»Dass mir und meinem Schaffen Unterstützung zuteil werde«, wünschte sich Robert Musil in einem Brief an den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg. Der Schöpfer von »Mann ohne Eigenschaften« stand mit diesem Gesuch durchaus nicht allein. In allen Epochen gab es Not leidende Schriftsteller, die »ihre Fingerköpfe wie Spargelspitzen« fraßen (Else Lasker-Schüler), »kaum noch die Kraft hatten, unter Brücken zu schlafen« (Wolfgang Koeppen) oder sich »in einer sehr armseligen Lage« sahen (Georg Trakl).
Bettel- und Brandbriefe berühmter Schriftsteller bestätigen literarisch das Spitzweg-Gemälde vom armen Poeten, wenn auch die Tonlage der Briefe, so die Herausgeberin, die Notlage der Verfasser nicht immer exakt abbilden. Auf der anderen Seite der um jeden Groschen kämpfenden Literaten finden sich der ständig auf Pump lebende Dichter Baron Detlef von Liliencron, der dem Suff verfallene Joseph Roth, der spielsüchtige Fjodor Dostojewski oder ein Wolfgang Koeppen, der sich Jahrzehnte lang von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld großzügig alimentieren ließ, ohne jemals die verabredeten Manuskripte zu liefern. Auch sie lebten teilweise von den klingenden Ergebnissen ihrer stürmischen Bittbriefe und Stundungsschreiben.
Ein knurrender Magen erwies sich für viele Autoren oftmals als Antrieb für die teilweise herrlichen Bettelbriefe, die Birgit Vanderbeke gesammelt und heraus gegeben hat. Da finden sich feinsinnig schöne Texte neben entwürdigenden und grausigen Selbstzeugnissen, ironisch-witzige Bittbriefe neben depressiv-peinlichen Jammerschreiben. Die Lektüre des Sammelbandes schenkt eine Menge literarisches Lesevergnügen und zeigt, dass Schriftstellerei unter allen gesellschaftlichen Bedingungen nur für wenige ein auskömmliches Geschäft ist. Der Auswahl förderlich wäre gewesen, jeden Brief konsequent in Kontext zu stellen, wie das in einigen Fällen sehr schön erfolgt ist. In diesem Punkt wäre der Herausgeberin durchgängiges Arbeiten oder die Unterstützung eines Lektors zu empfehlen gewesen. Oder knurrte ihr Magen, und das Buch musste schnell fertig werden?
Odd Thomas ist ein junger Mann, der in dem Wüstenstädtchen Pico Mundo lebt. Er arbeitet in einem Grill, ist fest mit seiner Freundin Stormy liiert und verfügt über die Gabe, Tote sehen zu können. Ein Gespräch mit dem Geist von Elvis Presley zählt zu seinem Alltag. Er kann aber auch böse Geister sehen, die sogenannten Bodachs und als diese plötzlich zuhauf in Pico Mundo auftauchen, ahnt Odd, dass Böses bevorsteht. Gleichzeitig mit der Invasion dieser unbequemen Gesellen dreht ein Fremder seine Runden in dem Städtchen. Ihn umgeben die Vorboten eines schrecklichen Verbrechens und Odd macht es sich zur Aufgabe, dieses Verbrechen zu verhindern und den Fremden besser kennenzulernen. Doch das ist gar nicht so einfach.
Dean Koontz ist ja bekannt für seine gruseligen Thriller, doch mit »Die Anbetung« gelingt ihm ein wirklich gutes Buch, spannend von der ersten Seite an, welches sich flüssig liest und insbesondere zum Ende hin kaum wegzulegen ist. Erzählt aus der Sicht von Odd, wird der Leser von Anfang an in die Geschichte hineingesogen. Dabei bleibt der Horror diesmal eher unterschwellig, ist aber bedrohlich immer vorhanden.
Genre: ThrillerIllustrated by Heyne München
Geht das Zentralgestirn hinter dem Teutoburger Wald auf und wärmt hohe Wallhecken, saftige Streuobstwiesen und wogende Getreidefelder, aus denen jubilierende Lerchen himmelwärts streben, dann besonnt es das Land der Westfalen. Kerniger Mittelpunkt dieses bäuerlich geprägten Gebietes ist das katholische Münsterland, das literarisch berühmt wurde durch Annette von Droste-Hülshoff.
Der von Gerd Haffmans bei Zweitausendeins vorgelegte Norbert-Johannimloh-Sammelband schafft ein westfälisches Sittengemälde, das mit frühesten Kindheitserinnerungen des Autors an Kuh- und Schweinestall beginnt. Er sammelt herrliche Gedichte in Hoch- und Niederdeutsch wie das über den Pastor, der seine schwangere Haushälterin des Hauses verweisen muss und hofft, dabei besser als Taufpate durchzukommen. Schließlich mündet die Anthologie in drei Episoden über historische Frauengestalten der Kommune der Wiedertäufer, die in Münster dem papistischen Bischof zum Trotz ein Königreich der Vielweiberei errichteten.
Die Anthologie hinterlässt jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits steht der Band als Lehrbuch für den, der lesen möchte, welche Schäden die katholische Moral an Leib und Seele anrichten kann, denn die Texte des 1930 geborenen Autors wimmeln bis in die Folterszenen der Wiedertäufer von lüsternen Begehrlichkeiten, Anspielungen und Traumgemälden, denen ein Hauch Voyeurismus anhaftet. Andererseits gibt es ausgesprochen starke Erzählungen um Hannes Roggenkämper, das Alter Ego des Verfassers. Wer die plattdeutschen Gedichte und mitunter recht hausbackenen Erzählungen überspringen möchte, dem sei »Die Geschichte mit der Anhalterin« empfohlen. Der Text legt beredetes Zeugnis über den trockenen Humor des Autors ab und liefert ein perfektes Kabinettstück westfälischer Provinzliteratur.
Hauptfigur dieses Romans ist der britische Offizier Sir Richard Burton (1821-1890), der zu einer Einheit nach Indien versetzt wird. Anstatt die koloniale Lebensweise seiner Landsleute anzunehmen und sich ein angenehmes Leben zu machen, lernt er die Sprachen des Landes und vertieft sich in fremde Religionen. Zum Erstaunen seiner Vorgesetzten sucht er einen Brahmanen als Lehrer, konvertiert zum Islam, läßt sich beschneiden, lebt mit einem indischen Diener und einer gottgeweihten Priesterkurtisane zusammen. Als die Kurtisane stirbt, entwickelt der Offizier eine eigentümliche seelische Störung; er schafft sich eine Gruppe Affen an, mit denen er fortan sein Leben teilt. Burton gibt vor, ihre Sprache zu lernen und eine der Äffinnen wird von ihm wie eine Geliebte mit Schmuck behängt.
Der Roman ist inhaltlich in drei unterschiedliche Abschnitte gegliedert: spielt der erste Teil in Indien, so spielt der zweite in Arabien und der dritte in Ostafrika. In jedem dieser Teile erlebt man einen anderen Richard Burton: mal ist er verkleidet und besucht unerkannt als einer der ersten Europäer die heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina, mal führt er eine Expedition durch den Urwald Ostafrikas.
Ein Buch, das einen ambivalenten Blick auf den Protagonisten erlaubt, das in vielen Momenten komisch und zugleich nachdenklich ist, raffiniert aufgebaut und wunderschön erzählt.
Schon der Weltuntergang, mit dem das schrägste Science-Fiction-Spektakel der Literaturgeschichte beginnt, ist ein Klassiker: Der Engländer Arthur Dent versucht verzweifelt, sein Eigenheim gegen die Willkür der Gemeindeverwaltung zu verteidigen, die sein Haus für eine Umgehungsstraße beseitigen will. Da naht eine mächtige vogonische Bauflotte aus den Weiten des Weltraums, die den Auftrag hat, die gesamte Erde aus der Umlaufbahn zu sprengen, um Platz für eine wichtige Hyperraum-Expressroute zu schaffen! Weiterlesen →
Simon Peters wird bald dreißig, und ihm fehlt die feste Freundin. Dabei beobachtet er täglich aus dem Fenster des T-Punkts, in dem er lustlos jobbt, die phantastisch gebaute Verkäuferin im Starbucks gegenüber und gründet mit ihr in Gedanken bereits eine raupenköpfige Familie. Aber wie soll er die Traumfrau erobern? — Mit Hilfe seiner Freunde entwickelt er einen Schlachtplan, sich der Auserwählten zu nähern, und es gelingt ihm sogar mit Mühen. Dass er sich dabei letztlich wie ein neurotischer Vollidiot aufführt, macht den Helden des gleichnamigen Romans sympathisch. Wenn der Sozialgorilla dabei auch noch über die Gefühle anderer Zeitgenossen hinweglatscht und entsetzt flieht, als sich ein Mädchen in ihn verliebt, mutiert er zur tragischen Figur.
Das persönliche Scheitern eines tollpatschigen Singles ist Gegenstand dieses herrlich bildhaft geschriebenen Romans, der sich durch alle Phasen des Alleinseins pirscht: vom Besuch eines Fitnessstudios, in dem Killerschwuchteln auf seinen untrainierten Körper sabbern über die vergeblichen Kuppelversuche einer kroatischen Putzfee bis hin zu exzessiven Sauforgien in den Armen verschnarchter Discomäuse. Der Autor, der sich als Comedy-Schreiber in Fernsehshows einen Namen gemacht hat, präsentiert mit seinem Erstling ein herrlich entspannendes Lachdebüt. In der aktuellen Flut der Single-Romane hinterlässt er aber leider keine bleibenden Spuren. Zu offensichtlich ist der Text als Vorlage für eine Verfilmung geschrieben, zu blass bleiben die handelnden Figuren, zu bemüht sind die Kalauer und Lacher, die zwar unmittelbar ihren Zweck erfüllen aber nach zwei Sekunden auch schon wieder verflogen sind.
Die Bibliothekarstochter Afra ist sowohl ungewöhnlich schön als auch gegen alle Regeln des 15. Jahrhunderts belesen und gebildet. Als sie von ihrem Lehnsherren missbraucht wird, flieht sie mit ihrem einzigen Besitz: einem verblichenen Pergament, das nur mit Hilfe alchimistischer Geheimtinkturen kurz sichtbar gemacht werden kann. Geheimnisvolle Bruderschaften, Mönche, Spitzel und bewaffnete Schergen des römischen Papstes wollen an das Papier kommen und jagen die schöne Maid von Ulm über Strassburg und Venedig bis nach Konstanz. Offenbar kann der Inhalt des Pergaments die Grundfesten der katholischen Kirche erschüttern, und so werden weder Mord noch Totschlag noch Intrige gescheut, um an das wertvolle Dokument zu gelangen. Afra bewältigt indes souverän alle Gefahren und trickst instinktsicher die ihr unbekannten Gegner aus, um schließlich den Papst erzittern zu lassen.
Philipp Vandenberg schildert eine abenteuerliche Mittelalterodyssee im Schatten mächtiger Dome, lüsterner Popen, grimmiger Piraten, gieriger Wegelagerer und eines stets gewaltbereiten Pöbels. Der Historienkrimi ist spannend und unterhaltsam im Fahrwasser von »Säulen der Erde« geschrieben, zum deutschen Ken Follett reicht es allerdings leider nicht.
Mentale Fürze seien die Albträume seines Patienten, behauptet Dr. Ballesteros, als Salomón Rulfo, ein arbeitsloser Literaturagent, ihm einen stets wiederkehrenden Traum erzählt, der ihn quält: in einer weißen Villa mit einem grünen Aquarium wird eine Frau ermordet, die um Hilfe fleht. Dumm nur, dass der mentale Furz Wirklichkeit wird: die Villa und den Mord gibt es tatsächlich. Schnell entspinnt sich ein kunstvolles Geflecht von Menschen, die durch Träume aufeinander stoßen und sich einer geheimnisvollen literarischen Sekte ausgeliefert sehen.
Dreizehn Musen berühmter Dichter haben einen geheimen Hexenbund geschlossen und binden Menschen mit der Macht des Wortes. Sie wissen genau, dass ein Gedicht ein Wald voller Fallgruben sein kann. Bisweilen lauert nur ein einziger Vers mit scharfen Krallen darin. Er braucht nicht schön zu sein, er braucht weder literarisch wertvoll noch gänzlich wertlos zu sein: er ist einfach da, mit seiner geballten Ladung aus Tod bringendem Gift, und die Hexen nutzen ihn, um Menschen zu binden und mit blutiger Gewalt zu zwingen.
Somozas bizarrer Kriminalroman verlangt den hart gesottenen Leser. Er kommt im Gewand eines Mystik-Thrillers daher und entpuppt sich doch als feingliedriges literarisches Kunstwerk eines raffinierten Erzählers. Der spannende Roman ist surreal, phantastisch, stockfinster und dabei extrem blutrünstig. Das Buch erzeugt bereits nach wenigen Seiten unbestimmten Ekel, aber er weckt auch die Sucht, bis zur letzten Seite durchzuhalten, um das ungewöhnliche Geheimnis des höchst vertrackten Plots zu enthüllen.
Ist Mord eine erwähnenswerte kulturelle Leistung? Trägt das bewusste Beseitigen von friedlichen und ahnungslosen Mitmenschen zur Entwicklung unserer Kultur bei? Jörg von Uthmann, Autor der vergnüglichen und zugleich informativen Kulturgeschichte des Mordes, bejaht diese Fragen. Aus seiner Sicht sind Morde zwar unerquicklich für das jeweilige Opfer, sie haben aber auch ihre guten Seiten, denn sie beflügeln Kunst und Wissenschaft — die Mediziner, die den Kommissaren dabei helfen, die Killer zu fassen, die Schriftsteller, welche die Jagd in Krimis beschreiben, und die Filmemacher, die sie verarbeiten.
Mord und Totschlag gibt es, seitdem sich Menschen beneiden und miteinander in Streit geraten. Waren im Mittelalter die Richter noch auf Feuerprobe und Folter angewiesen, bei der nahezu jeder alles gestand, zählte es zu den Errungenschaften der letzten Jahrhunderte, wissenschaftliche Methoden zur Beweissicherung und Tatortuntersuchung gefunden zu haben. Mit den Möglichkeiten der Medizin, Gifte nachzuweisen, entwickelte sich die Spurensicherung über die Fingerabdrucktechnik bis hin zur modernen DNA-Analyse, mit der erstmals 1987 ein Mörder überführt werden konnte. Parallel dazu formten sich Kriminalpolizei und Gerichtsmedizin.
Jörg von Uthmann versteht es, die tatsächlichen Verbrechen mit ihren Widerspiegelungen in Literatur, Drama, Oper und Film in Bezug zu setzen und entwirft en passant eine Geschichte der Kriminalliteratur und ihrer Autoren ohne sich auf Theorienstreit einzulassen. Dass er konzentriert auf unseren westeuropäischen Kulturkreis blickt und im wesentlichen französische, britische, amerikanische und deutsche Fälle und Autoren schildert, mag als Manko der Skizze gelten. Interessant wäre es schon, die Entwicklungen in anderen Kulturkreisen vergleichend heranzuziehen, waren es doch beispielsweise die Chinesen, denen sehr viel früher als den Europäern die Einzigartigkeit des Fingerabdrucks bekannt war.
Der literarische Spaziergang ist mit leichter Hand geschrieben und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er bietet aber eine vielseitige Einführung ins Thema und empfiehlt sich jedem, der ein wenig tiefer in die Welt der Kapitalverbrechen und ihrer künstlerischen Verarbeitung einsteigen möchte.
Das Ereignis, das als »Der Puls« bekannt werden sollte, erlebt der Comic-Zeichner Clayton Riddell, als er sich in Boston ein leckeres Softeis spendieren will: Teenager fallen übereinander her und beißen sich die Kehle durch, Geschäftsleute werden zu blutrünstigen Bestien, Busfahrer jagen und überrollen Passanten; kurz: ein infernalisches Chaos, in dem jeder jedem ans Leben geht, beginnt. Ohne lange Vorrede lässt King gleich zu Beginn seines von der ersten bis zur letzten Zeile atemberaubend spannenden Buches unfassbaren Horror über Land brausen, der von Handys ausgelöst wird, die einen unheimlichen Befehl aussenden.
Clayton denkt an seinen Sohn und hofft, dieser möge kein Handy benutzen und vor dem sich ausbreitenden Wahnsinn fliehen. Er zieht mit zwei Gefährten los, ihn zu suchen und stellt auf seiner Wanderung durch ein apokalyptisch verwüstetes Land fest, dass die Handy-Verrückten telepathische Fähigkeiten entwickeln und sich in die Gedanken der wenigen Nicht-Infizierten einloggen können. Diese sollen gezwungen werden, sich in einem angeblich funkstreckenfreien Gebiet zu sammeln. — Doch welches Grauen erwartet sie dort?
Genre: HorrorIllustrated by Heyne München
Ein Mord ist geschehen: im Country Club Lone Star liegt ein alter Kumpel von Kinky ermordet in der Garderobe. Wer, zum Teufel, kann so etwas nur getan haben, fragt Cleve, der Manager des Lone Star Clubs. Das fragt sich auch Kinky, der vom Manager herbeitelefoniert wurde und nun vor dem Eintreffen der Polizei einen Blick auf den toten Freund werfen kann. In der Hemdtasche des Opfers entdeckt der Privatdetektiv einen verknitterten Zweidollarschein, und sein Erstaunen ist groß, als er am folgenden Tag einen anonymen Brief erhält, in dem sich ein Notenblatt befindet. Es ist der alte Hank Williams Song »Hey Good Lokin« mit dem Text: »I got a hot rod Ford and a two-dollar bill. And I know a spot right over the hill …«.
Nachdem kurze Zeit später eine weitere anonyme Nachricht mit einem Song von Hank Williams eintrifft und ein neuer Mord im Lone Star Club geschieht, versucht Kinky mit Hilfe seines Kumpels Ratso und weiterer Freunde dieses Puzzle zusammen zu setzen. Schon bald hat er eine Spur, und es folgt eine spannende, bizarre Kriminalgeschichte, die uns zudem einen Einblick in die Welt der Countrymusik und in die multikulturelle Vielfalt New Yorks gewährt.
Elizabeth George gilt als begnadete Krimiautorin, die mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen Spannungsbögen schlägt und damit eine internationale Fangemeinde um ihre Figuren schart. Mit dem vorliegenden Sachbuch reiht sie sich in die Traditionslinie amerikanischer Bestsellerautoren, die Schreiben als solides Handwerk verstehen, das vermittelbar und erlernbar ist.
Wer Elisabeth George Wort für Wort folgt, erhält zuerst einmal tiefen Einblick in ihren schriftstellerischen Handwerkskasten! George ist eine Autorin, die wenig dem Zufall überlässt und jedes spontane Sprudeln der Ideen bei der Niederschrift für sich selbst ablehnt. Sie feilt ausführlich an den Ideen ihrer Romane sowie an den Figuren, die diese bevölkern. Sie ist überzeugt, dass Figuren die Geschichte und Dialoge wiederum Figuren erschaffen. Sie schildert, wie sie ihre Figuren und Schauplätze modelliert, wie sie in einem Stufendiagramm Szenen zu Papier bringt und die Handlung entwirft. Sie betont die Bedeutung des Konflikts, um Geschichten spannend, interessant und kunstvoll erzählen zu können und erläutert die möglichen Erzählweisen. Die Autorin verrät ihre Technik und schildert ihren Umgang mit der Rohfassung des Manuskriptes und den notwendigen Schritten zur Überarbeitung bis zur Fertigstellung.
»Wort für Wort« ist ein unterhaltsam geschriebener, leicht nachvollziehbarer Lehrgang für Romanautoren und solche, die es werden wollen. Systematisch und mit vielen Leseproben nimmt Elizabeth George den Leser an die Hand und führt ihn sicher durch den Dschungel des literarischen Schreibens. Sie verlangt von ihren Lesern Leidenschaft und Disziplin, um sich die handwerklichen Techniken anzueignen und sagt sehr deutlich, dass Kunst ohne Handwerk undenkbar ist und stets darauf fußt, dass andererseits aber bei aller handwerklichen Meisterschaft auch zusätzlich Talent erforderlich ist, um ein wirklich gutes Buch zu schreiben.
Ros Taylor erwacht nach einer durchfeierten Nacht in blutigen Laken, kann sich an nichts erinnern und findet zu allem Überfluss auch noch ihre Mitbewohnerin tot im Bad auf. Auf Ros Rücken findet sich das Datum des Tattages eingeritzt. Bill Thomson übernimmt die Ermittlungen des Falls und kümmert sich sehr intensiv um Ros. Es stellt sich heraus, dass beide Frauen vergewaltigt worden sind, nur wer der Täter war, ist aufgrund des Gedächtnisverlustes zunächst nicht zu ermitteln. Die Indizien der Polizei sprechen für den Freund der Toten und Ros lässt sich durch Bill zu einer Falschaussage überreden. Der mutmaßliche Täter wird verurteilt, alles scheint geregelt, doch dann findet Ros täglich mysteriöse Briefe vor ihrer Tür, die darauf schließen lassen, dass der wahre Täter noch auf freiem Fuß ist, was Ros und Bill in Erklärungsnot gelangen lässt.
Die Geschichte wird immer abwechselnd aus der Sicht von Ros oder Bill erzählt, wodurch sich vieles wiederholt, trotzdem aber nicht langweilt, weil immer neue Details dazukommen, die dem Leser die Lösung des Falls näher bringen. Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, was schon nachdenklich stimmt, wenn man bedenkt, wie schnell ein Mensch aufgrund eines Meineids verurteilt werden kann. Insgesamt spannend zu lesen, mit einem überraschenden und blutigen Ende.
Genre: ThrillerIllustrated by Rowohlt
Buchmessen sind immer wieder inspirierend. In diesem Jahr aber habe ich den wichtigsten Buchtipp erst bekommen, als die quirlige Leipziger Messe gerade hinter mir lag. Eher zufällig — oder doch schicksalhaft? — fiel mir das Buch einer Frau in die Hände, die ebenso wie ich sorbische Wurzeln hat. Erstes Interesse war geweckt, aber dann: Vom ersten Satz an entfaltet sich ein Feuerwerk an Worten, Bildern und Gedanken. Ein lakonischer Sturmwind fegt durch die Seiten, überfliegt das Leben der eigenwilligen Heldin, das tragisch zu nennen wäre, trüge seine Eigentümerin nicht ein hieb- und stichfestes Fell, das sie vor einem Teil der ihr zugefügten Verletzungen schützt. Als Tochter einer überforderten dreizehnjährigen Mutter im Auffanglager für danebengegangene Kinder aufgewachsen, absolviert sie diverse chaotische Stationen zwischen Ostsee und Niederlausitz, bringt mit ihrer ungebärdigen Art ihre sorbische Großmutter aus der Ruhe und versetzt die jeweiligen Entwicklungshelfer regelmäßig in Aufregung. Wo sie ist, bleibt sie Außenseiterin, behauptet sich tapfer gegen alle Anfechtungen von Gruppenzwang und öffentlicher Meinung. Fieberhaft sucht sie nach Halt. Nervös setzt sie die Segel, kaum dass der Anker ausgeworfen ist. Ruhelos strebt sie in die Ferne. Beharrlich reizt sie die Grenzen der allzu engen DDR aus. Auf dem Rad erobert sie sich sorbisches Minderheitenland, froh, endlich ein Stück Identität errungen zu haben. Doch sie bleibt zerrissen, sucht die Liebe und stößt sie weg, findet hie und da Anschluss bei anderen Außenseitern, die sich in den Nischen der sozialistischen Realität eingerichtet haben. Immer wieder bricht sie auf, auch wenn sich Wetter und allgemeine Lage erkältet haben. Die Wende eröffnet ihr Unglaubliches, aber die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten bleiben ihr verwehrt, denn auch die Haut, in der sie steckt, ist von Vorurteilen gesprödet. Die atemlosen Leser in irdischeren Gefilden zurücklassend, gelingt der Ausbruch am Ende auf eine irrsinnig konsequente Art …
»Drachentochter« — ein großartiger, verstörender Roman einer bemerkenswerten Debütantin, die über einen unerschöpflichen Fundus an Sarkasmus, Wortwitz und Sprachspielen zu verfügen scheint und hoffentlich aufs neue zu Atem und Schöpferkraft kommen wird, um weitere literarische Werke hervorzubringen. Wir dürfen gespannt sein.
Genre: RomaneIllustrated by Rowohlt
Der Mord an Rosemarie Nitribitt ist der Einstieg in die »Kaiserstraße«. Der Junge Leo Böwe wird von nun an von dem Klang des Namens Nitribitt verfolgt. Er setzt sich fest in sein Gehirn. Leo Böwe beginnt eine Karriere als Waschmaschinenvertreter in der Wirtschaftswunderzeit der 50er Jahre. Er lernt, dass »der Verkauf erst dann beginnt, wenn der Kunde NEIN sagt«. Jule, seine zehnjährige Tochter, entstanden in einer enttäuschenden Ehe, sieht im Fernsehen den erschossenen Benno Ohnesorg und beschließt: Papi, wenn ich groß bin, erschieße ich dich auch.
Dieses Buch, gedacht als Streifzug durch das bundesrepublikanische Deutschland, ist an verschiedenen geschichtlichen Daten jüngster deutscher Vergangenheit festgemacht: 1957, 67, 77, 89, 99 und zeigt eigentlich sehr schön die Veränderung seiner Bürger, die Waschmaschinen verkaufen lernen müssen und schließlich sich selbst.
Leo Böwe, die zentrale Figur in den parallel erzählten Geschichten, beginnt seinen Aufstieg im Adenauerdeutschland und vertritt gewissermaßen die Träume aller (wahrscheinlich hofft die Autorin es). Es ist eine knappe Prosa, gut und flott erzählt, nur die Personen gehen doch farblos durchs Leben und könnten besser mit Stoff ausgefüllt werden. Hinter den flotten Sprüchen mancher Personen zeigt sich eigentlich nur stumme Resignation. So ist es doch bestimmt nicht gelaufen — in der BRD. Interessant ist das Buch auch in anderer Hinsicht noch, es zeigt doch dem ehemaligen DDR-Bürger ein bisschen die Lebenssituationen im anderen Deutschland.
Genre: RomaneIllustrated by dumont Köln