dienenden Besenkammern und Verließen überall in der Welt, in denen sich der Protagonist verschanzt und es sich gemütlich macht. Man folgt diesen Bildern gern, amüsiert sich über die skurrilen Situationen, bewundert den Einfallsreichtum des Autors und genießt seine unprätentiöse, wohltuend klare Sprache. Solcherart Lektüre ist gute Unterhaltung im besten Sinne des Wortes.

Will der Leser dem Ganzen aber einen tieferen Sinn abgewinnen, ist er doch ziemlich gefordert, vielleicht sogar überfordert von der grenzenlos scheinenden Fantasie des Autors. Wie bei der Traumdeutung wird auch hier jeder etwas anderes finden, wenn er sich an eine Analyse wagt. Wie hieß es doch einst in seligen TV-Zeiten? «Und so sehen wir betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen.» Mit den leicht abgewandelten Brechtworten aus ‚Der gute Mensch von Sezuan’, im Literarischen Quartett als markanter Schlusssatz von Reich-Ranicki in jeder Sendung zitiert, genau damit ist auch mein ganz persönliches Resümee sehr treffend ausgedrückt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Königsallee

pleschinski-1Nobelpreisträger als Protagonist

Ein Jahr vor seinem Tode besuchte der 79jährige Thomas Mann im Rahmen einer Lesereise für den «Felix Krull» Düsseldorf. Hans Pleschinski hat in seinem Roman «Königsallee» diesen Aufenthalt zu einer amüsanten Geschichte verarbeitet, mit der er dem Nobelpreisträger einerseits ein weiteres Denkmal setzt, ihn andererseits aber im Kreise seiner Entourage als kauzigen, verwöhnten und unselbständigen alten Mann beschreibt, womit er sich zweifellos sehr nahe an die Wirklichkeit hält. Fiktion hingegen ist das Zusammentreffen mit Klaus Heuser, den er tatsächlich 1927 auf Sylt kennengelernt hatte und mit dem ihn einst eine homosexuelle Beziehung verband. Vorbild für diesen Plot ist Manns «Lotte in Weimar», in dem sich Goethe und seine einstige Liebe Charlotte Buff wieder begegnen, die ihrerseits für die Lotte in «Die Leiden des jungen Werthers» Vorlage war. Klaus Heuser nun stand Pate für den Joseph in Manns großer Tetralogie, aber auch für den Felix Krull. Die Bezüge gehen so weit, dass als Analogie zu «Lotte in Weimar» in einer als «Das siebente Kapitel» betitelten Passage hier wie dort die Träume und Phantasien beider alten Männer beim Aufwachen am frühen Morgen thematisiert werden. Kenntnisse der Werke beider Schriftsteller sind zwar hilfreich, um all diese Anspielungen und Verweise auch verstehen und hinreichend würdigen zu können, aber Pleschinskis geistreicher Roman bietet neben dem köstlichen Lesespaß zusätzlich den in klassischer deutscher Literatur weniger sattelfesten Lesern eine Fülle von nützlichen Informationen zu diesen Lichtgestalten, wirkt insoweit also auch bereichernd.

Man könnte den Roman als bitterböse Komödie auffassen, denn neben den teilweise fast slapstickartigen Auftritten der vielen schrulligen Akteure wirkt der gefeierte Schriftsteller im Düsseldorf der Nachkriegszeit wie ein Erlöser, ein Heilsbringer geradezu für das in tiefe Schuld verstrickte Deutschland. Dessen Nazi-Vergangenheit ist allenthalben zu spüren, personifiziert hier durch den als Kriegsverbrecher verurteilen, aber schon wieder entlassenen Generalfeldmarschall Kesselring, der nun ausgerechnet am selben Tage im gleichen Hotel wie Thomas Mann Quartier nimmt , was die Direktion des vornehmen «Breidenbacher Hofs» einen Eklat befürchten lässt. Und auch der einstige Liebe Klaus Heuser wohnt hier mit seinem jungen asiatischen Lebensgefährten, was weitere Verwicklungen bedeuten könnte, wie Erika Mann mutmaßt, die den Vater begleitet. Die Tragik Thomas Manns, dessen sexuelle Orientierung zur damaligen Zeit nicht in Einklang zu bringen war mit seiner öffentlichen Bedeutung, wobei jene nicht zuletzt auch eine Folge seiner genüsslich und kunstvoll zelebrierten Selbstdarstellung, um nicht zu sagen Selbstüberhöhung war, diese Tragik also wird hier sehr gekonnt und faktenreich thematisiert.

Die originelle Idee für das in siebzehn Kapitel aufgeteilte, zweitägige Geschehen mit etlichen Rückblenden setzt Pleschinski mit Hilfe eines furiosen, vielköpfigen Figurenensembles in Szene, angefangen vom Mann-Clan mit Thomas, Katia, Erika und Golo bis hin zum wunderlichen Liftboy im Hotel oder der sturmerprobten Kellnerin in der «Neusser Stube», allesamt humorvoll geschildert. Deren weit ausholende Dialoge sind ebenso amüsant wiedergegeben wie die stimmig beschriebene Atmosphäre in jenen großbürgerlichen Kreisen der frühen Nachkriegszeit, jedenfalls soweit wir das im Abstand von sechzig Jahren heute noch nachvollziehen können. Wobei Pleschinski sich sprachlich eng an seinen Protagonisten anlehnt, damit aber zuweilen auch karikaturhaft überzeichnet, so geistreich und druckreif nämlich spricht niemand auf der Welt, auch ein Thomas Mann nicht, selbst wenn es da einmal von ihm heißt: «Der hat noch Bildung geschlürft wie die Germanen Met». Einer strengen Analyse sollte man dieses Buch also nicht unterziehen, es ist ein heiterer Roman, kein Sachbuch, auch wenn viel Authentisches darin verarbeitet ist bis hin zum persönlichen Nachlass des 1994 verstorbenen Klaus Heuser. Ein rundum gelungener Roman insoweit, und damit ein herzerfrischendes Lesevergnügen, das gutgelaunte Leser produzieren dürfte.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Kraft

luescher-1Skeptische Gelehrtensatire

Nach seinem Anfangserfolg mit der Novelle «Frühling der Barbaren» hat der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher heuer, vier Jahre später, seinen ersten Roman unter dem Titel «Kraft» veröffentlicht. Aus seiner dreijährigen Arbeit an einer Dissertation sei «leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe», heißt es in der Danksagung am Ende des Buches. Bei dieser Vorgeschichte ist es nahe liegend, dass der so entstandene Debütroman als wissenschaftsskeptische Gelehrtensatire angelegt ist, in der Fortschrittsglaube und Kapitalismus ebenso karikiert werden wie überholte Strukturen in Universität und Gesellschaft.

Protagonist des Romans ist Prof. Richard Kraft, Nachfolger von Walter Jens auf dem Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen. Der brillante Wissenschaftler steht vor den Trümmern seiner zweiten Ehe mit Heike, zudem plagen ihn Geldsorgen, denn die großzügige Versorgungsregelung für seine Exfrau Ruth und die beiden Kinder frisst fast sein gesamtes Einkommen als Hochschullehrer auf. Als er von einem Freund an der Stanford Universität zur Teilnahme an einem wissenschaftlichen Wettbewerb im Silicon Valley aufgefordert wird, bei dem ein Preisgeld von einer Million Dollar ausgesetzt ist, sieht er darin die Lösung aller seiner Probleme, auch Heike rät ihm, unbedingt teilzunehmen. Dem Problem der Theodizee von Leibnitz folgend, sollen die Konkurrenten in einem höchstens 18minütigen Vortrag vor einer Jury eine schlüssige Antwort auf die Preisfrage geben: «Warum alles, was ist, gut ist, und wie wir es trotzdem verbessern können».

Während einer dreiwöchigen Vorbereitungsphase, im Lesesaal des Hoover Tower auf dem Campus von Stanford sitzend, sucht Kraft vergeblich nach einer zündenden Idee; ihm fehlt jedwede Inspiration, der von ihm zu begründende Zukunftsoptimismus überfordert ihn als Skeptiker. Immer wieder verliert er sich in Grübeleien über sein Leben, denkt an seine frühen Studententage und seine politischen Jugendsünden als neoliberaler Wirrkopf. Er rekapituliert seine wissenschaftliche Karriere, sinniert über sein permanentes Scheitern bei Frauen, bedauert die fehlende familiäre Bindung. Der Autor wartet mit einem Feuerwerk von Ideen auf, verarbeitet gekonnt die jüngere Zeitgeschichte in klug ausgewählten Episoden, deren interessanteste für mich das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt war. Er spart jedenfalls nicht mit beißender Gesellschaftskritik, die auch den ausufernden Digitalismus unserer Tage einschließt. Der Theodizee stellt er beispielsweise für die Finanzmärkte den von Joseph Vogl geprägten Begriff der Oikodizee gegenüber, die Entzauberung und damit allfällige Bändigung der Finanzmärkte. In einer furiosen Traumsequenz malt er schließlich sehr realistisch das Inferno eines schweren Erdbebens in San Franzisko aus, ein düsteres Szenario, in dem er trickreich das Schicksal seines gescheiterten Helden spiegelt.

Jonas Lüscher ist ein sehr genauer Beobachter, er schreibt hier äußerst leichtfüßig, aber aus kritischer Distanz, im Modus Modestiae, dem Autorenplural, uns Leser damit einbeziehend in seine Betrachtungen. Bei denen dann sein Held, satirischer Inbegriff des intellektuellen Schwaflers, so gar nicht gut wegkommt. Die Fülle an Gedanken, die da vor uns ausgebreitet werden, ist beeindruckend, viele kluge Reflexionen und philosophische Exkurse sind trotz des mokanten Erzähltons, in dem sie vorgetragen werden, zweifellos ernst gemeint und durchaus bereichernd. Mit einem bildungssatten Schreibstil in langen Schachtelsätzen unterstreicht Lüscher süffisant seinen ironischen Duktus. Auch wenn er dabei so manches Klischee bedient, wird er zu Recht als hochaktuelle Stimme gelobt, die ihresgleichen nicht hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Auf den Leser wartet ein anregendes, amüsantes und zweifellos auch intellektuelles Lesevergnügen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Gewalt als Gottesdienst

Christliche, jüdische und islamische Sekten sehen sich als Verlierer der Modernisierung. In Bürgerkriegen und terroristischen Konflikten kämpfen sie mit Selbstmordattentaten und anderen religiös verbrämten Gewalttaten um ihre Werte. So soll auch eine gottgefällige Weltordnung (wieder-)hergestellt werden.

„Nicht Religionen an sich bergen Gewaltpotenzial. Erst ihre Indienstnahme bei aktuellen Problemen, Demütigungen und enttäuschte Erwartungen bereiten den Boden für gewalttätige Religiösität,“ lautet das Fazit von Kippenberg.

Er ist Jahrgang 1939. Kippenberg studierte Theologie, Religionsgeschichte sowie semitische und iranische Sprachen in Marburg, Tübingen, Göttingen, Leeds und Berlin. Nach Promotion und Habilitation lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, Israel, den USA und den Niederlanden.

Das Buch ist eine Mischung aus religions- und politikwissenschaftlichen Ausführungen. Ausgebend von Ereignissen, die auch bei uns in Deutschland bekannt sind (beispielsweise der Palästina-Konflikt), erklärt Kippenberg modernen religiösen Fundamentalismus und Fanatismus.

Dies geschieht so leicht verständlich, anschaulich und spannend, daß auch der fachliche Laie den Ausführungen gut folgen kann. Die Ausführungen sind gut recherchiert und ansprechend dargeboten. Bedauerlich ist lediglich, daß es keinerlei Fotos gibt – optische Informationen fehlen also völlig. Leider.

Und dennoch: Wer die Verquickung von Politik und Religion in unseren Tagen verstehen möchte, wird um dieses Buch nicht umhin kommen. Es bietet viele nützlich Hintergrundinformationen.


Genre: Dokumentation
Illustrated by C.H. Beck München

Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland

Das Sexualleben der Menschen im antiken Stadtstaat Athen bietet eine weite Bandbreite. Ausgehend von den überlieferten schriftlichen und bildlichen Quellen beschreibt das Buch, wie Hochzeit, Eheleben, Orgien, Bordellbesuche, päderastische Liebe und Liebeswerbung in der Praxis ausgesehen haben (könnten). Auch die Hintergründe und Konsequenzen werden hier angesprochen.

Das Buch ist nicht so sehr erotischer oder gar pornographischer Natur. Die kultur- und sittengeschichtliche Beschreibung steht im Vordergrund. Ausgehen von (leider nur) Schwarzweißfotographien werden hier die sexualbezogenen Sitten und Gebräuche im alten Athen dem Leser vorgestellt. Die Ausführungen sind nicht wertend, sondern so sachlich neutral wie möglich und geben den Wissensstand wieder, wie er sich für uns heute darstellt.

Die Autorin arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Archäologischen Institut in Frankfurt / Main über das Frauenbild in der Antike.


Genre: Kulturgeschichte
Illustrated by C.H. Beck München

Lob der Peitsche

Kinder wurden früher mit dem Rohrstock gezüchtig, wenn sie ungezogen gewesen sind. Verbrecher und Ehebrecherinnen preitsche man aus. Religiös Verzückte geißelten sich selbst. Und Masochisten erleben sexuelles Vergnügen beim Ausgepeitschtwerden. Die Peitsche kann also aus verschiedensten Gründen zum Einsatz kommen.

Mit Populärwissenschaften oder gar platter Erotik hat dieses Buch überhaupt nichts zu tun. Das Pendel schlägt hier eher in die andere Richtung aus. Der Ansatz ist kulturhistorisch und kulturwissenschaftlich. Viel Psychologie und Theologie, teilweise auch medizinisch verklausulierte Sexualwissenschaften kommen hinzu. Largier beschäftigt sich ausführlich mit fachlich bedeutsamen Autoren. Er erklärt ihre Gedankenwelt und ordnet sich ein.

Beachtlich ist der Umfang der Zitate und zitierten Personen. Die Zahl der Bilder und Zeichnungen ist dezent zurückhaltend. So hinterläßt das Buch doch einen sehr wissenschaftlichen Charakter.


Genre: Kulturgeschichte
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C. H. Beck 1763 – 2013

Der Verlag C.H.Beck ist ein deutscher Verlag in der Rechtsform einer offenen Handelsgesellschaft mit Geschäftssitz in München. Gegründet wurde er am 9. September 1763 von Carl Gottlob Beck.

Geleitet wird das Unternehmen in der sechsten bzw. siebten Generation von Hans Dieter Beck in den Bereichen Recht, Steuern und Wirtschaft, sowie von Jonathan Beck in den Bereichen Literatur, Sachbuch und Wissenschaft.

Am 9. September 2013 bestand der Verlag C.H.Beck seit 250 Jahren. Anlässlich des Jubiläums hat der Verlag Dokumentationen der Autoren Stefan Rebenich und Uwe Wesel veröffentlicht.

Mit 859 Seiten ist das Buch sehr umfangreich geraten. Es ist überwiegend eine Bleiwüste; Fotographien und andere Bilder fehlen also völlig.

Stefab Rebenich, der Autor, ist Jahrgang 1961. Er ist ordentlicher Professor für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike an der Universität Bern. Neben Forschungen zu Theodor Mommsen, Adolf von Harnack, Gustav Droysen, Alfred Heuß und Friedrich Althoff ist er auch schon als Wirtschaftshistoriker in Erscheinung getreten.

Diesen beruflichen Hintergrund merkt man dem Buch leider auch sehr deutlich an. Die Geschichte des Verlages ist sehr umfangreich und detailliert wiedergegeben; für den wissenschaftlichen Laien wirkt dieser Umfang eher abschreckend. Was soll man mit diesen Informationen anfangen? Wer möchet das wissen? Hier wird auf wirtschafts- und unternehmensgeschichtlichem Niveau gearbeitet; auch wenn sich Rebenich um Verständlichkeit bemüht, beispielsweise Zitate einfügt, gehört die wissenschaftliche Welt eindeutig zur Zielgruppe bei den Lesern.

Dies ist schon ein wenig bedauerlich. Das allgemeine Publikum, das die Beck`schen Bücher schließlich kaufen soll, wird so außen vor gelassen. Sollte noch keine Unternehmensgeschichte extra für diese Zielgruppe geschrieben worden sein, müßte es nachgeholt werden.


Genre: Dokumentation
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Geschichte des Kapitalismus

Der Kapitalismus wird seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten als das erfolgreicheres Wirtschafts- und Sozialmodell angesehen.

Joachim Kocka ist Professor i. R. für die Geschichte der industriellen Welt an der Freien Universität Berlin. Von 2001 bis 2007 war er Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Er beschreibt in diesem seinem Buch Entstehung und Ausbreitung des Kapitalismus insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert. Auch die Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelten werden hier beleuchtet.

Hier liegt ein wirtschaftswissenschaftliches Werk vor, das ein ideengeschichtliches wichtiges Thema behandelt. Die Ausführungen sind so fachlich und gründlich, wie es auf der überschaubaren Seitenzahl möglich.

Das vorliegende Buch gehört zum „Wissen in der Beck`schen Reihe“. Es bewegt sich dementsprechend auf einem inhaltlich hohen Niveau.


Genre: Dokumentation
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Ökolexikon

Das Lexikon informiert nach Angaben der Inhaltsangabe „sachkundig und kritisch über alle zentralen Begriffe, Richtungen und Perspektiven der Ökologie“. Dafür gibt es über 800 Artikel. Zusammenhänge auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene, Probleme und Lösungsmöglichkeiten werden vorgestellt.

Das Lexikon hat eher juristisch-politikwissenschaftlichen Charakter. Hier werden nicht Grüner Punkt und Blaue Tonne erklärt. Es geht eher um abstrakte und übergeordnete Themen. Es geht beispielsweise um Umweltpsychologie, die Klimarahmenkonvention, Kirche & Umwelt oder ökologische Dienstleistungen.

Ein solches Buch wendet sich also an Leser, die mehr kennen und verstehen möchten als das, was vor ihrer eigenen Haustüre geschieht. Grundkenntnisse werden nicht vermittelt, sondern vorausgesetzt.


Genre: Lexika und Nachschlagewerke
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Geschichte der USA

Die USA sind ein relativ junger Staat, der seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. Das vorliegende Buch möchte einen knappen Überblick von der Kolonialzeit bis in unsere heutigen Tage geben. Der Autor geht auf die politische und soziale Geschichte, aber auch einige Besonderheiten der Entwicklung des Landes ein.

Das Buch bietet einen groben Überblick über die Geschichte der USA. Historisch interessante Persönlichkeiten werden nicht näher vorgestellt, Orte nicht gezeigt. Bestimmte Themen (wie z. B. Indianer, Sport, Religion und Kultur) bleiben ausgespart.

Das Buch ist faktisch eine reine Bleiwüste.

Der interessierte Leser wird also zu weiterführender Literatur greifen müssen, wenn er mehr über die USA erfahren möchte.


Genre: Lexika und Nachschlagewerke
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