Wie die Karnickel

In einem alternativen England leben vernunftbegabte, sprechende Kaninchen unter den Menschen, mitten im Alltag und doch in einer eigentümlichen Zwischenstellung: geduldet, beargwöhnt, registriert, verwaltet. Was zunächst nach skurriler Phantastik klingt, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierte Satire.

Im Mittelpunkt steht Peter Knox, Ich-Erzähler und alles andere als ein Held von strahlender Entschlossenheit. Er arbeitet als sogenannter Spotter für RabCoT, die Rabbit Compliance Taskforce, das ist eine Behörde, die Kaninchen identifizieren und kontrollieren soll. Aufgrund eines genetischen Defekts kann Peter Kaninchen einigermaßen voneinander unterscheiden – eine Fähigkeit, die ihn in dieser Welt beruflich wertvoll, moralisch aber unerquicklich verstrickt macht. Als seine Arbeit ihn immer tiefer in die Logik eines zunehmend befremdlichen Systems hineinzieht und zugleich persönliche Begegnungen seine Perspektive verschieben, gerät seine sorgsam gepflegte Neutralität ins Wanken.

Damit ist bereits das eigentliche Feld des Romans betreten. Wie die Karnickel ist weder Tierfabel noch bloße Groteske, sondern Satire im klassischen Sinn: Literatur der Überzeichnung, der Verschiebung und der entlarvenden Zuspitzung. Fforde nimmt eine absurde Prämisse und behandelt sie mit einer Konsequenz, die das Lächerliche nie im bloßen Klamauk versanden lässt. Entscheidend ist nicht der Einfall allein, sondern die Strenge, mit der er durchgespielt wird. Gerade daraus gewinnt der Roman seine eigentümliche Spannung.

Fforde beherrscht jene trockene, scheinbar beiläufige Komik, die aus sachlichem Vortrag und irrem Inhalt Funken schlägt. Verordnungen, Zuständigkeiten, Regelwerke und statistisch klingender Unsinn entfalten hier eine fast gespenstische Komik. Das Absonderliche erscheint in Gestalt sauber formulierter Verwaltungslogik. Darin liegt der Reiz dieses Buches: Nicht das Chaos ist erschreckend, sondern die Ordnung, mit der es organisiert wird.

Peter Knox ist dafür die richtige Zentralfigur. Er ist anständig genug, um Unbehagen zu empfinden, bequem genug, um daraus nicht sofort Konsequenzen zu ziehen. Gerade diese Durchschnittlichkeit macht ihn literarisch interessant. An ihm zeigt sich, wie leicht man sich in fragwürdigen Verhältnissen einrichten kann, solange sie ordentlich aussehen und sich mit den passenden Begriffen versehen lassen. Fforde macht aus ihm keinen moralischen Leuchtturm, sondern einen Zeugen seiner eigenen Langsamkeit. Das ist klug, weil die Satire dadurch nicht nur auf offen erkennbare Torheiten zielt, sondern auch auf das träge Selbstverständnis des Normalen.

Wer freilich psychologische Feinarbeit und schillernde Mehrdeutigkeit erwartet, wird an Grenzen stoßen. Fforde ist kein Autor des diskreten Andeutens. Die Linien seines Romans sind deutlich gezogen, die Konstruktion bleibt sichtbar, manche Figur erfüllt eher eine satirische Funktion, als dass sie in voller Tiefe ausgeleuchtet würde.

Interessant ist dabei die Frage, wie gut Ffordes britischer Humor deutsche Leser erreicht. Denn seine Komik ist unverkennbar englisch geprägt: trocken, unterkühlt, absurd und oft aus einer Pedanterie gespeist, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Dazu kommen Wortspiele, kulturelle Nebenklänge und ein Rhythmus des Erzählens, der stark vom Understatement lebt. Vermutlich lässt sich so etwas nicht verlustfrei übertragen. Manches dürfte im Original federnder, boshafter und eleganter sein. Doch die deutsche Fassung trägt erstaunlich weit. Denn der Witz sitzt nicht nur im einzelnen Bonmot, sondern in der gesamten Konstruktion: in der bürokratischen Sprache, in der Situationskomik, in der Konsequenz, mit der das Ungeheuerliche als normal behandelt wird.

Die eigentliche Qualität des Romans besteht darin, dass. Fforde sich nicht damit begnügt, eine kuriose Ausgangsidee auszubreiten. Er baut aus ihr eine eigene Wirklichkeit, mit Regeln, Ritualen und Denkfehlern, die in sich stimmig sind. Gerade dadurch entsteht jene merkwürdige Balance zwischen Komik und Beklemmung, die das Buch trägt. Man schmunzelt über die Absurditäten dieser Welt und merkt zugleich, wie vertraut einem ihre Mechanismen vorkommen.

Bisweilen ist die Absicht des Romans allzu deutlich sichtbar, bisweilen gerät die Zuspitzung etwas didaktisch. Auch bleiben einige Nebenfiguren eher Markierungen im satirischen Tableau als vollgültige Charaktere. Doch Wie die Karnickel besitzt Witz, Tempo, formale Konsequenz und jenes kontrollierte Maß an Verrücktheit, das gute Satire braucht.

Jasper Ffordes Roman ist eine klug gebaute, sehr britische Satire, die ihre skurrile Prämisse nicht als Selbstzweck ausstellt, sondern als präzises literarisches Werkzeug nutzt. Der Autor schreibt nicht über possierliche Tiere, sondern über die seltsamen Ordnungen, die Menschen hervorbringen, und über die Absurditäten, die sie dann mit großer Ernsthaftigkeit für vernünftig erklären. Das ist komisch, unerquicklich und von beachtlicher Schärfe.


Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Satyr

Grau

Ein Mann sieht rot. Und das ist auch gut so. Denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der jeder Mensch nur eine Farbe sehen kann. Wenn er Glück hat. Denn es gibt auch noch die Grauen. Die, die gar keine Farbe sehen können und ganz unten in der Hierarchie als unterwürfige Drohnen ihres Kollektivs dienen müssen. In Eddies Welt ist Farbe zu einer Ware geworden, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Machtbefugnisse basieren ausschließlich darauf, welche Farbe man wie gut sehen kann.

Eddie steht kurz vor dem gesellschaftlichen Aufstieg, durch seine exzellente Rotsicht sind seine Chancen auf dem Heiratsmarkt bis hin zur Erbin eines Bindfadenimperiums gestiegen. Er lebt in einer Welt, 500 oder 600 Jahre nach dem \”großen Ereignis\”, genau weiß man das nicht. Es herrscht Löffelknappheit, dafür gibt es zum Glück Ovomaltine im Überfluss. Das Land ist fruchtbar. Es leben dort nicht allzu viele Menschen, dafür Sprungziegen und Antilopen. Äußere Zeichen früherer Zivilisation sind von wildwuchernder Megafauna verdeckt. Was der aggressive Rhododendron nicht schafft, wird durch verordnete Rücksprünge vernichtet. Höflichkeit ist verordnet, das Leben genau geregelt. Mit geschürter Angst vor Schwanattacken, Blitzeinschlägen und der Dunkelheit wird das Volk in Schach gehalten.

Eddie fühlt sich nicht unwohl in dieser Welt. Wenn er nun noch lernt, seine Neugier und seine Kreativität im Zaume zu halten, dann steht einem erfolgreichen Leben als roter Präfekt nichts mehr im Wege. Womit er nicht gerechnet hat, ist die Liebe. Wider jede Vernunft verliebt er sich in Jane. Jane ist zwar wunderbar stupsnasig, aber eben auch der verachteten grauen Unterschicht zugehörig. Das ist fast genauso schlimm, als wenn sie Grüne wäre, denn intime Verbindungen zwischen Komplementärfarben sind verboten. Plötzlich hat Eddie mächtige Feinde, erfährt unbequeme, bestürzende Wahrheiten und seine Angebetete erwidert seine Liebe nicht. Sie ist nämlich nicht nur stupsnasig und eigensinnig, sondern hütet auch noch ein explosives Geheimnis, von dem Eddie bereits viel zu viel herausgefunden hat. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles zu versuchen, Eddie den fleischfressenden Yateveo Bäumen zum Fraße vorzuwerfen.

Jasper Fforde hat eine perfekt entworfene Welt gebaut, bis ins kleinste Detail durchdacht , überbordend vor Phantasie und Ideenreichtum. Anschaulich zeigt er, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und die Wahrheit. Fforde selber sagt, dass es erschreckend einfach war. eine Hierachie zu erfinden. Er begann mit ein paar ganz einfachen Regeln, schuf eine Ordnung, die auf Farbwahrnehmung beruht und “sobald er einen Schuß Ehrgeiz und Missgunst zugab, kam ihm alles irgendwie entsetzlich vertraut vor.” Er fasst in seiner Dystopie so manches heiße Eisen an, bis hin zur institutionalisierten Sterbehilfe, enthält sich aber jeder Wertung.

In “Grau” entfaltet sich eine völlig neue, andersartige Welt. Abstrus und befremdend, in ihrem Wiedererkennungswert jedoch fast schon genial. Der Handlung tut es gut, dass Fforde nie der Versuchung erliegt, das “große Ereignis” näher zu spezifizieren. Sein humorvoller Stil macht Spaß, besonders die versteckten Anspielungen auf unsere heutige Welt, sich z.b. manifestierend in Namen oder Buchtiteln. Die Handlung verliert nie ihren roten Faden, hat jedoch einige Längen. Gerade im letzten Drittel , wenn die chromatokologische Welt einmal hinreichend gezeichnet ist, ist es oft des Guten ein bißchen zuviel. Da wird eine Intrige nach der anderen gesponnen, Verschwörungen geplant und man wünscht sich, er würde jetzt irgendwann mal zum Punkt kommen.

Die Geschichte um Eddie Russett ist als Trilogie angelegt und trotz der erwähnten Kritikpunkte darf man gespannt und unüberschätzbar neugierig auf die Fortsetzung sein. “Grau” ist ganz sicher kein Sprung zurück und mehr als nur ein Hüpfer nach vorne unter den allzu oft immer gleichen Zukunftsvisionen.

Der in Wales lebende Jasper Fforde wurde 2001 weltbekannt mit dem Roman “Der Fall Jane Eyre” und erschrieb sich mit seiner Thursday Next Reihe eine beständige Fangemeinde. Ins Deutsche übersetzt wurde das Buch von Thomas Stegers. Bei all den von Fforde neu erfundenen Begriffen sicher kein leichtes Unterfangen, hier aber sehr gut und sorgfältig gelöst, wie im Fall des gerade im Deutschen sehr doppeldeutigen Mustermanns.


Genre: Science-fiction
Illustrated by Eichborn Verlag