Parasiti

Bittere Tragik leicht erzählt

Alisha Gamisch hat es mit ihrem Debütroman «Parasiti» gleich auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 geschafft. Die in Tegernsee geborene Schriftstellerin stammt selbst aus einer russland-deutschen Familie. Sie schildert in ihrem dreiteiligen Erstling das Leben dreier deutschstämmiger Frauen von der Sowjetzeit bis in die nahe Gegenwart hinein, vom Leben in Novosibirsk in den 1960er Jahren über Auffanglager für Flüchtlinge eine Dekade später bis ins Fürstenfeldbruck des Jahres 2021. Schon der Buchtitel weist auf die Sowjetunion hin, denn die Angst, als Parasit zu gelten, als ein Nichtsnutz also, als Faulenzer gar, war im Kommunismus weit verbreitet und stand nach dem «Parasitengesetz» damals sogar unter Strafe. Nur nicht auffallen, nicht widersprechen, sich irgendwie durchschlagen war das weit verbreitete Lebensmotto in der diktatorischen UDSSR. Erst mit den Ostverträgen von Willy Brandt wurde dann in den 1970er Jahren vielen Russland-Deutschen eine Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland politisch ermöglicht.

In einem weiten historischen Bogen schildert dieser dreiteilige Roman die Geschichte seiner Protagonistinnen, der Großmutter Lydia, Tante Valli und Enkelin Rina, die gemeinsam in einem bescheidenen Reihenhaus leben. Die Autorin verdeutlicht in 29 Kapiteln mit vielen Rückblenden, als wie stark sich doch familiäre Bindungskräfte erweisen können und auch Ängste und Unsicherheiten sich immer erneut weiter vererben. Der Roman beginnt mit einem rosa Fötus aus Plastik in der Größe einer Schachtel Streichhölzer, den radikale Abtreibungs-Gegner in alle Briefkästen der Reihenhaus-Siedlung am Rande Fürstenfeldbrucks geworfen haben. Großmutter Lydia ist entsetzt, sie steht wie versteinert im Wohnzimmer, starrt aus dem Fenster und schweigt fortan beharrlich. Ihre Haltung hat sich nach Jahren der Vertreibung und Unterdrückung in der Sowjetunion auch in Deutschland nicht geändert: Nicht auffallen, sich nur um die eigenen Angelegenheiten kümmern und ansonsten den Mund halten! Die Zeit heilt letztendlich alle Wunden, so ihr Motto, das sich bisher noch immer bewahrheitet hat. Ihr plötzliches Schweigen wirft bei der jungen Studentin Rina Fragen auf, mit denen sie nun ihre Tante Valli konfrontiert. «Sie sprechen gerne über Äußeres, darüber, was die oder der trägt, wen der oder die geheiratet hat», heißt es im Roman, alle wissen aber auch, dass es am besten ist, manche Fragen einfach gar nicht erst zu stellen.

Für Tante Valli erweist sich das Erzählen hingegen als Befreiung, auch wenn sie einiges bewusst lieber verschweigt. Großmutter Lydia wurde als Russland-Deutsche zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert und arbeitete dort als Näherin. Sie lebte beengt in einer nur durch Vorhänge in kleinste Bereiche abgeteilten Baracke, zusammen mit ihrem versoffenen Ehemann, der Tochter, dem Schwiegervater und ihrer Nichte Valli. Neben der politischen Willkür durch Zwangsarbeit gab es dort auch eine ebenso schlimme sexuelle Unterdrückung. Denn Mädchen wie Lydia wurden von niemandem aufgeklärt, Verhütungsmittel waren als Mangelware sehr teuer und Abtreibungen nicht nur legal, sondern ein – sogar kostenloses – Mittel der Familienplanung.

Beim gemeinsamen Durchblättern des Fotoalbums stößt Lydia plötzlich «Parasit» heraus und dann auch noch «Kuckuckkind». Mit letzterem meint sie Valli, die als Tante und Nichte ja abseits steht in der familiären Linie! Es sind derartige Zuschreibungen, die hier eine tiefere Bedeutung bekommen und subtil die Verhältnisse offen legen, ohne sie allerdings je zu hinterfragen. Mit seiner Themenwahl erschließt dieser feministische Roman stilistisch stimmig und vom Plot her zielgerichtet einen weiten Erzählkosmos, in dem die Autorin nur beobachtet, sich psychologischer Wertungen aber konsequent enthält. Damit verleiht sie dem Geschehen trotz aller Tragik eine gewisse Leichtigkeit, die letztendlich auch dem Lesefluss zugute kommt.

Fazit:   lesenswert

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Lebensversicherung

Stilistischer Fehlgriff par excellence

Der erste Roman von Kathrin Bach mit dem Titel «Lebensversicherung» wurde für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert, ein schöner Erfolg für dieses Prosadebüt einer Lyrikerin. Schon der Titel weist darauf hin, dass es hier um Angst geht, die Angst vor dem Tod und insbesondere um dessen Folgen, denn die lassen sich bekanntlich ja zumindest finanziell abfedern, mit einer entsprechenden Versicherungspolice nämlich. Ein typisch deutsches Thema, das sogar im englischen Sprachraum mit dem Begriff «German Angst» seinen ironischen Niederschlag gefunden hat. Es handelt sich um die Coming-of-Age-Geschichte einer Schriftstellerin (sic), die im Milieu einer seit zwei Generationen in der Assekuranz tätigen Familie aufwächst. Die Besonderheit dabei ist die stilistische Umsetzung des chronologisch Erzählten in Form von kurzen Skizzen, Erläuterungen, Listen, Aufstellungen, Bildern und Erzählschnipseln, – ein Plot ist nicht mal ansatzweise erkennbar. Die Kritik in den Feuilletons und Leser-Kommentaren an diesem narrativen Flickenteppich war zwiespältig, es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob es sich hierbei denn überhaupt um einen Roman handele!

In einem Dorf in der westdeutschen Provinz wird in den neunziger Jahren die Ich-Erzählerin und Protagonistin in eine große Familie hineingeboren, ihr eigener Vater, ein Onkel und die beiden Großväter sind freiberuflich als Versicherungs-Vertreter tätig, die Agenturen wurden nach dem Krieg von den Großvätern aufgebaut. Das Büro des Vaters befindet sich in einem Neubau am Rande des Dorfes, auch die Mutter arbeitet da kräftig mit, die Geschäfte gehen jedenfalls gut, Wirtschaftswunder eben! Man lebt bescheiden, schuftet nach dem Motto ‹Zeit ist Geld›, schon zwei Wochen Urlaub im Jahr sind purer Luxus in jenen Zeiten. Die Tochter bekommt schon von Jugend an bei den Gesprächen am Esstisch alle Aspekte dieser Branche hautnah serviert, hört von den Schadensfällen und Krankheiten, und auch der Tod ist ständiger Gast bei Tische. So bekommt sie schon als Kind jedes Mal einen Schreck, wenn das Telefon klingelt, es könnte ja wieder ein Unfall oder eine Katastrophe sein, die da gemeldet wird, – der Schrecken gehört zur Normalität in ihrem Elternhause!

Mit dem Älterwerden sucht sich die Ich-Erzählerin schreibend aus diesem Trauma zu befreien. Sie betreibt auf diese Weise eine literarische Erinnerungskultur, mit der sie gegen ihre eigenen Angststörungen ankämpft, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus einem permanenten Teufelskreis, in dem das Schlimmste zur Normalität herabgewürdigt wird. Die spezielle Erzählperspektive dieser narrativen Collage vereint als Gesellschaftsstudie die kollektive Sehnsucht nach Sicherheit in allen ihren Prägungen und widmet sich dabei psychoanalytisch besonders den vielfältigen Traumata, die nach Befreiung streben. Der Erzählton ändert sich, als die Ich-Erzählerin mit dem Mut zum Ausbruch nach Berlin geht, um zu studieren. Aus der Entfernung gelingt es ihr denn auch, allmählich ihre Panik zu überwinden. Sie widmet sich am Ende ausführlich dem Tod der Großeltern als ganz natürlichen Ereignissen, die ohne jeden Anflug von Panik als naturgegeben akzeptiert werden.

Als Analyse eines Sicherheitswahns, der davon träumt, sich von allen Widrigkeiten des Lebens freikaufen zu können, ist dieser Roman mit der Assekuranz zweifellos in ein stimmiges Setting eingebettet. Hervorzuheben ist auch, dass die Autorin es konsequent vermieden hat, in Pathos abzugleiten. Weniger gelungen ist aber die narrative Umsetzung dieses Stoffes. Insbesondere bei den vielen Erzählschnipseln über die beiden Großeltern-Paare im Umgang mit der Enkelin gerät die Spöttelei oft ins Slapstickartige. Größtes Manko aber ist, dass hier eigentlich nichts wirklich Erzählenswertes zu finden ist, und von Spannung kann schon gar keine Rede sein. Letztendlich erweist sich zudem das eigenwillige, notizbuchartige Textkonstrukt voller Schrulligkeiten und Absurditäten als stilistischer Fehlgriff par excellence, der alles kaputtmacht!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Birobidschan

Literatur als Widerstand gegen die Zeit

Das Roman-Debüt des israelischen Schriftstellers Tomer Dotan-Dreyfus weist schon im Titel «Birobidschan» auf den Ort der Handlung hin, die Hauptstadt der von Stalin in den 1930er Jahren gegründeten jüdisch-autonomen Oblast gleichen Namens, ein Verwaltungsgebiet in Sibirien, wo der Amur die Grenze zu China bildet. Über einen Zeitraum von etwa siebzig Jahren hinweg erzählt der Autor Geschichten aus diesem typischen Schtetl, beginnend schon vor dessen Gründung mit dem mutmaßlichen Einschlag des Tunguska-Asteroiden ganz in der Nähe, um den sich viele Mythen ranken. Über die stilistisch dem Magischen Realismus verpflichtete Geschichte heißt es im Vorwort des Autors: « der Text ist mein Labor, und ich bin der Versuchsleiter.» In seinem Epilog berichtet er dann auch von der Entstehung seiner Geschichte, sie sei ihm «außer Kontrolle geraten».

Die Zeit scheint still zu stehen in dem Schtetl an der Sibirischen Eisenbahn, die täglich einmal dort hält, die einzige Verbindung zur großen weiten Welt. Der Zeitungsmann bringt dem arbeitslosen Sascha Rosenzweig dann jedes Mal die Moskauer Zeitung, und so kann er täglich lesen, «was zwei Wochen zuvor passiert war.» In verschiedenen Handlungs-Strängen wird von Boris dem Fischer erzählt, einem der ältesten Birobidschaner, ferner von der seit Kindertagen andauernden Liebe zwischen Alex und Rachel. Berichtet wird auch von Dmitrij und seinen Wahn-Vorstellungen, seiner unbegründeten Angst vor Wölfen. Und schließlich von einem Roadtrip von Gregory und Sascha, die mit dem Auto Richtung Tunguska fahren. Der philosophisch bewanderte Sascha erhofft sich von der abenteuerliche Fahrt und den langen Gesprächen, die sie dabei führen würden, den alten Freund von seinen Depressionen befreien zu können.

Fernab des Weltgeschehens verläuft das Leben im Schtetl gemächlich und überschaubar, jeder kennt jeden und alles soll möglichst immer so bleiben, wie es ist. Die genügsamen Bewohner haben aus Prinzip alle gleich viel Geld, es geht also allen gleich gut und keiner strebt nach mehr, man lebt ein utopisches, sozialistisches Ideal. Als ein junger Mann von Durchreisenden als Dank 500 Rubel geschenkt bekommt, hat er große Mühe, dieses überschüssige Geld loszuwerden, denn wenn er es im Rathaus abgeben würde, hätte er nur misstrauische Fragen zu beantworten. Kurz entschlossen befestigt er es an einem Stein und wirft ihn in den See. Und wie es so ist, ausgerechnet Boris, der alte Fischer, findet den Stein in seinem Netz, und nun hat er das Problem mit dem Geld! Sehr poetisch werden die hormon-getriebenen Jungen und Mädchen des Ortes beschrieben, «die ihre ersten Schritte in die Welt der inneren Sonnenuntergänge wagten», – was für eine schöne Umschreibung!

Ein kleines Manko des ansonsten erstklassigen Romans ist die kaum überschaubare Figurenfülle, wobei erschwerend hinzu kommt, dass der auf 81 Kapitel verteilte Erzählstoff auch noch in oft wilden Zeitsprüngen aneinander gereiht ist. Nur mit einem Spickzettel behält man da den Überblick! Als Verbeugung vor dem jiddischen Schriftsteller heißt eine der Straßen in Birobidschan «Scholem-Alejchem-Alle». Man stößt beim Lesen auch immer wieder auf jiddische Begriffe, und im Alltagsleben richtet man sich hier noch streng nach den religiösen Gesetzen, der Rabbi ist die von allen anerkannte Respektsperson. Wohldosiert streut der Autor auch einiges an typischen Redewendungen in seine Erzählung ein, ergänzt durch ganz unakademische Alltags-Philosophie, und er garniert das Ganze mit einem gehörigen Maß an jiddisch geprägtem Humor. In seinem Epilog resümiert der Autor tiefsinnig: «Kunst ist vor allem ein Widerstand gegen die Zeit.» Und er ergänzt: «Wenn man ein großartiges Buch verschlingt, wird man nicht satt, sondern im Gegenteil hungrig.» Genau diese Lese-Erfahrung macht man denn auch mit diesem außergewöhnlichen Roman!

Fazit: erfreulich

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Voland & Quist

Über Arbeiten und Fertigsein

ScanSebastian Lehmann ist ein paar Jahrzehnte zu spät ins wilde SO 36 geschleudert worden. Dieser nach dem Postleitsystem benannte ungezähmte Teil von Berlin-Kreuzberg hat sich mit dem Mauerfall 1989 von einem Lebensraum der Berliner Subkultur zu einem hippen Partybezirk verändert. Daher war er nicht dabei, als am 1. Mai Steine flogen, Sven Regener Schweinebraten in der Markthalle speiste und die »Einstürzenden Neubauten« live auf Mülltonnen trommelten. Lehmann mag sein Kreuzberg trotzdem und gewinnt dem legendären Szenebezirk neue Themen für lustige Kolumnen ab. Weiterlesen →


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Voland & Quist